Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Erpresser oder Ermittler?: Drei am Haken – Lawrence Block

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Lawrence Block – Drei am Haken
Übersetzer: Stefan Mommertz
200 Seiten
ISBN: 978-1537402284

 

 

 

 

Beim ersten neu übersetzten Buch der Matthew Scudder Reihe ist es mir ja nicht gelungen, eine Rezension zu schreiben. Manchmal ist einfach viel los im Leben. Und ich hab das sehr bedauert, denn gerade diese Reihe sollte bekannt gemacht und weiter empfohlen werden, denn diese Reihe wird durch Lawrence Block in Zusammenarbeit mit den Übersetzern Stefan Mommertz und Sepp Leeb in Eigeninitiative neu übersetzt und veröffentlicht. Dieses Projekt kann sich in Gänze – also mit allen Übersetzungen der 16 Romane und 10 Kurzgeschichten rund um Scudder – nur lohnen, wenn die Bücher genügend Abnehmer finden. Jetzt ist es natürlich so, dass ich dies nicht ohne Grundlage empfehle, nein, mir hat der erste Teil “Die Sünden der Väter” außerordentlich gut gefallen und er hat es in meine Top 11 für 2016 geschafft. Mit “Drei am Haken” legt der Autor nun den zweiten Teil nach – und das mit einer ungewöhnlichen Geschichte, aber nicht minder spannend.

Jake Jablon, genannt “Schnipser”, hat für Matthew Scudder einen skurrilen Auftrag. Seit der Schnipser in eine gefährlichere Branche gewechselt ist – vom Polizeispitzel zum Erpresser – fühlt er sich bedroht und fürchtet um sein Leben. So bittet er Scudder, sollte er sterben, seinen Tod zu untersuchen und herauszufinden, wer ihn umgebracht hat. Er übergibt ihm einen Umschlag, welchen Scudder nach seinem Tod öffnen soll, und ein Honorar. Und so kommt es, wie es kommen muss: der Schnipser geht baden, mit eingeschlagenem Schädel. Zwar mit einigem Zögern, aber eben doch mit einer Verpflichtung macht sich Scudder an den Fall und öffnet den Umschlag, in dem Schnipser die drei nennt, die er am Haken hatte. Nur einer davon kann der Täter sein, doch die anderen wollte Schnipser unbescholten lassen. Kurzerhand schlüpft Scudder in die Rolle des Erpressers, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Wie? Was? Scudder als Erpresser? Geht ja gar nicht.
Oder doch?
Doch geht – und geht auch gut. Es ist ja sehr ungewöhnlich, wenn ein Ermittler – Privatdetektiv ist Scudder nämlich keiner, denn er hat keine Lizenz – in die Rolle eines Verbrechers schlüpft. Doch das ist ja nur eine Kuriosität in dem neuen Fall von Scudder. Denn es ist schon äußerst selten, dass das Mordopfer selbst einen Ermittler beauftragt, seinen eigenen Mord zu untersuchen. Scudder kennt Schnipser schon aus seiner Zeit als Polizist, trifft ihn nun häufig in seiner Stammkneipe, wenn er vor seinem mit Bourbon verstärkten Kaffee sitzt. Viel hat Scudder nicht zu tun, kein Job, der ihn hindert, die Ex-Frau und Kinder weit weg. Keine Verpflichtungen, keine Verantwortung. Aber er lebt nach seinen eigenen Regeln.

 „Der Schnipser wurde mit dem Tag, an dem sich für ihn der Erfolg einstellte, zu einem versicherungstechnischen Risiko. Erst Ärger und Magengeschwüre, dann ein eingeschlagener Schädel und ein ausgiebiges Bad.“ (Kapitel 3)

Eigentlich ist Schnipser ja auch ein Guter. Zuerst ein Polizeispitzel wird er dann konsequenterweise zum Erpresser – er ist ja immer noch ein Meister darin, Informationen aufzuschnappen. Und als Erpresser hat er davon ja doch mehr, als wenn er für die Polizei spitzelt. Ein erfolgreicher Erpresser war er auch. Und zudem einer, der nicht unmäßig gemein ist, denn der Schnipser beauftragt Scudder, um zwei seiner Erpressungsopfer vor Aufdeckung zu schützen. Denn schließlich hatte nur einer ihn umbringen lassen. Und Scudder soll nun herausfinden, welcher der drei der Übeltäter ist. Im Angebot haben wir einen Vater, der den alkoholisierten Autounfall seiner Tochter mit Fahrerflucht und Todesfolge für ein kleines Kind, verdecken will; eine alternde Filmdiva, die ihre Karriere mit anderen Filmchen begonnen hat und dies vor ihrem reichen Ehemann geheim halten will; und ein Gouverneurskandidat, der auf kleine Jungen steht.

Ich muss leider gestehen, dass ich mit meinem Tipp, wer der aussichtsreichste Kandidat für den Mörderposten war, recht hatte, nichtsdestotrotz macht es einfach Spaß, mit Scudder durch die Bars der Stadt zu ziehen. Auch als Leser weiß man nie, was er sich gerade denkt, was er gerade im Gespräch schon für Informationen heraus bekommen hat und drei Ecken weiter gedacht hat. Seine Menschenkenntnis lässt ihn diesmal ein wenig im Stich, so denkt er sich einige Mal, jetzt endlich den Täter entlarvt zu haben, bevor ein weiterer Mordanschlag auf ihn verübt wird. Meine richtige Vermutung tat der Spannung jedoch keinen Abbruch und ich muss einfach zugeben: ich mag Matthew Scudder. Er darf ruhig noch in ganz vielen Fällen ermitteln – und ich bitte darum, diese auch ins Deutsche zu übersetzen!

„Es gibt gewisse Dinge, die ich tue, ohne zu wissen warum. Dazu gehört, den Zehnten zu zahlen. Ein Zehntel von allem, was ich verdiene, geht an die Kirche, die ich besuche, nachdem ich das Geld bekommen habe.“ (Kapitel 5)

Fazit:
Ein Opfer, welches seine Mordermittlung in Auftrag gibt und ein Ermittler, der in die Rolle des Erpressers schlüpft – ungewöhnlich und kurios, aber spannend und gekonnt. Ein Matthew Scudder Fall eben.

 

P.S.: Mein absolutes Lieblingswort seit der Lektüre von “Drei am Haken” ist übrigens “beaugapfelt”. Wundervoll!

 

P.P.S.:  Ich habe es ja schon erwähnt, aber ich bin nicht müde, das weiterhin zu tun: Lawrence Block gibt momentan die Matthew Scudder Reihe neu heraus, gemeinsam mit den Übersetzern Stefan Mommertz und Sepp Leeb. Und damit das weiterhin so bleibt: kauft Euch die Bücher!
Wer jetzt nicht sicher ist, der kann reinschnuppern, denn es gibt auch schon 3 neu übersetzte Kurzgeschichten rund um den Ermittler. Hier mal eine Liste über alle neu erschienenen Titel mit Matthew Scudder:

Die Sünden der Väter (1)
Drei am Haken (2)
Mitten im Tod (3)
A Stab in the Dark (4) (Übersetzung noch in Arbeit)
Acht Millionen Wege zu sterben (5)
Nach der Sperrstunde (6)

Kurzgeschichten:
Aus dem Fenster (1)
Eine Kerze für die Stadtstreicherin (2)
Im frühen Licht des Tages (3)


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Klassiker: Schwarzgeld – Ross Macdonald

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Ross Macdonald – Schwarzgeld
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Karsten Singelmann
368 Seiten
ISBN: 978-3257300406

 

 

 

Schon sehr oft ist es mir passiert, dass ich die beiden Autoren Ross Macdonald und Ross Thomas verwechselt habe. Ist aber auch verzwickt mit dem gleichen Vornamen und Genre. Aber natürlich bedienen die beiden Autoren grundsätzlich ein ganz anderes Subgenre und nun, nach der Lektüre meines ersten Ross Macdonalds wird mir auch die Unterscheidung nicht mehr so schwer fallen. Lew Archer, der Privatdetektiv in Macdonalds Krimis, ist eine Bekanntheit im Krimigenre und dort nicht wegzudenken. So weist man Ross Macdonald die Nachfolgeschaft von Chandler und Hammett an und nennt die Namen in einem Zug, wobei ich persönlich da schon große Unterschiede erkennen kann.

Ginny Fablon trennt sich von ihrem Verlobtem Peter Jamieson und wendet sich dem unbekannten, aber mondänen Francis Martel zu – das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, denkt ihr Verlobter und engagiert Privatdetektiv Lew Archer, um herauszufinden, welchen halbseidenen Lebemann Ginny sich da geangelt hat. Ein Fall von enttäuschter Liebe? Archer macht sich auf, um im mondänen Tennisclub nahe Los Angeles herauszufinden, wer Martel ist. Doch dabei findet er nicht nur mehr über Martel heraus, sondern auch über einen Selbstmord, ein paar Affären und viel über die sogenannte bessere Gesellschaft.

Fast schon gruselig, wie gut es Macdonald gelungen ist, die Atmosphäre der 60er Jahre in diesem abgeschotteten Fleckchen der Erde einzufangen. Der Tennisclub, umgeben von den Villen der Reichen und Betuchten, alter Geldadel, der zwar neue Reiche integriert, aber noch lange nicht akzeptiert. Männer in Anzügen, Frauen in eleganten Kleidern, die Sonne brennt und versetzt alles in eine trockene, flirrende Stimmung. Keine Großstadt, keine großen Umbrüche, hier lebt man noch genauso wie vor 20 Jahren, gibt Partys und trifft sich im Tennisclub. Ein beneidenswertes Leben, zumindest auf den ersten Blick.

Denn natürlich brodeln unter der Oberfläche massenweise Geheimnisse und Gerüchte, aber es gibt auch allgemein Bekanntes, über das man eben nicht spricht. Archer stößt auf Affären und Spielsüchtige, Fresssucht und Geldprobleme, findet einen Selbstmord, über den keiner sprechen will und fühlt dem Neuling, Martel, auf den Zahn. Ein charmanter, aber unangenehmer Bursche, in dessen Kielwasser sich aber schon einige Fische tummeln, die die schöne Gesellschaft rund um den Tennisclub gehörig durcheinander wirbeln.

Und wer ist Lew Archer eigentlich? So arg viel erfährt man über den Privatdetektiv eigentlich nicht. Eben nur durch seine Ermittlungen, seine geschickten Fragen, sein hartnäckiges Nachhaken. Eine Beschreibung über Archer sucht man vergebens – es gilt, Archer durch seine Ermittlungsgespräche kennen zu lernen. Einen Vergleich mit Chandlers Philip Marlowe und Hammetts Sam Spade, muss Lew Archer zwar nicht fürchten, doch kann ich die Ermittlungen in der schön-scheinenden Realität des Tennisclubs keinesfalls als Hardboiled bezeichnen. Archer manövriert sich mit Bravour durch die Häuser der Reichen, hardboiled-typische Anzeichen lassen sich kaum finden. Ist aber auch nicht so wichtig, denn die Ermittlungen Archers machen einfach Freude beim Lesen. Es ist eine klassische Privatdetektivgeschichte – zuerst mal gar kein Fall, doch eben genug, um als Privatdetektiv nach und nach die kleinen dreckigen Details der guten Gesellschaft aufzudecken. Ein Genuss, der heute oft seinesgleichen sucht – ein toller Klassiker!

Fazit:
Ein sehr lohnenswerter Klassiker, in dem Privatdetektiv Lew Archer die Steine der feinen Gesellschaft umstülpt und die dunklen Geheimnisse wie kleine Käfer aus dem Licht flüchten. Ein Lesegenuss!

 


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Neuer Fan: Neonregen – James Lee Burke

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James Lee Burke – Neonregen
Ein Dave-Robicheaux-Krimi
Verlag: Pendragon
Übersetzer: Hans H. Harbort
414 Seiten
ISBN: 978-3865325488

 

 

 

Lieber Dave,

nun überlege ich schon eine ganze Weile, welche Zeilen ich hier niederschreiben möchte. Ich finde nur schwer Worte, aber möchte doch gerne so viel sagen.

Beginnen muss ich wohl mit einer kleinen Rechtfertigung, denn Dein geistiger Vater, James Lee Burke, ist nun schon lange ein Star des Krimigenres und ich, als Krimileser und -blogger, hätte schon viel früher auf seine Werke stoßen sollen. Ja, wir befinden uns in einer Zeit, in der viele Autoren wieder entdeckt werden, deren Bücher bis jetzt entweder nur im englischen Original erhältlich oder in deutscher Übersetzung aber nur noch antiquarisch zu bekommen sind. Doch schon seit einer Weile werden Werke mit Dir oder Deinen Brüdern im Geiste Hackberry sowie Billy Bob Holland, neu veröffentlicht und dem deutschen Publikum zugänglich gemacht. Als ich dann den ersten Titel “Regengötter” (mit Hackberry Holland) gelesen habe, war ich nicht begeistert. Das Buch war dick und schwer, die Spannung hat Berg- und Talfahrten gemacht und dementsprechend hab ich erst mal wieder einen Bogen um “Burke”-Bücher gemacht.

Doch nun habe ich einen zweiten Versuch gewagt. Mit Dir, Dave. Mit “Neonregen”, in dem Du noch Lieutenant der Mordkommission in New Orleans bist. Nicht Dein erster Fall, aber der erste Fall, den Du mit uns teilst. Und der hat es in sich. Du konntest Dich aber auch nicht raushalten, was? So bist Du eben. Ein harter Kerl, gerne mit der Waffe in der Hand, aber eben mit einem weichen Herz. Für die, die von der Gesellschaft geringschätzig angeguckt werden, schlägt Dein Herz. Du bist ein Kerl, von dem wir Frauen die Finger nicht lassen können, auch wenn wir in ständiger Sorge und Angst leben, dass Deine Arbeit in unser Privatleben stürzt. Aber Du bist eben ein Guter. Ein guter Mensch, der die Bösen bekämpft und nur so kannst Du Deinen Job machen. Mit vollem Einsatz.

Doch Du wusstest ja gar nicht, in welches Wespennest Du gestochen hast. Du warst nur Angeln. Aber es ist wohl eine Eigenart von Polizisten und Detektiven immer und überall über Leichen zu stolpern. Und so hast Du doch tatsächlich beim Angeln die Leiche einer jungen Schwarzen gefunden. Ertrunken? Das glaubt zumindest der dortige Sheriff, doch Du bist hartnäckig, hast schon zu viele Leichen gesehen und forderst eine Autopsie. Und so hat alles angefangen. Per Zufall erfährst Du, dass man Dir an den Kragen will und beißt Dich fest, wie ein Hund in den Knochen. Ah, eher wie ein tollwütiger Hund. Du beißt nicht nur, Du stichelst und bohrst, trittst der örtlichen Polizei auf die Füße, sprengst die Poolparty des Drogenbosses. Ja, Du piesackst und stocherst bis Du die Wespen aufgescheucht hast. Wer konnte denn wissen, dass die Tote die Gespielin des Drogenbosses war und “entsorgt” werden musste?

Wäre es doch nur so einfach. Aber natürlich war es das nicht. Die junge Frau hatte einen Sack voll Hoffnungen und Träume im Gepäck und ist hart auf dem Boden gelandet. Doch aufgeben wollte sie nicht und dazu war sie genau am richtigen Ort. Zur richtigen Zeit. Und hat versucht daraus Nutzen zu schlagen. Doch ein Drogenboss ist eben nicht ein Drogenboss, weil er so freundlich zu den Menschen ist. Ein Drogenboss macht kurzen Prozess. Und macht dann weiter. Mit dem Schmuggeln von Drogen und Waffen. Schon wenn es nur darum gegangen wäre, doch es gab ja noch einen versteckten politischen Hintergrund. Ganz ehrlich, ich hätte ihn fast nicht entdeckt, so hintergründig hat Dein Schöpfer das eingebaut. Drogen, Waffen, Politik – ein Dreigestirn gestrickt aus Macht und Geld, mit welchem die Geschicke anderer Länder locker zu steuern sind. Ganz schön harter Stoff!

Und ich war dabei! Na ja, also fast, zumindest. Es kam mir so vor als wäre ich dabei gewesen. Ich habe mit Dir mit gefiebert und gebangt, ich war am Boden, geprügelt und gefesselt, unter Wasser gedrückt, mit Waffen bedroht, suspendiert und misstrauisch, sogar gegenüber Deinem eigenen Partner Cletus Purcel. Ich war dabei. Es war ganz schön brenzlig an einigen Stellen. Aber dann konnten wir wieder kurz Luft holen, ein Buch lesen, New Orleans in uns aufnehmen, die Atmosphäre, die Schwüle, die Feuchtigkeit. Fast schon tropisch. Das heiße Klima, die Geschichte der Stadt und die vielschichtige Bevölkerung sorgen für ein atmosphärisch dichtes Füllhorn an Möglichkeiten.

Mit Dir hat einfach alles gestimmt. Der Fall war spannend und ausgeklügelt, New Orleans ist mir ans Herz gewachsen und vor allem Du bist jemand geworden, den ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte. Also verzeih, dass ich Dich erst so spät in mein Leben geholt habe. Ich wusste es nicht besser. Doch nun wird sich alles ändern. Deine bereits wieder auf Deutsch erschienenen Fälle stehen auf meiner Wunschliste und weitere sind in Übersetzung. So komme ich noch einige Zeit über die Runden, doch bitte denk nicht einmal dran, aufzuhören, Deine Fälle zu erzählen. Mach weiter und nimm mich mit. Hinein in Fälle, in denen wir die Guten sind, die Armen und Schwachen beschützen und den Bösen eins auswischen. Denn darauf kommt es an im Leben: den Bösen in den Arsch zu treten – und dabei verdammt gut auszusehen.
Rock On!

Christina


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Hardboiled-Schätzchen: Ein letzter Drink – Dennis Lehane

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Dennis Lehane – Ein letzter Drink
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Steffen Jacobs
353 Seiten
ISBN: 978-3257300307

 

 

 

 

Es ist ja schon ein wenig schade, dass Bücher mittlerweile eine so kurze Halbwertszeit haben. Da sind Neuerscheinungen von vor drei Monaten schon wieder vergessen und Bücher vom letzten Jahr finden sich auf den Ramschtischen. Wie sieht es da erst mit Büchern aus, die vor 5, 10 oder mehr Jahren veröffentlicht wurden? Total „outdated“, quasi eingestaubt und mit Motten durchsetzt, in völliger Vergessenheit – oder nicht mehr oder nur kaum zu haben. Vielleicht antiquarisch oder bei einem Tauschportal. Zum Glück gibt es aber gerade einen kleinen, aber feinen Trend, der Verlage animiert, alte Meister und Meisterwerke aus der Versenkung zu holen und neu zu übersetzen und/oder herauszugeben. So ist dies auch bei Dennis Lehanes erstem Teil um das Detektivpaar Kenzie & Gennaro passiert. Ursprünglich lief der Titel unter „Streng vertraulich“ und nun ist er vom Diogenes Verlag passender mit dem Titel „Ein letzter Drink“ neu übersetzt und herausgegeben worden. Im Übrigen mit einem schicken, schwarz-gelben Cover, aber immer noch unvergleichlich Diogenes.

Jenna Angeline, die Putzfrau der Senatoren Mulkern und Paulson, ist verschwunden. Zusammen mit einigen brisanten Dokumenten für eine neue Gesetzesvorlage. Patrick Kenzie wird beauftragt, besagte Dame, aber vor allem, die Dokumente wieder zu finden. Gemeinsam mit seiner Partnerin Angela Gennaro macht er sich auf die Suche und wird auch schnell fündig. Doch kaum hat die Putzfrau die Situation klar gestellt und Patrick Kenzie ein kompromittierendes Foto hinterlassen, wird sie schon erschossen. Und das ist erst der Anfang vom Krieg, der sich in den Straßen Bostons abspielt – mit Kenzie und Gennaro mitten drin.

Patrick Kenzie und Angela Gennaro kennen sich seit Kindertagen. Derweil Angela mit Phil verheiratet ist, mit dem beide aufgewachsen sind und der Angela regelmäßig mächtig verprügelt, führt Patrick ein unstetes Leben und nimmt gerne mal die eine oder andere Frau mit. Dabei weiß er genau, dass er viel besser zu Angela passen würde und wenn sie auch nur ein Wort sagen würde, würde er – oder wahlweise Bubba Rogowski, ein Waffenschieber, mit dem die beiden freundschaftlich verbunden sind – Phil mal sowas wie von durchprügeln. Aber Angela will nicht, sie liebt Phil.
Detektivisch sind Kenzie & Gennaro aber ein Pärchen wie zwei Zahnräder, die ineinander fußen. Hier ist nicht nur der männliche Part hartgesotten, sondern Angela muss hier in keinster Weise nachstehen. Mit allen Waffen ausgestattet, die so benötigt werden – Schießeisen und Mundwerk – ergänzen sich die zwei und hauen Dialoge heraus, die einem wahrlich Freude bereiten.

Was mit einer einfachen Suche nach einer Verschwundenen beginnt, endet in einem Bandenkrieg im eigentlich beschaulichen Boston. Denn, seien wir mal ehrlich, die neuenglische, traditionsreiche und universitäre Stadt hätte ich jetzt doch nicht mit Los Angeles und New York verwechselt. Doch schaut man genauer hin, entdeckt man eben auch hier Orte und Gegenden, die von der Politik allein gelassen werden, in denen sich die arme Bevölkerung stapelt und die Minderheiten zusammengepfercht sind. Jedes für sich ein Pulverfass, welches nur einen Funken an der Lunte benötigt, um zu explodieren. Doch offiziell ist Boston natürlich „sauber raus“, die Politiker werden einen Teufel tun, um sich hier die Hände schmutzig zu machen.

„Am meisten hört man sie, wenn Politiker, die an Orten wie Hyannis Port und Beacon Hill und Wellesley leben, Entscheidungen fällen, die Menschen betreffen, die in Dorchester und Roxbury und Jamaica Plain leben, und dann zurücktreten und sagen, dass kein Krieg herrsche.
Aber es herrscht Krieg. Er findet auf den Schulhöfen statt, nicht in schicken Fitnessstudios. Er wird auf den Straßen ausgetragen, nicht auf gepflegten Rasenflächen. In diesem Krieg wird mit Metallrohren und Flaschen gekämpft und neuerdings auch mit Automatikwaffen. Und solange der Krieg sich nicht seinen Weg durch die schweren Eichentüren zu den Eliteschulen und Parlamentssitzungen und Geschäftsessen-plus-Martini bahnt, wird er nie wirklich existieren.“ (S. 142)

Neben dem wunderbaren Hardboiled Pärchen Kenzie & Gennaro und der überraschend gewalttätigen Stadt Boston besticht der Autor mit ausgeklügelten Charakteren. Neben Bubba, den wirklich jeder lieben wird – ja, wirklich, auch wenn er ein Waffenschieber ist – liefern sich korrupte Politiker, herzlose Väter, abgestumpfte Söhne, Schwarze und Weiße, Polizisten und …. Ein Schaulaufen. Keiner kommt hier ungeschoren davon, Lehane lässt an keinem ein gutes Haar. Rassismus, Bandenkrieg, Pädophilie, dem Autor gelingt es, diese Themen alle in eine actionreiche Handlung einfließen zu lassen, aus der Kenzie & Gennaro nur mit versengten Haaren und blutenden Wunden herauskommen. Doch keine Sorge, hier kommt keiner ungeschoren davon – dafür sorgen die beiden schon.

Fazit:
Ein Hardboiled-Schätzchen, welches der Diogenes Verlag, hier wieder ausgegraben hat. In Bostons Straßen wird ab sofort wieder hart gekämpft, natürlich mit Kenzie & Gennaro.
Nun bleibt nur zu hoffen, dass die restlichen Bände der Reihe von Diogenes auch neu aufgelegt werden. Ich drücke kräftig die Daumen!


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Massenweise Männer: Bull Mountain – Brian Panowich

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Brian Panowich – Bull Mountain
Verlag: Suhrkamp
Übersetzer: Johann Christoph Maass
335 Seiten
ISBN: 978-3518466575

 

 

 

 

So ganz kann ich mich den euphorischen Meinungen aus dem Feuiellton nicht anschließen. Dafür ist meine Meinung über Bull Mountain, einen Country Noir, zu gemischt. Es gab Dinge, die mir sehr gut gefallen haben, völlig anders als meine Erwartungen und überraschend, aber insgesamt war mir das Buch einfach zu testosterongesteuert und das Ende hat mich, nachdem ich kurzfristig äußerst positiv überrascht war, fürchterlich enttäuscht.

Der Bull Mountain gehört dem Burroughs-Clan. Das ist so und war schon immer so. Die Familie hat früher Schwarzgebrannten vertickt und ist mittlerweile auf Crystal Meth umgestiegen. Um den Berg zu schützen wird natürlich auch nicht mit Waffen gespart und auf dem Berg wimmelt es von Helfern des Clans. Clayton Burroghs steigt aus dem Familiengeschäft aus, bzw. betritt es erst gar nicht und wird stattdessen Sheriff. Solange der Clan nicht vom Berg kommt, scheint die Ruhe im Städtchen gewahrt.
Dann taucht ein ATF-Agent auf, einer von vielen, doch mit einer neuen Idee, die Sheriff Burroughs überzeugt und auf den Berg steigen lässt, um mit seinem Bruder zu verhandeln. Doch nichts ist so einfach wie es scheint, und schon gar nicht ist jeder, was er vorgibt zu sein.

Ein Haufen Hinterwäldler, die den Berg beanspruchen und verteidigen, die ihr Meth schon in der zweiten Generation über den gleichen Weg zu den Käufern schleusen. Ein Berg mit Geheimnissen und Gräbern, auf dem Fremde völlig verloren gehen. Letztendlich lebt momentan nur noch Halford Burroughs auf dem Berg, nachdem Raymond, der dritte Bruder, ein Jahr vorher getötet wurde. Und natürlich die vielen anderen harten Kerle, die den Besitz schützen und in der Verbrecherbande ihren Platz haben. Im Buch “suppt” das Testosteron durch jede Seite und Frauen sind hier, wie leider viel zu üblich, auf die Mutter oder Hure beschränkt, bis auf eine einzige Frau, die am Ende eine Sternstunde hat, die aber anscheinend auch nicht ohne Mann kann und ihr Stern wieder erlischt. Vielleicht bin ich gerade ein wenig zu feministisch unterwegs und schnappe zu viele Denkanstöße auf, aber Bull Mountain tropft schon sehr von Männlichkeit, Härte, Besitzansprüchen und Derbheit. Im Ganzen war mir das einfach zu viel.

Nichtsdestotrotz ist es eine Geschichte, die einen in den Bann zieht, denn der Autor zeigt nicht nur einen Kampf um einen Berg, sondern wie es dazu kam. In Rückblenden, die über drei Generationen reichen, zeigt er ein Geflecht aus Begebenheiten, Entscheidungen und Taten, die zu der heutigen Situation führt. Und hier zeigt sich, dass nicht die Verbrechen die Ursache für den Angriff auf Bull Mountain sind, sondern die Familie. Persönliche Angelegenheiten, ungelöste Konflikte in der Familie, schwelende Streitereien – mit Aussprachen haben es die Männer auf Bull Mountain nicht so. Und so gären die Konflikte bis zu einem Showdown auf dem Berg.

Einer, der die Ausnahme bildet ist Clayton Burroughs, auch wenn mir unklar ist, wie er der Sheriff sein kann. Er sagt sich von seiner Familie los und wird Sheriff im gleichen Ort. Aber er unternimmt faktisch nichts gegen seine Familie, bzw. deren Verbrechen. Ist das nicht die Aufgabe eines Sheriffs? Und so nah an der Familie zu bleiben, wenn ich mich lossage, macht für mich irgendwie auch keinen Sinn. Es scheint, als könnte er weder mit der Familie, noch ohne sie. Wäre da nicht ein anderer Job passender gewesen? Vor allem, da er nur zum Sheriff gewählt wurde, weil niemand anderes gegen ihn antreten wollte. Auch von außen wird er eher skeptisch beäugt und es wird gerätselt, ob er nicht doch mit der Familie noch zusammen steckt und den Posten nur mal zur Sicherheit belegt hat.

Was soll ich also abschließend sagen? Es war spannend und ließ sich zügig lesen, vor allem durch die Rückblenden, die zeigen, wie sich die Familientragödie anbahnt; die aktuellen Ereignisse müssen da leider hinten anstehen. Tendenziell war es mir einfach zu „männlich“, wenn ich das mal so sagen darf. Zuviel Reviergehabe – schön verpackt als Heimatverbundenheit und Familienzusammenhalt – zuviel Testosteron und zuviel Stolz. Und natürlich zu wenig Frauen bzw. Chancen für Frauen. Zudem hat mich leider das Ende enttäucht, obwohl ich erst euphorisch war. Die letzten drei Seiten oder so, haben es aber wieder versaut.
Ich glaube, das war mein erster Country Noir und demnach müsste ich das Genre für mich ziehen lassen, aber es war ja nur ein Vertreter und so werde ich mich da mal noch nicht abschrecken lassen.

Fazit:
Ein Männerstreit auf dem Land, mit zuviel Testosteron und Waffen geschmückt,  aber mit Rückblicken, die ein Familiendrama enthüllen und einen doch ein wenig in den Bann ziehen. Für mich ein durchwachsenes Lesevergnügen.


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Mit viel Physik: Quantum – David Walton

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David Walton – Quantum
Verlag: Heyne
Übersetzer: Norbert Stöbe
381 Seiten
ISBN: 978-3453317635

 

 

 

 

Manchmal, ja, manchmal da komme ich mir dumm vor. Oder zumindest unwissend und uninformiert. Immer wenn ich Krimis lese, in denen sich die Handlung um politische oder geschichtliche Ereignisse dreht über die ich nichts oder fast nichts weiß, aber auch wenn über andere Länder oder Kulturen berichtet wird, die ich nicht kenne. Aber ich sehe das durchaus positiv – man kann schlicht und einfach nicht alles wissen und wie langweilige wäre es, wenn man schon alles wüsste? Ich lerne gerne aus Krimis. Ich muss allerdings zugeben, dass ich selten aus Thrillern lerne. Da ist dann doch der Fokus anders, es geht mehr um Spannung. Aber wenn man sich eben einen Science-Thriller aussucht, dann kommt man nicht umhin, auch hier etwas zu lernen. Oder dumm aus dem Buch zu gehen – so wie ich. Sorry, aber Physik war noch nie meins. Äpfel fallen eben auf den Boden – ja und? Nichtsdestotrotz hat mein Unwissen mich nicht daran gehindert, mich mit „Quantum“ gut unterhalten zu haben. Und spannend ist er obendrein noch.

Jacob Kelley ist Physikprofessor an einer kleinen Uni und lebt mit seiner Familie, seiner Frau Elena und seinen drei Kindern, ein beschauliches Leben. Aus der Forschung hat er sich zurückgezogen, auch wenn er durchaus bahnbrechende Erfolge gefeiert hat. Als dann eines Tages sein alter Arbeitskollege Brian Vanderhall vor der Tür steht und behauptet Quantenintelligenzen gefunden zu haben, kann Jacob das nicht glauben, auch nicht, als Vanderhall auf Elena schießt und die Kugel sie nicht verletzt. Vanderhall lässt Jacob und Elena verwirrt zurück. Kurz darauf wird Jacob wegen Mordes verhaftet – an Brian Vanderhall. Doch wie soll das möglich sein? Zu dem Zeitpunkt, als Vanderhall an einem völlig anderen Ort von ihm, Jacob erschossen worden sein soll, waren sie alle in Jacobs Wohnzimmer und sprachen über Quantenintelligenzen.

Und dann wird es kompliziert. Noch komplizierter? Ja, genau, noch komplizierter. Ich kanns auch nicht erklären, wobei sich der Autor wirklich Mühe gemacht hat und immer wieder Erklärungen eingebaut hat – er kann wirklich nichts dafür, dass ich ein völliges Unverständnis von Physik habe und schon gar nicht darüber hinaus denken kann. Es war auch keinesfalls langweilig oder belehrend – es war immer gut in die Handlung integriert. Jedenfalls gibt es dann zwei Jacob Kelleys. Einen, der für den Mord an Brian Vanderhall verhaftet wurde und eine Gerichtsverhandlung durchstehen muss. Und einen, der nicht verhaftet wurde, sondern sich versteckt und gleichzeitig versucht, zu lösen, worum sich Brian Vanderhalls Forschung gedreht hat und wo seine Familie ist, die durch einen Vorfall verschwindet. Ich könnte jetzt beginnen zu versuchen zu erklären, warum es plötzlich zwei Jacob Kelleys da sind (er ist übrigens nicht der einzige, der zweimal da ist), aber ich erspar Euch das – ich kann es eh nicht.

Aber dieses Konstrukt von den zwei Jacobs – im Buch sind die Kapitel übrigens durch die Bezeichnungen Up-Spin und Down-Spin voneinander zu unterscheiden, was bestimmt auch ein toller Hinweis ist, den ich nicht verstehe – macht die Geschichte unglaublich spannend und abenteuerlich. Die Gerichtsverhandlung offenbart nach und nach Jacobs Erlebnisse, der zweite Jacob sucht derweil das Rätsel dahinter zu verstehen und zu verarbeiten. Abwechselnde Kapitel haben ja schon immer für Spannung gesorgt, da die Handlung in dem einen Strang vom anderen unterbrochen wird usw. Nun haben wir aber zwei verschiedene Stränge mit ein und derselben Person – verwirrend, aber aufregend. Und dann gibt es eben noch nebulöse Schattenwesen, eine Freundin und eine Verräterin, einen Pfarrer und zwei Töchter, also eigentlich drei, aber nur zwei identische. Argh – ich lass das jetzt. Ihr lest einfach das Buch. Basta.

Fazit:
Von der physikalischen Sicht her für mich völlig unverständlich (ist aber meine Schuld!), aber durch zwei identische Hauptfiguren in Abwechslung und die abenteuerliche Suche nach der Lösung hinter dem Rätsel spannend und unterhaltsam!


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Stillstand: Unsterblich – Jens Lubbadeh

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Jens Lubbadeh – Unsterblich
Verlag: Heyne
445 Seiten
ISBN: 978-3453317314

 

 

 

 

Im Jahre 2044 hat sich die Menschheit einen Traum erfüllt: ewiges Leben. Allerdings nicht als Mensch, sondern als virtuelle Kopie. In der Lebenszeit trägt man einen Lebenstracker, der alle Daten aufzeichnet und nach dem Ableben kann dann eine exakte Kopie erstellt werden. Natürlich mit einigen wenigen Einschränkungen. Und natürlich auch nur gegen entsprechende Geldmittel, wobei es natürlich attraktive Angebote für die ärmeren Schichten gibt, keine Sorge, ihr müsst nur Eure Seele verkaufen…. Immortal heißt die Firma sprechenderweise, die diese Verlängerung des Lebens möglich gemacht hat. Benjamin Kari ist Mitarbeiter der Firma Fidelity, einem Ableger von Immortal und kümmert sich um die Ewigen. Sein Fachgebiet: Schauspieler und Regisseure. Denn die Technik ermöglicht es nicht nur, dass jetzt lebende Menschen eine virtuelle Kopie erhalten, sondern auch schon verstorbene Persönlichkeiten, deren Weiterleben beantragt werden kann. Ben Kari zertifiziert diese dann – also er prüft, ob die Erstellung einwandfrei ist, ob Fehler vorliegen, ob der oder die Ewige so reagiert, wie es die echte Person auch getan hätte, anhand von Film- oder Textdokumenten und ähnlichem. Auch Marlene Dietrich hat er vor einiger Zeit zertifiziert. Doch nun ist sie verschwunden und nicht nur der alternde Regisseur Lars von Trier macht sich Sorgen, sondern auch Immortal und Fidelity – denn der Schwund eines Ewigen rüttelt an ihrem perfekt aufgestellten Businessplan.

Wenn ein Konzern Träume realisiert… dann kann da was nicht stimmen. Benjamin Kari ist natürlich ein Verfechter der Ewigen und allem, was dort dran hängt. Die Blended Reality, welche über die Realität gelegt wird und mit speziellen Linsen von allen gesehen werden können, macht die Ewigen erst möglich.  Die Ewigen haben kein Spiegelbild, können nicht von normalen Kameras aufgezeichnet werden – sie existieren nur in der Blended Reality. Eine Regel von Immortal ist die Todessperre. Damit sich kein Ewiger über seinen Tod Gedanken machen muss, sind Algorithmen programmiert, mit denen der Ewige dieses Thema umschifft. Und dann gibt es noch andere Regeln, Regeln von denen niemand weiß, auch Benjamin Kari nicht.

„In Wahrheit war die Blended Reality alles andere als demokratisch. Ein einzelner Konzern gab die Gesetze vor. Niemand war anonym. Aber in der Post-NSA-Realität war Anonymität ohnehin längst Vergangenheit.“ (S. 160)

Benjamin Kari macht sich auf die Suche nach der verschwundenen Marlene Dietrich, verbündet sich mit einer Journalistin, kommt einem Hacker auf die Spur, zweifelt immer mehr an seinem Arbeitgeber und der in Aussicht gestellten Zukunft… Kari ist ein nachdenklicher Charakter, auch wenn er in seinen Überzeugungen verhaftet ist, lässt er neue Denkanstöße zu. Aber er hadert immer mehr mit dem Weltbild, welches bisher sein Leben beherrscht hat. Zudem stecken hinter mächtigen Konzernen auch immer mächtige Verfolger. Von Killdrohnen über „ganz normale“ Ex-Soldaten, die ihn mit schwerer Bewaffnung in den Schoß der Firma zurück bringen möchten. Somit ist auch das Death Valley und die dort herrschende Hitze nur ein Feind, der ihm dort auflauert, als er dort kurzfristig strandet. Mit Kari fliegt man um die halbe Welt, aber auch unter und über die Erde, sowohl in echt, als auch in seinem Avatar. Wirklich geschickt, so eine virtuelle Realität.

Zugegeben, der Plot ist nicht unbedingt neu, wobei ich überrascht war, dass jemand bestimmtes nicht das Ende des Buches überlebt. Doch neben der spannenden und actiongeladenen Handlung, die immer wieder von Karis Überlegungen eine Auszeit bekommen, regt das Buch vor allem zum Nachdenken an. Will man ewig leben? Und wenn ja, will man das als virtuelle Kopie? Als nicht freie virtuelle Kopie, denn an den eigenen Tod denken, geht ja schon nicht. Und warum wollen wir Lebende mit ewigen Kopien leben? Klar, der Tod eines Menschen ist schmerzhaft, aber ein Ewiger bleibt so alt wie er ist – d. h. ein ewiges Mädchen bleibt ein Mädchen. Eine Oma eine Oma. Es gibt keinen Fortschritt, es herrscht Stillstand. Und auch wenn man die Beatles, Queen oder Michael Jackson mag oder gar verehrt hat, ist das 75. Album dann nicht einfach ein paar zu viel? Hindern die Ewigen nicht eher die Lebenden daran, sich weiter zu entwickeln und zu forschen? Zu entdecken und zu formen? Wenn die Plätze in den Charts sowieso immer von den Ewigen besetzt sind, wer will dann neue Musik entdecken und einspielen? Wenn JFK die USA seit Jahrzehnten leitet, wer strebt dann schon die Präsidentschaft an?

„Aber die Leute wollten es ja nicht anders. Sie wollten das, was sie kannten. Deswegen hatten sie JFK und Helmut Schmidt gewählt, hörten immer noch Michael Jackson, Madonna, U2 und die Stones, hängten sich diese hässlichen Picasso-Bilder ins Haus und kauften immer noch alles, was Steve Jobs fabrizierte, obwohl der qua Algorithmus schlicht unfähig war, wirkliche Innovation zu produzieren. Alles, was die Ewigen beherrschen, waren Variationen des Gewesenen. Die Leute wussten das, aber es kümmerte sie nicht.“ (S. 134)

Die Fragen, die ich mir hier stelle, so weit geht das Buch gar nicht, auch wenn es Andeutungen in die Richtung gibt (siehe Zitat). Die Lösung im Buch geht einen anderen Weg. Ich wäre eher auf der Seite der Thanatiker, einer leider nicht weiter auftretenden Gegenbewegung im Buch. Ich muss gar nicht ewig leben, schon gar nicht als beschnittene Kopie, in einer Gesellschaft, die sich selbst zum Stillstand verdammt hat. Nichtsdestotrotz hat der Autor hier ein richtig spannendes Thema aufgegriffen und in einer aufregenden Geschichte ein paar nachdenkliche Sequenzen verpackt. Oft meckere ich, dass mir die Zukunft nicht ausgereift genug dargestellt wurde – nun, hier vielleicht auch nicht, aber es gibt eine Erklärung: warum sollte noch weiter geforscht und erfunden, weiter entwickelt und an die Zukunft gedacht werden, wenn eh alle in der Vergangenheit leben? So verquer sich das für einen Zukunftsroman anhört. Und genau dieses Verbiegen der Gedanken, das nachdenklich Stimmende, das Störrische hat mich begeistert.

Fazit:
Ein Blick in die Zukunft, in der wir ewig leben, als virtuelle Kopien. Eine Zukunft, die Stillstand bedeutet und Rückkehr zu Vergangenem und Altbewährten. Eine merkwürdige Zukunft, die mich zum Nachdenken angeregt hat – so ganz neben der spannenden Handlung.