Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Eingeschneit: Warten auf Poirot – Nora Miedler

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Nora Miedler – Warten auf Poirot
Verlag: Argument
188 Seiten
ISBN: 978-3867541824

 

 

 

Die mittlerweile verstorbene Nora Miedler ist eher als Schauspielerin und Autorin von Liebesromanen bekannt, doch am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere hat sie zwei Krimis beim Argument Verlag veröffentlicht. Schon lange wollte ich gerne in einen von diesen reinschnuppern und das Spezial zu österreichischer Kriminalliteratur hat mir hier nun eine wunderbare Gelegenheit verschafft. Das dünne Büchlein – keine 200 Seiten – offenbart ein Kammerspiel in einer zugeschneiten Hütte in den österreichischen Bergen. 5 Freundinnen seit Kindertagen, Gelächter, Seitenhiebe, Geheimnisse – bis eine der Freundinnen tot ist.

Erzählt wird die Geschichte aus Charlies Sicht. Die lebt, einfach gesagt, in einer Traumwelt. Total verunsichert durch Panikattacken und das ständige Umsorgen und nicht Zutrauen der Eltern, träumt sie tagein, tagaus von Marc und einer Beziehung zu ihm. Marc ist der Bruder ihrer Schulfreundin Rita und schon seit Kindertagen himmelt sie ihn an. Jetzt, als Charlie 28 Jahre alt ist, ergibt sich eine kurze Affäre, gestoppt von Rita, die es ja nur gut meint mit Charlie. Und mit Rita, Ingrid, Marnie und Sonja fährt Charlie nach den Weihnachtsfeiertagen in die einsame Berghütte und wird dort eingeschneit.

„Die Idee, Rita zu töten, kam mir zum ersten Mal an Heiligabend.“ (S. 5, erster Satz)

Und schon ist Rita tot. Mit einem Messer wurde ihr die Kehle aufgeschlitzt, beim nächtlichen Flaschen drehen und einem kurzen Stromausfall geschuldet. Doch wer war es? Charlie, obwohl sie es nicht getan hat, fürchtet in einer unbewussten Situation es doch getan zu haben, aber sie war es nicht. Doch welche der drei anderen ist eine Mörderin? Ohne Handyempfang und eingeschneit gelingt es nicht, Hilfe zu holen und die 4 Frauen harren die Nacht aus, unter gegenseitigen Anschuldigungen, gewürzt mit Misstrauen gegen die früheren Blutsfreundinnen.

Das Setting ist klassisch und nicht ohne Grund verweist die Autorin auf Poirot, nicht nur im Titel sondern auch im Text, doch die Freundinnen müssen ohne Poirot auskommen. Das Buch hat nun schon zehn Jahre auf dem Buckel, doch das Setting ist alterslos. Hat es bei Agatha Christie funktioniert, erlebt es gerade eine Art Revival, denn wenn ich mich nicht täusche, habe ich einige Bücher mit dieser Konstellation in den aktuellen Neuerscheinungen gesehen. Besonders trickreich inszeniert, stirbt Rita quasi vor den Augen aller und doch kann man nicht sagen, welche der Frauen die Mörderin ist. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, in welchem die Nerven blank liegen und Geheimnisse und Offensichtlichkeiten auf den Tisch kommen, eine misstrauische Atmosphäre, bei der man sich ständig fragen muss: bleibt Rita die einzige Tote? Wer überlebt, wer stirbt – und wer ist die Mörderin. Grund genug hatten natürlich alle, nicht nur Charlie – und Charlie ist diejenige, der keiner es zutraut.

Ach, Charlie. Man erlebt die Geschichte ja aus ihrer Sicht und das ist nicht ganz einfach. Zwischen den immer wieder aufkommenden Fantasievorstellungen, dass ihr Leben perfekt wäre, sobald sie mit Marc glücklich verheiratet und mit Kindern versehen ist, ist sie so unsicher und selbstbezogen, dass es nicht nur ihren Freundinnen auf den Keks ging, sondern auch mir. Charlie ist anstrengend. Sie wartet auf den einen Traumprinzen und lässt ihr Leben ansonsten versauern, puh. Überhaupt sind die Freundinnen so verschieden wie Feuer und Eis. Ingrid, die patente Anwältin, die sich quasi aus der Gosse hochgearbeitet hat, die umsorgende Übermutter Sonja, die hübsche und beliebte Rita mit Society-Anschluss und die Alkoholikerin Marnie, die das Verschwinden ihres Vaters nie verkraftet hat. Eine Truppe, von der selbst Charlie kurz sinniert, ob sie sich nicht nur verbündet hatten, weil die anderen nichts mit ihnen zu tun haben wollten. Aber ist das nicht immer so? Nichtsdestotrotz verändern einen die Jahre und nicht jede Kinder-/Jugendfreundschaft hält für immer. Hoffen wir nur, dass die meisten nicht so enden wie in vorliegendem Krimi.

Fazit:
Das klassische Setting mit der von Misstrauen und Geheimnissen gefüllten Atmosphäre konnten mich voll überzeugen und über die Stellen mit Leichtigkeit hinweglesen lassen, in denen mir Protagonistin Charlie auf den Keks ging. Ein gelungener Erstling, dem ich bestimmt den zweiten (unabhängigen) Krimi der Autorin folgen lassen werde.


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Gebeinjagd: Knochen kochen – Christian Mähr


Christian Mähr – Knochen kochen
Verlag: Deuticke
415 Seiten
ISBN: 978-3552062801

 

 

 

 

 

Gastwirt Matthäus Spielberger wird von seinem alten Schulfreund Seitenstetten dazu überredet, die Gebeine des Ferdinand-Erasmus von Seitenstetten, gestorben im 15. Jahrhundert, auszugraben. Dieser ist an der sogenannten englischen Schweißkrankheit gestorben, eine Seuche die damals viele dahingerafft hat, aber seitdem ausgestorben scheint und damit wert, wissenschaftlich untersucht und damit berühmt zu werden. Da die Gruft des Adligen aber auf dem Grundstück der „unbedeutenden“, aber verhassten Seitenlinie Wolfegg-Seitenstetten liegt, muss die Aktion illegal und des Nächtens über die Bühne gehen. Spielberger sagt zu, aber nur, wenn seine Stammtischfreunde Moosmann, Peratoner und Blum an dem Unternehmen teilnehmen dürfen. Gesagt, getan, doch dann, wird Seitenstetten in der Gruft, niedergeschlagen und die Gebeine geraubt.

Und von da an, wandern die Gebeine des adligen Verwandten des von Seitenstettens durch die Gegend, werden mal dem einen, mal dem anderen abgejagt. Eine wilde Jagd beginnt, zwar mitunter auch gemächlich, aber viele Parteien sind an den Knochen interessiert, mit dabei nicht nur Seitenstettens „Crew“, sondern auch ehrgeizige Liebhaber, missgünstige Assistenten, Diebe und Attentäter. Der ein oder andere stirbt, an Krankheit aber auch an Kugeln, es geht hoch her, wenn auch das mitunter sehr bedächtig.

Sehr klamaukig ist das Buch geschrieben, den Anfang machen schon die vier Stammtischfreunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber alle mindestens eine Verschrobenheit aufweisen können. Sei es der Spielberger, der Visionen träumt, der Blum, der Arien summt, der Peratoner, der klugscheißt, oder der Moosmann, der eigentlich schnitzen sollte, aber sich für den Meisterverbrecher hält. Jeden, wirklich jeden Charakter des Buches lernt man näher kennen, denn der Autor stellt diese alle außerordentlich langatmig, wenn auch nicht unkomisch vor. So lernt man auch den Bruder des Verlobten der Tochter von Spielberger genauer kennen – das hat zwar auch eine klitzekleine Kleinigkeit mit der Jagd nach den Gebeinen zu tun, erscheint mir dann aber doch einfach zu ausführlich. Man kann es auch übertreiben, mit der Detailliertheit.

Zudem war der Fokus nur sehr selten auf der Sicht der Stammtischrunde, die aber auf jeden Fall die Protagonisten waren, nein, alle dürfen mal aus ihrer Sicht erzählen, schwadronieren und lamentieren. Nichtsdestotrotz hatte diese ausufernde Schreibweise für mich irgendwie etwas typisch Österreichisches. Der Klang der Worte, die Ausführlichkeit, die Grammatik, aber auch die österreichischen wörtlichen Reden, mit denen einige Norddeutsche wohl ihre Probleme haben dürften, waren stimmig. Auch die immer wieder auftauchenden Unterschiede zwischen Wien und dem Vorarlberg waren gut eingearbeitet. Vom die Nase hochtragenden Wien mit seinen Einwohner zu den zu Unrecht als rückständig und langsam verschrienen Vorarlbergern.

Für mich war das Buch leider trotzdem sehr zäh, ich hätte mir mehr Sog, weniger Details im Buch gewünscht, denn tatsächlich war die Jagd nach den Gebeinen recht spannend. Zugegeben, es waren dann doch sehr viele Parteien mit den unterschiedlichsten Interessen, die hinter den Knochen hergejagt sind. Vor allem zum Ende hin, habe ich doch einige immer wieder verwechselt, was auch darauf zurückzuführen ist, dass der Autor zwei Charakteren mehr als einen Namen verpasst hat, aber die Jagd war spannend, nur eben zu langatmig.

Fazit:
Spannende, klamaukige Jagd nach Jahrhunderte alten Gebeinen, die leider mit zu vielen Mitspielern und Details doch recht langwierig wird.

 


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Leichenraub: Die Schöne und der Tod – Bernhard Aichner


Bernhard Aichner – Die Schöne und der Tod
Verlag: btb
249 Seiten
ISBN: 978-3442713660

 

 

 

 

Max Broll ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und Totengräber geworden. In einem kleinen Dorf. Dafür hat er Wien, eine vielversprechende Karriere als Journalist und Emma sausen lassen. Jetzt muss er ein Loch graben, für das Model Marga, Emmas Schwester, die sich in den Tod gestürzt hat. Als Marga dann mit viel Brimborium beerdigt wurde, scheint fast wieder Ruhe eingekehrt zu sein, in dem kleinen Dorf. Doch dann findet Max heraus, dass die Leiche von Marga gestohlen wurde.

Max Broll ist ein Eigenbrötler, eher wortkarg, auch wenn er mit seinem besten Kumpel Barnoni, einem ehemaligen Top-Fußballer, der Maxens Nachbar ist, fast schon lange Gespräche führt. Keiner – weder Baroni, noch seine quasi Stiefmutter, schon gar nicht seine Ex – können verstehen, warum er Wien, den Job und seine Ex hat sausen lassen. Und so richtig erklärt er das auch keinem, wobei ich persönlich das schon nachvollziehen kann. Ein sehr gelungener Charakter, natürlich schön makaber mit dem Beruf des Totengräbers ausgestattet, aber eben auch diese stiere Dickköpfigkeit und Wortkargheit passen ganz wunderbar zu Max. Vorgeblich ist er zurück im Dorf, um seinen todkranken Vater zu umsorgen, aber zurück nach Wien ist er auch nicht. Das Gräber ausheben ist jetzt keine Berufung, aber sowas wie Familientradition und Max macht seine Arbeit ordentlich, auch wenn er gerne mit dem Pfarrer zusammenrasselt. Viel zu tun gibt es nun aber nicht, in dem kleinen Dorf, für einen Totengräber. Und dann kommt Marga.

Und dann verschwindet Marga wieder. Aus dem Grab. Und das kann Max nicht auf sich sitzen lassen. Die Ermittlungen, die Max und Baroni anstellen, werden zum Teil alkoholisiert geführt, zum Teil in fragwürdigen Etablissements, wie ein Elefant im Porzellanladen, aber abhalten lassen sich die beiden nicht, auch nicht von seiner Stiefmutter, der Kriminalkommissarin. Mitmischen tut dann auch Emma, Margas Schwester, zwei Verdächtige, ein paar Dorfbewohner und eine Sauna.

Man sieht schon – ein todernster Krimi ist hier nicht zu erwarten. Die Geschichte hat einen makabren Humor, eine Morbidität und Komik, die den Fall jetzt zwar nicht superspannend machen – stellenweise würde ich sogar sagen, dass es spannungsarm war – dafür aber eben mit einem teuflischen Kichern garnieren. Dabei ist er aber nicht unglaubwürdig, sondern durchaus logisch und gut komponiert. Der Fokus lag allerdings für mich eher auf den Charakteren – und auf Aichners unverwechselbarem Schreibstil.

Bisher habe ich nur „Totenfrau“ von Bernhard Aichner gelesen, doch der Schreibstil, bzw. der Autor bleibt sich treu. Er hat einen sehr reduzierten Schreibstil, knapp und kurz, manchmal fast schon nur Satzfetzen, keine ganzen Sätze mehr. Mit Nebensätzen hat der Autor es dann naturgemäß auch nicht so. Und doch passt es irgendwie, in den Krimi, zu Max.
Gewöhnungsbedürftig ist allerdings die direkte Rede. Er beginnt diese mit Bindestrichen und fügt keinerlei Zusatzworte hinzu, d. h. es gibt keine Angabe wer etwas sagt, oder was er dabei tut. Daraus ergibt sich ein schneller Lesefluss, der allerdings, bei längeren Dialogen dazu führt, dass man ein wenig den Überblick verliert. Zudem funktioniert das nur in Dialogen – Gespräche mit mehr als zwei Menschen sind so schier unmöglich und Aichner umgeht diese auch und erzählt dann lieber Gespräche mit mehr Personen nach. Der  Schreibstil funktioniert hier gut, passt zu den verschrobenen Charakteren und dem Dorfcharme. Zwar hab ich mich in ein oder zwei Dialogen verloren und musste nochmal ansetzen, doch insgesamt fügt der Stil sich ungemein gut in den Krimi.

Fazit:
Ein Krimi, der mit schrägem Figurenensemble und ungewöhnlichem Schreibstil punkten kann, der aber eher urkomisch denn spannend ist. Gute, morbide Unterhaltung für einen Regennachmittag.


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Atmosphärisch: So dunkel der Wald – Michaela Kastel


Michaela Kastel – So dunkel der Wald
Verlag: Emons
304 Seiten
ISBN: 978-3740802936

 

 

 

 

 

Den Thriller von Michaela Kastel wollte ich schon lange lesen und so hat sich dieser zum Spezial zu östereichischer Kriminalliteratur quasi aufgedrängt. Auch wenn ich ja tendenziell nicht mehr so viele Thriller lese, denn oft können sie mich nicht mehr reizen. Nichtsdestotrotz habe ich damals, als der Thriller herauskam, sehr viele positive Rezensionen gelesen, mittlerweile wurde der neue Thriller der Autorin “Worüber wir schweigen” veröffentlicht. Und vermutlich war das ein wenig die Crux, diese vielen positiven Stimmen, die ich gehört habe, denn der Thriller von Michaela Kastel ist zwar ein richtig guter Thriller, aber irgendwie hatte ich nach dem Echo in der Bloggerwelt, etwas anderes erwartet.

Yannick, Ronja, Nika, Theo und Henna. Das sind die fünf Kinder, die mit Paps tief im Wald, tief in den Bergen, leben. Abgeschottet von der Zivilisation, unter strenger Hand, in ständiger Angst. Denn Paps ist nicht der Vater der Kinder, sondern ihr Entführer. Derweil Yannick und Ronja schon Jahre dort leben, und Nika schwer krank ist, sind die anderen zwei noch jünger und fallen ins “Beuteschema” von Paps, so dass ihr Abend einen zusätzlichen täglichen Schrecken bereit hält. Doch dann beschließt Ronja zu fliehen.

Die Atmosphäre des Buches ist durchgängig düster, nicht nur der Wald, die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit, sondern eben auch die Enge des Hauses, die kleinen Fenster, die alten, einengenden Möbel tragen dazu bei. Eine Atmosphäre, welche die Kinder zusätzlich schreckt und ängstigt, ist doch eine Flucht so gut wie unmöglich, eine Enge, die aber Paps zu gefallen scheint. Hier kann er herrschen, sein wie er will, “seine” Kinder brechen. Zum Brechen dient auch eine kleine Höhle, kaum mehr eine Felsspalte, in die Paps unliebsame Kinder schmeißt, aus der man aber nicht mehr alleine herauskommt und auf das Gutdünken von Paps angewiesen ist. Eine beklemmende Enge in den Bergen, angereichert mit einem gewalttätigen Pädophilen.

Ronjas Ausbruchsversuch war für mich der Höhepunkt des Thrillers, der dann allerding schon im ersten Drittel des Thrillers stattfindet. Danach ist der Thriller zwar immer noch interessant, aber nicht mehr so spannend. Zwar ist kontinuierlich die Situation auf dem Berg/im Wald nach Ronjas Ausbruchsversuch angespannt, doch die Spannung flaut ab und eigentlich ist es eher ein Psychogramm der Kinder, die jahrelang mit Paps auf dem Berg gelebt haben. Zwischen völlig zerstörten Psychen, der Bedrohung durch Paps und der Einsamkeit auf den Bergen ist Adrenalin vorhanden, aber nicht mehr auf hohem Level, lässt doch Ronjas Flucht die Spannung verpuffen. Es geht danach eher darum, wie zerstörte Kinderseelen agieren und reagieren.

Eingemischt sind zwei andere Handlungsstränge. Hier ist zum einen die Polizistin Sarah Wiesinger zu nennen, eine Frau, die selbst kein einfaches Päckchen zu tragen hat und der die Suche nach den verschwundenen Kindern zur Lebensaufgabe geworden ist. Auf der anderen Seite, bekommt man, etwas später im Thriller, Einblick in ein Tagebuch. Hierbei ist erst nicht klar, wer der Verfasser ist, so dass der Leser rätseln darf.

Tatsächlich wird das Buch ab dem Höhepunkt, der ja schon im ersten Drittel stattfindet, stellenweise etwas vorhersehbar. Nichtsdestotrotz bleibt die eindringliche, unheimliche Atmosphäre immer präsent und auch die unterschiedlichen Aktionen und Reaktionen der Kinder sind spannend zu verfolgen, allerdings habe ich mir von einem Thriller mehr erwartet, mehr Action, mehr Druck, mehr dringliches Umblättern der Seiten. Das hat mir ein wenig gefehlt. Irgendwann wusste ich grob, worauf die Geschichte hinauslaufen wird, da hatte die Autorin keine Überrraschung für mich, nichtsdestotrotz waren einige Schicksale am Ende doch noch anders als gedacht. Als Leser bin ich immer ganz glücklich, wenn es kein Happy End gibt, sondern eben “nur” ein realistisches Ende. Soweit möglich eben, und hier konnte die Autorin wieder bei mir punkten.

Fazit:
Ein Thriller, dessen Spannung nach dem ersten Höhepunkt abflacht, aber noch kontinuierlich Unterhaltung bietet und die Geschichte zu einem gelungenen Ende bringt. Überzeugen konnte mich aber vor allem das Setting und die Atmosphäre, geradezu hervorragend für einen Thriller gewählt. Ein sehr gutes Thrillerdebüt aus Österreich!


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Trio Infernale: Wo Rauch ist – Gudrun Lerchbaum


Gudrun Lerchbaum – Wo Rauch ist
Verlag: Argument
288 Seiten
ISBN: 978-3867542333

 

 

 

 

Ich freue mich ja auf alle Krimis, die neu im Hause Argument erscheinen. Noch hab ich dort keins erwischt, welches mir nicht gefallen hat, denn die Auswahl, die Verlegerin Else Laudan bei ihren Autorinnen und deren Büchern trifft ist schlicht und einfach hervorragend. So hab ich auch mit Freude festgestellt, dass Gudrun Lerchbaum nun beim Verlag zu finden ist und dort ihren neuen Krimi veröffentlicht hat. Ich war wahnsinnig gespannt, ob die Autorin es wieder schafft mich total zu überzeugen. Und was soll ich sagen – es ist ihr gelungen!

Die Meisterin der Charaktere
Schon in „Lügenland“, dem letzten Roman der Autorin, der in einer nicht entfernten Zukunftsvision angesiedelt ist, war ich schlicht begeistert von der Protagonistin Mattea. Eine überzeugendere Protagonistin in einem bedrückenden Zukunftsszenario ist mir noch nicht unterkommen. Und  nun hat die Autorin es wieder geschafft, eine absolut realistische, interessante, überzeugende, begeisternde Protagonistin zu schaffen: Olga Schattenberg. Gut, eigentlich ist ihr diesmal sogar ein fantastisches Charaktertrio gelungen, doch Olga sticht hier einfach hervor. Aber fangen wir mal beim Anfang an.

Allergie, na klar
Can Toprak, investigativer Journalist und Ex von Olga Schattenberg, ist gestorben. Seine Familie verbreitet die These, dass er an einem allergischen Schock gestorben ist, doch Olga vermutet, dass sein letztes Recherchethema – rechtsextreme Kreise, türkischer Geheimdienst –  ihn das Leben gekostet hat. Auf der Beerdigung begegnet sie Adrian Roth, der die Grabrede hält, und kurz darauf Kiki, eigentlicher Name Christiane Bach, die gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde und eine Ex-Freundin von Adrian ist. Kurzerhand engagiert sie Kiki als ihre Assistentin, da Olga durch die Multiple Sklerose oft an den Rollstuhl gebunden ist und Hilfe im Alltag benötigt, und Adrian hängt irgendwie drin. Denn die beiden Frauen verbünden sich und wollen nur eins: Can Topraks Mörder finden.

Die Kranke
Es wird wohl einige Menschen geben, die Olga auf unfeine Art eine „linke Zecke“ nennen würden. Olga war und ist eine, die ihre Meinung kund tut. Eine, die demonstriert. Eine, die Häuser besetzt. Eine, die handelt und nicht nur zuschaut. Sie ist borstig, kratzig und ungemütlich. Auch wenn die Multiple Sklerose sie an den Rollstuhl fesselt, hindert das Olga nicht daran, ihren Mund zu benutzen und erstaunlicherweise kann man auch mit dem Rollstuhl so einiges anstellen. Sachbeschädigung zum Beispiel, um den braunen Mob in seine Grenzen zu weisen. Liebenswürdige Seiten hat sie aber auch. Und ganz gewisse ist sie eine bewundernswerte Frau. Viele Einblicke gewinnt man als Leser in das Leben einer MS-Erkrankten und kann Olga nur für ihren Widerstand, ihre „sich nicht unterkriegen lassen“-Mentalität und ihren Trotz bewundern.

Die Irre
Kiki saß für Totschlag im Gefängnis, hat ihre Strafe verbüßt. Kiki ist eine Wucht. Sie mag zwar oft das Richtige wollen, aber keinesfalls sagt oder tut sie dann das Richtige. Kikis Gehirn funktioniert ein bisschen anders, Tausende Gedanken brechen sich hier Bahn. Aber sie ist eine gute Seele. Und das erkennt Olga. Sie ist warmherzig, besorgt und kümmert sich. Auch wenn das mal heißt, zum Messer zu greifen und für ihre Chefin in die Bresche zu springen. Obwohl über ihr Alter, glaube ich, nichts gesagt wird, wirkt sie jung und quirlig auf mich. Naiv und doch abgehärtet. Ein Energiebündel, das Anleitung braucht und nun endlich bekommt. Ein fantastisches Duo.

Der Stock
Doch eigentlich ist es ja ein Trio. Und den letzten freien Stuhl übernimmt Adrian. Gott, der hat echt einen Stock im Arsch. Konservativ, auf jeden und alles bedacht. Bloß nichts falsch sagen und machen. Lieber erst mal gar nichts machen und wenn, dann lieber eine Notlüge als die Wahrheit sagen, um es allen recht zu machen. Wahrheit ist sowieso Auslegungssache. Und keinesfalls Verrat, oder? Auch wenn Adrian die unangenehmste Person in diesem Trio infernale ist, gehört er dennoch dazu, reiht sich ein. Die Truppe läuft wie ein Uhrwerk – jedes Rädchen fügt sich in das nächste, auch wenn Adrian das schwächste Glied der Truppe ist.

Anecken
Die Autorin hat ein Trio aus Charakteren geschaffen, welches vielleicht auf den ersten Blick grotesk und unglaublich erscheint, doch keines von beiden ist. Natürlich stoßen die drei mit ihren Ermittlungen an Grenzen, wecken aber trotzdem die schlafenden Hunde. Dass Olga und Kiki nicht aufgeben ist klar, Adrian hätte allerdings schon längst das Handtuch geworfen, wenn die beiden Frauen ihn lassen würden. So aber sind die drei eigensinnig und kompromisslos. Diese Eigenschaften verschaffen ihnen einige Gegenspieler, die versuchen, das unbequeme Trio loszuwerden. Da ist die Polizei, die mit ihren Ermittlungen feststeckt, noch die harmloseste Partei.

Symbiose
Tatsächlich scheint die Lösung des Falles am Ende dann fast schon trivial, eine Familiengeschichte unter dem Deckmantel von extremistischen Ideen, doch die Suche nach der Wahrheit hat viele Dinge hervorgebracht, die einige lieber unter den Teppich gekehrt hätten. Schon die Idee an sich, dass Rechte mit dem türkischen Geheimdienst kooperieren scheint unglaublich und doch so wahr. Nebenbei zeigt die Autorin auch, wie die rechten Tendenzen sich immer mehr in unserer Gesellschaft verankern und zu Alltäglichem und vor allem akzeptierten Alltäglichem werden, wenn wir uns nicht wehren. Auch wenn der Fokus mehr auf den Charakteren liegt, die den Fall um Can Toprak versuchen zu lösen, und die politische Kulisse als Hintergrund dient – sowohl der Ermittlung als auch der Ermordung.  Die Frage, ob es sich hier nun um einen politischen oder einen sozialkritischen Thriller handelt, kann ich nur so beantworten: beides. Für mich die perfekte Symbiose aus beidem. Olga, Kiki und Adrian bieten den perfekten Ausgleich, um sich mit den erschütternden und leider sehr ernst zu nehmenden rechten Tendenzen auseinander zu setzen. Ein ernstes Thema, welches mit einem Augenzwinkern betrachtet wird, aber dadurch nicht an Brisanz und Wichtigkeit verliert.

Fazit:
Ein Trio Infernale auf der Suche nach einem Mörder in einer politisch aufgeheizten Gesellschaft – Frau Lerchbaum schafft es auch diesmal mich restlos umzuhauen, besonders mit ihren Charakteren, aber auch mit ihrem Feingefühl für gesellschaftliche Entwicklungen. Ein Krimi, der nicht nur von Krimilesern gelesen werden sollte, sondern in jedes Haus gehört. Herausragend und eine ganz klare Leseempfehlung!


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Zerrissen: Das größere Verbrechen – Anne Goldmann


Anne Goldmann – Das größere Verbrechen
Verlag: Argument
235 Seiten
ISBN: 978-3867542340

 

 

 

 

Es ist kein Geheimnis, dass ich ein großer Fan der Krimis von Anne Goldmann bin. Und so ist es bestimmt auch nicht verwunderlich, wenn ich nun zu einem weiteren Lobgesang anstimme. Wobei das neuste Buch von ihr, „Das größere Verbrechen“, auch irgendwie anders ist als ihre vorigen Bücher. Und irgendwie auch nicht. Letztlich ist es aber fast (aber wirklich nur fast, denn Anne Goldmann schreibt einfach wunderbar) völlig egal, wie es ist, denn es gehört schlicht und einfach des Themas wegen gelesen. Weil sie über Opfer schreibt. Über das, was mit Opfern nach der Tat passiert. Wie lange eine Tat in ihnen nachwirkt, wie verzweifelt und einsam diese Menschen sind. Und da ist es wieder – Frau Goldmanns Thema, die Einsamkeit. Diesmal verpackt in einem der wichtigsten Themen, die es gibt, über das aber so wenig berichtet, welches so wenig beachtet wird, das man sich dafür schämen muss.

Ist es Sensationsgier, die uns treibt? Die uns anhalten und rüber schauen lässt, wenn wir an Unfällen vorbeifahren? Die uns gierig schlechte und Übelkeit erregende Nachrichten anschauen und sogar danach suchen lässt? Ist es eine morbide Lust, die uns Krimis aufschlagen lässt, in denen (zumeist) junge Frauen bestialisch ermordet werden oder die Taten von (Serien)Mördern akribisch beschrieben werden? Gibt es Mitleid, Mitgefühl mit den Opfern? Ja schon, aber doch nur, bis das nächste Opfer auftaucht, dann ist das vorige ja schon fast vergessen. Wir leben in einer Zeit der Reizüberflutung, nicht nur im Bereich der Kriminalliteratur, aber eben auch da.

Frau Goldmann widmet sich nun in ihrem Buch drei Frauen, Theres, Selma und Ana. Theres führt ein mehr oder minder zufriedenes Leben mit Mann und Tochter, als ihr Sohn sich bei ihr meldet. Der Sohn, den sie vor langer Zeit abgeben musste, direkt nach der Geburt entrissen und zur Adoption freigegeben. Selma ist eine alte Frau, gefesselt an ihre Wohnung, heimgesucht von ihren Erinnerungen an den Krieg im damaligen Jugoslawien. Ana putzt. Bei beiden, bei Theres und bei Selma. Und versucht wegzusehen, sich um ihren Kram zu kümmern.

„Die ersten Bilder vom Krieg flimmerten über den Bildschirm. Da war er noch in der Stadt. Wir saßen starr vor dem Fernseher. Wir sahen Soldaten, Waffen, Panzer. Menschen im Granatenhagel um ihr Leben rennen, Gebäude in sich zusammenkrachen. Das Radio lief die ganze Zeit.
Es wird bald vorbei sein. Wir waren uns sicher.
Aber das Schlimmste stand uns noch bevor…“ (S. 94)

Einsamkeit und Zerrissenheit, das sind die Schlüsselworte, die die Handlung bestimmen. Vor allem Selmas Erinnerungen an den Krieg nehmen einen mit, lassen einen schlucken. Dabei wird vieles nur angedeutet, nichts gesagt. Die Erinnerungen sind auch nicht durchgehend, zersplittert in vielen kleinen Erinnerungen lässt die Autorin das Grauen über den Leser hereinbrechen. Gleichzeitig ist Selma dazu verdammt wieder nur zuzuschauen, vom Alter an ihre Wohnung gefesselt, versorgt aber nicht umsorgt. Ausgenommen von Ana, ein Lichtblick.

„Sobald man auf andere angewiesen ist, zwingen sie einem ihre Regeln auf. Man ist ihnen ausgeliefert, wird zu einer Nummer. Das Wenige, das du noch hast, wird dir abgenommen. Du selber als Person liegst plötzlich nackt vor aller Augen. Das ist das Schlimmste.“ (S. 57)

Theres bestimmt aber den Hauptteil der Handlung. Und das plötzliche Auftauchen von Jan, ihrem Sohn. Erinnerungen kommen hoch. Der Ehemann zieht aus, wusste von nichts. Mit den Eltern beginnt sie Streit. Damals wurde sie gezwungen. Doch wie verlässlich sind Erinnerungen? Jetzt will sie jedenfalls ihren Sohn unterstützen, doch dann wird er verhaftet, soll seinen Adoptivvater getötet haben. Kann das sein? Theres ist ratlos. Sie hat einen Sohn, kennt ihn aber nicht. Doch er ist ihr Sohn, ohne Vorbehalte unterstützt sie ihn.

„Die meisten Menschen können noch nach Jahren den einen Moment bis ins kleinste Detail beschreiben, in dem ein Zufall, eine Begegnung oder ein schlichter Anruf ihr ganzes Leben mit einem Schlag verändert hat.“ (S. 8)

Die Autorin rollt auch hier nur Stück für Stück die Vergangenheit auf, lässt Theres Erinnerung für Erinnerung wieder erleben. Die erste Liebe, die versteckte Schwangerschaft, der verlorene Sohn. Depressionen und Medikamente, welche die Erinnerungen vernebeln und als Wahrheit angesehen werden. Die Autorin spielt mit den Lesern, gibt nur preis, wie viel gerade nötig ist. Unterlegt ist diese Geschichte aus der Vergangenheit mit der realen Bedrohung der Gegenwart. Wie weit kann man seinem eigenen Sohn, den man gar nicht kennt, trauen? Geschickt wird Misstrauen gesät, Theres eh vorhandene Unsicherheit ausgeweitet,  und in eine Kriminalhandlung gewoben. Die sich dann am Ende doch wieder ganz anders gestaltet als gedacht und eine Überraschung aufblitzen lässt.

Einordnen kann man Anne Goldmanns Spannungsromane nie so richtig – es sind kriminelle Elemente dabei, aber eigentlich lebt und atmet das Buch vor allem Spannung, ganz ohne ausufernde Kriminalfälle oder Ermittlungen. Es ist eine leise und bedrohliche Atmosphäre, die ihr immer wieder gelingt, die diesmal jedoch um ein so wichtiges Thema erweitert wurde, dass die Gedanken im Karussell fahren.

Es gibt nur wenige, die der Opfer gedenken, die an die Opfer denken, die sich mit Opfern beschäftigen. Unbemerkt leben sie in unserer Gesellschaft, vielleicht meist am Rande, ohne dass sie etwas sagen. Verdrängen, träumen, ängstigen sich. Und keiner sieht sie. Jeder sieht die Täter, die Taten. Die Zeitungen und Nachrichten sind voll davon. Es wird Zeit, dass den Opfern mehr Platz eingeräumt wird. In den Krimis, in der Literatur, in der Gesellschaft. Danke, Frau Goldmann!

Fazit:
Ein weiterer feiner, leiser, famoser Spannungsroman ist der Autorin hier gelungen. Dass Anne Goldmann sich einem kaum beachteten Thema, den Opfern von Gewalttaten, annimmt, lässt sie nur noch mehr in meiner Achtung steigen. Ein absolut lesenswertes und empfehlenswertes Buch!

 


Die weiteren Romane der Autorin, mit Link zu meiner Rezension dazu:
Das Leben ist schmutzig
Triangel
Lichtschacht


 


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Heißes Pflaster: Sommerfrische – Harald Schodl


Harald Schodl – Sommerfrische
Verlag: Text/Rahmen
368 Seiten
ISBN: 978-3950434361

 

 

 

 

Zugegebenermaßen war mir der Verlag Text/Rahmen bisher unbekannt. Ok, den Verlag gibt es noch nicht so lange, aber immerhin hat er schon einige Bücher rausgebracht – darunter einige Krimis. Sehr gelungen finde ich übrigens die grafische Gestaltung der Bücher, die – nomen est omen – aus Text und Rahmen besteht. Wunderbarerweise hab ich nun in einen Krimi hinein schnuppern dürfen, denn die Beschreibung von Harald Schodls „Sommerfrische“ hat mich sehr angesprochen.

Carl Sandtner erhält einen kryptischen Anruf von seinem alten Freund Benny, den er aber eine Weile nicht mehr gesehen hat. Doch zu einem klärenden Treffen kommt es nicht, da Benny verschwindet. Einzig seine Ex macht sich Sorgen und stellt eine Vermisstenanzeige – wegen den Unterhaltszahlungen. Die Polizei zeigt auch wenig Interesse an der Aufklärung, denn der frühere Journalist könnte ja aus freien Stücken verschwunden sein, Anzeichen für eine Straftat lassen sich jedenfalls nicht finden. Nichtsdestotrotz gibt ihm der ermittelnde Beamte den Tipp in Bennys letztem Job nach dem Rechten zu sehen. Als Kaufhausdetektiv hat Benny zwar ständig Straftaten gesehen, die keine waren, aber vielleicht ist er ja per Zufall tatsächlich einer richtigen Straftat auf die Schliche gekommen? Und so heuert Carl im Kaufhaus an und begibt sich auf Bennys Spuren.

Im Klappentext wird nun noch von einem Serienbrandstifter gesprochen, der Jagd auf Sozialdemokraten macht – politische Morde also. Spannend, doch ein wenig irreführend, denn dieser spielt tatsächlich nur eine Nebenrolle und hat mit der Handlung um Carl und Benny nur am Rande zu tun. Der Fokus liegt tatsächlich auf den Ganoven – den kleinen, wie die beiden Kaufhausdetektive Manfred Racz und Stefan Kalhammer, sowie den großen, dem Gangsterboss Johannes Hofmann, seinen zwei Handlanger Satin-Schorsch und Zucker-Pauli sowie seiner Freundin Annette, die zufälliger Weise die Schwester von Manfred ist. Am Anfang geht Carl mit seiner verdeckten Ermittlung im Kaufhaus ein wenig unter, da mehrere Erzählstränge begonnen und weiter geführt werden, doch das ändert sich dann nach einer Weile und Carl rückt mehr in den Fokus.  Danach hat das Buch auch einiges an Highlights zu bieten – über Verfolgungsfahrten, Folter bis hin zu Angriffen auf Sandtner – und auch das Ende hatte einen spannenden Showdown im Gepäck. Positiv aufgefallen ist mir der Beginn des Buches, der mit zwei Dingen überzeugen konnte: einem Zitat von Gramsci, das sehr geschickt gewählt wurde, und dem ersten Kennenlernen von Carl, der mit dem Bus durch Wien fährt, die Straßen und die Stadt betrachtet und an der drückenden Sommerhitze leidet. Diese aufgeheizte, knisternde Atmosphäre schimmert im Laufe des Buches immer wieder durch und verleiht ein gewisses Extra.

Carl Sandtner ist für mich die einzige Figur, der ich Sympathie entgegen gebracht habe – abgesehen vom Brandstifter, der aber ja eben nur eine Nebenrolle hat. Alle anderen Charaktere sind mir schlichtweg sehr unsympathisch gewesen und hatten auch wenig andere interessante Aspekte, die mich reizen konnten. Zudem haben die Kriminellen – ob nun klein oder groß – eine recht derbe Sprache bzw. einen recht derben Umgang miteinander bzw. mit anderen. Das verdeutlicht zwar den harten Umgang in der Branche, war mir aber ein wenig zu viel.
Bei Carl Sandtner sah das ganz anders aus – und die Figur hat auch sehr viel Potential. Als Journalist ist er ja prädestiniert dafür, seine Nase in Angelegenheiten zu stecken, die ihn nichts angehen. Und das macht er auch fröhlich und munter in dem Kaufhaus – mit Wanzen im Büro des Chefs und natürlich unauffällig-auffälligen Fragen im Kollegenkreis. Im nächsten Fall darf er also wirklich gerne seine Nase in die politischen Morde stecken oder größere Herausforderungen suchen – auch wenn dann vielleicht das Gangster-Feeling dafür in den Hintergrund tritt. Er ist auf jeden Fall eine Figur, die man nicht über den Haufen werfen sollte – und für seinen ersten Fall war das ja nur die Aufwärmphase, nicht? So dass er sich dann hoffentlich bald im nächsten Fall ein Sahnestückchen schnappt.

So ganz bin ich mir nun nicht sicher, ob ich bisher eine deutliche Meinung transportieren konnte, deshalb nochmal kurz zusammengefasst: Der Krimi ist ein gutes Erstlingswerk mit ein paar kleinen Defiziten, aber mit einer Figur die Potential für weitere – und komplexere – Fälle hat, ob nun im „richtigen“, kriminellen Milieu oder eben mit politischen oder wirtschaftlichem Hintergrund , ich kann man hier vieles gut vorstellen. Der Klappentext hat leider, leider falsche Erwartungen in mir geweckt, was ich leider nicht ganz aus meiner Meinung raushalten konnte, ich aber dem Buch eigentlich nicht anlasten möchte.

Fazit:
Ein guter Einstieg des Autors ins Krimigenre mit aufgeheizter Atmosphäre und kleinen Defiziten, aber einer Hauptfigur mit Potential für mehr!