Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Zu viel, zu wenig: In ewiger Ruhe – Stuart Neville

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Stuart Neville – In ewiger Ruhe
Verlag: atb
Übersetzer: Wolfgang Thon
396 Seiten
ISBN: 978-3746631134
9,99 €

 

 

 

 

War ja mal wieder klar – ich fange mit dem vierten Teil einer Reihe an und das auch noch in einer Reihe, die zumindest beim Personenhintergrund aufeinander aufbaut. Na ja, damit muss ich halt leben – und mich das nächste Mal besser vorbereiten. Aber jetzt erst mal zu „In ewiger Ruhe“.

Rea Carlisle findet in ihrem Erbe, dem Haus ihres Onkel Raymonds, ein Sammelalbum. Neben Haaren und Fingernägeln befinden sich dort Tagbucheinträge und Zeitungsanzeigen und –artikel von vermissten Personen. Und es gibt Fotos. Fotos von ihrem Onkel und ihrem Vater. Schnell ist ihr klar, dass ihr Onkel diese Menschen auf dem Gewissen hat und Rea wendet sich an Jack Lennon. Jack ist gerade suspendiert, mehr oder minder von Schmerztabletten und Alkohol abhängig und frustriert. Und dann ist das Buch verschwunden. Jack verspricht, sich trotzdem mal zu informieren, doch am nächsten Tag ist Rea tot und er verdächtig.

Jack ist der verratzte, kaputte Held, den man sich in einem Hardboiled Krimi so wünscht. Ob er das in den vorigen Teilen auch schon war? Ich zweifle das mal an, weil es dazu keine Hinweise gibt. Jacks Verzweiflung, die Frustration, die Wut, den Jähzorn – das alles kann man deutlich spüren, doch diese ganzen Emotionen scheinen an den Vorfall gekoppelt, durch den er suspendiert wurde. Jack taucht unter und ermittelt auf eigene Faust. Der ausgestoßene Einzelkämpfer, der nur noch einen Freund unter Kollegen hat und sich Hilfe bei den Kriminellen sucht, der in ein Wespennest stößt und immer mehr Wunden abkriegt, anstatt sich zurück zu ziehen und seine alten Wunden zu lecken.

Eigentlich eine schicke Sache – dieser Jack, genau mein Ding. Und doch hinterlässt der Thriller bei mir einen schalen Nachgeschmack – ich hatte einfach etwas mehr, etwas anderes erwartet. Denn letztendlich kann der Held nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die Story doch sehr Mainstream ist. Da musste also ein bisher unentdeckter Serienmörder herhalten, eine unbedarfte Frau in der Vergangenheit stöbern und dann sterben und der suspendierte Jack die Ermittlungen übernehmen. Die Ermittlung gestaltet sich dann recht spärlich, da so viele andere Dinge passieren. Da sind die privaten Sorgen der ermittelnden Beamtin, Jacks Beziehung zu Susan, die McKennas, die ihm seine Tochter wegnehmen wollen und und und. Zu viel reingepackt und zu wenig Fokus – wie schade, dass hier ein zentrales Thema ausgespart wurde, um alles zu verwursten und somit leider „nur“ eine Serienmörder-Ermittlung mit viel Drumherum zu bieten.

Nichtsdestotrotz war das Buch spannend und ich hab mich einen Sonntag lang gut unterhalten gefühlt, am Held gibt es kaum zu mäkeln und in einer anderen, fokussierteren Story darf er gerne nochmal auftauchen, nur leider fehlt dieser Story die Tiefe, es gibt keinen besonderen Kick und somit bleibt der Thriller leider nur Durchschnitt.

Fazit:
Spannend, mit einem verknautscht-kaputten Helden, den man sich wünscht, nur leider ohne große Überraschungen oder Besonderheiten.


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Irischer Roadtrip: Ein letzter Job – Adrian McKinty

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Adrian McKinty – Ein letzter Job
Verlag: suhrkamp
396 Seiten
ISBN: 978-3518463727
14,99 €

 

 

 

 

Meine Meinung:
Ach, ich weiß gar nicht recht, was ich zu „Ein letzter Job“ sagen soll. Nach dem Lesen ist bei mir einfach so eine Unzufriedenheit zurück geblieben. Das heißt aber nicht, dass der Thriller durchgehend schlecht war, eigentlich war er ganz gut. Aber mal von vorne.

Killian hat sich aus der Szene eigentlich schon verabschiedet. Er lebt zurückgezogen und studiert. Doch dann soll er noch einen Job erledigen und die finanzielle Vergütung ist einfach nicht abzulehnen. Er soll die Ex-Frau und die beiden Mädchen des einflussreichen Unternehmers Richard Coulter finden. Wie das oft so ist, steckt aber hinter dem Auftrag mehr als gesagt wird.

Killian wird dem Leser als erfahrener Problemlöser verkauft, der eben schon eine Weile aus dem Geschäft ist und dann wieder einsteigt. Das Konzept geht nicht auf, denn der zweite Spezialist, der beauftragt wird, ist Russe, jünger und eiskalt. Er zeigt Killian mal gleich, wo der Hammer hängt, um hier ein olles Sprichwort auszupacken. Killian kennt schon gute Tricks und ist auch darauf bedacht, seinen Weg nicht mit Leichen zu pflastern, sondern einen einvernehmlichen Weg zu finden und eben nur im Notfall Leichen zu hinterlassen. Ganz anders „Starschina“, der russische Auftragskiller. Er lässt jeden von Killians Tricks auffliegen und ihn dumm dastehen. So ist Killian eigentlich immer am Hetzen. Im Übrigen ist er auch immer von seinen Tricks überzeugt, auch wenn diese dann kurze Zeit später durch den Russen auffliegen. Ich hätte es ja noch verstanden, wenn er nach dem ersten Mal einfach dazu gelernt hätte, aber das hat er nicht.

So konnte ich mich nicht wirklich mit Killian anfreunden. Er war mir zu unflexibel und träge, wenn auch sympathisch, einfach durch seine Einstellung zum Leben. Meine Unzufriedenheit ruht darin, dass er sich ständig dumm anstellt, obwohl ich ihn eigentlich für einen klugen Menschen halte. Spannend zu lesen sind seine Erlebnisse trotzdem. Erst allein, später dann mit Rachel und den Kindern ‚am Bein‘, versucht er, dem Russen immer einen Schritt voraus zu sein und alle am Leben zu erhalten. Hierbei wird er von einem Ort zum anderen getrieben und man lernt Nordirland ganz gut kennen.

Der absolute Supergau ist die Liebesgeschichte in diesem Thriller. Die hab ich nicht gebraucht und ich denke, ich lehne mich nicht weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, die braucht niemand in dem Thriller. Eigentlich nimmt sie dem Thriller sogar die Glaubhaftigkeit und schreit lauthals „Klischee“!

Als Killian in Islandmagee, bei seinem Volk, den Pavee, für eine Weile Unterschlupf findet, gibt der Autor Einblick in eine – zumindest mir – völlig fremde Kultur. Sie erinnern an Zigeuner, sind aber wohl nicht mit diesen verwandt. Ihr Usprung liegt bei den Kelten oder frühen Christen und oft werden sie auch als Tinker(von denen hab ich schon gehört, ist aber wohl die englische Variante) oder Traveller bezeichnet. Die Pavee sind ein fahrendes Volk und Killian stammt von ihnen ab. Sie werden ohne jegliche Fragen willkommen geheißen und als ein Angriff droht, stehen sie alle Seite an Seite. Dieser Einblick in eine andere Kultur hat mir sehr gut gefallen und dem letzten Drittel etwas Besonderes gegeben. Das war allerdings auch nötig, da Killian eher mit Glück, als mit Verstand und Logik das Ende positiv beeinflussen konnte.

Nichtsdestotrotz gelingt es dem Autor, ein abgeschlossenes Ende durch den Epilog offen zu halten. „Ein letzter Job“ ist ein Standalone und so bleibt der Leser mit dem ungewissen Abschluss zurück, doch letztendlich hat es dem Thriller seine Würde bewahrt. Ein anderes Ende wäre mir viel zu kitschig erschienen.

Fazit:
Spannend, doch leider mit einer Hauptfigur, mit der ich mich nicht ganz anfreunden konnte. Ein Plus gibt es für die irische Landschaft und die Kultur der Pavee, ein Minus für die klischeehafte Liebesgeschichte. Alles in allem bekommt „Ein letzter Job“ von mir 3 Schafe.

3 Schafe


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Düster und schonungslos: Die Bestien von Belfast – Sam Millar

9783855355105
Sam Millar – Die Bestien von Belfast
Verlag: Atrium
286 Seiten
ISBN: 978-3855355105
16,95 €

 

 

 

 

Vorab:
Sam Millar ist ein Gangster. Geboren und aufgewachsen in Nordirland, war er Mitglied der IRA und einige Jahre im Gefängnis, bevor er in die USA übersiedelte. Er war an einem großen Banküberfall auf das Transportunternehmen Brink’s, der 1993 stattfand, beteiligt, mutmaßlich der Kopf des Ganzen. Er wurde gefasst, begnadigt und ging wieder nach Nordirland, wo er Kriminalromane schreibt. Karl Kane, der Protagonist von „Die Bestien von Belfast“, soll dem dem Autor ähneln, da er genauso vom frühen Verlust seiner Mutter geprägt ist.
Das ist doch mal ein seltener Lebenslauf bei einem Autor und mir gleich aufgefallen. Millar kann praktisch aus eigenen Erfahrungen schöpfen und seine Thriller so bereichern. Ob das auch klappt? Hier meine Meinung dazu.
Mehr über Sam Millar.

Meine Meinung:
Die ersten paar Seiten von „Die Bestien von Belfast“ katapultieren den Leser mitten in eine fürchterlich schreckliche Szene: eine junge Frau, vergewaltigt und verprügelt, liegt auf dem Boden und hört Hunde näher kommen, Hunde die sie zerfleischen werden. Das Bild, welches Sam Millar hier kreiert, war ziemlich grauslig und das obwohl es nur ein kurzer Abschnitt ist und ich eigentlich nicht sehr zart besaitet bin. Seine Beschreibung der Szene war distanziert und dadurch noch einprägsamer als eh schon. Dann erfolgt ein plötzlicher Wechsel zu den Tätern, die zurückkommen und ihre Tat zu verschleiern suchen. Der Prolog trägt den Titel „Blutiger Sommer, 1978“ – wie wahr.

Als man dann ins Hier und Jetzt wechselt lernt man kurz hintereinander mehrere Personen kennen, was mich ein wenig verwirrt hat. Das Buch ist kurz und die Figuren, abgesehen vom Protagonisten, eher flach und eben schnell wieder vergessen. Aber man lernt eben auch Karl Kane kennen, einen Privatdetektiv, der sich mehr schlecht als recht durchschlägt. Er hat eine Exfrau, die ihn ausbluten lässt, eine Sekretärin, die auch seine Geliebte ist, und wenig Aufträge. Deshalb kommt der Auftrag von Mister Munday gerade recht. Er will mehr über den Mord an einem Mann im Park wissen. Für Karl leicht verdientes Geld und er stürzt sich auf diesen Auftrag. Dazu kontaktiert er seine Kumpels bei der Polizei. Na ja, mehr oder weniger Kumpels. Kane wurde bei der Aufnahme abgelehnt und dementsprechend beissend sind die Gespräche, mal abgesehen davon, dass ihre moralischen Werte ziemlich weit auseinander gehen. Und noch nebenbei bemerkt: Karl ist hier der Gute. Zum Glück hat er aber einige andere alte Freunde, die ihm helfen. Doch der Auftrag stellt sich nach und nach als nicht ganz so einfach heraus, wie gedacht.

Karl Kane. Ich hab nochmal nachgeblättert, aber nicht viel über ihn gefunden. Spindeldürr und hochgewachsen wird er beschrieben. Und er hat Hämorriden. Ich stelle ihn mir mit Trenchcoat und Hut vor, leicht gebeugt und tropfnass vom Regen (das passiert tatsächlich!). Und das einfach, weil die Stimmung des Buches mir diese Vorstellung suggeriert. Sam Millar zeichnet ein Belfast voll mit korrupten und/oder unfähigen Bullen, einem Hort voll Verbrechern und zwielichtigen Gestalten und ungemütlichem Wetter. Die Atmosphäre ist unheimlich. Nicht gespenstisch unheimlich, sondern einfach knisternd. Und da passt Karl Kane – Privatdetektiv, da er kein Bulle werden durfte – einfach rein. Zugegebenermaßen beeinflusst mich auch seine Privatdetektei und seine Sekretärin/Geliebte zu dieser Vorstellung. So (aber natürlich nicht genau gleich) erhoffe ich mir immer den Protagonisten eines Hardboiled Krimis, doch nicht immer werden meine Hoffnungen erfüllt.

Die Handlung findet nicht nur aus Karls Sicht statt, sondern man erlebt auch die Sichtweise der Täterin und es gibt Ausflüge in die Vergangenheit. Diese haben mich anfangs sehr verwirrt, da ich diese mit dem Fall in Verbindung bringen wollte, doch die Verbindung besteht zu Karl, nicht zu dem Fall. Die Taten sind durchweg recht grausam, alle Opfer wurden gefoltert. Doch die Tötungsarten sind sehr unterschiedlich und – ja, ich kann es nicht anders sagen – einfallsreich. Die Täterin ist von Rache getrieben und steckt ihre Genialität und Gemeinheit in die Ausarbeitung ihrer Taten. Wer die Täterin letztendlich ist, hat mich total umgehauen. Das hätte ich nie gedacht.

Karl Kane löst den Fall. Das an sich ist vermutlich keine große Überraschung. Erstaunlich ist aber, dass niemand geringeres als Scarlett Johansson der Tipp zur Lösung ist. Ihr wollt wissen, warum? Lest es selbst. Aber dies war auch der einzige positive Aspekt an der Lösung. Das Ende ist düster und deprimierend. Und doch siegt die Gerechtigkeit, auch wenn Sam Millar dem Ganzen am Ende einen Dämpfer versetzt. Nun kann man sich natürlich fragen, warum man das Buch lesen sollte, wenn das Ende so düster und deprimierend ist. Na ganz einfach: wer will schon ein kitschiges Happy End?

Fazit:
Atmosphärisch dicht, mit dem kantigen Karl Kane und einer raffinierten Täterin ausgestattet – Hardboiled as it can be. Abgesehen von einigen Kleinigkeiten war der Thriller ein Genuss und von mir gibt es 4 Schafe.

4 Schafe