Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Eingeschneit: Warten auf Poirot – Nora Miedler

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Nora Miedler – Warten auf Poirot
Verlag: Argument
188 Seiten
ISBN: 978-3867541824

 

 

 

Die mittlerweile verstorbene Nora Miedler ist eher als Schauspielerin und Autorin von Liebesromanen bekannt, doch am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere hat sie zwei Krimis beim Argument Verlag veröffentlicht. Schon lange wollte ich gerne in einen von diesen reinschnuppern und das Spezial zu österreichischer Kriminalliteratur hat mir hier nun eine wunderbare Gelegenheit verschafft. Das dünne Büchlein – keine 200 Seiten – offenbart ein Kammerspiel in einer zugeschneiten Hütte in den österreichischen Bergen. 5 Freundinnen seit Kindertagen, Gelächter, Seitenhiebe, Geheimnisse – bis eine der Freundinnen tot ist.

Erzählt wird die Geschichte aus Charlies Sicht. Die lebt, einfach gesagt, in einer Traumwelt. Total verunsichert durch Panikattacken und das ständige Umsorgen und nicht Zutrauen der Eltern, träumt sie tagein, tagaus von Marc und einer Beziehung zu ihm. Marc ist der Bruder ihrer Schulfreundin Rita und schon seit Kindertagen himmelt sie ihn an. Jetzt, als Charlie 28 Jahre alt ist, ergibt sich eine kurze Affäre, gestoppt von Rita, die es ja nur gut meint mit Charlie. Und mit Rita, Ingrid, Marnie und Sonja fährt Charlie nach den Weihnachtsfeiertagen in die einsame Berghütte und wird dort eingeschneit.

„Die Idee, Rita zu töten, kam mir zum ersten Mal an Heiligabend.“ (S. 5, erster Satz)

Und schon ist Rita tot. Mit einem Messer wurde ihr die Kehle aufgeschlitzt, beim nächtlichen Flaschen drehen und einem kurzen Stromausfall geschuldet. Doch wer war es? Charlie, obwohl sie es nicht getan hat, fürchtet in einer unbewussten Situation es doch getan zu haben, aber sie war es nicht. Doch welche der drei anderen ist eine Mörderin? Ohne Handyempfang und eingeschneit gelingt es nicht, Hilfe zu holen und die 4 Frauen harren die Nacht aus, unter gegenseitigen Anschuldigungen, gewürzt mit Misstrauen gegen die früheren Blutsfreundinnen.

Das Setting ist klassisch und nicht ohne Grund verweist die Autorin auf Poirot, nicht nur im Titel sondern auch im Text, doch die Freundinnen müssen ohne Poirot auskommen. Das Buch hat nun schon zehn Jahre auf dem Buckel, doch das Setting ist alterslos. Hat es bei Agatha Christie funktioniert, erlebt es gerade eine Art Revival, denn wenn ich mich nicht täusche, habe ich einige Bücher mit dieser Konstellation in den aktuellen Neuerscheinungen gesehen. Besonders trickreich inszeniert, stirbt Rita quasi vor den Augen aller und doch kann man nicht sagen, welche der Frauen die Mörderin ist. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, in welchem die Nerven blank liegen und Geheimnisse und Offensichtlichkeiten auf den Tisch kommen, eine misstrauische Atmosphäre, bei der man sich ständig fragen muss: bleibt Rita die einzige Tote? Wer überlebt, wer stirbt – und wer ist die Mörderin. Grund genug hatten natürlich alle, nicht nur Charlie – und Charlie ist diejenige, der keiner es zutraut.

Ach, Charlie. Man erlebt die Geschichte ja aus ihrer Sicht und das ist nicht ganz einfach. Zwischen den immer wieder aufkommenden Fantasievorstellungen, dass ihr Leben perfekt wäre, sobald sie mit Marc glücklich verheiratet und mit Kindern versehen ist, ist sie so unsicher und selbstbezogen, dass es nicht nur ihren Freundinnen auf den Keks ging, sondern auch mir. Charlie ist anstrengend. Sie wartet auf den einen Traumprinzen und lässt ihr Leben ansonsten versauern, puh. Überhaupt sind die Freundinnen so verschieden wie Feuer und Eis. Ingrid, die patente Anwältin, die sich quasi aus der Gosse hochgearbeitet hat, die umsorgende Übermutter Sonja, die hübsche und beliebte Rita mit Society-Anschluss und die Alkoholikerin Marnie, die das Verschwinden ihres Vaters nie verkraftet hat. Eine Truppe, von der selbst Charlie kurz sinniert, ob sie sich nicht nur verbündet hatten, weil die anderen nichts mit ihnen zu tun haben wollten. Aber ist das nicht immer so? Nichtsdestotrotz verändern einen die Jahre und nicht jede Kinder-/Jugendfreundschaft hält für immer. Hoffen wir nur, dass die meisten nicht so enden wie in vorliegendem Krimi.

Fazit:
Das klassische Setting mit der von Misstrauen und Geheimnissen gefüllten Atmosphäre konnten mich voll überzeugen und über die Stellen mit Leichtigkeit hinweglesen lassen, in denen mir Protagonistin Charlie auf den Keks ging. Ein gelungener Erstling, dem ich bestimmt den zweiten (unabhängigen) Krimi der Autorin folgen lassen werde.


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Gebeinjagd: Knochen kochen – Christian Mähr


Christian Mähr – Knochen kochen
Verlag: Deuticke
415 Seiten
ISBN: 978-3552062801

 

 

 

 

 

Gastwirt Matthäus Spielberger wird von seinem alten Schulfreund Seitenstetten dazu überredet, die Gebeine des Ferdinand-Erasmus von Seitenstetten, gestorben im 15. Jahrhundert, auszugraben. Dieser ist an der sogenannten englischen Schweißkrankheit gestorben, eine Seuche die damals viele dahingerafft hat, aber seitdem ausgestorben scheint und damit wert, wissenschaftlich untersucht und damit berühmt zu werden. Da die Gruft des Adligen aber auf dem Grundstück der „unbedeutenden“, aber verhassten Seitenlinie Wolfegg-Seitenstetten liegt, muss die Aktion illegal und des Nächtens über die Bühne gehen. Spielberger sagt zu, aber nur, wenn seine Stammtischfreunde Moosmann, Peratoner und Blum an dem Unternehmen teilnehmen dürfen. Gesagt, getan, doch dann, wird Seitenstetten in der Gruft, niedergeschlagen und die Gebeine geraubt.

Und von da an, wandern die Gebeine des adligen Verwandten des von Seitenstettens durch die Gegend, werden mal dem einen, mal dem anderen abgejagt. Eine wilde Jagd beginnt, zwar mitunter auch gemächlich, aber viele Parteien sind an den Knochen interessiert, mit dabei nicht nur Seitenstettens „Crew“, sondern auch ehrgeizige Liebhaber, missgünstige Assistenten, Diebe und Attentäter. Der ein oder andere stirbt, an Krankheit aber auch an Kugeln, es geht hoch her, wenn auch das mitunter sehr bedächtig.

Sehr klamaukig ist das Buch geschrieben, den Anfang machen schon die vier Stammtischfreunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber alle mindestens eine Verschrobenheit aufweisen können. Sei es der Spielberger, der Visionen träumt, der Blum, der Arien summt, der Peratoner, der klugscheißt, oder der Moosmann, der eigentlich schnitzen sollte, aber sich für den Meisterverbrecher hält. Jeden, wirklich jeden Charakter des Buches lernt man näher kennen, denn der Autor stellt diese alle außerordentlich langatmig, wenn auch nicht unkomisch vor. So lernt man auch den Bruder des Verlobten der Tochter von Spielberger genauer kennen – das hat zwar auch eine klitzekleine Kleinigkeit mit der Jagd nach den Gebeinen zu tun, erscheint mir dann aber doch einfach zu ausführlich. Man kann es auch übertreiben, mit der Detailliertheit.

Zudem war der Fokus nur sehr selten auf der Sicht der Stammtischrunde, die aber auf jeden Fall die Protagonisten waren, nein, alle dürfen mal aus ihrer Sicht erzählen, schwadronieren und lamentieren. Nichtsdestotrotz hatte diese ausufernde Schreibweise für mich irgendwie etwas typisch Österreichisches. Der Klang der Worte, die Ausführlichkeit, die Grammatik, aber auch die österreichischen wörtlichen Reden, mit denen einige Norddeutsche wohl ihre Probleme haben dürften, waren stimmig. Auch die immer wieder auftauchenden Unterschiede zwischen Wien und dem Vorarlberg waren gut eingearbeitet. Vom die Nase hochtragenden Wien mit seinen Einwohner zu den zu Unrecht als rückständig und langsam verschrienen Vorarlbergern.

Für mich war das Buch leider trotzdem sehr zäh, ich hätte mir mehr Sog, weniger Details im Buch gewünscht, denn tatsächlich war die Jagd nach den Gebeinen recht spannend. Zugegeben, es waren dann doch sehr viele Parteien mit den unterschiedlichsten Interessen, die hinter den Knochen hergejagt sind. Vor allem zum Ende hin, habe ich doch einige immer wieder verwechselt, was auch darauf zurückzuführen ist, dass der Autor zwei Charakteren mehr als einen Namen verpasst hat, aber die Jagd war spannend, nur eben zu langatmig.

Fazit:
Spannende, klamaukige Jagd nach Jahrhunderte alten Gebeinen, die leider mit zu vielen Mitspielern und Details doch recht langwierig wird.

 


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Leichenraub: Die Schöne und der Tod – Bernhard Aichner


Bernhard Aichner – Die Schöne und der Tod
Verlag: btb
249 Seiten
ISBN: 978-3442713660

 

 

 

 

Max Broll ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und Totengräber geworden. In einem kleinen Dorf. Dafür hat er Wien, eine vielversprechende Karriere als Journalist und Emma sausen lassen. Jetzt muss er ein Loch graben, für das Model Marga, Emmas Schwester, die sich in den Tod gestürzt hat. Als Marga dann mit viel Brimborium beerdigt wurde, scheint fast wieder Ruhe eingekehrt zu sein, in dem kleinen Dorf. Doch dann findet Max heraus, dass die Leiche von Marga gestohlen wurde.

Max Broll ist ein Eigenbrötler, eher wortkarg, auch wenn er mit seinem besten Kumpel Barnoni, einem ehemaligen Top-Fußballer, der Maxens Nachbar ist, fast schon lange Gespräche führt. Keiner – weder Baroni, noch seine quasi Stiefmutter, schon gar nicht seine Ex – können verstehen, warum er Wien, den Job und seine Ex hat sausen lassen. Und so richtig erklärt er das auch keinem, wobei ich persönlich das schon nachvollziehen kann. Ein sehr gelungener Charakter, natürlich schön makaber mit dem Beruf des Totengräbers ausgestattet, aber eben auch diese stiere Dickköpfigkeit und Wortkargheit passen ganz wunderbar zu Max. Vorgeblich ist er zurück im Dorf, um seinen todkranken Vater zu umsorgen, aber zurück nach Wien ist er auch nicht. Das Gräber ausheben ist jetzt keine Berufung, aber sowas wie Familientradition und Max macht seine Arbeit ordentlich, auch wenn er gerne mit dem Pfarrer zusammenrasselt. Viel zu tun gibt es nun aber nicht, in dem kleinen Dorf, für einen Totengräber. Und dann kommt Marga.

Und dann verschwindet Marga wieder. Aus dem Grab. Und das kann Max nicht auf sich sitzen lassen. Die Ermittlungen, die Max und Baroni anstellen, werden zum Teil alkoholisiert geführt, zum Teil in fragwürdigen Etablissements, wie ein Elefant im Porzellanladen, aber abhalten lassen sich die beiden nicht, auch nicht von seiner Stiefmutter, der Kriminalkommissarin. Mitmischen tut dann auch Emma, Margas Schwester, zwei Verdächtige, ein paar Dorfbewohner und eine Sauna.

Man sieht schon – ein todernster Krimi ist hier nicht zu erwarten. Die Geschichte hat einen makabren Humor, eine Morbidität und Komik, die den Fall jetzt zwar nicht superspannend machen – stellenweise würde ich sogar sagen, dass es spannungsarm war – dafür aber eben mit einem teuflischen Kichern garnieren. Dabei ist er aber nicht unglaubwürdig, sondern durchaus logisch und gut komponiert. Der Fokus lag allerdings für mich eher auf den Charakteren – und auf Aichners unverwechselbarem Schreibstil.

Bisher habe ich nur „Totenfrau“ von Bernhard Aichner gelesen, doch der Schreibstil, bzw. der Autor bleibt sich treu. Er hat einen sehr reduzierten Schreibstil, knapp und kurz, manchmal fast schon nur Satzfetzen, keine ganzen Sätze mehr. Mit Nebensätzen hat der Autor es dann naturgemäß auch nicht so. Und doch passt es irgendwie, in den Krimi, zu Max.
Gewöhnungsbedürftig ist allerdings die direkte Rede. Er beginnt diese mit Bindestrichen und fügt keinerlei Zusatzworte hinzu, d. h. es gibt keine Angabe wer etwas sagt, oder was er dabei tut. Daraus ergibt sich ein schneller Lesefluss, der allerdings, bei längeren Dialogen dazu führt, dass man ein wenig den Überblick verliert. Zudem funktioniert das nur in Dialogen – Gespräche mit mehr als zwei Menschen sind so schier unmöglich und Aichner umgeht diese auch und erzählt dann lieber Gespräche mit mehr Personen nach. Der  Schreibstil funktioniert hier gut, passt zu den verschrobenen Charakteren und dem Dorfcharme. Zwar hab ich mich in ein oder zwei Dialogen verloren und musste nochmal ansetzen, doch insgesamt fügt der Stil sich ungemein gut in den Krimi.

Fazit:
Ein Krimi, der mit schrägem Figurenensemble und ungewöhnlichem Schreibstil punkten kann, der aber eher urkomisch denn spannend ist. Gute, morbide Unterhaltung für einen Regennachmittag.


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Reblogged | Kriminalliteratur aus Ostasien | Filmcheck

Wie versprochen widmet sich Philly auf ihrem Blog Wortgestalt-Buchblog heute noch der asiatischen Filmkunst. Eine fantastische Ergänzung zu unserem Spezial zu Kriminalliteratur aus Ostasien. In ihrem Filmcheck macht sich Philly Gedanken, warum asiatische Filme hier eigentlich so wenig bekannt sind. Tja, es mag wohl an der Übermacht aus dem englischsprachigen Raum liegen, doch die asiatischen Filme müssen sich nicht verstecken. Philly hat sich verschiedene angesehen und ist durchaus begeistert von den meisten. Ihr seid auch an asiatischen Krimis und Thrillern interessiert und zwar nicht nur zum Lesen, dann seht hier rein:

 

Zum Abschluss unseres Blog-Spezials zur Kriminalliteratur aus Ostasien gibt es heute noch einen kurzen Filmcheck zum Asiatischen Kino. Erwartungsgemäß liegt auch hier der Schwerpunkt auf Crime, Thrill und Noir und der Begriff »Asiatisches Kino« beschränkt sich in diesem Beitrag ausschließlich Der Beitrag Kriminalliteratur aus Ostasien | Filmcheck erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über Kriminalliteratur aus Ostasien | Filmcheck — WortGestalt-BuchBlog


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Reblogged | Jung-Hyuk Kim — Dein Schatten ist ein Montag

Der letzten Beitrag zur Kriminalliteratur aus Ostasien in unserem gemeinsame Spezial kommt von Philly. Auf ihrem Blog Wortgestalt-Buchblog findet ihr die Rezension zu „Dein Schatten ist ein Montag“ von Jung-Hyuk Kim. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere, aber dieses Buch hab auch ich schon besprochen. Bei mir kam es allerdings ein wenig positiver weg – so enden wohl die literarischen Ausflüge von Philly und mir nicht ganz so euphorisch wie gedacht, aber so hören wir natürlich nicht auf! Übermorgen gibt es dann Phillys Beitrag zur kriminalistischen Film- und Serienkultur aus Ostasien.
Aber hier nun erstmal zu Phillys Meinung über „Dein Schatten ist ein Montag“:

 

Um ehrlich zu sein, hat mich schon lange keine Lektüre mehr so ratlos zurückgelassen wie »Dein Schatten ist ein Montag« von dem südkoreanischen Autor Jung-Hyuk Kim. Und das muss ja ansich nichts Schlechtes sein, ist es hier aber blöderweise irgendwie. Der Beitrag Jung-Hyuk Kim – Dein Schatten ist ein Montag erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über Jung-Hyuk Kim – Dein Schatten ist ein Montag — WortGestalt-BuchBlog


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Andere Erwartungen: Im Reich der Lichter – Kim Young-ha

Kriminalliteratur aus Nordkorea gibt es nicht. So wie vieles anderes. Immer wieder erschreckt es mich, wenn ich eine Dokumentation von dort sehe und doch bleibt immer unklar, ob diese Bilder wirklich das Nordkorea zeigen, wie es den Journalisten vorgeführt wird. Aus Südkorea gibt es dafür immerhin einiges an Kriminalliteratur, auch wenn es mehr sein könnte. Doch besonders dieses Buch hat mich angezogen. Ein nordkoreanischer Spion, der schon 20 Jahre in Südkorea lebt, vergessen von seiner Regierung, verheiratet, mit Kind. Keiner würde denken, dass Kim Giyoung kein Südkoreaner ist. Doch dann erhält er eine verschlüsselte Botschaft, eine Nachricht aus Nordkorea: er soll nach Pyöngjang zurückkehren, in den nächsten 24 Stunden.

„Im Allgemeinen ist die Vorstellung, die man von Spionen hat, völlig verzerrt: Mata Hari, intrigante Schönheiten, Einbrüche, Fluchtszenen, Minikameras, Bestechungen, Erpressungen. Die meisten Informationen, die sie herausbekommen, sind der Öffentlichkeit schon bekannt. […] Auf eine gewisse Weise waren sie Wissenschaftler und Sammler, die immer zwischen den Zeilen zu lesen versuchten.“ (S. 90)

Vor zehn Jahren ist Giyeongs Betreuer aufgedeckt worden, so dass er seitdem ohne Kontakt nach Nordkorea, ohne Auftrag oder Aufgabe sein Leben lebt. Davor hatte er durchaus Aufgaben, hat Aufträge ausgeführt, hat getötet. Er war einer der besten in der Ausbildung, war stolz darauf, seinem Land auf diese Weise zu dienen. Doch das ist lange her. Seit zehn Jahren lebt er unbehelligt, geht seiner Arbeit als Filmimporteur nach, lebt in einer stagnierenden Ehe, hat eine kluge Tochter. Das Leben plätschert so vor sich hin. Die Nachricht ändert alles. Giyoung muss sich darüber klar werden: geht er zurück, lässt er seine Familie zurück, alle Annehmlichkeiten, alles, woran er sich gewöhnt hat. Oder bleibt er in Südkorea, wird vielleicht getötet, muss sich der Polizei stellen, um Sicherheit zu bekommen. In diesen 24 Stunden sucht Giyeoung Kontakt zu anderen Spionen, rätselt , ringt mit sich, überlegt, welche Entscheidung die richtige für seine Zukunft ist, aber vor allem, welche die richtige Entscheidung für seine Familie ist.

Gleichzeitig folgt der Leser in diesen 24 Stunden aber auch Mari, seiner Frau, und Hyonmi, seiner Tochter. Warum das so ist, erschließt sich mir nicht ganz. Zumindest Hyonmi erfährt während des gesamten Buches nicht, dass ihr Vater ein Spion ist und aus Nordkorea stammt. Man folgt ihr in den Schulalltag und nach Hause zu einem Klassenkameraden, in den sie sich verliebt hat. Das war es. Auch Mari folgen wir Leser durch den Alltag, ihrem Job in einem Autohaus, dem Mittagessen mit ihrem jüngeren Geliebten, der sie zu einem Dreier drängt. Immerhin wird Mari am Ende des Buches damit konfrontiert, dass ihr Mann ein nordkoreanischer Spion ist. Und doch hätte ich mir bei beiden Erzählsträngen, von Mari und von Hyonmi, gewünscht, dass diese mehr Interaktion mit Giyoung haben, dass das Geheimnis früher aufgedeckt wird, um dem Roman mehr zu verleihen. Mehr Spannung. Mehr Interaktion. Mehr Wendungen.

Denn ganz ehrlich, diese habe ich vermisst. Die Geschichte plätschert so vor sich hin, folgt mal Giyoung, mal Mari, mal Hyonmi, mal einigen wenigen anderen, die in diesem Dunstkreis auftauchen. Giyoung erinnert sich an seine Zeit in Nordkorea, seine Familie dort, seine Ausbildung, wie er nach Südkorea kam und das auf ihn wirkte. Wie schwer es ist, sich in ein Land zu integrieren, in dem man nicht aufgewachsen ist und alle anderen dies nicht wissen, nicht wissen dürfen. Ein solider Einblick in die Unterschiede zwischen süd- und nordkoreanischer Kultur und Gesellschaft, aber mehr auch nicht. Zum letzten Drittel hin wird es dann doch noch ein wenig spannender, taucht doch der südkoreanische Geheimdienst noch auf.

Nichtsdestotrotz, ein Roman, ein Spionageroman – denn Krimi oder gar Thriller möchte ich ihn nicht nennen – der sich süffig lesen lässt und nicht langweilig war, von dem ich mir aber mehr Interaktion erhofft habe. Ich habe keinesfalls erwartet James Bond zu treffen, mir ist klar, dass das Spionageleben durchaus für die meisten Spione doch eher langweilig ist, Arbeit eben. Wenn auch ein wenig andere Arbeit. Doch ich hatte mir mehr erhofft, indem Giyoungs Geheimnis gelüftet wird, dass er sich seiner Familie offenbaren muss. Und wenn das schon nicht, dass er nach einem Ausweg sucht. Das tut er zwar, aber doch eher passiv, nur mit wenig Aktion. Nun ja, insgesamt muss man wohl sagen, dass das Buch durchaus eine passable Lektüre war, mich aber nun nicht zum heißglühenden Leser hat werden lassen. Schade.

Fazit:
Ein eher ruhiger, nachdenklicher Roman, über einen nordkoreanischen Spion in Südkorea, der zurückgerufen wird. Überzeugen konnten mich die Details aus Nordkorea, die Beschreibung des „Kulturschocks“ des Spions, der nach Südkorea kommt und die süffige Leseweise. Doch wenig Aktion, viele Handlungsstränge, welche die Hauptgeschichte nicht voran bringen und Spannungsarmut konnten mich nicht vom Hocker hauen.

 



Kim Young-ha – Im Reich der Lichter
Verlag: Heyne
Übersetzer: Kyong-Hae Flügel und Angelika Winkler
414 Seiten
ISBN: 978-3453405448

 

 

 

 

 


 


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Reblogged | Arimasa Osawa – Giftaffe

Wer heute mal zusehen möchte, wie genau das Geld aus meinem Geldbeutel bzw. von meinem Konto verschwindet, sollte unbedingt bei Phillys Rezension zu „Giftaffe“ von Arimasa Osawa reinlesen. Der japanische Krimi, den sie im Zuge unseres Blogspezial zu Kriminalliteratur aus Ostasien gelesen hat, hat mich gleich mal eine Bestellung tätigen lassen. Mich hatte sie spätestens bei „Hardboiled“. Japan und Hardboiled geht nicht, dachte ich zumindest. Aber wenn das doch geht, dann muss ich das natürlich sofort haben! Seht ihr doch auch so, oder?
Wer sich nun gern anstecken lassen möchte, klickt bitte hier unten auf ihre Rezension – es lohnt sich!

 

 

Wer in unserem Spezial zur ostasiatischen Kriminalliteratur bisher einen schönen Hardboiled-Polizeithriller vermisst hat, voilà, hier ist er: »Giftaffe« von Arimasa Osawa. In der Hauptrolle Oberkommissar Samejima, der Hai von Shinjuku. Und der Haifisch, der hat Zähne Hai übrigens deshalb, Der Beitrag Arimasa Osawa – Giftaffe erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über Arimasa Osawa – Giftaffe — WortGestalt-BuchBlog