Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Der blonde Hund – Kerstin Ehmer

Kerstin Ehmer – Der blonde Hund, Pendragon Verlag, 458 Seiten, ISBN: 978-3865327635

Ariel Spiro ermittelt diesmal im Mordfall eines aus dem Kanal gezogenen Journalisten. Dieser schrieb für den “Völkischen Beobachter” und besuchte in Berlin die Salonrunde der Bachmanns, denen eine Pianofabrik in Berlin gehört und dementsprechend einflussreich und gern gesehen sind. Nicht nur die höheren Kreise machen Spiros Ermittlung schwierig, sondern auch die Politische Polizei, die aufgrund des Arbeitsplatzes des Mordopfers mitmischt. An seiner Seite ermittelt sein Kollege Bohlke bekannt charmant auf die Berliner Art, doch seine Frau schleppt ihn noch in ganz andere Kreise. Auch Nike, Ariels Freundin und Geliebte, wandelt auf seltsamen Pfaden und nimmt an Séancen teil, die man ihr als wissenschaftlichen Menschen gar nicht zugetraut hätte. Spiros Fall hängt fest bis ein Beweisstück auftaucht, welches den Druchbruch bedeuten könnte, doch dafür muss sich Spiro erst mal auf Reisen begeben.

In diesem Teil der Reihe scheint Ariel Spiro endlich in Berlin angekommen. Er fühlt sich nicht mehr so zerrissen und fängt an sich wohl zu fühlen, in Berlin, in seinem Job und auch in seiner Beziehung mit Nike. Seinen berlinerischen Kollegen Bohlke empfindet er nun als gute Ergänzung zu ihm und hätte es gerne, wenn sie beide sich für die neue Mordkommission bewerben. Hin und wieder ist er noch ein wenig unsicher in Bezug auf Nike, doch scheint die Beziehung nun wesentlich fester als im letzten Band und verleiht Spiro Stabilität. Es könnte also alles nicht besser laufen für Ariel Spiro, doch natürlich gibt es da noch den Mordfall.

Dieser erweist sich in der Ermittlung nicht ungewöhnlich, doch es gibt einige Begleitumstände, welche die Ermittlung spannend machen. Angefangen bei Spiros Zusammenarbeit mit den Dieben der Stadt, nicht ganz legal, aber nötig um endlich den richtigen Ansatz für die Ermittlung zu finden; über die Befragungen in den höheren Kreisen und die Einmischung der Politischen Polizei, bis hin zu Spiros Reise. Ja, Spiro ermittelt diesmal nicht nur in Berlin, sondern begibt sich – wieder nicht ganz legal – auf eine recht abenteuerliche Dienstreise, bei der er viel Glück hat und einen passenden Reisekumpan und mehr Landleben als erwartet bekommt.

Durch die drohenden Schatten der Machtergreifung der Nazis verliert das Setting in Berlin in den Goldenen Zwanzigern seine Leichtigkeit. Ja, diese ist noch einige Jahre entfernt, doch gerade Spiros Ermittlungen führen in Kreise, die kein Blatt vor den Mund nehmen und ihre antisemitische und nationale Gesinnung stolz äußern. Zwar hört sich Spiro dies nur mit Befremden an, doch er widerspricht nicht, hauptsächlich um die Ermittlungen voranzutreiben und keine Zeugen zu vergrätzen. Zugleich denkt er aber auch, dass diese nationalen Tendenzen nur Ausnahmen sind und sich keinesfalls festigen bzw. dem allgemeinen Tenor entsprechen. Als Leser empfindet man ein natürliches Befremden, weiß man doch wohin das führt. Zusätzlich finde ich es sehr sehr schade, dass der Zauber der Zwanziger nach und nach verloren geht, aber natürlich war das zu erwarten. Hier offenbart auch Spiros Reise Einblicke, denn seien wir mal ehrlich – golden waren die Zwanziger wohl hauptsächlich in den Großstädten und für die, die es sich leisten konnten. Ein wenig Wehmut bleibt, aber ich bin wirklich sehr gespannt, wie sich die nächsten Teile der Reihe entwickeln und wie Ariel Spiro, der ja aufgrund seines Namen desöfteren für einen Juden gehalten wird, sich in diesen Zeiten zurecht finden wird.

Fazit:
Beeindruckend gelingt es der Autorin die Widersprüche der Goldenen Zwanziger mit den beginnenden Verzweigungen des Nationalsozialismuses, den Gegensatz Stadt- zu Landleben und die unterschiedlichsten Strömungen der Zeit unter einen Hut zu bringen. In dieser wilden Zeit ermittelt Kommissar Ariel Spiro gekonnt und nicht ganz legal in einem verzwickten, aber nicht unmöglichen Fall. Ein wunderbares Leseerlebnis, welches Lust auf mehr macht!


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Boom Town Blues – Ellen Dunne

Ellen Dunne – Boom Town Blues, Haymon Verlag, ISBN 978-3-7099-7939-6, 320 Seiten

“Es gab da mal eine Polizistin, die arbeitete für die Kripo München. “ (S. 13)

Der dritte Fall von Patsy Logan aus der Feder von Ellen Dunne erscheint nicht nur in neuem Gewand, sondern auch im neuen Verlag. Die Krimis haben ihre neue Heimat im Haymon Verlag gefunden und bevor ich dieses kleine, aber für mich wichtige Detail vergesse: der Krimi hat abgerundete Ecken. Ja, vielleicht nur ein kleines, kosmetisches Detail, aber mit viel Wirkung – keine verknickten Ecken mehr. Ob das bei der Protagonistin auch so ist – schaun wir mal. Bei den Protagonistinnen mag ich Ecken und Kanten ja schon.

Eigentlich nimmt Patsy Logan eine Auszeit. Von ihrem Job, bei dem sie auf der Stelle tritt und von ihrer Ehe, die nicht mehr gut läuft, sie schlüpft in Irland bei ihrer Cousine unter. Doch ein Anruf ihres Chefs holt sie in das irische Ermittlungsteam um den Mord an Laura Brunner, einer Deutschen, die in der österreichischen Botschaft ermordet wurde. Keiner kann sich einen Grund vorstellen, warum eine Praktikantin ermordet wurde, doch da diese einen berühmten Vater hat, sorgt die deutsche Botschafterin für Patsys Beteiligung. Zudem holt der österreichische Botschafter noch einen seiner Untergebenen ins Team. Und wem passt das deutsch-österreichische Duo gar nicht – klar, dem ermittelnden DI Flanagan.

Ah, endlich ist Patsy in Irland… und wer weiß, vielleicht bleibt sie. Aber kommen wir erstmal zum vorliegenden Fall. Der Mord der deutschen Praktikantin führt Patsy Logan in die jüngere Geschichte Irlands. Ein Land, welches einen unheimlichen Boom erlebt hat, der in sich zusammengebrochen ist, wie ein Souffle. Die Ansiedlung von großen IT-Konzernen und Branchenriesen, Jobchancen und gutes Geld, der Wunsch nach einem Eigenheim und viel zu hohe Kredite – Finanzkrise, Immobilienblase, Ausverkauf. Zwischen Patsys Ermittlungen flicht die Autorin kleine Einblicke in das Leben vieler von der Krise Betroffener ein –  Opfern, Tätern, Beteiligten – welche dem Leser eine andere Perspektive zeigen, die letztendlich zum Mord an der Praktikantin geführt haben. Ohne den Fluss der Erzählung oder Ermittlung zu stören, führt die Autorin uns hier nicht zu den großen Tieren am Drücker, sondern erzählt wie die kleine Leute, Leute wie du und ich, unter der Krise zu leiden hatten. Großartig erzählte, kurze, aber doch eindrückliche Szenen, welche die kleinen Dramen aufzeigen, welche die Großen der Welt verursacht haben und die sich einen Dreck darum scheren. Diese Eindrücke erklären, aber berühren einen auch sehr.

Ah, Leid und großartig. Da sind wir auch bei Patsy Logan. Wie ja in der kurzen Einführung schon beschrieben, hat Patsy in diesem Teil auch ihr eigenes Päckchen zu tragen, aber egal wie – Patsy ist und bleibt großartig. Ich mag Patsys schnodderige Art, die ja unter anderem Ellen Dunnes großartigem Schreibstil geschuldet ist. So viele Gedanken, die in Patsys Kopf hin und herfliegen, aber nicht immer so rauskommen, manchmal zu früh, manchmal ganz anders. Man fühlt und leidet mit ihr, aber genauso hartnäckig mischt man sich in den Fall ein und positioniert sich im irischen Ermittlerteam. Patsy ist nicht perfekt, aber die perfekte Protagonistin.  Für mich zumindest auf jeden Fall. Und auch wenn Privates der Ermittler in Krimis oft störend wirkt, ist es hier gut verflochten, niemals zu viel und lenkt auch nicht vom Fall ab. Eine sehr gelungene Kombination. Ja, Patsys Gedanken und Seelenleben könnte ich ständig lesen. Ich mag sie einfach. Total gerne.

Fazit:
Patsy at her best – ich fand auch die letzten beiden Teile mit Patsy Logan klasse, aber nicht nur das gewählte Hintergrundthema gefiel mir hier im dritten Teil der Reihe ausnehmend gut, sondern ich finde auch, dass Patsy angekommen ist. Ja, es knirscht und ruckelt, aber das gehört halt im Leben dazu. Irgendwie gehört Patsy einfach nach Irland, so muss das sein.  Die Möglichkeit zu bleiben hat sie nun, also könnte es im nächsten Teil doch wieder heißen:
“Es gab da mal eine Polizistin, die arbeitete für die Kripo München. “ (S. 13)
Ich jedenfalls fände das großartig. Aber bis es soweit ist, bitte lest den dritten Teil (und auch den ersten und zweiten, falls ihr die wirklich noch nicht kennt) um eine der grandiosesten Ermittlerinnen aller Zeiten – es lohnt sich!


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Das giftige Glück – Gudrun Lerchbaum

Gudrun Lerchbaum – Das giftige Glück, Haymon Verlag, 271 Seiten, ISBN 978-3709981498

Ich lese zwar schon auch, na, ich nenn sie mal klassische Krimis, aber am liebsten mag ich doch die Krimis, die an den Grenzen kratzen, die über das Genre hinausschauen und etwas Besonderes liefern. So wie z. B. in Gudrun Lerchbaums Krimi “Wo Rauch ist”, der 2018 im Argument Verlag erschienen ist. Frau Lerchbaums neuster Roman ist nun zum einem im Haymon Verlag erschienen, der sich ja erst kürzlich neu aufgestellt hat, zum anderen eher kein Krimi, auch wenn wirklich viele Leute sterben. Aber – worum geht es?

Saisonales
Ja, ich gebe es zu, auch ich bin großer Fan von Bärlauch. Schmeckt einfach gut und ist eben etwas Besonderes allein schon dadurch, dass er nur zu einer bestimmten Zeit zu bekommen ist. Allerdings bin ich jetzt auch nicht so der Natur- und / oder Wandertyp – ich kauf den einfach. Wer aber nun zum Bärlauch sammeln in den Wald geht, sollte zukünftig sehr acht geben. Vor allem in Wien. Dort hat sich nämlich ein Pilz auf dem Bärlauch gemütlich gemacht und beschert den Sammlern zwar einen irren Glücksmoment, aber eben auch einen schnellen Tod. Das Viennese Weed ruft nun die verschiedensten Auswüchse menschlichen Verhaltens hervor.

Ein Wiedersehen
Man könnte es Figurenrecycling nennen – sehr nachhaltig, sozusagen also im Trend der Zeit – aber auch einfach einen klugen Schachzug der Autorin, die Hauptfiguren aus ihrem vorigen Krimi wieder auftreten zu lassen. Denn sowohl Olga Schattenberg als auch Christiane Bach, Kiki genannt, trifft man gerne wieder. Olga mittlerweile immer mehr von ihrer Multiplen Sklerose zur Handlungsunfähigkeit verdammt und auf Kikis Hilfe angewiesen, sieht in Viennese Weed einen Notfallplan und schickt Kiki in den Wald, um etwas von dem Bärlauch zu ergattern. Dort wiederum trifft Kiki auf Jasse, eigentlich Jasmin, eine Jugendliche mit einer Unmenge an Problemen. Aufmüpfig oder verloren – wohl er beides, wie das bei Teenagern ja oft der Fall ist. Diese Zufallsbekanntschaft vertieft sich durch eine ermordete Moderatorin und beginnt die kriminelle (Neben-)Handlung der Geschichte.

Krimi hin oder her
Doch auch wenn die Moderatorin vorsätzlich den Bärlauch aufgetischt bekommt, ist sie nicht die einzige die stirbt, denn der giftige Bärlauch lockt die unterschiedlichsten Typen aus ihren Löchern. Da sind natürlich diejenigen, die unabsichtlich sterben, da sie einfach Bärlauch genießen wollten und die tödliche Wirkung noch nicht bekannt war, aber schnell reihen sich Leute ein, die ihrem Leben oder dem Leben anderer ein Ende setzen wollen. Den Behörden fällt es mitunter schwer zu ermitteln, wer nun wer ist – freiwillig gestorben oder eben nicht – zumal sich die Todesfälle ja auch häufen und die Ressourcen der Polizei begrenzt sind. Auch der Versuch die Bärlauchpopulation zu dezimieren, will gelernt sein und gelingt nicht so gut.

Pandemie oder nicht Pandemie – das ist hier die Frage!
Fast ganz ohne die real herrschende Pandemie einzubeziehen, gelingt es der Autorin einige Gedanken dieser Zeit auf eine kleine, lokale Epidemie umzusetzen und sich mit vielen Fragen der Gesellschaft auseinander zu setzen, bzw. dem Leser hierhingehend Denkanstösse zu geben. Natürlich wird es immer Menschen geben, die denken, sie müssten andere umbringen und es wird wohl auch immer Menschen geben, die ihre Situation so auswegslos erachten, dass sie an Selbstmord denken – und natürlich gibt es auch immer welche, die daraus ein Geschäft machen. Doch was ist mit Menschen wie Olga, die einen Notfallplan möchten, wenn es ihnen noch schlechter geht oder Menschen, denen es eben schon sehr schlecht geht? Die schwer krank sind und leiden – ist ein selbstbestimmtes Sterben möglich?

Fazit
Ganz neben der Tatsache, dass ich sowohl Gudrun Lerchbaums süffigen Schreibstil mag und ihre Charaktere immer interessant und ungewöhnlich sind, ohne dabei abstrus zu sein, regt mich die Lektüre ihrer Bücher zum Nachdenken an. Ja, ich mag auch Bücher, die “nur” spannend sind, aber bevorzugt hab ich doch Bücher bzw. Krimis, die ein Thema transportieren, es aus verschiedenen Blickwinkel betrachten, aber keine festgelegten Meinungen präsentieren, sondern Denkanstösse geben. Wenn dies alles dann noch in einer guten Krimihandlung verpackt ist, dann hab ich doch alles, was mein Leseherz begehrt. Eine klare Leseempfehlung an all – und bitte weiter so, Frau Lerchbaum. Weitere Buchperlen aus ihren fähigen Fingern dürfen gerne folgen!


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Alle kleinen Tiere – Anne Goldmann

Anne Goldmann – Alle kleinen Tiere
Verlag: Argument Verlag
301 Seiten
ISBN: 978-3867542517

Ich bin traurig. Wer meinem Blog schon von Anfang an folgt, wird mitbekommen haben, dass ich ein großer Fan von Anne Goldmann und ihren Büchern bin. Deshalb hab ich mich natürlich außerordentlich gefreut, als ihr neues Buch “Alle kleinen Tiere” hier bei mir angekommen ist. Wie so oft, wollte ich es nicht gleich lesen, sondern es mir für eine besondere Zeit aufheben. Nun habe ich es in meinem Urlaub gelesen, bin total begeistert und gleichzeitig sehr traurig. Denn ein nächstes neues Buch wird es nicht geben. Leider ist Anne Goldmann dieses Jahr verstorben.

Somit wird dies nicht nur eine kleine Rezension zu ihrem neusten Streich, sondern auch ein kleiner Blick zurück. Ganz unten könnt Ihr die Links zu meinen Rezensionen ihrer vier anderen Bücher finden, aber auch den Link zu den beiden Interviews, welche ich 2017 und 2018 mit ihr führen durfte. Auch erinnere ich mich gerne daran, dass ich Anne Goldmann einmal auf der Leipziger Buchmesse getroffen habe und mich ganz wunderbar mit ihr unterhalten habe. Noch heute bin ich erstaunt darüber wie interessiert sie an mir als Person war – eigentlich ist es ja eher umgekehrt, dass man als Leser ein tiefes Interesse an der Autorin / dem Autor hat, doch hier hab ich mich auf einer Höhe gefühlt und gleich auch wohl gefühlt.

Dieses Treffen wird mir immer in Erinnerung bleiben und ihre 5 Bücher bleiben natürlich in meinem Bücherregal, so dass ich sie immer wieder hervorziehen und nochmal lesen kann. Das ist bei einem Krimi nun oft ein wenig langweilig, da man ja das Ende der Geschichte schon kennt, doch Anne Goldmann schafft es in ihren Geschichten, so ausgezeichnet unterschwellig  Spannung aufzubauen, dass jede nochmalige Lektüre eine Bereicherung und alles andere als langweilig ist.

Und so ist das auch bei “Alle kleinen Tiere”. Wer nun aber Thriller im Sinne von Sebastian Fitzek, Chris Carter oder ähnlichen erwartet, der wird enttäuscht sein, denn hier wird die Spannung nicht brutal mit dem Hammer (oder wahlweise Messer, Kreissäge, etc – ihr wisst schon) erzeugt, sondern subtil und hauchdünn. Und damit gelingt es der Autorin eine wesentlich bedrohlichere Atmosphäre aufzubauen, als es bluttriefende Psychothriller jemals könnten. Die Situationen sind alltäglich und die Bedrohungen klein, aber deshalb nicht weniger bedrohlich für die Menschen, die darin gefangen sind.

“Alle kleinen Tiere, dachte er, werden von den großen gefressen. Das war schon immer so.” (S. 76)

Der Plot der Geschichte dreht sich um 4 Personen: Rita, die viele wohl als dumm bezeichnen würden, Ela, die von ihrer Vergangenheit und Alpträumen heimgesucht wird, Tom, der in ständiger Gefahr vor den Nachbarn lebt und Marisa, die nicht allein sein kann und will. Alle vier sind ganz normale Menschen, keine Ermittler oder Journalisten, lose verbunden durch einige Vorfälle und zwei Grundstücke.

Viel mehr zum Inhalt will ich gar nicht erzählen, doch alle vier waren für mich Sympathieträger. Sie sind sich sehr unterschiedlich und eine skurril zusammengewürfelte Truppe, auch wenn man das nicht falsch verstehen sollte – anfangs kennen sich gar nicht alle und erst nach und nach zeigt sich, wie sie in der Geschichte miteinander verbandelt sind, bzw werden. Doch eins eint sie: jeder hat vor etwas Angst: der Vergangenheit, dem Alleinsein, vor der Bloßstellung, vor Hunden usw. Alltägliche Ängste, wovon jeder welche hat. Es gibt wohl kaum Menschen, die keine Angst haben, nur viele wissen damit umzugehen. Alle vier leben in einem sehr fragilen Leben, welches schon durch kleine Geschehnisse ins Wanken kommt und ihre alltägliche Normalität bedroht.

Und diese Bedrohung ist es eben, die den Thriller – oder ich will es lieber Spannungsroman nennen – zu etwas besonderem macht. Es sind vielleicht nur kleine Dinge, vielleicht unbedacht, vielleicht nicht, aber sie können das sorgfältig aufgebaute Leben einstürzen lassen. Natürlich kann die Autorin aber auch mit handfesteren Themen punkten, die sie eingebaut hat. Es geht um Wohnungsbaupolitik, nur am Rande, aber nicht unwesentlich für die Geschichte, um verpfuschte Kindheiten und unglückliche Erben, um Selbständigkeit, Freundschaft und das Glück im Kleinen.

Und doch endet das Buch für mich mit einer Ungewissheit, denn eine der Protagonisten ist eine unzuverlässige Erzählerin  – und wer garantiert mir, dass die anderen dies nicht auch sind? So frage ich mich, wie viel Innenleben der Protagonisten die Autorin preis gegeben hat und wie viel sie zurückgehalten hat. Und damit weckt sie Gedanken, die ich mir am Ende des Buches stelle und mich noch weit nach der Lektüre beschäftigen. So wie es ein gutes Buch ja auch soll.

Fazit:
Für mich sind Anne Goldmanns Spannungsromane immer ein absolutes Highlight.. Ich liebe die Art, wie sie eine bedrohliche Atmosphäre schafft und darin ganz normale Menschen darum kämpfen, ihre kleine Normalität wieder zu erlangen, zumindest soweit möglich. Das alltägliche Leben kann eben viel bedrohlicher sein als jeglicher erdachte Serienkiller – und mir persönlich macht das auch viel mehr Spaß zum Lesen. Ein grandioses Leseerlebnis und somit nur zu empfehlen.

Weiterführende Links zu meinen Rezensionen von Anne Goldmann:

Sowie die Links zu den beiden Interviews mit Anne Goldmann:


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Katz und Maus: Moder – Garry Disher

Garry Disher – Moder // Verlag: Pulpmaster // Übersetzung: Ango Laina und Angelika Müller // 300 Seiten // ISBN: 978-3946582069

Hach, was haben diese Verbrecher nur, dass sie so anziehend sind?
Also natürlich nicht in echt… aber literarisch kann ich den meisten von ihnen durchaus was abgewinnen. Bestes Beispiel hierfür ist Garry Disher’s Wyatt. Ein Einbrecher, der seinesgleichen sucht. Ein Mann, der in der Masse verschwindet, nie lange an einem Ort bleibt. Einer, der sich nicht von großen Mengen blenden lässt, der genau weiß, wieviel Einsatz sich für wieviel Kohle lohnt. Der weiß, welche Aufträge er lieber ablehnt und welche “Kollegen” er eher nicht in seinem Team haben will. Nicht falsch verstehen – Gewalt gehört auch zu seinem Repertoire, aber eben nicht ohne Grund. Aber der Autor kann auch die andere Seite, die gute Seite, die Ritter für Recht und Ordnung. Das beweist er nicht nur mit seinen anderen beiden Reihen um Inspector Challis sowie Constable Hirschhausen. Aber mehr Kitzel für den Leser verspricht doch eher die Gegenseite.
Allerdings – in diesem Wyatt Krimi kombiniert der Autor gekonnt.

Der Begriff “Ponzi-Schema” war mir relativ unbekannt, aber so gut wie jeder kennt ja das Schneeballsystem. Die beiden Systeme funktionieren ähnlich, aber mit wenigen Unterschieden. Am Ende verlieren aber einfach viele ehrliche Leute Geld, während die Gründer des Systems gut absahnen. Es sei denn natürlich, sie werden erwischt. So geschehen bei Jack Tremayne und seinem Partner Kyle Roden. Während Roden schon im Gefägnis schmort, kann sich Tremayne noch rausreden und scheint einen Notgroschen gebunkert zu haben. Dies kommt Wyatt durch seinen Kollegen Sam Kramer zu Ohren. Dieser sitzt zwar gerade im Gefängnis, doch ist gut vernetzt. So dass er Wyatt desöfteren Informationen zuspielt und Wyatt im Gegenzug einen Teil der Beute für Kramers Familie zurücklegt.

Dies hört sich nach einer Win-Win-Situation an… na gut, nicht für Tremayne, aber ihr wisst schon…. Jedenfalls ist es aber natürlich nie so gut, wie es aussieht. Zum einen erfährt Nick Lazar von dem Tremayne Coup und will ein Scheffelchen, am besten aber alles davon, abhaben. Zum anderen taucht Wyatt tatsächlich auf dem Radar der Polizei auf, und zwar bei dem von Vorgesetzten nicht sehr beliebten, aber gründlichen  Detective Sergeant Greg Muecke.

Ich gebe zu, ich kenne immer noch nicht alle Wyatt Krimis, wobei ich sie natürlich schön säuberlich in meinem Regal horte, doch das stört die Lektüre des neusten Teils der Reihe keineswegs. Das Ponzi-System von Tremayne ist der Aufhänger, doch natürlich geht es Wyatt einzig und allein darum, Tremayne um seinen millionenschweren Notgroschen zu erleichtern. Dabei ist gar nicht klar, ob er überhaupt millionenschwer ist. Tatsächlich ist Wyatts Arbeit an sich auch nicht super spannend, es geht viel um Observierungen. Nichtsdestotrotz kommt hier Wyatts ganzes Können zum Vorschein, besonders seine Begabung mit der Umgebung zu verschmelzen, quasi unsichtbar zu sein oder auch bei einer kleinen Ungereimtheit, die ihm auffällt, sofort seine Basis aufzugeben und sich zu entfernen.

Und auch wenn der Klappentext eher auf das Ringen zweier Verbrecher – Wyatt und Lazar – um die Millionenbeute anspielt, finde ich das Umkreisen von Wyatt und Muecke viel spannender. Ja, wirklich – ich mag Detective Sergeant Muecke, er ist ein gelungener Gegenpart zu Wyatt. Von seinen Kollegen vermutlich eher als altbacken, pedantisch und vorschriftengetreu verschrien, hat der Mann halt einfach einen guten Riecher. Völlig frei von der Last die Karriereleiter hochfallen zu müssen, macht er saugute Detektivarbeit. Und dabei ist er – auch wenn es sich seltsam anhört – genauso ein Profi wie Wyatt. Es ist ein herrliches Katz und Maus Spiel, welches duch die Nebenfiguren den letzten Schliff erhält und von zwei wichtigen Fragen vorangetrieben wird: hat Tremayne einen Notgroschen und wenn ja, wo?

Fazit:
Ich kann bei den Wyatt Krimis bisher keine Qualitätseinbrüche feststellen, es sind immer gelungene Einblicke in Wyatts Verbrecherleben. Diesmal mit einem galanten Katz-und-Maus-Spiel mit DS Muecke untermalt. Grandiose Krimiunterhaltung!


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Sanfte Debakel – Yanick Lahens

Yanick Lahens – Sanfte Debakel, Übersetzung: Peter Trier, Verlag: Litradukt, 160 Seiten, ISBN: 978-3940435378

Wenn ich an den Litradukt Verlag denke, dann kommt mir immer Gary Victor in den Sinn. Nun gut, vor einer Weile gab es auch einen Krimi von Raphaël Confiant, doch Gary Victor mit seinem Inspektor Dieuswalwe Azémar ist schon die sehr bestimmende Gallionsfigur der bisher ins Deutsche übersetzten, haitianischen Kriminalliteratur des Verlags. Wenn nun also der erste Krimi aus weiblicher haitianischer Hand auftaucht, bin ich natürlich entsprechend neugierig. Aber ob sich nun die “sanften Debakel” wirklich in das Genre Krimi einordnen lassen, sei dahingestellt. Nichtsdestotrotz zeigen Yanick Lahens “sanfte Debakel” die kleine Insel Haiti aus einer ganz anderen Perspektive rund um den Mordfall Berthier.

Richter Raymond Berthier wurde ermordet. Noch Monate später sind seine Frau und seine Tochter Brune erschüttert. Brune versucht den Tod ihres Vaters mithilfe ihrer Musik zu verarbeiten, außerdem versucht sie mit ihrem Onkel Pierre Einblick in die Ermittlungsakten zu erhalten. Um die beiden herum, eine Gruppe von jungen Leuten, ein Journalist, ein Revolutionär, ein Poet und ein Anwalt. Nur nach und nach zeigen sich die Zusammenhänge um Richter Berthiers Tod und den Tathergang, der, wenn auch nicht gesühnt, doch enthüllt wird.

Während ich Gary Victors Blick auf Haiti hart und unverstellt, bisweilen sogar niederschmetternd empfinde, womit er natürlich hervorragend eine Noir-Krimi transportiert, ist Yanick Lahens Blick ganz anders. Durch die kleine verschworene Gemeinschaft um Brune Berthier und ihren Onkel Pierre erlebt man die Insel dunkel, aber pulsierend. In einer innigen, poetischen Sprache zeigen die einzelnen Mitglieder der Gruppe ihren Blick auf die Insel. Es fühlt sich lebendig und pochend an, aber immer unterlegt mit einem Hauch von Gefahr und Kriminalität. Auch wenn man nicht direkt an irgendwelchen Ermittlungen beteiligt ist, bzw. davon auch nur wenig stattfindet, entwickelt die Geschichte einen Sog und erzählt einem so nebenbei, wie der Mord an Richter Raymond Berthier statt gefunden hat und warum. Dabei ist es aber viel wichtiger, die Hintergründe hervorspitzen zu lassen. Und hier ähneln sich die Geschichten der haitianischen Autoren, zeigt doch auch Yanick Lahens die kriminelle und korrupte Struktur der kleinen Insel, die bis in die tiefsten Verästelungen reicht und bei der man sich fragen muss, ob es Haiti überhaupt jemals möglich sein wird, diese Ketten irgendwann abzuwerfen.

Gleichzeitig zeigt die Geschichte aber auch die vielfältige Kultur der Insel. Allen voran die Musik, hauptsächlich vertreten durch Brune Berthier Gesand, genauso dunkel und pulsierend wie Haiti. Aber eben auch die Gastfreundschaft, das Essen und den Zusammenhalt, welche die Insel ausmachen. Mit ihrer poetischen Art erzeugt die Autorin dabei ständig Bilder, versetzt mit Musikfetzen, die einem vor Augen erscheinen. Durch das pulsierende Leben, welches die Geschichte trägt und auch die Korruptheit, mit welcher die Insel durchzogen ist, entsteht eine soghafte Wirkung. Ein Blick auf ein Port-au-Prince und seine Bewohner, wie wir sie von Gary Victor kennen, aber eben doch ganz anders. Yanick Lahens verleiht der Stadt und den Haitianern eine poetische Tiefe sowie eine pulsierende Lebendigkeit, die seinesgleichen sucht.

Fazit:
Ein kleines Stück Haiti, exemplarisch an einen Mordfall gelehnt. Dunkel, satt und kräfigt, mit schlagendem Puls und lauernder Gefahr.


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Die andere Seite von Portugal: Die Mauern von Porto – Mario Lima


Mario Lima – Die Mauern von Porto
Verlag: Heyne
364 Seiten
ISBN: 978-3453441132

 

 

 

 

„Ich verstehe vollkommen, dass sie kein Vertrauen in die Justiz haben. Das habe ich auch nicht. Das kann man auch nicht haben. Es stimmt ja alles, was gesagt wird: Es gibt eine Justiz für die Reichen und eine für die Armen. Das ist einfach so, es lässt sich nicht leugnen. Jeden Tag kann man sehen, dass die Reichen und Mächtigen straffrei bleiben. Dass unsere Justiz die Korruption schützt, weil sie selbst korrupt ist.“ (S. 298)

Inspektor Fonseca und sein Team ermitteln in einem Jahre zurückliegenden Mordfall. Ein Brand hat im Bairro da Sé, einem der ältesten Stadtteile von Porto, zwei zugemauerte Skelette offen gelegt – eine Frau und ein Mädchen. Das Viertel ist heruntergekommen, die Bewohner von damals längst weggezogen oder verstorben. Und die Alten, die etwas wissen könnten, schweigen. Ein schwieriger Fall, an dem sich vor allem Ana und Tété, die neue Kollegin im Team, festgebissen haben. Die Morde sind lange her und die Ermittlungen nicht nur schwierig, die Ermittler bekommen auch ganze Felsbrocken in den Weg gelegt. Bleibt der Fall etwa ungelöst?

Getarnt als Urlaubskrimi beinhaltet der neue Fall um Inspektor Fonseca und sein Team wieder einen ausgefeilten Kriminalfall in Porto, der sich zum Glück eben gar nicht nach Urlaub anfühlt. Bevor wir allerdings dazu kommen, werfen wir einen Blick auf die neue Kollegin: Tété. Tatsächlich hat sie es mir besonders angetan in dem neuen Fall. Vielleicht weil sie die erste aus dem Team ist, über die man mehr erfährt, eine Hintergrundgeschichte, etwas Privates. Aber vermutlich eher, da ihre Vergangenheit mit der Geschichte Portugals verflochten ist und so ein Einblick in ein weiteres Thema geboten wird. Tété stammt nämlich ursprünglich aus Angola, der ehemaligen Kolonie von Portugal, und wurde, aufgrund der Auswirkungen der Nelkenrevolution mit ihrer Familie von dort vertrieben. Für das Ermittlungsteam ist sie aber auch eine Bereicherung, denn vormals arbeitete sie in der Anti-Korruptionseinheit in Lissabon. Von dort bringt sie nicht nur Wissen, sondern auch eine gewisse Verbitterung mit, denn Korruptionsfälle werden eher alibimäßig untersucht, so dass sie jetzt voller Tatendrang in der neuen Aufgabe aufgeht.

Der Kriminalfall selbst ist diesmal nicht ganz so weitreichend gestrickt wie im letzten Fall “Tod in Porto” – wer den noch nicht kennt, sollte das unbedingt ändern – dafür kann er aber mit anderen Dingen punkten. Die Ermittlungen rücken nicht in den Hintergrund, teilen sich aber die Aufmerksamkeit mit den Perspektiven eines Opfers und mit der des Täters. Und natürlich ist es eine Herausforderung, an einem Fall zu arbeiten, bei dem nur noch skelettierte Knochen und ein paar Kleiderreste übrig sind. Desweiteren macht ein juristischer Umstand den Fall erst mal komplett zu nichte, denn als herauskommt, wie alt die Knochen sind, wird der Fall eingestellt. Ein Umstand, der mir so nicht bekannt war, doch anscheinend ist ein Mord in Portugal schon nach 15 Jahren verjährt. Diese Tatsache hat mich viel nachdenken und auch recherchieren lassen – wobei ich so gut wie nichts über Portugal gefunden habe, aber mich dafür in die Situation in Deutschland eingelesen habe. Ja, wir haben auch Verjährungsfristen, doch Mord verjährt bei uns nicht, zumindest nicht mehr – das wurde geändert. Gut so! Und keine Sorge um den Kriminalfall – diesen Umstand löst der Autor mit einem Kniff, der die Ermittlungen neu beflügelt.

Trotzdem sind die Ermittlungen mitunter stecken geblieben oder gehen eben nur langsam voran, ja, hier sind wir wohl ganz nah an der Realität. Ermittlungsarbeit geht eben nicht immer nur voran, sondern stockt auch mal. Besonders wenn der Fall eben ein “Cold Case” ist. Das ist authentisch, aber mitunter für den Leser mal nicht so angenehm. Nichtsdestotrotz hat es der Autor geschafft, diese Durststrecken durch die Opfer-/Tätersicht gut auszugleichen und auch die neue Kollegin Tété hat hier einiges dazu getan. Ich fand das Buch durchgehend spannend und bin durch die Seiten geflogen.

Porto als Schauplatz finde ich grandios. Ich weiß leider nicht mehr, in welchem Zusammenhang ich es gehört habe, aber man sagt wohl, dass in Porto das Geld verdient wird, welches in Lissabon ausgegeben wird. So mag Porto zuerst wie die kleine Schwester Lissabons wirken, doch die Stadt hat viel zu bieten. Durch die Verbindung des Falles in den Stadtteil Bairro da Sé lernt man die Stadt abseits von ausgetretenen Pfaden kennen und bekommt ein Gefühl für die Leute und das Leben dort. Hier merkt man deutlich, dass der Autor in Portugal lebt und nicht nur aus Touristensicht die Stadt beschreibt.

Und ganz besonders freue ich mich, dass meine kleine Kritik am letzten Band der Serie zu einer Anmerkung über portugiesische Namen geführt hat, aus der ich sogar wieder etwas neues gelernt habe.

Fazit:
Ein weiterer gelungener Fall aus Porto, dem Herzen Portugals, und mit dem Team um Inspektor Fonseca. Da es viel zu wenig Krimiserien aus Portugal gibt – ich kenn nur eine 😉 – bin ich definitiv dafür, dass das Team hoffentlich bald wieder ermittelt!


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Marseille.73 – Dominique Manotti


Dominique Manotti – Marseille.73
Verlag: Argument Verlag
Übersetzerin: Iris Konopik
397 Seiten (inkl. Glossar, Personenverzeichnis und Nachbemerkung)
ISBN: 978-3867542470

 

 

 

“Die Stadt stinkt vor Straflosigkeit und Gewalt, Grimbert. Straflosigkeit gebiert Gewalt.” (Seite 377)

In den siebziger Jahren schwelt es in ganz Frankreich, doch in Marseille ganz besonders. Hier ist der Mord an einem Busfahrer der Auslöser für rassistische Übergriffe auf nicht-französisch stämmige Menschen, allen voran denjenigen aus Algerien. Ein junger Mann, Malek Khider, wird vor einem Café niedergeschossen. Die Polizei ermittelt schlampig, verzögert und hofft darauf, dass der Fall bald kalt wird und zu den Akten kommt. Pech für die Polizei ist allerdings, dass da der Neue ist, Commissaire Daquin, kein Marseiller. Der jedenfalls untersucht mit seinem Team gerade die Aktivitäten der UFRA (Vereinigung der französischen Algerienheimkehrer), die sich am Rande der Legalität bewegen und viele der UFRA Mitglieder sind Polizisten. Wie gut, dass sich hier Überschneidungen mit dem Mordfall Khhider ergeben, denn so kann Daquin mit seinem Team beide Ermittlungen vorantreiben.

Zugegeben, es ist mir ein wenig schwer gefallen, in die Geschichte reinzukommen. Wie das häufig so bei Dominique Manotti ist, macht sie es dem Leser nicht einfach. Sie schreibt keine Krimis für Zwischendurch, kein Fast Food – hier benötigt man schon ein wenig Aufmerksamkeit. Dabei hat sich die Autorin wieder ein spannendes Thema ausgesucht, welches durch Verstrickungen in die Vergangenheit, politische Verflechtungen und Korruption, aber auch auf dem blinden Auge der Polizei und Justiz beruht. Dies komplex zu nennen, wäre untertrieben. Nichtsdestotrotz liefert einem das Buch alle Hintergründe, die benötigt werden, um der spannenden Ermittlung zu folgen. Den Einstieg macht ein Prolog, der die aktuelle Situation in Frankreich der 70er Jahre aufzeigt und einen Erlass erklärt, welcher viele Migranten zu Illegalen erklärt. Doch dies ist erst der Startschuss, es folgt ein breit gefächertes Bild der Situation in Frankreich, natürlich verpackt in die Ereignisse um den Tod des Busfahrers und Malek Khiders.

Und tatsächlich schreiten die Ermittlungen in der ersten Hälfte des Krimis auch eher schleppend voran. Das ist zum einen so, weil die Surete keinerlei Interesse daran hat, den Tod von Malek Khider aufzuklären, und Daquins Team seine Ermittlungen um die UFRA umsichtig planen muss, um hier politisch in keine Fettnäpfchen zu treten und ihre Ermittlungen vor den Kollegen geheim zu halten, zum anderen aber auch, da vielfach die Ermittlungen erst mal gar nicht im Fokus stehen, sondern die Ereignisse vor, während und nach Malek Khiders Tod: Die Vorbereitungen und Ränkespiele der Rechten, aber auch der Linken sowie die Vertuschungsversuche der Polizei und Justiz.

Hierbei streut die Autorin viele Hintergründe, aber auch Organisationen und Strömungen, ein, die mir so gar nicht bekannt waren. Ungemein hilfreich ist hier das Personenverzeichnis und das Glossar am Ende des Buches. Gerade zu Beginn der Geschichte , aber auch später hab ich da gerne nochmal drin geblättert. Ich war in der ersten Hälfte des Buches schlicht überwältigt von der Vielzahl der Informationen und dem weit verzweigten Strukturen, die zeigen, wie alles miteinander zusammenhängt und mir hat der Kopf gebrummt.

Ja, das mag herausfordernd sein, aber es ist schlicht und einfach nötig, um den beiden Ermittlungen die erforderliche Brisanz und Gewichtung zu geben. Die Ermittlungen haben politische und gesellschaftliche Auswirkungen und wollen in Gänze verstanden werden. Aber keine Sorge – ab der Hälfte des Buches nehmen dann auch Daquins Ermittlungen Fahrt auf. Ab hier bin ich nur so durch die Seiten geflogen und wollte endlich wissen, wie Daquin die Übeltäter rankriegt. Nebenbei hab ich Zustände bekommen, über die Polizei und was für ein übler Haufen das eigentlich ist. Jeder scheint nur um sein eigenes Schäfchen im Trockenen besorgt zu sein, keiner will durchgreifen oder angreifen, um nur ja sein Ansehen, seine Position oder seine Pension nicht zu gefährden. Einzige Ausnahme scheint hier Daquin und sein Team zu sein.

Madame Manotti macht es einem also nicht leicht – bei der Lektüre muss man gleich von Beginn an sehr aufmerksam lesen, um die Zusammenhänge zu verstehen und alle Beteiligten mitzubekommen. Aber es lohnt sich, diese anfängliche hohe Aufmerksamkeit auf sich zu nehmen, denn im Gesamtbild bekommt man einen höchst spannenden, politisch verstrickten und pointierten Kriminalroman. Und dies gelingt der Autorin in ihrem gewohnten, knappen aber präzisen Schreibstil. Hier ist kein Wort zu viel und keins zu wenig, mitunter wirkt das fast schon kühl. Mit dieser Art des Schreibens verleiht sie den Geschehnissen noch mehr Realität, als es die Hintergründe, die sie hier fein ziseliert aufbereitet, eh schon tun. Natürlich ist es eine erfundene Geschichte, doch kein Zweifel, genauso hätte sie stattfinden können.

Die Fremdenfeindlichkeit nimmt mehr und mehr zu und scheint gleichzeitig ungebrochen. Ich wusste bisher nichts darüber, wie dieses Thema in Frankreich in den 70ern hochgekocht ist, doch natürlich sind mir Ereignisse aus der deutschen Vergangenheit, wie z. B. die NSU Morde, im Gedächtnis. Und das Thema kocht weiter, befeuert durch Populisten und Rechte. Es scheint, wir als Gesellschaft, können uns diesem Hass nicht entledigen. Wir lernen nicht aus der Geschichte, sondern machen weiterhin schön immer die gleichen Fehler. So bleibt nach der Lektüre des Buches das Gefühl einen wahnsinnig guten Krimi gelesen zu haben, aber auch das Erschrecken, dass die Realität leider gar nicht so weit davon entfernt ist.


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Shorty | 617 Grad Celsius – Horst Eckert


Horst Eckert – 617 Grad Celsius
Verlag: Grafit Verlag
316 Seiten
ISBN: 978-3894252977

 

 

 

 

 

Worum geht es?
Anna Winkler kehrt nach einem Jahr im Polizei-Austauschprogramm in Bosnien wieder nach Hause zurück. Dort wird sie gleich zur Bereitschaft in der Mordkommission eingeteilt und ist die Glückliche, die mitten in der Nacht zu einem Einsatz gerufen wird: ein Haus ist explodiert. Anfangs noch glimpflich eingestuft, da das Haus gerade leer und im Umbau war, werden nach und nach die Leichen der illegalen ausländischen Bauarbeiter, die dort übernachtet haben, in der Ruine gefunden. Als dann auch noch die Leiche eines Kunstprofessors gefunden wird, ist Annas Expertise gefragt. Anna muss allerdings in dieser Ermittlung einiges schlucken, denn der Fall scheint eine Verbindung in ihre Vergangenheit aber auch in die Vergangenheit ihres Vaters zu haben.

Einer wie der andere?
Hmm…. Ich bin erst durch “Wolfsspinne” auf Horst Eckert aufmerksam geworden und nachdem ich nun die neueren Krimis alle durch habe, bin ich jetzt scharf auf die Backlist des Autors, unter anderem eben diesen hier. Ich glaube, der vorliegende Teil ist keine Serie, doch das Kommissariat und einige der Kollegen kommen mir doch sehr bekannt vor, denn auch bei Veih gibt es z. B. Ela Bach. Der Fall ist aber auf jeden Fall ohne Vorkenntnisee weiterer Krimis von Herrn Eckert zu lesen.

Opfer, Tat und Täter
Die toten Bauarbeiter sind tatsächlich nur Nebensache – irgendwie erschreckend. Der Fall dreht sich um den Kunstprofessor, und zwei weitere Menschen, die tot sind, einer schon länger, einer noch nicht so lange. Der Täter kam für mich überraschend, ich habe wirklich lange Zeit gedacht, dass… nun ja.

Themen
Horst Eckert hat hier wirklich viele Themen untergebracht: Politik und Kohle, Vetternwirtschaft und schwarze Konten, Homophobie und zu viel guten Willen, Beeinflussung und Korruption. Aber letztendlich geht es nur um eins: Macht und Machterhalt.

Was war gut?
Diese vielen Themen hat Horst Eckert in ein weitreichendes Geflecht verpackt, so dass Anna an vielen Ecken ziehen muss, um es aufzudröseln. Spannend, wie dann ein zweiter, eigentlich abgeschlossener Fall auftaucht und Verbindungen zum aktuellen Fall haben. Gut gefallen hat mir auch, dass Anna nicht unfehlbar ist, sondern selbst aufgrund Fehlverhalten suspendiert wird – verdient, aber natürlich lässt sie sich dadurch nur bedingt vom Ermitteln im aktuellen Fall abhalten. Eine Ermittlung, die sie sauber aufdröselt, die aber ganz nebenbei ihr Leben von Grund auf verändert. Puh, großes Kino.

Was war schlecht?
Am Anfang bin ich ein wenig mit den verschiedenen Zeitebenen durcheinander gekommen. Zwar werden die Jahreszahlen am Anfang immer genannt, aber bis ich mal alle Beteiligten drauf hatte und wie sie in welchem Zeitabschnitt verbandelt sind… ein wenig hat es gedauert, aber nicht lange. Zumal die Ausflüge in die Vergangenheit nach und nach weniger werden und der Sog der aktuellen Ermittlung zunimmt.

FAZIT:
Eine wirklich gute Entscheidung, in die Backlist von Horst Eckert reinzulesen – das kann ich nur jedem empfehlen!


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Verflechtungen: Götter und Tiere – Denise Mina


Denise Mina – Götter und Tiere
Übersetzerin: Karen Gerwig
Verlag: Argument Verlag
346 Seiten
ISBN: 978-3867542463

 

 

 

Trotz schwierigen Umständen dieses Jahr, ist auf eine Sache Verlass: der Argument Verlag bringt in seiner Ariadne Reihe auf jeden Fall so um die 4-6 höchst feine, geniale und absolut lesenswerte Kriminalromane heraus, natürlich aus der Feder von Autorinnen. Denise Mina ist und wird hier in Deutschland immer noch unterschätzt und “läuft” nicht so gut in Buchhandlungen – sehr unverständlich, denn die “Queen of Tartan Noir” schreibt ganz hervorragende Krimis, die aus dem Einheitsbrei des Genres herausstechen und definitiv mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Zugegeben, ein klitzekleines Bisschen mag ich die Standalones von Denise Mina mehr als ihre Reihe um Alex Morrow. Zum einen, weil ich gar wunderbar “Klare Sache” noch im Kopf habe und den wirklich unheimlich gut fand, zum anderen aber vermutlich auch, weil die Reihe um Alex Morrow so lose bzw. durcheinander in Deutschland veröffentlicht wird. Nachdem der Argument Verlag aber letztes Jahr “Blut Salz Wasser” herausgebracht hat, komplettiert er mit “Götter und Tiere”, dem dritten Teil der bisher fünf Teile umfassenden Reihe, die deutsche Übersetzung.  Nichtsdestotrotz sind die Fälle um DS Alex Morrow unabhängig und müssen nicht der Reihe nach gelesen werden. Und by the way, Paddy Meehan, eine weitere Protagonistin, um die Denise Mina eine drei Bände umfassende Reihe gestrickt hat, hat hier einen Cameo-Auftritt.

Nun aber zur eigentlichen Geschichte: ein Mann überfällt kurz vor Weihnachten eine Postfiliale. Was als Raubüberfall startet, wird zu einem Desaster, als der Täter einen Mann erschießt und flieht. DS Alex Morrow und ihr Kollege DC Harris untersuchen den Fall und sind zutiefst darüber verwundet, warum der Tote, bevor er vom Täter erschossen wurde, diesem geholfen hat. Der Rentner war gemeinsam mit seinem Enkel in der Bank und schiebt diesem dem nächsten Kunden zu, derweil er mit dem Täter gemeinsame Sache zu machen scheint. Warum?

Beleuchtet wird die Ermittlung nicht nur aus DS Alex Morrows Sicht, sondern auch aus Sicht von Martin, dem Kunden, der den Enkel des Toten in Obhut genommen hat. Dieser hat selbst ein Geheimnis und erscheint DS Morrow höchst suspekt. Derweil folgt man noch DC Tamsin Leonard und ihrem Partner, zwei Mitarbeiter in Morrows Team, die einem ganz anderen Hinterhalt auflaufen, aber auch Kenny Gallagher, einem Politiker, der über seine Vorliebe zu jungen Mädchen stolpert.

Mit dieser Mixtur liefert Denise Mina wieder ein weites Spektrum an Charakteren, die nicht nur in loser Weise durch den Raubüberfall miteinander verbandelt sind, sondern auch vom reichen Erben über den unmoralischen Politiker, bis zum Arbeiter im kommunistischen Kampf um Arbeitsrechte reichen. Es gibt hier kein Gut und kein Böse, irgendwie kann man jeden verstehen und sich in ihn/sie hineinversetzen, aber alle haben Fehler, keiner ist perfekt. Eben genauso wie im richtigen Leben. Sogar von DS Morrow sieht man weiche Seiten, denn sie kann eben nicht nur taffe Polizisten, sondern auch Ehefrau und Mutter von Zwillingen. Das funktioniert natürlich nur mit guter Organisation und einem Mann, der sie nicht mit allen Pflichten allein lässt, so dass sich Morrow in diesen Tagen auf den Fall konzentrieren kann, um ihn, wenn möglich, vor Weihnachten abzuschließen, um mit ihren Lieben die Festtage zu verbringen.

Denise Mina zeigt ein Schottland abseits von touristischen Pfaden, ein Land, das genauso seine Schattenseiten hat, wie jedes andere Land. Kein verklärter Blick, sondern schlicht und einfach Realität. Ja, ein düsteres Bild, aber ein interessantes, ein erschreckendes, ein lesenswertes Bild von Schottland. Hierhinein pflanzt sie ein Fall, der wie meistens bei Denise Mina, eben nicht einfach zu durchschauen ist, aber dafür einen unheimlichen Sog aufbaut, während man Alex Morrow dabei folgt, die einzelnen Stränge des Geflechts freizulegen. Es geht um Politik und Korruption, einen Maulwurf, und ja, es geht um Taxis. Uff, was ein Fall!

Fazit:
Ein Krimi, bei dem einfach alles stimmt – Setting, Fall und Charaktere. Denise Mina wird eben nicht umsonst als eine Meisterin ihres Faches bezeichnet.  Bitte lest die Krimis um Alex Morrow – wem aber momentan nicht nach einer Reihe ist, kann ich nur nochmal “Klare Sache” ans Herz legen. Beide Krimis (aber auch alle anderen Bücher) der Autorin sind einfach nur wunderbar lesenswert! Ganz klare Empfehlung!