Die dunklen Felle

Krimis, Schafe – und Felle.


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Sonnensattes Weizenland: Am roten Fluss – Marcie Rendon


Marcie Rendon – Am roten Fluss
Verlag: Argument
Übersetzerinnen: Laudan & Szelinski
214 Seiten
ISBN: 978-3867542296

 

 

 

 

Mit dem Schlagwort „Country Noir“ ist dieser Krimi in der Verlagsvorschau des Argumentverlages aufgetaucht. Und gespannt wie ein Flitzebogen war ich, denn es ist doch selten bzw. fast unmöglich, über eine Autorin zu stolpern, die dieses Genre bedient. Und bevor nun jeder über mich herfällt – ich kenne zumindest keine andere Autorin aus dem Country Noir, die ins Deutsche übersetzt wurde und den englischsprachigen Raum kenne ich so gut wie gar nicht, so dass man mir hier lieber Tipps geben sollte, wenn denn welche bekannt sind, als sich darüber zu mokieren. Und auch wenn der (eben zumeist männliche) Country Noir von vielen meiner geschätzten Krimibloggerkollegen hoch gelobt wird, mich konnte er bisher nicht abholen. Jetzt also ein Versuch mit Autorin und Protagonistin – von meiner Seite aus ein gelungener Versuch!

Zugegebenermaßen ist die Protagonistin Renee Blackbear, von allen nur Cash genannt, ein kleiner Wildfang. Ungestüm und eigensinnig boxt sie sich schon seit Jahren alleine durchs Leben, von Pflegefamilie zu Pflegefamilie geschoben und als Arbeitskraft missbraucht, so dass es nicht verwundert, dass Cash alsbald auf eigenen Beinen stehen will. Im Weizengürtel gelingt dies mit harter Arbeit auf den Weizenfeldern – zumindest wenn man nicht heiraten und Farmersfrau werden will. Da der Weizen aber nun nicht immer Saison hat, poliert die Neunzehnjährige ihr Gehalt mit Poolturnieren auf, bei denen das Bier zwar massig fließt, aber Cash eben auch ihrem Spitznamen gerecht wird und mächtig einsackt. Sie ist etwas zwischen Göre und alter Frau, rotzfrech, aber arbeitsam hat sie sich den Respekt der Arbeiter verdient. Sie kann zupacken und gehört – auf dem Feld – zu den Männern. In anderen Bereichen sieht das schon wieder anders aus.

Mit dazu schwingt natürlich ihre indianische Herkunft. Diese spielt auch eine Rolle, als die Leiche eines Indianers auf einem abgeernteten Feld auftaucht. Nicht nur Cash ist interessiert, sondern auch der Sheriff erhofft sich ihre Mithilfe. Hier muss ich erwähnen, dass sich der Kriminalfall nicht als sonderlich knifflig herausstellt und die Verbrecherjagd auch eher in Grenzen hält, doch hervorragend gelingt es der Autorin die Zerrissenheit und Zwiespälte zwischen Weißen und Indianern aufzuzeigen. Die Indianer, die in Reservaten leben und zum Arbeiten zu den Farmen fahren und ihre Familien zurücklassen, die Kultur aber auch die Alkoholabhängigkeit, an der auch Cash nicht wenig leidet, die zerrissenen Familien und zertrampelten Traditionen, die Vorurteile – all das findet sich in der Krimigeschichte, aber auch in Cash. In ihrer eigenen Geschichte, aber auch in der ihrer Mutter.

Neben Cash ist definitiv – und das gehört sich dann auch so in einem Country Noir – das Land die zweite, aber gleichrangige Protagonistin. Wenn man ein Buch liest und man schon fast das Spreu aus den Seiten fliegen sieht, die glühende Hitze spürt und den Geruch von Schweiß nach harter Arbeit riechen kann, dann, ja dann ist eine Landschaft beim Leser angekommen. Weite, unendliche Weizenfelder, ein paar verstreute Orte, staubige Straßen, aber eben auch hartarbeitende Menschen, die dem Land alles abtrotzen, die abends in die ortsansässige Kneipe gehen und ansonsten nicht viel Lebensinhalt zu haben scheinen – dieses Lebensgefühl in einem so dünnen Buch verpackt zu kriegen, lässt einen durch den Text fliegen, neben der raubeinigen Cash, und den einfachen Krimifall wohlwollend ab nicken, weil er einfach grandios verpackt ist.

Fazit:
Kriminalistisch einfach gestrickt, dafür mit zwei Protagonistinnen, die einen umhauen: Cash, die rebellische Indianerin, und der sonnendurchtränkte Weizengürtel zwischen Dakota und Minnesota. Endlich ein Country Noir nach meinem Geschmack!

 

 

 

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Englischer Besuch: Mein Freund Maigret – Georges Simenon

Georges Simenon – Mein Freund Maigret
Verlag: Diogenes
Übersetzerin: Annerose Melter
203 Seiten
ISBN: 978-3257205060

Der Link führt zur maigret.de Webseite – ein direkter Link zum Buch auf der Verlagswebseite war leider nicht möglich, da das Buch momentan nur antiquarisch erhältlich ist.

 

Wenn man Proquerolles, welche Simenon genutzt hat, um dort seinen Krimi anzusiedeln, mal mit Google sucht erhält man wunderschöne Bilder von einer Ferieninsel an der Mittelmeerküste Frankreichs. Ein kleines Paradies, welches dazu einlädt eine Auszeit zu nehmen und die wunderschöne Landschaft zu genießen. Der Krimi ist allerdings zu einer Jahreszeit angesiedelt, als noch kaum Urlaubsgäste auf der Insel weilen, so dass der Kreis der Verdächtigen klein und überschaubar ist und zumeist aus Einheimischen besteht. Eine andere Funktion lässt Simenon der Insel nicht angedeihen, denn er tut einfach das, was er so wunderbar kann: er zeigt die Menschen.

Maigret ist genervt. Ein Engländer – Inspektor Pyke – wurde ihm an die Seite gestellt. Der soll die hoch gelobte Methode Maigrets studieren und diese mit nach England nehmen. Und eigentlich hält sich der Engländer vornehm zurück, doch auch das stört Maigret. Wer weiß schon, was der Insulaner so denkt? Zudem passiert gerade wenig, was es sich lohnt dem Engländer zu zeigen. Doch dann wird Maigret nach Proquerolles gerufen. Ein Mann, Marcel Pacaud, wurde ermordet – nachdem er in höchsten Tönen von seinem Freund Maigret geschwärmt hat. Dabei ist Pacaud ein Taugenichts, der denn auch hin und wieder im Gefängnis landete. Maigret hat sich allerdings um seine Freundin Ginette, eine Prostituierte, die an Tuberkulose erkrankt ist, gekümmert. Maigret macht sich, gemeinsam mit Pyke, auf nach Porquerolles, um den Mord zu lösen.

In Porquerolles trifft Maigret auf den eifrigen Polizisten Lechat, der ihm die Einheimischen, aber auch Zugreiste, die dauerhaft auf der Insel leben, bzw. auf Schiffen vor der Insel ankern, zum Verhör anreicht. Dieses Völkchen trifft sich abends in der Arche und hat Pacauds Lobeshymnen vernommen. Hier treffen sich die Ansässigen und die Aussteiger zum Abendessen und Trinken. Lechat führt Maigret alle zur Befragung vor und Maigret lässt es geschehen, um gut vor Pyke auszusehen, doch letztendlich kann er sich dann doch dazu durchringen, seinen Weg zu gehen. Er wandert über die Insel, unterhält sich hier und dort, manchmal mit Pyke als Anhang, aber auch mal ohne.

Die nebenbei geführten Gespräche bringen viel mehr als die Verhöre, die ja einen gezwungenen Charakter haben und schon per se von einigen mit Widerstand belohnt werden. Die Gespräche offenbaren Maigret nicht nur nach und nach das Motiv und den Mörder, sondern zeigen auch das gesellschaftliche Geflecht der Inselbewohner, ihre Gewohnheiten und Geheimnisse. Er zeigt die Menschen wie sie sind, ganz unterschiedlich, nie unfehlbar, immer eigen und einzigartig, selbst die Bedienung im Gasthaus. Und so bleibt Simenon seinem Stil treu und weiß damit doch zu bezaubern.

Ein Maigret Krimi ist wie ein Glas guter Wein – es spricht alle Sinne an und man muss es genießen, um das volle Aroma zu riechen und zu schmecken, man kann den Wein nicht einfach hinunter schütten. Es braucht Zeit, um sich zu entfalten, aber dann überzeugt es auf ganzer Linie.
So ist Simenons Stil und so ist auch Maigret. Auch er braucht eine Weile, doch dann ist er doch tatsächlich auch mit Pyke im Einklang und ganz in seinem Wesen wieder angekommen. Fragt er sich am Anfang ständig, was Pyke wohl denken mag, verliert sich das und er findet sich wieder, zeigt Pyke ganz unbewusst seine viel gerühmte Methode. Und überführt natürlich den Übeltäter. Bravo!

Fazit:
Ein Maigret, wie wir ihn kennen. Zwar bringt ihn der englische Besuch ein wenig aus dem Tritt, doch Maigret findet seine Methode wieder und weiß den Täter zu überführen. Ein wunderbares Buch – in einer traumhaften Kulisse, auch wenn diese nur im Hintergrund auftritt.

 


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Unknown: Und dann gab’s keines mehr – Agatha Christie


Agatha Christie – Und dann gab’s keines mehr
Verlag: Atlantik
Übersetzerin: Sabine Deitmer
223 Seiten
ISBN: 978-3455650716

 

 

 

 

War ja klar, oder? Egal nach welchem Thema man sich umsieht, Agatha Christie kann hierzu auf jeden Fall etwas bieten. Die Queen of Crime war eben vielfältig. Und so konnte sie natürlich auch nicht umhin einen Krimi auf einer Insel spielen zu lassen. Nicht unerheblich für die Krimihandlung ist der Kinderreim „Zehn kleine Negerlein“, doch ganz überzeugt bin ich nicht, dass der Name der Insel nicht hätte verändert werden können, wie der Verlag in einem kleinen Vorwort darlegt. Aber sei es drum – viel wichtiger ist die Handlung, die auf dieser kleinen Insel vor Devon stattfindet.

10 Personen aus den unterschiedlichsten Schichten – mit dabei ein Richter, ein ehemaliger Polizist, ein Butlerehepaar und eine Sekretärin – werden von U. N. Owen für eine Woche auf eine kleine Insel eingeladen. Als die Gäste auf der Insel eintreffen, müssen sie feststellen, dass ihr Gastgeber nicht da ist und sich verspätet, doch nach dem Dinner ertönt plötzlich eine Stimme, die jeden der Gäste des Mordes anklagt.  Nach aufgeregtem Geplapper und entrüstetem Verneinen der Vorwürfe stirbt der erste Gast an einem vergifteten Drink, die zweite Leiche wird am nächsten Morgen gefunden. Die Insel wird abgesucht, doch die Gäste sind allein – noch sind es acht. Doch einer von ihnen muss ein Mörder sein.

Es soll ja tatsächlich viele Menschen geben, die verbringen ihren Urlaub gerne mal auf einer abgeschiedenen Insel. Ruhe, Entspannung und Einsamkeit, höchstens noch unterbrochen durch lautlos herum wieselnde Hotelangestellte, damit man sich ja nicht mit dem Zubereiten von Speisen oder ähnlich Anstrengendem beschäftigen muss. Die haben alle dieses Buch noch nicht gelesen! Sollten die aber dringend! Nicht, dass die auf SO einer Insel landen. So einer Insel, wie Christie sie sich erdacht hat. Einsam, ja. Ruhig, na ja, nur kurzfristig. Entspannung schon gar nicht. Und der Service lässt mit der Zeit auch zu wünschen übrig. [hier bitte diabolisch lachen]

Der Täter, der die 10 Gäste auf die Insel lotst, macht das natürlich aus einem bestimmten Grund. Und er hat es lange geplant. Sehr gut geplant. Er macht die Insel zu einem angenehmen Ort, aber einem einsamen Ort, einem vom Festland abgeschnittenen Ort. Und startet dann sein Spiel mit den Gästen. Das perfide daran ist nicht, dass Leute sterben – gut, das ist natürlich schon auch böse – aber viel trickreicher ist, dass es dem Täter gelingt, unter den Verbliebenen mehr und mehr Misstrauen zu säen.

Zugegebenermaßen viel es mir anfangs ein wenig schwer bei den Figuren die richtigen Namen zuzuordnen, denn diese lernt man alle auf der Reise kennen, auf welcher sie darüber resümieren, wie sie zur Insel eingeladen worden sind. Auf der Insel dezimiert sich der Personenkreis ja dann nach und nach (ich denke damit verrate ich nicht zu viel – oder hat jemand erwartet, dass auch 10 Personen die Insel wieder verlassen????), so dass man sich zum einen nicht mehr so viele Namen merken musste und zum anderen es ja, hüstel, weniger werden.

Aufgebaut hat der Täter seine Morde an dem Kinderreim „Zehn kleine Negerlein“, der sich auch in jedem Zimmer der Gäste abgedruckt an der Wand befindet. Das erlaubt es nicht nur dem Leser, sich nach und nach zu überlegen und zu grübeln, wie der Täter den jeweiligen Reim auf das nächste Opfer anwenden will, sondern auch den Opfern. Dies sorgt mitunter dafür dass die Opfer sich hie und da sicher wiegen – ob der Unwahrscheinlichkeit, die Mordmethoden in den Versen zu erkennen –  andererseits aber an immer größer werdende Panik, vor allem bei jungen Damen.

Ein Paradestück ist Agatha Christie hier gelungen. Man mag es von der „Queen of Crime“ nicht anders erwarten, doch zusätzlich zur gewohnten Finesse des Kriminalfalls bietet die abgelegene und abgeschottete Insel den besonderen Reiz dieses Krimis, der dann auch mit einem überraschenden und ausgeklügelten Ende aufwarten kann.

Fazit:
Die „Queen of Crime“ in Bestform: ein gewohnt ausgefeilter Kriminalfall, der durch das Setting auf der Insel das Besondere verliehen bekommt. Hervorragend!


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Vielfältig meisterlich: Der Blutchor – Gary Victor


Gary Victor – Der Blutchor
Verlag: Litradukt
Übersetzer: Peter Trier
116 Seiten
ISBN: 978-3940435231

 

 

Wenn die Rheinzeitung zur Erstauflage von „Blutchor“ vor zehn Jahren schrieb: „Blutig (…), vom Wahnsinn beleckt und zugleich ungeheuer komisch – ein grausiges Vergnügen eben.“, dann, ja dann ist doch klar, dass das Buch unbedingt zu den dunklen Fellen gehört, oder? Zusätzlich ist die Neuauflage der Kurzgeschichtensammlung (welche jahrelang vergriffen war) ein Grund zu feiern, denn dieses Büchlein war das erste, welches der Litradukt-Verlag vor zehn Jahren nach seiner Gründung verlegt hat. Bevor ich also zu meiner ersten Rezension einer Kurzgeschichtensammlung komme, möchte ich dies zum Anlass nehmen und dem Litradukt-Verlag herzliche Glückwünsche übermitteln und natürlich weiterhin tolle Romane und Krimis von schon verlegten, aber auch neuen haitianischen Autorinnen und Autoren wünschen – auf die nächsten zehn Jahre! Gäbe es solches Engagement in kleinen und kleinsten Verlagen – und die Menschen, die hinter diesen Verlagen stehen – nicht, wäre die Literaturlandschaft in Deutschland viel flacher und eintöniger – deshalb meine eindringliche Bitte an alle meine Leser: schaut Euch auch immer bei diesen kleinen, wertvollen Verlagen um, wenn ihr neue Lektüre sucht. Es lohnt sich nicht nur, es bereichert, belebt und begeistert.

Nun aber zur Kurzgeschichtensammlung. Auf den 110 Seiten befinden sich die folgenden 8 Kurzgeschichten, die ich nun in wenigen Wörtern umreißen möchte, um nicht zu viel zu verraten:

Die Kokosnüsse – Wenn Geschichten wahr werden…
Kleinkriminalität – Der Koffer, den (k)einer will
Opfer – Ein Huhn wird ermordet
Die Hand – Nachbarschaftshilfe der anderen Art
Sainsous Pfeife – Rache auf Haitianisch
Der Blutchor –Die Nöte eines Jungen formen den Erwachsenen
Corneille Soissons Schwanz – Tail is money
Elias und der Mann mit den großen Händen – Träume werden wahr
Der Programmierer – Realität…. oder?

Die neun Erzählungen sind sehr unterschiedlich und doch streckt sich Gary Victors Stil durch alle hindurch. Von rabenschwarz-skurril bis beklemmend, von Voodoo bis haitianischer Geschichte, von makaber bis komisch – aber immer Gary Victor. Der Autor überrascht in jeder Geschichte von Neuem mit einer ganz anderen Entwicklung als man sie zu Beginn jemals absehen konnte.

Viel zu schnell ist die Sammlung durchgelesen, doch die Geschichten bleiben in Erinnerung. Und obwohl ich kein Leser bin, der eine Geschichte zweimal oder gar mehrmals liest, ist es mir hier passiert, dass ich einige der kleinen Geschichten nochmal gelesen habe. Bei zwei Geschichten sogar direkt danach nochmal, denn der Autor bringt den Twist so kurz vor dem Ende, dass man ihn fast schon verpasst und einfach nochmal wirken lassen muss.

Auch wenn ich Gary Victor als kritischen Krimiautoren kennen gelernt habe, so sind die Kurzgeschichten keine Krimis. Das Krimiherz kommt meines Erachtens aber trotzdem auf seine Kosten, da die Geschichten einfach spannend, skurril und sehr makaber sind – und durch „Die Hand“. Natürlich spielen alle Geschichten auf Haiti, doch nicht alle sind regierungskritisch, befassen sich auch mit menschlichen Verfehlungen, spielen mit der Realität und Implikationen.

Gary Victor wäre aber nicht er, wenn er nicht hin und wieder sein Haiti aufleuchten lassen würde, auch mal Voodoo auftauchen würde oder die schwere Vergangenheit der Insel zur Sprache käme. Er ist unverrückbar mit Haiti verbunden und die Insel mit ihm – und doch ist er eine der kritischsten Stimmen des Landes, wenn nicht gar die Kritischste. So legt sich ein Besatzer mit einem Boko an und bekommt eine späte Rache zu spüren, aber auch die Kritik an der Korruption der Regierung trotzt aus den Seiten von „Corneille Soissons Schwanz“ nur so heraus. Am längsten in Erinnerung ist mir die titelgebende – und längste – Geschichte „Der Blutchor“  geblieben. Vermutlich da es die beklemmendste Geschichte ist, geht es doch in ihr um Missbrauch.

Fazit:
Skurril, makaber, beklemmend, spannend, kritisch, rabenschwarz – ach, mir gehen gerade die Adjektive aus, um zu beschreiben, wie toll diese Kurzgeschichtensammlung ist. Das ist keine bunte Mischung aus gut, mittelmäßig und so lala – hier sind alle Geschichten kleine Meisterwerke. Eine absolute Kaufempfehlung!

 

Gewinnspiel

Und wer nun betreten und ratlos in seinen schon schwer gebeutelten Geldbeutel blickt und aufgrund massenweise vorhandenen Geschenken den Weg aus der Wohnung und zum Buchladen nicht mehr findet, der hat nun die Möglichkeit das Buch „Der Blutchor“ bei mir zu gewinnen. Die Buchhandlung Schäufele hat mir heute die zwei bestellten Exemplare ausgehändigt und diese suchen nun ein neues Zuhause. Wer also Lust hat, eines der Exemplare zu gewinnen, der schreibt bitte einen Kommentar unter diesen Beitrag – über einen Kommentar mit mehr Inhalt als „Ja, ich will gewinnen“ freut sich mein Bloggerherz, es hat aber keinerlei Auswirkungen auf die Gewinnchancen. Jeder Kommentar erhält ein Los. Das Gewinnspiel endet am 10.12.2017 um 23:59 Uhr. Die Auslosung erfolgt dann ein paar Tage später.


Das Kleingedruckte
Der Gewinner wird aus allen Teilnehmern ausgelost. Der Name/ Nickname des Gewinners wird nach der Auslosung auf meinem Blog veröffentlicht und der Gewinner außerdem per Email benachrichtigt (bitte denkt also daran, beim Kommentieren eine tatsächlich von euch genutzte Emailadresse zu benutzen). Die Adressdaten des Gewinners werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.


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Ein Schuss nach hinten: Kommando Abstellgleis – Sophie Hénaff


Sophie Hénaff – Kommando Abstellgleis
Verlag: carl’s books
Übersetzerin: Katrin Segerer
345 Seiten
ISBN: 978-3570585610

 

 

 

 

Manchmal verengt sich der Blick, wenn man zu viel liest. Dann sortiert man Bücher schon allein wegen ihres Covers oder Titels aus oder fliegt darüber hinweg ohne es überhaupt wahrzunehmen. Doch dann, entdeckt man das Buch bei einem Blog (so geschehen bei Wortgestalt) und liest die Rezension dazu und denkt sich, hey, das hört sich doch gar nicht schlecht an. Und just beim nächsten Besuch im Buchladen steht das Buch dann auch noch abwartend im Regal. Na klar, dass sich das Schmuckstück dann mit mir auf den Weg nach Hause gemacht hat. Von wegen Abstellgleis!

Und doch ist der Name des Buches gut gewählt. Denn dort landet Anne Capestan mit einigen anderen Polizisten, die nicht den Erwartungen der Chefs entsprechen. Da trifft sich der Säufer neben dem übereifrigen IT-Idioten, die Spielerin mit dem Pechvogel, der Überkorrekte mit dem Plappermaul – und allen voran steht Anne Capestan, einstiger Star der Truppe, die nach einem Schuss zu viel die Karriereleiter herunter purzelt und nun die Leitung dieser 40 Aussortierten übernehmen soll. Naaaa, keine Sorge. 40 Leute tauchen nie auf – nur so nach und nach tröpfeln ein paar Versprengte auf und wühlen sich durch die aussortierten Fälle der Abteilungen. Zwar aussortiert und weggestellt, aber durchaus motiviert macht sich die Brigade an die zwei Mordfälle, die sich in den aussortierten Akten finden lassen und rütteln einiges durcheinander.

Ganz klar sind die Charaktere das A und O des Krimis. Anne Capestan akzeptiert ihren neuen Job, aber stellt sich den ganz anders vor als die Chefs. Sie setzt sich ganz sicher nicht auf ihr Altenteil und akzeptiert ihre Mitarbeiter so wie sie sind. Sie weiß die Nachteile der Kollegen in Vorteile zu wandeln und wenn der direkte Weg nicht geht, wird eben improvisiert. Ihr Partner wird der Pechvogel José Torrez, der erst so gar keine Lust hat, sich aus dem Büro raus zu trauen, denn dies hat ihn schon mehr als einen Partner gekostet. Aber das interessiert Capestan nicht. Eva Rosière, die nach Erfolgen als Autorin und Drehbuchautorin wieder aktiv in der Truppe ist, kombiniert sie mit dem schweigsamen Lebreton, dem ehemaligen Ermittler der Internen. Dann gibt es noch Évrard, die noch einen Euro übrig hat, den sie nicht verspielt hat, ansonsten aber eine kluge junge Frau ist, ganz anders als Dax, der zwar jegliche Informationen aus dem Internet herausbekommen kann, doch man muss schon genau definieren, welche man benötigt. Capitaine Merlot (ja, genau, der Säufer) sorgt für Ablenkung und Orsini für den guten Kontakt zur Presse, Levitz für rasante Verfolgungsfahrten in ungewöhnlichen Fahrzeugen.

Mit all ihren Fehlern ist die Truppe höchst charmant und ganz gewiss nicht fehlerfrei, aber höchst sympathisch. Klar, ein paar Überzeichnungen lassen sich finden, doch die Truppe arbeitet erstaunlich gut zusammen, nachdem Capestan klar gemacht hat, dass das für sie keinesfalls ein Abstellgleis ist und jeder bei den Ermittlungen beteiligt sein soll. Sie weiß die Kollegen geschickt einzusetzen und zu lenken, so dass ihre Nachteile gar nicht weiter auffallen oder zumindest abgemildert werden.

Die beiden Mordfälle, sowie ein Drogendelikt, welche sich die Truppe heraussuchen erweisen sich als trickreich. Nicht anders zu erwarten bei abgelegten und nicht gelösten Fällen. Alle sind Cold Cases, doch die Jahre Abstand zur eigentlichen Ermittlung bringt auch Vorteile. Abstand, einen anderen Blick und veränderte Zeugenaussagen – Dinge, die man vorher nicht für wichtig gehalten hat, für nicht erwähnenswert. Und natürlich spielt der Kampfgeist der Truppe hier auch mit – die Aussortierten verbeißen sich in die Fälle. Und müssen feststellen, dass nicht nur fehlende Spuren die Fälle zu den ungelösten Fällen haben wandern lassen.

Fazit:
Alle aussortierten und ungewollten Polizisten in einer Abteilung? Ein Schuss nach hinten – zumindest für die Chefs. Für alle anderen ein Gewinn, denn Anne Capestan kann mit ihrer Truppe voll überzeugen. Ein witziger, charmanter Kriminalfall mit den Verlierern der Polizei. Was ein Vergnügen!


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Heißes Pflaster: Sommerfrische – Harald Schodl


Harald Schodl – Sommerfrische
Verlag: Text/Rahmen
368 Seiten
ISBN: 978-3950434361

 

 

 

 

Zugegebenermaßen war mir der Verlag Text/Rahmen bisher unbekannt. Ok, den Verlag gibt es noch nicht so lange, aber immerhin hat er schon einige Bücher rausgebracht – darunter einige Krimis. Sehr gelungen finde ich übrigens die grafische Gestaltung der Bücher, die – nomen est omen – aus Text und Rahmen besteht. Wunderbarerweise hab ich nun in einen Krimi hinein schnuppern dürfen, denn die Beschreibung von Harald Schodls „Sommerfrische“ hat mich sehr angesprochen.

Carl Sandtner erhält einen kryptischen Anruf von seinem alten Freund Benny, den er aber eine Weile nicht mehr gesehen hat. Doch zu einem klärenden Treffen kommt es nicht, da Benny verschwindet. Einzig seine Ex macht sich Sorgen und stellt eine Vermisstenanzeige – wegen den Unterhaltszahlungen. Die Polizei zeigt auch wenig Interesse an der Aufklärung, denn der frühere Journalist könnte ja aus freien Stücken verschwunden sein, Anzeichen für eine Straftat lassen sich jedenfalls nicht finden. Nichtsdestotrotz gibt ihm der ermittelnde Beamte den Tipp in Bennys letztem Job nach dem Rechten zu sehen. Als Kaufhausdetektiv hat Benny zwar ständig Straftaten gesehen, die keine waren, aber vielleicht ist er ja per Zufall tatsächlich einer richtigen Straftat auf die Schliche gekommen? Und so heuert Carl im Kaufhaus an und begibt sich auf Bennys Spuren.

Im Klappentext wird nun noch von einem Serienbrandstifter gesprochen, der Jagd auf Sozialdemokraten macht – politische Morde also. Spannend, doch ein wenig irreführend, denn dieser spielt tatsächlich nur eine Nebenrolle und hat mit der Handlung um Carl und Benny nur am Rande zu tun. Der Fokus liegt tatsächlich auf den Ganoven – den kleinen, wie die beiden Kaufhausdetektive Manfred Racz und Stefan Kalhammer, sowie den großen, dem Gangsterboss Johannes Hofmann, seinen zwei Handlanger Satin-Schorsch und Zucker-Pauli sowie seiner Freundin Annette, die zufälliger Weise die Schwester von Manfred ist. Am Anfang geht Carl mit seiner verdeckten Ermittlung im Kaufhaus ein wenig unter, da mehrere Erzählstränge begonnen und weiter geführt werden, doch das ändert sich dann nach einer Weile und Carl rückt mehr in den Fokus.  Danach hat das Buch auch einiges an Highlights zu bieten – über Verfolgungsfahrten, Folter bis hin zu Angriffen auf Sandtner – und auch das Ende hatte einen spannenden Showdown im Gepäck. Positiv aufgefallen ist mir der Beginn des Buches, der mit zwei Dingen überzeugen konnte: einem Zitat von Gramsci, das sehr geschickt gewählt wurde, und dem ersten Kennenlernen von Carl, der mit dem Bus durch Wien fährt, die Straßen und die Stadt betrachtet und an der drückenden Sommerhitze leidet. Diese aufgeheizte, knisternde Atmosphäre schimmert im Laufe des Buches immer wieder durch und verleiht ein gewisses Extra.

Carl Sandtner ist für mich die einzige Figur, der ich Sympathie entgegen gebracht habe – abgesehen vom Brandstifter, der aber ja eben nur eine Nebenrolle hat. Alle anderen Charaktere sind mir schlichtweg sehr unsympathisch gewesen und hatten auch wenig andere interessante Aspekte, die mich reizen konnten. Zudem haben die Kriminellen – ob nun klein oder groß – eine recht derbe Sprache bzw. einen recht derben Umgang miteinander bzw. mit anderen. Das verdeutlicht zwar den harten Umgang in der Branche, war mir aber ein wenig zu viel.
Bei Carl Sandtner sah das ganz anders aus – und die Figur hat auch sehr viel Potential. Als Journalist ist er ja prädestiniert dafür, seine Nase in Angelegenheiten zu stecken, die ihn nichts angehen. Und das macht er auch fröhlich und munter in dem Kaufhaus – mit Wanzen im Büro des Chefs und natürlich unauffällig-auffälligen Fragen im Kollegenkreis. Im nächsten Fall darf er also wirklich gerne seine Nase in die politischen Morde stecken oder größere Herausforderungen suchen – auch wenn dann vielleicht das Gangster-Feeling dafür in den Hintergrund tritt. Er ist auf jeden Fall eine Figur, die man nicht über den Haufen werfen sollte – und für seinen ersten Fall war das ja nur die Aufwärmphase, nicht? So dass er sich dann hoffentlich bald im nächsten Fall ein Sahnestückchen schnappt.

So ganz bin ich mir nun nicht sicher, ob ich bisher eine deutliche Meinung transportieren konnte, deshalb nochmal kurz zusammengefasst: Der Krimi ist ein gutes Erstlingswerk mit ein paar kleinen Defiziten, aber mit einer Figur die Potential für weitere – und komplexere – Fälle hat, ob nun im „richtigen“, kriminellen Milieu oder eben mit politischen oder wirtschaftlichem Hintergrund , ich kann man hier vieles gut vorstellen. Der Klappentext hat leider, leider falsche Erwartungen in mir geweckt, was ich leider nicht ganz aus meiner Meinung raushalten konnte, ich aber dem Buch eigentlich nicht anlasten möchte.

Fazit:
Ein guter Einstieg des Autors ins Krimigenre mit aufgeheizter Atmosphäre und kleinen Defiziten, aber einer Hauptfigur mit Potential für mehr!


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Boomtown: Gewaltkette – Anita Nair

Anita Nair – Gewaltkette
Verlag: Argument
Übersetzerin: Karen Witthuhn
333 Seiten
ISBN: 978-3867542265

 

 

 

 

Deutschland, Skandinavien, England, Frankreich, USA… das sind so die Länder aus denen 90% der Krimis in unserer Krimilandschaft hierzulande stammen (ja, die Zahl ist nur meine Schätzung, doch ich denke, damit liege ich gar nicht so fern). So ist es immer wieder ein Erlebnis in die Krimikulturen anderer Länder reinzuschnuppern. Ferne Länder, andere Kulturen, Länder, die ich persönlich vielleicht nicht besuchen werde – na, seien wir ehrlich, vermutlich werde ich die meisten davon niemals sehen. Umso spannender ist es, diese Länder literarisch zu besuchen – und für die Krimi-Nerds unter Euch ist ja klar, dass es für mich auch immer ein Krimi sein muss, der diesen Besuch einleitet. So wie Anita Nairs Krimi um Inspector Borei Gowda aus Indien.

2 Ermittlungen
Inspector Gowda hat zwei Probleme: der Mord an dem angesehenen Anwalt, Dr. Rathore, bereitet ihm und seinem Team Kopfzerbrechen und auch im privaten Umfeld sind seine Fähigkeiten gefragt, da Nandita, die Tochter seiner Haushälterin, verschwunden ist. Derweil es im Fall des Anwaltes erst mal keine Spur gibt und die Ermittlungen sich schwer gestalten, finden sie immerhin Anhaltspunkte im anderen Fall: Nandita wurde entführt.

Der Moloch
Bangalore – für mich eine Stadt, die ich mit Entwicklern und der IT-Branche verbinde. So ganz unrichtig ist das auch gar nicht, denn Bangalore stellt sich im Krimi als arbeitsame Stadt dar. Viele, vor allem Männer, strömen in die Stadt, um Arbeit zu suchen. Doch auch das ist nicht genügend, für die boomende Stadt. Arbeitskräfte werden gebraucht, aber auch Vergnügen, für die vielen Männer, die in die Stadt strömen. Was liegt da näher, als Kinder zu requirieren? Als Arbeitskräfte, als Huren. Je nach Bedarf werden die Kinder von den Straßen gelockt, fast schon gepflückt wie reife Äpfel. Menschenhandel, eigentlich Kinderhandel. Eine grausige Realität, die mich fragen lässt, wie indische Eltern sich überhaupt trauen, ihre Kinder aus dem Haus zu lassen. Die Gefahren sind allgegenwärtig und grausam. Die Polizei ist oft machtlos oder gar korrupt, die Verstrickungen reichen auch in wirtschaftliche und politische Kreise und sind umso schwerer an der Wurzel auszurupfen.

„Überall in Bangalore wurden Bäume abgeholzt, Häuser schienen über Nacht aus dem Boden zu schießen wie Pilze nach einem Gewitter, auch das trug dazu bei. Klimaveränderung. Und nicht nur das Wetter änderte sich, auch das Verhalten der Menschen. In Bangalore tummelten sich über fünfhunderttausend Wanderarbeiter, die meisten davon Männer. Sie waren zu allem bereit, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen und ein Gefühl von Macht zu spüren, statt nur als bedeutungslose Spielfiguren der Gesellschaft dahinzuvegetieren.“ (S. 309)

Type mit Bauchansatz
Ein Kämpfer gegen diesen Moloch ist Inspector Gowda. Er ist schon eine Type, mit seiner Geliebten Urmila, die er relativ frei treffen kann, da seine Frau wegen dem Sohn in einer anderen Stadt weilt. Frau und Sohn sind ihm fremd, doch eben Familie. Seine Untergebenen sind ihm treu ergeben, auch wenn er bei den Ranghöheren nicht gerade beliebt ist. Seine unorthodoxen Methoden und seine Unbestechlichkeit machen ihn suspekt, doch auch wenn er es selbst mit der Moral nicht ganz so genau nimmt, so nimmt er doch die Gerechtigkeit sehr ernst. Und so brummt er mit seiner Royal Enfield durch Bangalores Straßen, durchstreift sein Netzwerk aus Informanten und müht sich Schritt für Schritt durch den Sumpf der Stadt. Ja, das mag für einen Ermittler nicht ungewöhnlich klingen, doch in Bangalore und mit vielen verschiedenen indischen Gerichten untermalt ist es doch wieder etwas Anderes, etwas Neues und Spannendes.

Fazit:
Indische Kultur ganz und gar nicht bezaubernd, sondern als Nährboden für Menschenhandel und Kinderprostitution zeigt der Krimi an Inspector Gowdas Ermittlungen in der Boomtown Bangalore, zwischen Tradition und Moderne. Sehr empfehlenswert!