Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Alle kleinen Tiere – Anne Goldmann

Anne Goldmann – Alle kleinen Tiere
Verlag: Argument Verlag
301 Seiten
ISBN: 978-3867542517

Ich bin traurig. Wer meinem Blog schon von Anfang an folgt, wird mitbekommen haben, dass ich ein großer Fan von Anne Goldmann und ihren Büchern bin. Deshalb hab ich mich natürlich außerordentlich gefreut, als ihr neues Buch “Alle kleinen Tiere” hier bei mir angekommen ist. Wie so oft, wollte ich es nicht gleich lesen, sondern es mir für eine besondere Zeit aufheben. Nun habe ich es in meinem Urlaub gelesen, bin total begeistert und gleichzeitig sehr traurig. Denn ein nächstes neues Buch wird es nicht geben. Leider ist Anne Goldmann dieses Jahr verstorben.

Somit wird dies nicht nur eine kleine Rezension zu ihrem neusten Streich, sondern auch ein kleiner Blick zurück. Ganz unten könnt Ihr die Links zu meinen Rezensionen ihrer vier anderen Bücher finden, aber auch den Link zu den beiden Interviews, welche ich 2017 und 2018 mit ihr führen durfte. Auch erinnere ich mich gerne daran, dass ich Anne Goldmann einmal auf der Leipziger Buchmesse getroffen habe und mich ganz wunderbar mit ihr unterhalten habe. Noch heute bin ich erstaunt darüber wie interessiert sie an mir als Person war – eigentlich ist es ja eher umgekehrt, dass man als Leser ein tiefes Interesse an der Autorin / dem Autor hat, doch hier hab ich mich auf einer Höhe gefühlt und gleich auch wohl gefühlt.

Dieses Treffen wird mir immer in Erinnerung bleiben und ihre 5 Bücher bleiben natürlich in meinem Bücherregal, so dass ich sie immer wieder hervorziehen und nochmal lesen kann. Das ist bei einem Krimi nun oft ein wenig langweilig, da man ja das Ende der Geschichte schon kennt, doch Anne Goldmann schafft es in ihren Geschichten, so ausgezeichnet unterschwellig  Spannung aufzubauen, dass jede nochmalige Lektüre eine Bereicherung und alles andere als langweilig ist.

Und so ist das auch bei “Alle kleinen Tiere”. Wer nun aber Thriller im Sinne von Sebastian Fitzek, Chris Carter oder ähnlichen erwartet, der wird enttäuscht sein, denn hier wird die Spannung nicht brutal mit dem Hammer (oder wahlweise Messer, Kreissäge, etc – ihr wisst schon) erzeugt, sondern subtil und hauchdünn. Und damit gelingt es der Autorin eine wesentlich bedrohlichere Atmosphäre aufzubauen, als es bluttriefende Psychothriller jemals könnten. Die Situationen sind alltäglich und die Bedrohungen klein, aber deshalb nicht weniger bedrohlich für die Menschen, die darin gefangen sind.

“Alle kleinen Tiere, dachte er, werden von den großen gefressen. Das war schon immer so.” (S. 76)

Der Plot der Geschichte dreht sich um 4 Personen: Rita, die viele wohl als dumm bezeichnen würden, Ela, die von ihrer Vergangenheit und Alpträumen heimgesucht wird, Tom, der in ständiger Gefahr vor den Nachbarn lebt und Marisa, die nicht allein sein kann und will. Alle vier sind ganz normale Menschen, keine Ermittler oder Journalisten, lose verbunden durch einige Vorfälle und zwei Grundstücke.

Viel mehr zum Inhalt will ich gar nicht erzählen, doch alle vier waren für mich Sympathieträger. Sie sind sich sehr unterschiedlich und eine skurril zusammengewürfelte Truppe, auch wenn man das nicht falsch verstehen sollte – anfangs kennen sich gar nicht alle und erst nach und nach zeigt sich, wie sie in der Geschichte miteinander verbandelt sind, bzw werden. Doch eins eint sie: jeder hat vor etwas Angst: der Vergangenheit, dem Alleinsein, vor der Bloßstellung, vor Hunden usw. Alltägliche Ängste, wovon jeder welche hat. Es gibt wohl kaum Menschen, die keine Angst haben, nur viele wissen damit umzugehen. Alle vier leben in einem sehr fragilen Leben, welches schon durch kleine Geschehnisse ins Wanken kommt und ihre alltägliche Normalität bedroht.

Und diese Bedrohung ist es eben, die den Thriller – oder ich will es lieber Spannungsroman nennen – zu etwas besonderem macht. Es sind vielleicht nur kleine Dinge, vielleicht unbedacht, vielleicht nicht, aber sie können das sorgfältig aufgebaute Leben einstürzen lassen. Natürlich kann die Autorin aber auch mit handfesteren Themen punkten, die sie eingebaut hat. Es geht um Wohnungsbaupolitik, nur am Rande, aber nicht unwesentlich für die Geschichte, um verpfuschte Kindheiten und unglückliche Erben, um Selbständigkeit, Freundschaft und das Glück im Kleinen.

Und doch endet das Buch für mich mit einer Ungewissheit, denn eine der Protagonisten ist eine unzuverlässige Erzählerin  – und wer garantiert mir, dass die anderen dies nicht auch sind? So frage ich mich, wie viel Innenleben der Protagonisten die Autorin preis gegeben hat und wie viel sie zurückgehalten hat. Und damit weckt sie Gedanken, die ich mir am Ende des Buches stelle und mich noch weit nach der Lektüre beschäftigen. So wie es ein gutes Buch ja auch soll.

Fazit:
Für mich sind Anne Goldmanns Spannungsromane immer ein absolutes Highlight.. Ich liebe die Art, wie sie eine bedrohliche Atmosphäre schafft und darin ganz normale Menschen darum kämpfen, ihre kleine Normalität wieder zu erlangen, zumindest soweit möglich. Das alltägliche Leben kann eben viel bedrohlicher sein als jeglicher erdachte Serienkiller – und mir persönlich macht das auch viel mehr Spaß zum Lesen. Ein grandioses Leseerlebnis und somit nur zu empfehlen.

Weiterführende Links zu meinen Rezensionen von Anne Goldmann:

Sowie die Links zu den beiden Interviews mit Anne Goldmann:


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Katz und Maus: Moder – Garry Disher

Garry Disher – Moder // Verlag: Pulpmaster // Übersetzung: Ango Laina und Angelika Müller // 300 Seiten // ISBN: 978-3946582069

Hach, was haben diese Verbrecher nur, dass sie so anziehend sind?
Also natürlich nicht in echt… aber literarisch kann ich den meisten von ihnen durchaus was abgewinnen. Bestes Beispiel hierfür ist Garry Disher’s Wyatt. Ein Einbrecher, der seinesgleichen sucht. Ein Mann, der in der Masse verschwindet, nie lange an einem Ort bleibt. Einer, der sich nicht von großen Mengen blenden lässt, der genau weiß, wieviel Einsatz sich für wieviel Kohle lohnt. Der weiß, welche Aufträge er lieber ablehnt und welche “Kollegen” er eher nicht in seinem Team haben will. Nicht falsch verstehen – Gewalt gehört auch zu seinem Repertoire, aber eben nicht ohne Grund. Aber der Autor kann auch die andere Seite, die gute Seite, die Ritter für Recht und Ordnung. Das beweist er nicht nur mit seinen anderen beiden Reihen um Inspector Challis sowie Constable Hirschhausen. Aber mehr Kitzel für den Leser verspricht doch eher die Gegenseite.
Allerdings – in diesem Wyatt Krimi kombiniert der Autor gekonnt.

Der Begriff “Ponzi-Schema” war mir relativ unbekannt, aber so gut wie jeder kennt ja das Schneeballsystem. Die beiden Systeme funktionieren ähnlich, aber mit wenigen Unterschieden. Am Ende verlieren aber einfach viele ehrliche Leute Geld, während die Gründer des Systems gut absahnen. Es sei denn natürlich, sie werden erwischt. So geschehen bei Jack Tremayne und seinem Partner Kyle Roden. Während Roden schon im Gefägnis schmort, kann sich Tremayne noch rausreden und scheint einen Notgroschen gebunkert zu haben. Dies kommt Wyatt durch seinen Kollegen Sam Kramer zu Ohren. Dieser sitzt zwar gerade im Gefängnis, doch ist gut vernetzt. So dass er Wyatt desöfteren Informationen zuspielt und Wyatt im Gegenzug einen Teil der Beute für Kramers Familie zurücklegt.

Dies hört sich nach einer Win-Win-Situation an… na gut, nicht für Tremayne, aber ihr wisst schon…. Jedenfalls ist es aber natürlich nie so gut, wie es aussieht. Zum einen erfährt Nick Lazar von dem Tremayne Coup und will ein Scheffelchen, am besten aber alles davon, abhaben. Zum anderen taucht Wyatt tatsächlich auf dem Radar der Polizei auf, und zwar bei dem von Vorgesetzten nicht sehr beliebten, aber gründlichen  Detective Sergeant Greg Muecke.

Ich gebe zu, ich kenne immer noch nicht alle Wyatt Krimis, wobei ich sie natürlich schön säuberlich in meinem Regal horte, doch das stört die Lektüre des neusten Teils der Reihe keineswegs. Das Ponzi-System von Tremayne ist der Aufhänger, doch natürlich geht es Wyatt einzig und allein darum, Tremayne um seinen millionenschweren Notgroschen zu erleichtern. Dabei ist gar nicht klar, ob er überhaupt millionenschwer ist. Tatsächlich ist Wyatts Arbeit an sich auch nicht super spannend, es geht viel um Observierungen. Nichtsdestotrotz kommt hier Wyatts ganzes Können zum Vorschein, besonders seine Begabung mit der Umgebung zu verschmelzen, quasi unsichtbar zu sein oder auch bei einer kleinen Ungereimtheit, die ihm auffällt, sofort seine Basis aufzugeben und sich zu entfernen.

Und auch wenn der Klappentext eher auf das Ringen zweier Verbrecher – Wyatt und Lazar – um die Millionenbeute anspielt, finde ich das Umkreisen von Wyatt und Muecke viel spannender. Ja, wirklich – ich mag Detective Sergeant Muecke, er ist ein gelungener Gegenpart zu Wyatt. Von seinen Kollegen vermutlich eher als altbacken, pedantisch und vorschriftengetreu verschrien, hat der Mann halt einfach einen guten Riecher. Völlig frei von der Last die Karriereleiter hochfallen zu müssen, macht er saugute Detektivarbeit. Und dabei ist er – auch wenn es sich seltsam anhört – genauso ein Profi wie Wyatt. Es ist ein herrliches Katz und Maus Spiel, welches duch die Nebenfiguren den letzten Schliff erhält und von zwei wichtigen Fragen vorangetrieben wird: hat Tremayne einen Notgroschen und wenn ja, wo?

Fazit:
Ich kann bei den Wyatt Krimis bisher keine Qualitätseinbrüche feststellen, es sind immer gelungene Einblicke in Wyatts Verbrecherleben. Diesmal mit einem galanten Katz-und-Maus-Spiel mit DS Muecke untermalt. Grandiose Krimiunterhaltung!


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Sanfte Debakel – Yanick Lahens

Yanick Lahens – Sanfte Debakel, Übersetzung: Peter Trier, Verlag: Litradukt, 160 Seiten, ISBN: 978-3940435378

Wenn ich an den Litradukt Verlag denke, dann kommt mir immer Gary Victor in den Sinn. Nun gut, vor einer Weile gab es auch einen Krimi von Raphaël Confiant, doch Gary Victor mit seinem Inspektor Dieuswalwe Azémar ist schon die sehr bestimmende Gallionsfigur der bisher ins Deutsche übersetzten, haitianischen Kriminalliteratur des Verlags. Wenn nun also der erste Krimi aus weiblicher haitianischer Hand auftaucht, bin ich natürlich entsprechend neugierig. Aber ob sich nun die “sanften Debakel” wirklich in das Genre Krimi einordnen lassen, sei dahingestellt. Nichtsdestotrotz zeigen Yanick Lahens “sanfte Debakel” die kleine Insel Haiti aus einer ganz anderen Perspektive rund um den Mordfall Berthier.

Richter Raymond Berthier wurde ermordet. Noch Monate später sind seine Frau und seine Tochter Brune erschüttert. Brune versucht den Tod ihres Vaters mithilfe ihrer Musik zu verarbeiten, außerdem versucht sie mit ihrem Onkel Pierre Einblick in die Ermittlungsakten zu erhalten. Um die beiden herum, eine Gruppe von jungen Leuten, ein Journalist, ein Revolutionär, ein Poet und ein Anwalt. Nur nach und nach zeigen sich die Zusammenhänge um Richter Berthiers Tod und den Tathergang, der, wenn auch nicht gesühnt, doch enthüllt wird.

Während ich Gary Victors Blick auf Haiti hart und unverstellt, bisweilen sogar niederschmetternd empfinde, womit er natürlich hervorragend eine Noir-Krimi transportiert, ist Yanick Lahens Blick ganz anders. Durch die kleine verschworene Gemeinschaft um Brune Berthier und ihren Onkel Pierre erlebt man die Insel dunkel, aber pulsierend. In einer innigen, poetischen Sprache zeigen die einzelnen Mitglieder der Gruppe ihren Blick auf die Insel. Es fühlt sich lebendig und pochend an, aber immer unterlegt mit einem Hauch von Gefahr und Kriminalität. Auch wenn man nicht direkt an irgendwelchen Ermittlungen beteiligt ist, bzw. davon auch nur wenig stattfindet, entwickelt die Geschichte einen Sog und erzählt einem so nebenbei, wie der Mord an Richter Raymond Berthier statt gefunden hat und warum. Dabei ist es aber viel wichtiger, die Hintergründe hervorspitzen zu lassen. Und hier ähneln sich die Geschichten der haitianischen Autoren, zeigt doch auch Yanick Lahens die kriminelle und korrupte Struktur der kleinen Insel, die bis in die tiefsten Verästelungen reicht und bei der man sich fragen muss, ob es Haiti überhaupt jemals möglich sein wird, diese Ketten irgendwann abzuwerfen.

Gleichzeitig zeigt die Geschichte aber auch die vielfältige Kultur der Insel. Allen voran die Musik, hauptsächlich vertreten durch Brune Berthier Gesand, genauso dunkel und pulsierend wie Haiti. Aber eben auch die Gastfreundschaft, das Essen und den Zusammenhalt, welche die Insel ausmachen. Mit ihrer poetischen Art erzeugt die Autorin dabei ständig Bilder, versetzt mit Musikfetzen, die einem vor Augen erscheinen. Durch das pulsierende Leben, welches die Geschichte trägt und auch die Korruptheit, mit welcher die Insel durchzogen ist, entsteht eine soghafte Wirkung. Ein Blick auf ein Port-au-Prince und seine Bewohner, wie wir sie von Gary Victor kennen, aber eben doch ganz anders. Yanick Lahens verleiht der Stadt und den Haitianern eine poetische Tiefe sowie eine pulsierende Lebendigkeit, die seinesgleichen sucht.

Fazit:
Ein kleines Stück Haiti, exemplarisch an einen Mordfall gelehnt. Dunkel, satt und kräfigt, mit schlagendem Puls und lauernder Gefahr.


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Die andere Seite von Portugal: Die Mauern von Porto – Mario Lima


Mario Lima – Die Mauern von Porto
Verlag: Heyne
364 Seiten
ISBN: 978-3453441132

 

 

 

 

„Ich verstehe vollkommen, dass sie kein Vertrauen in die Justiz haben. Das habe ich auch nicht. Das kann man auch nicht haben. Es stimmt ja alles, was gesagt wird: Es gibt eine Justiz für die Reichen und eine für die Armen. Das ist einfach so, es lässt sich nicht leugnen. Jeden Tag kann man sehen, dass die Reichen und Mächtigen straffrei bleiben. Dass unsere Justiz die Korruption schützt, weil sie selbst korrupt ist.“ (S. 298)

Inspektor Fonseca und sein Team ermitteln in einem Jahre zurückliegenden Mordfall. Ein Brand hat im Bairro da Sé, einem der ältesten Stadtteile von Porto, zwei zugemauerte Skelette offen gelegt – eine Frau und ein Mädchen. Das Viertel ist heruntergekommen, die Bewohner von damals längst weggezogen oder verstorben. Und die Alten, die etwas wissen könnten, schweigen. Ein schwieriger Fall, an dem sich vor allem Ana und Tété, die neue Kollegin im Team, festgebissen haben. Die Morde sind lange her und die Ermittlungen nicht nur schwierig, die Ermittler bekommen auch ganze Felsbrocken in den Weg gelegt. Bleibt der Fall etwa ungelöst?

Getarnt als Urlaubskrimi beinhaltet der neue Fall um Inspektor Fonseca und sein Team wieder einen ausgefeilten Kriminalfall in Porto, der sich zum Glück eben gar nicht nach Urlaub anfühlt. Bevor wir allerdings dazu kommen, werfen wir einen Blick auf die neue Kollegin: Tété. Tatsächlich hat sie es mir besonders angetan in dem neuen Fall. Vielleicht weil sie die erste aus dem Team ist, über die man mehr erfährt, eine Hintergrundgeschichte, etwas Privates. Aber vermutlich eher, da ihre Vergangenheit mit der Geschichte Portugals verflochten ist und so ein Einblick in ein weiteres Thema geboten wird. Tété stammt nämlich ursprünglich aus Angola, der ehemaligen Kolonie von Portugal, und wurde, aufgrund der Auswirkungen der Nelkenrevolution mit ihrer Familie von dort vertrieben. Für das Ermittlungsteam ist sie aber auch eine Bereicherung, denn vormals arbeitete sie in der Anti-Korruptionseinheit in Lissabon. Von dort bringt sie nicht nur Wissen, sondern auch eine gewisse Verbitterung mit, denn Korruptionsfälle werden eher alibimäßig untersucht, so dass sie jetzt voller Tatendrang in der neuen Aufgabe aufgeht.

Der Kriminalfall selbst ist diesmal nicht ganz so weitreichend gestrickt wie im letzten Fall “Tod in Porto” – wer den noch nicht kennt, sollte das unbedingt ändern – dafür kann er aber mit anderen Dingen punkten. Die Ermittlungen rücken nicht in den Hintergrund, teilen sich aber die Aufmerksamkeit mit den Perspektiven eines Opfers und mit der des Täters. Und natürlich ist es eine Herausforderung, an einem Fall zu arbeiten, bei dem nur noch skelettierte Knochen und ein paar Kleiderreste übrig sind. Desweiteren macht ein juristischer Umstand den Fall erst mal komplett zu nichte, denn als herauskommt, wie alt die Knochen sind, wird der Fall eingestellt. Ein Umstand, der mir so nicht bekannt war, doch anscheinend ist ein Mord in Portugal schon nach 15 Jahren verjährt. Diese Tatsache hat mich viel nachdenken und auch recherchieren lassen – wobei ich so gut wie nichts über Portugal gefunden habe, aber mich dafür in die Situation in Deutschland eingelesen habe. Ja, wir haben auch Verjährungsfristen, doch Mord verjährt bei uns nicht, zumindest nicht mehr – das wurde geändert. Gut so! Und keine Sorge um den Kriminalfall – diesen Umstand löst der Autor mit einem Kniff, der die Ermittlungen neu beflügelt.

Trotzdem sind die Ermittlungen mitunter stecken geblieben oder gehen eben nur langsam voran, ja, hier sind wir wohl ganz nah an der Realität. Ermittlungsarbeit geht eben nicht immer nur voran, sondern stockt auch mal. Besonders wenn der Fall eben ein “Cold Case” ist. Das ist authentisch, aber mitunter für den Leser mal nicht so angenehm. Nichtsdestotrotz hat es der Autor geschafft, diese Durststrecken durch die Opfer-/Tätersicht gut auszugleichen und auch die neue Kollegin Tété hat hier einiges dazu getan. Ich fand das Buch durchgehend spannend und bin durch die Seiten geflogen.

Porto als Schauplatz finde ich grandios. Ich weiß leider nicht mehr, in welchem Zusammenhang ich es gehört habe, aber man sagt wohl, dass in Porto das Geld verdient wird, welches in Lissabon ausgegeben wird. So mag Porto zuerst wie die kleine Schwester Lissabons wirken, doch die Stadt hat viel zu bieten. Durch die Verbindung des Falles in den Stadtteil Bairro da Sé lernt man die Stadt abseits von ausgetretenen Pfaden kennen und bekommt ein Gefühl für die Leute und das Leben dort. Hier merkt man deutlich, dass der Autor in Portugal lebt und nicht nur aus Touristensicht die Stadt beschreibt.

Und ganz besonders freue ich mich, dass meine kleine Kritik am letzten Band der Serie zu einer Anmerkung über portugiesische Namen geführt hat, aus der ich sogar wieder etwas neues gelernt habe.

Fazit:
Ein weiterer gelungener Fall aus Porto, dem Herzen Portugals, und mit dem Team um Inspektor Fonseca. Da es viel zu wenig Krimiserien aus Portugal gibt – ich kenn nur eine 😉 – bin ich definitiv dafür, dass das Team hoffentlich bald wieder ermittelt!


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Marseille.73 – Dominique Manotti


Dominique Manotti – Marseille.73
Verlag: Argument Verlag
Übersetzerin: Iris Konopik
397 Seiten (inkl. Glossar, Personenverzeichnis und Nachbemerkung)
ISBN: 978-3867542470

 

 

 

“Die Stadt stinkt vor Straflosigkeit und Gewalt, Grimbert. Straflosigkeit gebiert Gewalt.” (Seite 377)

In den siebziger Jahren schwelt es in ganz Frankreich, doch in Marseille ganz besonders. Hier ist der Mord an einem Busfahrer der Auslöser für rassistische Übergriffe auf nicht-französisch stämmige Menschen, allen voran denjenigen aus Algerien. Ein junger Mann, Malek Khider, wird vor einem Café niedergeschossen. Die Polizei ermittelt schlampig, verzögert und hofft darauf, dass der Fall bald kalt wird und zu den Akten kommt. Pech für die Polizei ist allerdings, dass da der Neue ist, Commissaire Daquin, kein Marseiller. Der jedenfalls untersucht mit seinem Team gerade die Aktivitäten der UFRA (Vereinigung der französischen Algerienheimkehrer), die sich am Rande der Legalität bewegen und viele der UFRA Mitglieder sind Polizisten. Wie gut, dass sich hier Überschneidungen mit dem Mordfall Khhider ergeben, denn so kann Daquin mit seinem Team beide Ermittlungen vorantreiben.

Zugegeben, es ist mir ein wenig schwer gefallen, in die Geschichte reinzukommen. Wie das häufig so bei Dominique Manotti ist, macht sie es dem Leser nicht einfach. Sie schreibt keine Krimis für Zwischendurch, kein Fast Food – hier benötigt man schon ein wenig Aufmerksamkeit. Dabei hat sich die Autorin wieder ein spannendes Thema ausgesucht, welches durch Verstrickungen in die Vergangenheit, politische Verflechtungen und Korruption, aber auch auf dem blinden Auge der Polizei und Justiz beruht. Dies komplex zu nennen, wäre untertrieben. Nichtsdestotrotz liefert einem das Buch alle Hintergründe, die benötigt werden, um der spannenden Ermittlung zu folgen. Den Einstieg macht ein Prolog, der die aktuelle Situation in Frankreich der 70er Jahre aufzeigt und einen Erlass erklärt, welcher viele Migranten zu Illegalen erklärt. Doch dies ist erst der Startschuss, es folgt ein breit gefächertes Bild der Situation in Frankreich, natürlich verpackt in die Ereignisse um den Tod des Busfahrers und Malek Khiders.

Und tatsächlich schreiten die Ermittlungen in der ersten Hälfte des Krimis auch eher schleppend voran. Das ist zum einen so, weil die Surete keinerlei Interesse daran hat, den Tod von Malek Khider aufzuklären, und Daquins Team seine Ermittlungen um die UFRA umsichtig planen muss, um hier politisch in keine Fettnäpfchen zu treten und ihre Ermittlungen vor den Kollegen geheim zu halten, zum anderen aber auch, da vielfach die Ermittlungen erst mal gar nicht im Fokus stehen, sondern die Ereignisse vor, während und nach Malek Khiders Tod: Die Vorbereitungen und Ränkespiele der Rechten, aber auch der Linken sowie die Vertuschungsversuche der Polizei und Justiz.

Hierbei streut die Autorin viele Hintergründe, aber auch Organisationen und Strömungen, ein, die mir so gar nicht bekannt waren. Ungemein hilfreich ist hier das Personenverzeichnis und das Glossar am Ende des Buches. Gerade zu Beginn der Geschichte , aber auch später hab ich da gerne nochmal drin geblättert. Ich war in der ersten Hälfte des Buches schlicht überwältigt von der Vielzahl der Informationen und dem weit verzweigten Strukturen, die zeigen, wie alles miteinander zusammenhängt und mir hat der Kopf gebrummt.

Ja, das mag herausfordernd sein, aber es ist schlicht und einfach nötig, um den beiden Ermittlungen die erforderliche Brisanz und Gewichtung zu geben. Die Ermittlungen haben politische und gesellschaftliche Auswirkungen und wollen in Gänze verstanden werden. Aber keine Sorge – ab der Hälfte des Buches nehmen dann auch Daquins Ermittlungen Fahrt auf. Ab hier bin ich nur so durch die Seiten geflogen und wollte endlich wissen, wie Daquin die Übeltäter rankriegt. Nebenbei hab ich Zustände bekommen, über die Polizei und was für ein übler Haufen das eigentlich ist. Jeder scheint nur um sein eigenes Schäfchen im Trockenen besorgt zu sein, keiner will durchgreifen oder angreifen, um nur ja sein Ansehen, seine Position oder seine Pension nicht zu gefährden. Einzige Ausnahme scheint hier Daquin und sein Team zu sein.

Madame Manotti macht es einem also nicht leicht – bei der Lektüre muss man gleich von Beginn an sehr aufmerksam lesen, um die Zusammenhänge zu verstehen und alle Beteiligten mitzubekommen. Aber es lohnt sich, diese anfängliche hohe Aufmerksamkeit auf sich zu nehmen, denn im Gesamtbild bekommt man einen höchst spannenden, politisch verstrickten und pointierten Kriminalroman. Und dies gelingt der Autorin in ihrem gewohnten, knappen aber präzisen Schreibstil. Hier ist kein Wort zu viel und keins zu wenig, mitunter wirkt das fast schon kühl. Mit dieser Art des Schreibens verleiht sie den Geschehnissen noch mehr Realität, als es die Hintergründe, die sie hier fein ziseliert aufbereitet, eh schon tun. Natürlich ist es eine erfundene Geschichte, doch kein Zweifel, genauso hätte sie stattfinden können.

Die Fremdenfeindlichkeit nimmt mehr und mehr zu und scheint gleichzeitig ungebrochen. Ich wusste bisher nichts darüber, wie dieses Thema in Frankreich in den 70ern hochgekocht ist, doch natürlich sind mir Ereignisse aus der deutschen Vergangenheit, wie z. B. die NSU Morde, im Gedächtnis. Und das Thema kocht weiter, befeuert durch Populisten und Rechte. Es scheint, wir als Gesellschaft, können uns diesem Hass nicht entledigen. Wir lernen nicht aus der Geschichte, sondern machen weiterhin schön immer die gleichen Fehler. So bleibt nach der Lektüre des Buches das Gefühl einen wahnsinnig guten Krimi gelesen zu haben, aber auch das Erschrecken, dass die Realität leider gar nicht so weit davon entfernt ist.


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Shorty | 617 Grad Celsius – Horst Eckert


Horst Eckert – 617 Grad Celsius
Verlag: Grafit Verlag
316 Seiten
ISBN: 978-3894252977

 

 

 

 

 

Worum geht es?
Anna Winkler kehrt nach einem Jahr im Polizei-Austauschprogramm in Bosnien wieder nach Hause zurück. Dort wird sie gleich zur Bereitschaft in der Mordkommission eingeteilt und ist die Glückliche, die mitten in der Nacht zu einem Einsatz gerufen wird: ein Haus ist explodiert. Anfangs noch glimpflich eingestuft, da das Haus gerade leer und im Umbau war, werden nach und nach die Leichen der illegalen ausländischen Bauarbeiter, die dort übernachtet haben, in der Ruine gefunden. Als dann auch noch die Leiche eines Kunstprofessors gefunden wird, ist Annas Expertise gefragt. Anna muss allerdings in dieser Ermittlung einiges schlucken, denn der Fall scheint eine Verbindung in ihre Vergangenheit aber auch in die Vergangenheit ihres Vaters zu haben.

Einer wie der andere?
Hmm…. Ich bin erst durch “Wolfsspinne” auf Horst Eckert aufmerksam geworden und nachdem ich nun die neueren Krimis alle durch habe, bin ich jetzt scharf auf die Backlist des Autors, unter anderem eben diesen hier. Ich glaube, der vorliegende Teil ist keine Serie, doch das Kommissariat und einige der Kollegen kommen mir doch sehr bekannt vor, denn auch bei Veih gibt es z. B. Ela Bach. Der Fall ist aber auf jeden Fall ohne Vorkenntnisee weiterer Krimis von Herrn Eckert zu lesen.

Opfer, Tat und Täter
Die toten Bauarbeiter sind tatsächlich nur Nebensache – irgendwie erschreckend. Der Fall dreht sich um den Kunstprofessor, und zwei weitere Menschen, die tot sind, einer schon länger, einer noch nicht so lange. Der Täter kam für mich überraschend, ich habe wirklich lange Zeit gedacht, dass… nun ja.

Themen
Horst Eckert hat hier wirklich viele Themen untergebracht: Politik und Kohle, Vetternwirtschaft und schwarze Konten, Homophobie und zu viel guten Willen, Beeinflussung und Korruption. Aber letztendlich geht es nur um eins: Macht und Machterhalt.

Was war gut?
Diese vielen Themen hat Horst Eckert in ein weitreichendes Geflecht verpackt, so dass Anna an vielen Ecken ziehen muss, um es aufzudröseln. Spannend, wie dann ein zweiter, eigentlich abgeschlossener Fall auftaucht und Verbindungen zum aktuellen Fall haben. Gut gefallen hat mir auch, dass Anna nicht unfehlbar ist, sondern selbst aufgrund Fehlverhalten suspendiert wird – verdient, aber natürlich lässt sie sich dadurch nur bedingt vom Ermitteln im aktuellen Fall abhalten. Eine Ermittlung, die sie sauber aufdröselt, die aber ganz nebenbei ihr Leben von Grund auf verändert. Puh, großes Kino.

Was war schlecht?
Am Anfang bin ich ein wenig mit den verschiedenen Zeitebenen durcheinander gekommen. Zwar werden die Jahreszahlen am Anfang immer genannt, aber bis ich mal alle Beteiligten drauf hatte und wie sie in welchem Zeitabschnitt verbandelt sind… ein wenig hat es gedauert, aber nicht lange. Zumal die Ausflüge in die Vergangenheit nach und nach weniger werden und der Sog der aktuellen Ermittlung zunimmt.

FAZIT:
Eine wirklich gute Entscheidung, in die Backlist von Horst Eckert reinzulesen – das kann ich nur jedem empfehlen!


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Verflechtungen: Götter und Tiere – Denise Mina


Denise Mina – Götter und Tiere
Übersetzerin: Karen Gerwig
Verlag: Argument Verlag
346 Seiten
ISBN: 978-3867542463

 

 

 

Trotz schwierigen Umständen dieses Jahr, ist auf eine Sache Verlass: der Argument Verlag bringt in seiner Ariadne Reihe auf jeden Fall so um die 4-6 höchst feine, geniale und absolut lesenswerte Kriminalromane heraus, natürlich aus der Feder von Autorinnen. Denise Mina ist und wird hier in Deutschland immer noch unterschätzt und “läuft” nicht so gut in Buchhandlungen – sehr unverständlich, denn die “Queen of Tartan Noir” schreibt ganz hervorragende Krimis, die aus dem Einheitsbrei des Genres herausstechen und definitiv mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Zugegeben, ein klitzekleines Bisschen mag ich die Standalones von Denise Mina mehr als ihre Reihe um Alex Morrow. Zum einen, weil ich gar wunderbar “Klare Sache” noch im Kopf habe und den wirklich unheimlich gut fand, zum anderen aber vermutlich auch, weil die Reihe um Alex Morrow so lose bzw. durcheinander in Deutschland veröffentlicht wird. Nachdem der Argument Verlag aber letztes Jahr “Blut Salz Wasser” herausgebracht hat, komplettiert er mit “Götter und Tiere”, dem dritten Teil der bisher fünf Teile umfassenden Reihe, die deutsche Übersetzung.  Nichtsdestotrotz sind die Fälle um DS Alex Morrow unabhängig und müssen nicht der Reihe nach gelesen werden. Und by the way, Paddy Meehan, eine weitere Protagonistin, um die Denise Mina eine drei Bände umfassende Reihe gestrickt hat, hat hier einen Cameo-Auftritt.

Nun aber zur eigentlichen Geschichte: ein Mann überfällt kurz vor Weihnachten eine Postfiliale. Was als Raubüberfall startet, wird zu einem Desaster, als der Täter einen Mann erschießt und flieht. DS Alex Morrow und ihr Kollege DC Harris untersuchen den Fall und sind zutiefst darüber verwundet, warum der Tote, bevor er vom Täter erschossen wurde, diesem geholfen hat. Der Rentner war gemeinsam mit seinem Enkel in der Bank und schiebt diesem dem nächsten Kunden zu, derweil er mit dem Täter gemeinsame Sache zu machen scheint. Warum?

Beleuchtet wird die Ermittlung nicht nur aus DS Alex Morrows Sicht, sondern auch aus Sicht von Martin, dem Kunden, der den Enkel des Toten in Obhut genommen hat. Dieser hat selbst ein Geheimnis und erscheint DS Morrow höchst suspekt. Derweil folgt man noch DC Tamsin Leonard und ihrem Partner, zwei Mitarbeiter in Morrows Team, die einem ganz anderen Hinterhalt auflaufen, aber auch Kenny Gallagher, einem Politiker, der über seine Vorliebe zu jungen Mädchen stolpert.

Mit dieser Mixtur liefert Denise Mina wieder ein weites Spektrum an Charakteren, die nicht nur in loser Weise durch den Raubüberfall miteinander verbandelt sind, sondern auch vom reichen Erben über den unmoralischen Politiker, bis zum Arbeiter im kommunistischen Kampf um Arbeitsrechte reichen. Es gibt hier kein Gut und kein Böse, irgendwie kann man jeden verstehen und sich in ihn/sie hineinversetzen, aber alle haben Fehler, keiner ist perfekt. Eben genauso wie im richtigen Leben. Sogar von DS Morrow sieht man weiche Seiten, denn sie kann eben nicht nur taffe Polizisten, sondern auch Ehefrau und Mutter von Zwillingen. Das funktioniert natürlich nur mit guter Organisation und einem Mann, der sie nicht mit allen Pflichten allein lässt, so dass sich Morrow in diesen Tagen auf den Fall konzentrieren kann, um ihn, wenn möglich, vor Weihnachten abzuschließen, um mit ihren Lieben die Festtage zu verbringen.

Denise Mina zeigt ein Schottland abseits von touristischen Pfaden, ein Land, das genauso seine Schattenseiten hat, wie jedes andere Land. Kein verklärter Blick, sondern schlicht und einfach Realität. Ja, ein düsteres Bild, aber ein interessantes, ein erschreckendes, ein lesenswertes Bild von Schottland. Hierhinein pflanzt sie ein Fall, der wie meistens bei Denise Mina, eben nicht einfach zu durchschauen ist, aber dafür einen unheimlichen Sog aufbaut, während man Alex Morrow dabei folgt, die einzelnen Stränge des Geflechts freizulegen. Es geht um Politik und Korruption, einen Maulwurf, und ja, es geht um Taxis. Uff, was ein Fall!

Fazit:
Ein Krimi, bei dem einfach alles stimmt – Setting, Fall und Charaktere. Denise Mina wird eben nicht umsonst als eine Meisterin ihres Faches bezeichnet.  Bitte lest die Krimis um Alex Morrow – wem aber momentan nicht nach einer Reihe ist, kann ich nur nochmal “Klare Sache” ans Herz legen. Beide Krimis (aber auch alle anderen Bücher) der Autorin sind einfach nur wunderbar lesenswert! Ganz klare Empfehlung!


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All-in-One: Der wunde Himmel – Jeannette Oertel


Jeannette Oertel – Der wunde Himmel
Verlag: Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
506 Seiten
ISBN: 978-3887694753

 

 

 

Für mich war es auf jeden Fall ein Wagnis, dieses Buch, welches mir von der Autorin angeboten wurde, zu lesen. Neugierig gemacht haben mich der Klappentext, aber auch die Tatsache, dass der Roman im Konkursbuch Verlag erschienen ist. Und hier habe ich ja erst vor Kurzem sehr gute Erfahrungen mit den Spannungsromanen von Regina Nössler gesammelt. Skeptisch war ich aufgrund der Amour fou, die zusätzlich zu Spannungselementen, einer DDR-Vergangenheit und der Arbeit an einer (fiktiven) arabischen Botschaft in unruhigen Zeiten, eingeflochten ist. Ob es sich nun gelohnt hat, seht ihr gleich, doch auf jeden Fall war es die richtige Entscheidung, mich in dieses Abenteuer zu stürzen.

Tabea Blum beginnt ihren neuen Job als Assistentin des elydischen Botschafters. Nicht nur in Deutschland herrschen unruhige Zeiten, sondern auch in Elydien, wo Staatschef Aladily einem Diktator gleich agiert. Und Tabea verliebt sich, in Rayan, den Sicherheitschef der Botschaft. Die Affäre ist nicht das einzige, was ihren Posten in der Botschaft gefährdet. Hinzu kommen politische Beziehungen, ein undurchsichtiges Beziehungsgeflecht der einzelnen Botschaftsmitglieder und viele Andeutungen. Es entsteht eine faszinierend angespannte Situation, die sich komplett durch das Buch trägt, mit nur wenigen Spitzen, aber eben auch nie abbricht. Besonders erwähnenswert ist hier der Botschaftsmitarbieter Jan von Kessel, einer derjenigen, die Tabeas Vater damals in der DDR, in Bedrängnis gebracht haben. Hier erfolgen Rückblicke in die DDR Vergangenheit, aber auch der “heutige” von Kessel sorgt für Bedrohungen.

Die Geschichte selbst spielt in einer sehr nahen Zukunft, vieles bleibt nur angedeutet, doch die politische Stimmung in Deutschland ist noch mehr aufgeheizt als heute. Zusätzlich formt sich Protest gegenüber dem diktatorisch geführten Elydien. Die Botschaft ist oft Schauplatz von Demonstrationen, das Regierungsviertel oft aufgrund gefährlicher Sicherheitslagen geräumt und das Viertel per se abends tot und verlassen. Als Leser folgt man Tabea durch dunkle einsame Gassen, aber auch zu glamourösen Anlassen, wo sich das Who-is-Who der politischen Prominenz trifft und im Hinterzimmer dubiose Absprachen trifft. Es geht um Freiheit, Krieg, Macht und Waffen, ernste Themen, bei denen sich jeder Bürger wünscht, dass diese eben nicht in Hinterzimmerdeals über die Bühne gehen würden.

Die Protagonistin, Tabea Blum, empfand ich jedoch oft als naiv und unerfahren. Dagegen sprechen allerdings die Fakten, die man nach und nach über sie herausfindet. Aufgewachsen in der DDR, 10 Jahre Berufserfahrung in einer Kanzlei, unzählige Reisen durch die verschiedensten Länder, und trotzdem kam mir Tabea Blum wie Anfang 20 vor. Nichtsdestotrotz passt sie damit hervorragend in diese spannungsgeladene, unheimliche Situation. Die Autorin schafft es sogar, sie zeitweise zur unzuverlässigen Erzählerin werden zu lassen, so dass man selbst an allen Geschehnissen zweifelt und sie als Spinnerin abtut.

Zugegeben, die Amour Fou, die Liebesgeschichte zwischen Tabea und Rayan, hat es mir nicht einfach gemacht. Ich bin einfach kein großer Fan von Liebesgeschichten und wünsche mir immer einen Fokus auf die Krimihandlung. Hin und wieder war ich hier auch ein wenig ungeduldig, bis die Szenen der leidenschaftlichen Liebe vorbei waren und es wieder – für mich – spannender wurde. Einem Leser, der nicht so fokussiert auf Krimis ist und querbeet liest, stört das aber vermutlich gar nicht. Auch finde ich die Liebesgeschichte zwischen den beiden einigermaßen stimmig, nur für mich hätte sie ein wenig geraffter sein können. Ich bin auch kein Fan einer Amour fou, habe ich gemerkt, denn, dass Tabea sich so sehr unterordnet, fast selbst aufgibt, und ohne sich Gedanken zu machen, auf eine Affäre am Arbeitsplatz mit einem verheirateten Mann einlässt, gefällt mir nicht besonders. Aber alles persönlicher Geschmack. Der spannenden Story drumherum tut das aber keinen Abbruch.

Insgesamt ist der Spannungsroman eine wilde Mischung, ein Potpourri an verschiedensten Themen, die erstaunlich gut ineinander greifen und die Spannung immer unterschwellig vorantreiben. Amour Fou, ja, aber eben auch Krimi, Spannungsroman, Thriller und Spionageroman, die Geschichte hat politische Brisanz und zeigt ein düsteres, sehr nahes Zukunftsszenario, gespickt mit Rückblicken in die Vergangenheit der DDR. Für mich ein lohnenswerter Ausflug, raus aus meiner persönlichen Komfortzone.


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Insta was? – Das dunkle Flüstern der Schneeflocken von Sif Sigmarsdóttir


Sif Sigmarsdóttir – Das dunkle Flüstern der Schneeflocken
Verlag: Loewe
Übersetzer: Ulrich Thiele
427 Seiten
ISBN: 978-3743207219

 

 

 

 

Schon mutig vom Loewe Verlag mir dieses Buch ohne Vorankündigung zu schicken… Da der Loewe Verlag nun mal vornehmlich Kinder- und Jugendliteratur herausgibt, halte ich  mich nun nicht unbedingt für die Zielgruppe. Dem Jugendalter nun doch schon etliche Jahre entwachsen und ohne Kinder, bevorzuge ich doch… komisches Wort… Erwachsenenliteratur. Thematisch fühle ich mich da besser aufgehoben. Ganz zu schweigen von den häufig auftretenden Dreiecksbeziehungen im Young Adult Genre, die mich immer mit den Augen rollen lassen. Aber hauptsächlich geht es um die Themen, aber auch die Verbindung zu den Protagonisten.

Dies wiederum bestätigt der vorliegende Jugendthriller (empfohlen ab 14 Jahren, nach Angabe des Verlages), denn es geht, nicht nur, aber auch um Social Media. So gar nicht meins. Nun, immerhin habe ich einen Account bei Facebook, doch mit Instagram, Twitter, Pinterest und Co. kann ich nichts anfangen und bewege mich dort auch nicht, und bevor TikTok in den Nachrichten war, wusste ich noch nicht mal, was das ist.

„Abgesehen von der Arbeit kontaktiert sie eigentlich niemand mehr per Mail und diese Mail ging nicht an ihre Arbeitsadresse, sondern an ihre private. Also ist der Absender alt. Nur alte Leute schreiben noch E-Mails. Die Generation 35 plus.“ (S. 27)

WTF! Hallo? Geht’s noch?
Na gut, nachdem sich meine Empörung ob des obigen Zitats gelegt hatte, habe ich auch darüber schmunzeln können. Denn Jugendliche nutzen ihr Smartphone zu allem möglichen, aber telefonieren gehört nicht dazu. Und Mails sind eben auch schon „old-fashioned“. Aber ich steh dazu – ich mag Mails.

Doch die beiden Protagonistinnen – Hannah und Imogen – sind eben wesentlich jünger als ich und Instagram ist ein Teil ihres Lebens, mehr oder weniger. Imogen, die nach Abbruch ihres Studiums in einer PR-Agentur arbeitet, ist ein Instagram-Star, eine Influencerin, die allerdings in ihrem Leben kürzlich eine traumatische Erfahrung gemacht hat. Durch einen Auftrag in Island hofft sie, sich dessen zu stellen. Dort trifft sie auf Hannah, die Imogen für ein Praktikum bei der isländischen Zeitung interviewen soll. Hannahs Mutter ist vor Kurzem gestorben und durch eine von ihr initiierte  Whistleblower-Aktion in ihrer Schülerzeitung ist sie von der Schule geflogen, so dass sie kurzerhand zu ihrem Vater nach Island verfrachtet wird. Schon kurz nach ihrer Ankunft wird eine Leiche aufgefunden, für deren Tod einige Tage später Imogen verhaftet wird. Hannah kann nicht anders, und steckt ihre Nase in die Ermittlungen…

Das Thema Social Media ist sehr präsent in dem Thriller, jedes Kapitel beginnt mit einem Instagram-Post, mit möglichen Bildunterschriften und der tatsächlichen Bildunterschrift. Bezüglich der Likes sieht man ganz klar einen Unterschied zwischen der bekannten, beliebten Imogen und der zurückhaltenden Hannah. Hier verstecken sich aber auch die Wellen an Emotionen, welche die sozialen Medien hervorrufen können. Ein ständiges Flehen darum, dass die Posts ankommen, geliked werden, zwischen Euphorie und Depression.

Die Geschichte selbst wird in zwei Zeitebenen erzählt. Hannah und ihre Ermittlungen zeigen die Geschehnisse im Jetzt, während man mit Imogen die Zeit vorher beleuchtet, um als Leser herauszufinden, wie es zu den Ereignissen heute gekommen ist. Persönlich fühlte ich mich Imogen näher. Sie ist zwar nicht viel älter als Hannah, aber steht eben schon im Berufsleben, hat sich, wenn auch schmerzhaft, von ihrer Familie abgenabelt, ist erwachsener. Hannah hatte es in ihrem Leben auch nicht einfach, aber man merkt einfach den jugendlichen Trotz, besonders gegenüber ihrem Vater.

Ein gut gemachter Thriller aus dem eisigen Island, mit jugendlichem Touch – lässt sich mit der Social Media Komponente sowieso nicht vermeiden – und zwei sympathischen Protagonistinnen. Er ließ sich zügig lesen und die Auflösung war nicht zu einfach vorherzusehen, ich persönlich hatte erst einen anderen Verdacht. Für Jugendliche ab 14 Jahren vermutlich zu empfehlen (ich hab mit 12 angefangen alles von Stephen King zu lesen, aber wer weiß, vielleicht sind die Jugendlichen heutzutage zarter besaitet)  – für die Generation ab 35 kann man es aber auch problemlos empfehlen, solange man sich nicht an dem jugendlichen Touch und den eingestreuten Instagram-Posts stört. Einen spannenden Thriller bekommt man allemal, nur ein Noir ist es definitiv nicht, auch wenn der Klappentext dies auf der Rückseite behauptet. Nichtsdestotrotz war das Buch spannend und eine guter Krimi.

Fazit:
Ein spannender Thriller, der mit jugendlichen Protagonistinnen und dem Einfluss der sozialen Medien für mich eine ungewöhnliche Lektüre war, aber bei der Neugier der Ermittlerin und der Schwere der Tat einem „erwachsenen“ Thriller in nichts nachsteht.


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Grandios: Aufzeichnungen eines Serienmörders – Kim Young-ha

Kim Young-ha – Aufzeichnungen eines Serienmörders
Übersetzer: Inwon Park
Verlag: Cass Verlag
152 Seiten
ISBN: 978-3944751221

 

 

 

 

 

In der nur 150 Seiten langen Novelle des Shooting Stars der koreanischen Krimiszene, versucht der Protagonist Byongsu Kim seine Tochter Unhi zu retten, bevor ihn die Demenz einholt.  Denn in Jutae Park, ihrem Freund, glaubt er seinesgleichen erkannt zu haben, einen Serienmörder.

Während nicht nur das Gedächtnis von Byongsu Kim nachlässt, lassen auch die Seitenzahlen nach und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn im Verlaufe des Buches werden diese immer durchscheinender. Dieser kleine visuelle Effekt spiegelt sich im Verfall von Kims Gedächtnis wieder. Er versucht vieles, Dinge aufschreiben, auf Band aufzeichnen, doch seine Gedanken entfliegen ihm. Gleichzeitig versucht er seinen letzten Mord zu planen. Zwar ist er ein Serienmörder, doch hat er vor 25 Jahren schon aufgehört zu morden und muss nun, gleichzeitig im Kampf gegen seine Demenz, einen weiteren Mord planen, den an Jutae Park.

Doch vieles entgleitet ihm, während anderes auftaucht. Erinnerungen, Gedichte und Musik füllen seine Tage, manche erschrecken ihn, manche beruhigen ihn. Das Lyrische, Poetische begleitet ihn durch sein Leben, hat er doch früher selbst Gedichte geschrieben. Seine Tochter Unhi, die er adoptierte, nachdem er ihre Eltern ermordete, verliert mehr und mehr die Geduld mit ihm, verzweifelt an ihm. Auch das kriegt er nur am Rande mit… und vergisst es wieder.

Wie so oft, wird es hier der Krimileser, der es gerne gut sortiert mag und eine klare Ermittlungsstruktur braucht, eher schwer haben. Dafür erhält er aber einen kleinen Krimischatz. Die Aufzeichnungen sind genau das was sie sind – Aufzeichnungen. In einem tagebuchhaften Stil, manchmal lyrisch, immer kurz, oft sehr neutral, sammeln diese Absätze, Passagen aus einem Leben, welches langsam entschwindet. Doch durchgängig findet sich die Hartnäckigkeit des alten Mannes wieder, denn Jutae Park und der Plan ihn zu ermorden, spuken unablässig in seinem Kopf, Demenz hin oder her. Er ist pragmatisch und kühl, keineswegs plagen ihn irgendwelche Gewissensbisse, seine Taten sind auch schon verjährt.  Es scheint ein Katz und Maus Spiel zwischen den beiden Serienmördern entsponnen zu sein. Und doch ist am Ende alles ganz anders, denn der Autor macht sich die Eigenschaft des Protagonisten zu Gebrauch: seine Demenz.

Mit „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Kim Young-ha ist dem Cass Verlag wieder eine kleine feine Krimiperle gelungen, die man nur empfehlen kann. Die Geschichte liest sich schnell, doch sollte man ein wenig Zeit aufwenden, um sie entsprechend zu genießen. Eine kühle, nachdenkliche Geschichte über Komik und Tragik im Leben, genial verflochten mit einer Krimihandlung, die kein Blut und Gemetzel braucht, sondern von ihrer literarischen Schönheit lebt.

Fazit:
Ich finde, der Cass Verlag macht alles richtig, denn hier finden sich nur Krimiperlen, diesmal eben eine grandios komponierte Kriminalnovelle aus Südkorea. Ein herrliches Lesevergnügen.