Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Delete: Dein Schatten ist ein Montag – Jung-hyuk Kim


Jung-hyuk Kim – Dein Schatten ist ein Montag
Verlag: Cass Verlag
Übersetzerin: Paula Weber
287 Seiten
ISBN: 978-3944751207

 

 

 

 

Dongchi Gu, früher mal Polizist, ist heute ein besonderer Privatdetektiv, er ist ein Deleter. Für seine Mandanten vernichtet er Gegenstände: Fotos, Tagebücher, Festplatten. Als einer seiner Klienten, Doughun Bae, unter ungewöhnlichen Umständen stirbt, gelingt es ihm, die gewünschten Gegenstände an sich zu bringen – bis auf ein Tablet. Sein früherer Kollege Inchon Kim ermittelt in Doughun Baes Todesfall und glaubt nicht so recht an Selbstmord. Aufklärung soll ihm das Tablet bieten, doch das bleibt verschwunden. Die beiden Männer beginnen gemeinsam an dem Fall zu arbeiten.

Kurios und einmalig
Die Geschichte lebt und atmet mit ihren kuriosen Charakteren. Ob diese denn nun alle authentisch sind, mag dahingestellt sein, aber sie machen die Geschichte ungewöhnlich und interessant. Die Charaktere sind alle so herrlich einzigartig und zum Teil makaber, dass jeder einzelne eine kleine Köstlichkeit ist. Es ist ein wahres Potpourri an findigen, gewieften und unverwechselbaren Charakteren. Hierzu zähle ich nicht nur die Detektive und Hausbewohner, sondern auch das Haus selbst, denn im Crocodile Building müffelt es ganz fürchterlich. Keiner weiß so genau, woher es kommt, doch jeder kommt damit zurecht. Das Haus scheint ein Teil seiner Bewohner zu sein und zu ihrem Leben dazu zugehören. Sei es Restaurantbesitzer Chan’il Park oder Eisenwarenhandlungsinhaber Gihyon Baek im Erdgeschoss, Kampfschulenbetreiber Cholho Cha oder Internet-Caféaushilfe Bin’il Lee im ersten und zweiten Stock oder eben Dongchi Gu oder seine Nachbarin Yunjong Oh im Dachgeschoss. Und nun keine Sorge, es gibt ein Personenregister. Tatsächlich treten auch gar nicht so viele mehr Personen auf, nur noch einige wenige, aus der Richtung, in welche die Ermittlungsspuren führen. Auf jeden Fall macht es riesigen Spaß mit den Figuren durch den Krimi zu streifen.

Der Detektiv
Dongchi Gu ist auch einer dieser einmaligen Charaktere. Er lebt und arbeitet im Dachgeschoss des Crocodile Building. Nur ungern empfängt er Klienten, viel lieber lauscht er italienischen Arien ausnahmslos aus den 1920ern auf einer Audioanlage mit nur einem Lautsprecher, die er liebenswerterweise „Zyklop“ nennt. In den Job als Deleter ist er eher so reingerutscht, gestartet hat er als normaler Privatdetektiv. Es würde ihn seinen Job kosten, würden seine Mandanten erfahren, dass er einige der Gegenstände, die er „deleten“ soll, behält, in einem verschlossenen Aktenschrank in seinem Dachgeschosswohnbüro. Er ist eher ein stiller Mensch, nicht sehr geduldig mit seinen Mandanten, aber immer bereit zu helfen, auch und vor allem in der Hausgemeinschaft. Es ist ein Geben und Nehmen, denn – nur um ein Beispiel zu nennen – hilft Bin’il ihm ja dabei, die digitalen Spuren zu „deleten“.

Selbstmord, Mord….
An einen Selbstmord mag weder Inchon Kim noch Dongchi Gu glauben und so stürzen sie sich, allein, aber auch gemeinsam, auf den Fall. Die Spuren führen sie zu Noble Entertainment, einer Filmproduktionsgesellschaft, einem Tennisklub und zu einer waffenliebenden Sekte, die es eigentlich schon gar nicht mehr geben soll. Für zusätzliche Aufregung sorgt die Tochter eines ehemaligen Klienten, die Dongchi Gu bei Erledigung seines Auftrags gesehen hat und ihn nun verfolgt. Trotzdem ist der Fall an sich jetzt nicht unbedingt spektakulär und auch die Spannung hält sich zwar kontinuierlich, aber auf einem unaufgeregtem Niveau. Der Krimi ist kein Pageturner, muss er aber auch nicht sein. Der Krimi lebt durch seine Atmosphäre. Und auch gar nicht so durch Beschreibungen von Land und Leute, sondern viel mehr durch seine Charaktere, durch die kauzigen und unumstößlichen Hausbewohner des Crocodile Building.

Fazit:
Die herausragenden und kuriosen Figuren machen diesen koreanischen Krimi mit einer eher gewöhnlichen Krimihandlung zu einem Highlight. Ein gelungener Ausflug in die asiatische Kriminalliteratur!


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Auftakt: Die Wasserratte von Wanchai – Ian Hamilton


Ian Hamilton – Die Wasserratte von Wanchai
Verlag: Kein & Aber
Übersetzerin: Simone Jakob
426 Seiten
ISBN: 978-3036959290

 

 

 

 

 

Worum geht es?
Um Shrimps. Ja, genau, um die kleinen krummen Dinger aus dem Meer. Die sind allerdings nur der Auslöser, denn eigentlich geht es um Millionen. Um die ist nämlich Ava Lees neuer Klient betrogen worden, und zwar mit Shrimps. Ava Lee ist skeptisch, aber nimmt den Auftrag gemeinsam mit ihrem Partner Onkel an, um die Millionen, natürlich mit entsprechender Gewinnbeteiligung, zurückzuholen. Und es wird wieder weltweit: Kanada, Asien, Südamerika. Der Übeltäter ist schwer zu finden und in die Finger zu bekommen, Bekannte werden zu Feinden und Ava steht ziemlich alleine da. Aber Ava hat ja einige versteckte Talente…

Einer wie der andere?
Ein wenig ungewöhnlich, für den ersten Teil einer Reihe einen „Shorty“ zu schreiben, doch da ich die Reihe um Ava Lee mit dem fünften Teil begonnen habe, bespreche ich den ersten Teil nun aber eben nur kurz. Die beiden Teile ähneln sich insoweit, dass es sich wieder um eine spannende Ermittlung in der Wirtschaft dreht, unterhaltsam und kurzweilig, und auch gut zu verstehen und flüssig. Einziger Unterschied, der mir nun aufgefallen ist, ist derjenige, dass Avas Kreis an Verwandten, Freunden und Bekannten im fünften Teil weitaus größer ist und viel mehr Korrespondenz mit diesen erfolgt. In vorliegenden Band gibt es nur wenig Kontakt nach Hause – der Fokus liegt ganz auf der Ermittlung.

Opfer, Tat und Täter
Millionen von Shrimps natürlich, aber auch Andrew Tam, dem seine Millionen abhanden gekommen sind. Die Täter… tja, eigentlich nur einer. Aber Verbrecher gibt es zuhauf, so dass diese bei guter Gelegenheit eben einfach noch mit zugreifen und Ava im Weg stehen.

Themen
Es geht um den Handel mit Meeresfrüchten, ein fragiles Gut, welches mit Methoden aufgepeppt werden kann, über die ich mich jetzt mal enthalte, um die Finanzierung dessen und wie man damit Schmu treiben kann. Doch um an die Drahtzieher heranzukommen, muss Ava in unbekanntes Terrain vordringen und hat keinerlei Hilfe. Ihr bleibt nichts übrig, als auf vorhandene Ressourcen zuzugreifen, um sich des Übeltäters zu bemächtigen. Es gilt schnell und flexibel zu handeln und immer Vorsicht walten zu lassen.

Was war gut?
Und wieder gelingt es Ian Hamilton, aus einer langweiligen finanziellen Transaktion jede Menge Spannung herauszuholen. Ich folge gerne der Kosmopolitin Ava Lee rund um die Erde, ergötze mich an ihrer kühlen Eleganz, freue mich über ihre Pfiffigkeit und bewundere ihren Mut und ihre Stärke. Ich bin immer noch überglücklich, die Ava Lee Reihe endlich kennen gelernt zu haben und kann es kaum erwarten, den nächsten Teil in die Hand zu nehmen.

Was war schlecht?
Hm, hier fällt mir grad gar nichts ein…

FAZIT:
Ein fesselnder Wirtschaftskrimi rund um die taffe, aber ausgeglichene Ava Lee, die auch ein falsches Spiel fast nicht aus der Ruhe bringen kann. Ein wunderbarer Auftakt der Serie!

 

 

 


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Beeindruckend: Der schottische Bankier von Surabaya – Ian Hamilton


Ian Hamilton – Der schottische Bankier von Surabaya
Verlag: Krug & Schadenberg
Übersetzerin: Andrea Krug
448 Seiten
ISBN: 978-3959170130

 

 

 

 

Über den Autor Ian Hamilton und seine Protagonistin Ava Lee bin ich tatsächlich schon mal vor einer Weile bei der Suche nach neuen Büchern gestolpert. Teil eins (gerade eben erst hervorragend besprochen von Wortgestalt: Die Wasserratte von Wanchai) landete auf meiner Wunschliste, auf der sie seitdem ausharrt. Mit dem aktuellen Krimi erscheint nun aber schon der fünfte Teil um Ava Lee und jetzt konnte ich auf keinen Fall mehr widerstehen. Ein Quereinstieg in eine Serie ist ja immer umstritten, denn es fragt sich, ob man nicht die vorigen Teile kennen muss, um den aktuellen zu verstehen. Bei Krimis ist das allerdings oft kein Problem, denn die Fälle sind ja abgeschlossen. Private Verwicklungen, die aber ja meist nebenher laufen, sind natürlich schon fortgeschritten, aber eben nicht hinderlich bei einem Quereinstieg. Nichtsdestotrotz kann es aber ein Risiko sein. Kann sein, muss aber nicht.

Nach ihrem letzten Fall ist Ava Lee gesundheitlich angeschlagen und gerade dabei sich zu überlegen, ob sie in ihren Job zurückkehren will. Sie ist Wirtschaftsprüferin, doch langweilig ist ihr Job ganz sicher nicht. Mit Onkel, dem ehemaligen Chef einer chinesischen Triade, betreibt Ava Lee ein Inkassounternehmen und verschafft Kunden verlorenes Geld wieder. Keine Kleinbeträge, richtig viel Geld. Deshalb ist sie nicht nur skeptisch, sondern auch ablehnend, als ihre Mutter sie bittet, Teresa Ng, einer Bekannten ihrer Mutter, aus der Patsche zu helfen. Als jedoch klar wird, dass nicht nur Teresa, sondern noch mehr Parteien bei einem Fondschwindel richtig viel Geld investiert haben und es nun zurückhaben möchten, nimmt sie den Auftrag doch an. Der Auftrag führt sie von Kanada über China nach Indonesien, genauer gesagt nach Surabaya.

Beeindruckend. Das ist das Wort, welches Ava Lee für mich am besten beschreibt. Ava Lee ist eine kluge, starke Frau. Sie arbeitet in einem Beruf, der nicht ohne Gefahr ist, doch zur Not kann sie sich verteidigen. Sie verfügt über Fachkenntnisse und versteht ihr Handwerk. Auch wenn sie nie so genannt wird im Buch ist sie doch irgendwie Privatdetektivin. Sie sucht keine verlorenen Menschen, überwacht keine betrügenden Männer oder klärt Mordfälle – sie sucht Geld. Als Wirtschaftsprüferin ist sie dafür genau die Richtige. Und gemeinsam mit dem etwas geheimnisvollen alten Mann, den sie Onkel nennt, hat sie damit Erfolg. Nichtsdestotrotz hat der letzte Fall ihr schwer zu schaffen gemacht. Zum einen ging es um ihren Halbbruder, zum anderen hat sie auch einen Mann erschießen müssen und ist selbst mit einer Schusswunde nur knapp davon gekommen. Sie zweifelt, ob ihr Job noch der richtige Job für sie ist, doch bevor sie sich darüber klar werden kann, wird sie von ihrer Mutter in den nächsten Job katapultiert.

Die Familie… ja, die ist nicht ganz einfach bei Ava. Ihre Mutter ist die zweite Frau ihres Vaters, der mit seiner ersten Frau und Familie in China lebt, dessen dritte Frau mit Familie aber in Australien lebt. So überspannt Avas Familie denn den ganzen Globus, doch ihre Mutter und ihre Schwester leben in Kanada. Neben ihrer Geliebten Maria pflegt sie noch einige Freundschaften, unter anderem zu May Ling, die sie in einem vergangenen Fall kennen gelernt hat und sie nun gerne zu einer Geschäftsbeziehung überreden will. Während des Falls schottet sie sich ab, denn tatsächlich fließt ein beständiger Mailverkehr zwischen ihr und ihren Freunden und Familienmitgliedern hin und her. Um ganz ehrlich zu sein, waren es mir am Anfang fast schon zu viele, um mir die Namen zu merken, aber auch um sie auseinander zu halten, aber mit der Zeit hat man dann alle Verbandelungen drauf.

Das Geflecht an Beziehungen versteht man bestimmt ein wenig besser, wenn man die vorigen Teile kennt – was ich auf jeden Fall nun nachholen werde – aber auch ohne die vorigen Teile kann man die Verbindungen recht schnell nachvollziehen. Es gibt auch einige Anspielungen auf den vorigen Fall, der in Macao stattfand, doch das war nicht weiter störend. Weder wird zu viel verraten, so dass man keine Lust mehr hat, diesen Teil nachzuholen, noch lag der alte Fall im Fokus. Es war einfach etwas, was hin und wieder erwähnt wurde, um Dinge zu erklären oder zu verdeutlichen.

Onkel hingegen ist schon eine etwas spezielle Figur. Über ihn, bzw. über seine Vergangenheit erfährt man nun nicht sehr viel, doch Onkel hat weitreichende Verbindungen, die Ava bei ihren Ermittlungen zu Gute kommen. Vor jeder Entscheidung berät sich Ava mit dem alten Mann und trifft keine wichtige Entscheidung allein. Sie arbeiten gemeinsam. Es ist aber kein Chef-Angestelltenverhältnis, es ist eine Partnerschaft. Beide wissen nicht alles voneinander, vertrauen sich aber blind. In ihrem Geschäft nicht unwichtig, aber doch unüblich.

Sagt man wirtschaftlichen Themen in Krimis oft nach, dass sie langweilig sind und hierfür nicht taugen, muss ich erwähnen, dass ich immer wieder vom Gegenteil überzeugt werde. Wirtschaftsthemen eignen sich hervorragend für Krimis – ich würde jetzt mal wagemutig behaupten, wenn dem nicht so ist, liegt es nicht am Thema. Der Autor verbindet elegant den fauligen Investmentfond mit einer krummen Bank auf Indonesien, verquickt mit Italienern und Waffen, und haut am Ende mit Geldwäsche und Immobiliengeflechten um sich – das alles aber verständlich und unheimlich spannend geschrieben. Aber das ist auch noch nicht alles, denn er lässt Ava eine Sache durchleben, die mich tiefst betroffen hat und ich mir jetzt noch nicht ganz klar darüber bin, ob ihre Reaktion darauf gut oder schlecht finde. Beeindruckend ist sie aber auf jeden Fall, denn sie ist zwar betroffen, aber verfolgt ihr Ziel weiterhin kühl und unerbittlich, aber kann man bei so einem Ereignis sachlich bleiben? Nun ja, sie schafft es nicht ganz.

Tatsächlich hatte ich mich gefreut, einen Thriller aus Kanada zu lesen, denn das Land ist noch ein weitgehend blinder Fleck auf meiner Karte, aber flugs waren wir dann in Asien, China und Indonesien. Das war denn weiter auch nicht schlimm, denn auch hier habe ich noch weiße Flecken und hab mich gefreut, mehr über die beiden Länder zu erfahren. In Hongkong erhält Ava eine kleine, aber feine Sightseeing Tour, doch abgesehen davon, liegt der Fokus des Autors nicht auf ausführlichen Landschaftsbeschreibungen. Schon eher widmet er sich der Küche des Landes und lässt Ava immer sehr gute Gerichte probieren. Vielmehr ist es aber die Kultur, die Feinheiten im Umgang im asiatischen Raum, die mir Ava in dem Buch ganz unbewusst näher gebracht hat.

Fazit:
Ein perfektes Leseerlebnis rund um Privatdetektivin Ava Lee, die dem Weg des Geldes folgt und dabei nicht nur auf langweilige Wirtschaftskriminelle stößt. Ich bin gespannt, ob die anderen Teile der Serie meine nun hohen Erwartungen halten können. Dieser Teil ist auf jeden Fall eine absolute Leseempfehlung!