Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Wunderbar: Rocking Horse Road – Carl Nixon

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Carl Nixon – Rocking Horse Road
Verlag: btb
Übersetzer: Stefan Weidle
236 Seiten
ISBN: 978-3442747382

 

 

 

 

Manchmal muss ich mich wirklich fragen, warum ich manche Bücher so lange bei mir rumliegen lasse. Wenn ich das entsprechende Buch dann gelesen habe, schüttele ich immer ungläubig den Kopf und kann es nicht ganz verstehen. So ging es mir nun auch mit „Rocking Horse Road“. Ein Glück, dass das gemeinsame Spezial mit Kaliber.17 mich wieder auf dieses Buch gebracht hat und ich es endlich gelesen habe. Welch wunderbare Lektüre mir manchmal fast entgeht.

1980 wird Lucy Asher, eine 17-jährige, tot am Strand von The Spit gefunden, einer Landzunge in Christchurch, die mit der namengebenden Rocking Horse Road komplett abgefahren werden kann. Eine Gruppe von Jungs beobachtet den Leichenfund sowie die Ermittlungen und finden ihre eigenen Schlüsse. In den Monaten danach tragen sie Zeitungsartikel und Berichte zusammen, befragen Zeugen und sammeln oder finden Beweisstücke oder Indizien. Doch auch 25 Jahre später sind sie immer noch auf der Suche nach dem Mörder und Lucy Asher lässt sie nicht los.

Ganz kurz hab ich mich in das Buch rein finden müssen. Es mutet schon ein wenig seltsam an, wenn von Wintermonaten, Winterferien und Weihnachten die Rede ist, aber sommerliche Temperaturen herrschen, der Strand bevölkert wird und die Hitze einem zu schaffen macht. Aber so merkt dann auch der Letzte, dass er sich auf der anderen Seite der Weltkugel befindet – in dem Fall in Neuseeland, Christchurch. The Spit, die Landzunge auf der sich die Ereignisse zutragen, ist die Heimat der Jungs, ihrer Eltern und es wird auch die Heimat ihrer Kinder sein. Eine Gemeinschaft, in der es kaum Zu- oder Abgänge gibt, eine eingeschworene Gemeinschaft. Umso schlimmer, dass jemand aus ihrer Mitte gerissen wurde: Lucy Asher.

Keiner von den Jungs kannte Lucy näher, aber doch kannte sie jeder. Wie das eben so ist, in einer recht abgeschlossenen Gemeinschaft, allein schon durch die geografische Lage (die übrigens in einem Foto hinten anhängend in dem Buch dargestellt ist). Doch ihre Ermordung erschüttert die Gemeinschaft. Lucys Schwester wird zu einem promiskuitiven, jungen Mädchen, die so alle potentiellen männlichen Verdächtigen überprüft. Lucys Vater handwerkt in der Garage und lässt sich nachts am Strand blicken, Lucys Mutter betreut das sterbende Milchgeschäft der Familie. Doch nicht nur die engste Familie ist betroffen, alle sind es. Und die Jungs beginnen mit ihren Nachforschungen und Ermittlungen. Sie sammeln und ordnen was sie kriegen können, sie haben ihre Augen und Ohren überall und fragen sich durch.

Durch die sommerliche Atmosphäre und die 15jährigen „Ermittler“ fühlt man sich an „Stand by me“, die Verfilmung von Stephen Kings Kurzgeschichte „Die Leiche“ erinnert. Es ist keine Zweitagesreise, es ist eine jahrelange Reise und natürlich sind die Umstände anders, aber einen Hauch erinnert es eben daran. Es ist eine tiefe Freundschaft, die die Jungs verbindet, und die Ermordung von Lucy Asher schweißt die Jungs noch weiter zusammen. 25 Jahre später sind die meisten von ihnen immer noch auf The Spit und der nahende Tod eines an Krebs erkrankten von Ihnen, lässt sie diese Geschichte erzählen.

Ja, sie. Denn die Erzählung wird in einer Wir-Form wieder gegeben. Es ist nicht klar, wer die Geschichte erzählt oder niederschreibt. Sind es alle? Ist es nur einer? Viele Namen der Jungen werden erwähnt, aber sind es alle? Oder bleibt der Erzähler im Unbekannten und hat eben genau diese Funktion: die Geschichte zu erzählen? Ihr Lebenswerk aufzuschreiben? Denn dass es ihr Lebenswerk ist, kann keiner bestreiten. Lucy Asher ist als Tote mehr in ihren Gedanken als sie es als Lebende jemals war. Sie ist das aufregendste, was ihnen im Leben je passiert ist – oder ein Hindernis, welches ihr Leben klein hält?

„Die unausgesprochene Wahrheit ist, dass wir all noch immer nach etwas suchen. Nicht nur nach Lucys Mörder, sondern nach dem Augenblick in unserem Leben, da wir die unerschütterliche Überzeugung hatten, dass wir einem höheren Zweck dienten, einem übergeordneten Wohl. Wenn man diese Überzeugung einmal hatte, fällt es schwer, sie loszulassen. Es ist beinahe unmöglich, eine langfristige Befriedigung in den Alltäglichkeiten eines normalen Lebens zu finden.“ (S. 83)

Es ist ein Rückblick, fast eine Abrechnung, die leise Spannung transportiert. Die sommerliche Atmosphäre und die einzigartige Halbinsel, die zwar nach begehrter Wohnlage aussieht, doch der ständig herrschende Ostwind macht sie nicht sonderlich attraktiv, tragen auch ihren Anteil daran. Wenn der Sand zwischen den Zähnen knirscht und die Sonne brennt, erscheint das Leben zumindest den Jungs in ihren Winterferien wie eine Idylle. Bis die Leiche gefunden wird. Ihr Leben ändert sich, die Ermordung wird der Mittelpunkt. Selbst dir Rugby-Meisterschaft, die bei Ihnen halt macht, kann das nicht ändern, auch wenn der Autor hier ein politisch interessantes Thema hat einfließen lassen. Rugby ist in Neuseeland so beliebt wie hierzulande Fußball –  die Devise war, Sport ist Sport und Politik ist Politik, doch plötzlich regt sich Widerstand gegen das rein weiße Team aus Südafrika. Die Apartheid war damals noch vorhanden. Die Rugby-Meisterschaft unterbricht die Suche nach Lucys Mörder, kann sie aber keineswegs stoppen. Es scheint ein nicht weiter bedeutendes Zwischenspiel zu sein, welches aber wichtig ist, um authentisch das Zeitgeschehen  in Neuseeland zu beleuchten.

Dem Standard-Krimileser mag das vorliegenden Büchlein zu wenig Spannung zu bieten und es ist wirklich nicht der typische Krimi. Es ist eine Geschichte von Freundschaft und Abenteuer, auch wenn die Jungs teilweise ein wenig „zahnlos“ sind, es ist eine Geschichte aus Neuseeland in den 80ern. Aber eben verknüpft durch den Mord an Lucy Asher.

„Allmählich wurde uns klar, dass man etwas erst richtig zu sehen beginnt, wenn es verschwunden ist.“ (S. 17)

Fazit:
Ein wunderbares Buch – leise Krimispannung, Freundschaft und Abenteuer im neuseeländischen Flair. Unbedingt lesen!

 

Im übrigen hat Gunnar von Kaliber.17 das Buch schon letztes Jahr für sich entdeckt. Zu seiner Rezension geht es hier.


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Blogkooperative Australien & Neuseeland-Spezial – gemeinsam mit Kaliber.17

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Ich freue mich ganz besonders, Euch heute eine Blogkooperative mit dem Team von Kaliber.17 anzukündigen. In den nächsten zwei Wochen werden wir Euch mit Rezensionen zu australischen und neuseeländischen Krimis beglücken.

Nach der Welle, die um südafrikanische Krimis herrschte und immer noch nicht abgeklungen ist, naht die nächste Trendwelle, auf die wir natürlich gerne aufsteigen. Australien und Neuseeland – zwei kriminell-literarisch noch recht unbekannte Länder hier in Deutschland (völlig zu unrecht, im Übrigen) – sollen Euch in dem Special näher gebracht werden. Ich würde mich freuen, wenn ihr den ein oder anderen Tipp hier bzw. bei Kaliber.17 mitnehmen könnt und Euch die beiden Länder nach dem Spezial näher gekommen sind.

Wir haben uns diesmal nicht ganz so viele Bücher vorgenommen, aber einen sehr breiten Blick ins Krimigenre der beiden Länder geworfen. Das Spezial beginnt morgen, am 12.12.2016, und wird Euch bis kurz vor Weihnachten fast täglich ein Buch per Rezension vorstellen, bevor es am 22.12.2016 dann den letzten Beitrag gibt.
Hier ist unsere Leseliste:

Garry Disher – Drachenmann (AUS) – Kaliber.17
Carl Nixon – Rocking Horse Road (NLZ) – DiedunklenFelle
Jane Harper – The Dry (AUS) – Kaliber.17
Candice Fox – Hades (AUS) – DiedunklenFelle
Paul Cleave – Zerschnitten (NLZ) – Kaliber.17
Alan Carter – Prime Cut (AUS) – DiedunklenFelle
Helen Garner – Drei Söhne (AUS) – Kaliber.17
Garry Disher – Gier (AUS) – DiedunklenFelle
Peter Temple – Die Schuld vergangener Tage (AUS) – Kaliber.17

Entgegen dem letzten Special habe ich diesmal keine Verlagsunterstützung angefordert, sondern einfach mal meinen SUB geplündert. Was dort nicht alles geschlummert hat…

So, und dann bleibt mir nur noch übrig, Euch viel Spaß mit unserem Spezial zu wünschen!