Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Klassiker: Schwarzgeld – Ross Macdonald

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Ross Macdonald – Schwarzgeld
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Karsten Singelmann
368 Seiten
ISBN: 978-3257300406

 

 

 

Schon sehr oft ist es mir passiert, dass ich die beiden Autoren Ross Macdonald und Ross Thomas verwechselt habe. Ist aber auch verzwickt mit dem gleichen Vornamen und Genre. Aber natürlich bedienen die beiden Autoren grundsätzlich ein ganz anderes Subgenre und nun, nach der Lektüre meines ersten Ross Macdonalds wird mir auch die Unterscheidung nicht mehr so schwer fallen. Lew Archer, der Privatdetektiv in Macdonalds Krimis, ist eine Bekanntheit im Krimigenre und dort nicht wegzudenken. So weist man Ross Macdonald die Nachfolgeschaft von Chandler und Hammett an und nennt die Namen in einem Zug, wobei ich persönlich da schon große Unterschiede erkennen kann.

Ginny Fablon trennt sich von ihrem Verlobtem Peter Jamieson und wendet sich dem unbekannten, aber mondänen Francis Martel zu – das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, denkt ihr Verlobter und engagiert Privatdetektiv Lew Archer, um herauszufinden, welchen halbseidenen Lebemann Ginny sich da geangelt hat. Ein Fall von enttäuschter Liebe? Archer macht sich auf, um im mondänen Tennisclub nahe Los Angeles herauszufinden, wer Martel ist. Doch dabei findet er nicht nur mehr über Martel heraus, sondern auch über einen Selbstmord, ein paar Affären und viel über die sogenannte bessere Gesellschaft.

Fast schon gruselig, wie gut es Macdonald gelungen ist, die Atmosphäre der 60er Jahre in diesem abgeschotteten Fleckchen der Erde einzufangen. Der Tennisclub, umgeben von den Villen der Reichen und Betuchten, alter Geldadel, der zwar neue Reiche integriert, aber noch lange nicht akzeptiert. Männer in Anzügen, Frauen in eleganten Kleidern, die Sonne brennt und versetzt alles in eine trockene, flirrende Stimmung. Keine Großstadt, keine großen Umbrüche, hier lebt man noch genauso wie vor 20 Jahren, gibt Partys und trifft sich im Tennisclub. Ein beneidenswertes Leben, zumindest auf den ersten Blick.

Denn natürlich brodeln unter der Oberfläche massenweise Geheimnisse und Gerüchte, aber es gibt auch allgemein Bekanntes, über das man eben nicht spricht. Archer stößt auf Affären und Spielsüchtige, Fresssucht und Geldprobleme, findet einen Selbstmord, über den keiner sprechen will und fühlt dem Neuling, Martel, auf den Zahn. Ein charmanter, aber unangenehmer Bursche, in dessen Kielwasser sich aber schon einige Fische tummeln, die die schöne Gesellschaft rund um den Tennisclub gehörig durcheinander wirbeln.

Und wer ist Lew Archer eigentlich? So arg viel erfährt man über den Privatdetektiv eigentlich nicht. Eben nur durch seine Ermittlungen, seine geschickten Fragen, sein hartnäckiges Nachhaken. Eine Beschreibung über Archer sucht man vergebens – es gilt, Archer durch seine Ermittlungsgespräche kennen zu lernen. Einen Vergleich mit Chandlers Philip Marlowe und Hammetts Sam Spade, muss Lew Archer zwar nicht fürchten, doch kann ich die Ermittlungen in der schön-scheinenden Realität des Tennisclubs keinesfalls als Hardboiled bezeichnen. Archer manövriert sich mit Bravour durch die Häuser der Reichen, hardboiled-typische Anzeichen lassen sich kaum finden. Ist aber auch nicht so wichtig, denn die Ermittlungen Archers machen einfach Freude beim Lesen. Es ist eine klassische Privatdetektivgeschichte – zuerst mal gar kein Fall, doch eben genug, um als Privatdetektiv nach und nach die kleinen dreckigen Details der guten Gesellschaft aufzudecken. Ein Genuss, der heute oft seinesgleichen sucht – ein toller Klassiker!

Fazit:
Ein sehr lohnenswerter Klassiker, in dem Privatdetektiv Lew Archer die Steine der feinen Gesellschaft umstülpt und die dunklen Geheimnisse wie kleine Käfer aus dem Licht flüchten. Ein Lesegenuss!

 

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Abschluss des Krimiklassiker Spezial und Gewinnspiel

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Ach, wie schade, dass schöne Sachen irgendwie immer schneller vorüber sind, als schlechte Dinge. So auch die Blogkooperative mit Kaliber.17 zum Krimiklassiker Spezial. 17 Rezensionen und zwei Porträts habt ihr auf unseren Blogs gesehen und gelesen, mit unserer Auswahl an Klassikern. Ein paar kanntet ihr bestimmt schon, ein paar vielleicht nicht und einige haben wir wieder in Erinnerung gerufen. Ich hoffe, Ihr hattet so viel Spaß an dem Spezial wie die Blogger von Kaliber.17 und ich.

Um Euch nun noch die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester zu vertreiben, wird sowohl das Team von Kaliber.17 sowie ich ein Gewinnspiel veranstalten. Bei mir gibt es folgendes zu gewinnen:

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Ein Paket aus den beiden Begründern des Hardboiled-Genres: Der Malteser Falke von Dashiell Hammett und Der große Schlaf von Raymond Chandler. Um das Paket zu gewinnen, habe ich mir ein kleines Kreuzworträtsel ausgedacht, welches gelöst werden kann, wenn man meinen Rezensionen aufmerksam gefolgt ist. Manch eine Frage lässt sich vielleicht auch so lösen, wenn nicht, kann man ja nochmal nachlesen. Das Kreuzworträtsel findet ihr hier anhängend als pdf. Das Lösungswort bzw. die Lösungswörter ergeben eine Aufforderung und auch darauf möchte ich eine Antwort. Keine Sorge, so schwierig ist es nicht. Hier kommt nun erst mal das pdf:

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Wenn ihr die Antworten herausgefunden habt, tragt diese bitte in das folgende Kontaktformular ein:

Der Einsendeschluss ist der 31.12.2015, 23:59 Uhr. Und jetzt bleibt nur noch zu sagen: viel Glück!

Ach ja, und eine Sache wäre da noch: Ich wünsche allen meinen Lesern frohe Weihnachten, ein paar ruhige Tage im Kreise der Familie und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
Ich mache vermutlich ein paar Tage Pause und melde mich dann aber auf jeden Fall am 1. Januar 2016 mit einem Jahresrückblick und den Gewinnern des Gewinnspiels zurück!

Das Kleingedruckte
Der Gewinner wird aus allen Teilnehmern ausgelost. Der Name/ Nickname des Gewinners wird nach der Auslosung auf meinem Blog veröffentlicht und der Gewinner außerdem per Email benachrichtigt (bitte denkt also daran, beim Kommentieren eine tatsächlich von euch genutzte Emailadresse zu benutzen). Die Adressdaten des Gewinners werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.


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Die schwarze Dahlie – James Ellroy

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James Ellroy – Die schwarze Dahlie
Verlag: Ullstein
Übersetzer: Jürgen Behrens
496 Seiten
ISBN: 978-3843710220

 

 

 

 

Es kann doch kein Zufall sein, dass James Ellroys „Die schwarze Dahlie“ das Ende des Klassikerspezials bildet, oder? Ellroy ist ganz sicher nicht das Ende der Entwicklung der Kriminalliteratur, doch hat Ellroy das Genre bis an seine Grenzen gebracht, so dass ein wahres Meisterwerk den Abschluss bildet. Wie Ellroy eben so ist, ein Meister auf seinem Gebiet. Und so bietet er einen wahrhaft gelungenen Abschluss des Klassikerspezials, denn hier stellen wir ja ausschließlich Meisterwerke des Genres vor.

Ein brutaler Mord rüttelt die Stadt der Engel auf. Elizabeth Short, von der Presse kurzerhand „Die schwarze Dahlie“ getauft, wird ermordet aufgefunden, gefoltert und in zwei Hälften zerteilt. Die Polizisten Dwight „Bucky“ Bleichert und Leland „Lee“ Blanchard ermitteln in der Sonderkommission und werden von dem toten Mädchen mehr und mehr in Bann gezogen. Vom Staatsanwalt als Unschuld vom Lande stilisiert doch eher eine Hure, reißt die Dahlie die beiden Cops in einen Sumpf aus Korruption, Hass und Verderben.

Realität ist ein Wort, welches ich in meinen letzten Rezensionen oft und gerne gebraucht habe. Aus dem Grund, dass die Hardboiled Autoren es sich eben auf die Fahne geschrieben haben, so realistisch wie möglich zu schreiben. Alle haben das unterschiedlich, aber mit Bravour erledigt, doch James Ellroy setzt dem ganzen nun noch ein Quäntchen oben drauf. Seine Realität ist roher, brutaler; er dehnt die Realität bis an ihre Grenzen, um dem Leser den Begriff Realität um die Ohren zu hauen. Und das begründet sich nicht nur darin, dass ein realer Kriminalfall dem Buch zugrunde liegt, sondern auch in seiner literarischen Umsetzung. Dicht gewebt schreibt Ellroy schonungslos und brutal und liefert ein stimmiges Bild von Kulisse, Charakteren und Handlung.

Die Stadt der Engel, die 40er Jahre, Filmsternchen und Baulöwen – die Geschichte um die beiden Helden Bucky Bleichert und Lee Blanchard setzt Ellroy an einen Ort und in eine Zeit, die ein ganz besonderes Flair ausstrahlen. Eine helle, leuchtende Welt, in der dieser grausige Mord reinplatzt. Doch dieser Dreckfleck auf der schimmernden Weste öffnet einen Einblick in die dreckigen Tiefen der glänzenden Filmstadt und zeigt ihre Verderbtheit.
Zugegeben, es dauert ein wenig, bis der Mord passiert, doch Ellroy nutzt die Zeit, um seinen Protagonisten Bucky Bleichert einzuführen. Bucky und Lee Blanchard tänzeln umeinander, so wie sie es auch als Boxer tun, bis sie schließlich Partner werden. Blanchard ist ganz klar der Anführer des Teams, welches mit Kay Lake, Ex-Gangsterliebchen und Freundin von Blanchard, zu einem Trio mutiert. Sobald die Dahlie auf der Bildfläche erscheint ist klar, dass beide ihre Obsession gefunden haben:

„Und natürlich wurden wir auch Partner. Rückschauend weiß ich [Bleichert], daß der Mann [Blanchard] keine hellseherischen Gaben hatte; er plante ganz einfach energisch seine Zukunft, während ich nur unsicher meiner eigenen entgegentrieb. Doch es war sein wegwerfend vorgebrachtes »Cherchez la femme«, das mich bis heute verfolgt. Denn unsere Partnerschaft führte uns auf den verpfuschten Weg zur Dahlie. Und am Ende war sie es, die vollständig von uns Besitz ergriff.“( S. 18)

Sie brechen Regeln, ermitteln heimlich, vernachlässigen ihre anderen Fälle. Doch Lee ist derjenige, der mehr gefangen ist, dessen Obsession nicht nur das Trio zerstört, sondern auch sein Leben. Die Dahlie lässt aber auch Bucky nicht los.

Die Dahlie, ein unschuldiges Mädchen vom Lande? Eher nicht. Ein Mädchen auf der Suche nach Liebe und Ruhm, zwischen Männern und Filmangeboten, beteiligt an einem Lesbenporno und sich für keinen krummen Filmauftrag zu schade, mit unzähligen Affären. Über die Lesbenszene gelangt Bucky in die Tiefen der Stadt der Teufel, zu den Reichen, den Mächtigen. Filmproduzenten und Baulöwen, Hollywood, schlechtes Baumaterial und Gemauschel unter Freunden. Ein Sumpf aus Korruption und Vergeltung, aus Hass und Liebe, in dem Bucky Bleichert fast ganz verloren geht.

Dass Ellroy ein kleines Meisterwerk geschrieben hat, ist sicher unbestritten. Eine obzessive, verstörende Geschichte um ein totes Mädchen, welche dem Leser nicht gleich alles offenbart, sondern durch komplexe Handlungsstränge zu verschleiern weiß. Das Lesen ist ein Genuss, doch man muss sich auf die verschiedensten Gefühlswelten einstellen. Ellroys schonungslose Darstellung offenbart einem die Brutalität des Verbrechens, zeigt verlorene Helden, mit denen man leidet und macht einen wütend. Sicherlich kein einfacher Krimi, aber einer, der sich nicht nur lohnt, sondern ein Muss für jeden Krimifan ist.

Fazit:
Eine Muss-Lektüre, aber keine Sorge, denn das Lesen ist ein Hochgenuss. Spannend, brutal und obzessiv – die Dahlie fesselt nicht nur Bucky Bleichert, sondern auch den Leser. Top!

 

 

Dies und Das über James Ellroy:
Es ist nicht schwierig, etwas über James Ellroy herauszufinden. Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit „Die schwarze Dahlie“ beschäftigt, ob er nun danach sucht, es liest oder den Film dazu sieht, weiß, dass Ellroys Mutter ermordet wurde, als er 10 Jahre alt war und ihn das nachhaltig beeinflusst hat, so dass er den realen Mord an Elizabeth Short zur Vorlage nahm, die aufgrund ihrer Vorliebe für schwarze Kleidung, die „schwarze Dahlie“ genannt wurde, und diesem Mordfall in seinem Buch eine Auflösung zugutekommen ließ. Mit diesem Buch gelang Ellroy der Durchbruch und danach folgten noch so einige Krimis, die er gerne in Trilogien oder Quartetten schreibt. „Die schwarze Dahlie“ ist Teil 1 des ersten L.A. Quartetts, vielen ist wohl eher „L.A. Confidential“ bekannt, welches auch zu diesem Quartett zählt. Erst dieses Jahr erschien „Perfidia“, der Grundstein zum zweiten L.A. Quartett und bevor ich mir hier die Finger abbreche, um krampfhaft den Text zu füllen, möchte ich Euch lieber ein Interview mit James Ellroy empfehlen, welches Sonja Hartl für den Blog des Polarverlags – Polar Noir – geführt hat, als Perfidia bei uns erschien und viel mehr über James Ellroy verrät als ich je herausfinden könnte:
http://www.polar-noir.de/im-gespraech-james-ellroy/


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Cops leben gefährlich – Ed McBain

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Ed McBain – Cops leben gefährlich
Verlag: Culturbooks
Übersetzer: Ernst Heyda
156 Seiten
ISBN: 978-3959880039

 

 

 

 

Ein Täter hat es auf Cops abgesehen. Zuerst erwischt es Mike Reardon. Die Kugeln zerstören sein Gesicht so, dass seine Kollegen vom 87. Polizeirevier ihn erst gar nicht erkennen. Und Mike Reardon bleibt nicht der einzige Cop aus dem 87. Polizeirevier, auf den es der Killer abgesehen hat. Carella und Bush sind hinter dem Täter her, aber auch die anderen Kollegen des 87. Polizeireviers wollen nichts anderes, als den Kerl zu erledigen. Doch wer erschießt Cops?

„Ein funkelndes Nest ist die Stadt, von pulsierendem Leben erfüllt, erbaut aus kostbaren, leuchtenden Edelsteinen – aber alle diese Gebäude sind nur Dekoration. Mehr nicht. […]
Vor den Häusern, hinter den Häusern und zwischen den Häusern gibt es Straßen.
Und es gibt viel Abfall in diesen Straßen…“ (S. 6-7)

Und um diesen Abfall kümmern sich die vielen Cops der Stadt, unter anderem auch die aus dem 87. Polizeirevier. Der Mord an Mike Reardon lockt die Mordkommission an, doch ist klar, dass das Revier natürlich auch ermittelt, wenn es einen der ihren erwischt. Und was der Leser dann erlebt, ist schlicht und einfach Polizeiarbeit. Von vielen Kollegen. Von einem Team. Es gibt zwar Carella, der die Geschichte zusammen hält, doch die Ermittlungen werden von vielen Kollegen durchgeführt. Da werden die bekannten Verdächtigen aus dem Revier verhört, die Karteikarten nach Haltern von .45ern durchsucht, die Spitzel her zitiert und ausgefragt. Es ist eine Menge Arbeit, zeitaufwendig und akribisch, welche in der brüllenden Sommerhitze in der Stadt, zwischen aufgeheizten Gemütern und langsam versagenden Klimaanlagen, ein Höllenjob ist. Doch ein Polizistenmörder treibt sein Unwesen und dieser muss gestoppt werden. Deshalb kommen die Kollegen vom 87. Polizeirevier immer wieder zusammen, schieben Überstunden, denken Tag und Nacht an Wege und Mittel den Täter zu fangen.

Neben dem Fall erlebt man die Ermittler im Privatleben, wenn man auch immer nur kleine Einblicke bekommt. Da ist Bush, dessen Frau eine unterschwellige Sexualität ausströmt, so dass sogar sein Partner, Carella, abwegige Gedanken durch den Kopf huschen. Und da ist Reardon, dessen Frau immer gemeinsam mit ihm schlafen geht, auch wenn das heißt, tagsüber zu schlafen und nachts auf zu sein. Und da ist Carella selbst, der eine Frau gefunden hat, die er liebt, die taubstumme Teddy, die ihr Glück nicht fassen kann, einen so tollen Kerl abbekommen zu haben. Zugleich herrscht eine Hitze, die das Denken unmöglich macht, die Gedanken zäh wie Kaugummi. Und dann gibt es da diesen Journalisten, Savage, der Unruhe stiftet. Der denkt, er könnte das besser als die Polizisten. Der in ein Wespennest sticht und dann die Hände hebt und sagt, dass hätte er nicht gewusst. Ein Reporter, der ein Interview veröffentlicht, welches er gar nicht hätte veröffentlichen dürfen und damit einen Stein ins Rollen bringt.

Der Krimi hat „nur“ ungefähr 150 Seiten, aber die haben es in sich. Selten habe ich einen so klaren Stil erlebt. Die Dialoge sprühen vor Zynismus und Härte, zeigen aber auch Wortwitz und ein Gespür für die Sprache der Polizisten. Ed McBain begründete ein neues Subgenre, das Police Procedural, den Polizeiroman. Zum ersten Mal ist es nicht ein Privatdetektiv, ein einzelner Ermittler, der den Täter jagt. Es ist ein Team von Ermittlern, von Polizisten. Und damit sind McBains Krimis so realistisch und nah am Geschehen wie möglich. Das Konzept wurde vielfach kopiert, ob nun in nachfolgenden Krimis oder Fernsehserien, doch irgendwie scheint der Gründer in Vergessenheit geraten zu sein. Wie gut, dass der Culturbooks Verlag diese Krimiperlen wieder ausgegraben hat und zumindest einige Teile veröffentlich hat.

Fazit:
Realistischer geht es nicht – Ed McBain gelingt ein Polizeiroman erster Güte und begründet damit ein Subgenre. Ein Könner, der dem Leser ein riesiges Portfolio hinterlassen hat, dass hoffentlich wieder komplett neu aufgelegt wird.

 

Dies und Das über Ed McBain:
Ed McBain ist ein Pseudonym von Evan Hunter, der eigentlich Salvatore Albert Lombino heißt. Als Evan Hunter schrieb er Kinderbücher, Psychothriller und Drehbücher, unter anderem „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock. Erfolg hatte er aber als Ed McBain und mit seinem 87. Polizeirevier, mit dem er die Police Procedural begründete. Der einzelne Detektiv, ob nun Superspürnase oder Hardboiled Detektiv, wurde hier durch eine Gesamtleistung ersetzt, die Leistung eines ganzen Polizeireviers. Der Leser erlebt den Polizeialltag hautnah, Realismus pur. 50 Krimis um das 87. Polizeirevier folgten. Doch einen Makel hatte das 87. Polizeirevier – McBain sympathisiert mit seinen Cops, es gibt keinen schlechten, korrupten Cop. Seine Protagonisten sind die guten. Man mag es ihm nachsehen, hat er doch ein Subgenre begründet und uns viele, gute Polizeiromane hinterlassen.


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Der große Schlaf – Raymond Chandler

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Raymond Chandler – Der große Schlaf
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Gunar Ortlepp
201 Seiten
ISBN: 978-3257201321

 

 

 

 

Hier ist er – der zweite Klassiker, den ich unbedingt lesen wollte. Endlich wissen, wer Philip Marlowe ist. Genauso wie Sam Spade, ein Name, der in aller Munde ist und eine Tradition von Hardboiled Krimis begründet. Und mir noch unbekannt. Sapperlot! Damit hat es jetzt ein Ende. Endlich kenn ich ihn, den berühmten Philip Marlowe. Und zwar so gut, dass ich unbedingt noch mehr von ihm möchte!

Privatdetektiv Philip Marlowe hat einen neuen Auftrag: General Sternwoods Tochter Carmen wird erpresst. Der geschwächte und an den Rollstuhl gefesselte General engagiert Marlowe, doch neben der Erpressung gibt es noch weitaus interessantere Vorkommnisse in der Familie. Rusty Regan, der Ehemann von Sternwoods zweiter Tochter Vivian und ein Mann, den Sternwood sehr gemocht hat, ist vor einer Weile verschwunden. Gerüchteweise zusammen mit der Frau von Eddie Mars, einem Gangster. Marlowes Auftrag ist die Erpressungsgeschichte, doch er kommt nicht umhin, auch in der Rusty Regan Sache zu ermitteln, als ihn alle mit der Nase darauf stoßen.

Philip Marlowe kann mit seiner locker-zynischen Art nicht nur die Mädels in der Geschichte begeistern, sondern verleiht dem Krimi auch die besondere Note, die mir bei Sam Spade gefehlt hat. Er ist ein harter Brocken, keine Frage, der sich auch hin und wieder der Melancholie hingibt, der Typ Einzelgänger. Zynismus und Ironie, die ab und an aufblitzen und einige lockere Sprüche zutage fördern, gönnt man ihm gerne, weiß man doch, dass er in seinem Inneren einem moralischen Kodex folgt. Hier weiß man von Anfang an, dass Marlowe nicht nur die Erpressungsgeschichte lösen wird, sondern auch das Rätsel um den verschwundenen Rusty Regan. Er ist Privatdetektiv mit Überzeugung, er nimmt keine krummen Aufträge an, ist dadurch oft pleite oder zumindest knapp bei Kasse. Er ist eisern in seinen Vorstellungen, lässt sich auf keine krummen Dinge ein und richtet nach seinen eigenen moralischen Grundsätzen. Gleichzeitig lässt er immer wieder seine weiche Seite durchblicken. Doch einen harten Kerl macht das nur stärker, es macht ihn zu einem Helden. Philip Marlowe ist ein Hardboiled Held ganz nach meinem Geschmack und wird völlig zu Recht als einer der Prototypen des Hardboiled Helden bezeichnet.

Das Frauenbild im Buch ist auch ein wenig besser als bei Dashiell Hammett. Letztendlich muss man sich klar machen, dass der Krimi doch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat und das Frauenbild damals einfach anders war. Nichtsdestotrotz haben wir zwei sehr unterschiedliche Sternwood Töchter. Carmen mimt das laszive Dummchen, welches sich den Männern an den Hals wirft und sich dadurch Macht über die Männer verspricht. Man weist sie natürlich nicht ab. Vivian ist hingegen schon eine starke Frau, die allerdings eine Abhängigkeit zu Eddie Mars hat und eine Spielerin ist. Ein Wildfang ist sie trotzdem und das Verschwinden ihres dritten Ehemanns ein Mysterium.

Die Atmosphäre der 30er fängt Chandler perfekt ein. Es ist ein realistisches Bild der Gesellschaft in Amerika, genauer gesagt in Kalifornien, in den 30ern. Die Szenen zeigen eine Vitalität, die vielen Krimis heutzutage mitunter fehlt. Die Wende in der Kriminalliteratur, die Dashiell Hammett begonnen hat, hat Chandler mit seinem Krimi nur bestätigt. Es geht nicht mehr darum, ein Ermittlergenie hervorzuheben, sondern um ein reales Bild der Wirklichkeit. Ein Ermittler musste her, der auf dem Boden geblieben war. Ein ganz normaler Mann.

„Ich bin nicht Sherlock Holmes oder Philo Vance. Ich schnüffle nicht, nachdem die Polizei schon da war, noch mal am Tatort rum, um ‘ne zerbrochene Füllfeder aufzulesen und ‘nen Fall drauf aufzubauen. Wenn Sie glauben, daß es einen im Detektivgeschäft gibt, der so seine Brötchen verdient, dann kennen Sie die Polente schlecht. So etwas übersehen die nicht, wenn sie was übersehen. Ich will damit nicht sagen, daß sie oft was übersehen, wenn man sie richtig arbeiten läßt. Aber wenn, dann muß es schon etwas wackliger und vager sein…“ (S. 186)

Die Handlung bietet viele Wendungen und Überraschungen und bildet mit dem verschmitzten Philip Marlowe als Hauptfigur eine perfekte Symbiose. Nichtsdestotrotz kann man an einigen Stellen auch schmunzeln und wie auch schon bei Sam Spade, gibt es wieder eine Menge Waffen, die letztendlich bei Marlowe in der Sakkotasche landen. Während mit dem Malteser Falken ein Schatz gejagt wurde, ist die Intension von Chandlers Krimi schon psychologischer. Doch bis man dahin kommt, dauert es noch eine ganze Weile und man folgt Marlowe durch die Wirren, welche die Sternwood Töchter hinterlassen haben. „Der große Schlaf“ ist ein Klassiker, der mich wirklich begeistern konnte und den ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

Auch von „Der große Schlaf“ gibt es eine Verfilmung mit Humphrey Bogart (mit dem Titel „Tote schlafen fest“). Der Film hat mir sehr gut gefallen und Bogart als Marlowe war Spitzenklasse. Eins sollte man allerdings erwähnen – der Film endet anders als das Buch. Somit muss man natürlich beides erlebt haben, um auch entsprechend beurteilen zu können.

Fazit:
Der Prototyp des Hardboiled Helden in seiner Geburtsstunde. Philip Marlowes erster Fall lässt einen nicht mehr los und man folgt ihm begeistert bis zur Lösung des Falls. Platz eins meiner Krimiklassiker, den ich nur empfehlen kann.

 

Dies und Das über Raymond Chandler
Nach der Scheidung seiner Eltern zog Chandler mit seiner Mutter nach England. Wie so einige andere Kriminalschriftsteller hat Raymond Chandler eine Reihe von Berufen ausprobiert oder ausprobieren müssen. Er war Beamter im britischen Marineministerium, Journalist, Buchhalter, Soldat der kanadischen Airforce, Vize-Direktor einer Ölfirma und… Autor sowie Drehbuchautor. Am britischen Kriminalroman fand er keinen Gefallen, blutleer und wirklichkeitsfremd fand er ihn. Gut so, denn so schuf er seinen Philip Marlowe, als er begann Kurzgeschichten zu schreiben. Als Chandler seinen ersten Roman „Der große Schlaf“ veröffentlichte wurde er ein Publikumserfolg, doch von den Kritikern verschmäht. Er schrieb noch 6 weitere Romane um Philip Marlowe, doch auch als Drehbuchautor konnte er Erfolge sammeln. Für sein Drehbuch zu „The Blue Dahlia“ wurde er für den Oscar nominiert. Verheiratet war er mit der 18 Jahre älteren Cissy Pascal, deren Tod er nicht verkraften konnte. In den Jahren nach ihrem Tod unternahm er einen Selbstmordversuch und verfiel dem Alkohol, bis er 1959 starb.


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Der Tod auf dem Nil – Agatha Christie

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Agatha Christie – Der Tod auf dem Nil
Verlag: Atlantik Verlag
Übersetzer: Pieke Biermann
320 Seiten
ISBN: 978-3455650020

 

 

 

Wenn man an Agatha Christie denkt, ist „Der Tod auf dem Nil“ wohl einer der ersten Krimis, der einem im Kopf schwirrt, wenn nicht gar der erste überhaupt. Das mag an Sir Peter Ustinovs genialen Verkörperung des Hercule Poirot liegen, aber ich hoffe doch auch an dem Buch, denn so gut Sir Ustinov es umsetzt, es gibt doch einige Unterschiede und es wäre schade, wenn man „nur“ den Film kennen würde.

Aber wer von uns kennt ihn, Hercule Poirot, nicht? Der kleine, elegante Belgier, der nur zu häufig für einen Franzosen gehalten wird und dies immer wieder berichtigen muss. Mit einem beeindruckenden Schnurrbart und vielen kleinen grauen Zellen ausgestattet, ist er stolz auf seine Fähigkeit Fälle zu lösen und beweist das immer wieder. Ein wenig eingebildet ist er schon, aber immer ausgesucht höflich, auch wenn er es versteht, gekonnt in Wunden zu stochern.

Eine Gesellschaft aus den verschiedensten Persönlichkeiten trifft sich auf der „Karnak“, einem Dampfer, zu einer Nilkreuzfahrt. Hercule Poirot möchte gerne ein wenig ausspannen, doch dann wird Linnet Ridgeway ermordet aufgefunden. Linnet war die reichste Reisende – nicht nur in Gelddingen, denn sie war auch auf Hochzeitsreise mit Simon Doyle, den sie ihrer Freundin ausgespannt hat, die sich auch auf dem Dampfer befindet. Mit dabei sind mehr oder minder zufällig ihr Vermögensverwalter, Bekannte oder andere, die Linnet ihren Reichtum nicht immer gegönnt haben. Doch wer hat sie ermordet?

Zugegeben, am Anfang muss der geneigte Krimileser schon ein wenig Muse mitbringen, denn bevor der Mord passiert, werden erst mal alle Charaktere eingeführt. Mehr oder weniger ausführlich, aber immer schon abwechselnd und da wir von einigen reden, muss man schon an der Geschichte dran bleiben. Auch das Zusammentreffen auf der „Karnak“ dauert ein Weilchen, bevor dann nach ca. 120 Seiten der Mord passiert. Nun könnte man denken, warum dauert das denn so lange, aber Agatha Christie stellt uns die Charaktere nicht nur einfach so vor. Wir sehen viele Beweggründe und Hintergründe bis dann alle erst mal auf dem Schiff zusammenführt werden. Es ist ein kontinuierlicher Spannungsaufbau in der Vorstellung der Charaktere, der seine erste Explosion im Mord an Linnet Ridgeway erhält, bevor es zum nächsten Spannungsaufbau kommt – der Ermittlung.

Als Belgier und bekannter Privatdetektiv hat Poirot hier eine Position, die es ihm erlaubt, sämtliche Standesgrenzen zu ignorieren und trotzdem nicht unangenehm aufzufallen, sondern sogar von den meisten bewundert oder gemocht zu werden. Von der reichen Schriftstellerin über die Lady mit ihren Gesellschafterinnen, vom Vermögensverwalter bis zum Schiffsjungen. Das Schiff mit seinen Landausflügen bietet dabei die exotische Kulisse, ohne welche die Auswahl der Personen zu vergrößern. Wie auf einem Landsitz ist auch hier ein bestimmter Personenkreis verdächtig und muss den Mord begangen haben. Vom Aufbau her ist „Der Tod auf dem Nil“ also ein klassischer Whodunit.

Poirots Adjutant ist Colonel Race, der in einem geheimen Auftrag auf dem Schiff weilt und bei der Ermittlung kräftig unterstützt. Die Hauptverdächtige hat ein Alibi – also wer war es? Wie das so Poirots Art ist, befragt er Zeugen, gibt ab und an kryptische Bemerkungen von sich und behauptet dann, den Täter schon seit einer Weile zu kennen und nur den Tathergang zu rekonstruieren. Meist knobelt er an einem kleinen Stückchen – doch ohne dies gibt er den Täter nicht bekannt.

„Sie denken, ich tummele mich zum Spaß auf Nebenschauplätzen. Und das ärgert Sie? Aber so ist es nicht. Ich war mal beruflich bei einer archäologischen Expedition dabei – und da habe ich etwas gelernt. Wenn etwas ausgegraben wird, wenn etwas aus der Erde hochgeholt wird, dann wird die ganze Umgebung sorgfältig leergefegt. Man entfernt lockere Erde, man gräbt da und dort mit dem Messer, und schließlich hat man sein Objekt, allein für sich, bereit, gezeichnet oder fotografiert zu werden, ohne dass irgendetwas dazwischenkommt, was nicht da hingehört. Das habe ich hier auch versucht – alles, was da nicht hingehört, wegzufegen, damit wir die Wahrheit sehen können – die nackte, blanke Wahrheit.“ (S. 246-247)

Und so offenbaren sich nach und nach all die kleinen Geheimnisse der feinen Gesellschaft und befriedigt damit seine Leser, bis er sich zum großen Finale aufschwingt. Ich habe „Der Tod auf dem Nil“ schon ein-, zweimal gelesen und auch den Film gesehen, aber ich bin mit dem Fluch/Segen behaftet, dass mir die meisten Auflösungen wieder entfallen und so war ich auch diesmal überrascht ob der genialen Auflösung des Falles und habe glücklich und zufrieden das Buch zugeklappt.

Fazit:
Auch wenn man sich am Anfang an viele Personen gewöhnen muss und es eine Weile dauert, bevor der Mord passiert, ist „Der Tod am Nil“ eine kriminalistische Wundertüte: ein exotisches Setting, ein Potpourri an Verdächtigen und ein genialer Poirot in einer klassischen Whodunit Ermittlung. Bien!

 

Dies und Das über Agatha Christie

Über Agatha Christie ist schon viel geschrieben worden und meine Doktor Who Karte hab ich ja schon ausgespielt. So bleibt mir heute nur zu erwähnen, dass ich noch zwei kleine Fakten herausgefunden habe, die ihr vielleicht doch noch nicht kennt: Agatha Christie versuchte sich angeblich am Surfen und die New York Times veröffentlichte zu Poirots Tod einen Nachruf – auf der Titelseite!

 

Herzlichen Dank an den Atlantik Verlag für die Bereitstellung des Krimis.


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Maigret und der gelbe Hund – Georges Simenon

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Georges Simenon – Maigret und der gelbe Hund
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Raymond Regh
176 Seiten
ISBN: 978-3257238068

 

 

 

 

Bei Georges Simenon fiel es mir schwer, den Klassiker zu bestimmen. Und letztlich habe ich das auch nicht getan, da ich denke, dass es hier nicht einen Klassiker gibt, sondern Maigret an sich der Klassiker ist. Aktuell erschienen sind seine „Reisebücher“ und so machte ich mich mit Maigret auf in die Bretagne, genauer gesagt nach Concarneau, auf die Spuren des gelben Hundes.

Eines Abends macht sich der allseits beliebte Weinhändler Mostaguen auf den Heimweg von der üblichen Stammtischrunde – Le Pommeret, Dr. Michoux und Servieres, ein Journalist – im Hotel de l’Admiral und wird aus dem Briefkastenschlitz eines Nachbarhauses angeschossen. Als am nächsten Tag Maigret gemeinsam mit Inspektor Leroy zur Ermittlung erscheint geschieht schon das nächste Verbrechen: Strychnin im Pernod. Und so häufen sich die Verbrechen nach und nach – sogar ein Mord geschieht. Doch wer war es – und warum so viele verschiedene Verbrechen?

Um ganz ehrlich zu sein, war ich mit Maigret eine ganze Weile unzufrieden. Fast schon wie der Bürgermeister, der ihn ständig triezt, Ergebnisse zu liefern und nachzufragen, was er eigentlich den lieben langen Tag so macht. Warum tut der denn nichts? Er sieht sich alles an und schickt seinen Inspektor los, um hier und da Spuren einzusammeln (die er nie wieder anschaut), aber irgendwie passiert nicht viel. Also, es passiert schon einiges, nur Maigret rührt sich nur selten in Richtung Ermittlung.

„Sie werden entschuldigen, Herr Bügermeister, dass ich Sie bei meinen Ermittlungen nicht auf dem Laufenden gehalten habe. Aber als ich hier eintraf, wurde mir klar, dass das Drama erst am Anfang stand. Um seine Fäden zu entwirren, musste man ihm erst ermöglichen, sich zu entwickeln, und man musste dabei Schäden möglichst zu vermeiden suchen“ (S.171)

Da ist Kommissar Maigret schon sehr eigen. Lieber mal erst ansehen, etwas Essen oder ein Pfeifchen genießen und abwarten, was so geschieht. Es könnte ja nicht nur wichtig sein, es ist wichtig. Und so folgt der Leser Maigrets Auge, ohne seine Gedanken zu kennen. Er führt auch keine Befragungen durch, er unterhält sich einfach ein wenig, wenn er angesprochen wird, eher selten geht die Initiative von ihm aus. Er beobachtet und denkt. Ja, schon klar, in unserer heutigen Kriminalliteratur ist das nicht mehr oft gefordert, man darf doch recht häufig den Gedankenergüssen des Ermittlers folgen. Doch hier heißt es ruhig Blut (übrigens so ganz ohne Blut) und fesselt den Leser ganz einfach mit einer liebevollen Atmosphäre, genau ausgearbeiteten Figuren und der Frage: was denkt Maigret jetzt wohl, wer der Täter ist.

Zusätzlich ist das Buch durchzogen mit einer leichten, aber deutlichen Kritik an der oberen Schicht der Gesellschaft und einer sympathisierenden Darstellung der Arbeiter, kleinen Leute und Vagabunden. Für wen Simenons Herz schlägt ist glasklar und er hält der Gesellschaft der 30er Jahre einen Spiegel vor.

Derweil also Maigret grübelt, ist das ganze Dorf in heller Aufregung, die Verbrechen sich häufen und der Bürgermeister rot anläuft. Und es wird tatsächlich ein Verdächtiger gefunden – den Maigret mit einem müden Lächeln abtut. Der kann es nicht gewesen sein. Ach, und warum nicht? Nun, diese Erklärung bleibt uns Maigret schuldig, bis er am Ende des Buches in traditioneller Manier alle Beteiligten (und ja, auch den Bürgermeister) an einen Ort holt und die Geschichte entwirren lässt und selbst entwirrt.

Fazit:
Wer nur spannende Pageturner liest, der mag hier falsch sein. Wer aber feine Krimikost in traditioneller Art mit vielen versteckten Feinheiten schätzt, der wird an Maigret und seinen Fällen seine wahre Freude haben.

 

 

Dies und Das über Georges Simenon
Georges Simenon kam aus ärmlichen Verhältnissen, doch seine Berufswünsche waren vielfältig: vom Priester zum Minister, vom Offizier zum Mitglied der Académie Française. Letztendlich wurde er Gehilfe in einem Buchladen. Und dann Konditor. Privatsekretär und Reisebegleiter. Bevor er zur Schriftstellerei fand. Zuerst bei einer Zeitung, danach als Autor von Groschenromanen; frivolen Erzählungen en masse. Erst 1931 erblickte der erste Maigret Roman das Licht der Welt. Simenon ist ein Vielschreiber und ein Schnellschreiber. Er veröffentlichte weit über 200 Bücher, mehr als 80 Maigret Krimis – von der Menge der Erzählungen aus seiner Anfangszeit ganz zu schweigen. Meistens brauchte er für ein Buchmanuskript nur 8-10 Tage und Korrektur lesen wollte er nicht. Entweder sei der Text etwas geworden oder nicht – herum feilen wollte er nicht mehr. Wenn sich das jemand erlauben konnte, dann er, denn ein Maigret ist hohe Kunst – und das ganz ohne Korrektur.