Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Quereinstieg: Lunapark – Volker Kutscher

9783462049237
Volker Kutscher – Lunapark
Verlag: KiWi
560 Seiten
ISBN: 978-3462049237

 

 

 

 

Ich habe mich nochmal in die Mitte einer Serie getraut. Gehört hab ich natürlich schon viel von Volker Kutscher und seinem Gereon Rath, doch bis jetzt hatte ich noch nicht das Vergnügen, mich in eines seiner Bücher zu vertiefen. Derweil der erste Teil der Reihe „Der nasse Fisch“ im Jahr 1929 spielt, befinden wir uns mit Lunapark schon im Jahr 1934. Die Nazis haben die Macht ergriffen, die Kommunisten und Sozialisten sind vertrieben oder leben versteckt, die Hitlerjugend ist auf dem Vormarsch – es ist die Zeit kurz vor dem Röhm-Putsch. Geschichtlich eine wirklich interessante und sehr spannende Zeit, vor allem, weil wir ja wissen, wie die Geschichte ausgehen wird und wir quasi dabei zusehen müssen, wie die Menschen mit offenen Augen in ihr Unglück rennen. Aber wie sieht es von der kriminalistischen Seite aus? Kann Volker Kutschers Gereon Rath da auch viel bieten?

Als Gereon Rath zu einem Mordfall gerufen wird, findet er den übel zugerichteten SA-Mann Horst Kaczmarek, unter Freunden auch mehr oder minder liebevoll Katsche gerufen, unter einer halben kommunistischen Parole vor. Das ruft auch die Gestapo schnell auf den Plan, in Person Raths früheren Kollegen Gräf, der die Nazi-Gesinnung als Karrieresprungbrett benutzt. Dort sind schnell die Schuldigen gefunden, es muss natürlich die Gruppe Wolff sein, eine von Russland bzw. Stalin indoktrinierte und zurückgesandte Gruppe von Kommunisten, die den Nationalsozialismus mit heimlich hingeschmierten Parolen untergraben und stürzen soll. Diese Theorie scheint anscheinend nur Gereon Rath hanebüchen. Derweil also die Gestapo einer Gruppe Wolff hinterher hetzt, macht Gereon Rath, das was er schon immer konnte und kann: ermitteln. Und zwar allein.

Gereon Rath ist ein Eigenbrötler. Anscheinend ist er schon in früheren Teilen nicht teamfähig gewesen, mit der Gestapo und seinem früheren Kollegen Gräf ist er es nun ganz besonders nicht. Das hat zum einen Vorteile, denn die festgelegten Ermittlungen in Richtung Kommunisten inklusive der Ignoranz vorhandener Spuren oder dem Nichtzulassen von anderen Ermittlungsansätzen und Theorien, kann Rath nur so entkommen. Andererseits bringt ihm das auch Nachteile, denn sowohl die SA als auch die Gestapo sitzen mittlerweile am längeren Hebel und Rath entkommt nur knapp Maßregelungen und drohendem Jobverlust.  Rath ist aber auch einer, der gerne seine Augen verschließt. Klar kann man das heute einfach sagen, weil man weiß, wie die Geschichte weiter geht, doch Rath ist in der Hinsicht wirklich naiv. Noch 1934, ein Jahr nach Machtergreifung durch die Nazis, und obwohl sein Pflegesohn Fritze nach und nach mehr von der Hitlerjugend vereinnahmt wird, macht er beide Augen zu und behauptet, dass alles wieder gut wird. Dass „Papa“ Hindenburg das schon wieder richten wird. Gereon ist ein widersprüchlicher Charakter. Zwar kann er sich in seinem Job behaupten, Karriere wird er aber wohl erst mal nicht machen. Insgesamt ist er mir zu lasch – gegenüber seinen Mitarbeitern, gegenüber Fritze und auch gegenüber alten Freunden, ob nun Kollegen oder Verbrechern.

Im Gegenzug dazu steht seine Frau Charlotte. Sie versucht des Öfteren Rath vom Gegenteil zu überzeugen, nicht nur, als Rath ohne zu lesen, den Mitgliedsbeitritt von Fritze für die HJ ungesehen unterzeichnet. Mit ihr erlebt man auch die Gesellschaft, ganz ohne Polizeiabzeichen, z. B. wie Leute schnell in Läden verschwinden, wenn ein Pulk SAler um die Ecke biegt, aber solche Kleinigkeiten bleiben zu Hause unerwähnt. Gespräche und Unterhaltungen sind jetzt nicht unbedingt die Stärke im Hause Rath. Gereon erzählt praktisch nichts von seinen Ermittlungen, aber auch nicht, dass er einem alten Bekannten, dem Gangsterboss Marlow, begegnet ist. Aber auch Charlotte hält vor Gereon geheim, dass sie auf der Suche nach einem untergetauchten Kommunisten ist, nachdem dessen Schwester sie beauftragt hat. Auch ihren neuen Job in einer Anwaltskanzlei verheimlicht sie so lange wie möglich, auch wenn sie Gereons Unterschrift benötigt, um dort zu arbeiten. Die Raths machen sich das Leben wirklich unnötig schwer und man mag sie ständig durchschütteln. Es scheint auch, als würden sie aus ihrem Verhalten nicht lernen, in ihren Geheimnissen gefangen zu sein und somit in ihrer Beziehung in Stillstand zu verharren.

Dieses Dreigestirn an Figuren, welches sich im Hause Rath tummelt, scheint die damalige Situation gut zu beschreiben. Wir haben die, die den Ernst der Lage erkennen, aber nicht viel machen können in Charlotte vertreten, wir haben die, die begeistert folgen in Fritze gespiegelt und Gereon ist derjenige, der wie viele wegguckt und hofft, dass es bald besser wird. Eine sehr ungesunde Mischung, wie wir aus der Erfahrung wissen. Neben dieser politisch und gesellschaftlich heiklen Situation, den vielen historischen Kleinigkeiten, die eingestreut sind (z. B. Gereons Zigarettenmarke, die ich ehrlich gesagt, schon bald nicht mehr lesen konnte, es hätte auch mal gereicht zu schreiben, dass er sich eine Zigarette anzündet – aber noch vielen anderen kleinen Dingen) und den Figuren, die den Lesern der ersten Stunde der Serie vermutlich mehr ans Herz gewachsen sind als mir bis jetzt, gibt es natürlich noch den Kriminalfall.

Ja, der Kriminalfall. Die Lösung der Gestapo kann kein Leser auch nur für einen Moment als möglich ansehen – einfach schon, weil sie keinen anderen Schluss zulassen. Die Ermittlungen von Gereon Rath führen dann über ein Glasauge zu einem alten Mann zur Kirche und außerhalb von Berlin bis sie letztendlich bei alten Bekannten landen – allerdings findet Gereon dies recht schnell heraus. Trotzdem lässt die Spannung nicht nach, denn der Täter ist zwar bekannt, aber noch lange nicht gefasst. Und was genau der Lunapark damit zu tun hat, tja, das müsst ihr dann noch selbst herausfinden.

Abschließend kann ich sagen, dass mir der Krimi ganz gut gefallen hat, auch wenn ich glaube, dass die Begeisterung bei den Lesern, welche die vorigen Teile auch schon kannten, wesentlich höher war, als bei mir. Ich vermute mal, es ist der Sog der Serie, wenn einem die Charaktere einfach ans Herz wachsen – und man dann das Ganze noch mit politisch-interessante Zeiten und einem spannenden Kriminalfall geliefert bekommt. Der Quereinstieg, wie ich ihn gemacht habe, ist durchaus möglich, denn der Autor erklärt alle wiederkehrenden Elemente kurz, so dass man nicht verwirrt ist. Allerdings muss man schon sagen, dass die Geschichten sehr miteinander verwoben sind – d. h. das Buch „Lunapark“ hätte es ohne die vorigen Teile gar nicht geben können. Auch bin ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich die vorigen Teile nachholen werde, denn einige Dinge sind mir jetzt schon bekannt und ich fürchte mich vor fehlender Spannung, wenn ich denn nun eben einiges schon kenne oder wiedererkenne. Schade eigentlich, denn gerade die politisch-historische Komponente würde mich reizen. Gereon Rath Fans werden „Lunapark“ sowieso lesen – allen andere empfehle ich tatsächlich mit dem ersten Teil der Serie „Der nasse Fisch“ zu beginnen.

Fazit:
Der Krimi ist politikgeschichtlich hochinteressant und mit einem recht spannenden Fall garniert, allerdings war mir Gereon Rath ein wenig zu lasch. Ein Quereinstieg in die Reihe ist möglich, aber ich empfehle ihn nicht.


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Bewegend: Trümmerkind – Mechtild Borrmann

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Mechtild Borrmann – Trümmerkind
Verlag: Droemer
300 Seiten
ISBN: 9783426281376

 

 

 

 

Mechtild Borrmann. Fast ehrfürchtig wird ihr Name geflüstert, ihre Bücher haben die Tendenz heiß erwartet zu werden und schon vor Erscheinen Vorschusslorbeeren zu erhalten. Gekritelt wird höchstens auf hohem Niveau und  eines der wenigen Themen, bei denen man sich streiten mag, ist, ob ihre Romane wohl ins Krimigenre einzuordnen sind. Nun, das Genre ist weit gefasst und ich denke, wenn man einen Stempel aufdrücken möchte, dann den des Spannungsromans. Und wer mich ein wenig kennt, wird wissen, dass ich hierfür ein Faible habe. Nachdem ich vor einiger Zeit „Die andere Hälfte der Hoffnung“ gelesen habe, hab ich mich nun sehr auf „Trümmerkind“ gefreut, einem Roman, der auf einer realen Mordserie fußt, den Hamburger Trümmermorden.

Hanno Dietz kämpft sich mit seiner Familie in Hamburg durch den Winter 1946/47. Die Lebensmittel sind knapp, nur wenige Häuser haben Strom, ganze Stadtteile liegen in Trümmern. Hanno ist erst 14, doch gemeinsam mit seiner kleinen Schwester zieht er durch die Trümmerlandschaften, um Holz zu suchen, aber auch Dinge, die er auf dem Schwarzmarkt verkaufen oder in Lebensmittel tauschen kann. Auf einem seiner Streifzüge entdeckt er in einem Keller eine nackte, tote Frau  – und nicht weit davon entfernt, einen kleinen, verlassenen Jungen. Hannos Familie nimmt den Kleinen, der kein Wort spricht, auf, entgegen aller Widerstände, die tote Frau erwähnt Hanno mit keinem Wort. Erst Jahre später, als aus dem kleinen Jungen ein patenter Rechtsanwalt geworden ist, löst sich das Geheimnis seiner Kindheit auf und ein tragisches Verbrechen kommt ans Licht.

Der Roman besteht aus drei Handlungssträngen. Ein Handlungsstrang spielt zum Kriegsende und dreht sich um die Familie Anquist und ihr Gut. Die Familie ist zum Aufbruch bereit, doch leider schaffen sie es nicht mehr zu fliehen, bevor die Russen das Land besetzen. Der zweite Strang spielt  Mitte der 90er und erzählt von Anna Meerbaum, der Tochter von Clara Anquist. Ihre Mutter schweigt beharrlich über die Vergangenheit, doch dann bringt Annas Ex-Mann Neuigkeiten über Gut Anquist und Anna beginnt nachzuforschen,  auch wenn ihre Mutter mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, sie davon abzuhalten.

Doch der für mich überzeugendste Strang war der um Hanno und seine Familie. Es gelingt Frau Borrmann auf wundersame Weise, den Zeitgeist von damals einzufangen und zu den Lesern zu transportieren. Nicht nur in diesem Strang, doch dieser war derjenige, der mich am meisten bewegt hat. Ihr reichen hier wenige, wohl gesetzte Worte – der Roman hat keine 300 Seiten – damit bei mir sofort Bilder im Kopf aufgetaucht sind und es mich zusammen mit Hanno in der eiskalten Wohnung gefröstelt hat. Eine entbehrungsreiche Zeit, in der viele gestorben sind, verhungert oder erfroren, in der man einem Toten den Mantel abnimmt – einfach weil einem so kalt ist und der Tote ihn doch nicht mehr braucht. Verzweiflung und Elend, gemischt mit kleinen Hoffnungsschimmern, die von Hanno und seiner Familie ausstrahlen und zeigen, dass selbst in düsteren Zeiten aufgeben keine Option ist und man alles überwinden kann.

Doch auch wenn dieser Strang für mich herausragt, sind die beiden anderen nicht minder spannend. Und natürlich verflechten diese sich nach und nach und man erkennt, wie diese zusammen hängen könnten. Doch spannend bleibt es bis zum Schluss, denn auch wenn man einiges erraten kann oder auch nach und nach im Buch rausgefunden wird, die Autorin behält sich eine Komponente bis zum Schluss. Es ist ein beeindruckendes Leseerlebnis, zu sehen, wie der Bogen von der NS-Zeit bis in die 90er Jahre von der Autorin gezogen wird. Immer herrscht eine leise Spannung und man ist am grübeln, nur um dann gleich danach wieder mit den Gedanken dort zu sein, mit den Charakteren, mit dem Geheimnis und den Sorgen. Und am Ende schließt man das Buch und ist erzürnt über diese unglaubliche Geschichte, diese Frechheit und Kaltblütigkeit, doch im gleichen Gedankengang erinnert man sich an das Mitgefühl, die Herzlichkeit und die Familienzusammengehörigkeit.
Dieser Roman bewegt.

Fazit:
Ein bewegender Spannungsroman, der die NS-Zeit mit den 90ern verbindet und ein unfassbares Geheimnis aufdeckt – eindringlich, spannend und ergreifend. Von Mechtild Borrmann muss man in seinem Leben einfach etwas gelesen haben!


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Aufarbeitung: Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper – Robert C. Marley

Marley_Inspector_Swanson_Ripper_RGB_150dpi Robert C. Marley – Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper
Verlag: Dryas
344 Seiten
ISBN: 978-3940855596

 

 

Nun lese ich ja schon wirklich lange Krimis und Thriller. Fast mein ganzes Leben lang. Und doch ist mir einer, ein ganz bekannter, bisher durchgegangen. Klar kenne ich Jack the Ripper, aber in der Tat habe ich mich nie über ihn informiert, wenn ich mal was von ihm gesehen habe, z. B. in der Serie Ripper Street, so war das nur zufällig. Doch Autor Robert C. Marley und der Goldfinch Verlag haben das geändert. Der Autor hat eine Krimireihe um Inspector Swanson begonnen, den ersten Teil, Inspector Swanson und der Fluch des Hope Diamanten, kenne ich leider noch nicht, doch im zweiten Fall, Inspector Swanson und der Fall Jack the Ripper, widmet er sich gleich dem größten und unbekannten Verbrecher aller Zeiten. Doch die Tatsache, dass bisher keiner weiß, wer eigentlich wirklich Jack the Ripper war, hindert ja nicht daran, einen spannenden Krimi darum zu schreiben.

London, 1888. Im East End, genauer gesagt im Stadtteil Whitechapel, geht ein Täter um, der es auf die Prostituierten im Viertel abgesehen hat. Chief Inspector Donald Swanson wird mit seinem Team auf die Spur des Täters angesetzt. Auch er ist erschüttert von der Grausamkeit der Morde und will den Täter unbedingt fassen. Die Verdächtigenliste ist groß, sogar illustre Gestalten wie Oscar Wilde oder auch der berühmte Maler Walter Sickert lassen sich darauf finden. Doch wer hat nun wirklich die Prostituierten auf dem Gewissen? Swanson und sein Team müssen sich nicht nur mit den Verdächtigen rumschlagen, sondern auch polizeiinternen Querelen und es stellt sich die Frage, ob der Täter nicht sogar weitreichende Verbindungen ins Königshaus hat.

Überraschenderweise habe ich festgestellt, dass nicht nur Jack the Ripper und die Eckpunkte der Handlung der Realität entnommen waren, sondern auch Inspector Swanson eine reale Grundlage hat. Der Autor hat mit Nevill Swanson, dem Urenkel von Donald Sutherland Swanson gesprochen und auf Basis dessen Erinnerungen und Erzählungen den Detective wieder auf erleben lassen. Inwieweit die Geschichte wahr oder fiktiv, das ist nicht ganz klar, die Grenzen verschwimmen. Das ist sehr gut gelungen und verbindet dokumentarische Elemente mit einer spannenden Handlung.
Detective Swanson ist ein Vorbild für alle Constables und Seargants: mit messerscharfem Verstand ausgestattet, Anteil nehmend an den Opfern, mit der genau richtigen Mischung gegenüber seinen Mitarbeitern – streng, belehrend, Freiheiten lassend – und offen für jegliche Ermittlungsrichtungen und Hinweise. Und doch kommt er nicht so recht vorwärts. Es gibt viele Theorien und die Ermittler versuchen wirklich alles, z. B. auch das Verkleiden als Prostituierte. Auch die Einmischung von oben fehlt nicht und lässt einen die Augen rollen. Doch streckenweise gab es leider einige Längen, die zäh waren, wo die Geschichte einfach nicht voran gekommen ist und es mir schwer gefallen ist, zu folgen.

Nichtsdestotrotz ist die Aufarbeitung des Jack the Ripper Falls Robert C. Marley wirklich gut gelungen. Opfer, Verdächtige, Ermittlungsversuche – alles findet sich und wird in eine komplizierte Ermittlung verwebt, die von bekannten und unbekannten Persönlichkeiten strotzt und auch die Verschwörungstheorien komme nicht zu kurz. Wer schon immer mal mehr über Jack the Ripper lesen wollte, darf zu diesem Buch greifen. Wer schon alles von Jack the Ripper kennt, bekommt hier eine neue – mögliche – Lösung des Falls präsentiert.

Fazit:
Eine gut gelungene und spannende Aufarbeitung des Jack the Ripper Falls aus Sicht von Inspector Swanson im viktorianischen London.


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Odins Söhne – Harald Gilbers

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Harald Gilbers – Odins Söhne
Verlag: Knaur
523 Seiten
ISBN: 978-3426516430

 

 

 

 

Anfang 1945 ist Richard Oppenheimer, ein jüdischer Ex-Kommissar, untergetaucht. Durch seine Freundin Hilde hat er einen Pass mit anderem Namen und kann relativ gefahrlos leben. Natürlich getrennt von seiner Frau Lisa, aber immerhin mit einigen heimlichen Treffen. Als Hildes Mann , der KZ-Arzt Erich Hauser auftaucht, und Hilde bittet, ihm zu helfen unterzutauchen, führt dies zu einer Tragödie: Hauser wird tot aufgefunden und Hilde des Mordes an ihrem Mann verdächtigt. Damit Hilde nicht in wenigen Tagen wegen Hochverrates hingerichtet wird, muss Oppenheimer sich, gemeinsam mit einigen anderen Freunden Hildes, etwas einfallen lassen, um den wirklichen Täter aufzuspüren.

Die Handlung spielt in den letzten Monaten vor Kriegsende, einer Zeit, in der die Menschen erschöpft vom lange andauernden Krieg waren, ausgezehrt durch das kaum verfügbare Essen, in Furcht, ob sie nicht verraten werden, durch eine Kleinigkeit, eine Lappalie. Tägliche Bombenangriffe, Stunden in Bunkern und zerstörte Straßen, Gebäude und tote Menschen und der Feind naht. Die Stimmung ist bedrückend, verzweifelt und mit kleinen Hoffnungsschimmern versehen. Die Russen von rechts, die Amis von links – Deutschland steckt in der Mitte fest. Doch Hitler und sein Regime geben nicht auf. Auch der letzte verfügbare Mann wird zum Volkssturm eingezogen, derweil sich die zurückbleibenden Gedanken machen, wie sie sich wohl am besten umbringen könnten, bevor der Feind sie erwischt. Harald Gilbers gelingt es ausgezeichnet, die Atmosphäre von Berlin kurz vor dem Kollaps aufzuzeichnen. Nicht nur die Atmosphäre und Stimmung nehmen den Leser mit in eine Zeit, die die Schrecken unserer heutigen Zeit fast verblassen lässt, sondern er spickt dies mit unglaublich vielen Details, nicht nur aus der bekannten Geschichtschreibung, sondern aus dem Alltag, welche der Geschichte eine unheimlich realistische Note verleiht.

Den ersten Teil „Germania“ kenne ich noch nicht, doch man kommt auch problemlos so in die Geschichte rein. Richard Oppenheimer, ehemaliger Kommissar, ist jüdischer Abstammung und kann glücklicherweise, mit Hilfe von Hilde, verschwinden und untertauchen. Unglücklicherweise hat er allerdings einen Pass mit dem Namen Hermann Meier erhalten, welcher ihm mitunter komische Blicke beschert (Der Name bezieht sich auf ein Zitat von Hermann Göring, welcher sagte, dass er Meier heißen wolle, wenn nur ein feindliches Flugzeug das Reichsgebiet überqueren würde). Oppenheimer ermittelt, gemeinsam mit einigen großartig gestalteten Nebenfiguren, nicht nur in Bezug auf Hausers Arbeit, die dem Leser so einige grausliche Details über die Forschungen der NS-Zeit bringt, sondern auch in eine ganz andere Richtung, die er aber lange für sich behält. Oppenheimer hat zufällig die Leiche vor allen anderen entdeckt und dort eine Anstecknadel gesehen. Da diese später verschwunden ist, gerät sie in Oppenheimers Fokus und führt ihn in geheime, okkulte Kreise, die dem Denken des NS-Regime zwar nicht unähnlich sind, aber trotzdem von Hitler verboten wurden.

Nun ist eine Ermittlung während der NS-Zeit schon per se nicht einfach, als untergetauchter jüdischer Ex-Kommissar noch ein wenig schwerer und mit einer drohenden Persiflage von Gerichtsverhandlung, die mit Hildes Tod enden wird, ein riesengroßer Druck, der auf Oppenheimer lastet. Die Ermittlung der Polizei ist dann auch eher eine Schmierenkomödie und die Beweise werden auf Hilde „hingeschustert“. Zugegeben, es ist nicht einfach, den wahren Täter zu finden, aber die Anstrengung des ermittelnden Kommissars regelrecht lachhaft. Die Verhandlung, von der man weiß, dass es nicht um den Mord geht, sondern einzig und allein darum, aufzudecken, wer nicht 100% hinter dem NS-Regime steht und von Zeugen, die einen denunzieren, weil sie einen nicht leiden können, wimmelt. Oppenheimer muss also den wahren Täter finden – das ist die einzige Lösung für Hildes Problem. Durch den Zeitdruck und den drohenden Tod (durch das Fallbeil) ist die Spannung konstant hoch, während dazwischen Bomben fallen, man nie weiß, wem man trauen kann und Greueltaten aus dem Zwielicht auftauchen. Mit der Lektüre von „Odins Söhne“ wird einem ganz bestimmt nie langweilig!

Fazit:

Atmosphärisch dicht ist man als Leser direkt dabei in der NS-Zeit, gemeinsam mit dem jüdischen Ex-Kommissar Oppenheimer, der gegen die Zeit ermitteln muss, um seine Freundin Hilde vor dem Galgen zu retten. Hier stimmt einfach alles – Atmosphäre, Spannung und Figuren, die einem in Erinnerung bleiben. Perfekt!


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Historisch spannend: Unter dem Schatten des Todes – Robert Brack

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Robert Brack – Unter dem Schatten des Todes
Verlag: Edition Nautilus
218 Seiten
ISBN: 978-3894017521
13,90 €

 

 

Für letztes Wochenende habe ich ein kurzes, aber politisch-kriminalistisches Buch gesucht und da ist mir „Unter dem Schatten des Todes“ von Robert Brack in die Hände gefallen. Vor einiger Zeit habe ich dieses als Lesetipp vorgestellt und jetzt kann ich Euch auch sagen, ob es wirklich ein Lesetipp ist.

Klara Schindler, Reporterin, Lesbe und Kommunistin, versteckt sich in Dänemark (warum, kann man in „Blutsonntag“ herausfinden – den Teil hab ich aber auch noch nicht gelesen und in diesem Teil gibt es nur einige Andeutungen). Doch als der Reichstag brennt wird sie von der Parteiführung nach Berlin geschickt zur Ursachenforschung. War wirklich Marinus van der Lubbe der Alleintäter? War es ein Schachzug der Kommunisten? Nach der Tat scheint es eher so, als hätten die Nationalsozialisten den Reichstagsbrand initiiert um die Verhaftung ihrer politischen Gegner zu legalisieren. Klara begibt sich unter falschem Namen, mit gefälschtem Pass und ständig wechselnden Unterkünften nach Berlin auf Spurensuche.

Ein spannendes Thema, welches sich Robert Brack hier rausgesucht hat. Der Reichstagsbrand ist bis heute ungeklärt. Die verschiedensten Historiker haben die verschiedensten Theorien aufgestellt, doch eindeutige, letztendliche Beweise lassen sich nicht finden. Herr Brack schickt Klara Schindler auf die Suche danach.

Klara Schindler ist eine interessante und kantige Heldin. Idealistisch bis zum Erbrechen (und das ist nicht bös gemeint) und doch fast verloren in dem Parteiengewirr, auf das sie losgelassen wird. Vertrauen hat sie zu fast keinem und das ist auch gut so. Spitzel sind an der Tagesordnung. Die SA streift durch die Straßen und nimmt jegliche politische Gegner fest – mit Gewalt und Grausamkeit. Klara kann mitunter oft nur entkommen, da sie eine Frau ist. Aus dem Grund zieht sie jetzt auch öfters Röcke an – Hosen schaden in dem Fall nur. Und doch kann sie manchmal ihre Zunge nicht im Zaum halten. Damit stößt sie nicht nur bei den Nazis an, sondern auch bei den Genossen oder gar ihren Freunden und Vertrauten (so wenige das auch sind). Doch auch wenn Klara Mut und Aufmüpfigkeit, Neugier und Hartnäckigkeit beweist, ist der Krimi doch durchzogen von Angst, Gewalt und Misstrauen.

Denn Klara ist zwar die Protagonistin und doch ist sie eigentlich nur Beiwerk. Die Geschichte – der Reichstagsbrand als Ausgangspunkt, aber eigentlich die Gesellschaft und Politik der damaligen Zeit – steht definitiv im Vordergrund. Ohne geschichtliche Affinität hat man glaube ich nur mäßig Spaß an dem Kriminalroman. Man erfährt sehr viel über die Zeit damals: wie die Organisationen und Parteien damals strukturiert und miteinander verbandelt waren, wie die Arbeit im Untergrund abläuft und wer gegen wen und wer für wen ist. Schon im Geschichtsunterricht ein komplexes Thema muss man für diesen Krimi schon Muße mitbringen, denn die geschichtlichen Fakten sind zwar interessant, doch letztendlich ist es ja Unterhaltung und kein Sachbuch. Und so schickt Robert Brack Klara ins Rennen – um das Ganze dem Krimileser als spannenden Fall zu präsentieren. Es ist keine klassische Ermittlung, doch am Ende setzt der Autor ein Finale, dass durchaus einiges an Spannung zu bieten hat. Und sogar eine Lösung des Falles. Natürlich nur die Lösung, die sich der Autor denkt. Und es ist eine gute Lösung, eine, mit der man als Leser durchaus glücklich den Krimi zuschlägt.

Fazit:
Ganz sicher kein Buch für zwischendurch, dafür historisch spannend, aber auch fordernd, gepaart mit einer kantigen Heldin und einem untypischen Kriminalfall.

4 Schafe


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Fehlender Zeitgeist: Fronleichnamsmord – Bea Rauenthal

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Bea Rauenthal – Fronleichnamsmord
Verlag: List
340 Seiten
ISBN: 978-3548611846
9,99 €

 

 

 

 

Ab in die Wilden Siebziger ist das Motto! In „Fronleichnamsmord“ reisen Jo Weber und Lutz Jäger zum dritten Mal durch die Zeit und landen – erst mal getrennt voneinander – in den Siebzigern. Jo als erste weibliche Kommissarin bei der Kriminalpolizei, Lutz als Hippie in einer Kommune. Zusammen versuchen sie den Brand eines Kaufhauses und den damit verursachten Tod des Geschäftsführers zu verhindern. Doch zuerst geschieht ein anderer Mord, der ihre Aufmerksamkeit benötigt…

Was war ich gespannt auf diesen Krimi und hab mich so gefreut, ihn bei vorablesen.de gewonnen zu haben. Ein Zeitreisekrimi – das hört sich doch nach etwas an, was nicht Mainstream ist und Abwechslung in den Krimi-Alltag bringt. Schon vorher habe ich mit den ersten beiden Teilen geliebäugelt. Nach der Lektüre bin ich ehrlich gesagt ein wenig ernüchtert.

Versteht mich nicht falsch. Der Krimi war gut. Ich hab ihn schnell durchgelesen und hatte Vergnügen dabei. Die Protagonisten waren mir sympathisch, mit ein paar wenigen Ecken und Kanten. Ein paarmal wurde auf die vorherigen Teile verwiesen und auch die Liebesgeschichte zwischen Jo Weber und Lutz Jäger hat ja schon vorher begonnen und setzt sich eben mehr oder weniger fort, doch es war nicht unangenehm und man hat auch nicht den Faden verloren, nur weil man die beiden vorigen Teile nicht kennt. Aber von der Zeitreise in die Siebziger hatte ich mir doch mehr versprochen.

Die Autorin hat alles reingepackt, was man sich in den Siebzigern so vorstellt: über Polyesterkleidung, Kollegenmachos, Käfer ohne Gurt bis zur Hippiekommune. Die Ermittlungsmethoden sind natürlich auch ein wenig anders: die SpuSi ist noch in den Kinderschuhen, Berichte werden auf der Schreibmaschine getippt und Telefonzellen bekommen ihren Cameo-Auftritt. Doch das sind alles recht oberflächliche Erscheinungen. Als ein BKA Kollege die Ermittlungen an sich reißt und diese Richtung Terroranschläge und RAF lenkt, ist den beiden Protagonisten natürlich schon völlig klar, dass dies nicht der Grund ist und es werden Ermittlungen ab von den offiziellen Wegen eingeschlagen. Mag ja sein, dass der Mord ‚banalere‘ Gründe hat und leider keine – politische oder sonst wie – Tiefe inne hält, doch ein bisschen mehr Zeitgeist hatte ich mir schon versprochen. Gerade von einem Zeitreisekrimi – also einem Krimi, der nicht explizit nur in einer bestimmten Zeit spielt, sondern eben einen Protagonisten hat, der in eine fremde Zeit versetzt wird. So hätte der Krimi – abgesehen von den Oberflächlichkeiten – auch in unserer Zeit spielen können. Das finde ich sehr schade, vor allem von einer Autorin, die ansonsten historische Romane veröffentlicht und von der ich eigentlich mehr Recherche und daraus resultierend mehr Einfühlung und Vergegenwärtigung der entsprechenden Zeitperiode in ihrem Buch erwarte als ich selbst – ohne Recherche – über die Siebziger weiß. Für mich hat das Buch einfach zu viele verschenkte Chancen. Die Siebziger haben so viel Potential für kriminelle Machenschaften, doch leider bleiben diese ungenutzt und für mich war es eher ein völlig normaler Kriminalfall.

Zusätzlich fühlte ich mich stellenweise sehr an „Zurück in die Vergangenheit“ erinnert. Wenn ich an Zeitreise denke, sprudelt mein Kopf über vor Ideen und Komplikationen, Paradoxen und Humor. Ganz zu schweigen von den vielen interessanten Geschehnissen, die man einbauen und verarbeiten kann. Da gibt es so viel mehr als Toast Hawaii und Tippex. Auch warum der Titel „Fronleichnamsmord“ heißt, entgeht mir völlig. Außer dass der Krimi ungefähr zu dieser Jahreszeit spielt, gibt es hier keine Verbindung – auch sehr schade, da ja alle Teile an Feiertage angelehnt sind und man auch hier einiges herausholen hätte können.

Der Krimi ist nicht schlecht, nur eben ist genau der „Gimmick“, die Zeitreise, die es von der Masse herausreißen sollte, leider nicht gelungen. Ich habe trotzdem beschlossen, zumindest noch einen anderen Teil der bisher dreiteiligen Serie zu lesen. Im ersten Band geht es ins Mittelalter und im zweiten Band ins Jahr 1898 – ich bin gespannt, ob die Vergangenheit und der Zeitgeist dort mehr zu spüren ist.

Fazit:

Ich war so gespannt auf den Krimi und es war schon ganz nett in die Siebziger zurückzukehren, doch letztendlich war es bis auf ein paar Kleinigkeiten ein ganz normaler, durchschnittlicher Krimi. Nicht mehr, aber auch nicht weniger und dafür gibt es 3 Schafe.

3 Schafe


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Gefallene Blüten – Clementine Skorpil

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Clementine Skorpil – Gefallene Blüten
Verlag: Argument
342 Seiten
ISBN: 978-3867542128
12 €

 

 

 

Inhalt:

Ai Ping war schon immer ein wenig anders, als die restlichen Frauen in ihrem Dorf. Tragische Ereignisse in ihrem Leben haben sie ruhelos gemacht und so wandert sie Tag für Tag durch ihr Dorf. Als Pflaumenblüte, ihre Enkelin, in Shanghai verschwindet, macht sie sich auf, um ihre Enkelin zu finden. Eine alte, ehrwürdige Frau allein in Shanghai ist auch in der Großstadt ungewöhnlich, doch Ai Ping ist starrköpfig und klug. Zufällig trifft sie Lou Mang, einen Studenten mit kommunistischen Ambitionen, und beauftragt ihn mit der Suche nach Pflaumenblüte. Für beide beginnt eine gefährliche Suche im Dschungel von Shanghai, bei der sie auf mächtige Gegner stoßen.

Vorab:
Auch dieses Buch habe ich freundlicherweise vom Argument Verlag zugesandt bekommen. Hier muss ich gestehen, dass mich das Setting einfach total interessiert hat: Shanghai in den 30ern. Eine Zeit, über die ich so gut wie nichts weiß und die ich mir einfach exotisch fremd und zugleich hektisch gefährlich vorgestellt habe. Ob das eingetroffen ist? Seht selbst:

Meine Meinung:
Zuallererst begegnet man in diesem Krimi einem Personenregister, welches neben Ai Ping und Lou Mang viele historische Persönlichkeiten und einige andere beinhaltet. Zugegeben, das anfängliche Durchlesen hat mir wenig gebracht, doch habe ich das Register während des Lesens immer mal wieder aufgesucht und nachgelesen, wer welche Person ist. Einfach aus dem Grunde, dass es mir nicht so leicht gefallen ist, die chinesischen Namen zu merken. Außer den Protagonisten ist mir das nur von drei, vier anderen Personen gelungen; die anderen Namen waren für mich Europäer einfach zu ähnlich.
Ein nettes Schmankerl ist die Tatsache, dass die Kapitel immer mit dem chinesischen Zeichen des Erzählers des Kapitels beginnen. Netter- und nötiger weise waren Ai Ping und Lou Mang im Personenregister übersetzt, denn sonst wäre das nur schwer herauszufinden gewesen.

Shanghai 1926 – aufgeteilt zwischen den Kolonialmächten, gepflastert mit ausbeuterischen Fabriken und kapitalistischen westlichen Fabrikbesitzern (na ja, nicht nur), Korruption en masse in Wirtschaft und Politik so ganz neben der „normalen“ Kriminalität wie der Green Gang und dem Opiumhandel, vollgestopft mit Rikschas und Suppenküchen. Ganz nebenbei versucht sich der Kommunismus in Shanghai einzuschleichen und bildet eine politische Kontrastfolie zum verruchten und ausbeuterischen Shanghai-Bild.
Ja und dann sind da eben noch die Madennester, wie die Bordelle in Shanghai genannt werden. Hier sind die Wilden Hennen zu finden – Pflaumenblüte war eines der besten Mädchen im Hause Orchideenpalast. So haben die leichten Mädchen im Krimi alle Namen wie Schneerose oder Duftwolke, welches den Titel „Gefallene Blüten“ sehr gut trifft.
Das Setting sollte also meinen Vorstellungen entsprechen und ja, es war alles da. Ab und an habe ich ein paar beschreibende Passagen vermisst, die mich in die Zeit und die Kultur versetzt hätten. Zusätzlich habe ich das Gefühl, bei weitem noch nicht mal an der Oberfläche der Kultur von Shanghai 1926 gekratzt zu haben. Mehr Details hätten das Buch aber vermutlich aufgeblasen und langweilig gemacht, so muss ich mein Interesse wohl anderweitig weiterstillen.

Die beiden Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein und so glaub ich noch nicht da gewesen. Vielleicht irre ich mich, aber eine alte Chinesin und ein Kommunist sind mir als „Ermittler“ bisher noch nicht untergekommen.
Ai Ping ist eine alte Frau und ich habe zugegebenermaßen Probleme mit weiblichen Protagonisten in historischen Romanen, Krimis, etc. So viele weibliche Heldinnen wie in historischen Romanen gehen ja auf keine Kuhhaut. Die Frau war in der Vergangenheit nur in den seltensten Fällen in irgendeiner Position, in der sie selbst entscheiden konnte oder gar Macht hatte. Nun spielt „Gefallene Blüten“ zwar schon 1926 aber nichtsdestotrotz in einer Kultur, in der die Frauen einen geringeren Stellenwert haben. Somit hatte ich ein wenig Probleme mit Ai Ping als Protagonistin, doch ist es der Autorin gelungen, meine Bedenken über die Laufzeit des Krimis zu zerstreuen. Absolut detailgetreu wird dargestellt, welche Schmerzen Ai Ping beim Laufen aufgrund ihrer gebundenen (und als Kind gebrochenen Füße) hat. Ich habe wahrlich mitgelitten auf all ihren Wegen. Ansonsten stellt sich Ai Ping als findig heraus und ist sich auch nicht zu schade, alle möglichen Leute zu animieren, ihr zu helfen. Auch reiche Leute schrecken sie nicht ab und sie begibt sich fast schon „todesmutig“ in die Anbetung von Marx und lässt sich christlich taufen, um Pflaumenblüte zu finden. Das ist doch mal eine liebende Großmutter!

Lou Mang läuft ihr schon früh über den Weg und kann ihr letztendlich ihre Bitte nicht abschlagen, im Orchideenpalast nach Pflaumenblüte zu fragen. Seine Gedanken sind allerding beherrscht vom Kommunismus. Gemeinsam mit Gesinnungsgenossen sucht er einen Weg, den Kommunismus in China zu etablieren, doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nicht nur, dass die obere Schicht keineswegs ihre Macht abgeben will, die anderen Schichten wollen einfach (noch) nicht verstehen, was ihnen der Kommunismus bringen sollen. So ist Lou Mang eifrig am verfechten, aber doch immer wieder frustriert, dass er nicht weiterkommt. In der Ermittlung geht er durchaus geschickt vor, doch schon recht bald wird es für ihn gefährlich. Er trifft auf die Green Gang und den „Paten von Shanghai“, Großohr Du. Diese Begegnung läuft für ihn nicht sehr glücklich, so dass man seine mitunter fehlende Loyalität gegenüber Ai Ping durchaus verstehen kann.

Die Ermittlung der beiden, gemeinsam mit dem Kreisbeamten Wei Long, der Ai Ping hilft, gestaltet sich als schwierig. Pflaumenblüte ist bei einem Treffen mit Lui Er, einem Fabrikbesitzer, verschwunden, welcher erschossen / erstochen zurückbleibt. Pflaumenblüte ist untergetaucht und Ai Ping und Lou Mang bleibt nichts anderes, als zu ermitteln, wer Lui Er ermordet hat, um sie zu finden. Dazu tauchen die beiden in die obersten Kreise von Shanghai ein, aber auch tief in die Unterwelt, welche in Shanghai sonderbar nahe und verwoben sind. Es gibt viele Fährten und Menschen, die beide treffen, doch was letztendlich geschah hat mich dann doch überrascht. Es war entgegen den Ermittlungen in den verschiedensten Kreisen, ein fürchterlich banaler Grund. So bewahrheitet sich doch immer wieder, dass es im Grunde nur wenige Motive gibt und man bloß nicht zu kompliziert denken soll.

Fazit:
Zwei ungewöhnliche Protagonisten, ein komplex banaler Fall und eine Zeitreise ins exotische Shanghai von 1926. . Der Krimi war ein Erlebnis der besonderen Art und ist nur zu empfehlen. Von mir gibt es 4 1/2 Schafe.

4 und ein halbes Schaf