Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


Ein Kommentar

Heimlich, still und leise: Jagdsaison, Ein mörderischer Reisebericht – Nina Casement


Nina Casement – Jagdsaison, Ein mörderischer Reisebericht
Verlag: Selfpublisher
220 Seiten
ISBN: 978-3752841978

 

 

 

 

 

Fred, eigentlich Frederika, begibt sich auf eine Reise durch Skandinavien. Nach einer herben und schmerzlichen Enttäuschung, bestehend aus ihrem Freund und ihrer besten Freundin, bricht sie mit ihren restlichen Ersparnissen auf, um diese Geschichte hinter sich zu lassen und sich wieder zu finden. Trotz gutem Budget, für eine längerfristige Reise arbeitet sie hier und da, fragt nach abgelaufenen Lebensmitteln und bittet um Unterkunft oder Fahrgelegenheiten. In einer Jugendherberge trifft sie auf Lars und seinen Kumpel, die Skandinavien auf der Suche nach guten Jagdgründen durchstreifen. Lars ist sehr schüchtern, doch langsam freunden sich die beiden an. Lars Kumpel hingegen, älter und bedächtiger, ist zwar nett, aber Fred hat keinen Draht zu ihm. Trotzdem nimmt sie das Mitfahrangebot gerne an und macht sich mit den beiden auf den Weg gen Norden.

Fred findet nicht leicht Kontakt zu anderen, ist eher ruhig und nachdenklich, fragt sich oft, ob sie dieses oder jenes nun sagen soll. Einen Dämpfer hat ihr die Affäre ihres Freundes mit ihrer besten Freundin versetzt und sie quasi in diese Reise gezwungen. Ihre Eltern sind schon lange tot und so hält sie nichts in Deutschland. Mit Fred durchquert man Dänemark und weite Teile Schwedens, besichtigt Burgen und Schlösser, Nationalparks und Wikingerdörfer – man bekommt so richtig Lust auf eine Reise nach Skandinavien, auf die Schönheit und Wildheit der nördlichen Länder. Auch wenn es hier einsame Landstriche gibt, tut Fred die Reise sehr gut, allein mit sich besinnt sie sich auf ihre früheren Gewohnheiten, läuft viel und genießt die Natur.

Lars und sein Mentor sind die zweiten Protagonisten des Buches. Derweil man allerdings über den Älteren nur wenig erfährt, noch nicht mal seinen Namen, sieht man alles aus Lars Sicht und folgt seinen Gedankengängen. Ein verunsicherter, schüchterner Mann, der eine fatale Leidenschaft hat. Mit ihm geht man zurück in seine Jugend, in der er seine Schwester verliert und damit auch den Halt in der Gesellschaft. Die beiden Männer bringen das „mörderische“ in den Reisebericht, den wohl gewählten Untertitel des Buches. Nun mag die Art und Weise, wie die beiden sich ihrem Vergnügen widmen nicht neu sein, zu viele Krimiserien im Fernsehen widmen sich diesem Thema, auch wenn es meist die amerikanischen Wälder sind, und nicht die skandinavischen, doch durch Lars Freundschaft mit Fred zeigt sich ein weiterer Aspekt und der Ausgang ist ungewiss.

Der heimliche Favorit der Geschichte, zumindest meiner, ist Karl Andersson. Ein Polizist im Innendienst, der nichts anders tut als Papiere zu wälzen, pünktlich Feierabend zu machen und von seiner Chefin gehasst wird. Ein ältlicher, dicklicher Einzelgänger, der sich hin und wieder einen Stricher nach Hause holt, um wenigstens etwas Liebe (oder so was ähnliches) zu bekommen. Doch Karl Andersson sitzt an einem Knotenpunkt. An einem Punkt, an dem Meldungen von anderen Ländern rein flattern, die er in die entsprechenden Abteilungen weiterleitet. Und da sind zwei, kurz hintereinander, die in seinem Kopf hängen bleiben und anfangen zu arbeiten. Plötzlich ist Karl an einer Spur dran, bleibt aber gemächlich, denkt nach, forscht, ist sich unsicher. Und doch ist er für mich der heimliche Star der Geschichte.

Die Geschichte ist unblutig und mit nur leiser Spannung versehen. Am Anfang ist es auch eher der Reisebericht, der im Vordergrund steht, Fred läuft so einige Städte und Sehenswürdigkeiten ab. Doch mit abnehmendem Budget muss sie auch Risiken eingehen. Derweil folgt man den beiden Männern auf ihrer Reiseroute und sieht das Unglück auf Fred zukommen. Und doch kommt es anders als man denkt. Das Buch lässt sich leicht lesen und auch wenn die Spannung oft nur im Hintergrund leise lauert, ist sie doch da und man ist neugierig, wie es denn nun endet. Lars Gedankenwelt eröffnet zwei mögliche Enden und man ist doch gespannt, welche sich ergeben wird. Man taucht abwechselnd in die Gedanken von Fred, Lars und Karl und sieht sie aufeinander zustreben, doch wie es dann letztendlich ausgeht, bleibt lange verborgen.

Fazit:
Eine feine Geschichte mit leiser Spannung, etwas zwischen Krimi und Thriller, mit vielen wunderschönen Details aus Skandinavien, die einem Lust machen, dorthin die nächste Reise zu planen. Natürlich ohne per Anhalter zu fahren!

 


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Dreierlei: Der Grenzgänger – Matti Rönkä

Skandinavische Krimis sind nicht immer so mein Ding. Ja, tatsächlich habe ich bisher keinen Hennig Mankell gelesen, keinen Stieg Larsson und keinen Hakan Nesser, aber ein paar andere haben schon bei mir punkten können. Camilla Läckberg zum Beispiel. Ihre Protagonistin hat aber auch gar nichts gemeinsam mit den düsteren, melancholischen Ermittlern, die man sonst oft in skandinavischen Krimis findet. Nun wollte ich mal wieder einen Skandinavier ausprobieren und bin über Matti Rönkä gestolpert. Einen finnischen Krimiautor, allerdings mit einem russischen Ermittler. Einem russischen Emigranten, den es nach Finnland verschlagen hat, und der dort als Privatermittler arbeitet. Kompliziert? Noch nicht. Aber die verschwundene Frau, die Viktor Kärppä suchen soll, ist Estin.

Sirje Larsson ist verschwunden. Arne Larsson engagiert den Privatermittler Viktor Kärppä, einen russischen Emigranten, der in Hakaniemi, eigentlich Kallio, einem Stadtteil von Helsinki, sein Büro hat. Der macht sich auf die Suche, doch kann erst mal nur wenig rausfinden. Sirje scheint ein recht graues Leben geführt zu haben, sieht man davon ab, dass sie die Schwester von Jaak Lillepuu, einem bekannten Kriminellen, ist. Sirje ist nicht in die Geschäfte ihres Bruders verwickelt, ihr Leben scheint geordnet, aber eben unspektakulär. Neben seiner Suche nach Sirje erledigt Viktor noch andere Aufgaben, übersetzt für einen Autohandel oder erledigt Fahrten für Karpow und Ryschkow, zwei Kollegen oder wohl eher Konkurrenten von Jaak Lillepuu. Natürlich ist Viktor klar, dass die Geschäfte der beiden nicht immer legal sind, doch solange er nichts mit Drogen oder Waffen zu tun hat, ist es ein einträgliches Zubrot für ihn. Doch wo ist Sirje abgeblieben?

Viktor Kärppä ist kein Mann der großen Worte, auch stillschweigend erfährt man so einiges. Er klappert routiniert Sirjes Eltern, Freunde und Bekannte ab, befragt Nachbarn und kommt doch kein Stück weiter. Wie das oft so üblich ist bei Privatdetektiven hat er seinen eigenen moralischen Kompass, so dass er die Erledigungen für Karpow und Ryschkow als ok ansieht. Dass er es trotzdem mit Gangstern zu tun hat, merkt er aber deutlich, selbst wenn er mit Karpow aufgewachsen ist und dieser sich aus Dankbarkeit um seine Mutter kümmert, als diese krank ist, da Kärppäs Mutter sich auch um ihn als Kind immer wieder gekümmert hat. Und dann ist da noch Arkadi, ein russischer Geheimdienstagent, der Viktor eine Aufgabe gibt. Dabei ist Viktor Kärppä kein KGB-Agent, aber nützlich ist er schon.

Der Krimi ist trocken und kühl geschrieben, wenige Worte um Beschreibungen oder Gedanken des Ermittlers, eher seine Taten, seine Suche nach Sirje, aber auch seine Nebenbeschäftigungen stehen im Vordergrund. Wortkarg trifft auch auf Viktor zu, und so erfüllt er damit zumindest ein Vorurteil über Russen und Finnen. Viktor „aktiviert“ einige seiner Kontakte auf der Suche nach Sirje und gemeinsam mit den Gangstern und dem Geheimdienst schwirren hier ganz schön viele Namen durch den Krimi, die ich mir nicht alle merken konnte. Die kriminellen Aktivitäten scheinen sehr rege zu sein, zwischen Finnland, Russland und Estland. Da werden Drogen geschmuggelt, Waffen, Mädchen, Handys, Autos, nun, eben alles womit man Geld machen kann. Dass Viktor dies so locker sieht, machte mir doch ein wenig zu schaffen. Er hat eine klare Grenze, doch die liegt schon sehr im grauen Bereich. Wo hört es auf, wo fängt es an? Klappt der Schmuggel mit einer Sache, klappt er auch mit der nächsten. Und Kriminellen geht es nur um den größtmöglichen Gewinn, so dass Viktor sich bewusst sein muss, dass seine beiden russischen „Freunde“ Karpow und Ryschkow keine Gentlemen-Gauner sind.

Zum Glück kriegt Viktor Kärppa am Ende aber die Kurve. Die Lösung im Fall Sirje Larsson scheint erst gar nicht mehr möglich und fällt Kärppa dann quasi in den Schoss. Allerdings ganz anders als er – und auch ich als Leser – gedacht haben. Man hat als Leser schon mit dem Fall abgeschlossen, man denkt, er wird wohl nicht mehr aufgeklärt. Sirje Larsson bleibt verschwunden, vermutlich tot, vermutlich gut verscharrt oder anderweitig entsorgt, doch so unbefriedigt lässt der Autor seine Leser dann doch nicht zurück. Und ein bisschen was fürs Herz gibt es auch noch, denn Viktor hat eine neue Liebe gefunden. Die verurteilt ihn zwar nicht, muss aber noch lange nicht alles gutheißen, was Viktor macht. Also scheint sie genau die Richtige für ihn zu sein.

Fazit:
Ein finnisch-russisch-karelischer Privatschnüffler begibt sich auf die Suche nach einer langweiligen Estin – ein fast aussichtsloser Fall, der Einblick in die kriminellen Strukturen der drei Länder gibt.

 



Der Grenzgänger – Matti Rönkä
Verlag: grafit
Übersetzer: Gabriele Schrey-Vasara
222 Seiten
ISBN: 9783894256524
Nur noch antiquarisch erhältlich


 


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Stockholm – Kabul: Vier Tage in Kabul – Anna Tell


Anna Tell – Vier Tage in Kabul
Verlag: Rowohlt
Übersetzerin: Ulla Ackermann
368 Seiten
ISBN: 978-3499273841

 

 

 

 

Amanda Lund ist Verhandlungsspezialistin bei der schwedischen Polizei, befindet sich aber momentan in Afghanistan, um die lokalen Sicherheitskräfte auszubilden, als sie einen neuen Auftrag erhält: zwei schwedische Diplomaten wurden in Kabul entführt und Amanda soll sie so schnell wie möglich finden. Ihr Chef, Bill Ekman, koordiniert den Einsatz aus Stockholm und gibt Anweisungen von oben weiter – der Fall muss im kleinen Kreis bleiben, damit das Verhältnis von Schweden und Afghanistan politisch nicht anfängt zu kriseln. Als dann ein ehemaliger Botschaftsmitarbeiter ermordet in Stockholm gefunden  wird, erschwert das nicht nur die diplomatischen Beziehungen, sondern auch die Ermittlungen.

Amanda Lund kämpft sich in Afghanistan durch. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn das erste Zusammentreffen des Lesers mit Anna Lund findet mitten in einem  Angriff der Taliban statt. Nach diesem Auftakt geht es zuerst ein wenig ruhiger zu, denn die Ermittlung um die beiden Entführungsopfer drängt zwar, aber besteht eben erstrangig mal nicht um Kampfhandlungen. Nichtsdestotrotz ist Afghanistan ein gefährliches Land und Amanda Lund schon einiges gewöhnt. Aufstehen, Krönchen richten und weitergehen passt zwar nicht ganz, aber wenn man das Krönchen durch eine schusssichere Weste ersetzt, passt es dann doch wieder ganz gut. Sie wechselt zwischen Business-Outfit und Kampfmontur, schwitzt aber in beidem fürchterlich, der obligatorische Check nach Autobomben gehört in die 80er von Nordirland, aber auch ins heutige Afghanistan und insgesamt ist die ganze Geschichte staubig, nein, nicht angestaubt, nur staubig , trocken,  heiß. Amanda Lund als Kommissarin und Unterhändlerin hat mir gut gefallen, auch wenn es gar nichts zu verhandeln gab, sondern eher Ermittlungen getätigt werden. Amanda als Privatperson wiederum fand ich dagegen naiv und musste doch öfters die Augen verdrehen.

Bill Ekman ist hingegen nicht so präsent gewesen, er hat nur die zweite Rolle gespielt. Er balanciert zwischen den Ermittlungen um den toten Botschaftsmitarbeiter und dem Informieren des Ministeriums. Seine Chefin ist zwar mit in diesen Meetings, überlässt aber Ekman die Rolle des Buhmanns und hat von nichts eine Ahnung. Lange bleibt im Unklaren, warum es der Regierung so wichtig ist, dass die Presse nicht von der Entführung erfährt. Ekman ist das insoweit egal, dass er sich davon nicht in seinen Ermittlungen beeinflussen lässt, wenn man ihm auch anmerkt, dass er eigentlich nicht mehr der Ermittler ist, sondern eben eher Abteilungsleiter und ihm der ein oder andere Fauxpas unterläuft. Das wiederum macht ihn allerdings recht sympathisch, in seinem Job, aber auch in seinem Privatleben, welches auch nicht ganz rund läuft.

Die abwechselnden Handlungsorte in Stockholm und Kabul fand ich gut umgesetzt, wobei ich in Afghanistan noch ein wenig Verbesserungspotenzial sehe, denn eine Botschaft ist nun nicht der Ort, an dem ich mich über das Land, in dem die Botschaft liegt, informieren würde. Ich hätte mir also noch ein wenig mehr Ermittlungen außerhalb der Botschaft gewünscht, doch tatsächlich finden viele Gespräche dort oder in westlichen „Oasen“ statt, also z. B. Hotels für die Reichen und Berühmten. Es ist auch immer wieder verwunderlich, wie penetrant manche Menschen an ihren kleinen Geheimnissen hängen, auch wenn andere Menschen in Gefahr sind, aber das macht wohl die Geschichte aus, nicht? Amanda und Bill müssen nach und nach diese Geheimnisse heraus kitzeln, um herauszufinden, was mit den beiden Botschaftsmitarbeitern passiert ist. Und das tun die beiden auch.

Fazit:
Ein spannender Thriller zwischen Stockholm und Kabul, mit einer Entführung und vielen Geheimnissen.  Gelungener Auftakt, bei dem aber schon Platz nach oben bleibt.


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Wer entscheidet? : Die Entbehrlichen – Ninni Holmqvist

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Die Entbehrlichen – Ninni Holmqvist
Verlag: S. Fischer
Übersetzerin: Angelika Gundlach
263 Seiten
ISBN: 978-3596183319

 

 

 

3 Kinder, 5 Kinder, 6 Enkel, 15 Enkel, 200 Kinder und Enkel – in „Die Entbehrlichen“ gelten andere Maßstäbe, denn hier wird in Kindern und Enkeln gemessen. Nur wenn man selbige vorweisen kann gehört man zu den Benötigten. Hat man als Frau bis zum 50. Lebensjahr, als Mann bis zum 60. Lebensjahr kein Kind vorzuweisen, wird man entbehrlich. Als Entbehrliche fügt man sich in sein Schicksal und kommt in ein Sanatorium  – so wie es Dorrit Wegner ist, eine Schriftstellerin, der es ihr Leben lang wichtig war, unabhängig zu sein und sich nicht an ein Kind zu binden, die sogar in ihrer Jugend eine Abtreibung vorgenommen hat und in den letzten Jahren verzweifelt versucht hat, ein Kind zu bekommen. Dieses Sanatorium ist zwar nach außen hin abgeschottet – kein Kontakt nach außen, keine Fenster nach außen, etc. – doch scheint es wie das Paradies auf Erden: eine eigene Wohnung, Geschäfte, in denen es alles gibt, ein botanischer Garten, in dem immer alles blüht und keine Jahreszeiten herrschen, Freizeitbeschäftigungen in jeglicher Art und Weise, immer freundliche Mitarbeiter und Pfleger/Schwestern. Auf den ersten Blick ein Ferienparadies, in dem die Entbehrlichen gehegt und gepflegt werden. Die paar Tests und Versuche, denen sie sich unterziehen müssen oder die kleineren Spenden, die sie leisten, sind verkraftbar. Und die Endspende sicherlich noch lange hin. Warum sich also darüber aufregen?

„Und das Allerwichtigste ist: Ohne die Transplantation hätte sie nicht mehr viel Zeit zu leben gehabt. Es wäre um Monate gegangen, im besten Fall ein Jahr. Jetzt dagegen hat sie sehr gute Chancen, zumindest zu erleben, wie ihre Kinder groß werden. Vielleicht lebt sie nicht so lange, dass sie noch Enkel bekommt, aber sie wird wahrscheinlich genug Zeit haben, um ihren Auftrag als Mutter zu erfüllen. Und das dank der Bauchspeicheldrüse eines Menschen, der niemanden hatte, für den er leben konnte.“ (S. 104)

Und wer entscheidet, für wen es sich zu leben lohnt? Hier ist es ganz einfach: der Staat. Der Staat hat entschieden, dass ein Leben nicht lohnenswert ist – oder eben entbehrlich – wenn keine Kinder oder Kindeskinder vorhanden sind. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass Dorrit schon vorher keinen Platz in der Gesellschaft hatte, genau wie alle anderen Entbehrlichen. Die Alleinstehenden werden gemieden, sind ausgeschlossen aus der Gemeinschaft. Selbst eine Partnerschaft ist nicht ausreichend und Frauen beginnen Beziehungen mit Männern allein des Spermas wegen – und sind dann wieder weg. Die Gesellschaft ist auf Kinder ausgerichtet, darauf sich selbst zu erhalten. Möglichst viele Kinder zu produzieren.

Dorrit ist eigentlich ganz zufrieden als Entbehrliche. Ja, sie hat versucht Kinder zu kriegen. Später. Zu spät. Doch nun genießt sie die Annehmlichkeiten, die ersten Versuche, die sie mitmachen muss, sind einfach. Ihre erste Spende ist eine Niere – kein Problem, davon hat man ja zwei. Doch nach und nach dünnt sich der Freundeskreis aus, denn sie dort aufgebaut hat. Und auch der Mann, in den sie sich verliebt hat und von dem sie schwanger wird, bringt die „Endspende“ auf. Erst dann beginnt sie ihre Situation genauer zu hinterfragen – bleiben oder fliehen? Und wenn ja, wie fliehen? Und was passiert draußen? Wo soll sie hin? Und wenn sie bleibt, was passiert mit dem Kind? Wird das auch „gespendet“?

Ab diesem Zeitpunkt hätte noch ein wirklich spannender Thriller aus dem Buch werden können, doch das passiert nicht. Schade für mein Krimigemüt, aber trotzdem hat mich das Buch unglaublich nachdenklich gestimmt. Wäre diese Zukunftsvision Wirklichkeit – oder würde wirklich werden – wäre ich eine Entbehrliche. Jemand, der „niemand hat, für den er leben kann“. Zumindest nach der Definition in diesem Buch. Kinder sind wichtig für die Zukunft, keine Frage, doch werden diese so wichtig, dass man Menschen ohne Kinder als entbehrlich einstufen kann? Leisten diese keinen Beitrag zur Gesellschaft? Erschreckend ist, dass viele Entbehrliche in dieser Version Künstler sind. Talentierte Menschen, die ihr Leben der Kunst verschrieben haben: Malerei, Schriftstellerei, Handwerke… Kann eine Gesellschaft überleben, wenn diese sich nur auf Reproduktion spezialisiert, aber die Kultur weg fallen lässt?

Es hat mich nachdenklich gemacht. Nicht nur, aber vor allem auch, weil viele Fragen offen sind. Die Handlung dreht sich um Dorrit, die eine Entbehrliche geworden ist und was sie im Sanatorium erlebt, fühlt, denkt. Es fehlen Informationen, wie es überhaupt zu der Unterscheidung benötigt und entbehrlich gekommen ist. Wie ist die Gesellschaft außerhalb des Sanatoriums? Dorrits Schwangerschaft verursacht einen Bruch im gut geölten Ablauf des Sanatoriums, doch die Auswirkungen bleiben im Sanatorium, es passiert nur wenig und dann endet das Buch. Mit vielen Fragen, vielen Denkanstößen und der alles umfassenden Frage: wer ist entbehrlich?

Fazit:
Ein nachdenkliches Buch über Menschen, die in der Gesellschaft als entbehrlich eingestuft wurden. Leider fehlen die Blicke in die Gesellschaft außerhalb von den Entbehrlichen, so dass es ein unvollständiges Bild bleibt, aber zum Nachdenken anregt.


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Blood on Snow: Der Auftrag – Jo Nesbø

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Jo Nesbø – Blood on Snow: Der Auftrag
Verlag: Ullstein
Übersetzer: Günther Frauenlob
187 Seiten
ISBN: 978-3550080777

 

 

 

 

Heute gibt es mal wieder – nach langer Zeit – eine Kurzrezension. Passend zum Buch, denn „Blood on Snow“ ist nur ganze 187 Seiten lang. Anscheinend liegt in der Kürze die Würze, denn Jo Nesbø neuer Thriller gefällt mir viel besser, als der Harry Hole Teil, den ich gelesen habe.

Es gibt vier Arten von Verbrechen, für welche Olav nicht geeignet ist: Fluchtwagen fahren, Raubüberfälle, Drogen und Prostitution. Und so ist Olav Auftragskiller. Er ist nicht sonderlich schlau, aber viel belesen. Von seinem Chef, dem Drogenboss Daniel Hoffmann, bekommt er seinen nächsten Auftrag. Er soll dessen Frau Corina töten, ehm, natürlich expedieren. Dabei gibt es allerdings ein Problem: kaum, dass er sie sieht, hat er sich in sie verliebt.
Im Zuge dessen, stellt sich aber heraus, dass Olav gar nicht so dumm ist, sondern nur ein sehr zurückhaltender Mensch. Das Auftragskillermilieu scheint ihm genau das richtige zu sein: wenig Kontakt zu den Menschen, wenig Worte, meist gar keine.
In diese Welt tritt nun Corina, eine Frau, die ihn auf den ersten Blick magisch anzieht und auch beim zweiten Blick eine Lösung suchen lässt, wie er Hoffmann beseitigen kann und nicht Corina.

Kurz und eindrücklich geschrieben, mit einem melancholischen Auftragsmörder, der sich verliebt. Es macht Spaß mit Olav die Seiten zu vertauschen und seine Tiefen zu entdecken. Ganz nebenbei gibt es natürlich aber auch viel Action, doch der Auftragskiller, der seine Gefühle entdeckt aber sich dabei doch treu bleibt, ist fast noch ein bisschen außergewöhnlicher. Der Beginn einer Serie, doch eine Überraschung erwartet den Leser am Ende des Buches und wird die Serie vielleicht nicht neu, aber doch ungewohnt fortführen.

Fazit:
Ein Thriller, den man zwischendrin wegsaugt und den Leser zufrieden und überrascht auf den nächsten Teil warten lässt.


Ein Kommentar

Heimspiel: Kupferglanz – Leena Lehtolainen

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Leena Letholainen – Kupferglanz
Verlag: Argument
Übersetzerin: Gabriele Schrey-Vasara
224 Seiten
ISBN: 978-3886198481

 

 

 

Mein erster Fall mit Maria Kallio spielt in ihrem Heimatdorf Arpikylä. Vor langer Zeit ist sie in die große weite Welt gezogen, doch nun ist Maria zurück und übernimmt für ein paar Monate die Vertretung des Polizeichefs. Zwar wollte sie jetzt nicht unbedingt eine ruhige Kugel schieben, aber eine Leiche hat sie nun auch nicht erwartet. Doch bei der Eröffnung des Erlebnisparks rund um die stillgelegte Kupfermine stürzt eine bekannte Künstlerin vom Turm – ein Unfall oder doch eher Mord?

Auch wenn das Buch in Finnland spielt, ist man durch die stillgelegte Kupfermine und den damit verbundenen Verfall des kleinen Ortes Arpikylä, doch stark an den englischen Nordosten erinnert. Vielleicht weil man von dort noch mehr Krimis kennt als aus Finnland. Aber eigentlich ist es unerheblich welches Land, denn die Stimmung hat die Autorin sehr gut eingefangen. Ein Dorf, welches noch vom Aufschwung durch die Kupfermine lebt, aber langsam daran ausblutet. Die Mine, die gute Dinge gebracht hat: Aufschwung, Leben, Einwohner, aber eben auch schlechte Dinge hervorgebracht hat: schlechte Arbeitsbedingungen, nach dem letzten Schürfen, Arbeitslosigkeit und Verfall der Stadt. Als Arpikylä nun wiederbelebt werden soll, löst das gemischte Gefühle aus, auch wenn die Mehrheit dankbar ist – für wirtschaftlichen Aufschwung, für Arbeitsplätze, für das Wiederbeleben des Dorfes. Die Atmosphäre ist trostlos und trotz des Aufschwungs mit der Erschließung der Kupfermine als Erlebnispark wie still gestanden.

Die Zerrissenheit der Dorfbewohner, die zwischen Vergangenem und Zukünftigen hängen, spiegelt sich in Maria Kallio wieder. Mehr oder weniger gezwungen ist sie wieder in ihrem Heimatdorf. Einige sind dort weggezogen, einige sind geblieben. Vieles erinnert an früher, aber einiges hat sich auch geändert. So hängt auch Maria zwischen Altem und Neuem. Ihr Freund Antii ist noch in den USA und sie steht nun ihrem Jugendschwarm wieder gegenüber. Ihre beste Freundin aus Kindertagen, ihre Eltern, ihre Schwester mit eigenen Kindern – und sie ist immer noch nicht verheiratet. Will sie überhaupt Kinder? Und Heiraten? Maria Kallio ist dazwischen. Zwischen Alt und Neu, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen altem Schwarm und neuer Liebe. Arpikylä ist eine Zwischenstation für Maria Kallio. Doch ist dieser Halt in Arpikylä auch ein Einblick in Marias Vergangenheit, der dem Leser gewährt wird.

Und ist auch der Kriminalfall „nur“ herrlich normal, so kann der Krimi doch durch Maria als starke Protagonistin und viele fein ausgearbeitete Charaktere hoch punkten. Maria Kallio lässt durchklingen, dass sie in den beiden vorigen Fällen persönlich verwickelt war und so ist ihr auch bei dem Mord an der Künstlerin sehr bange. Denn eine persönliche Verbindung kann sie in ihrem Heimatdorf fast nicht vermeiden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass ihr alter Schwarm aber auch ihre beste Freundin Verdächtige sind, sowie lokale Berühmtheiten und alte Freunde. So muss auch ein alter Freund von Maria noch dran glauben. Doch Maria Kallio gelingt es, auch wenn sie persönlich verwickelt ist, Distanz zu wahren und den Kriminalfall nach und nach aufzudröseln. Auch wenn sie sich Hilfe von außerhalb holt, schmälert dies nicht ihre Beteiligung, schenkt ihr aber zufällig ihren früheren Kollegen Koivu zur Hilfe, der zwar gerade mit privaten Problemen beschäftigt ist, aber Maria trotzdem hilft, geerdet und sachlich zu bleiben.

So ist „Kupferglanz“ zwar ein eher beschaulicher Krimi, welcher einen durchschnittlichen Kriminalfall in einem eingeschränkten Kreis an Verdächtigen bietet, der aber durch eine aufgeladene Atmosphäre, eine starke Protagonistin und gut gezeichnete Charaktere punkten kann.

Fazit:

Für Maria Kallio Fans ein Muss, für alle anderen lesenswert, auch wenn der Kriminalfall eher normal daher kommt, gelingt der Autorin ein beeindruckendes Setting und eine tolle Protagonistin.


Ein Kommentar

Anstrengend: Das Labyrinth – Sigge Eklund

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Sigge Eklund – Das Labyrinth
Verlag: Dumont
Übersetzer: Nina Hoyer
384 Seiten
ISBN: 978-3832188399
11,99 €

 

 

 

Da ist diese Sache mit den falschen Erwartungen. Man bekommt ein Buch in die Hände. Sieht aus wie ein Thriller, wird beworben wie ein Thriller (mit dem markanten Spruch „Die schwedische Antwort auf „Gone Girl““, welches ich nicht kenne und wonach ich jetzt auch kein Bedürfnis mehr habe), wird im Klappentext beschrieben wie ein Thriller. Ist nur irgendwie keiner.

Die elfjährige Magda verschwindet. Es gibt keine Hinweise, keine Erpresserbriefe, keine Spuren, was mit ihr passiert ist. Ihre Eltern, Åsa und Martin, sowie Martins Kollege Tom und die Schulkrankenschwester Katja beleuchten nach und nach die Zeit vor und nach Magdas Verschwinden.

Das Buch wird abwechselnd aus der Perspektive der vier Protagonisten geschildert, desweiteren ändern sich die Zeiten. Mal passieren die Erlebnisse der Protagonisten vor Magdas Verschwinden, mal danach. Diese Zeitsprünge machen es dem Leser nicht gerade leicht, dem Geschehen zu folgen und man muss immer wieder mal an den Kapitelanfang springen, um die momentanen Geschehnisse in den Zeitablauf einzuordnen. Für mich ein weiteres Problem, für andere vielleicht gar nicht so schlimm, waren die durchgängigen unzuverlässigen Erzähler, denn allen vier Protagonisten kann man nicht vertrauen. Man zweifelt ständig an ihren Sichtweisen auf das Geschehen und ob die Dinge wirklich so geschehen sind, wie sie erzählen.

Die vier Protagonisten lernt man sehr genau kennen, wobei alle herrlich unsympathisch und undurchsichtig sind. Åsa, eine studierte Psychologin, hält ihre Emotionen in Zaum und kann deshalb die Öffentlichkeit nicht als Mutter einer verschwundenen Tochter überzeugen. Martin rückt ziemlich bald in den Fokus der Ermittlungen und bleibt fast durchgängig verdächtig, was die kleinen Geheimnisse, die er in seinem Leben hat, fast schon bestätigen. Tom ist Martins Kollege und im ersten Abschnitt scheint er fast ein Stalker zu sein, zumindest läuft er Martin hinterher wie ein treues Hündchen. Katja ist, zumindest zeitweise, die Schulkrankenschwester von Magda und sorgt sich – auch wieder nur kurzfristig – um sie, bevor ihre eigenen Probleme und Gedanken sie wieder beherrschen.

Magda, um die es eigentlich gehen sollte, bleibt im Hintergrund. Da auch die Zeit vor ihrem Verschwinden beleuchtet wird, fällt auf, dass sie schon davor seltsam abwesend war und auch ihre Eltern mehr mit ihren Problemen und Sorgen beschäftigt waren, als sich um ihre Tochter zu kümmern. Magda ist eine Einzelgängerin, die zwar gerne zum Spielen raus gegangen ist, aber nie mit anderen gespielt hat, sondern zu einem kleinen Waldstück, bei dem ein Labyrinth angelegt ist, gegangen ist.

Das Labyrinthische, welches dem Buch ja auch seinen Titel verleiht, findet sich immer wieder, nicht nur in dem Labyrinth im Wald. Die Gedanken und Aktionen der vier Protagonisten formen auch irgendwie ein Labyrinth. Verworren, mit Sackgassen und Irrwegen. Ein Thriller war es irgendwie nicht, es fehlt die Spannung. FÜr mich war es auch schwer zu lesen, es hat mich nicht so richtig gepackt. Es gibt sehr viele psychologische Aspekte, aber hier fällt mir eher so der Begriff „Küchenpsychologie“ ein. Was mir dann den Rest gegeben hat, war das Ende. Denn auch das war nicht definitiv, sondern schwammig offen. Der Autor bietet einen Lösungsansatz, doch bevor dieser bestätigt werden kann, ist das Buch aus.

Fazit:

Mein Buch war es nicht – zu wenig Thriller, zu viel psychologische Studie, ein wirrer Zeitablauf und unzuverlässige, dafür herrlich unsympathische Erzähler.