Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Inafizierung: Lügenland – Gudrun Lerchbaum

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Gudrun Lerchbaum – Lügenland
Verlag: Pendragon
424 Seiten
ISBN: 978-3865325501

 

 

 

 

Erschreckend, beklemmend, düster.
Zurzeit befinde ich mich in der Stimmung,  um des Öfteren einen Blick in die Zukunft zu wagen. Technologische Neuerungen, politische Veränderungen, ökologische Einflüsse – egal, welches Buch man hier heranzieht, die Zukunft ist dunkel. Zappenduster um genau zu sein. Und das Schlimme daran ist, wir reden hier nicht von weit entfernten Zukunftsszenarien mit Aliens oder Robotern oder von einer weit, weit entfernten Zukunft. Nein, es geht um Blicke in eine nahe Zukunft. Blicke, die noch unsere jetzige Gegenwart im Gepäck haben und uns aufzeigen, wie die Welt sich entwickeln könnte, wenn wir Gedanken, Strömungen und Ideen, die hier und jetzt bestehen, weiter verfolgen. Und genau so verhält es sich auch mit Gudrun Lerchbaums Politthriller “Lügenland”. Es ist ein sehr naher Blick in die Zukunft, den man sich erschreckend gut vorstellen kann.

Mattea Inninger, vor kurzem noch Soldatin, feiert mit zwei Freundinnen ihren letzten Abend in Freiheit, bevor sie in eine arrangierte Ehe schlittert, als sie bei einem Vorfall ihre Freundin erschießt. Von der anderen Freundin verraten, muss sie fliehen. Im rechtspopulistischen Österreich, welches eine vollständige Überwachung über seine Bewohner installiert hat, keine einfache Sache. Sie wird eine „Wertlose“, jemand, der kein elektronisches Armband mit Ausweis, Geld und Telefon mehr besitzt, jemand der wertlos für den Staat ist. (Un)Glücklicherweise sieht Mattea auch noch der im ganzen Land gesuchten Terroristin Ina Matusek sehr ähnlich, so dass sich ihre Flucht um einiges erschwert – aber auch erleichtert. Sie taucht bei den Revolutionären unter – als Ina Matusek.

Ob kunstverseucht, ob bipolar, ob süchtig oder unfruchtbar – die rechte Waffe in der Hand macht euch zum Teil der Heldenschar!“ (S. 11)

Europa ist zerbrochen, Österreich hat seine Grenzen mit einer Mauer abgeschottet. Jegliche Nicht-Österreicher wurden vertrieben, jeder trägt ein Armband und ist damit jederzeit auffindbar. Der Präsident ist überall sichtbar, als Hologramm oder in den Gedanken der Menschen. Dieses Österreich hat es geschafft, die Propaganda von Hitler nochmal zu toppen und diese Sprüche in den Gehirnen ihrer Bewohner zu installieren und zu automatisieren. „Es heißt Demokratur und nicht Diktatur […] und sie hat uns den Arsch gerettet, knapp vor dem Untergang des Abendlandes“ (S. 105) Man darf nicht unterschätzen, dass das Leben in einer Diktatur, ehm, Verzeihung, natürlich Demokratur Sicherheit und Schutz verspricht und Kontrolle gewährt. Natürlich ist das nur der schöne Schein, doch das Leben in Österreich ist für deren Bewohner normal, man hält sich an die Regeln, bestätigt mit einem Spruch und dient dem Vaterland. So wie Mattea: erst als Soldatin, nun als gute Ehefrau, bald als Mutter.

Was mich oft an Protagonisten von Zukunftsromanen stört, ist, dass sie relativ schnell und konsequent gegen das System aufbegehren, auch wenn sie es vorher akzeptiert haben, denn dies lässt sie unglaubwürdig und wankelmütig erscheinen. In Mattea begegnet man zuerst der getreuen Soldatin, die für ihr Vaterland kämpft und die Propaganda im Schlaf beherrscht, die den Kanzler und die Demokratur mit harschen Worten verteidigt. Doch ihre ungewollte Flucht und ihr Unterschlupf bei den Revolutionären zeigt ihr die Schattenseiten der gut funktionierenden Maschinerie und das Umdenken beginnt. Langsam und mit vielen Rückschlägen – sogar noch sehr spät im Buch fragt sie sich, ob sie die Revolutionäre nicht lieber verraten soll und in den Schoss des Landes zurückkehren soll. Ihre Gedanken fechten Grundsatzdiskussionen aus und es fällt ihr schwer, die Wahrheiten, die sie erfährt, zu verarbeiten oder die Leichtigkeit, mit der die Revolutionäre nicht ansprechbare Themen diskutieren, zu verkraften. Dieser Kampf, die jahrelange Indoktrination zu durchbrechen, untermauert ihre Zwiespältigkeit und wirkt unglaublich realistisch. Es steht quasi immer auf der Kippe, so dass man nie weiß, wie Mattea in einer Situation entscheidet. Noch glaubwürdiger wird sie für mich durch die Tatsache, dass sie ihre Freundin erschießt. So unglaublich dies klingt, aber es macht sie menschlicher, es verleiht ihr Tiefe und macht sie somit zu einem Menschen, der eben nicht nur gut oder böse ist, sondern viele Seiten hat. Man mag sie dafür vielleicht nicht unbedingt mögen, aber man respektiert sie, man glaubt ihr.

Das Rahmen ist beklemmend, die Protagonistin unglaublich realistisch und der Sprachstil? Sehr eindringlich und das nicht nur, weil die Autorin ihr Buch mit Propaganda-Sprüchen gepfeffert hat, sondern weil es einen zwingt, gemeinsam mit Mattea darüber nachzudenken. Nachzudenken, wie eine Zukunft aussieht, die von den Rechten bestimmt wird, die einem die Kontrolle über das eigene Leben nur vorgaukelt, die Errungenschaften der Globalisierung verpuffen lässt. Keiner will in Schubladen gestopft werden und trotzdem etikettieren wir jeden Menschen und ordnen ihn in Kategorien: Mann, Frau, weiß, schwarz, deutsch, chinesisch…. Solange wir hier nicht dazu gelernt haben, ist es unbedingt notwendig, dass es Autoren wie Gudrun Lerchbaum gibt, die uns vor Augen führen, wohin unsere Engstirnigkeit uns führen kann. Lernen wir was draus. Machen wir es anders, vielleicht besser, aber auf jeden Fall anders. Und zwar jetzt, nicht erst in der Zukunft.

„Die Geschichte hat vielfach bewiesen, dass Mauern keine langfristigen Lösungen sind. Jede Mauer wurde irgendwann überrannt oder niedergerissen, meist nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten, manchmal erst nach Jahrhunderten. Grenzen, Nationen, Rassen, das sind überholte Kategorien in einer Welt, die man innerhalb von zwei Tagen umrunden kann.“ (S. 281)

Fazit:
Auch wenn es erst September ist – „Lügenland“ wandert schon mal unverrückbar in meine Top 5 für 2016. Das Buch ist nicht nur ein beklemmender Blick in die Zukunft, sondern auch die Protagonistin war ganz nach meinem Gusto. Unbedingt zugreifen, lesen und darüber nachdenken. Absolute Leseempfehlung!


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Gefallene Blüten – Clementine Skorpil

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Clementine Skorpil – Gefallene Blüten
Verlag: Argument
342 Seiten
ISBN: 978-3867542128
12 €

 

 

 

Inhalt:

Ai Ping war schon immer ein wenig anders, als die restlichen Frauen in ihrem Dorf. Tragische Ereignisse in ihrem Leben haben sie ruhelos gemacht und so wandert sie Tag für Tag durch ihr Dorf. Als Pflaumenblüte, ihre Enkelin, in Shanghai verschwindet, macht sie sich auf, um ihre Enkelin zu finden. Eine alte, ehrwürdige Frau allein in Shanghai ist auch in der Großstadt ungewöhnlich, doch Ai Ping ist starrköpfig und klug. Zufällig trifft sie Lou Mang, einen Studenten mit kommunistischen Ambitionen, und beauftragt ihn mit der Suche nach Pflaumenblüte. Für beide beginnt eine gefährliche Suche im Dschungel von Shanghai, bei der sie auf mächtige Gegner stoßen.

Vorab:
Auch dieses Buch habe ich freundlicherweise vom Argument Verlag zugesandt bekommen. Hier muss ich gestehen, dass mich das Setting einfach total interessiert hat: Shanghai in den 30ern. Eine Zeit, über die ich so gut wie nichts weiß und die ich mir einfach exotisch fremd und zugleich hektisch gefährlich vorgestellt habe. Ob das eingetroffen ist? Seht selbst:

Meine Meinung:
Zuallererst begegnet man in diesem Krimi einem Personenregister, welches neben Ai Ping und Lou Mang viele historische Persönlichkeiten und einige andere beinhaltet. Zugegeben, das anfängliche Durchlesen hat mir wenig gebracht, doch habe ich das Register während des Lesens immer mal wieder aufgesucht und nachgelesen, wer welche Person ist. Einfach aus dem Grunde, dass es mir nicht so leicht gefallen ist, die chinesischen Namen zu merken. Außer den Protagonisten ist mir das nur von drei, vier anderen Personen gelungen; die anderen Namen waren für mich Europäer einfach zu ähnlich.
Ein nettes Schmankerl ist die Tatsache, dass die Kapitel immer mit dem chinesischen Zeichen des Erzählers des Kapitels beginnen. Netter- und nötiger weise waren Ai Ping und Lou Mang im Personenregister übersetzt, denn sonst wäre das nur schwer herauszufinden gewesen.

Shanghai 1926 – aufgeteilt zwischen den Kolonialmächten, gepflastert mit ausbeuterischen Fabriken und kapitalistischen westlichen Fabrikbesitzern (na ja, nicht nur), Korruption en masse in Wirtschaft und Politik so ganz neben der „normalen“ Kriminalität wie der Green Gang und dem Opiumhandel, vollgestopft mit Rikschas und Suppenküchen. Ganz nebenbei versucht sich der Kommunismus in Shanghai einzuschleichen und bildet eine politische Kontrastfolie zum verruchten und ausbeuterischen Shanghai-Bild.
Ja und dann sind da eben noch die Madennester, wie die Bordelle in Shanghai genannt werden. Hier sind die Wilden Hennen zu finden – Pflaumenblüte war eines der besten Mädchen im Hause Orchideenpalast. So haben die leichten Mädchen im Krimi alle Namen wie Schneerose oder Duftwolke, welches den Titel „Gefallene Blüten“ sehr gut trifft.
Das Setting sollte also meinen Vorstellungen entsprechen und ja, es war alles da. Ab und an habe ich ein paar beschreibende Passagen vermisst, die mich in die Zeit und die Kultur versetzt hätten. Zusätzlich habe ich das Gefühl, bei weitem noch nicht mal an der Oberfläche der Kultur von Shanghai 1926 gekratzt zu haben. Mehr Details hätten das Buch aber vermutlich aufgeblasen und langweilig gemacht, so muss ich mein Interesse wohl anderweitig weiterstillen.

Die beiden Protagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein und so glaub ich noch nicht da gewesen. Vielleicht irre ich mich, aber eine alte Chinesin und ein Kommunist sind mir als „Ermittler“ bisher noch nicht untergekommen.
Ai Ping ist eine alte Frau und ich habe zugegebenermaßen Probleme mit weiblichen Protagonisten in historischen Romanen, Krimis, etc. So viele weibliche Heldinnen wie in historischen Romanen gehen ja auf keine Kuhhaut. Die Frau war in der Vergangenheit nur in den seltensten Fällen in irgendeiner Position, in der sie selbst entscheiden konnte oder gar Macht hatte. Nun spielt „Gefallene Blüten“ zwar schon 1926 aber nichtsdestotrotz in einer Kultur, in der die Frauen einen geringeren Stellenwert haben. Somit hatte ich ein wenig Probleme mit Ai Ping als Protagonistin, doch ist es der Autorin gelungen, meine Bedenken über die Laufzeit des Krimis zu zerstreuen. Absolut detailgetreu wird dargestellt, welche Schmerzen Ai Ping beim Laufen aufgrund ihrer gebundenen (und als Kind gebrochenen Füße) hat. Ich habe wahrlich mitgelitten auf all ihren Wegen. Ansonsten stellt sich Ai Ping als findig heraus und ist sich auch nicht zu schade, alle möglichen Leute zu animieren, ihr zu helfen. Auch reiche Leute schrecken sie nicht ab und sie begibt sich fast schon „todesmutig“ in die Anbetung von Marx und lässt sich christlich taufen, um Pflaumenblüte zu finden. Das ist doch mal eine liebende Großmutter!

Lou Mang läuft ihr schon früh über den Weg und kann ihr letztendlich ihre Bitte nicht abschlagen, im Orchideenpalast nach Pflaumenblüte zu fragen. Seine Gedanken sind allerding beherrscht vom Kommunismus. Gemeinsam mit Gesinnungsgenossen sucht er einen Weg, den Kommunismus in China zu etablieren, doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht. Nicht nur, dass die obere Schicht keineswegs ihre Macht abgeben will, die anderen Schichten wollen einfach (noch) nicht verstehen, was ihnen der Kommunismus bringen sollen. So ist Lou Mang eifrig am verfechten, aber doch immer wieder frustriert, dass er nicht weiterkommt. In der Ermittlung geht er durchaus geschickt vor, doch schon recht bald wird es für ihn gefährlich. Er trifft auf die Green Gang und den „Paten von Shanghai“, Großohr Du. Diese Begegnung läuft für ihn nicht sehr glücklich, so dass man seine mitunter fehlende Loyalität gegenüber Ai Ping durchaus verstehen kann.

Die Ermittlung der beiden, gemeinsam mit dem Kreisbeamten Wei Long, der Ai Ping hilft, gestaltet sich als schwierig. Pflaumenblüte ist bei einem Treffen mit Lui Er, einem Fabrikbesitzer, verschwunden, welcher erschossen / erstochen zurückbleibt. Pflaumenblüte ist untergetaucht und Ai Ping und Lou Mang bleibt nichts anderes, als zu ermitteln, wer Lui Er ermordet hat, um sie zu finden. Dazu tauchen die beiden in die obersten Kreise von Shanghai ein, aber auch tief in die Unterwelt, welche in Shanghai sonderbar nahe und verwoben sind. Es gibt viele Fährten und Menschen, die beide treffen, doch was letztendlich geschah hat mich dann doch überrascht. Es war entgegen den Ermittlungen in den verschiedensten Kreisen, ein fürchterlich banaler Grund. So bewahrheitet sich doch immer wieder, dass es im Grunde nur wenige Motive gibt und man bloß nicht zu kompliziert denken soll.

Fazit:
Zwei ungewöhnliche Protagonisten, ein komplex banaler Fall und eine Zeitreise ins exotische Shanghai von 1926. . Der Krimi war ein Erlebnis der besonderen Art und ist nur zu empfehlen. Von mir gibt es 4 1/2 Schafe.

4 und ein halbes Schaf


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Ausbruch – Dominique Manotti

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Dominique Manotti – Ausbruch
Verlag: Argument
244 Seiten
ISBN: 978-3867542180
17 €

 

 

 

 

Inhalt:
Filippo Zuliani sitzt im Gefängnis. Dort ist er eingeteilt nach der Müllabfuhr den Müllraum zu reinigen. Eines Tages geschieht etwas Unerwartetes: er findet den Müllraum noch mit Müll vor. Filippo wundert sich, doch dann rumpelt es im Müllschacht und herausschießt sein Zellengenosse, Carlo Fedeli, ein Widerstandskämpfer und Mitglied der Roten Brigaden, und versteckt sich in den noch vollen Müllcontainern. Filippo überlegt kurz und springt dann kurzentschlossen zu Carlo in den Container, gerade noch rechtzeitig, um von der Müllabfuhr mitgenommen zu werden. Doch der Ausbruch verläuft nicht so wie geplant. Carlo schickt Filippo weg und gibt ihm nur einen Zettel für den Notfall mit. Dieser Zettel führt Filippo nach einigen Wochen nach Frankreich, genauer gesagt nach Paris, zu Lisa Biaggi, der früheren Geliebten von Carlo, die dort im Exil lebt. Für Filippo beginnt eine Reise ins Unbekannte, die er zwischen Naivität und Gerissenheit zu meistern versucht.

Vorab:
Dieses Buch habe ich freundlicherweise direkt vom Argument Verlag zur Verfügung gestellt bekommen, der unter ariadne Kriminalroman „spannende[n] Lesestoff mit literarischem und aufrührerischem Anspruch“ veröffentlicht. Diese Aussage trifft voll und ganz zu und ich bin froh, dem Verlag zugesagt zu haben, als sie mich gefragt haben, ob ich rein lesen möchte. Hiermit bedanke ich mich herzlich für das Exemplar von „Ausbruch“ von Dominique Manotti.

Meine Meinung:
„Ausbruch“ ist ein politischer Krimi. Politische Krimis können spannend sein, sind es mitunter aber oft nicht. Meist sind sie anstrengend – zumindest für mich und ich habe diese fast ganz von meiner literarischen Speisekarte gestrichen. Doch nun muss ich meine Karte wohl umschreiben, denn Frau Manotti zeigt mir, dass politischer Krimi nicht nur unglaublich spannend sondern auch literarisch beeindruckend geschrieben werden kann. Nie hätte ich gedacht, dass ein Krimi, der seinen Hintergrund in den linksradikalen Gruppierungen in Italien der 60er/70er Jahre hat, mich so begeistern kann. Und doch hat „Ausbruch“ genau dies getan.

Krimis / Thriller, die auf realen Geschehnissen basieren finde ich immer gut. In Deutschland landet man dann nicht immer, aber sehr oft im Dritten Reich. Auch spannend, aber es gibt doch noch so viele andere spannende Perioden in der Zeit. So ist es ein Erlebnis, nicht nur ein anderes Land – Italien und Frankreich – sondern auch eine andere Zeitspanne – 80er Jahre mit Bezug auf 60er/70er – in einer spannenden Geschichte präsentiert zu bekommen. Man könnte befürchten, dass das Buch vielleicht trocken und mit Details überladen ist, dass es zu politisch ist, mit langweiligen Details vollgestopft, doch Manotti gelingt es, das Thema gleichzeitig im Hintergrund und doch immer präsent und vor allem klar darzustellen.

Es geht um Filippo, den Kleinkriminellen aus Rom, der eigentlich nicht mehr zu seiner Gang zurück will, der mehr in seinem Leben will, der sich zu besseren, höheren Kreisen berufen fühlt. Er ist naiv und doch gerissen. Er kann sich kaum zu etwas motivieren und es ist fast ein Wunder, dass er doch letztendlich seinen Weg macht. Er ‚schlachtet‘ Carlos Geschichte aus und löst damit ein politisches Chaos aus ohne es zu wollen oder zu wissen.
Lisa Biaggi, auch eine Widerstandskämpferin wie Carlo, lebt schon lange im Exil in Frankreich. Sie ist Carlo treu ergeben, in der Liebe wie auch in der Politik. Doch als dieses Bild ins Wanken kommt, setzt sie alles daran, dies wieder gerade zu biegen. Letztendlich muss sie aber einsehen, dass ihr im Exil die Hände gebunden sind und sie einfach nicht alles erreichen kann, was sie möchte.

Filippo taucht bei Lisa Biaggi unter, die gar nicht begeistert ist und ihn abschiebt. Er findet einen Job als Nachtwächter und da er kein Wort Französisch kann, langweilt ihn dieser schnell. Da beginnt er zu schreiben. Über seine Flucht, über Carlo, über sich, über … nun, das verrate ich jetzt nicht alles. Doch es ist ein Buch im Buch, eine Geschichte in der Geschichte, ein Kriminalfall im Krimi – Filippo benutzt die richtigen Namen, doch ansonsten benutzt er die Tatsachen nur als Grundgerüst für seine fiktionale Geschichte. Nicht nur mir als Leser, sondern auch den Lesern im Buch ist es so ergangen, dass man mitunter gar nicht unterscheiden kann, ist etwas erfunden oder ist es real. Das Buch wird veröffentlicht und schlägt damit große Wellen. Wellen, die von Frankreich nach Italien schwappen und da Empörungsstürme auslösen.

Literarisch gesehen erstaunt mich „Ausbruch“. Selten trifft man im Kriminal/Thrillergenre eine so ausgefeilte Sprache wie die von Dominique Manotti. Sie zeichnet zielgerichtet Bilder des Geschehens, die den Leser in eine andere Welt entführen, in eine andere Zeit. Ihre Sprache ist schlicht, aber wortgewaltig. Und trotz allem ist es spannend dies zu lesen und keineswegs anstrengend oder schwierig. Die Besonderheit des Romans im (Kriminal)Roman ist ein wahrhaft genialer literarischer Schachzug und die politischen Hintergründe sind packend erzählt. Es geht um Macht, Machtmissbrauch, Geheimdienste, Gewalt und Korruption. Und das Ende? Das ist dann ein Entweichen der Luft, ein abruptes Ende der Spannung und die Frage: Wie jetzt? Schon zu Ende? Wo ist der nächste Manotti???? Der steht bei mir schon in den Startlöchern…

Fazit:
Ein Politkrimi, der mich restlos begeistern konnte. „Ausbruch“ sind zwei Geschichten, ein politisch brisantes Gemisch und Kunst in einem. Das Buch hat mich in mehreren Aspekten positiv überrascht und ist mit ein, zwei anderen Krimis/Thrillern mit in meiner Top 5 für dieses Jahr. Von mir bekommt „Ausbruch“ ganz klar 5 Schafe.

5 Schafe