Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Erster Auftritt: Die Reportage – Val McDermid


Val McDermid – Die Reportage
Verlag: Argument
Übersetzerin: Sonja Hruby, überarbeitet von Else Laudan
256 Seiten
ISBN: 978-3886195138

 

 

 

Schon ganz lange wollte ich mal einen Val McDermid Krimi lesen, denn man stelle sich vor – die schottische Queen of Crime kannte ich noch gar nicht. Zum Adventsspezial hat es die Autorin dann mit ihrer Reihe um Privatdetektivin Kate Brannigan in meine Leseliste geschafft, doch ihre erste Reihe um Journalistin Lindsay Gordon habe ich sogar noch davor beschnuppert. Allerdings aus den unterschiedlichsten Gründen, gibt es die Rezension zum ersten Teil der Reihe erst jetzt. Die Beschaffung der Bücher, die natürlich schon vollständig meine Regale ziert, war gar nicht so einfach, denn es sind nicht mehr alle Teile im Handel verfügbar, sondern manche nur noch antiquarisch zu bekommen. Als wahren Krimifan kann einen das aber natürlich nicht aufhalten!

Lindsay Gordon ist freie Journalistin und nicht gerade auf Rosen gebettet. Deshalb kann und muss sie auch den Auftrag ihrer Freundin Paddy Callaghan annehmen, über das Benefizwochenende des elitären Mädcheninternats Derbyshire House zu berichten, auch wenn ihr anspruchsvollere Themen natürlich mehr passen würden. Manchmal soll man seine Wünsche allerdings nicht zu laut äußern, denn just an dem Wochenende wird der Stargast des Benefizkonzerts, die Cellistin Lorna Smith-Couper, ermordet. Niemand wundert sich, war der Star zwar talentiert aber nicht besonders beliebt. Als allerdings Paddy für den Mord in Haft genommen wird, lässt sich Lindsay von der Schulleiterin dazu überreden, eigene Ermittlungen anzustellen.

Ein sehr klassisches und leider auch langweiliges Setting: ein Mädcheninternat auf dem Lande, ein abgeschotteter Kreis von Verdächtigen und wahrlich kein neuer Schauplatz für ein Verbrechen in Krimis. Nichtsdestotrotz bricht die Autorin mit den Konventionen und setzt dort die lesbische und feministisch engagierte Journalistin Lindsay Gordon hinein. Und entgegen den üblichen Klischees ist Lindsay auch so gar nicht überzeugt, ob sie die richtige dafür ist, den wahren Täter zu entlarven und zweifelt an ihren Ermittlerfähigkeiten, lässt sich aber breitschlagen, denn schließlich ist ihre Freundin Paddy  im Untersuchungsgefängnis. Lindsay verleiht dem Krimi den gewissen Pfiff und hebt ihn aus dem Einerlei-Krimisumpf heraus.

Neben einigen feministischen Scharmützeln, die sie mit den Lehrerinnen aber auch Schülerinnen ausfechtet, bekommt sie eine treue Begleiterin: Cordelia Brown, Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Cordelia ist ein wenig älter und gesetzter als Lindsay, sie hält Lindsay bei den Befragungen in Zaum, zumindest versucht sie es. Ein wenig peinlich ist ihnen, dass sie die Zeit der Ermittlungen nicht nur dazu nutzen, ihre Freundin aus dem Gefängnis zu holen, sondern auch für ihre beginnende Liebesbeziehung.

Lindsay gelingt es, trotz einiger Verwirrung und keinerlei Erfahrung in Mordfällen, ihre investigativen Fähigkeiten anzuwenden und vielen Beteiligten die richtigen, aber hin und wieder auch die falschen Fragen zu stellen. Es finden sich ein oder zwei Fettnäpfchen und letztendlich baut sie so richtig Bockmist, bevor sie den Fall dann doch – mit ein wenig Hilfe – lösen kann.

Fazit:
Ein klassischer Whodunit mit dem gewissen Extra: Lindsay Gordon verleiht der leicht verstaubten Atmosphäre eines englischen Mädcheninternats Frische und Relevanz. Ein guter Erstling, der ausbaufähig ist, aber die steile Karriere der Autorin schon erahnen lässt.


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Rabenschwarz: Ed ist tot – Russel D. McLean


Russel D. McLean – Ed ist tot
Verlag: Golkonda
Übersetzerin: Claudia Feldmann
305 Seiten
ISBN: 978-3946503477

 

 

 

 

Schaut man sich so das Cover des Krimis an, ist von Anfang an klar, dass man hier keinen todernsten und tragischen Krimi in der Hand hat. Der Autor stammt ja auch aus Schottland. Zwar trifft man auch hier hervorragende düstere Krimis, doch viele schottische Krimiautoren/innen haben einen rabenschwarzen und überaus unterhaltsamen Humor, der sich einfach gut mit kriminellen Geschichten verbindet. Bevor ich aber darauf komme, möchte ich erst den Golkonda Verlag für seine immer wieder sehr gelungene Buchgestaltung loben. Nicht nur das Cover macht was her, sondern auch innere Gestaltung des Buches kann sich sehen lassen.

Der Autor hat das Buch allen Buchhändler gewidmet und das nicht ohne Grund, war er doch selbst jahrelang Buchhändler. Seine Protagonistin, Jennifer Carter, ist demzufolge auch Buchhändlerin. Tatsächlich ist Jen allerdings recht wenig in ihrem Job anzufinden, denn schon kurz nach Beginn des Buches bringt sie aus Versehen ihren Freund Ed um. Von Ed hat sie sich am Abend vorher getrennt, endlich, nachdem sie schon lange wusste, dass Ed sie nicht glücklich machen würde. Es war eben Gewohnheit. Ed hatte zwar tolle braune Augen, aber eben auch ein paar Nachteile. Nachteile, über die sich Jen erst nach Eds Ableben Gedanken macht, denn was zur Hölle wollte er nachts in ihrem Wandschrank? Und nun trifft Jen die Entscheidung, welche den Verlauf des Buches erheblich beeinflusst, denn sie ruft nicht die Polizei, sondern Eds Mitbewohner Dave an. Als dieser ankommt finden die beiden neben Eds Leiche im Wandschrank eine Tasche voll Geld und eine Tasche voll Drogen. Auch wenn Dave und Jen sich einreden, dass keiner weiß wo die beiden Taschen sind, ist natürlich völlig klar, dass diese Taschen gesucht werden. Aber egal wie – zuerst einmal muss Ed weg.

Und damit beginnt Jens irrwitzige Fahrt, die sie letzten Endes zu einer Kriminellen macht, wenn man es gut meinen will, räumt man ihr ein, dass sie sich ja nur verteidigt. Doch dass Leichen ihren Weg pflastern kann nun niemand abstreiten. Schon bald ist sie auf der Flucht und steigt zu Schottlands meistgesuchter Verbrecherin auf, wobei man ihr auch zugutehalten muss, dass nicht alle Leichen von ihr stammen. Mit gekonnt schottischem Humor lässt der Autor seine Protagonistin auf die Situationen reagieren. Vielleicht nicht so, wie jeder andere Mensch, aber wer weiß, vielleicht so, wie jeder andere Schotte. Überlebenswille und Pragmatismus muss Jennifer Carter schon zeigen, damit sie nicht unter die Räder kommt, eine gehörige Portion Mut und „ist jetzt eh schon egal“-Mentalität verwandeln Ihr Handeln in eine rasante, komische, aber nicht witzige Odyssee durch Schottland.

Wer jetzt allerdings tiefe Einblicke in das Leben eines Buchhändlers erwartet, dem sei gesagt, dass ich hier nicht viel feststellen konnte. Jen kann ihren Job ja eh nur in den ersten Seiten ausüben, danach ist arbeiten für sie unmöglich. Natürlich fallen hin und wieder Verweise zu Büchern, die sie gelesen hat und mit denen sie ihr Leben nun vergleichen kann, aber das kann man als Leser denn auch. Alles in allem ist Jen Carter aber eine Frau wie viele andere auch: sie treibt durch ihr Leben, ist mit einigem unzufrieden und kann sich nicht recht von ihrem Freund trennen, der schon zur Gewohnheit geworden ist. Hätte sie nicht unvermutet ihren Freund versehentlich ermordet, wäre ihr Leben noch Jahre so vor sich hin gedümpelt. Doch mit dem Mord erwacht in Jen ein längst verschüttet geglaubter Willen, ihr Leben nicht den Entscheidungen anderer zu überlassen und sie wehrt sich mit allem was verfügbar ist – auch mit Bratpfannen.

Fazit:
Ein irrwitziger Roadtrip, in welchen sich die unbedarfte Buchhändlerin Jen Carter hinein katapultiert und sich zur wahren Verbrecherkönigin mausert. Gelungene rabenschwarze schottische Komödie über Gauner und welche, die es noch werden sollen!


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Ein sympathischer Mörder: Blut Salz Wasser – Denise Mina


Denise Mina – Blut Salz Wasser
Verlag: Argument
Übersetzerin: Zoë Beck
363 Seiten
ISBN: 978-3867542302

 

 

 

„Salzwasser löst Blut, nur Salzwasser.“ (S. 30)

Denkt man an große Verbrechen, Drogenhandel, Morde, Wirtschaftskriminalität, denkt man doch irgendwie immer an Großstädte. Regionalkrimi hin oder her. So ist auch DI Alex Morrow in Edinburgh angesiedelt und ermittelt in der schottischen Hauptstadt. Diesmal jedoch verschlägt sie ein Fall ins beschauliche Helensburgh, nahe an Edinburgh, aber ein ruhiger Ort, gespalten zwischen dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum. Doch nicht nur Großstädte haben ihre Abgründe, auch Kleinstädte können hier mithalten.

Alex Morrow ermittelt gerade gegen Roxanna Fuentecilla. Die schöne Spanierin soll mehrere Millionen verstecken, mit einem Betrug, im Immobiliengeschäft, durch Geldwäsche. Genaues weiß man nicht, doch jeder will an ihr Geld, denn die Polizeibehörden dürfen das Geld behalten, wenn sie die Täterin schnappen. Morrow ist das egal, sie will die Frau schnappen, ist fasziniert von ihr. Doch dann verschwindet Roxanna Fuentecilla und die Spur führt nach Helensburgh.

Der Beginn des Buches wird allerdings von Iain Fraser bestritten. Gemeinsam mit seinem Kollegen Tommy, führt er eine Frau ihrem Tod zu. An einem See, dem Loch Lomond, in ein Boot. Iain bezahlt damit die Schulden eines Freundes an den lokalen Gangsterboss Mark Barratt. Iain, gerade aus dem Gefängnis, mit Rückenschmerzen und schwermütigen Gedanken tötet die Frau nur, weil er muss. Nach der Tat ist er still, gedankenverloren.
Keinen beinharten Killer präsentiert uns die Autorin hier, sondern einen, der gezwungenermaßen einen Menschen tötet. Einen, dem der Tod der Frau nachhängt, in ihm herumgeistert, ihn deprimiert. Ein nachdenklicher Killer, einer, der zum Killer gezwungen wurde. Ein Sympathieträger, ja, obwohl er ein Mörder ist, ist einem Iain Fraser sympathisch. Er bleibt im Gedächtnis und man fühlt mit ihm.

„Wie man Blut abwusch: Salz, kaltes Wasser und Einweichen.“ (S. 152)

Derweil ist Alex Morrow hinter der Spanierin her. Hartnäckig und intuitiv versucht sie herauszufinden, wohin die Frau verschwunden ist und sich nicht zwischen den Mühlen der Polizeiabteilungen aufreiben zu lassen. Die Oberen zu befriedigen, aber nicht von ihrer Moral und Gerechtigkeit abzuweichen.

Und Helensburgh? Tja, das beschauliche Städtchen bietet zwar auch ein kleines Bio-Café, in dem sich die Damen zum Kaffeeklatsch treffen, aber eben auch Schattenseiten. Neben dem Gangsterboss ist das erstaunlicherweise eine mittelalte Dame, die nach langer Zeit aus den USA zurückgekehrt ist, um den Haushalt ihrer verstorbenen Mutter aufzulösen. Oberflächlich eine nette alte Dame, bringt sie den Ort ganz schön durcheinander. Es sind nur so kleine, unheimliche Begebenheiten, die einen denken lassen, dass etwas nicht mit ihr stimmt.

So treffen sich die Handlungsstränge in Helensburgh und das pittoreske Städtchen kriegt einige Schrammen ab. Ein Pub verbrennt mit Vater und Tochter darin, eine Frau verschwindet, eine Wasserleiche taucht auf. Eingebettet wird das Ganze in das politisch brisante Unabhängigkeitsreferendum, und wer hier denkt, es geht um Politik, dem sei gesagt, dass es wieder mal nur um das eine geht: um Geld. So ist es auch nicht verwunderlich, dass am Ende zwar die Täter geschnappt werden, aber die Hintermänner entkommen. Das liegt aber nicht an Alex Morrow. Nichtsdestotrotz vervollständigt dies das Bild, welches Denise Mina schon von Anfang an zeichnet: es gibt keine heile Welt. Die Realität ist noir.

Fazit:
Ein düsterer Noir-Krimi mit einem sympathischen Killer und der fantastisch ermittelnden Alex Morrow. Denise Mina ist immer ein Garant für Spannung  und gehört in jede Leseliste. Düster, einmalig und noir!


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Durch die Schotten: Wer andern eine Bombe baut – Christopher Brookmyre


Christopher Brookmyre – Wer andern eine Bombe baut
Verlag: Galiani / KiWi
Übersetzer: Hannes Meyer
511 Seiten
ISBN: 978-3869711638

 

 

 

 

Obwohl ich schon einige Bücher des Autors in meinem SUB beherberge, ist dies tatsächlich das erste Buch, welches ich von ihm lese. Aber seien wir mal ehrlich – schottischer Autor plus einem Normalo, der in einen Kriminalfall rutscht sowie eine taffe, wenn auch zierliche Polizistin – das geht doch immer!

Raymond Ash hat nie gedacht, dass er mal da landet, wo er jetzt ist: Lehrer, Ehemann, Vater. Eigentlich hat er ja von der großen Rock’n’Roll Karriere geträumt, und wenn das schon nicht klappt, dann doch bitte was mit Videospielen. Das hat zwar eine Weile geklappt, doch letztendlich musste er sich dem Ernst des Lebens stellen. Eines Tages glaubt er allerdings seinen Augen kaum, als er am Flughafen Simon Darcourt sieht, einen alten Freund aus College-Tagen. Denn Simon ist eigentlich seit drei Jahren tot, bei einem Flugzeugunglück umgekommen. Raymond beschließt, dass er sich irren muss und seine Augen ihm einen Streich gespielt haben, doch dann versuchen ihn abends, auf dem Weg zum Inder, zwei Kerle mit Schusswaffen zu erledigen, denen er ganz knapp entkommen kann. Die Polizei mag ihm auch nicht so recht glauben, aber dann wird Raymond am nächsten Tag entführt – das weiß nur keiner, denn gleichzeitig verschwinden zwei Kinder an der Schule und Raymond wird als Pädophiler auf der Flucht abgestempelt…..

Wham! Ihr seht, hier geht es Schlag auf Schlag. Der arme Kerl wird mitten hinein in ein Komplott gezogen, dass sein alter Freund (oder eher Feind) Simon Darcourt da plant. Eben weil er auch zufällig Raymond gesehen hat, nimmt er ihn in seinen fiesen Plan mit auf und Raymonds Leben verwandelt sich in einen irrwitzigen Roadtrip rund um Glasgow und in den schottischen Highlands. Als alter Gamer sieht Raymond das – zwischen Verzweiflung und nahe am Wahnsinn – wie ein Videospiel und läuft am Ende zur Hochform auf.

Nichtsdestotrotz ist das Buch relativ lang und auch ausufernd geschrieben. Das liegt daran, dass der Autor die Charaktere immer wieder in die Vergangenheit schweifen lässt, um aufzuzeigen, wie es zu der jetzigen Situation gekommen ist. Das nimmt dem aktuellen Geschehen ein wenig den Schwung – das könnte man locker auf 250 Seiten erzählen – aber ist tatsächlich irre unterhaltsam. Christopher Brookmyre hat den Schalk im Nacken und ihm gelingt es, diese Ausflüge in die Vergangenheit launig und mit einer guten Portion Ironie auszuschmücken.

In dieser Kombination gelingt es dem Autor eine spannende Geschichte über einen überheblichen Terroristen und einen nerdigen Normalo in eine irrwitzige Fahrt zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu verwandeln, die einfach Spaß macht. Wie gut, dass ich noch weitere Bücher von diesem Schotten in meinen SUB beherberge.

Fazit:
Irrwitzig und abgefahren: Durchschnittsbürger Raymond Ash versucht einen Terroranschlag zu verhindern. Der Krimi ist nicht nur spannend und mit einer Portion Witz versehen, sondern macht auch richtig Spaß zu lesen.


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Inselkrimi der anderen Art: Gordon Tyrie – Todesströmung


Gordon Tyrie – Todesströmung
Verlag: Droemer
Übersetzer: nicht vorhanden, da dies ein Pseudonym des Autors Thomas Kastura ist.
384 Seiten
ISBN: 978-3426306505

 

 

 

Glasgower Auftragskillern nur die Flucht: auf die karge und schöne Hebriden-Insel Jura, getarnt als Outdoor-Touristen. […] Eine abenteuerliche Jagd quer über die Insel beginnt…“
Da dacht ich mir, läuft –  drei Auftragskiller, Flucht, abenteuerliche Jagd und das Ganze zwischen knorkigen Einwohner auf einer kleinen Insel.  Ja, so ist das mit den Erwartungen. Manchmal kommt es eben doch ganz anders. Was ein trashiges Roadmovie mit skurrilen Charakteren und vielen Kugeln hätte werden können entpuppte sich als etwas ganz anderes.

Die Killer sind ein Team: Hynch ist derjenige, der zielt, Rick ist derjenige, der alles organisiert und Winslow ist der Fluchtwagenfahrer. Er ist auch relativ neu im Team und noch jung. Als Hynch auf Mallard einen ehrgeizigen Politiker, der seine Hände in krummen Geschäften hat, anlegt, scheint ihm die Aktion nicht passend und er bricht ab. Das Team muss fliehen und landet auf der Hebriden-Insel Jura, denn Rick hat dort Tarnidentitäten hinterlegt: Outdoor-Kleidung, einen Wagen, neue Pässe. Doch auch wenn die Insel abgelegen ist, heutzutage ist man wohl dank Smartphone und Internet niemals allein, so kommt es, dass die Drei nicht nur einigen Inselbewohnern auffallen, sondern auch andere Glasgower sich auf die Insel verirren, um nach den Dreien zu suchen.

Eine weitere Hauptfigur ist Gracie. Sie lebt erst seit Kurzem auf der Insel und überwacht dort die „Seeschlange“ – ein neuen Versuch, über Wasser Energie zu gewinnen. Sie wohnt in einem Cottage, welches zur Farm von Calum und Laoise gehört. Die Geschichte wird immer abwechselnd erzählt, folgt einmal dem Trio aus Glasgow, meist auch Hynchs Sicht, dann wieder aus Sicht der Inselbewohner, meistens Gracie. Der Rest der Charaktere ist dann auch reine Staffage und kaum der Rede wert.

Hynch ist ein abgekochter Profikiller, natürlich mit Militärerfahrung, leider auch mit Interesse an Philosophie, im Speziellen an David Hume. So wird er als nachdenklicher Mensch dargestellt und immer wieder werden Sätze aus Humes Werk eingestreut, auf die sich Hynch beruft. Gracie hat ihren Freund ans Meer verloren und verschanzt sich eigentlich auf der Insel. Ihre Passagen sind gefüllt mit Erinnerungen an ihren Freund und Landschaftsbeschreibungen. Für Schottlandliebhaber ein zauberhaftes, aber natürlich schroffes Bild der kleinen Insel. Trotzdem wirkt es oft einfach fehl am Platz, gerade in Verbindung mit Hynch und der Eskalation, die später auf der Insel stattfindet.

Natürlich treffen die Sechs bald aufeinander und so ganz kann ich die Wendung, dass die Inselbewohner die Killer so nebenbei mal engagieren um einen unbeliebten Kanadier loszuwerden, der ihre Insel vermarkten will, nicht glauben. Das erscheint mir doch sehr unrealistisch. Nichtsdestotrotz verleiht diese Wendung dem Buch endlich etwas Schwung, denn ab da zieht Hynch los und führt quasi einen Ein-Mann-Krieg, der mich in seiner Art und Weise verdächtig an John McClane aus den „Stirb Langsam“ Filmen denken ließ. Viele Kugeln, viele Tote, eine Menge Blut und auch Feuer, der Held halb tot.

Insgesamt war das Buch für mich ein gemischtes Leseerlebnis. Mal abgesehen davon, dass ich etwas anderes erwartet hatte, waren die landschaftlichen Beschreibungen zwar hübsch zu lesen, aber auch nicht sonderlich spannend. Gleiches gilt auch für die philosophischen Ausflüge des Killers mit Gewissen. Der zweite Teil hat mir dann besser gefallen – da gab es immerhin eine Menge Aktion. Trotzdem wären ein paar mehr Inselbewohner schon irgendwie gut gewesen, denn hin und wieder hat man das Gefühl, dort leben nur 5 Menschen, wenn überhaupt.

Fazit:
Durchwachsen – während es am Anfang zwar landschaftlich romantisch, aber auch ein wenig langwierig ist, ist die zweite Hälfte des Buches dann eine Eskalation und Gewaltorgie, welche die anfängliche Gemütlichkeit wieder wett macht.

 


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Abwärts: Dead Money – Ray Banks

Dead-Money-Cover
Ray Banks – Dead Money
Verlag: Polar Verlag
Übersetzerin: Antje Maria Greisiger
201 Seiten
ISBN: 978-3945133040

 

 

 

 

Alan Slater ist ein Normalo. Ein Vertreter für Doppelverglasung, mit Frau, Affäre und seinem bestem Freund, Les Beale. In seinem Job ist er recht gut, doch die Ehe läuft schlecht. Abends versumpft er mit Beale und spielt seinen Best Buddy/Personenschützer/Fahrer, wenn dieser in die verschiedensten Spielcasinos sein Geld verzockt. Beale ist ein Spieler und kann nicht aufhören, besonders nicht, wenn er es endlich geschafft hat, in eine Croupiers Partie reinzukommen. Als er dort gelinkt wird, endet der Abend mit einer Leiche. Und wer muss ihn rausholen? Natürlich Alan – sein bester Freund und Lebensretter. „Wie geht dieser alte Witz? Ein Freund hilft dir beim Möbeltragen, aber ein guter Freund hilft dir beim Leichentragen? Na ja, war dann doch nicht so lustig, wenn’s drauf ankam.“ (S. 92)

Sprachlich hält der Krimi einige göttliche Schoten bereit, wenn ich nur an die „Augen wie zwei zugekniffene Hundearschlöcher“ (S. 14) zurückdenke oder an den Spruch „Halbbesoffen, unter Schock und schlotternd wie eine kackende Katze“ (S. 69) – Kopfkino par excellence! Der Stil fügt sich nahtlos zur Geschichte zusammen und strotzt aus allen Enden „noir“ aus. Der Krimi hat mich gepackt, die 200 Seiten sind schnell verschlungen – die letzten 50 Seiten fast wie im Flug, denn da legt der Autor nochmal an Tempo zu, um die Abwärtsspirale drastisch anzukurbeln und Alan Slater eiskalt auf den Boden knallen zu lassen.

Der Durchschnittstyp schlechthin – Alan Slater. Einer, der ein trauriges, normales Leben führt. In dem nicht viel passiert. Einzig die Abende mit Beale und der Sex mit Lucy, seiner Affäre, erhöhen seine Lebensqualität. Der Rest läuft eben so. Alan Slater – der mit offenen Augen in sein Unglück rennt. Jeder sieht es, jeder kann es erkennen, aber für ihn sieht noch alles gut aus, als könnte er es retten. Die schrecklichen Dinge im Leben passieren immer nur anderen.

„Das war nicht mein Ding. Ich brauchte das nicht so wie Beale. Für mich gab es noch andere Dinge im Leben. Ich war besser als er. Ich besaß Disziplin. Ich hatte alles im Griff.
Und rückblickend war das wohl mein größter Irrtum. Denn egal, wie sehr du meinst, du hast alles im Griff – das hast du nie. Immer liegt da irgendwas im Schatten auf der Lauer und wartet nur drauf, dir in den Arsch zu beißen.“ (S. 63)

Und wie es gebissen hat. Wenn sein bester Freund ruft, dann kommt er mit wehendem Umhang herbei. Ein Freundschaftsdienst – bei dem viele andere nicht im Traum daran denken würden, diesen zu leisten – bringt ihn auf den ersten Meter der Abwärtsspirale. Mit jedem Schritt katapultiert er sich näher an den Abgrund. Dabei ist die Leiche erst der Anfang. Und der tote Hund, ja, der war das Omen, welches die Katastrophe angekündigt hat.

„Denk wie jemand anders. Denk wie einer, der weiß, was man mit einer waschechten, mausetoten, blutenden, stinkenden, langsam steif werdenden Leiche anstellt.“ (S. 99)

Alan Slaters Leben ist deprimierend – und könnte durch das Auftauchen der Leiche spannend werden. Wird es auch – für den Leser, nicht für Alan Slater. Für den geht es nun nur noch bergab. Von trostlos über verzweifelt bis völlig am Ende. Die Geschichte bietet alles für den Noir-Liebhaber und das I-Tüpfelchen ist die Sprache. Natürlich ist dies die deutsche Übersetzung und somit gebührt der Übersetzerin mindestens die halbe Ehre, dieses Schmuckstück dargebracht zu haben. Doch auch eine Übersetzung kann nichts werden, wenn die Basis nicht stimmt und so bin ich froh, dass der Polar Verlag nun schon einen weiteren Ray Banks veröffentlicht hat – denn der kommt auf jeden Fall auf meinem Lesestapel.

Fazit:
Noir, wie er leibt und lebt. Ein Schmuckstück, dass man einfach gelesen haben muss.


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Unbefriedigend: Der Hintermann – Denise Mina

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Denise Mina – Der Hintermann
Verlag: Heyne
Übersetzerin: Doris Styron
519 Seiten
ISBN: 978-3453437159

 

 

 

 

Der kleine Brian Wilcox verschwindet. Und wird tot aufgefunden. Erwürgt und der Kopf zertrümmert. Als Täter werden die beiden elfjährigen Jungen Callum Ogilvy und James O’Connor festgenommen. Paddy Meehan, eine junge Hilfskraft bei der Daily News, kann sich das nur schwer vorstellen. Wie sollen die beiden Jungs von selbst darauf gekommen sein, einen Dreijährigen zu entführen, mit ihm Zug zu fahren und ihn auf einem verlassenen Gelände umzubringen? Doch die beiden Jungs haben Brians Blut an der Kleidung und scheinen wirklich schuld an dessen Tod zu sein. Doch waren sie es alleine? Oder gibt es einen Hintermann?

Unbefriedigend. Das ist leider das Wort, welches mir nach Denise Minas Krimi durch den Kopf huscht. Viel Potenzial, aber irgendwie unbefriedigend. Halbgar. Irgendwas fehlt da. Zum Beispiel Alex Morrow – die hätte den Fall auseinander genommen. Aber in diesem Fall ermittelt Paddy Meehan. Ein junges Ding, dass sich zu dick fühlt und eine Eier und Grapefruit Diät durchlebt, als Laufbursche bei der Daily News arbeitet, aber natürlich vom Beruf der Journalistin träumt und aus einer Familie stammt, die wie ein Netz um sie gesponnen ist. Dabei kann sich Paddy eigentlich glücklich schätzen. Verlobt mit Sean, mit einer liebenden, gut manchmal ein wenig erdrückenden, Familie umgeben, im Glasgow der 80er, mitten in der Rezession und sie hat einen Job, einen Job bei dem sie zumindest die Aussicht hat, später ihren Traumberuf zu lernen. Und doch wirkt sie ständig unzufrieden. Nicht nur mit ihrer Figur, sondern mit ihrem Leben. Mit der Familie, mit ihrem Verlobten. Einzig der Job scheint ihr – nun ja, Spaß würde ich es nicht nennen, aber zumindest scheint sie sich dort wohl zu fühlen. Aber so richtig glücklich wird man als Leser nicht mit ihr. Dazu ist vielleicht Alex Morrow als Gegenbild einfach zu stark.

Dabei kann das Bild von Glasgow in den 80er Jahren durchaus überzeugen. Glasgow selbst kann in vielen Zeiten überzeugen – es ist einfach eine Stadt, in die ein Krimi passt. Irgendwann regnet es bestimmt und auf jeden Fall hat keiner einen Schirm dabei. Die Stimmung ist gedrückt und ein wenig klamm. Paddy Meehan ist katholisch und so flicht Denise Mina noch bedrückende katholische Messen, Leichenschmäuse und Regeln ein, in ein Gewirr aus dunklen und muffigen Häusern, zwischen zerbombten Gebäuden, die noch aus dem Krieg übrig sind. Mit einem Wort: trostlos. Aber so schön authentisch.

Die Ermittlung, wenn es denn eine ist, plätschert ein wenig dahin. Immer unterbrochen durch Paddys Selbstfindung und Passagen mit Familie oder ihrem Verlobten Sean, auch mit Kollegen in der Bar oder in der Redaktion. Unterbrochen wird die Geschichte auch mit Rückblicken auf Paddy Meehans Leben, einem Safeknacker, der in den 60er Jahren unschuldig und mit gefälschten Beweisen für einen Mord ins Gefängnis wandert. Erst nach der Enthüllungsstory eines berühmten Journalisten kommt er frei. Und so ist Paddy Meehan, der Safeknacker, ein Namensvetter von Paddy Meehan, der Möchtegern-Journalistin. Schließlich könnte sie auch Pat heißen, aber sie nennt sich eben Paddy. Ständig möchte man ihr einen Schubs geben –  es geht nur behäbig voran. Doch immerhin beharrlich nähert sie sich – nicht ganz offiziell und zum Missfallen ihrer Familie – nach und nach der großen Story bis es zu einem kleinen, aber feinen Showdown kommt, der verpufft und leider einige Fragen offen lässt.

Fazit:
Paddy Meehan ist nicht Alex Morrow. Schade, denn dann wäre der Fall der Knüller geworden – so, zeigt er leider nicht Denise Minas ganzes Potential.