Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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[Out of the Box] Dreifacher Albtraum: Drive-In – Joe R. Lansdale

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Joe R. Lansdale – Drive-In
Verlag: Heyne Hardcore
Übersetzer: Dietmar Dath / Alexander Wagner
Mit einem Vorwort von Joe R. Lansdale und einem Nachwort von Dietmar Dath
736 Seiten
ISBN: 978-3453676725

 

 

 

Joe R. Lansdale ist ja ein sehr vielfältiger Schreiber. Von Krimi über Abenteuer bis zum Western findet man in seinem Repertoire alles. Und so lässt sich dort natürlich auch Horror finden. Und zwar die „Drive-In“ Trilogie. Horror, das sind für mich Untote, Zombies, schlechte Teenie-Grusel-Streifen und vielleicht noch ein paar gute Sachen. Wie z. B. Shining. Oder… na ja, da hört es bei mir schon auf. Horror ist jetzt nicht ganz so meins. Aber Lansdale ist es. Also her mit dem dicken Schmöker – satte 736 Seiten sind es, mit Vorwort von Lansdale höchstpersönlich und Nachwort von Dietmar Dath.

Das Orbit ist das größte Drive-In in Texas. Vier Leinwände, viertausend Autos und jeden Freitag eine All-Night-Horror-Show mit B-Movies der Extraklasse. Auch Jack und seine beiden Freunde Randy und Bob, sowie Willard, einen Bekannten, den sie in einer Bar aufgabeln, sind an diesem Abend dort. An dem Abend als ein roter Komet über das Orbit fliegt und in die Erde einschlägt. Schlagartig ist das Autokino vom Rest der Welt getrennt, umgeben von einer grauen Masse, die Menschen auflöst. Also bleiben sie eben drin, im Autokino. Die Filme laufen weiter und spenden Licht und Ton, die Snackbars sind prall mit Softdrinks, Popcorn und Schokoriegeln gefüllt. Doch irgendwann nimmt der Vorrat ein Ende….

Das ist jetzt nur mal der Anfang vom ersten Teil. Da die anderen Teile darauf aufbauen, möchte ich hier vorerst nichts verraten, aber eins kann ich Euch sagen: einen fieseren Albtraum habt ihr nie gelesen. Ich weiß gar nicht so recht, was ich schreiben soll, also fangen wir mal mit etwas einfachem an: die drei Bücher strotzen vor Lansdale. Genau wie die anderen Bücher, die ich von ihm gelesen habe, hat Lansdale für mich eine unheimliche Sprachgewalt. Und das mit ganz einfachen Sätzen, ich meine das nicht literarisch. Sein Stil zieht mich sofort in den Bann und ich bin im Buch, nicht nur dabei. Besonders bei diesem Buch war das nicht immer angenehm.

Der Ich-Erzähler ist Jack, der seine Erlebnisse in einem Tagebuch festhält und das Ganze auch noch ein wenig wie einen billigen B-Movie ausstaffiert, mit Fade-Ins und Filmrollen, alles in allem sehr stimmig. Jack ist eigentlich ein ganz normaler Kerl, der mit seinen Freunden einen am Freitag drauf machen will. Leider kommt es ganz anders und Jack macht bzw. muss im Laufe der Bücher mehrere Veränderungen durchmachen. Die Welt verändert sich und so macht das auch Jack. Trotz allem, gehört er – mit wenigen anderen – zu denen, die sich nicht auf die tiefste Ebene herablassen und ihre Moral und ihren Anstand halbwegs behalten. Es ist nicht immer einfach, in dieser neuen Welt, aber verdammt, Jack und seine wechselnden Begleiter (kann halt nicht jeder überleben, in so einem Horrorroman) beißen sich durch und geben nicht auf.

Ich kann die Handlung nicht mal ansatzweise beschreiben und würde Euch auch den Spaß verderben, wenn ich es denn täte, und so schmeiß ich Euch jetzt einfach mal ein paar Brocken hin: Gewitter, Popcorn-King, Popcorn mit Augen, das Orbit-Zeichen, Dschungel, Dinosaurier, schlängelnde Filmrollen, das Ende der Straße, Popalong Cassidy, der Bus, das Meer, Ed, der Fisch, BJoe und die Schatten, die Brücke und der Tisch. Wer jetzt wissen will, was das alles bedeutet, der muss wohl die Bücher lesen und ich kann das nur wärmstens empfehlen. Die Geschichte ist abgefahren, völlig schräg, ein wenig eklig, tierisch versaut, total urgs, mit viel Sarkasmus gewürzt und manchmal ein wenig depressiv, grotesk und unglaublich, mit vielen nackten Tatsachen, unterhaltsam und nie langweilig, völlig absurd. Wer hier einen Sinn sucht, sollte ein anderes Buch lesen. Wer aber tiefer blickt, wird auch in diesem Chaos Funken und Fünkchen unserer Gesellschaft überspitzt wiederfinden und wird am Ende wieder ins Hier und Jetzt geholt. Nein, nein, es löst sich nicht einfach alles auf und Happy End, aber es gibt eine Auflösung und zwar eine sehr überaschende und nachdenkliche.

Na los, jetzt geht raus und kauft Euch das Ding. Egal, ob Horror Euer Metier ist oder nicht, denn das Buch hier ist ganz anders als das, was ich als Horror kannte. Es ist eben Lansdale-Horror.
By the way: Heyne Hardcore – was kann da schon schief gehen?

Fazit:
Unterhaltsamer, grotesker Roadtrip in einem dreifachen Albtraum – ein Buch wie eine Achterbahnfahrt!

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Bienenstock: Horrorstör – Grady Hendrix

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Grady Hendrix – Horrorstör
Verlag: Knaur
Übersetzer: Jakob Schmidt
268 Seiten
ISBN: 978-3426517222

 

 

Merkwürdiges geht vor im ORSK-Einrichtungshaus in Cuyahoga in Ohio. Morgens, wenn die Mitarbeiter an ihre Arbeitsplätze zurückkehren sind GLANS-Trinkgläser kaputt und LIRIPIP-Regale zerstört. Und was erst mit dem Brooka-Sofa passiert ist…. eklig! Doch was passiert nachts im leeren Möbeldiscounter? Amy wird zusammen mit Ruth Anne von ihrem Chef Basil verpflichtet, mit ihm gemeinsam die Nacht in der ORSK Filiale zu verbringen, um die Eindringlinge aufzuspüren, die jede Nacht wohl ihr Unwesen treiben. Doch sie treffen bei weitem nicht nur ein paar Eindringlinge in den dunklen Gängen zwischen Möbelstücken und Impulskaufkörben…

Arrrrgghhhh! Ja, genau, es ist eine Horrorstory. Ein bisschen Thriller auch. Und es sieht aus wie ein Katalog der berühmten schwedischen Möbelhauskette. Grady Hendrix hat sich mit seiner „Horrorstör“ Mühe gegeben und nicht nur eine Geschichte geschrieben, sondern diese liebevoll in ein Möbelkatalogdesign eingepasst. Klar ist es nur ein Gag, aber das Design ist schon auf die Geschichte angepasst und unterhält einen ganz nebenher wunderbar.

Amy, eine desillusionierte Angestellte des Möbelriesen, ist die Protagonistin. Im allgemeinen recht faul, gelangweilt von ihrem Job und mit der Befürchtung bald gefeuert zu werden, hat sie ihre Versetzung in eine andere Filiale beantragt, doch Basil, ihr Vorgesetzter, will dieser nur zustimmen, wenn sie mit Ruth Anne und ihm die Nachtschicht macht. Davor hat er natürlich x andere gefragt, aber na ja, Fußball und andere Dinge kommen dazwischen. Amy ist keine Heldin. Sie will einfach nur einen Sitzjob. Jetzt hat sie einen Stehjob, aber sie träumt von einem Sitzjob. Da sie diesen aber vermutlich nie erreicht, begnügt sie sich eben mit einem Stehjob. So eine ist Amy. Die Nacht im Möbelgeschäft zeigt ihr allerdings, dass doch noch viel mehr in ihr steckt.
Basil ist ein Nerd. Er mag es Vorgesetzter zu sein und lebt für ORSK. Er hat die Grundsätze inhaliert und ist von seinem Job überzeugt. Ruth-Anne ist die Gute. Sie mag jeden und jeder mag sie. Und dann gibt es ja noch Matt und Trinity, die sich eingeschlichen haben, um eine Geistershow zu produzieren. Da haben wir also unsere fünf Kandidaten, welche die Schrecken der Möbelindustrie aufstöbern werden. Nein, keine Sorge – es gibt auch noch andere Schrecken in dem Thriller.

Die Handlung an sich erinnert schon an eine übliche Horrorgeschichte, doch natürlich ist das Design auch hier hinweisgebend, denn ein wenig wohldosierte Kritik an (Möbelhaus)Ketten ist da schon zu finden. Hierzu muss ich allerdings ein wenig weiter ausholen und schon ein wenig verraten, wie die Geschichte weitergeht – wer sich den Spaß nicht verderben will, der sollte erst im nächsten Absatz weiterlesen. Bevor das Möbelhaus dort erbaut wurde, stand an dem Platz mal ein Gefängnis. Lange bevor das Möbelhaus erbaut wurde. Ein Gefängnis, welches ein Versuch war. Erbaut als Panoptikum mit nur einem Aufseher, der seine Insassen durch andauernde wiederkehrende Tätigkeiten kurieren wollte. Durch die Form des Panoptikums kann er theoretisch immer alle Insassen sehen – bzw. die Insassen wissen nicht, ob sie nicht gerade beobachtet werden und müssen vermuten ständig beobachtet zu werden. Wie die Geschichte ausgeht, verrate ich Euch natürlich nicht, aber der Begriff des Panoptikums hat einen Fetzen aus meinem Studium hervorgeholt und zwar Michel Focault. Der Philosoph hat nämlich die Ordnung unserer westlichen Gesellschaft als Panoptikum bezeichnet und obwohl Grady Hendrix „nur“ eine relativ einfach gestrickte Horrorgeschichte geschrieben hat, kann man die Ansätze von Focault durchaus sehen. Mich persönlich hat die Vorlesung über Focault und das Panoptikum damals sehr zum Nachdenken angeregt und ich bin positiv überrascht, dass die „Hororstör“ dies aufgefrischt hat.

Jetzt hab ich schon ein-, zweimal erwähnt, dass die Geschichte theoretisch eine einfach gestrickte Horrorgeschichte ist, die man zuhauf in Horrorfilmen finde, aber trotzdem hat es wahnsinnig viel Spaß gemacht, sie zu lesen. Für mich war es einfach das richtige Buch zur richtigen Zeit – mit dem Bonus, dass es meine Gedanken angeregt hat und das Design einfach klasse ist. Wer also mal Lust und Laune auf eine traditionelle Horrorgeschichte mit tiefergehenden (wenn auch ein wenig versteckten) Gedankengängen und einem liebevoll gestalteten Buch hat – greift zu!

Fazit:
Eine unterhaltsame, aber auch recht einfache „Horrorstör“ mit verstecktem Tiefgang (unbedingt mal Panoptikum googlen) und liebevollem Design.

P.S.: Normalerweise bin ich mit dem Rezensionslesen auf anderen Blogs immer ein wenig hinterher, aber heute bin ich top aktuell, denn Papiergeflüster hat just auch heute ihre Rezension zu Horrorstör veröffentlicht. Eine super Gelegenheit für Euch, heute gleich zwei Meinungen zu lesen, wenn ihr dem Link hier folgt. 😀