Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Geheimnisse: Die Putzhilfe – Regina Nössler


Regina Nössler – Die Putzhilfe
Verlag: Konkursbuch
401 Seiten
ISBN: 978-3887695958

 

 

 

 

Vielleicht ist es unhöflich, eine Rezension mit einem Vergleich zu beginnen, aber da ich damit meine Begeisterung zum Ausdruck bringen möchte, ist es wohl verzeihlich. Denn endlich habe ich eine Autorin gefunden, die mit Anne Goldmann vergleichbar ist. Eine Autorin, die es unheimlich gut versteht, unterschwellig Spannung aufzubauen, Dinge ungesagt zu lassen und dabei den Leser hinter das Licht zu führen, und dabei ganz still und leise einen Sog in die Geschichte einzubauen, der einen so hintergründig fies packt, dass man es erst am Ende merkt, wenn man das Buch verschlungen hat, so dass man mit Begeisterung das Buch zuklappen kann. Ja, das erinnert an Anne Goldmann, eine meiner Lieblingsautorinnen, aber die Rede soll jetzt von Regina Nössler und ihrem Krimi „Die Putzhilfe“ sein, der mich kurz gesagt, sehr begeistert hat.

Auch wenn nun schon kurz angerissen, warum die Autorin mich überzeugen konnte, hier doch noch ein wenig mehr Ausführung. In dem Krimi geht es um drei sehr unterschiedliche Frauen. Da ist zum einen Franziska Oswald, erfolgreiche Soziologin mit Doktortitel, Reihenhaus und Freund, die sich eines Nachmittags in einen Zug setzt, mit Gepäck, ohne Handy und in Berlin landet. Sie schlupft dort unter, hat jeglichen Kontakt zu ihrem vorigen Umfeld abgebrochen und haust dort in einer schmierigen Parterrewohnung und nennt sich ab sofort Marie Weber. Noch hat sie genügend Geld, doch irgendwann wird dies ausgehen, so dass sie widerwillig das zufällige Angebot von Henny Mangold annimmt, bei dieser zu putzen. Henny Mangold ist eine ältere Dame, die zwar noch im Beruf steht, ihren Mann aber vor einem Jahr verloren hat. Geschwätzig, aber sofort vertraut mit Marie, ihrer Marie. Aber auch Henny Mangold hütet ein Geheimnis, trotz ihrer Geschwätzigkeit. Und obwohl Marie/Franziska Kontakte meidet, tritt noch eine Frau, eher ein Mädchen in ihre Welt. Sina, oder auch „Fastsechzehn“ von Marie genannt, eine gelangweilte, gewalttätige Göre, die Marie als Opfer auserkoren hat.

Noch nie bin ich von einer Autorin so hinters Licht geführt worden. Die Autorin spielt so gekonnt mit den Dingen, die man als Leser vermutet, voraussetzt, und in die – von der Autorin natürlich absichtlich – eingebauten Leerstellen, einfügt. Es ist nicht so, dass die Autorin etwas verschweigt, nein, alles liest sich schlüssig und flüssig, und doch gelang es ihr, mich an der Nase herumzuführen. Vermutungen anzustellen, die ich schon bald als Feststellungen interpretierte, nur um sie mir dann von der Autorin, um die Ohren hauen zu lassen. Aber genug mit den schlechten Vergleichen und her mit einem kleinen Beispiel:  Es gibt da den Bobby. Als das erste Mal von Bobby die Rede war, war er für mich ein Hund. Doch danach bin ich ins Schwanken gekommen. Denn es stand nie da, dass Bobby ein Hund war. Und tatsächlich bin ich dann seitenlang der Meinung, dass Bobby ein geistig beeinträchtigter junger Mann ist, bevor…. Mehr verrat ich mal nicht. Aber beides ist in der ersten Hälfte des Buches möglich und schlüssig. Und das war nur ein kleines Beispiel. Die anderen verrate ich natürlich nicht.

Doch ob das Buch tatsächlich ein Thriller ist, mag mal dahin gestellt sein, kommt vermutlich auf die Definition an. In der Geschichte passiert nicht ständig etwas Dramatisches oder Actionreiches, es ist auch kein Buch welches ich als Pageturner klassifizieren würde und doch konnte ich es kaum weglegen. Es ist immer eine gewisse Grundspannung vorhanden. Schon allein dadurch, dass man als Leser weiß, dass Franziska/Marie sich versteckt und sich immer vor Aufdeckung fürchtet bleibt dies als hintergründige Schwingung durch die komplette Geschichte bestehen. Und das Ende? Ja, das hat mich kalt erwischt und da zeigt das Buch dann auch, warum es vielleicht doch ein Thriller ist. In dieser Geschichte ist kaum etwas wie es scheint, keine der Frauen ist ehrlich, sie müssen lügen, wollen lügen, schämen sich, verdrängen. Und doch ist jede anders, die drei Frauen mit ihren Geheimnissen. Und doch kommt am Ende alles heraus. Oder?

Fazit:
Subtil und unterschwellig, aber soghaft entwickelt sich diese Geschichte um drei Frauen und ihre Geheimnisse zu einem kriminellen Highlight. Sehr genial!


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Andere Einblicke: Unter Fremden – Jutta Profijt


Jutta Profijt – Unter Fremden
Verlag: dtv
336 Seiten
ISBN: 978-3423261654
(Link führt zur Taschenbuchausgabe, derweil meiner Besprechung die broschierte Ausgabe zu Grunde liegt)

 

 

 

Madiha lebt nahe einem Dorf im Flüchtlingsheim, mit Hunderten unter einem Dach, mit 8 Frauen in einem Zimmer. Von ihrem Vater allein auf die Flucht geschickt und mit Gehbehinderung war die junge Frau froh, dass Harun ihr auf ihrem Weg begegnet ist und ihr geholfen und sie beschützt hat. Nun, angekommen in Deutschland, ist er plötzlich verschwunden und Madiha fühlt sich verpflichtet dem einzigen freundlichen Menschen zu helfen und macht sich auf die Suche nach ihm. Das ist allerdings nicht jedem recht.

Madiha ist eine zurückhaltende junge Frau, die ungern redet, eher schweigt. Mit ihrer Gehbehinderung, die ihr ein Unfall beschert hat, ist sie zudem eingeschränkt und hat öfters Schmerzen, doch läuft beharrlich, um in Bewegung zu bleiben. Zu den anderen Flüchtlingen hat sie kaum Kontakt. Sie kommt aus einer als rückständig geltenden Gegend Syriens und verbrachte ihre Tage bisher lieber schweigend bei der Feldarbeit oder beim Essen kochen als nun im Flüchtlingsheim zu übersetzen. Ein Zufall wollte es, dass sie in ihrer Kindheit deutsch zu sprechen gelernt hat, lesen und schreiben kann sie aber nicht. Sie ist eine ruhige Frau, die von der Verpflichtung, die sie sich auferlegt hat, gezwungen wird, offener zu sein, Fragen zu stellen, nachzudenken.

Die deutsche Kultur ist nicht unbedingt ein Schock für Madiha, aber doch oft unverständlich. Ganz deutlich kommt das bei der – für sie – recht geschmacksneutralen deutschen Küche im Gegensatz zur syrischen Küche heraus, die mit vielen Gewürzen, Kräutern und Hammelfett arbeitet. Das Wetter macht ihr zu schaffen, die dunkle Herbstzeit, welche aber auch ich immer mal wieder bedrückend finde. Madihas Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat oder die Polizei ist auch kaum vorhanden, kein Wunder mit den Erfahrungen, die sie in ihrem Land gesammelt hat, einem Land, dass vermutlich schon vor dem Krieg härtere Gesetze, höhere Strafen und mehr Korruption bot, aber besonders während des Krieges wohl kaum mehr Regeln hatte und jeder einfach um sein Leben fürchten musste.

Besonders beeindruckend fand ich auch die Wandlung, die Madiha im Laufe der Handlung durchmacht. Es sind immer nur kleine Schritte, unterlegt mit vielen Zweifeln, aber doch oft mit dem Ergebnis, dass sie da jetzt eben durch muss, mutig sein muss, sich etwas zutrauen muss. Sie wird jetzt kein anderer Mensch, sie wird keine Deutsche oder legt ihren Hidjab ab, aber sie wird mutiger, beginnt Dinge zu hinterfragen und löst Konflikte auf ihrem eigenen Weg. Wenn es die Höflichkeit, die sie anerzogen bekam, nicht erlaubt zu widersprechen, dann schweigt sie eben und geht. So einfach kann das manchmal sein, und doch so schwer. Ein wenig ist ihre Wandlung wohl auch der Handlung geschuldet, denn im Flüchtlingsheim kann sie ihre Suche nach Harun nicht mit Erfolg abschließen – da muss sie schon raus in die weite (deutsche) Welt.

Auch wenn die Autorin die Erlebnisse Madihas natürlich nicht mit eigenen Erfahrungen einer Flucht und dem Status einer Asylbewerberin unterfüttern kann, kann man erkennen, auch ohne anhängende Erklärung oder Literaturverzeichnis, dass hier eine fundierte Recherche statt gefunden hat und viel Empathie einfließt. Ausschlaggebend und exzellent gewählt ist hier auch der Titel “Unter Fremden”. Madiha ist ohne Familie nach Deutschland geflüchtet, lebt mit Hunderten anderen Flüchtlingen aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Regionen unter einem Dach, und ist doch allein, fühlt sich keinem zugehörig. Doch auch außerhalb des Flüchtlingsheims ist sie eine Fremde, ihre Kleidung grenzt sie ganz deutlich ab, einerseits Versteck, auf der anderen Seite wie eine Leuchtreklame.

Eigentlich ein leiser Kriminalroman, wenn auch das hintergründige Thema sehr ernst und gefährlich ist. Aber der Fokus liegt auf Madiha, ihrer Situation und wie sie damit umgeht. Trotzdem passiert einiges, von Molotowcocktail über Hausbrand bis hin zu Entführung und Mord. Der Autorin gelingt hier ein sehr ausgeglichener Mix, ich fühlte mich nie gelangweilt, weil nun Madiha viel über ihre Kultur nachdenkt oder ähnliches, sondern ich konnte mich gut in sie hineinversetzen. Zudem war es glaubhaft, wie zaghaft und mit Zurückhaltung sie auf die Suche nach Harun geht und nicht gleich mit der Tür ins Haus fällt. Und, man mag es kaum glauben, auch wenn man vielleicht gleich eine Vermutung im Kopf hat, was mit Harun passiert ist – das Buch endet dann doch anders als man denkt.

Fazit:
Ein eindringlicher Krimi, der zwar alle Zutaten hat, die dieser eben so braucht, aber auch zusätzlich Einblick gibt in eine Frau, die nach schrecklichen Erlebnissen, in einer anderen Kultur, einem anderen Land, in der Fremde ankommt und versucht sich zurecht zu finden. Eine sehr gelungene Kombination.


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Shorty | Ist das Kunst oder…: Stein sei ewig – Monika Geier


Monika Geier – Stein sei ewig
Verlag: Argument
430 Seiten
ISBN: 978-3886198801

 

 

 

 

Worum geht es?
Bettina Boll ist angepisst. Von Härting, ihrem Chef, wird sie, gemeinsam mit Kollege Willenbacher, vom Fall eines Serienmörders abkommandiert, um, ja, um einen lausigen Kunstraub im beschaulichen Lautringen aufzuklären. Und dann werden ihr auch noch Vorhaltungen gemacht, dass sie sich um ihre beiden neuen Pflegekinder Enno und Samy kümmern muss – Männer sind solche Ärsche. Zum Glück (!) geschieht dann aber doch ein Mord, so dass Bettina Boll ermitteln kann.

Einer wie der andere?
Ja und nein. Dies ist der dritte Teil der Reihe und ich kenne nun schon die ersten beiden der Reihe, aber auch die letzten beiden. Neu ist, dass Bettina hier nun als Mutter für die Kinder ihrer verstorbenen Schwester agieren muss und versucht, alles unter einen Hut zu kriegen. Irgendwas muss wohl oder übel zu kurz kommen – ein Balanceakt, den wohl viele Mütter nachvollziehen können.

Opfer, Tat und Täter
Eine arrogante, ehrgeizige Muse stirbt, nackt und drapiert, während eines Aktzeichenkurses. Und keiner will was gesehen haben.

Themen
Es geht um Architektur und um Künstler. Und man merke sich: Architektur ist Kunst. Willenbacher kann sich als Kunstkenner hervortun, während Bettina mit Unwissen im Kunstbereich, dafür aber Ermittlungserfolgen glänzt. Der Kunstraub ist auch nur vorgeschoben, denn Boll und Willenbacher sollen einen der Künstler unter die Lupe nehmen, da man von seiner Frau seit einem halben Jahr nichts mehr gehört hat. Anweisung von ganz oben.

Was war schlecht?
Heute packe ich mal das “was war schlecht” an den Anfang, denn der Anfang war… nun, ja nicht schlecht, aber hat sich doch gezogen. Bis der Mord während des Aktzeichenkurses geschieht sind schon so 120-150 Seiten ins Land gegangen – nicht langweilig, aber vorbereitend. Figuren werden eingeführt, Bettina Boll instruiert… ja, das dauert eben und ein wenig mehr Zug hätte hier gut getan.

Was war gut?
Sobald dann der Mord geschehen ist, zieht die Spannung an und man kann einen gewohnt guten Bettina Boll Krimi lesen. Zum einen die Ermittlungen, mit dem etwas sperrigen, aber immerhin fähigen Willenbacher, immer wieder aus dem Takt gebracht durch die Anweisungen von oben, die sich letztendlich auch als falsch herausstellen, aber immerhin nicht als völlig falsch; zum anderen Bettinas Kampf mit ihrem Privatleben, einer schrecklichen Tagesmutter, einem gechillten Nachbarn und hoffentlich einer guten Idee zur “Kinderaufbewahrung” im nächsten Teil der Reihe.
Realität trifft Krimi – so sieht es eben aus, wenn man Job und Kinder unter einen Hut bringen muss. Ein Balanceakt, der einem pure Bewunderung abringt.

FAZIT:
Wenn auch mit einem etwas zähen Start versehen, ein gewohnt gelungener, spannender Bettina Boll Krimi, der Einblick in die Architekturszene gibt.


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Veränderung: Die schwarze Fee – Kerstin Ehmer


Kerstin Ehmer – Die schwarze Fee
Verlag: Pendragon
397 Seiten
ISBN: 978-3865326560

 

 

 

 

Ariel Spiro bekommt einen neuen Fall: auf einem Schiff, mitten unter den anderen Fahrgästen, am helllichten Tag, sitzt ein Toter. Keiner hat den Mann einsteigen sehen, keiner kennt ihn. Die Ermittlungen laufen schwerfällig, es gibt kaum Spuren. Dann wird ein weiterer Toter gefunden, in einem Bus. Wieder kennt ihn keiner und Spiro als auch sein Kollege Bohlke laufen sich die Hacken wund, bis endlich ein Hinweis eintrifft, dass einer der Männer russisch gesprochen hat.  Derweil sucht Nike Fromm, Tochter aus reichem Hause, Medizinstudentin und große Liebe Ariels, seine Hilfe. Nikes Freund Anton Kraftschick ist spurlos verschwunden. Der junge SPDler hat mit russischen Anarchisten geliebäugelt.

Schon im ersten Teil der Reihe ist es der Autorin gelungen, ein bezauberndes Flair zu schaffen, getragen durch die verschiedenen Charaktere und deren unterschiedliche Blickwinkel. Auch diesmal öffnet die Autorin ein Füllhorn voller Charaktere, neben Ariel und Nike, die dem Leser Berlin in den Zwanzigern näher bringen. Gibt es zum einen die glamouröse Seite, die Reichen, die Schönen, die Jungen, die sich dem Lebensstil, der Freiheit und der Freizügigkeit hingeben, die Nächte durchtanzen, Absinth trinken und nicht an morgen denken, so gibt es auf der anderen Seite die Armen, die Älteren, die Nicht-so-gut-Betuchten, die jeden Tag um ihr Überleben kämpfen, die malochen, um ihre Familien zu ernähren und deren Kinder in entweder zu kleiner oder zu großer Kleidung durch die Stadt stromern.

Da ist zum Beispiel Fred, der mit seiner Bande durch die Stadt scharwenzelt und mehr sieht als die Erwachsenen sich vorstellen, und dann sind da die Kraftschicks, SPDler bis in die Zehenspitzen, deren Sohn Anton verschwindet, und dann ist da Bludau von der Sitte, der aber grad gar keine Lust auf seinen Dienst hat, sondern lieber um eine Dame buhlt. Und dann sind da Anton, Polina, Unterleuthner, Bohlke…. Es gibt doch einige Handlungsstränge. Diese tragen dazu bei, ein vielfältiges und eindrückliches Bild von Berlin zu zeichnen, doch tatsächlich waren es mir gerade anfangs zu viele. Der Kriminalfall rückt in der ersten Hälfte des Krimis fast in den Hintergrund, geschuldet den wenigen Spuren, aber eben auch dem umfassenden zeitgeschichtlichen Überblick, den die Autorin zeichnet. Ein wenig mehr Fokus auf Ariel und Nike hätte mir besser gefallen, vor allem, da es ein wenig so scheint, als wäre Nike an Antons Verschwinden kaum mehr interessiert, nachdem sie Ariel darauf angesetzt hat. Nichtsdestotrotz führt die Autorin alle Handlungsstränge am Ende zusammen, keiner ist unnötig und jeder erfüllt seinen Zweck.

Ariel Spiro selbst ist in diesem Band grüblerischer als im letzten. Er überdenkt seine Entscheidung, nach Berlin gekommen zu sein. Zu seinen Kollegen hat er kaum Kontakt, wird eher gemieden und einmal sogar allein ins offene Messer geschickt. Es wird ihm immer noch übel genommen, dass er als Außenstehender den Posten bekommen hat, anstelle eines anderen, der es sich innerhalb der eigenen Reihen verdient hat. Mit hinzu kommt, dass Ariel sich unsterblich in Nike verliebt hat, doch dadurch, dass er sie im Glauben gelassen hat, er wäre Jude, hat sich das Verhältnis der beiden abgekühlt und er stromert unglücklich durch den Park, in der Hoffnung Nike zufällig bei einem ihrer Ausritte zu sehen.

Zum Flair muss man nun wohl noch anmerken, dass es nun politischer wird. Im letzten Teil ist es (zumindest mir) noch nicht so aufgefallen, aber man merkt nun mehr und mehr Tendenzen hin zum Nationalsozialismus. SPDler, NSDAPler, Kommunisten und wie diese sich alle uneinig sind, als auch antisemitische Tendenzen, mit denen auch Ariel Spiro – kein Jude, aber mit jüdisch-klingendem Namen ausgestattet – umgehen muss. Gleichzeitig legt die Autorin den Fokus auf die russischen Flüchtlinge, die Berlin zu dieser Zeit bevölkerten. Nach der Oktoberrevolution sind es hunderttausende, die in Berlin eine vorübergehende Heimat gefunden habe, davon träumen ins vorherige Russland zurückzukehren oder darauf hoffen, bald ein neues Russland zu sehen. Trotzki, Machno und die Machnowschtschina, Bolschewiken und Anarchisten, die Autorin flicht diese doch komplizierten Themen ohne Probleme ein, für mich nicht unbekannt, aber trotzdem habe ich danach noch einiges nachgeschlagen, um mehr darüber zu erfahren. Nichtsdestotrotz muss man sagen, die Leichtigkeit und der Flair der goldenen Zwanziger sind noch vorhanden, doch die Themen werden ernster und man kann einen langsamen Wandel erkennen.

Fazit:
Auch wenn ich mir mehr Fokus auf den Ermittlungen gewünscht hätte, malt die Autorin wieder gekonnt ein eindrückliches Bild der Zwanziger Jahre und weiß mit Flair und zeitgeschichtlichen Details zu überzeugen, so dass die Lektüre des Krimis spannend-kurzweilig und ausdrücklich zu empfehlen ist.


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Made in Germany: Last Shot – Hazel Frost


Hazel Frost – Last Shot
Verlag: Droemer Knaur
386 Seiten
ISBN: 978-3426306420

 

 

 

 

Dieses Buch hatte ich mir schon auf die Wunschliste gesetzt, doch durch die überaus ansprechende  Rezension auf Krimilese hab ich das Buch sofort gekauft und gelesen. Das mache ich nur überaus selten – zwar kaufe ich Bücher oft direkt bei Erscheinung, doch gelesen werden diese oft erst Tage, Monate, ja und auch Jahre später. Hüstel. Egal – bei dem vorliegenden Thriller, der hier unter einem Pseudonym einer mir schon bekannten deutschen Autorin veröffentlicht wurde, war die Entscheidung genau richtig.

In den bayrischen Bergen, an einem verlassenen Rastplatz. Ein Mercedes, die Türen stehen offen. Als Dima nach der Pinkelpause zum Auto seiner Familie zurückkehrt findet er sie alle erschossen vor: seinen Vater Youri, seine Schwestern Lale und Ayla; Mathilda ist verschwunden.

Das ist die Ausgangssituation und danach beginnt ein wilder Roadtrip, bei dem man sich ständig fragt: und das in den bayrischen Bergen? Sind wir nicht irgendwo in den USA, in einsamen, wilden, vogelfreien Landstrichen? Nein, sind wir nicht, denn die Autorin beweist mit Bravour, dass so ein Thriller eben auch in Deutschland funktioniert. Und was für ein Thriller das ist!

Tatsächlich wird auch viel gefahren in dem Buch, so dass die Idee des Roadtrips eben einfach nahe liegt, doch auch die außergewöhnlichen Charaktere, die dann auffällig zufällig diesen Thriller bevölkern, haben es mir angetan und gehören definitiv in einen Roadtrip. Dabei ist Dima für mich der uninteressanteste Charakter, gleich gefolgt von November, derjenigen, die Dimas Familie erledigt. Nein, keine Sorge, ich spoilere nicht, das weiß man von Anfang an. Die Nebencharaktere sind es, die diesen Thriller zu etwas besonderem machen. Dabei sind die Polizisten Horst Horst und Kamilla Rosenstock, die widerwillig und auf ganz eigene Art in dem Fall ermitteln. Die dicke Betty und der mit Drogen vollgepumpte Slick, die Dima aufgabeln und als Geisel nehmen, bis Dima die beiden als Geisel nimmt, gefolgt von zwei rothaarigen mysteriösen Zwillingen. Oder auch Simon, der normalste unter allen, der von November als Geisel, Fahrer und Lebensretter genutzt wird.

Zwischen diesen drei Erzählsträngen wird auch immer wieder hin und her geschaltet und nur der Leser weiß oft, wie nah diese Personen sich gegenseitig sind. Einmal folgen wir den beiden Polizisten, die dem Fall hinterherstochern, aber durch gute Intuition schon bald am Geschehen beteiligt sind. Dann wiederum folgen wir Dima, der mit Betty und Slick, auf der Suche nach November und Matilda ist. Und dann noch November und Simon, die in einem Rettungswagen aus den Bergen nach München und zurück gondeln, die wiederum immer auf der Suche nach Dima und Mathilda.

Neben diesen abwechselnd platzierten und ineinander verwobenen Erzählsträngen ist der weitere Aufbau des Thrillers ungewöhnlich, denn neben einem Prolog und der Hauptgeschichte, befinden sich anschließend zwei weitere Teile in dem Thriller: DAVOR und DANACH. Diese offenbaren, logischerweise, was vor der Situation auf dem Rastplatz geschehen ist und wie es nach dem Showdown – und ja, das ist mal wirklich ein Showdown, eleganterweise wieder auf dem gleichen Rastplatz wie zuvor – weitergeht. Dieser Aufbau sorgt aber eben dafür, dass der Showdown schon bei ungefähr 2/3 des Buches passiert – das tut der Spannung allerdings keinen Abbruch, sind doch noch so viele Fragen offen, die eben das DAVOR und DANACH klären.

Ich finde, ein Roadtrip bereitet immer einen ganz besonderen Reiz. Wenn man dies dann noch gelungenerweise in die bayrischen Berge versetzt, ohne das es jemand merkt und eben keine Alphörner sich dialektisch auskotzen oder Ermittler vor sich hingranteln, man dafür aber abgefahrene Karren, ein paar Waffen und Menschen, die nichts zu verlieren haben, hineinsetzt bekommt man eben einen absolut genialen Thriller, made in Germany. Basta.

Fazit:
Knallharter Roadtrip in und aus Deutschland, sowie aus Frauenhand – gibt es nicht? Gibt es eben doch. Und das verdammt gut. Unbedingt lessen!


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Shorty | Alles anders: Beton Rouge – Simone Buchholz


Simone Buchholz – Beton Rouge
Verlag: Suhrkamp
228 Seiten
ISBN: 978-3518467855

 

 

 

 

Worum geht es?
Des Morgens findet sich vor einem Hamburger Verlagshaus der Personalchef nackt und mit Folterspuren in einen Käfig eingesperrt. Die Mitarbeiter kümmert es wenig, erst nach einer ganzen Weile rufen sie die Polizei. Stellenstreichungen und Kosteneinsparungen kommen bei den Mitarbeitern eben nicht gut an. Chas Riley ermittelt gemeinsam mit einem neuen Kollegen: Ivo Stepanovic vom LKA. Schon bald findet sich der nächste Chef im Käfig – rächt sich etwa ein Mitarbeiter?

Einer wie der andere?
Joa… Chas Riley ist natürlich dabei und genial wie immer. Doch diesmal gibt es den neuen Kollegen Ivo Stepanovic, mit dem sich Chas erst mal einrütteln muss. Der Calabretta schleicht im Hintergrund aber trotzdem herum, derweil der Faller im Urlaub ist. Überhaupt ist privat so einiges los, um nicht zu sagen: WTF – was passiert denn da alles?
Ach, und das seltsamste überhaupt: Chas Riley fährt nach Bayern!

Opfer, Tat und Täter
Manager als Opfer – sehr schön. Das könnte es ruhig öfters geben. Hüstel… also so einen Denkzettel hätte da der ein oder andere schon verdient. Der Täter ist denn nun aber jemand ganz anderes als gedacht und die Tat irgendwie am Ende gar nicht so schlimm, wie man meint.

Themen
 Eine lange gehegte Rache, gewürzt mit Selbstmitleid und Geltungsdrang. Kinder können so grausam sein.

Was war gut?
Auch wenn ich darüber überrascht bin, dass sich so viele Dinge in Chas Rileys Leben gerade ändern – der neue Kollege ist ja nur der Anfang – bin ich davon positiv überrascht. Ich denke, es wird der Reihe gut tun, ein wenig frischen Wind abzubekommen, solange Chas Riley als fester Bestandteil das Zentrum bleibt. Ansonsten ist der Stil natürlich gewohnt hervorragend, schnoddrig, literarisch, auf den Punkt und die Ermittlung gekonnt durchgeführt.

Was war schlecht?
Niente. Wobei ich schon gespannt bin, wie es bei den privaten Geschichten so weiter geht, jetzt da alles Kopf steht. Ob sich das wieder gut einrenkt? Irgendwie anders, aber eben doch wieder gut?

FAZIT:
Viele Änderungen, aber das ist kein schlechtes Zeichen. Chas Riley und Simone Bucholzens Schreibstil sind wie gewohnt erstklassig und der Fall lässt einen doch glatt Sympathie für den Täter empfinden. Sehr gut gemacht!


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Milchtüten: Hologrammatica – Tom Hillenbrand


Tom Hillenbrand – Hologrammatica
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
560 Seiten
ISBN: 978-3462051490

 

 

 

 

Quästor Galahad Singh bekommt einen neuen Auftrag: er soll die verschwundene Juliette Perrotte suchen. Perrotte ist eine Softwareentwicklerin für ein kleines Unternehmen, welches den Upload von Cogits – einer digitalen Kopie des Gehirns in einen künstlichen Körper – verschlüsselt.  Singh macht sich auf die Suche nach der Verschwundenen, viel Hoffnung hat er zuerst mal nicht, denn viele Menschen verschwinden mittlerweile absichtlich. Zwar nie lange, viele hinterlassen Spuren, doch jedem steht es frei zu verschwinden. Doch ist Juliette Perrotte wirklich freiwillig verschwunden oder entführt worden?

In Hologrammatica ist fast nichts mehr echt. Die meisten Straßen, Häuser, Landstriche werden mit Holografie aufgehübscht, die Menschen ziehen sich Holomasques über. Keiner mag mehr so aussehen, wie er eigentlich aussieht, keiner will den „Naked Space“, also die richtig, echten Gebäude, Landschaften oder Menschen sehen. Ende des 21. Jahrhunderts hat sich die Menschheit auch verringert – einer Pandemie sei Dank – was der Klimakatastrophe zumindest etwas Einhalt geboten hat. Klar ein paar Landstriche sind abgesoffen und manche so heiß, dass keiner dort wohnen mag, doch den übrigen Menschen geht es einigermaßen gut. Die Staaten haben sich neu formiert, z. B. weite Teile Europas mit Russland in der EURUS, die Kräfteverhältnisse haben sich verändert. Ach, und im Weltraum kann man jetzt auch nach Rohstoffen schürfen – mit einem Lift in den Himmel.

Galahad Singh arbeitet als Quästor, also als Privatdetektiv. Dieser ist allerdings – hier der Hinweis für diejenigen, die kein Latein beherrschen – auf verschwundene Personen spezialisiert. Und jetzt kommt der Gag schlechthin, bei dem ich gänzlich aus dem Häuschen war: die Verschwundenen nennen die Quästoren Milchtüten. Ja genau, angelehnt an die abgedruckten, verschwundenen Kinder auf Milchtüten, damals in den USA (macht man das heute noch?). Milchtüte… ich find den Begriff Bombe. Der Wahnsinn. Ich bin schlichtweg begeistert. Aber das Buch hat noch mehr zu bieten, keine Sorge.

„In alten Filmen haben Privatdetektive stets verschiedene Visitenkarten zur Hand, damit sie sich als Gott-weiß-wer ausgeben können. Ich hingegen habe an die fünfzig Holomasques gespeichert, die ich jederzeit überstülpen kann – Elektroinstallateur, Verkehrspolizist, Penner und so weiter.“ (Pos. 770)

Singh muss nun also nicht auf althergebrachte Art nach der Verschwundenen suchen, doch einen persönlichen Überblick verschafft er sich doch noch. Die Netzsuche ist zwar weitgreifend, aber eben auch recht dumm. Könnte das aber nun jeder per Netz, wäre ein Quästor ja nicht mehr nötig. So reist der Londoner nach Paris, in die Wüste, ins All, das sind zu dieser Zeit auch keine richtigen Entfernungen mehr. Singh selbst bringt einen ironischen Unterton in die Ermittlungen, will den Fall anfangs auch gar nicht so richtig bearbeiten, doch irgendwann kommt er einfach nicht mehr aus dem Fall raus. Gegner tauchen auf, die mit ungewöhnlichen Waffen aufwarten, Spuren führen in die Welt der Crasher, die ihren Gefäßen Todeserfahrungen aussetzen, aber auch in den Naked Space. Sie führen zu einem Programmierer, der mit Juliette Kontakt hatte und … ah, mehr möchte ich nicht verraten.

Dem Autor gelingt es hervorragend, eine zukünftige Welt zu erschaffen, die noch nah genug an unserer heutigen Zeit ist, aber weit genug davon entfernt. Er baut bestehende Entwicklungen aus und fügt technologische Neuerungen zu. Er erschafft eine Vergangenheit, die für uns noch Zukunft ist, welche weitreichende Auswirkungen hat. Mittendrin Galahad Singh, der auf der Suche nach der Verschwundenen, Fragen stellen muss, anderen, aber auch sich selbst. Der hinter die Holografie blickt und Abgründe sieht, die keiner hätte sehen sollen. Tatsächlich fällt es mir schwer, meine Begeisterung in Worte zu fassen, möchte ich doch nicht zu viel verraten, denn mich haben einige Wendungen sehr überrascht. Die Geschichte war durchweg spannend und logisch aufgebaut, ein Pageturner, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Sehr spannend fand ich im Übrigen auch die kleinen aber feinen Einblicke aus Juliette Perrottes Perspektive.

Fazit:
Nach „Drohnenland“ legt der Autor hier einen weiteren sehr gelungenen Ausflug in die Zukunft vor. Quästor Galahad Singh begegnet der holografierten Zukunft mit der gehörigen Portion Ironie und schaut hinter die Kulissen. Hervorragende Unterhaltung in meiner liebsten Kombination: Krimi und Zukunft.

 


Ich füge hier noch ein Zitat an, welches es absolut wert ist, zitiert zu werden, doch wenn man genau liest, einen Hinweis auf die Handlung gibt, so dass ich es nun als SPOILER markiere – also, wer das Buch noch lesen möchte, hier bitte aufhören!

„Meiner Ansicht nach haben Menschen die unangenehme Angewohnheit, alles auf sich selbst zu beziehen. Ein Rassist glaubt, dass an allem die Ausländer schuld sind. Ein Strafrichter wähnt überall Gauner und Diebe. Und der Chef einer Behörde, die KIs kontrollieren soll, vermutet hinter jeder Schweinerei einen cleveren Computer.“ (Pos. 4597)