Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Kunst und so: Im großen Stil – Bielefeld & Hartlieb


Claus-Ulrich Bielefeld & Petra Hartlieb – Im großen Stil
Verlag: Diogenes
415 Seiten
ISBN: 978-3257243857

 

 

 

2 Tote, 2 Städte und ein paar Gemälde – darum dreht es sich in diesem Krimi, der in Berlin von Kommissar Thomas Bernhardt und in Wien durch Inspektorin Anna Haber vertreten wird. Die Kunstszene wird beleuchtet, genauer gesagt der Kunsthandel. Privat oder mit Museen, Originale, aber auch Fälschungen, ganz schön teure Fälschungen. Und mittendrin eben nun zwei  Ermittlungen, die zu einer werden – Berlin und Wien in einer ermittlerischen Symbiose.

Mal wieder bin ich einem Thema begegnet, in dem ich herrlich unbefleckt bin und natürlich gerne Informationen in Form eines Krimis aufsauge: Kunst im Allgemeinen, Gemälde im genaueren. Beide Tatorte in den Ermittlungen zeigen Gemälde, einer ist quasi damit vollgestopft. Die Frage ist, ob man es hier mit Originalen oder Fälschungen zu tun hat, wobei ja auch Fälschungen einen gewissen Wert haben. Die Ermittler sind genauso unbefleckt wie ich, so dass die Nachforschungen natürlich einiges an Informationen über die Kunstszene zu Tage fördert. Ein Gemälde rückt in den Fokus: Brueghels „Die niederländischen Sprichwörter“, allerdings nicht so sehr, dass man wirklich viel Genaueres darüber erfährt, hierzu musste ich dann doch andere Quellen bemühen, um meine Neugier zu befriedigen. Auch bei den anderen Gemälden sowie der „Szene“ selbst bleibt die Ermittlung an der Oberfläche, ein Fokus auf ein Thema/Bild hätte mir persönlich gut gefallen.

Die Ermittlungen sind dann auch ein wenig stockend, wobei mir das eventuell auch nur so vorkam, da zu viel Privates der beiden Ermittler hineinspielte. Thomas Bernhardt bandelt so mit einigen Frauen an, die man im Krimi antrifft, und lässt sich weder von Landesgrenzen noch von langjährigen kollegialen Verbindungen zurück halten, derweil Anna Haber den Fehler macht, Berufliches und Privates – um genauer zu sein, die aktuelle Ermittlung – zu vermischen. Ein „No Go“, welches sich prompt rächt, aber dann eben auch den Täter hervorbringt. Nichtsdestotrotz hätte ich diesen lieber durch Ermittlungserfolge auftauchen sehen.

Insgesamt konnte mich der Krimi also nicht so recht überzeugen. Die Ermittlungen, aufgeteilt auf zwei Städte, hätte ich mir spannender vorgestellt und der Anteil an Privatem war mir zu groß. Die Gespräche, bzw. Telefonate zwischen Bernhardt und Haber wirkten oft aufgesetzt und ein wenig ungelenk, mal ganz abgesehen davon, dass mir beide Ermittler weder sympathisch waren noch in anderer Weise mit Struktur versehen, die einem in Erinnerung bleibt.

Ich wollte gerne in die Serie hinein schnuppern und hab mich bewusst für einen Teil in der Mitte entschieden. Dies war aber kein Nachteil  – man kann so wie ich in der Mitte beginnen oder eben doch von vorne, wenn man an der Serie interessiert ist, der Kriminalfall ist ja – wie üblich – eh abgeschlossen. Ich werde die Serie nicht fortsetzen, dazu hatte sie mir einfach zu wenig zu bieten. Zusätzlich kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass das hier aufgestellte Konzept der „Zwei-Städte-Ermittlung“ dauerhaft funktioniert, da es sich ja immer um die gleichen Städte handelt.

Fazit:
Mich konnte der Krimi nicht überzeugen, auch wenn sehr gute Ansätze, wie Ermittlungen in zwei Städten und die Kunstszene, dabei waren. Das private Geplänkel hat mir dann den Rest gegeben – für mich mein erster und letzter Ausflug in diese Serie.


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Über die Grenzen: Drift – Anne Kuhlmeyer


Anne Kuhlmeyer – Drift
Verlag: Argument
317 Seiten
ISBN: 978-3867542258

 

 

 

 

Wenn man Anne Kuhlmeyers neuesten Streich lesen möchte, muss man sich darauf gefasst machen, dass die Grenzen des Genres hier nicht nur ausgelotet werden, sondern mal gänzlich ignoriert werden. Der Titel des Buches deutet hier ganz und gar nicht dezent darauf hin. Man driftet darüber hinaus. Krimi? Eher nicht. Mit kriminellen Elementen, aber ja. Schuld, Reue, Straftat, all das lässt sich finden. Die Realität ist noir. Doch was ist überhaupt Realität? Auch über deren Grenzen driftet Anne Kuhlmeyer hinaus. Ja, was ist das Buch also? Ganz einfach: es ist außergewöhnlich.

„Vielleicht hat er ja etwas darüber gelesen […], zum Beispiel, dass man schon in der Steinzeit Schädel öffnete, um die bösen Geister aus ihnen zu entlassen. Dies scheint mir zuweilen eine Methode, die generalisiert gehörte. Ein Loch in jedermanns Kalotte würde womöglich sämtlichen Todsünden den Garaus machen. Kein Hass, kein Krieg,  und die Kirchensteuer könnte unmittelbar im Straßenbau Verwendung finden. Wege zwischen Leuten zu bauen wäre nützlicher als welche zu Gott, der sowieso nie zu Hause ist, wenn man ihn braucht. Man sollte diese Technik einführen, wie man Tuberkuloseschutzimpfung eingeführt hat, flächendeckend.“ (S. 128)

Anne Kuhlmeyers Schreibstil konnte man schon in „Es gibt keine Toten“ und „Night Train“ bewundern.  Er ist so vieles, doch nie einseitig. Man folgt ihr hinein in philosophische Betrachtungen, lakonische Seen und Nüchternheit, überwindet gemeinsam sarkastische Spitzen und findet doch Verletzlichkeit. Der Tod spielt eine zentrale Rolle, nicht nur, weil Metha, die Protagonistin, Rechtsmedizinerin ist, aber auch.  Diese strandet, gemeinsam mit ein paar anderen Seelen in einem alten, heruntergekommenen Haus, mitten in einem überfluteten Deutschland. Früher ein Grenzposten, nun Bauer Jans Besitz, genauso wie Schaf Olga. Mit dabei sind noch Sydney, ein Junge der sich als Mädchen fühlt, Rosalie, die auf der Suche nach einem Mann ist und Albrecht, der zwischen zwei Frauen pendelt. Das Unwetter, welches die Werra über die Ufer treten lässt, schneidet sie von der Welt ab und sperrt sie gemeinsam in die Hütte.

Angst und Unsicherheit macht sich breit, die Vorräte werden gehortet, bis die Flut an die Haustür klopft. Ein jeder der Gruppe hat Geheimnisse und Sehnsüchte, Erinnerungen und Geschichten, ein Floß kommt vorbei. Die Situation eskaliert und alle tragen Schuld daran. Doch dann gelingt der Autorin ein wunderbarer, außergewöhnlicher aber sehr ungewöhnlicher Kniff. Diesen werde ich natürlich nicht verraten, damit jeder Leser sich selbst überraschen lassen kann, doch sollte er darauf gefasst sein, zu driften. Über das Genre hinaus, über die Grenzen hinweg und an der Realität vorbei. Für den ersten Moment mag es befremdlich wirken, doch dann entwickelt es sich zu einer Geschichte in Geschichten, einem Abenteuer wie ich es in einer eingeschlossenen Hütte nahe der Werra ganz sicher nicht erwartet habe.

Ich mag Anne Kuhlmeyers bisherige Bücher, doch dieses hier hat mich begeistert. Und das mitten im größten Unwetter Deutschlands, abgeschottet mit den Ängsten, Geheimnissen und Erinnerungen von Fremden. Eine Hütte, die die Grenzen der Realität sprengt und doch so realistisch bleibt wie es nur geht. Doch alles kreist um Metha, die schon viel zu lange lebt, um sich immer noch Sorgen zu machen, die aber erst jetzt jemanden findet, der ihre Geschichte nieder schreibt.

Fazit:
Ein Abenteuer über alle Grenzen hinweg. Habt keine Erwartungen, lasst Euch einfach mitnehmen, spürt den Sog, den dieses Buch entwickelt. Außergewöhnlich ungewöhnlich – grandios!


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Zwischen allen Stühlen: Alles so hell da vorn – Monika Geier


Monika Geier – Alles so hell da vorn
Verlag: Argument
412 Seiten
ISBN: 978-3867542234

 

 

 

 

Wenn man sehr viele Bücher – in meinem Fall Krimis – liest, dann möchte man meistens etwas, was sich von der Masse abhebt. Eine Krimihandlung, die nicht schon zum x-ten Mal geschrieben wurde, ein neues, unbekanntes Thema und/oder vielleicht eine sprachliche/literarische Besonderheit sollte der Krimi – im besten Fall – auch noch bieten. Und das natürlich neben der durchgehenden Spannung, die für mich einfach zum Krimi dazu gehört. Wenn man so außergewöhnliche Zutaten gewöhnt ist und sich quasi danach die Lefzen leckt, dann kann einem so ein ganz normaler Krimi doch gar nicht mehr gefallen – oder?
Aber sowas wie von! Denn genau das gelingt Monika Geier in ihrem neuen Bettina Boll Krimi: etwas ganz Normales auf wunderbare Weise spannend zu verpacken. Und ganz nebenbei haut sie uns ganz ordentlich noch einige Themen um die Ohren.

Bettina Boll hat einen neuen Fall. Na ja, oder auch nicht. Also eigentlich dürfte sie gar nicht ermitteln, denn ihr früherer Kollege Ackermann ist darin verwickelt. Eine Hure hat ihm seine Waffe abgenommen und ihn erschossen – warum Ackermann in vollständiger Polizeiuniform und mit Waffe auf Bordellbesuch war, kann man sich vermutlich vorstellen, doch nun ist die Hure flüchtig. Als sie kurz darauf in einem kleinen Dorf ankommt, sich als vor Jahren entführtes Mädchen entpuppt und dann den Rektor erschießt sorgt für einen riesigen Aufruhr. Verschiedene Polizeibezirke, Bildung einer Sonderkommission, sehr, sehr junge Huren, Ermittler von damals, traumatisierte Kinder und Eltern – und Bettina Boll mittendrin.

Boll, eigentlich ja nur in Teilzeit, steckt nun mittendrin im Fall, hat aber gleichzeitig noch den Verkauf ihres Erbes, einer alten Villa, die sie von ihrer Tante geerbt hat, abzuwickeln. Das Haus ist düster und dunkel, bringt bei Bettina alte Erinnerungen hoch und lässt sie schwermütig werden – nix wie weg mit dem Ding. Doch da gibt es noch diese verschlossene Tür im Keller, die sie eben erst hinter einem Regal gefunden hat. Bevor der Verkauf über die Bühne gehen kann, muss noch geklärt werden, was hinter der Tür zu finden ist. Nichtsdestotrotz ist Bettina fest entschlossen, den Bau zu veräußern um der alten Wohnung sowie ihrem klapprigen Taunus alsbald Ade zu sagen.

Immer ein wenig müde und erschöpft schleppt sich Bettina durch den Fall, hin und her gerissen zwischen der Ermittlung, der Kinderversorgung, dem Hausverkauf und den Befindlichkeiten aller möglichen Parteien. Ein Balanceakt, den unverständlicherweise Alleinerziehende zumeist ohne jegliche Anerkennung vollbringen müssen. So wie auch Bettina. Teilzeit gilt als Ausrede, Bettina entweder als persönlich betroffen – wegen Ackermann – oder als hochmütige Schnepfe – bei den Kollegen aus der Pfalz, mit denen sie zum Klinken putzen geschickt wird. Doch egal welche Steine ihr in den Weg gelegt werden, Bettina Boll schnüffelt sich den Weg daran vorbei und verfolgt den Fall so, wie sie denkt. So entpuppt sich ein Fehler, eine Unaufmerksamkeit von Bettina als Glückfall für die Ermittlungen, genauso wie ihr untrüglicher Instinkt für Details den Fall nicht nur voran bringt, sondern letztendlich löst.

Bettina Boll ist natürlich das Zentrum, um welches dieser Krimi kreist, doch äußerst lobend muss ich auch erwähnen, dass die Nebencharaktere allesamt höchst charmant daher kommen. Seien es nun die jugendlichen Nutten – ob verhuscht leise oder polternd aggressiv – oder die Pfälzer Kollegen, mit denen Bettina sich reibt, da sie so gar nicht in die Tagesplanung passt und dazu noch das obligatorische, bodenständige und sehr fettige Mittagessen verschmäht. „Des is hausgemacht, des merkt mer, und wemm des net schmeckt, der weeß net, was gut ist.“ (S.216).
Auch Manga, die Hure, welche Ackermann erschossen hat, kommt zu Wort und so offenbart sich auch von dieser Seite das Warum, zeigt eine tief verletzte, aber fürsorgende Seele. So zeigen selbst die kleinen Nebenrollen eine starke Charakterzeichnung und liebevolle Detailarbeit.

Authentizität in ihrer reinsten Form: Bettina Boll als Halbtags-Ermittlerin, Teilzeit-Mutter, Immobilienverkäuferin, Kollegenschreck. Keiner kann nur arbeiten oder nur Mutter/Vater sein – es gibt doch immer tausend Dinge zu planen, zu organisieren, zu erledigen. Ermittler, die sich mit Haut und Haaren den Ermittlungen verschreiben sind doch eher die Ausnahme(und zudem meist Sonderlinge und Einzelgänger) – der Normalfall ist Bettina Boll. Und trotzdem kriegt sie ihren Fall geknackt.  So geht Realität. So geht Krimi.

Fazit:
Bettina Boll in Höchstform – wie immer zwischen allen Stühlen, aber mit dem richtigen Instinkt ausgestattet. Ein tiefschwarzer Krimi, der einem listig verpackt die Realität vor Augen hält, und nebenbei ganz wunderbar spannend unterhält.  Sehr zu empfehlen!

 

So, und weil ich nun gerade Lust darauf habe und finde, dass unbedingt mehr Leute Monika Geier lesen sollten, verlose ich ein Exemplar von “Alles so hell da vorn”. Wer mitmachen will, bitte einfach unter diesem Beitrag kommentieren. Das Gewinnspiel endet am 21.05.2017 um 23:59 Uhr. Die Auslosung erfolgt dann in den darauffolgenden Tagen. Und nun – viel Glück!

 

Das Kleingedruckte
Der Gewinner wird aus allen Teilnehmern ausgelost. Der Name/ Nickname des Gewinners wird nach der Auslosung auf meinem Blog veröffentlicht und der Gewinner außerdem per Email benachrichtigt (bitte denkt also daran, beim Kommentieren eine tatsächlich von euch genutzte Emailadresse zu benutzen). Die Adressdaten des Gewinners werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt Ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.

 


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Lasse’s Passieren: Heaven’s Gate – Tommy Schmidt


Tommy Schmidt – Heaven’s Gate
Verlag: Culturbooks
357 Seiten
ISBN: 978-3959880213

 

 

 

 

 

Lars Wiesenthal organisiert seit Jahren Rockkonzerte, Bühnenshows und Spektakel. Er ist der Mann, wenn es um Events geht. Mit seiner Agentur „Lasse’s passieren“ hat vor Kurzem wieder ein neues Level erreicht: er hat die Niederkunft einer Celebrity als Event aufgezogen und damit alle Einschaltquoten gesprengt. Als er nun die Nachricht seine Arztes erhält, dass er an einer schweren Krankheit leidet, nach und nach seine Bewegungsfunktionen verlieren und dann sterben wird, ist das also noch lange kein Grund für Lars, genannt Lasse, sich aus dem Business zurückzuziehen. Kurzerhand beschließt er mit seinem letzten Knall zu gehen und macht das Sterben zum Event. Er legt den Grundstein zu „Heaven’s Gate“, einem Center, in dem jeder selbst bestimmen kann, wie und wann er sterben möchte. Und er will selbst sein erster Gast sein.

Ich mache ja gerne mal einen Ausflug in die Zukunft, die uns Autorinnen und Autoren so anbieten. Nun spielt das Buch zwar in die Zukunft hinein, aber das Hauptthema ist es nicht und so zeigt es nur wenig Aspekte, die sich zum Heute hin ändern. Das macht aber gar nichts, denn die Satire von Tommy Schmidt schaut mit einem lockeren Blick auf ein sehr ernstes Thema: aktive Sterbehilfe. Und auch wenn mich das Thema vorher nicht beschäftigt hat, so tut es das nun. Wie sinnvoll ist es, darauf zu warten, zu sterben, wenn man unheilbar krank ist? Nutzt man die Jahre und hofft auf wundersame Rettung? Auf ein Heilmittel, welches doch noch auftaucht? Oder entscheidet man sich hier und jetzt dafür, so Abschied zu nehmen, wie man möchte? Will man sich – oder seinen Angehörigen – Jahre an Schmerzen und Leiden sparen?

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Denn das „Heaven’s Gate“ bietet jedweder Couleur an Sterbewilligen die Möglichkeit, sich zu verabschieden. Auch ohne unheilbare Krankheit. Sinnvoll oder nicht? Nun ja, es wäre kein augenzwinkernder Blick darauf, wenn sich nicht auch die Politik davon Renteneinsparungen versprechen würden und die pensionierten Beamten auf die Barrikaden gingen. Und letztendlich dauert es eine ganze Weile, bevor die letztendliche Entscheidung gefällt ist, da sich der Bau des „Heaven’s Gate“ in das zweite Flughafendesaster wandelt: Demonstranten, Flüchtlinge, Feldhamster, wahnsinnige (und leider falsch rechnende) Architekten, Leichen im Fundament – es scheint als ob das Zentrum nie fertig werden wollen würde. Und derweil all das den Bau verzögert, wird Lasse immer kränker, seine Gliedmaßen werden nach und nach taub, sein Sohn übernimmt die Führung.

„Also, Lasse, du hast da neulich was gemailt zum Thema Phowa-Meditation. Das hat uns nochmal brainstormen lassen, wie wir die Customer Experience noch nach vorn raus erweitern können. Da liegt noch jede Menge Potenzial! Für das Heaven’s Gate bedeutet das, dass wir weit vor einem geplanten Abschied bereits Dienstleistungen anbieten. […] Als Added Values, weitere positive Aufladung des Markenkerns und eigenständiges Profitcenter.“ (S. 56)

Es war richtiggehend gruselig, wie sehr mich manche Stellen an mein eigenes Leben erinnert haben, und auch wenn es mir mitunter den Spiegel vors Gesicht gehalten hat, hab ich doch – zum Glück – meistens darüber schmunzeln und auch einige Male herrlich darüber lachen können. Der Blick auf die Realität sollte immer über eine Satire erfolgen. Es ist einfach zu herrlich. So gelingt dem Autor damit nicht nur, die Business-Welt auf die Schippe zu nehmen, sondern das ernste Thema der Sterbehilfe elegant zu verpacken. Eine Lektüre, die Spaß macht, aber auch gleichzeitig zum Nachdenken anregt.

Das alles wird durch Lasse Wiesenthal getragen, durch den die Geschichte erzählt wird. Sein langsamer Verfall, der nur mehr als langsam voranschreitende Bau des „Heaven’s Gate“ und die gut gemeinte Übernahme durch seinen Sohn lassen Lars reflektieren und bieten eine spannende Vergangenheit, in der er alles mitgenommen hat, aber auch einige zurückgelassen hat. Ein ehrlicher Blick zurück und ein keineswegs unrealistischer Blick in die Zukunft. Mit guten, aber auch mit schlechten Eindrücken über die aktive Sterbehilfe. Segen oder Fluch? Hilfe für Schwerkranke oder kostensparendes Mittel für die überalternde Gesellschaft?

Fazit:
Vom herzhaften Lachen bis zum Kloß im Hals – hier ist alles dabei. Tommy Schmidt präsentiert einen ernsten aber nicht todernsten Blick in die sehr nahe Zukunft. Bedenkenswertes Thema, satirisch verpackt. Sehr gelungen.


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Bedrohlich: Triangel – Anne Goldmann

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Triangel – Anne Goldmann
Verlag: Argument
272 Seiten
ISBN: 978-3867542029

 

 

 

Ganz lange habe ich es herausgezögert, dieses Buch zu lesen. Nicht, weil ich nicht wollte. Oder gar Angst hatte, dass es mir nicht gefallen würde.
Nein, ich habe aus einem ganz einfach Grund gezögert: wenn ich “Triangel” würde gelesen haben, hätte ich kein neues, mir unbekanntes Buch von Anne Goldmann, auf das ich mich freuen kann.
Anne Goldmann habe ich bis jetzt schon zweimal auf der Leipziger Buchmesse getroffen und immer sehr interessante Gespräche mit ihr geführt. Ich mag sie als Person sehr gerne, aber vor allem mag ich Ihre Bücher. Da das Schreiben bei ihr nur der Nebenjob ist, versteht sich, dass die Bücherproduktion nicht am laufenden Band statt finden kann, doch bis jetzt hatte ich noch früher erschienene Bücher in petto. Jetzt muss ich dann doch ein wenig Geduld aus mir herauskitzeln, bis der nächste spannende Krimi von ihr erscheinen wird. Denn das kann ich garantieren – spannend wird er sein, der nächste Krimi, denn da hat mich Anne Goldmann noch nie enttäuscht. Ihre Bücher sind wahre Spannungserlebnisse und das ganz ohne Polizei und Detektive, ganz ohne blutkreischende Orgien oder Serienmörder. Leise, fein und bedrohlich.

Regina Aigner ist Justizwachebeamtin. Hier hat sie mit den schweren Jungs zu tun – sowohl hinter als auch vor den Gittern, denn eine Frau im Männerknast muss sich schon behaupten können. Dabei versteckt sich Regina dort eigentlich – hinter Uniform und geregelten Abläufen. Einzig ihr Haus im Grünen erlaubt es ihr, die schützende Hülle abzuwerfen und sie selbst zu sein. Hier ist sie gerne, renoviert und erweitert das Haus um einen Wintergarten, kümmert sich um die Blumen und genießt die Sonnenstrahlen. Doch auch dieser Rückzugsort bleibt nicht ewig unentdeckt. Regina muss sich nicht nur mit Mobbing im Dorf und einem liebestollen Kollegen zurecht finden, sondern auch mit einem entlassenen Häftling, der es auf das Wertvollste in ihrem Leben abgesehen hat: ihren Rückzugsort.

Regina Aichner ist eine unbequeme Protagonistin. Spröde ist wohl das Wort, welches mir als erstes durch den Kopf gehuscht ist. Sie ist zurückhaltend und verschlossen, in der Männerwelt, die sie betritt, ist das mitunter auch nötig. Zwischen bärbeißigen Bemerkungen und väterlichen Ratschlägen ist es für sie nicht einfach, ihren Job zu machen. Aber es ist genau der richtige Job für sie – dort muss sie nichts preis geben, kann ihre Vergangenheit für sich behalten. Regina ist nicht nur kühl, sie ist fast schon kalt, abweisend. Doch sie hat eine zweite Seite. Eine Seite, die sie nur zu Hause in ihrem kleinen Häuschen zeigt, eine Seite, die nur ihre Mitbewohnerin sieht. Hier kann sie loslassen und sie selbst sein. Zumindest wenn kein Besuch da ist. Doch auch in ihrem Haus hat man manchmal das Gefühl, dass sie nicht alles zeigt. Gar nicht alles zeigen kann, weil sie es gewohnt ist, nichts zu zeigen. Einzig der lauteste Kollege kann sich in Reginas Herz schleichen und bringt sie dazu, wirkliches Mitgefühl offen zu zeigen, aus ihrem Schneckenhaus auszubrechen.

Regina erbt das Haus von ihrer Mitbewohnern Johanna – nein, sie hat sie nicht umgebracht, darum geht es in dem Krimi hier nicht. Aber schon um das Haus. Die Dorfbewohner, allen voran einer, neidet ihr das, aber auch ein Neffe mag ein Stück vom Kuchen abhaben. Ausgerechnet ein Ex-Knacki, der Regina bisher nur als Wachbeamtin kennen gelernt hat. Und dann ist da noch Kollege Paul, mit dem Regina eine lose Beziehung beginnt, der Regina aber schon als festen Bestandteil in seiner Zukunft sieht. Als Regina dann den Wintergartenbau beginnt und menschliche Knochen ausgräbt, dies aber für sich behält, ist die Aufstellung komplett, die Figuren sind positioniert. Als Leser mag man sich nicht oder nicht in allen Charakteren wiederfinden, aber immer sind diese stimmig erzählt, man nimmt ihnen ihre Handlungen ab. Man schüttelt den Kopf, wenn Regina den Knochenfund für sich behält, weil man es selbst anders machen würde, aber man versteht es. Weil es eben Regina ist. Sie ist so. Und nicht anders.

Ganz sicher liegt die Spannung in diesem Roman nicht in reisserischer Aufmachung. Es schleicht sich leise an – so wie Frau Goldmann dies auch in ihren anderen Spannungsromanen vollzieht. Es ist das alltägliche Leben, welches bedrohlich wird, aber eben nach und nach. Hinzu kommen hier Charaktere, die alle Erwartungen haben, aber nicht miteinander darüber sprechen. Bestes Beispiel ist Reginas Freund. Eine Liebesbeziehung, Heirat, Kinder erwartet er – Regina hält es für eine lose Beziehung mit Sex. So stauen sich nach und nach Erwartungshaltungen an, Sehnsüchte bauen sich auf, falsch verstandene Gesten und Handlungen untermauern das Ganze, bis alle aufeinander treffen und der Knoten platzt – erstaunlicherweise ganz ohne Regina. Die Charaktere sind sich fern und doch untrennbar miteinander verwoben. Ein Knall scheint unausweichlich.

Fazit:
Alles was ein guter Spannungsroman benötigt: leise Spannung, überzeugende Charaktere und eine bedrohliche Atmosphäre. Wie immer bei Anne Goldmann: sehr empfehlenswert!


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Vergessene Orte: Wintertod – Thomas Nommensen

978-3-499-27198-4
Thomas Nommensen – Wintertod
Verlag: Rowohlt
432 Seiten
ISBN: 978-3499271984

 

 

 

 

Eigentlich hatte ich Wintertod schon wieder eine ganze Weile zu Hause liegen, doch im sommerlichen Spätherbst wollte ich das Buch irgendwie nicht anfangen – wenn schon der Titel auf Winter verweist, sollte es doch auch winterlich sein, wenn man ihn liest. Leider ist der Winter ja gerade allgemein etwas zurückhaltend, aber immerhin ist es in den letzten Wochen kalt geworden und passenderweise hat bei meinem favorisierten Leserunden-Portal eine autorenbegleitete Runde stattgefunden, an der ich natürlich gerne teilgenommen habe. Die Runde war nur klein, aber das hatten, glaube ich, viele Runden vor Weihnachten gemein – die Vorweihnachtszeit ist irgendwie immer stressig, egal wie man es plant. Aber trotz kleiner Runde hat das gemeinsame Lesen wieder viel Spaß und verschiedene Einsichten gebracht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Leser doch Dinge aufnehmen, welche sie wie gewichten und was ihnen ins Auge sticht. Aber egal wie man das Lesen empfunden hat, die Besonderheit von Thomas Nommensens Krimi sind diesmal auf jeden Fall die Schauplätze.

Per Zufall stolpert eine junge Frau auf einem still gelegten Friedhof auf die kürzlich verscharrte Leiche einer Frau. Der Fall wird Arne Larsen und seiner neuen Partnerin Mayla Aslan zugeteilt. Larsen hat sich erst vor Kurzem in die Hauptstadt versetzen lassen, nicht nur um der Provinz zu entkommen, sondern auch mit dem letzten Fall, der ihm sehr nahe ging und einer gescheiterten Beziehung. Neue Stadt, neue Partner – die Eingewöhnung fällt Larsen nicht einfach. Dabei muss es gelingen, denn schon bald findet sich auf dem Friedhof wieder eine Leiche.
Derweil kehrt Lea Zeisberg nach einer Krankheit zurück zu ihrem Beruf, dem Unterricht an einer Berliner Grundschule. Schon am ersten Tag beobachtet sie ein seltsames Kräftemessen zwischen zwei Jungs und findet wenig später Hilferufe einer ihrer Schülerinnen in deren Aufsatz. Lea macht sich Sorgen und recherchiert, wird von ihrem Umfeld aber nur belächelt oder beschwichtigt. Doch dann führen Arne Larsens Ermittlungen an Leas Schule.

Arne Larsen wagt nach seinem ersten Fall in “Ein dunkler Sommer”  in Berlin einen Neuanfang. Dabei gelingt es Thomas Nommensen, die Schwierigkeiten dabei, privat wie auch beruflich, sehr gut darzustellen. Larsen landet in einer WG – warum auch immer, meins wäre es nicht – zu den dortigen Bewohnern hat er aber kaum Kontakt. Seine neue Partnerin, Mayla Aslan, gibt erst mal kaum etwas von sich preis. Auch sein Chef ist zwar bestimmend aber zurückhaltend. Man weiß, es muss etwas vorgefallen sein – irgendwie muss ja die Stelle, die Arne Larsen besetzt, auch frei geworden sein – aber keiner rückt mit der Sprache raus. Auch privat scheint bei Mayla Aslan einiges ungerade und dämmert im  Hintergrund. So richtig Kontakt bekommen die beiden Ermittler nicht und es gibt auch Rangeleien um die Führung des Teams. Alles andere als ein herzlicher Empfang. Wobei Larsen es den Kollegen schon auch nicht einfach macht. Er ist eben ein eher schweigsamer, denkender Mensch, ist mit Schlussfolgerungen auch erst mal vorsichtig, verarbeitet das Erlebte in seinen Träumen,wacht mit Erkenntnissen auf und läuft los. Nicht ganz einfach. Die beiden Ermittler werden wohl noch eine Weile brauchen, um sich aneinander zu gewöhnen – an sich nichts Ungewöhnliches in Kriminalromanen. Und obwohl Mayla in der Leserunde eher unbeliebt war, finde ich sie großartig – schon allein ihr Auto. Ein uraltes Modell, bei dem Larsen leider nur auf der Rücksitzbank mitfahren kann, da die Beifahrertür nicht mehr auf geht. Herrlich genial!

Da Larsen in Berlin einen Neuanfang wagt, ist übrigens auch der Einstieg bei Teil zwei absolut problemlos möglich, auch wenn der erste Teil natürlich auch zu empfehlen ist. Sogar Larsens privates Leben beginnt quasi neu, da ihn die vorige Freundin im ersten Band verlassen hat und er hier tatsächlich in seiner WG eines Nachts eine neue Bekanntschaft schließt, aus der mehr werden könnte. Ob Larsen allerdings in der WG bleibt? Wohl scheint er sich dort nicht zu fühlen. Vieles wird sich wohl erst im nächsten Band ein rütteln, auch die Beziehung zu seiner Partnerin Mayla. Ich persönlich fände es sogar spannender, wenn Spannungen und Reibereien bestehen bleiben oder die eben nicht immer einer Meinung sind. Das gibt den Ermittlerpaaren mehr Tiefe und gerade Arne Larsen kann das noch ein wenig brauchen. Er ist so schrecklich normal – wobei er damit ja fast schon wieder außergewöhnlich ist, bei den vielen, gebrochenen Ermittlern, die sich in Krimis tummeln.

Wie die beiden Handlungsstränge um Arne Larsen bzw. Lea Zeisberg zusammen hängen, entlarvt sich natürlich erst nach und nach und gespannt blättert man von Seite zu Seite. Das Buch liest sich gut und die Seiten fliegen dahin – genau so, wie es bei einem guten Krimi einfach sein soll. Als Bonus hat der Fall sogar noch eine Verbindung in die Vergangenheit und zwar in die DDR. Der Autor hat sich auf die Suche nach spannenden Handlungsorten in Berlin gemacht und ist auch fündig geworden. Mit dabei sind die Waldsiedlung in Bernau, in der früher die Spitze des Politbüros fast wie in Westdeutschland gelebt hat, und auch das ehemalige Stasi-Krankenhaus nahe der A114. Für einen Thriller gibt es wohl kaum geheimnisumwobenere und fast vergessene Orte in Berlin, um die sich Mysterien und Gerüchte ranken. Mittlerweile ist die Waldsiedlung umgebaut und neubesiedelt, doch das alte Krankenhaus kann man noch im verwitterten Zustand – zumindest von außen – betrachten. Der Autor hat hierzu übrigens auch ein Interview gegeben, welches ihr auf der Verlagsseite finden könnt. Sehr spannende Orte, wenn auch für mich gerne noch mehr Politisch-historisches hätte dabei sein können. Ein dritter Handlungsstrang, der erst später im Buch beginnt, spielt im Übrigen Ende der 70er Jahre in genau dieser Waldsiedlung – aber mehr wird nicht verraten!

Fazit:
Gelungener Neustart für Arne Larsen in Berlin: geschichtsträchtige und mysteriöse Orte in der Hauptstadt führen den melancholischen Kommissar zum Täter. Ein spannendes Leseerlebnis!


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Quereinstieg: Lunapark – Volker Kutscher

9783462049237
Volker Kutscher – Lunapark
Verlag: KiWi
560 Seiten
ISBN: 978-3462049237

 

 

 

 

Ich habe mich nochmal in die Mitte einer Serie getraut. Gehört hab ich natürlich schon viel von Volker Kutscher und seinem Gereon Rath, doch bis jetzt hatte ich noch nicht das Vergnügen, mich in eines seiner Bücher zu vertiefen. Derweil der erste Teil der Reihe „Der nasse Fisch“ im Jahr 1929 spielt, befinden wir uns mit Lunapark schon im Jahr 1934. Die Nazis haben die Macht ergriffen, die Kommunisten und Sozialisten sind vertrieben oder leben versteckt, die Hitlerjugend ist auf dem Vormarsch – es ist die Zeit kurz vor dem Röhm-Putsch. Geschichtlich eine wirklich interessante und sehr spannende Zeit, vor allem, weil wir ja wissen, wie die Geschichte ausgehen wird und wir quasi dabei zusehen müssen, wie die Menschen mit offenen Augen in ihr Unglück rennen. Aber wie sieht es von der kriminalistischen Seite aus? Kann Volker Kutschers Gereon Rath da auch viel bieten?

Als Gereon Rath zu einem Mordfall gerufen wird, findet er den übel zugerichteten SA-Mann Horst Kaczmarek, unter Freunden auch mehr oder minder liebevoll Katsche gerufen, unter einer halben kommunistischen Parole vor. Das ruft auch die Gestapo schnell auf den Plan, in Person Raths früheren Kollegen Gräf, der die Nazi-Gesinnung als Karrieresprungbrett benutzt. Dort sind schnell die Schuldigen gefunden, es muss natürlich die Gruppe Wolff sein, eine von Russland bzw. Stalin indoktrinierte und zurückgesandte Gruppe von Kommunisten, die den Nationalsozialismus mit heimlich hingeschmierten Parolen untergraben und stürzen soll. Diese Theorie scheint anscheinend nur Gereon Rath hanebüchen. Derweil also die Gestapo einer Gruppe Wolff hinterher hetzt, macht Gereon Rath, das was er schon immer konnte und kann: ermitteln. Und zwar allein.

Gereon Rath ist ein Eigenbrötler. Anscheinend ist er schon in früheren Teilen nicht teamfähig gewesen, mit der Gestapo und seinem früheren Kollegen Gräf ist er es nun ganz besonders nicht. Das hat zum einen Vorteile, denn die festgelegten Ermittlungen in Richtung Kommunisten inklusive der Ignoranz vorhandener Spuren oder dem Nichtzulassen von anderen Ermittlungsansätzen und Theorien, kann Rath nur so entkommen. Andererseits bringt ihm das auch Nachteile, denn sowohl die SA als auch die Gestapo sitzen mittlerweile am längeren Hebel und Rath entkommt nur knapp Maßregelungen und drohendem Jobverlust.  Rath ist aber auch einer, der gerne seine Augen verschließt. Klar kann man das heute einfach sagen, weil man weiß, wie die Geschichte weiter geht, doch Rath ist in der Hinsicht wirklich naiv. Noch 1934, ein Jahr nach Machtergreifung durch die Nazis, und obwohl sein Pflegesohn Fritze nach und nach mehr von der Hitlerjugend vereinnahmt wird, macht er beide Augen zu und behauptet, dass alles wieder gut wird. Dass „Papa“ Hindenburg das schon wieder richten wird. Gereon ist ein widersprüchlicher Charakter. Zwar kann er sich in seinem Job behaupten, Karriere wird er aber wohl erst mal nicht machen. Insgesamt ist er mir zu lasch – gegenüber seinen Mitarbeitern, gegenüber Fritze und auch gegenüber alten Freunden, ob nun Kollegen oder Verbrechern.

Im Gegenzug dazu steht seine Frau Charlotte. Sie versucht des Öfteren Rath vom Gegenteil zu überzeugen, nicht nur, als Rath ohne zu lesen, den Mitgliedsbeitritt von Fritze für die HJ ungesehen unterzeichnet. Mit ihr erlebt man auch die Gesellschaft, ganz ohne Polizeiabzeichen, z. B. wie Leute schnell in Läden verschwinden, wenn ein Pulk SAler um die Ecke biegt, aber solche Kleinigkeiten bleiben zu Hause unerwähnt. Gespräche und Unterhaltungen sind jetzt nicht unbedingt die Stärke im Hause Rath. Gereon erzählt praktisch nichts von seinen Ermittlungen, aber auch nicht, dass er einem alten Bekannten, dem Gangsterboss Marlow, begegnet ist. Aber auch Charlotte hält vor Gereon geheim, dass sie auf der Suche nach einem untergetauchten Kommunisten ist, nachdem dessen Schwester sie beauftragt hat. Auch ihren neuen Job in einer Anwaltskanzlei verheimlicht sie so lange wie möglich, auch wenn sie Gereons Unterschrift benötigt, um dort zu arbeiten. Die Raths machen sich das Leben wirklich unnötig schwer und man mag sie ständig durchschütteln. Es scheint auch, als würden sie aus ihrem Verhalten nicht lernen, in ihren Geheimnissen gefangen zu sein und somit in ihrer Beziehung in Stillstand zu verharren.

Dieses Dreigestirn an Figuren, welches sich im Hause Rath tummelt, scheint die damalige Situation gut zu beschreiben. Wir haben die, die den Ernst der Lage erkennen, aber nicht viel machen können in Charlotte vertreten, wir haben die, die begeistert folgen in Fritze gespiegelt und Gereon ist derjenige, der wie viele wegguckt und hofft, dass es bald besser wird. Eine sehr ungesunde Mischung, wie wir aus der Erfahrung wissen. Neben dieser politisch und gesellschaftlich heiklen Situation, den vielen historischen Kleinigkeiten, die eingestreut sind (z. B. Gereons Zigarettenmarke, die ich ehrlich gesagt, schon bald nicht mehr lesen konnte, es hätte auch mal gereicht zu schreiben, dass er sich eine Zigarette anzündet – aber noch vielen anderen kleinen Dingen) und den Figuren, die den Lesern der ersten Stunde der Serie vermutlich mehr ans Herz gewachsen sind als mir bis jetzt, gibt es natürlich noch den Kriminalfall.

Ja, der Kriminalfall. Die Lösung der Gestapo kann kein Leser auch nur für einen Moment als möglich ansehen – einfach schon, weil sie keinen anderen Schluss zulassen. Die Ermittlungen von Gereon Rath führen dann über ein Glasauge zu einem alten Mann zur Kirche und außerhalb von Berlin bis sie letztendlich bei alten Bekannten landen – allerdings findet Gereon dies recht schnell heraus. Trotzdem lässt die Spannung nicht nach, denn der Täter ist zwar bekannt, aber noch lange nicht gefasst. Und was genau der Lunapark damit zu tun hat, tja, das müsst ihr dann noch selbst herausfinden.

Abschließend kann ich sagen, dass mir der Krimi ganz gut gefallen hat, auch wenn ich glaube, dass die Begeisterung bei den Lesern, welche die vorigen Teile auch schon kannten, wesentlich höher war, als bei mir. Ich vermute mal, es ist der Sog der Serie, wenn einem die Charaktere einfach ans Herz wachsen – und man dann das Ganze noch mit politisch-interessante Zeiten und einem spannenden Kriminalfall geliefert bekommt. Der Quereinstieg, wie ich ihn gemacht habe, ist durchaus möglich, denn der Autor erklärt alle wiederkehrenden Elemente kurz, so dass man nicht verwirrt ist. Allerdings muss man schon sagen, dass die Geschichten sehr miteinander verwoben sind – d. h. das Buch „Lunapark“ hätte es ohne die vorigen Teile gar nicht geben können. Auch bin ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich die vorigen Teile nachholen werde, denn einige Dinge sind mir jetzt schon bekannt und ich fürchte mich vor fehlender Spannung, wenn ich denn nun eben einiges schon kenne oder wiedererkenne. Schade eigentlich, denn gerade die politisch-historische Komponente würde mich reizen. Gereon Rath Fans werden „Lunapark“ sowieso lesen – allen andere empfehle ich tatsächlich mit dem ersten Teil der Serie „Der nasse Fisch“ zu beginnen.

Fazit:
Der Krimi ist politikgeschichtlich hochinteressant und mit einem recht spannenden Fall garniert, allerdings war mir Gereon Rath ein wenig zu lasch. Ein Quereinstieg in die Reihe ist möglich, aber ich empfehle ihn nicht.