Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Bedrohlich: Triangel – Anne Goldmann

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Triangel – Anne Goldmann
Verlag: Argument
272 Seiten
ISBN: 978-3867542029

 

 

 

Ganz lange habe ich es herausgezögert, dieses Buch zu lesen. Nicht, weil ich nicht wollte. Oder gar Angst hatte, dass es mir nicht gefallen würde.
Nein, ich habe aus einem ganz einfach Grund gezögert: wenn ich “Triangel” würde gelesen haben, hätte ich kein neues, mir unbekanntes Buch von Anne Goldmann, auf das ich mich freuen kann.
Anne Goldmann habe ich bis jetzt schon zweimal auf der Leipziger Buchmesse getroffen und immer sehr interessante Gespräche mit ihr geführt. Ich mag sie als Person sehr gerne, aber vor allem mag ich Ihre Bücher. Da das Schreiben bei ihr nur der Nebenjob ist, versteht sich, dass die Bücherproduktion nicht am laufenden Band statt finden kann, doch bis jetzt hatte ich noch früher erschienene Bücher in petto. Jetzt muss ich dann doch ein wenig Geduld aus mir herauskitzeln, bis der nächste spannende Krimi von ihr erscheinen wird. Denn das kann ich garantieren – spannend wird er sein, der nächste Krimi, denn da hat mich Anne Goldmann noch nie enttäuscht. Ihre Bücher sind wahre Spannungserlebnisse und das ganz ohne Polizei und Detektive, ganz ohne blutkreischende Orgien oder Serienmörder. Leise, fein und bedrohlich.

Regina Aigner ist Justizwachebeamtin. Hier hat sie mit den schweren Jungs zu tun – sowohl hinter als auch vor den Gittern, denn eine Frau im Männerknast muss sich schon behaupten können. Dabei versteckt sich Regina dort eigentlich – hinter Uniform und geregelten Abläufen. Einzig ihr Haus im Grünen erlaubt es ihr, die schützende Hülle abzuwerfen und sie selbst zu sein. Hier ist sie gerne, renoviert und erweitert das Haus um einen Wintergarten, kümmert sich um die Blumen und genießt die Sonnenstrahlen. Doch auch dieser Rückzugsort bleibt nicht ewig unentdeckt. Regina muss sich nicht nur mit Mobbing im Dorf und einem liebestollen Kollegen zurecht finden, sondern auch mit einem entlassenen Häftling, der es auf das Wertvollste in ihrem Leben abgesehen hat: ihren Rückzugsort.

Regina Aichner ist eine unbequeme Protagonistin. Spröde ist wohl das Wort, welches mir als erstes durch den Kopf gehuscht ist. Sie ist zurückhaltend und verschlossen, in der Männerwelt, die sie betritt, ist das mitunter auch nötig. Zwischen bärbeißigen Bemerkungen und väterlichen Ratschlägen ist es für sie nicht einfach, ihren Job zu machen. Aber es ist genau der richtige Job für sie – dort muss sie nichts preis geben, kann ihre Vergangenheit für sich behalten. Regina ist nicht nur kühl, sie ist fast schon kalt, abweisend. Doch sie hat eine zweite Seite. Eine Seite, die sie nur zu Hause in ihrem kleinen Häuschen zeigt, eine Seite, die nur ihre Mitbewohnerin sieht. Hier kann sie loslassen und sie selbst sein. Zumindest wenn kein Besuch da ist. Doch auch in ihrem Haus hat man manchmal das Gefühl, dass sie nicht alles zeigt. Gar nicht alles zeigen kann, weil sie es gewohnt ist, nichts zu zeigen. Einzig der lauteste Kollege kann sich in Reginas Herz schleichen und bringt sie dazu, wirkliches Mitgefühl offen zu zeigen, aus ihrem Schneckenhaus auszubrechen.

Regina erbt das Haus von ihrer Mitbewohnern Johanna – nein, sie hat sie nicht umgebracht, darum geht es in dem Krimi hier nicht. Aber schon um das Haus. Die Dorfbewohner, allen voran einer, neidet ihr das, aber auch ein Neffe mag ein Stück vom Kuchen abhaben. Ausgerechnet ein Ex-Knacki, der Regina bisher nur als Wachbeamtin kennen gelernt hat. Und dann ist da noch Kollege Paul, mit dem Regina eine lose Beziehung beginnt, der Regina aber schon als festen Bestandteil in seiner Zukunft sieht. Als Regina dann den Wintergartenbau beginnt und menschliche Knochen ausgräbt, dies aber für sich behält, ist die Aufstellung komplett, die Figuren sind positioniert. Als Leser mag man sich nicht oder nicht in allen Charakteren wiederfinden, aber immer sind diese stimmig erzählt, man nimmt ihnen ihre Handlungen ab. Man schüttelt den Kopf, wenn Regina den Knochenfund für sich behält, weil man es selbst anders machen würde, aber man versteht es. Weil es eben Regina ist. Sie ist so. Und nicht anders.

Ganz sicher liegt die Spannung in diesem Roman nicht in reisserischer Aufmachung. Es schleicht sich leise an – so wie Frau Goldmann dies auch in ihren anderen Spannungsromanen vollzieht. Es ist das alltägliche Leben, welches bedrohlich wird, aber eben nach und nach. Hinzu kommen hier Charaktere, die alle Erwartungen haben, aber nicht miteinander darüber sprechen. Bestes Beispiel ist Reginas Freund. Eine Liebesbeziehung, Heirat, Kinder erwartet er – Regina hält es für eine lose Beziehung mit Sex. So stauen sich nach und nach Erwartungshaltungen an, Sehnsüchte bauen sich auf, falsch verstandene Gesten und Handlungen untermauern das Ganze, bis alle aufeinander treffen und der Knoten platzt – erstaunlicherweise ganz ohne Regina. Die Charaktere sind sich fern und doch untrennbar miteinander verwoben. Ein Knall scheint unausweichlich.

Fazit:
Alles was ein guter Spannungsroman benötigt: leise Spannung, überzeugende Charaktere und eine bedrohliche Atmosphäre. Wie immer bei Anne Goldmann: sehr empfehlenswert!


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Vergessene Orte: Wintertod – Thomas Nommensen

978-3-499-27198-4
Thomas Nommensen – Wintertod
Verlag: Rowohlt
432 Seiten
ISBN: 978-3499271984

 

 

 

 

Eigentlich hatte ich Wintertod schon wieder eine ganze Weile zu Hause liegen, doch im sommerlichen Spätherbst wollte ich das Buch irgendwie nicht anfangen – wenn schon der Titel auf Winter verweist, sollte es doch auch winterlich sein, wenn man ihn liest. Leider ist der Winter ja gerade allgemein etwas zurückhaltend, aber immerhin ist es in den letzten Wochen kalt geworden und passenderweise hat bei meinem favorisierten Leserunden-Portal eine autorenbegleitete Runde stattgefunden, an der ich natürlich gerne teilgenommen habe. Die Runde war nur klein, aber das hatten, glaube ich, viele Runden vor Weihnachten gemein – die Vorweihnachtszeit ist irgendwie immer stressig, egal wie man es plant. Aber trotz kleiner Runde hat das gemeinsame Lesen wieder viel Spaß und verschiedene Einsichten gebracht. Es ist immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich Leser doch Dinge aufnehmen, welche sie wie gewichten und was ihnen ins Auge sticht. Aber egal wie man das Lesen empfunden hat, die Besonderheit von Thomas Nommensens Krimi sind diesmal auf jeden Fall die Schauplätze.

Per Zufall stolpert eine junge Frau auf einem still gelegten Friedhof auf die kürzlich verscharrte Leiche einer Frau. Der Fall wird Arne Larsen und seiner neuen Partnerin Mayla Aslan zugeteilt. Larsen hat sich erst vor Kurzem in die Hauptstadt versetzen lassen, nicht nur um der Provinz zu entkommen, sondern auch mit dem letzten Fall, der ihm sehr nahe ging und einer gescheiterten Beziehung. Neue Stadt, neue Partner – die Eingewöhnung fällt Larsen nicht einfach. Dabei muss es gelingen, denn schon bald findet sich auf dem Friedhof wieder eine Leiche.
Derweil kehrt Lea Zeisberg nach einer Krankheit zurück zu ihrem Beruf, dem Unterricht an einer Berliner Grundschule. Schon am ersten Tag beobachtet sie ein seltsames Kräftemessen zwischen zwei Jungs und findet wenig später Hilferufe einer ihrer Schülerinnen in deren Aufsatz. Lea macht sich Sorgen und recherchiert, wird von ihrem Umfeld aber nur belächelt oder beschwichtigt. Doch dann führen Arne Larsens Ermittlungen an Leas Schule.

Arne Larsen wagt nach seinem ersten Fall in “Ein dunkler Sommer”  in Berlin einen Neuanfang. Dabei gelingt es Thomas Nommensen, die Schwierigkeiten dabei, privat wie auch beruflich, sehr gut darzustellen. Larsen landet in einer WG – warum auch immer, meins wäre es nicht – zu den dortigen Bewohnern hat er aber kaum Kontakt. Seine neue Partnerin, Mayla Aslan, gibt erst mal kaum etwas von sich preis. Auch sein Chef ist zwar bestimmend aber zurückhaltend. Man weiß, es muss etwas vorgefallen sein – irgendwie muss ja die Stelle, die Arne Larsen besetzt, auch frei geworden sein – aber keiner rückt mit der Sprache raus. Auch privat scheint bei Mayla Aslan einiges ungerade und dämmert im  Hintergrund. So richtig Kontakt bekommen die beiden Ermittler nicht und es gibt auch Rangeleien um die Führung des Teams. Alles andere als ein herzlicher Empfang. Wobei Larsen es den Kollegen schon auch nicht einfach macht. Er ist eben ein eher schweigsamer, denkender Mensch, ist mit Schlussfolgerungen auch erst mal vorsichtig, verarbeitet das Erlebte in seinen Träumen,wacht mit Erkenntnissen auf und läuft los. Nicht ganz einfach. Die beiden Ermittler werden wohl noch eine Weile brauchen, um sich aneinander zu gewöhnen – an sich nichts Ungewöhnliches in Kriminalromanen. Und obwohl Mayla in der Leserunde eher unbeliebt war, finde ich sie großartig – schon allein ihr Auto. Ein uraltes Modell, bei dem Larsen leider nur auf der Rücksitzbank mitfahren kann, da die Beifahrertür nicht mehr auf geht. Herrlich genial!

Da Larsen in Berlin einen Neuanfang wagt, ist übrigens auch der Einstieg bei Teil zwei absolut problemlos möglich, auch wenn der erste Teil natürlich auch zu empfehlen ist. Sogar Larsens privates Leben beginnt quasi neu, da ihn die vorige Freundin im ersten Band verlassen hat und er hier tatsächlich in seiner WG eines Nachts eine neue Bekanntschaft schließt, aus der mehr werden könnte. Ob Larsen allerdings in der WG bleibt? Wohl scheint er sich dort nicht zu fühlen. Vieles wird sich wohl erst im nächsten Band ein rütteln, auch die Beziehung zu seiner Partnerin Mayla. Ich persönlich fände es sogar spannender, wenn Spannungen und Reibereien bestehen bleiben oder die eben nicht immer einer Meinung sind. Das gibt den Ermittlerpaaren mehr Tiefe und gerade Arne Larsen kann das noch ein wenig brauchen. Er ist so schrecklich normal – wobei er damit ja fast schon wieder außergewöhnlich ist, bei den vielen, gebrochenen Ermittlern, die sich in Krimis tummeln.

Wie die beiden Handlungsstränge um Arne Larsen bzw. Lea Zeisberg zusammen hängen, entlarvt sich natürlich erst nach und nach und gespannt blättert man von Seite zu Seite. Das Buch liest sich gut und die Seiten fliegen dahin – genau so, wie es bei einem guten Krimi einfach sein soll. Als Bonus hat der Fall sogar noch eine Verbindung in die Vergangenheit und zwar in die DDR. Der Autor hat sich auf die Suche nach spannenden Handlungsorten in Berlin gemacht und ist auch fündig geworden. Mit dabei sind die Waldsiedlung in Bernau, in der früher die Spitze des Politbüros fast wie in Westdeutschland gelebt hat, und auch das ehemalige Stasi-Krankenhaus nahe der A114. Für einen Thriller gibt es wohl kaum geheimnisumwobenere und fast vergessene Orte in Berlin, um die sich Mysterien und Gerüchte ranken. Mittlerweile ist die Waldsiedlung umgebaut und neubesiedelt, doch das alte Krankenhaus kann man noch im verwitterten Zustand – zumindest von außen – betrachten. Der Autor hat hierzu übrigens auch ein Interview gegeben, welches ihr auf der Verlagsseite finden könnt. Sehr spannende Orte, wenn auch für mich gerne noch mehr Politisch-historisches hätte dabei sein können. Ein dritter Handlungsstrang, der erst später im Buch beginnt, spielt im Übrigen Ende der 70er Jahre in genau dieser Waldsiedlung – aber mehr wird nicht verraten!

Fazit:
Gelungener Neustart für Arne Larsen in Berlin: geschichtsträchtige und mysteriöse Orte in der Hauptstadt führen den melancholischen Kommissar zum Täter. Ein spannendes Leseerlebnis!


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Quereinstieg: Lunapark – Volker Kutscher

9783462049237
Volker Kutscher – Lunapark
Verlag: KiWi
560 Seiten
ISBN: 978-3462049237

 

 

 

 

Ich habe mich nochmal in die Mitte einer Serie getraut. Gehört hab ich natürlich schon viel von Volker Kutscher und seinem Gereon Rath, doch bis jetzt hatte ich noch nicht das Vergnügen, mich in eines seiner Bücher zu vertiefen. Derweil der erste Teil der Reihe „Der nasse Fisch“ im Jahr 1929 spielt, befinden wir uns mit Lunapark schon im Jahr 1934. Die Nazis haben die Macht ergriffen, die Kommunisten und Sozialisten sind vertrieben oder leben versteckt, die Hitlerjugend ist auf dem Vormarsch – es ist die Zeit kurz vor dem Röhm-Putsch. Geschichtlich eine wirklich interessante und sehr spannende Zeit, vor allem, weil wir ja wissen, wie die Geschichte ausgehen wird und wir quasi dabei zusehen müssen, wie die Menschen mit offenen Augen in ihr Unglück rennen. Aber wie sieht es von der kriminalistischen Seite aus? Kann Volker Kutschers Gereon Rath da auch viel bieten?

Als Gereon Rath zu einem Mordfall gerufen wird, findet er den übel zugerichteten SA-Mann Horst Kaczmarek, unter Freunden auch mehr oder minder liebevoll Katsche gerufen, unter einer halben kommunistischen Parole vor. Das ruft auch die Gestapo schnell auf den Plan, in Person Raths früheren Kollegen Gräf, der die Nazi-Gesinnung als Karrieresprungbrett benutzt. Dort sind schnell die Schuldigen gefunden, es muss natürlich die Gruppe Wolff sein, eine von Russland bzw. Stalin indoktrinierte und zurückgesandte Gruppe von Kommunisten, die den Nationalsozialismus mit heimlich hingeschmierten Parolen untergraben und stürzen soll. Diese Theorie scheint anscheinend nur Gereon Rath hanebüchen. Derweil also die Gestapo einer Gruppe Wolff hinterher hetzt, macht Gereon Rath, das was er schon immer konnte und kann: ermitteln. Und zwar allein.

Gereon Rath ist ein Eigenbrötler. Anscheinend ist er schon in früheren Teilen nicht teamfähig gewesen, mit der Gestapo und seinem früheren Kollegen Gräf ist er es nun ganz besonders nicht. Das hat zum einen Vorteile, denn die festgelegten Ermittlungen in Richtung Kommunisten inklusive der Ignoranz vorhandener Spuren oder dem Nichtzulassen von anderen Ermittlungsansätzen und Theorien, kann Rath nur so entkommen. Andererseits bringt ihm das auch Nachteile, denn sowohl die SA als auch die Gestapo sitzen mittlerweile am längeren Hebel und Rath entkommt nur knapp Maßregelungen und drohendem Jobverlust.  Rath ist aber auch einer, der gerne seine Augen verschließt. Klar kann man das heute einfach sagen, weil man weiß, wie die Geschichte weiter geht, doch Rath ist in der Hinsicht wirklich naiv. Noch 1934, ein Jahr nach Machtergreifung durch die Nazis, und obwohl sein Pflegesohn Fritze nach und nach mehr von der Hitlerjugend vereinnahmt wird, macht er beide Augen zu und behauptet, dass alles wieder gut wird. Dass „Papa“ Hindenburg das schon wieder richten wird. Gereon ist ein widersprüchlicher Charakter. Zwar kann er sich in seinem Job behaupten, Karriere wird er aber wohl erst mal nicht machen. Insgesamt ist er mir zu lasch – gegenüber seinen Mitarbeitern, gegenüber Fritze und auch gegenüber alten Freunden, ob nun Kollegen oder Verbrechern.

Im Gegenzug dazu steht seine Frau Charlotte. Sie versucht des Öfteren Rath vom Gegenteil zu überzeugen, nicht nur, als Rath ohne zu lesen, den Mitgliedsbeitritt von Fritze für die HJ ungesehen unterzeichnet. Mit ihr erlebt man auch die Gesellschaft, ganz ohne Polizeiabzeichen, z. B. wie Leute schnell in Läden verschwinden, wenn ein Pulk SAler um die Ecke biegt, aber solche Kleinigkeiten bleiben zu Hause unerwähnt. Gespräche und Unterhaltungen sind jetzt nicht unbedingt die Stärke im Hause Rath. Gereon erzählt praktisch nichts von seinen Ermittlungen, aber auch nicht, dass er einem alten Bekannten, dem Gangsterboss Marlow, begegnet ist. Aber auch Charlotte hält vor Gereon geheim, dass sie auf der Suche nach einem untergetauchten Kommunisten ist, nachdem dessen Schwester sie beauftragt hat. Auch ihren neuen Job in einer Anwaltskanzlei verheimlicht sie so lange wie möglich, auch wenn sie Gereons Unterschrift benötigt, um dort zu arbeiten. Die Raths machen sich das Leben wirklich unnötig schwer und man mag sie ständig durchschütteln. Es scheint auch, als würden sie aus ihrem Verhalten nicht lernen, in ihren Geheimnissen gefangen zu sein und somit in ihrer Beziehung in Stillstand zu verharren.

Dieses Dreigestirn an Figuren, welches sich im Hause Rath tummelt, scheint die damalige Situation gut zu beschreiben. Wir haben die, die den Ernst der Lage erkennen, aber nicht viel machen können in Charlotte vertreten, wir haben die, die begeistert folgen in Fritze gespiegelt und Gereon ist derjenige, der wie viele wegguckt und hofft, dass es bald besser wird. Eine sehr ungesunde Mischung, wie wir aus der Erfahrung wissen. Neben dieser politisch und gesellschaftlich heiklen Situation, den vielen historischen Kleinigkeiten, die eingestreut sind (z. B. Gereons Zigarettenmarke, die ich ehrlich gesagt, schon bald nicht mehr lesen konnte, es hätte auch mal gereicht zu schreiben, dass er sich eine Zigarette anzündet – aber noch vielen anderen kleinen Dingen) und den Figuren, die den Lesern der ersten Stunde der Serie vermutlich mehr ans Herz gewachsen sind als mir bis jetzt, gibt es natürlich noch den Kriminalfall.

Ja, der Kriminalfall. Die Lösung der Gestapo kann kein Leser auch nur für einen Moment als möglich ansehen – einfach schon, weil sie keinen anderen Schluss zulassen. Die Ermittlungen von Gereon Rath führen dann über ein Glasauge zu einem alten Mann zur Kirche und außerhalb von Berlin bis sie letztendlich bei alten Bekannten landen – allerdings findet Gereon dies recht schnell heraus. Trotzdem lässt die Spannung nicht nach, denn der Täter ist zwar bekannt, aber noch lange nicht gefasst. Und was genau der Lunapark damit zu tun hat, tja, das müsst ihr dann noch selbst herausfinden.

Abschließend kann ich sagen, dass mir der Krimi ganz gut gefallen hat, auch wenn ich glaube, dass die Begeisterung bei den Lesern, welche die vorigen Teile auch schon kannten, wesentlich höher war, als bei mir. Ich vermute mal, es ist der Sog der Serie, wenn einem die Charaktere einfach ans Herz wachsen – und man dann das Ganze noch mit politisch-interessante Zeiten und einem spannenden Kriminalfall geliefert bekommt. Der Quereinstieg, wie ich ihn gemacht habe, ist durchaus möglich, denn der Autor erklärt alle wiederkehrenden Elemente kurz, so dass man nicht verwirrt ist. Allerdings muss man schon sagen, dass die Geschichten sehr miteinander verwoben sind – d. h. das Buch „Lunapark“ hätte es ohne die vorigen Teile gar nicht geben können. Auch bin ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich die vorigen Teile nachholen werde, denn einige Dinge sind mir jetzt schon bekannt und ich fürchte mich vor fehlender Spannung, wenn ich denn nun eben einiges schon kenne oder wiedererkenne. Schade eigentlich, denn gerade die politisch-historische Komponente würde mich reizen. Gereon Rath Fans werden „Lunapark“ sowieso lesen – allen andere empfehle ich tatsächlich mit dem ersten Teil der Serie „Der nasse Fisch“ zu beginnen.

Fazit:
Der Krimi ist politikgeschichtlich hochinteressant und mit einem recht spannenden Fall garniert, allerdings war mir Gereon Rath ein wenig zu lasch. Ein Quereinstieg in die Reihe ist möglich, aber ich empfehle ihn nicht.


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Bewegend: Trümmerkind – Mechtild Borrmann

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Mechtild Borrmann – Trümmerkind
Verlag: Droemer
300 Seiten
ISBN: 9783426281376

 

 

 

 

Mechtild Borrmann. Fast ehrfürchtig wird ihr Name geflüstert, ihre Bücher haben die Tendenz heiß erwartet zu werden und schon vor Erscheinen Vorschusslorbeeren zu erhalten. Gekritelt wird höchstens auf hohem Niveau und  eines der wenigen Themen, bei denen man sich streiten mag, ist, ob ihre Romane wohl ins Krimigenre einzuordnen sind. Nun, das Genre ist weit gefasst und ich denke, wenn man einen Stempel aufdrücken möchte, dann den des Spannungsromans. Und wer mich ein wenig kennt, wird wissen, dass ich hierfür ein Faible habe. Nachdem ich vor einiger Zeit „Die andere Hälfte der Hoffnung“ gelesen habe, hab ich mich nun sehr auf „Trümmerkind“ gefreut, einem Roman, der auf einer realen Mordserie fußt, den Hamburger Trümmermorden.

Hanno Dietz kämpft sich mit seiner Familie in Hamburg durch den Winter 1946/47. Die Lebensmittel sind knapp, nur wenige Häuser haben Strom, ganze Stadtteile liegen in Trümmern. Hanno ist erst 14, doch gemeinsam mit seiner kleinen Schwester zieht er durch die Trümmerlandschaften, um Holz zu suchen, aber auch Dinge, die er auf dem Schwarzmarkt verkaufen oder in Lebensmittel tauschen kann. Auf einem seiner Streifzüge entdeckt er in einem Keller eine nackte, tote Frau  – und nicht weit davon entfernt, einen kleinen, verlassenen Jungen. Hannos Familie nimmt den Kleinen, der kein Wort spricht, auf, entgegen aller Widerstände, die tote Frau erwähnt Hanno mit keinem Wort. Erst Jahre später, als aus dem kleinen Jungen ein patenter Rechtsanwalt geworden ist, löst sich das Geheimnis seiner Kindheit auf und ein tragisches Verbrechen kommt ans Licht.

Der Roman besteht aus drei Handlungssträngen. Ein Handlungsstrang spielt zum Kriegsende und dreht sich um die Familie Anquist und ihr Gut. Die Familie ist zum Aufbruch bereit, doch leider schaffen sie es nicht mehr zu fliehen, bevor die Russen das Land besetzen. Der zweite Strang spielt  Mitte der 90er und erzählt von Anna Meerbaum, der Tochter von Clara Anquist. Ihre Mutter schweigt beharrlich über die Vergangenheit, doch dann bringt Annas Ex-Mann Neuigkeiten über Gut Anquist und Anna beginnt nachzuforschen,  auch wenn ihre Mutter mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, sie davon abzuhalten.

Doch der für mich überzeugendste Strang war der um Hanno und seine Familie. Es gelingt Frau Borrmann auf wundersame Weise, den Zeitgeist von damals einzufangen und zu den Lesern zu transportieren. Nicht nur in diesem Strang, doch dieser war derjenige, der mich am meisten bewegt hat. Ihr reichen hier wenige, wohl gesetzte Worte – der Roman hat keine 300 Seiten – damit bei mir sofort Bilder im Kopf aufgetaucht sind und es mich zusammen mit Hanno in der eiskalten Wohnung gefröstelt hat. Eine entbehrungsreiche Zeit, in der viele gestorben sind, verhungert oder erfroren, in der man einem Toten den Mantel abnimmt – einfach weil einem so kalt ist und der Tote ihn doch nicht mehr braucht. Verzweiflung und Elend, gemischt mit kleinen Hoffnungsschimmern, die von Hanno und seiner Familie ausstrahlen und zeigen, dass selbst in düsteren Zeiten aufgeben keine Option ist und man alles überwinden kann.

Doch auch wenn dieser Strang für mich herausragt, sind die beiden anderen nicht minder spannend. Und natürlich verflechten diese sich nach und nach und man erkennt, wie diese zusammen hängen könnten. Doch spannend bleibt es bis zum Schluss, denn auch wenn man einiges erraten kann oder auch nach und nach im Buch rausgefunden wird, die Autorin behält sich eine Komponente bis zum Schluss. Es ist ein beeindruckendes Leseerlebnis, zu sehen, wie der Bogen von der NS-Zeit bis in die 90er Jahre von der Autorin gezogen wird. Immer herrscht eine leise Spannung und man ist am grübeln, nur um dann gleich danach wieder mit den Gedanken dort zu sein, mit den Charakteren, mit dem Geheimnis und den Sorgen. Und am Ende schließt man das Buch und ist erzürnt über diese unglaubliche Geschichte, diese Frechheit und Kaltblütigkeit, doch im gleichen Gedankengang erinnert man sich an das Mitgefühl, die Herzlichkeit und die Familienzusammengehörigkeit.
Dieser Roman bewegt.

Fazit:
Ein bewegender Spannungsroman, der die NS-Zeit mit den 90ern verbindet und ein unfassbares Geheimnis aufdeckt – eindringlich, spannend und ergreifend. Von Mechtild Borrmann muss man in seinem Leben einfach etwas gelesen haben!


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Geschichtstrio: Die blaue Liste – Wolfgang Schorlau

9783462300161
Wolfgang Schorlau – Die blaue Liste
Verlag: KiWi
352 Seiten
ISBN: 978-3462300161

 

 

 

 

Schon ewig wollte ich mal einen Krimi von Wolfgang Schorlau lesen. Überall hoch gelobt, aber an mir für einige Bände vorbeigegangen, hat es mich jetzt gepackt und ich habe mir den ersten Teil vorgenommen. Das war mir wichtig, denn z. B. bei Bottinis Reihe um Louise Boni war der Einstieg mitten in der Reihe nicht optimal. „Die blaue Liste“, Band eins der Reihe um Privatdetektiv Georg Dengler, verbindet fiktiv drei geschichtliche Ereignisse: den Tod von RAF-Mitglied Wolfgang Grams, das Attentat auf Carsten Detlev Rohwedder, den ersten Präsidenten der Treuhandgesellschaft, welche nach der Wende die Betriebe der DDR verwaltete, und den Absturz der Lauda-Air einige Wochen später.

Ich liebe es – man nehme drei historische Ereignisse über die ich (beschämenderweise) kaum etwas weiß, füttert mich mit Tatsachen, spinnt die Lücken mit einer spannenden Handlung zusammen und verpasst dem ganzen als Sahnehäubchen einen Privatermittler, der von seiner Polizeiausbildung profitiert, aber eben nicht mehr gehemmt wird und setzt ihn dann auch noch nach Stuttgart. Et voila, man hat den glücklichen Krimileser. Nämlich mich.

Georg Dengler, nimmt seinen Abschied vom BKA und macht sich als Privatermittler selbständig. Man erlebt ihn, wie er sein Büro einrichtet und eine Anzeige schaltet. So verfolgt er auch eine Frau, deren Mann sich sorgt, dass sie ihn betrügt und eine Firma meldet sich, um seine Preise zu erfragen. Aber es meldet sich eben auch ein Mann, dessen Freundin den Tod bzw. den vermutlichen Tod ihres Vaters nicht verkraften kann. Ihr Vater saß damals in der Lauda Air Maschine und ist abgestürzt, doch wie es bei Flugzeugabstürzen im Dschungel so ist, man findet DNA oder auch nicht, man findet Gepäck oder auch nicht. Aber wenn er sich nicht mehr meldet, dann muss der Vater doch in der Maschine gewesen sein – oder? Diesen Ausgangspunkt nimmt Dengler und recherchiert. Mal mit Unterstützung eines früheren Kollegen, mal ohne, mal legal, mal auch weniger legal. Eben mit dem Charme, der einen Privatermittler ausmacht, ohne das Korsett des Staatsapparats.

Da mag ich dann auch über die kleinen Schwachstellen – zum Beispiel das amerikanisch-thrillerlastige Ende oder die anbandelnde Liebesgeschichte – hinwegsehen, denn der Plot war schön ausgeklügelt und hält nicht nur politisch brisante Themen bereit, sondern auch eine äußerst interessante Information, die mich noch ganz lange grübeln lassen wird: das Modell Matrei. Vermutlich kennt das jetzt schon jeder und nur mir ist es neu, aber ist mir egal. Ich bin begeistert von der Idee, eine Firma selbstverantwortlich von den Mitarbeitern leiten zu lassen. So funktioniert das nämlich bei dem Gerätewerk Matrei. In einer Zeit, in der die Mitarbeiter nur noch als Kostenfaktor in vielen Firmen gezählt werden, finde ich das Modell umso interessanter, denn was liegt näher, als den Arbeitern und Angestellten die Leitung zu geben? Ihr Erfolg ist ihr Arbeitsplatz. Um aber nicht zu weit abzuschweifen, zurück zum eigentlichen Thema. Das Modell Matrei mag funktionieren und lässt sich bestimmt auch adaptieren, doch wie das Leben so spielt – Macht und Geld stimmen nicht immer mit den Idealen überein. So auch in „Die blaue Liste“.

Fazit:
Wenn Georg Dengler weiter in so brisanten Fällen wühlt, die mir Fakten spielerisch nahe legen und mich zu Denkanstößen verleiten, dann will ich auf jeden Fall mehr von ihm. Teil 2 ist schon mal auf der Wunschliste gelandet.

 

Abschließend noch ein Zitat, welches mit dem Thema zwar nichts zu tun hat, aber einfach zu schön ist, um nicht zitiert zu werden:
„Wenn ein Tyrann einen Sklaven erschlägt, sagen wir zu Recht, er ist ein Verbrecher. Erschlägt jedoch ein Sklave den Tyrannen, so gilt ihm unsere Sympathie. Dem gesellschaftlich Schwächeren gilt unser Mitgefühl, wenn er einen Reichen oder gar die Obrigkeit betrügt. Dann kann das Verbrechen als eine Art ausgleichende Gerechtigkeit erscheinen. Wenn der Bankräuber seine Beute mit den normalen, einfachen Leuten teilt, wird er zum Helden. Aber solche Fälle gibt es schon lange nicht mehr.“
„Und die ehebrechende Frau ist uns sympathischer als der untreue Mann, weil die Frauen immer noch nicht gleichberechtigt sind.“
„So ist es.“ (S. 27)


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Von Kuchen und Süppchen: Legal High – Rainer Schmidt

978-3-87134-173-1
Rainer Schmidt – Legal High
Verlag: Rowohlt
352 Seiten
ISBN: 978-3871341731

 

 

 

 

 

Die Legalisierung von Cannabis – ob man nun dafür oder dagegen ist, bleibt natürlich jedem selbst überlassen, doch der Journalist und Schriftsteller Rainer Schmidt hat die derzeitigen Tendenzen aufgenommen und ein paar Schritte weitergedacht. Was ist, wenn Cannabis plötzlich (oder auch nicht so plötzlich) legalisiert wird? Wer profitiert, wer verliert? Ist die Bevölkerung dafür oder dagegen? Und wie sieht der Trend in Deutschland, Europa, weltweit aus? Satirisch verpackt in dem Nachfolger zu „Die Cannabis GmbH“ befinden wir uns im Jahre 2018 – und die Legalisierung des Cannabis steht kurz bevor. Den Vorgänger habe ich leider noch nicht gelesen, doch das tat dem Lesevergnügen hier keinen Abbruch.

Der Dude sitzt im Knast. Verraten und verhaftet, muss der Dude jetzt im Gefängnis zusehen, dass er sich verbündet, um nicht tot in der Ecke zu landen. Die Besuche von Madame, seiner großen Liebe und Lebensgefährtin, werden seltener, als Freigang ansteht, macht sie sich noch rarer – das Genöhle und Gejammer ihres Gatten geht ihr gehörig auf den Keks. Doch sogar im Knast bekommt der Dude mit, dass sich die Gesellschaft ändert. Cannabis soll legalisiert werden. Wie? Echt jetzt? Und das ohne den Dude und seinen hervorragenden Stoff „Strongdude“, noch immer unerreicht und das Ideal für alle Hanfbauern? Ihm sind die Hände gebunden, doch andere sind längst im Anmarsch und jeder will sein Stück vom Kuchen. Oder den Kuchen. Den ganzen.

Politiker, Wirtschaftsvorstände, Pharmaunternehmen, Bauernvorstand, die Kirche – ein jeder hat eine Meinung zur Legalisierung des Cannabis und die Weichen sind auf „JA“ gestellt. Die Interessen sind natürlich vielfältig. Derweil die Bauernvereinigung Angst hat, dass das Ausland schneller im Anbau ist, da dort zum Teil schon legalisiert wurde, haben die Pharmaunternehmen Angst um ihre Patienten – und um die Milliarden, welche sie mit ersteren verdienen. Mittendrin befindet sich die Kanzlerin, die sich wundert, warum denn plötzlich alle Cannabis legalisieren wollen, wo doch auf der Welt, in Europa aber auch in Deutschland wesentlich gewichtigere Probleme zu lösen sind, aber eben auch der Dude. Vielperspektivisch, manchmal ein wenig in die Länge gezogen und noch nicht einzuordnen, streiten sich die Geister, ohne aufeinander zu treffen und man hat schon fast das Gefühl, dass jeder aneinander vorbei zieht, bis man dann die Strippen im Hintergrund erkennt und es sich nach und nach zusammenfügt. Also der Leser fügt zusammen, der Dude hat leider immer noch nichts kapiert.

Und an der Stelle hakt es im Getriebe des wirklich vielseitig geschriebenen Buches. Alle Vertreter geben ihren Einblick, jeder kocht sein eigenes Süppchen, doch die Hauptfigur trielt vor sich hin. Sollte nicht der Meister des besten Stoffes mitmischen in dem bunten Reigen um grüne Blätter und bunte Scheine? Doch der hängt ja im Gefängnis fest, bzw. im Altenheim, den Job, den er im Freigang zu erledigen hat. Der Zug ist schon fast vorbei gefahren, als er endlich aus dem Gefängnis frei kommt, ins Spiel hineingezogen wird und dann unter die Räder kommt. Also nicht buchstäblich, sondern zwischen all den Parteien, die munter an ihrem Süppchen gekocht haben, während der Dude mit sich und seinem Leben beschäftigt war.

Abgesehen davon aber, dass mir die Hauptfigur zu wenig Antrieb zeigte, war das Buch ein herrlich-komischer und mit viel Wahrheiten und einigen, vermutlich bald passierenden Ereignissen gespickter Roman über Cannabis mit all seinen Vorteilen und wenigen Nachteilen. Eine witzige Kanzlerin, eine taffe Geschäftsfrau, die allen Herren in den Vorstandsetagen den Rang abläuft – auch wenn sie ein eiskaltes Miststück ist – ein paar Rumänen und Albaner, viele Drogen – nein, nicht nur Cannabis – und der nichtsahnende Dude, dem man besser mal beigebracht hätte, dass man Verträge immer lesen soll, bevor man unterzeichnet. Gutgläubig, hinterher hechelnd, aber eben doch innovativ und erfinderisch. Ach, aber damit befindet er sich, glaube ich, in guter Gesellschaft und so zeigt das Deutschland in 2018, welches der Autor mit viel Biss und Ironie würzt, wie die Welt friedlicher und friedliebender werden könnte. Auch wenn da jemand fast den ganzen Kuchen bekommt. Bevor der Dude demjenigen, dann doch noch eins auswischt.

Fazit:
Vielperspektivisch, mit viel Ironie und Witz, aber auch einigen Wahrheiten und durchaus vorstellbaren Wahrscheinlichkeiten wird Cannabis in 2018 legalisiert – zumindest in der Vorstellung des Autors.

 


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Wer ist Martin Blume? : Inenodabilis – George B. Wenzel

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George B. Wenzel – Inenodabilis
Verlag: tredition
444 Seiten
ISBN: 978-3734505331

 

 

 

 

Ich habe Euch „Inenodabilis“ ja schon in meiner Vorschau für Juli präsentiert. Irrtümlicherweise habe ich mir als Erscheinungsdatum Ende Juli notiert, doch es kam dann doch schon früher. Egal – dann kommt die Rezension dazu eben jetzt. Passenderweise hatte ich das Glück, den Autor auch zu einem kleinen Interview zu überreden, welches ich Euch morgen präsentieren werde. Macht Euch auf was gefasst, denn wir begeben uns in eine dunkle Zeit von Deutschland: es geht um Spionage, doppeltes, ach was dreifaches Spiel (oder gar noch mehr) und zwei Ermittler, welche einen Fall ihrer Laufbahn nicht vergessen können. Die alles entscheidende und durchgängige Frage ist: Wer ist Martin Blume?

Als Martin Blume eines Tages spurlos verschwindet, alarmiert die Postbotin die Polizei. Die beiden Kommissare Georg Rosa und Max Reinhardt bekommen den Fall zugeteilt. Weder die Durchsuchung der Wohnung noch des Ladengeschäfts des Antiquitätenhändlers bringt irgendwelche Hinweise, die Nachbarn kannten ihn kaum, Familie gibt es keine, Freunde sind nicht bekannt. Seltsamerweise ist die Wohnung sehr unpersönlich, keine Fotos, keine persönlichen Dokumente, aufgeräumt. Als der Fall schon im Sande zu verlaufen droht, taucht die Leiche eines Jungen auf, der einen Zettel mit Blumes Namen in der Hosentasche hatte. Der Junge ist in einem LKW mit vielen anderen Kindern aus dem Osten nach Deutschland geflüchtet, doch die Verbindung zu Martin Blume bleibt zuerst unklar. Als diese jedoch fest steht und die Ermittlungen wieder Schwung aufzunehmen scheinen, wird Georg und Max der Fall plötzlich entzogen und an das BKA übergeben.
Jahre später entschließen sich Georg und Max in Rente zu gehen. Doch der Fall um Martin Blume hat sie nie ganz los gelassen, so dass sie kurzerhand beschließen, die Ermittlungen privat wieder aufzunehmen. Doch sie stochern in einem tot geglaubten Wespennest, dessen Wirrungen und Wendungen sich erst nach und nach ergeben.

Ein deutsch-deutscher Kriminalroman. Hört sich erst mal komisch an. Über 20 Jahre ist es her, dass Die BRD und die DDR sich zu einem Land wieder vereinigt haben. Ich war 8 Jahre alt als die Mauer viel – außer an viele Fernsehberichte kann ich mich an kaum etwas erinnern. Auch die Zeit davor, eine Zeit, in der Deutschland getrennt war, kann ich mich nicht erinnern und ich hatte auch keinen Bezug dazu, wie z. B. Verwandte, die im Osten gelebt haben. Und wenn ich nun darüber nachdenke, dann kenne ich nur wenige Krimischriftsteller, welche die Zeit des Kalten Krieges aus Deutschland heraus betrachten. Eben keine Spionagegeschichten zwischen den Amis und Russen, sondern zwischen den Deutschen, zweierlei Deutschen, die zwischen diesen Großmächten eingeklemmt waren. Und so habe ich mich ganz besonders gefreut, dass „Inenodabilis“ dieses Thema aufgreift und mir näher bringt. Ich nutze Kriminalliteratur auch um etwas zu lernen. Ich will nicht belehrt werden, aber das Wissen, welches hier auf spannende Art und Weise eingearbeitet ist, sauge ich auf wie ein Schwamm.

Die deutsch-deutsche Geschichte ist nicht einfach – zu DDR-Zeiten dort totgeschwiegen, in der BRD wurde das auch gerne versucht, doch hier ist in den 60er/70er Jahren ja schon einiges aufgedeckt worden. Nun kann vieles was totgeschwiegen oder verheimlicht wurde nachgeschlagen und recherchiert werden. Das ist nicht einfach, es gibt eine Menge. Doch man merkt dem Buch an, wie viele Stunden Recherche hier drin stecken. Viele Begriffe sind jedem von uns geläufig, doch sollte das nicht so sein, gibt es Querverweise, die zu einem gut gefüllten Anhang führen, in dem Erklärungen, aber auch weiterführende Erläuterungen, Quellen u. ä. enthalten sind.

Nun aber keine Angst, das Buch ist ein Krimi und kein Geschichtsbuch. Die deutsch-deutsche Geschichte ist in eine spannende Spionagegeschichte rund um den verschwundenen Martin Blume gestrickt. Die beiden Ermittler, Georg Rosa und Max Reinhardt, dröseln mühevoll und immer wieder von Hindernissen ausgebremst, Stück für Stück auf, um sich dann zu fragen, ob die Aufdröselung überhaupt die Wahrheit ans Licht gebracht hat oder sie getäuscht wurden. So ist das, wenn man sich in den Dunstkreis von Spionen aus aller Herren Länder begibt, die sich hier in Deutschland getummelt haben – zusätzlich zu den Deutschen, die auch nicht unbeleckt waren. Und so weiß man nicht, wer für wen spioniert, aber noch viel weniger, ob der nicht schon längst wieder für jemand anderen spioniert. Ein Verwirrspiel par excellence!

Zugegeben, die Ermittler – Rosa und Reinhardt, aber auch deren Frauen, die leider nur schmückendes Beiwerk sind, und die amerikanische Unterstützung Benjamin Todt und Joe Black –  blieben für mich etwas farblos, vielleicht weil man von so vielen anderen Krimis schon gewohnt ist, dass das Privatleben der Ermittler immer eine Rolle spielt. Doch ich habe das private Geplänkel nicht vermisst. Ich war völlig damit beschäftigt, den entwirrenden Fäden (die sich hinter mir wieder verwirrt haben) zu folgen und nebenbei deutsch-deutsche Geschichte aufzunehmen. So gibt es auch keinen Showdown am Ende, doch immer wieder Höhepunkte in der Geschichte, wenn ein Stück entwirrt wurde und man ist kontinuierlich an der nächsten Auflösung dran. Besonders gut hat mir im Übrigen der Epilog gefallen – der wieder alles auf den Kopf stellt, was man vorher als wahr und definitiv angesehen hatte.

Zum Abschluss muss ich noch einen Punkt erwähnen. Der Schreibstil, auch wenn er ein wenig weitschweifig war und knackiger sein könnte, hat mir gut gefallen, doch leider hat das Buch noch einige Grammatik-/ Rechtschreib- bzw. Tippfehler, die der letzten Korrektur wohl entgangen sind. Mich hat es beim Lesefluss nicht gestört, aber sie sind mir halt doch aufgefallen. Aufgrund der Veröffentlichung in einem Selfpublisher-Verlag (Book on Demand) habe ich jetzt allerdings die Möglichkeit, das Buch nochmal zu lesen und diese Fehler aufzuspüren. Das Feedback werde ich dann dem Autor zur Verfügung stellen und schon die nächsten bestellten Bücher – nachdem die Korrekturen dann an den Verlag gegangen sind – werden eine korrigierte Version enthalten. Ich würde mich freuen, wenn ein paar von Euch auch in das Buch hineinschnuppern, ich rate allerdings dazu, noch ein paar Tage zu warten, bis die Korrekturen umgesetzt sind, damit diejenigen unter Euch, welche sich durch ein paar Fehler im Buch stören, sich dadurch nicht vom tollen Inhalt abhalten lassen.

Fazit:
Interessanter Einblick in die deutsch-deutsche Geschichte und das Geschäft mit der Spionage kombiniert mit einer spannenden Ermittlung, die versucht Licht in das Dunkel zu bringen. Empfehlenswert!