Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Wer entscheidet? : Die Entbehrlichen – Ninni Holmqvist

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Die Entbehrlichen – Ninni Holmqvist
Verlag: S. Fischer
Übersetzerin: Angelika Gundlach
263 Seiten
ISBN: 978-3596183319

 

 

 

3 Kinder, 5 Kinder, 6 Enkel, 15 Enkel, 200 Kinder und Enkel – in „Die Entbehrlichen“ gelten andere Maßstäbe, denn hier wird in Kindern und Enkeln gemessen. Nur wenn man selbige vorweisen kann gehört man zu den Benötigten. Hat man als Frau bis zum 50. Lebensjahr, als Mann bis zum 60. Lebensjahr kein Kind vorzuweisen, wird man entbehrlich. Als Entbehrliche fügt man sich in sein Schicksal und kommt in ein Sanatorium  – so wie es Dorrit Wegner ist, eine Schriftstellerin, der es ihr Leben lang wichtig war, unabhängig zu sein und sich nicht an ein Kind zu binden, die sogar in ihrer Jugend eine Abtreibung vorgenommen hat und in den letzten Jahren verzweifelt versucht hat, ein Kind zu bekommen. Dieses Sanatorium ist zwar nach außen hin abgeschottet – kein Kontakt nach außen, keine Fenster nach außen, etc. – doch scheint es wie das Paradies auf Erden: eine eigene Wohnung, Geschäfte, in denen es alles gibt, ein botanischer Garten, in dem immer alles blüht und keine Jahreszeiten herrschen, Freizeitbeschäftigungen in jeglicher Art und Weise, immer freundliche Mitarbeiter und Pfleger/Schwestern. Auf den ersten Blick ein Ferienparadies, in dem die Entbehrlichen gehegt und gepflegt werden. Die paar Tests und Versuche, denen sie sich unterziehen müssen oder die kleineren Spenden, die sie leisten, sind verkraftbar. Und die Endspende sicherlich noch lange hin. Warum sich also darüber aufregen?

„Und das Allerwichtigste ist: Ohne die Transplantation hätte sie nicht mehr viel Zeit zu leben gehabt. Es wäre um Monate gegangen, im besten Fall ein Jahr. Jetzt dagegen hat sie sehr gute Chancen, zumindest zu erleben, wie ihre Kinder groß werden. Vielleicht lebt sie nicht so lange, dass sie noch Enkel bekommt, aber sie wird wahrscheinlich genug Zeit haben, um ihren Auftrag als Mutter zu erfüllen. Und das dank der Bauchspeicheldrüse eines Menschen, der niemanden hatte, für den er leben konnte.“ (S. 104)

Und wer entscheidet, für wen es sich zu leben lohnt? Hier ist es ganz einfach: der Staat. Der Staat hat entschieden, dass ein Leben nicht lohnenswert ist – oder eben entbehrlich – wenn keine Kinder oder Kindeskinder vorhanden sind. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass Dorrit schon vorher keinen Platz in der Gesellschaft hatte, genau wie alle anderen Entbehrlichen. Die Alleinstehenden werden gemieden, sind ausgeschlossen aus der Gemeinschaft. Selbst eine Partnerschaft ist nicht ausreichend und Frauen beginnen Beziehungen mit Männern allein des Spermas wegen – und sind dann wieder weg. Die Gesellschaft ist auf Kinder ausgerichtet, darauf sich selbst zu erhalten. Möglichst viele Kinder zu produzieren.

Dorrit ist eigentlich ganz zufrieden als Entbehrliche. Ja, sie hat versucht Kinder zu kriegen. Später. Zu spät. Doch nun genießt sie die Annehmlichkeiten, die ersten Versuche, die sie mitmachen muss, sind einfach. Ihre erste Spende ist eine Niere – kein Problem, davon hat man ja zwei. Doch nach und nach dünnt sich der Freundeskreis aus, denn sie dort aufgebaut hat. Und auch der Mann, in den sie sich verliebt hat und von dem sie schwanger wird, bringt die „Endspende“ auf. Erst dann beginnt sie ihre Situation genauer zu hinterfragen – bleiben oder fliehen? Und wenn ja, wie fliehen? Und was passiert draußen? Wo soll sie hin? Und wenn sie bleibt, was passiert mit dem Kind? Wird das auch „gespendet“?

Ab diesem Zeitpunkt hätte noch ein wirklich spannender Thriller aus dem Buch werden können, doch das passiert nicht. Schade für mein Krimigemüt, aber trotzdem hat mich das Buch unglaublich nachdenklich gestimmt. Wäre diese Zukunftsvision Wirklichkeit – oder würde wirklich werden – wäre ich eine Entbehrliche. Jemand, der „niemand hat, für den er leben kann“. Zumindest nach der Definition in diesem Buch. Kinder sind wichtig für die Zukunft, keine Frage, doch werden diese so wichtig, dass man Menschen ohne Kinder als entbehrlich einstufen kann? Leisten diese keinen Beitrag zur Gesellschaft? Erschreckend ist, dass viele Entbehrliche in dieser Version Künstler sind. Talentierte Menschen, die ihr Leben der Kunst verschrieben haben: Malerei, Schriftstellerei, Handwerke… Kann eine Gesellschaft überleben, wenn diese sich nur auf Reproduktion spezialisiert, aber die Kultur weg fallen lässt?

Es hat mich nachdenklich gemacht. Nicht nur, aber vor allem auch, weil viele Fragen offen sind. Die Handlung dreht sich um Dorrit, die eine Entbehrliche geworden ist und was sie im Sanatorium erlebt, fühlt, denkt. Es fehlen Informationen, wie es überhaupt zu der Unterscheidung benötigt und entbehrlich gekommen ist. Wie ist die Gesellschaft außerhalb des Sanatoriums? Dorrits Schwangerschaft verursacht einen Bruch im gut geölten Ablauf des Sanatoriums, doch die Auswirkungen bleiben im Sanatorium, es passiert nur wenig und dann endet das Buch. Mit vielen Fragen, vielen Denkanstößen und der alles umfassenden Frage: wer ist entbehrlich?

Fazit:
Ein nachdenkliches Buch über Menschen, die in der Gesellschaft als entbehrlich eingestuft wurden. Leider fehlen die Blicke in die Gesellschaft außerhalb von den Entbehrlichen, so dass es ein unvollständiges Bild bleibt, aber zum Nachdenken anregt.


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Inafizierung: Lügenland – Gudrun Lerchbaum

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Gudrun Lerchbaum – Lügenland
Verlag: Pendragon
424 Seiten
ISBN: 978-3865325501

 

 

 

 

Erschreckend, beklemmend, düster.
Zurzeit befinde ich mich in der Stimmung,  um des Öfteren einen Blick in die Zukunft zu wagen. Technologische Neuerungen, politische Veränderungen, ökologische Einflüsse – egal, welches Buch man hier heranzieht, die Zukunft ist dunkel. Zappenduster um genau zu sein. Und das Schlimme daran ist, wir reden hier nicht von weit entfernten Zukunftsszenarien mit Aliens oder Robotern oder von einer weit, weit entfernten Zukunft. Nein, es geht um Blicke in eine nahe Zukunft. Blicke, die noch unsere jetzige Gegenwart im Gepäck haben und uns aufzeigen, wie die Welt sich entwickeln könnte, wenn wir Gedanken, Strömungen und Ideen, die hier und jetzt bestehen, weiter verfolgen. Und genau so verhält es sich auch mit Gudrun Lerchbaums Politthriller “Lügenland”. Es ist ein sehr naher Blick in die Zukunft, den man sich erschreckend gut vorstellen kann.

Mattea Inninger, vor kurzem noch Soldatin, feiert mit zwei Freundinnen ihren letzten Abend in Freiheit, bevor sie in eine arrangierte Ehe schlittert, als sie bei einem Vorfall ihre Freundin erschießt. Von der anderen Freundin verraten, muss sie fliehen. Im rechtspopulistischen Österreich, welches eine vollständige Überwachung über seine Bewohner installiert hat, keine einfache Sache. Sie wird eine „Wertlose“, jemand, der kein elektronisches Armband mit Ausweis, Geld und Telefon mehr besitzt, jemand der wertlos für den Staat ist. (Un)Glücklicherweise sieht Mattea auch noch der im ganzen Land gesuchten Terroristin Ina Matusek sehr ähnlich, so dass sich ihre Flucht um einiges erschwert – aber auch erleichtert. Sie taucht bei den Revolutionären unter – als Ina Matusek.

Ob kunstverseucht, ob bipolar, ob süchtig oder unfruchtbar – die rechte Waffe in der Hand macht euch zum Teil der Heldenschar!“ (S. 11)

Europa ist zerbrochen, Österreich hat seine Grenzen mit einer Mauer abgeschottet. Jegliche Nicht-Österreicher wurden vertrieben, jeder trägt ein Armband und ist damit jederzeit auffindbar. Der Präsident ist überall sichtbar, als Hologramm oder in den Gedanken der Menschen. Dieses Österreich hat es geschafft, die Propaganda von Hitler nochmal zu toppen und diese Sprüche in den Gehirnen ihrer Bewohner zu installieren und zu automatisieren. „Es heißt Demokratur und nicht Diktatur […] und sie hat uns den Arsch gerettet, knapp vor dem Untergang des Abendlandes“ (S. 105) Man darf nicht unterschätzen, dass das Leben in einer Diktatur, ehm, Verzeihung, natürlich Demokratur Sicherheit und Schutz verspricht und Kontrolle gewährt. Natürlich ist das nur der schöne Schein, doch das Leben in Österreich ist für deren Bewohner normal, man hält sich an die Regeln, bestätigt mit einem Spruch und dient dem Vaterland. So wie Mattea: erst als Soldatin, nun als gute Ehefrau, bald als Mutter.

Was mich oft an Protagonisten von Zukunftsromanen stört, ist, dass sie relativ schnell und konsequent gegen das System aufbegehren, auch wenn sie es vorher akzeptiert haben, denn dies lässt sie unglaubwürdig und wankelmütig erscheinen. In Mattea begegnet man zuerst der getreuen Soldatin, die für ihr Vaterland kämpft und die Propaganda im Schlaf beherrscht, die den Kanzler und die Demokratur mit harschen Worten verteidigt. Doch ihre ungewollte Flucht und ihr Unterschlupf bei den Revolutionären zeigt ihr die Schattenseiten der gut funktionierenden Maschinerie und das Umdenken beginnt. Langsam und mit vielen Rückschlägen – sogar noch sehr spät im Buch fragt sie sich, ob sie die Revolutionäre nicht lieber verraten soll und in den Schoss des Landes zurückkehren soll. Ihre Gedanken fechten Grundsatzdiskussionen aus und es fällt ihr schwer, die Wahrheiten, die sie erfährt, zu verarbeiten oder die Leichtigkeit, mit der die Revolutionäre nicht ansprechbare Themen diskutieren, zu verkraften. Dieser Kampf, die jahrelange Indoktrination zu durchbrechen, untermauert ihre Zwiespältigkeit und wirkt unglaublich realistisch. Es steht quasi immer auf der Kippe, so dass man nie weiß, wie Mattea in einer Situation entscheidet. Noch glaubwürdiger wird sie für mich durch die Tatsache, dass sie ihre Freundin erschießt. So unglaublich dies klingt, aber es macht sie menschlicher, es verleiht ihr Tiefe und macht sie somit zu einem Menschen, der eben nicht nur gut oder böse ist, sondern viele Seiten hat. Man mag sie dafür vielleicht nicht unbedingt mögen, aber man respektiert sie, man glaubt ihr.

Das Rahmen ist beklemmend, die Protagonistin unglaublich realistisch und der Sprachstil? Sehr eindringlich und das nicht nur, weil die Autorin ihr Buch mit Propaganda-Sprüchen gepfeffert hat, sondern weil es einen zwingt, gemeinsam mit Mattea darüber nachzudenken. Nachzudenken, wie eine Zukunft aussieht, die von den Rechten bestimmt wird, die einem die Kontrolle über das eigene Leben nur vorgaukelt, die Errungenschaften der Globalisierung verpuffen lässt. Keiner will in Schubladen gestopft werden und trotzdem etikettieren wir jeden Menschen und ordnen ihn in Kategorien: Mann, Frau, weiß, schwarz, deutsch, chinesisch…. Solange wir hier nicht dazu gelernt haben, ist es unbedingt notwendig, dass es Autoren wie Gudrun Lerchbaum gibt, die uns vor Augen führen, wohin unsere Engstirnigkeit uns führen kann. Lernen wir was draus. Machen wir es anders, vielleicht besser, aber auf jeden Fall anders. Und zwar jetzt, nicht erst in der Zukunft.

„Die Geschichte hat vielfach bewiesen, dass Mauern keine langfristigen Lösungen sind. Jede Mauer wurde irgendwann überrannt oder niedergerissen, meist nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten, manchmal erst nach Jahrhunderten. Grenzen, Nationen, Rassen, das sind überholte Kategorien in einer Welt, die man innerhalb von zwei Tagen umrunden kann.“ (S. 281)

Fazit:
Auch wenn es erst September ist – „Lügenland“ wandert schon mal unverrückbar in meine Top 5 für 2016. Das Buch ist nicht nur ein beklemmender Blick in die Zukunft, sondern auch die Protagonistin war ganz nach meinem Gusto. Unbedingt zugreifen, lesen und darüber nachdenken. Absolute Leseempfehlung!


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Stillstand: Unsterblich – Jens Lubbadeh

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Jens Lubbadeh – Unsterblich
Verlag: Heyne
445 Seiten
ISBN: 978-3453317314

 

 

 

 

Im Jahre 2044 hat sich die Menschheit einen Traum erfüllt: ewiges Leben. Allerdings nicht als Mensch, sondern als virtuelle Kopie. In der Lebenszeit trägt man einen Lebenstracker, der alle Daten aufzeichnet und nach dem Ableben kann dann eine exakte Kopie erstellt werden. Natürlich mit einigen wenigen Einschränkungen. Und natürlich auch nur gegen entsprechende Geldmittel, wobei es natürlich attraktive Angebote für die ärmeren Schichten gibt, keine Sorge, ihr müsst nur Eure Seele verkaufen…. Immortal heißt die Firma sprechenderweise, die diese Verlängerung des Lebens möglich gemacht hat. Benjamin Kari ist Mitarbeiter der Firma Fidelity, einem Ableger von Immortal und kümmert sich um die Ewigen. Sein Fachgebiet: Schauspieler und Regisseure. Denn die Technik ermöglicht es nicht nur, dass jetzt lebende Menschen eine virtuelle Kopie erhalten, sondern auch schon verstorbene Persönlichkeiten, deren Weiterleben beantragt werden kann. Ben Kari zertifiziert diese dann – also er prüft, ob die Erstellung einwandfrei ist, ob Fehler vorliegen, ob der oder die Ewige so reagiert, wie es die echte Person auch getan hätte, anhand von Film- oder Textdokumenten und ähnlichem. Auch Marlene Dietrich hat er vor einiger Zeit zertifiziert. Doch nun ist sie verschwunden und nicht nur der alternde Regisseur Lars von Trier macht sich Sorgen, sondern auch Immortal und Fidelity – denn der Schwund eines Ewigen rüttelt an ihrem perfekt aufgestellten Businessplan.

Wenn ein Konzern Träume realisiert… dann kann da was nicht stimmen. Benjamin Kari ist natürlich ein Verfechter der Ewigen und allem, was dort dran hängt. Die Blended Reality, welche über die Realität gelegt wird und mit speziellen Linsen von allen gesehen werden können, macht die Ewigen erst möglich.  Die Ewigen haben kein Spiegelbild, können nicht von normalen Kameras aufgezeichnet werden – sie existieren nur in der Blended Reality. Eine Regel von Immortal ist die Todessperre. Damit sich kein Ewiger über seinen Tod Gedanken machen muss, sind Algorithmen programmiert, mit denen der Ewige dieses Thema umschifft. Und dann gibt es noch andere Regeln, Regeln von denen niemand weiß, auch Benjamin Kari nicht.

„In Wahrheit war die Blended Reality alles andere als demokratisch. Ein einzelner Konzern gab die Gesetze vor. Niemand war anonym. Aber in der Post-NSA-Realität war Anonymität ohnehin längst Vergangenheit.“ (S. 160)

Benjamin Kari macht sich auf die Suche nach der verschwundenen Marlene Dietrich, verbündet sich mit einer Journalistin, kommt einem Hacker auf die Spur, zweifelt immer mehr an seinem Arbeitgeber und der in Aussicht gestellten Zukunft… Kari ist ein nachdenklicher Charakter, auch wenn er in seinen Überzeugungen verhaftet ist, lässt er neue Denkanstöße zu. Aber er hadert immer mehr mit dem Weltbild, welches bisher sein Leben beherrscht hat. Zudem stecken hinter mächtigen Konzernen auch immer mächtige Verfolger. Von Killdrohnen über „ganz normale“ Ex-Soldaten, die ihn mit schwerer Bewaffnung in den Schoß der Firma zurück bringen möchten. Somit ist auch das Death Valley und die dort herrschende Hitze nur ein Feind, der ihm dort auflauert, als er dort kurzfristig strandet. Mit Kari fliegt man um die halbe Welt, aber auch unter und über die Erde, sowohl in echt, als auch in seinem Avatar. Wirklich geschickt, so eine virtuelle Realität.

Zugegeben, der Plot ist nicht unbedingt neu, wobei ich überrascht war, dass jemand bestimmtes nicht das Ende des Buches überlebt. Doch neben der spannenden und actiongeladenen Handlung, die immer wieder von Karis Überlegungen eine Auszeit bekommen, regt das Buch vor allem zum Nachdenken an. Will man ewig leben? Und wenn ja, will man das als virtuelle Kopie? Als nicht freie virtuelle Kopie, denn an den eigenen Tod denken, geht ja schon nicht. Und warum wollen wir Lebende mit ewigen Kopien leben? Klar, der Tod eines Menschen ist schmerzhaft, aber ein Ewiger bleibt so alt wie er ist – d. h. ein ewiges Mädchen bleibt ein Mädchen. Eine Oma eine Oma. Es gibt keinen Fortschritt, es herrscht Stillstand. Und auch wenn man die Beatles, Queen oder Michael Jackson mag oder gar verehrt hat, ist das 75. Album dann nicht einfach ein paar zu viel? Hindern die Ewigen nicht eher die Lebenden daran, sich weiter zu entwickeln und zu forschen? Zu entdecken und zu formen? Wenn die Plätze in den Charts sowieso immer von den Ewigen besetzt sind, wer will dann neue Musik entdecken und einspielen? Wenn JFK die USA seit Jahrzehnten leitet, wer strebt dann schon die Präsidentschaft an?

„Aber die Leute wollten es ja nicht anders. Sie wollten das, was sie kannten. Deswegen hatten sie JFK und Helmut Schmidt gewählt, hörten immer noch Michael Jackson, Madonna, U2 und die Stones, hängten sich diese hässlichen Picasso-Bilder ins Haus und kauften immer noch alles, was Steve Jobs fabrizierte, obwohl der qua Algorithmus schlicht unfähig war, wirkliche Innovation zu produzieren. Alles, was die Ewigen beherrschen, waren Variationen des Gewesenen. Die Leute wussten das, aber es kümmerte sie nicht.“ (S. 134)

Die Fragen, die ich mir hier stelle, so weit geht das Buch gar nicht, auch wenn es Andeutungen in die Richtung gibt (siehe Zitat). Die Lösung im Buch geht einen anderen Weg. Ich wäre eher auf der Seite der Thanatiker, einer leider nicht weiter auftretenden Gegenbewegung im Buch. Ich muss gar nicht ewig leben, schon gar nicht als beschnittene Kopie, in einer Gesellschaft, die sich selbst zum Stillstand verdammt hat. Nichtsdestotrotz hat der Autor hier ein richtig spannendes Thema aufgegriffen und in einer aufregenden Geschichte ein paar nachdenkliche Sequenzen verpackt. Oft meckere ich, dass mir die Zukunft nicht ausgereift genug dargestellt wurde – nun, hier vielleicht auch nicht, aber es gibt eine Erklärung: warum sollte noch weiter geforscht und erfunden, weiter entwickelt und an die Zukunft gedacht werden, wenn eh alle in der Vergangenheit leben? So verquer sich das für einen Zukunftsroman anhört. Und genau dieses Verbiegen der Gedanken, das nachdenklich Stimmende, das Störrische hat mich begeistert.

Fazit:
Ein Blick in die Zukunft, in der wir ewig leben, als virtuelle Kopien. Eine Zukunft, die Stillstand bedeutet und Rückkehr zu Vergangenem und Altbewährten. Eine merkwürdige Zukunft, die mich zum Nachdenken angeregt hat – so ganz neben der spannenden Handlung.


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Mangelhaft: Die Erlöser – Nick Cutter

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Nick Cutter – Die Erlöser
Verlag: Heyne
Übersetzer: Frank Dabrock
368 Seiten
ISBN: 978-3453419414

 

 

 

 

„Dann lautete die Frage: Wie kann man eine ganze Spezies dazu bringen, sich selbst zu zerstören? Wie lässt sie sich am wirkungsvollsten vernichten? Durch Religion.  […] Und das Beste daran ist, dass derjenige, der das tut, nichts Konkretes versprechen muss, denn die Belohnung erwartet einen erst nach dem Tod. Es ist alles eine Frage des Glaubens. Und der ist unerschütterlich.“ (S. 197)

Religiöser Fundamentalismus. Da hat man mich zumindest schon so weit, dass mir sofort der Islam in den Kopf springt. Dabei gibt es auch christliche Fundamentalisten. Menschen, die die Evolution anzweifeln, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht akzeptieren oder eben auch andere Religionen nicht akzeptieren. Nick Cutter hat nun in seinem Buch ein Szenario entworfen, in dem sich der christliche Fundamentalismus in der Zukunft durchgesetzt hat.

Kirche und Staat sind untrennbar verwoben. Um das Gesetz zu wahren, gibt es Polizisten, Ermittler und ebens auch Gefolgsleute, eine Sondereinheit von Ermittlern gegen Religionsverbrechen. John Murtag ist einer von ihnen, der Teamleiter von Garvey und Angela Doe, der einzigen Frau in der Truppe, der man nachsagt, dass sie nur mit guten Verbindungen den Job bekommen hat. Andersgläubige, aber auch Gläubige, die sich der Bibel oder den Gesetzen gegenüber falsch verhalten, werden in Camps und Heimen umerzogen oder gleich hingerichtet und – die Hinrichtung ist die bessere Alternative. Als eine Reihe von Selbstmordattentaten geschieht, unter deren Opfern auch die Tochter des Propheten ist, scheint die Welt Kopf zu stehen, denn die Attentäter sind keine Moslems, keine Mormonen, keine Scientologen – es sind Christen.

Ein außerordentlich spannendes und interessantes Szenario, welches der Autor hier aufbaut. Wir befinden uns in der Zukunft, sind aber näher am Mittelalter als man meinen möchte. Technische Fortschritte sind kaum verfügbar, dafür gibt es Geschäfte, in denen man Opfertiere erwerben und gleich opfern kann, damit die Sünden gesühnt und die Seele wieder rein ist. Es herrschen klare Strukturen und Vorgehensweisen, die Andersgläubigen müssen umgestimmt werden, aber auch abtrünnige Gläubige wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Ermittlungen sind nur in begrenzten Rahmen möglich, die technischen Möglichkeiten fehlen, die Städte sind nicht vernetzt, die Zeitungen geschwärzt, jede Stadt hat seinen eigenen Propheten. Aber letztendlich ist das gar nicht so wichtig, denn wer nicht gläubig ist hat grundsätzlich etwas falsch gemacht. Beweise sind da irrelevant.

„Vor der Gründung der Republik stand das Kürzel CSI für Crime Scene Investigation, inzwischen jedoch für Christian Science Investigation. Die Forensik wurde als ketzerisches Fachgebiet verfemt, weil sie die Existenz von Dinosauriern und Ähnlichem beweisen konnte. Die Ermittler der Christian Science Investigation hingegen durften nur eine Lupe benutzen und ihre Schlussfolgerungen ziehen.“ (S. 35)

Leider hat der Autor das erschreckende Zukunftsbild dann in einen Jahrmarkt verwandelt. Der Prophet gemeinsam mit der Unbefleckten Mutter und dem Heiligen Kind entpuppen sich als früher umherziehende Wanderpredigershow, das Heilige Kind als Missgeburt – natürlich aber nur für John Murtag, alle anderen Gläubigen werden weiterhin getäuscht. Dann tauchen die Fünflinge auf – fragt mich nicht, was die sind, aber sie sorgen für viel Gewalt und Blut – und das ganze bekommt durch diese Fünf (wobei – warum auch immer – einer fehlt) noch einen fantastischen Touch. John Murtag, der Protagonist, erscheint mir kalt und unnahbar, einzig seine beginnende Marotte jedes übrig gebliebene Opfertier oder dann auch mal ein ungläubiges, junges Mädchen aufzusammeln, macht ihn sympathisch und zeugt von seinem Umdenken in der festgezurrten Struktur. Die Stadt wird nieder gemacht, alle sterben und da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Ich hab so gar keine Ahnung, was das Buch mir sagen wollte. Schade – dabei hatte es doch so gut angefangen.

Fazit:
Ein anfänglich spannender und interessanter Blick in die Zukunft, der dann ins Absurde abdriftet und sich in eine Freakshow verwandelt, mit viel Gewalt und Blut und Morden. Gute Idee – mangelhafte Ausführung.


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Sozialkritisch: Zone 5 – Markus Stromiedel

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Markus Stromiedel – Zone 5
Verlag: Droemer Knaur
464 Seiten
ISBN: 978-3426304815

 

 

 

 

Köln im Jahre 2060. Die Stadt ist in Zonen aufgeteilt. Zone 1 und 2 teilen sich die Reichen und die Mittelschicht, Zone 3 ist die Fabrik der Medical Ind Corporation, einem Mega-Konzern, und Zone 4 beinhaltet den Rest der Stadtbevölkerung: Arme und Kranke, den Abschaum. Hier lebt die 20jährige Alex und versucht verzweifelt an das lebensrettende Medikament für ihre an Krebs erkrankte Schwester zu kommen, welches in der Zone 4 schlicht und einfach nicht ausgeteilt wird. Als sie dafür die Zonengrenze überquert und die Todesstrafe auf sich zieht, erhält der junge Anwalt David ihre Pflichtverteidigung. Ein wenig in Alex verschossen, nimmt er den kniffligen Fall ohne Aussicht auf Erfolg an und verursacht ein Explosion in Europa – in zweierlei Hinsicht.

Dass der Autor, Markus Stromiedel, sich mit der Zukunft auseinander gesetzt hat, merkt man nicht nur an der beigefügten Lektüreliste. Die Zukunft, die er darstellt, fällt überzeugend und realistisch aus. Die Ländergrenzen verwischen und es gibt einen europäischen Präsidenten und dafür halten Zonen in die Städte Einzug. Es erinnert mich an die Ständeordnung aus dem Mittelalter, doch ein anderer Vergleich ist auch passend:

„Jeder von ihnen wusste, wie nahe das Leid war, sie alle kannten die Not der Menschen, auf dessen Kosten sie lebten. Das Leid war nur eine Grenzmauer entfernt. Vor fünfzig Jahren noch waren die Zonen deutlich getrennt gewesen, man hatte von der Ersten, der Zweiten, der Dritten Welt gesprochen, manche hatten die ärmsten Länder der Erde auch als Vierte Welt bezeichnet. Doch obwohl es diese Aufteilung längst nicht mehr gab, verhielten sich die Menschen so wie einst: Sie verdrängten das Elend der anderen aus ihrem Bewusstsein.“ (S. 130 – 131)

Somit hat sich ja gar nichts geändert oder? Ein jeder Bürger hat einen Chip, auf dem nicht nur gespeichert ist, in welche Zonen er darf, sondern die es auch ermöglichen, den Aufenthaltsort des Bürgers jederzeit herauszufinden. Europa ist vielleicht noch kein Überwachungsstaat, aber sehr weit entfernt ist er nicht mehr. Der Präsident herrscht in einer Autokratie, nachdem er die Macht übernommen hat und fast jegliche Gesetze durch ein Notstandsgesetz außer Kraft gesetzt hat. Doch eigentlich ist er ja „nur“ Politiker und wird natürlich von der Wirtschaft gelenkt, oder genauer gesagt von der Medical Ind Corporation, die mit allen Mitteln ihre Interessen vertritt. Weit von unserem Heute entfernt? Eher nicht, sondern nur eine logische Entwicklung, die man schon voraussagen kann. Schon heute ist der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik enorm und es fehlt nicht mehr viel, bis die Politik aus Marionetten bestehen wird. Somit hat der Autor nicht nur eine wahrscheinliche und erschreckende Zukunft entworfen, sondern auch einen gelungenen roten Faden in unser Heute geworfen.

Wer nun gut aufgepasst hat, der merkt, dass ich nur 4 Zonen beschrieben habe, obwohl das Buch doch „Zone 5“ heißt. Ja, die Erklärung finde ich auch ein wenig schwierig. Die Zone 5 ist sozusagen der Rest. Alles was außerhalb der Megastädte ist und verwildert und verwuchert ist. Doch leben die Exterritorialen, Wilde und Verbrecher, auch wenn sich wohl hin und wieder eine Siedlung finden lässt, welche die Technik zwar nicht ablehnt, aber eher mit wenigen technischen Mitteln auskommt. Die Zone 5 wird nur wenig beschrieben und das ist auch ein Knackpunkt an dem Thriller. Über die Zone 5 hätte ich schon gerne noch mehr erfahren. Außerdem ist eine der Figuren dorthin verschwunden, also dorthin gegangen, und man erfährt nicht, was aus ihm wird.

Ein wenig muss ich jetzt an den Figuren „rummeckern“. Ich hatte es ja fast schon befürchtet, dass mir Alex, die junge Frau aus Zone 4, zu jugendlich ist. Sie ist betont rebellisch und keck und schiebt den Thriller in Richtung Young Adult Genre. David, den Anwalt, war mir eigentlich ganz sympathisch. Er sieht das Zonensystem kritisch und auch wenn er seine Entscheidung nach Köln zu gehen, des Öfteren bezweifelt, blinzelt hier ein Freigeist durch, der dem intelligenten Mann zu mehr Charme verhilft. Für mich wieder ein wenig unnötig ist die Verliebtheit zwischen den beiden Protagonisten – ich hätte es gut gefunden, wenn Davids gutes Gewissen ausgereicht hätte, um in den Fall einzusteigen und nicht romantische Gefühle das Sagen gehabt hätten. Aber das ist natürlich persönlicher Geschmack und Jammern auf hohem Niveau.

Markus Stromiedel hat in seinem Thriller einiges an Kritik verpackt, an der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft, dies aber mit einer spannenden Geschichte verpackt. Der Auftakt benötigt etwas Zeit, da die Zukunft ja erst vorgestellt werden muss, aber dann kann seine Idee der Zukunft überzeugen. Gerne hätte ich etwas mehr von Zone 5 gesehen – die ja immerhin den Titel sponsort – und auch mit den Figuren bin ich nicht ganz glücklich. Am Ende sind auch noch einige Fragen offen und ich befürchte fast, dass ein zweiter Teil angedacht ist. Ich persönlich hoffe nicht. Nicht weil ich das Buch nicht mochte, sondern weil ich eben nicht ständig Serien lesen will und eben gerne mehr Standalones haben möchte. Aber wir werden sehen….

Fazit:
Ein überzeugender Blick in die Zukunft, gewürzt mit vielen kritischen Spitzen – sehr gelungen!


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Überzeugender Blick in die Zukunft: Germany 2064 – Martin Walker

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Martin Walker – Germany 2064
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Michael Windgassen
425 Seiten
ISBN: 978-3257069396

 

 

 

 

Ich lese ja sehr gerne Zukunft und Krimi/Thriller gemischt in einem Buch. Ich finde es spannend, wie die Autoren sich die Zukunft vorstellen und wenn dann noch ein spannender Fall dabei ist, bin ich glücklich. Und doch murre ich oft über die Autoren, die zwar eine Geschichte in der Zukunft ansetzen, aber das Ganze dann unausgegoren vor sich hin köcheln lassen. Nun, in diesem Punkt kann ich mich diesmal keinesfalls beschweren.

Kommissar Bernd Aguilar bekommt endlich seinen AP (=automatisierten Partner), einen Roboter, den er Roberto nennt, wieder, nachdem dieser sich bei einem Schusswechsel vor ihn geworfen hat. Roberto wurde allerdings nicht nur repariert, sondern auch auf den neusten Stand gebracht – und sieht einem Menschen jetzt verblüffend ähnlich, abgesehen von Problemen mit dem Hinsetzen und den zusätzlich montierbaren Armen. Die Zukunft ist aufgeteilt zwischen den hochtechnologisierten und fortschrittlichen Städten und den Freien Gebieten, ländliche Gegenden, in denen Menschen leben, welche den Fortschritt nach den 80er Jahren ablehnen. Ein Ort, an dem beide Gruppen aufeinander treffen ist das Restaurant von Klaus Miller, der auch Konzerte veranstaltet. Als eines Abends Hati Boran, eine junge Sängerin aus den Freien Gebieten, verschwindet, ist dies der erste Fall für Bernd Aguilar und seinen neuen Roberto.

Der Grundstruktur des Zukunftsthrillers ist nicht unbedingt neu, denn es dreht sich alles um die Frage, inwieweit Roboter den Menschen gleich gestellt sind oder werden können und dem Kampf zwischen Alt und Neu, Technologie und Besinnung. Der Kriminalfall tritt auch in einigen Teilen in den Hintergrund, dafür zeigt Walker einen tieferen Ausblick in die Zukunft als viele andere Krimis, die ich gelesen habe. In diesem Ausblick merkt man Walkers Hintergrund, denn als Mitglied eines Think Tanks, der für Unternehmer und Politiker in die Zukunft blickt, zeigt er auf, wie sich die Welt, allen voran aber Deutschland und die EU, in den nächsten 40 Jahren in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht entwickeln kann. Naturkatastrophen oder terroristische Anschläge fehlen völlig, es ist ein Wirtschafts-/Politthriller. Und für mich gerade dadurch viel authentischer und überzeugender als viele andere Werke.

PerCs (Personal Communicators), Roboter und Fahrleitsysteme haben Einzug gehalten, aber trotzdem gelingt es Walker diesen nicht zu viel Gewicht zu geben, sondern eben auch Veränderungen der Struktur aufzuzeigen, gesellschaftliche Änderungen. Die Kluft, welche sich zwischen den Freien Gebieten und den Städten aufgetan hat, scheint fast unüberwindlich und aus diesem Grund, ist klar, dass auf beiden Seiten Unmut entsteht. Pläne werden gefasst, die Freien Gebiete einzugliedern und einzuschränken, aber die Freien wollen sich ihr Recht auf freie Wahl ihres Lebensweges natürlich nicht nehmen lassen. Und ist die Technologisierung wirklich so viel besser? Diese Frage stellt sich, wenn man die neue Generation der APs betrachtet. Fast menschlich, nicht nur in ihrem Aussehen, sondern auch in ihrem Verhalten, schüren sie Besorgnis bei den Menschen, unter anderem auch bei Bernd Aguilar, der sich fragt, ob er seinem Roberto bei den Ermittlungen noch trauen kann.

Wie ich schon kurz erwähnte, tritt der Kriminalfall ab und an in den Hintergrund, doch trotzdem war das Buch für mich sehr spannend. Der Ausblick in die Zukunft war realistisch und beeindruckend, keineswegs überzogen. Das Zukunftsszenario hat dem Krimi Würze verliehen, denn ohne diesen wäre der Krimi nur einer unter vielen. So hat er aber etwas Besonderes. Ich hab das Buch schon vor zwei Wochen beendet und muss jetzt noch darüber nachdenken. Und oft sind es nicht mal die Hauptthemen, die mir in den Kopf hüpfen, sondern Randbemerkungen und Nebensätze, die mich überlegen lassen, die ich prüfe, in dem ich mich frage: Ist das unsere Zukunft? Ich kenne die anderen Krimis von Herrn Walker nicht und weiß auch nicht, ob diese mir liegen, aber Germany 2064 hat mich beeindruckt. Bitte gerne noch so ein Gedankenexperiment Herr Walker, aber natürlich immer mit Krimnalfall!

Fazit:
Ein einfacher, aber spannender Kriminalfall, der in einer überzeugenden und authentischen Darstellung der Zukunft in 40 Jahren, von Mensch und Roboter gelöst wird. Beeindruckend realistisch!


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Virtual Pittsburgh: Tomorrow & Tomorrow – Thomas Carl Sweterlitsch

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Thomas Carl Sweterlitsch – Tomorrow & Tomorrow
Verlag: Heyne
Übersetzer: Friedrich Mader
478 Seiten
ISBN: 978-3453316485
14,99 €

 

 

 

John Dominik Blaxton arbeitet bei einer Privatdetektei, die sich auf Verbrechen in der Stadt Pittsburgh konzentriert. Die Stadt wurde vor einigen Jahren durch einen Anschlag vollständig zerstört und die Ermittlungen werden in dem virtuellen Abbild der Stadt vorgenommen. Blaxton hat bei dem Anschlag seine Frau und sein ungeborenes Kind verloren und versucht so viel Zeit wie möglich im „Archiv“ zu verbringen. Ein neuer Auftrag schickt ihn auf die Spur einer jungen Frau. Die Versicherung soll den Geschädigten Geld auszahlen, zweifelt aber daran, dass die Frau tatsächlich bei dem Anschlag gestorben ist. Und Blaxton findet tatsächlich Hinweise, dass die Frau anders zu Tode gekommen ist.

Zukunft, eine zerstörte und virtuell auferstandene Stadt und eine tote junge Frau – ein Mix, dem ich einfach nicht widerstehen konnte. Doch leider konnte mich der Blick in die Zukunft nicht ganz überzeugen. Pittsburgh wurde zerstört, es wird immer nur angedeutet, aber ich gehe von einer schmutzigen Bombe aus, denn das Gebiet ist auch verstrahlt und immer noch unzugänglich, wobei an der „Rückeroberung“ gearbeitet wird. Das virtuelle Pittsburgh entsteht aus Kameraaufnahmen, privaten Fotos und digitalen Spuren, welche die Bewohner hinterlassen haben. Die „Adware“ hilft dabei. Dieses Konstrukt haben mittlerweile die allermeisten Menschen an/in ihrem Kopf installiert. Es überflutet einen mit Unmengen an Informationen zu allem worauf der Blick fällt, aber auch mit fürchterlich vielen Nachrichten und Reality Shows und massenhaft Werbung, die anscheinend hauptsächlich auf die sexuelle Neigungen des jeweiligen Menschen spezialisiert ist. Ehrlich, diesen Ausblick fand ich beängstigend – so viel Werbung, personalisiert und versext. Eine Zeitangabe findet sich nicht, aber es scheint mir nicht sehr weit in der Zukunft, denn mehr futuristische Änderungen finden sich nicht.

John Dominic Blaxton ist ein traumatisierter, kranker und drogenabhängiger Mann. Er trauert immer noch immens um seine verstorbene Frau und meines Erachtens macht das Archiv es ihm viel schwerer mit dem Verlust umzugehen, bzw. ihn zu verarbeiten. Er geht seit Jahren zu einem Therapeuten, dem er auch vertraut und ihm hilft, doch als zusätzlich zu seinen „normalen“ Drogen noch Heroin in die Hand gedrückt bekommt, fällt er dem System auf, wird gefeuert und muss seine Therapie wechseln. Dort lernt er den Therapeuten Timothy Reynolds, der ihn aus dem Programm rausholt, solange er für Theodore Waverly, einen der reichsten Männer der Welt, der die Adware praktisch erfunden hat, seine Tochter sucht. Albion, eine junge Frau, die auch bei dem Anschlag auf Pittsburgh umgekommen sein soll, nun aber im Archiv nach und nach gelöscht bzw. ersetzt wird.

Nach und nach kommt heraus, dass Albion mit dem Versicherungsfall zu tun hat und Blaxton kommt den Tätern nach und nach auf die Spur, natürlich nicht, ohne sich selbst zu gefährden. Sein Weg führt ihn durch das virtuelle Pittsburgh und quer durchs reale Land, sogar ein Ausflug ins verseuchte Pittsburgh steht auf dem Programm. Auch wenn es eine Art Jagd bzw. ein Versteckspiel ist, und Blaxton der Gejagte, geht das ganze eher ein wenig gemächlich von statten. Auch das Finale wartet nicht mit einem fulminanten Ende auf, es ist eher nüchtern und wenig aufbauend, wenn auch ein bisschen Action am Schluss natürlich nicht fehlt.

Insgesamt habe ich mich gut unterhalten gefühlt, doch zum einen war die Zukunftsvision wie so oft nicht ganz so ausgefeilt, wie ich sie mir gewünscht hätte und zum anderen ist Blaxton einfach ein sehr bemitleidenswerter Mann, der kaum die Energie aufbringt, um den Fall zu lösen und erst richtig in Aktion tritt, als man ihm die Erinnerung an seine Frau wegnimmt. So fällt es einem nicht leicht, ihm als Hauptfigur Interesse entgegen zu bringen. Nichtsdestotrotz war der Fall schön verzwickt und durch die virtuelle Welt auch mal was anderes.

Fazit:
Ein spannender und verwickelter Fall, der leider mit einem gescheiterten Protagonisten auskommen muss, und nur leidlich einen Einblick in die Zukunft wirft. Gute Unterhaltung für einen Sonntagnachmittag.