Die dunklen Felle

Krimis, Schafe – und Felle.


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Grundel und Knallkrebs: Unter der Mitternachtssonne – Keigo Higashino


Keigo Higashino – Unter der Mitternachtssonne
Verlag: Tropen
Übersetzerin: Ursula Gräfe
720 Seiten
ISBN: 978-3608503487

 

 

 

 

Japan – ein Land, welches ich literarisch noch kaum bereist habe. Somit wurde es längst mal wieder Zeit, dass ich zu einem Buch von einem japanischen Autor greife. Herausgesucht habe ich mir Keigo Higashino und seinen neuesten Krimi. Über 700 Seiten hat der Krimi und ein wenig länger hat die Lektüre gedauert, als das bei den sonst für einen Krimi eher üblichen 300-400 Seiten so ist. Doch denn Seitenzahlen kann man das nicht nur zurechnen, denn der Stil des Autors ist einfach ein wenig ruhiger. Ob das nun allgemein auf japanische Autor*innen zutrifft oder nur auf Herrn Higashino – das kann ich momentan noch nicht beurteilen, allerdings kann ich sagen, dass der ruhige Schreibstil keineswegs weniger Spannung verheißt.

Inspektor Sasagaki untersucht den Mord an dem Pfandleiher Kirihara. Dieser wurde in einem halb fertig gebauten und nie beendeten Haus von spielenden Kindern tot aufgefunden. Im Verdacht stehen nicht nur seine Frau und sein Angestellter, sondern auch Fumiyo Nishimoto, eine alleinerziehende Mutter, die öfters etwas bei Kirihara verpfändet hat. Doch letztendlich kann keinem die Tat nachgewiesen werden und der Fall erkaltet.  Sasagaki lässt der Fall jedoch nicht los und tatsächlich kann er sich mit den Jahren, die vergehen, zusammen reimen, wer den Pfandleiher getötet hat. Doch den Täter zu überführen ist eine andere Sache.

Nach dem ersten Kapitel, welches Sasagaki gewidmet ist, verschwindet dieser für mehrere Kapitel und Hunderte von Seiten. Die Geschichte wendet sich Yukiho, der Tochter von Frau Nishimoto, und Ryo, dem Sohn des Pfandleihers zu und hangelt sich entlang der Lebenswege der beiden. Niemals zusammen, immer getrennt wird ihr Lebensweg beleuchtet, denn die beiden leben in verschiedenen Welten. Doch es wird meist nicht aus ihrer Sicht erzählt, sondern aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Sehr viele Personen tauche nach und nach auf – in einem Verlauf, der über zwanzig Jahre Zeit abdeckt, nicht ungewöhnlich. An die japanischen Namen muss man sich allerdings schon ein wenig gewöhnen, auch ich wusste nicht immer gleich, wer dies oder jenes nochmal war, doch man liest sich schnell ein, wenn dann der Faden der jeweiligen Lebensabschnitte vorgeführt wird.

Sasagaki ist ein ruhiger, nachdenklicher Charakter. Ich würde sagen, vergleichsweise kann man wohl skandinavische Ermittler heranziehen, allerdings ohne den ganzen depressiven Seelenmüll, den diese mit sich herumschleppen. Überhaupt erfährt man so gar nichts über das Privatleben des Inspektors, was ich als sehr angenehm empfunden habe. Auch die beiden Kinder/Jugendlichen/Erwachsenen – Yukiho und Ryo – bleiben sehr unbestimmt, man weiß gar nicht viel über sie. Das liegt natürlich zum einen daran, dass man sie durch die Augen anderer Personen kennenlernt, aber auch in der Absicht des Autors, denn es gilt eben die Geheimnisse dieser beiden Charaktere so lange wie möglich verdeckt zu halten. Ganz nebenbei serviert der Autor übrigens immer wieder feine Einblicke in japanische bzw. Weltgeschichte, wie Finanzkrisen oder auch die Entwicklung der Computerindustrie, bzw. die Entwicklung der Software Piraterie.

Der Stil des Buches ist ruhig und bietet keine aufregenden Effekte. Nachdem der Inspektor erst mal verschwunden ist, weiß man auch gar nicht so richtig, wie das Leben der beiden Kinder mit dem Mordfall zu tun hat, bzw. warum der Autor sich eigentlich vom Mordfall wegbewegt. Doch nach und nach mehren sich Kleinigkeiten, Begebenheiten und Geschehnisse, die einen stutzig machen, ohne je genannt zu werden. Nicht alle Mitmenschen haben Glück, wenn sie den Lebensweg der beiden kreuzen. Doch warum? Und sind dies nur Zufälle? Dem Autor gelingt es wirklich geschickt, diese Frage lange, lange offen zu halten und somit die Spannung immer leise, aber sehr kontinuierlich mitschwingen zu lassen. Und irgendwann taucht dann doch Inspektor Sasagaki wieder auf, kurz vor der Rente, angegraut und ohne jegliche Beweise. Aber mit viel Geduld und Beharrlichkeit – und immer noch auf der Suche nach dem Mörder des Pfandleihers.

Fazit:
Ein leiser, aber sehr feiner Krimi, dessen einziges „Manko“ wohl die für uns etwas ungewöhnlichen japanischen Namen sind, wenn man nicht ganz so oft japanische Krimis liest. Ansonsten: klare Leseempfehlung!


Ein Kommentar

Gewaltig leise: Der Dieb – Fuminori Nakamura

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Fuminori Nakamura – Der Dieb
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Thomas Eggenberg
224 Seiten
ISBN: 978-3257069457

 

 

 

Japan – ein Ort, an den ich mich literarisch bisher nur wenig gewagt habe. Und die Ausflüge, die ich gemacht habe, stammten von nicht-japanischen Autoren. Somit ist Fuminori Nakamura tatsächlich der erste japanische Autor, von dem ich etwas gelesen habe. Manchmal muss man sich schon seiner blinden Flecken auf der Landkarte schämen – und das gilt auch in diesem Fall. Wenn ich überlege, wie lange ich gezögert habe, ob mir dieses Buch wohl liegen könnte oder nicht. Ein großer Fehler!

Der Dieb lebt in Tokio und verbringt seine Tage damit, reiche Leute um ihren Reichtum zu berauben. Taschendiebstahl ist sein Metier und er nimmt immer nur von den Reichen. Aber nicht um selbst reich zu werden, zwar kleidet er sich gepflegt und elegant, um nicht aufzufallen, doch er lebt einfach und zurückgezogen. Seine Hände sind geschickt, seine Finger machen sich lang und ziehen elegant Brieftaschen aus Jacken und Hosen, ohne dass der Bestohlene nur das Geringste ahnt. Diebstahl ist für den Dieb eine Kunst. Deshalb kann er auch gar nicht zusehen, als ein kleiner Junge im Supermarkt einige Dinge in einer Einkaufstasche verschwinden lässt, als ihn seine Mutter dazu drängt. Die Ladendetektivin hat ihn längst entdeckt und der Dieb warnt den Jungen. So beginnt eine seltsame Beziehung zwischen dem Dieb, dem Jungen und seiner Mutter, welche ihn angreifbar macht, als zur gleichen Zeit alte Bekannte auftauchen und ihn unter Druck setzen, um sich seine Fähigkeiten zu Nutzen zu machen.

In der Vergangenheit hat der Dieb gemeinsam mit seinem Lehrvater Ishikawa und den Bekannten, die ihn nun wieder heimsuchen, ein Haus überfallen, danach ist Ishikawa verschwunden. In Rückblicken erinnert sich der Dieb an die Geschehnisse, aber auch an eine verlorene Liebe. Der Dieb vermisst Ishikawa, ab und an denkt er, dass er ihn sieht oder fragt sich, wo er wohl ist. Der Dieb ist  einsam, doch das ist eine akzeptierte Tatsache, verbunden mit ein wenig Wehmut. Keine Angriffsfläche bieten, einfach dem nachgehen, was er am besten kann. Unauffällig sein, Taschen zu leeren, zu leben. So könnte es ewig weitergehen für den Dieb. Das ändert sich als er dem Jungen begegnet und quasi in die Fußstapfen seines Lehrvaters tritt. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen.

Es ist ein leises Buch, ein nachdenkliches Buch. Man lebt und erlebt mit dem Dieb und scheint ihn doch nie ganz zu kennen. Er scheint nicht greifbar zu sein. Zugegeben, ein traditioneller Krimi ist das hier nicht. Und trotzdem zieht die Geschichte einen in den Bann, es gibt Diebe und andere Verbrecher, Tote und ein endgültiges Ende. Spannend, wenn auch leise spannend, mit Sogwirkung.

Immer wieder muss der Krimi darum kämpfen als Literatur angesehen zu werden. Dabei ist es so einfach. „Der Dieb“ ist ein Buch, dem das gelingt. Einfach, und auch leicht zu lesen, doch literarisch fantastisch, nicht hochtrabend, einfach ausfüllend. Ein Buch, das einen mitnimmt und nachdenklich macht. Und hier muss sich der Krimi nun wirklich nicht hinter der „hohen Kunst der Literatur“ verstecken, er selbst ist Kunst – und dabei unterhaltsam. So soll es sein.
„Der Dieb“ ist der erste Roman von Fuminori Nakamura, der ins Deutsche übersetzt wurde – ich denke doch, nun werden noch viele folgen!

Fazit:
Ein Krimi wie eine Sinfonie – sehr lesenswert!


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East meets West: Japantown – Barry Lancet

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Barry Lancet – Japantown
Verlag: Heyne
587 Seiten
ISBN: 978-3453437807
9,99 €

 

 

 

 

„Japantown“ war ein Thriller mit dem ich lange geliebäugelt habe. Angezogen hat mich vor allem der Gegensatz San Francisco / Japan, aber natürlich auch die fünf Leichen mit nur einer einzigen Spur am Tatort: einem Kanji. Nach der Lektüre kann ich sogar noch mehr Gegensätze aufzählen, die Jim Brodie, der Protagonist der Geschichte, darstellt. Er ist nicht nur zwischen Ost und West… hmm, zerrischen ist falsch, eher eingeklemmt, würde ich sagen, sondern er steckt auch zwischen zwei Jobs: dem als Kunst- und Antiquitätenhändler und dem Chef einer Security-Agentur. Beide Jobs hat er sozusagen geerbt: den Kunstverstand von seiner Mutter, die Agentur von seinem Vater. Verwitwet und zusammen mit einer kleinen Tochter ist er – nun sagen wir mal – gut beschäftigt.

Ab und an hilft er der Polizei auch mal, wenn es um Verbindungen zur asiatischen Kultur, vor allem natürlich Japan, geht, doch als er diesmal gerufen wird, ist es etwas ganz anderes als sonst. 5 Leichen – darunter 2 Kinder – finden sich in Japantown. Alle mit Schüssen hingerichtet. Und es gibt keine Spuren – bis auf ein Kanji, ein japanisches Schriftzeichen, welches seltsamerweise auch bei der Ermordung seiner Frau Mieko auftauchte. Jim beginnt nochmals mit der Recherche nach dem Kanji und gerät in einen Strudel, der ihn geradewegs nach Japan bugsiert…

Der Thriller spielt sowohl in den USA als auch in Japan und ich muss zugeben, dass mir die Teile in den USA viel besser gefallen haben. Vielleicht, weil ich das erwartet habe und überrascht war, als es auf nach Japan ging. Nichtsdestotrotz konnte ich einiges über Japan lernen und vor allem in die japanischen Gepflogenheiten reinschnuppern und mehr erfahren. Man merkt, dass der Autor etwas von Japan versteht, etwas von Kunst versteht, etwas von Kampfkunst versteht – dass er eben einfach Fachwissen gut verpack eingebaut hat und dem Leser ein Gefühl von Ost und West gleichermaßen vermitteln konnte. Es war sehr spannend geschrieben und es gab für Brodie – und den Leser – kaum Verschnaufpausen, so dass man eigentlich fast durchs Buch gehetzt ist. Na ja, ein wenig gestockt ist es bei mir bei dem japanischen Teil.

Jim Brodie ist ein sympathischer Kerl, sorgt sich zumeist aufopferungsvoll um seine Tochter, hat Sachverstand und viele Verbindungen. Überzogen waren die dargestellten Kampfkünste. Schon klar, dass er welche aufgeschnappt hat, als er in Japan war und diese von mir aus auch in den USA verfeinert bzw. bereichert hat. Doch ständig sagt ihm sein bester Mitarbeiter, dass er gegen die Soga (erklär ich gleich) keine Chance hat und letztendlich hat er die aber doch und macht sie fast im Alleingang nieder. Da mag ich doch eher die Helden, die nix können, aber sich pfiffig aus einer Situation herauswinden können. Superhelden gehören in Comics und nicht in Krimis und Thriller. Da erwarte ich dann schon ein wenig ausgefeiltere Charaktere und keine Klischees. Zumindest wenn es nach mir geht. 😉

Komischerweise findet Brodie bei der jetzigen Recherche recht schnell eine Verbindung des Kanjis nach Japan in das Dorf Soga-jujo. Die dort ansässige, aber auch weltweit verteilte und operierende Bruderschaft hat mit den Morden zu tun. Genaueres möchte ich nicht verraten, doch zumindest muss ich die Soga erwähnen, damit ich erklären kann, dass mir das „too much“ war. Eine jahrhundertealte, geheime Bruderschaft von gedungenen Mördern mit allen möglichen Kampftechniken, Hightech-Ausrüstung und – natürlich – ohne Skrupel. Das war einfach ein bisschen zu viel des Guten. Auch hier würde ich wieder sagen: weniger ist manchmal mehr.

Und natürlich gibt es ein Happy End. Die Bösen sind vernichtet, die Guten siegen. Ob es wohl einen nächsten Teil mit Jim Brodie geben wird? Ich weiß nicht. Eigentlich finde ich es einen guten Abschluss und wie viele Krimis um einen Protagonisten mit Kriminalfällen in San Francisco, die nach Japan reichen, kann man schon schreiben und damit glaubwürdig bleiben? Schon bei diesem Teil fehlt ja mitunter an Glaubwürdigkeit, einfach durch die überzogenen Aspekte des Buches. Ein weiterer Teil dieser Art? Ich hoffe nicht – gerne lese ich aber einen weiteren Standalone von Barry Lancet und freu mich schon mal drauf. Auch wenn ich nicht weiß, ob es einen geben wird. 😉

Fazit:
Gegensätze herrlich vereint, viel Wissen und harte Action treiben den Leser durch „Japantown“. Bis auf die Übertreibung in einigen Aspekten, war dieser Thriller ein großes Lesevergnügen. Von mir gibt es 4 Schafe.

4 Schafe