Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Interview mit George B. Wenzel

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George B. Wenzel

1. „Inenodabilis“ ist ein Krimi mit politischem Hintergrund. Er berichtet von einer Ermittlung zu Zeiten des Kalten Krieges, von Spionage und doppelten Spielen. War von Anfang an klar, dass Sie das Thema in einer Kriminalermittlung platzieren?

Ja, das war von Anfang an klar, da ich mich für Geschichte und speziell für deutsche Geschichte interessiere. Und ich glaube, dass gerade diese Zeit ab 1945 bis 1989 eigentlich viel zu wenig beachtet wird, obwohl es eine wirklich spannende Zeit war.

2. Aus diesem Grund haben Sie die Handlung in diesen Zeitraum gelegt – oder gibt es noch etwas, was Sie damit verbinden?

Das kam daher, dass es auch ein klein wenig meine eigene Familie betrifft. Meine Eltern,  meine Schwester und ich waren die einzigen in Westdeutschland, alle anderen waren im Osten. Der Bruder meines Vaters und die Schwester meiner Mutter mit ihren Familien waren im Osten. Diese Trennung, die es in Deutschland gab, spiegelte sich in meiner Familie wieder. Nicht der politische Zwist, aber die Auswirkungen davon. Ich hatte als Kind nie Onkel und Tante. Ich wusste zwar, es gibt Onkel und Tante, aber auch nur von der mütterlichen Seite. Von der väterlichen Seite habe ich erst 2013 meine Cousins und Cousine gefunden. Aber das ist nur u. a. ein Anreiz gewesen, diese Zeit auszuwählen. Und der zweite Grund ist, dass ich mich persönlich mit der Geschichte zwischen 1933 und 1945 bzw. der Zeit danach schon immer sehr beschäftigt habe.

Allgemein oder speziell auf das Thema Spionage bezogen?

Das kriminalistische Element ist der Aufhänger zu einer Story, von der ich dachte, dass man all diese Einflüsse aus Ost und West mit hinein spielen lässt. So glaube ich, ist es zwangsläufig, dass man sich irgendwann in diesem Netz verfängt. Ich hatte mir eine Anzahl Bücher und Nachschlagewerke besorgt und im Internet recherchiert. Das kann man auch im Roman, durch die vielen untypischen Fußnoten für einen Roman, sehen. Aber ich habe gedacht, die Leute glauben vielleicht, ich habe mir irgendwas aus den Fingern gesogen. Aber sehr viele Sachen sind tatsächlich so passiert. Zwar mit anderen Personen und in einem anderen Umfeld, aber vieles ist genau in der Art passiert. Ich interessiere mich auch für Eisenbahnen. Ich war nie drüben wegen der Dampfloks, aber ich habe durch Zufall mal einen Bericht gesehen. Darin hat jemand erzählt, dass er jedes Jahr in die DDR gefahren ist, um Dampfloks zu sehen, da es die bei uns im Westen nicht mehr gab. Sie wurden im Osten ständig überwacht. Sie wurden wie Staatsfeinde behandelt, weil man annahm, sie seien Agenten aus Westdeutschland. Dabei waren es einfach nur Eisenbahnenthusiasten. Das zeigt wie das Verhältnis zwischen BRD und DDR war.

3. Nomen est omen – der Titel des Krimis spiegelt die verworrenen Beziehungen wider, welche die beiden Ermittler aufzudröseln versuchen. Viel es Ihnen schwer den Überblick zu behalten?

Zugegebenermaßen war das nicht ganz so einfach. Es ist ja mein erster Roman und ich bin da vielleicht etwas hineingestolpert. Ich hatte zu Beginn keine bestimmte Struktur im Sinn, etwa dass ich groß Aufzeichnungen gemacht habe, über die Personen, über die Zeiten oder über die Handlungen. Ich hatte eine grobe Idee, die hatte ich mir notiert. Wobei man erwähnen muss, die Grundidee ist schon viele Jahre alt. Und dann hat sich das eben entwickelt. Es gibt Brunnen, bei denen Steine zwischen den einzelnen Wasserfontänen sind und Kinder springen von einem Stein zum anderen. So ungefähr war das bei mir auch. Ich bin quasi auch von einem Stein zum nächsten, von einer Situation zur nächsten gesprungen. Ich musste dann auch mal drei Wochen Pause machen, um meinen Kopf frei zu kriegen. Danach musste ich wieder von vorne anfangen, lesen, um wieder richtig aufzusetzen. Und trotzdem hat dann meine Frau irgendwann gesagt, die Zeiten passen nicht. Aber es war fast logisch, dass das passieren würde. Deswegen habe ich für den Feinschliff auch viel mehr Zeit und viel mehr Arbeit gebraucht, als ich Zeit bis zum Rohentwurf hatte. Das hatte ich völlig unterschätzt.

4. Das heißt, die Zeitfresser waren die Recherchen, aber auch der Feinschliff?

Ja. Die vielen Recherchen haben viel Zeit gekostet. Ich habe während der ganzen Schreiberei gedacht: Was wird ein Leser tun, wenn er das liest? Will er dazu nicht vielleicht mehr wissen? Deswegen habe ich versucht, speziell jetzt in diesem Roman so viele Recherchen wie möglich zu machen. Auch um für mich sagen zu können, es ist kein Blödsinn, sondern das gab es wirklich. Ich habe im Buch nicht alle Links und Bücher aufgelistet, denn dann wären es nochmal viele Seiten mehr. Aber ich habe einfach gedacht, für den, den es interessiert oder für den, der daran zweifelt, der hat die Chance nachzuschauen.

5. Ihre Ermittler, Georg Rosa und Max Reinhardt, beginnen mit ihrer zweiten Ermittlung erst im Rentenalter und viele Jahre nach dem Verschwinden von Martin Blume. Wie wichtig war es für den Verlauf der Geschichte, die Ermittlung erst nach der aktiven Zeit bei der Polizei für die beiden zu beginnen bzw. wieder aufzurollen? Ist es denn geplant, die Ermittler nochmal ermitteln zu lassen?

Das war beeinflusst davon, dass ich selbst im Ruhestand bin. Da kommt ein kleiner persönlicher Touch rein. Das wird im nächsten Buch, das nichts mit diesem Thema zu tun hat, noch ausführlicher als Einstieg vorhanden sein. Aber es war für mich klar, dass die zwei Ermittler während ihres aktiven Dienstes nicht zu Ende kommen, dass sie ausgebremst werden bzw. dass vielleicht nicht ganz klar ist, wer hier welche Interessenlagen hat. Ich persönlich hätte einen Vorgang, den ich nicht zu Ende bringen kann, weil mich irgendjemand ausbremst, vermutlich auch versucht durchzusetzen. Da wäre ich sicher zum nächsten Vorgesetzten gegangen oder zum übernächsten. Solange, bis man mich vielleicht vor die Tür setzt. Von daher war das klar, nachdem für die Kommissare die Fesseln der Obrigkeiten weg waren und man quasi als Privatdetektiv agieren konnte, konnten sie den Vorgang neu anpacken. Da waren sie dann ja relativ frei, außer dass es vielleicht ihre finanziellen Mittel überschreiten könnte.

6. Aber dafür gab es ja die Amerikaner.

Das war nur einer der Gründe, warum das so sein musste. Und damit komm ich dann auf den anderen Teil ihrer Frage. Die Rolle der beiden Amerikaner, die ist nicht ganz klar. Und möglicherweise, vielleicht, gibt es irgendwann mal einen zweiten Roman, der sicher nicht „Inenodabilis2“ heißt, sondern anders – Titel hab ich dafür noch keinen – der dann aber diesen Fall, der unerwartet endet, wieder aufdröselt. Diese Geschichte  startet dann eben in einer Zeit, in der plötzlich viele Archive offen sind. Durch die Wiedervereinigung Deutschlands ist man eben nicht mehr an der deutsch-deutschen Grenze gehemmt und kann in die Archive gehen. Und es existieren unglaublich viele – was meine Links auch zeigen – Informationspools. Das einzige Problem für eine Fortsetzung des Romans wird sein, sind denn die Menschen, die eine Rolle spielen, noch da, um sie befragen zu können. Aber irgendwann – sicherlich nicht nächstes Jahr – wird dann vielleicht ein Nachfolger kommen.

7. Wie sieht ihr Schreiballtag aus?

Im Normalfall lese ich morgens die Zeitung und die Nachrichten. Danach setze ich mich an den Rechner und geh auf mein Manuskript. Ich muss dazu sagen, ich hatte mir irgendwann, das war letztes Jahr, ein Programm gekauft. Wir hatten durch Zufall jemanden getroffen, der mir davon erzählt hat. Das Programm bietet unglaublich viele Möglichkeiten. Und natürlich auch mehr Kontrolle und Korrekturen für Grammatik. Das ging selbst bis zum Lesestil, was ich aber nicht nutze, weil ich mir ja meinen eigenen Stil nicht verändern lassen will. Ich benutze darin die meisten technischen Möglichkeiten, aber wenn ich eine 100% Kontrolle anlegen würde, dann würde das Programm jedes Wort farbig unterlegen (Stil, Wortwahl, Wiederholungen, etc.). Ich habe es irgendwann getestet, um es auszuprobieren, wie der Lesestil des Romans in diesem Programm beurteilt wird. Da gibt es drei Möglichkeiten dies zu überprüfen: Fachbuch, Roman und noch ein weiteres. Bei der Einstellung ‚Roman‘ hat das Programm den Text als überwiegend gut lesbar beurteilt. Die Links hat er bei dieser Einstellung natürlich alle verworfen, denn die waren unter diesem Aspekt schlecht lesbar. Wenn man es dann umgedreht hat und als Fachbuch bewertet, dann war es genau anders herum. Ich habe diese Einstellungen nicht für mein Schreiben benutzt, aber ich wollte es mal sehen. Das Manuskript hatte ich zu einem frühen Zeitpunkt einem amerikanischen Freund gegeben.  Damals war es noch in einer Rohphase. Der Freund hat gesagt, ja, die Geschichte ist ziemlich komplex und die CIA wird dich fragen, woher weißt du das alles. Ich habe dann meiner Frau noch einmal eine Version gegeben und sie gebeten es zu lesen. Das Ergebnis daraus war manchmal ein bisschen frustrierend, denn sie hat gesagt: mach aus diesem Satz drei Sätze, mach das und mach dieses. Ich hab mir das alles in einem eigens angefertigten Profidruck notiert. Das war noch eine relativ frühe Version mit Schreibfehlern drin. Die hatte ich vor dieser Aktion aber im Programm bereits geändert. Und als wir damit fertig waren, habe ich mich hingesetzt und für mich dann nochmal entschieden, was für Dinge, die sie mir vorschlug, geändert werden. Danach hab ich dann für mich entschieden, so, das ist es jetzt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich den Text dann gelesen hatte. Und bei jeder Änderung läuft man Gefahr, wieder einen Fehler einzubauen. Ich hätte ohnehin nie gedacht, dass es mal 400 Seiten werden würden.

8. Sie veröffentlichen unter einem Pseudonym. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?

Ja, den gibt es, denn das zweite Projekt ist ein völlig anderes Thema. Es gibt in diesem Zusammenhang rechtliche Anforderungen, die dazu führen, dass dieses Buch nicht unter meinem Namen erscheinen sollte. Ich habe dann beschlossen, das bereits mit dem ersten Roman umzusetzen. Damit erfülle ich  1. diese rechtlichen Anforderungen, und 2. meine eigene Privatsphäre wird geschützt.

9. Darf man schon fragen, worum das zweite Projekt handelt?

Diese Geschichte hat keinen politischen Hintergrund, sondern einen wirtschaftlichen, aber auch als Kriminalroman geschrieben. Das Leben ist ein Krimi. Vermutlich wird der Roman irgendwann im Frühjahr 2017 erscheinen, der ist schon ziemlich weit gediehen. Immer wenn ich Pause von „Inenodabilis“ gemacht habe, habe ich am 2. Buch weiter geschrieben. Am Jahresende wird dann meine Frau die erste Korrektur lesen.
Ich habe aus dem Ablauf, den entstandenen Schwierigkeiten und Problemen mit dem ersten Roman INENODABILIS viele Dinge gelernt, die mir bei dem zweiten Roman sicher nutzen werden.

10. Sie haben bei tredition ihr Buch veröffentlicht – einer Mischung aus Verlag und SelfPublishing. Warum haben Sie diese Art der Veröffentlichung dem traditionellen Verlag vorgezogen?

Ich habe 20 Verlage angeschrieben, 10 haben mir geantwortet, ich denke dass das schon ziemlich viel ist. Deren Angebote lagen zwischen 2.000 und 24.000 Euro Selbstbeteiligung. Die Bandbreite der angebotenen Services spiegelte diese Preisdarstellung (Umfang, Inhalte) natürlich wider und wer da etwas mehr als nur die ISBN haben will, muss relativ viel investieren. Das ist natürlich einfach unglaublich viel Geld und der Hinweis einiger Verlage, dass auch Goethe seine Bücher vorfinanzieren musste … na ja. Dafür muss ich sagen, hat tredition eine ganze Latte an Hinweisen und Empfehlungen, was man als Autor tun kann. Ich habe Flyer drucken lassen und einige der Tipps umgesetzt. So bin ich in LinkedIn drin, ebenso in Xing. Ich habe auch eine eigene Webseite. Inzwischen habe ich 16 oder 18 Mediengesellschaften angeschrieben – die noch nicht geantwortet haben und vielleicht werden die das auch nie – aber einfach, um zu versuchen, in einer Zeitung eine Buchbesprechung zu bekommen. Wenn ich das in einer Zeitung schaffen würde, wäre das natürlich optimal. Die Flyer hab ich in den Buchläden hier in der Gegend (Anm.: Raum Stuttgart) ausgelegt und eventuell wird man eine Lesung planen. Das Buch gibt es inzwischen in USA, in Kanada, in Italien, überall dort, wo es eine deutschsprechende Population gibt. Da macht der Verlag schon viel.

11. Welche Schriftsteller gehören zu Ihren Lieblingen? Welche Krimis lesen Sie gerne? Was war ihr letztes gelesenes Buch, welches wird ihr nächstes sein?

Ich habe zurzeit eher Interesse für geschichtliche Bücher. Also Christopher Clark „Die Schlafwandler“ als Beispiel. Das ist eine Beschreibung wie und warum der 1. Weltkrieg entstanden ist. Das zweite Buch „Preußen“, auch von Christopher Clark, erzählt über die preußischen Kurfürsten, die später deutsche Könige bzw. Kaiser wurden. Sein Schreibstil ist unglaublich detailliert, aber wenn man dann mal die ersten 20 oder 30 Seiten geschafft hat, dann kann man nicht mehr loslassen. Er schreibt sehr spannend. Und früher, ja klar, dann hab ich „Papillon“ und all diese Krimis auch gelesen. Aber ich weiß noch nicht, welches das nächste Buch sein wird, vielleicht etwas über die Fugger (Der reichste Mann aller Zeiten). Das Interesse daran hat mit Augsburg zu tun, meiner Heimatstadt. Im Übrigen haben alle Orte, welche in „Inenodabilis“ eine Rolle spielen, einen Bezug zu mir oder ich war schon dort. Auch durch meinen ehemaligen Job bin ich sehr viel herumgekommen.

Vielen Dank für das Interview und das nette Essen!

 

Homepage von George B. Wenzel


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Wer ist Martin Blume? : Inenodabilis – George B. Wenzel

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George B. Wenzel – Inenodabilis
Verlag: tredition
444 Seiten
ISBN: 978-3734505331

 

 

 

 

Ich habe Euch „Inenodabilis“ ja schon in meiner Vorschau für Juli präsentiert. Irrtümlicherweise habe ich mir als Erscheinungsdatum Ende Juli notiert, doch es kam dann doch schon früher. Egal – dann kommt die Rezension dazu eben jetzt. Passenderweise hatte ich das Glück, den Autor auch zu einem kleinen Interview zu überreden, welches ich Euch morgen präsentieren werde. Macht Euch auf was gefasst, denn wir begeben uns in eine dunkle Zeit von Deutschland: es geht um Spionage, doppeltes, ach was dreifaches Spiel (oder gar noch mehr) und zwei Ermittler, welche einen Fall ihrer Laufbahn nicht vergessen können. Die alles entscheidende und durchgängige Frage ist: Wer ist Martin Blume?

Als Martin Blume eines Tages spurlos verschwindet, alarmiert die Postbotin die Polizei. Die beiden Kommissare Georg Rosa und Max Reinhardt bekommen den Fall zugeteilt. Weder die Durchsuchung der Wohnung noch des Ladengeschäfts des Antiquitätenhändlers bringt irgendwelche Hinweise, die Nachbarn kannten ihn kaum, Familie gibt es keine, Freunde sind nicht bekannt. Seltsamerweise ist die Wohnung sehr unpersönlich, keine Fotos, keine persönlichen Dokumente, aufgeräumt. Als der Fall schon im Sande zu verlaufen droht, taucht die Leiche eines Jungen auf, der einen Zettel mit Blumes Namen in der Hosentasche hatte. Der Junge ist in einem LKW mit vielen anderen Kindern aus dem Osten nach Deutschland geflüchtet, doch die Verbindung zu Martin Blume bleibt zuerst unklar. Als diese jedoch fest steht und die Ermittlungen wieder Schwung aufzunehmen scheinen, wird Georg und Max der Fall plötzlich entzogen und an das BKA übergeben.
Jahre später entschließen sich Georg und Max in Rente zu gehen. Doch der Fall um Martin Blume hat sie nie ganz los gelassen, so dass sie kurzerhand beschließen, die Ermittlungen privat wieder aufzunehmen. Doch sie stochern in einem tot geglaubten Wespennest, dessen Wirrungen und Wendungen sich erst nach und nach ergeben.

Ein deutsch-deutscher Kriminalroman. Hört sich erst mal komisch an. Über 20 Jahre ist es her, dass Die BRD und die DDR sich zu einem Land wieder vereinigt haben. Ich war 8 Jahre alt als die Mauer viel – außer an viele Fernsehberichte kann ich mich an kaum etwas erinnern. Auch die Zeit davor, eine Zeit, in der Deutschland getrennt war, kann ich mich nicht erinnern und ich hatte auch keinen Bezug dazu, wie z. B. Verwandte, die im Osten gelebt haben. Und wenn ich nun darüber nachdenke, dann kenne ich nur wenige Krimischriftsteller, welche die Zeit des Kalten Krieges aus Deutschland heraus betrachten. Eben keine Spionagegeschichten zwischen den Amis und Russen, sondern zwischen den Deutschen, zweierlei Deutschen, die zwischen diesen Großmächten eingeklemmt waren. Und so habe ich mich ganz besonders gefreut, dass „Inenodabilis“ dieses Thema aufgreift und mir näher bringt. Ich nutze Kriminalliteratur auch um etwas zu lernen. Ich will nicht belehrt werden, aber das Wissen, welches hier auf spannende Art und Weise eingearbeitet ist, sauge ich auf wie ein Schwamm.

Die deutsch-deutsche Geschichte ist nicht einfach – zu DDR-Zeiten dort totgeschwiegen, in der BRD wurde das auch gerne versucht, doch hier ist in den 60er/70er Jahren ja schon einiges aufgedeckt worden. Nun kann vieles was totgeschwiegen oder verheimlicht wurde nachgeschlagen und recherchiert werden. Das ist nicht einfach, es gibt eine Menge. Doch man merkt dem Buch an, wie viele Stunden Recherche hier drin stecken. Viele Begriffe sind jedem von uns geläufig, doch sollte das nicht so sein, gibt es Querverweise, die zu einem gut gefüllten Anhang führen, in dem Erklärungen, aber auch weiterführende Erläuterungen, Quellen u. ä. enthalten sind.

Nun aber keine Angst, das Buch ist ein Krimi und kein Geschichtsbuch. Die deutsch-deutsche Geschichte ist in eine spannende Spionagegeschichte rund um den verschwundenen Martin Blume gestrickt. Die beiden Ermittler, Georg Rosa und Max Reinhardt, dröseln mühevoll und immer wieder von Hindernissen ausgebremst, Stück für Stück auf, um sich dann zu fragen, ob die Aufdröselung überhaupt die Wahrheit ans Licht gebracht hat oder sie getäuscht wurden. So ist das, wenn man sich in den Dunstkreis von Spionen aus aller Herren Länder begibt, die sich hier in Deutschland getummelt haben – zusätzlich zu den Deutschen, die auch nicht unbeleckt waren. Und so weiß man nicht, wer für wen spioniert, aber noch viel weniger, ob der nicht schon längst wieder für jemand anderen spioniert. Ein Verwirrspiel par excellence!

Zugegeben, die Ermittler – Rosa und Reinhardt, aber auch deren Frauen, die leider nur schmückendes Beiwerk sind, und die amerikanische Unterstützung Benjamin Todt und Joe Black –  blieben für mich etwas farblos, vielleicht weil man von so vielen anderen Krimis schon gewohnt ist, dass das Privatleben der Ermittler immer eine Rolle spielt. Doch ich habe das private Geplänkel nicht vermisst. Ich war völlig damit beschäftigt, den entwirrenden Fäden (die sich hinter mir wieder verwirrt haben) zu folgen und nebenbei deutsch-deutsche Geschichte aufzunehmen. So gibt es auch keinen Showdown am Ende, doch immer wieder Höhepunkte in der Geschichte, wenn ein Stück entwirrt wurde und man ist kontinuierlich an der nächsten Auflösung dran. Besonders gut hat mir im Übrigen der Epilog gefallen – der wieder alles auf den Kopf stellt, was man vorher als wahr und definitiv angesehen hatte.

Zum Abschluss muss ich noch einen Punkt erwähnen. Der Schreibstil, auch wenn er ein wenig weitschweifig war und knackiger sein könnte, hat mir gut gefallen, doch leider hat das Buch noch einige Grammatik-/ Rechtschreib- bzw. Tippfehler, die der letzten Korrektur wohl entgangen sind. Mich hat es beim Lesefluss nicht gestört, aber sie sind mir halt doch aufgefallen. Aufgrund der Veröffentlichung in einem Selfpublisher-Verlag (Book on Demand) habe ich jetzt allerdings die Möglichkeit, das Buch nochmal zu lesen und diese Fehler aufzuspüren. Das Feedback werde ich dann dem Autor zur Verfügung stellen und schon die nächsten bestellten Bücher – nachdem die Korrekturen dann an den Verlag gegangen sind – werden eine korrigierte Version enthalten. Ich würde mich freuen, wenn ein paar von Euch auch in das Buch hineinschnuppern, ich rate allerdings dazu, noch ein paar Tage zu warten, bis die Korrekturen umgesetzt sind, damit diejenigen unter Euch, welche sich durch ein paar Fehler im Buch stören, sich dadurch nicht vom tollen Inhalt abhalten lassen.

Fazit:
Interessanter Einblick in die deutsch-deutsche Geschichte und das Geschäft mit der Spionage kombiniert mit einer spannenden Ermittlung, die versucht Licht in das Dunkel zu bringen. Empfehlenswert!


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Mit viel Physik: Quantum – David Walton

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David Walton – Quantum
Verlag: Heyne
Übersetzer: Norbert Stöbe
381 Seiten
ISBN: 978-3453317635

 

 

 

 

Manchmal, ja, manchmal da komme ich mir dumm vor. Oder zumindest unwissend und uninformiert. Immer wenn ich Krimis lese, in denen sich die Handlung um politische oder geschichtliche Ereignisse dreht über die ich nichts oder fast nichts weiß, aber auch wenn über andere Länder oder Kulturen berichtet wird, die ich nicht kenne. Aber ich sehe das durchaus positiv – man kann schlicht und einfach nicht alles wissen und wie langweilige wäre es, wenn man schon alles wüsste? Ich lerne gerne aus Krimis. Ich muss allerdings zugeben, dass ich selten aus Thrillern lerne. Da ist dann doch der Fokus anders, es geht mehr um Spannung. Aber wenn man sich eben einen Science-Thriller aussucht, dann kommt man nicht umhin, auch hier etwas zu lernen. Oder dumm aus dem Buch zu gehen – so wie ich. Sorry, aber Physik war noch nie meins. Äpfel fallen eben auf den Boden – ja und? Nichtsdestotrotz hat mein Unwissen mich nicht daran gehindert, mich mit „Quantum“ gut unterhalten zu haben. Und spannend ist er obendrein noch.

Jacob Kelley ist Physikprofessor an einer kleinen Uni und lebt mit seiner Familie, seiner Frau Elena und seinen drei Kindern, ein beschauliches Leben. Aus der Forschung hat er sich zurückgezogen, auch wenn er durchaus bahnbrechende Erfolge gefeiert hat. Als dann eines Tages sein alter Arbeitskollege Brian Vanderhall vor der Tür steht und behauptet Quantenintelligenzen gefunden zu haben, kann Jacob das nicht glauben, auch nicht, als Vanderhall auf Elena schießt und die Kugel sie nicht verletzt. Vanderhall lässt Jacob und Elena verwirrt zurück. Kurz darauf wird Jacob wegen Mordes verhaftet – an Brian Vanderhall. Doch wie soll das möglich sein? Zu dem Zeitpunkt, als Vanderhall an einem völlig anderen Ort von ihm, Jacob erschossen worden sein soll, waren sie alle in Jacobs Wohnzimmer und sprachen über Quantenintelligenzen.

Und dann wird es kompliziert. Noch komplizierter? Ja, genau, noch komplizierter. Ich kanns auch nicht erklären, wobei sich der Autor wirklich Mühe gemacht hat und immer wieder Erklärungen eingebaut hat – er kann wirklich nichts dafür, dass ich ein völliges Unverständnis von Physik habe und schon gar nicht darüber hinaus denken kann. Es war auch keinesfalls langweilig oder belehrend – es war immer gut in die Handlung integriert. Jedenfalls gibt es dann zwei Jacob Kelleys. Einen, der für den Mord an Brian Vanderhall verhaftet wurde und eine Gerichtsverhandlung durchstehen muss. Und einen, der nicht verhaftet wurde, sondern sich versteckt und gleichzeitig versucht, zu lösen, worum sich Brian Vanderhalls Forschung gedreht hat und wo seine Familie ist, die durch einen Vorfall verschwindet. Ich könnte jetzt beginnen zu versuchen zu erklären, warum es plötzlich zwei Jacob Kelleys da sind (er ist übrigens nicht der einzige, der zweimal da ist), aber ich erspar Euch das – ich kann es eh nicht.

Aber dieses Konstrukt von den zwei Jacobs – im Buch sind die Kapitel übrigens durch die Bezeichnungen Up-Spin und Down-Spin voneinander zu unterscheiden, was bestimmt auch ein toller Hinweis ist, den ich nicht verstehe – macht die Geschichte unglaublich spannend und abenteuerlich. Die Gerichtsverhandlung offenbart nach und nach Jacobs Erlebnisse, der zweite Jacob sucht derweil das Rätsel dahinter zu verstehen und zu verarbeiten. Abwechselnde Kapitel haben ja schon immer für Spannung gesorgt, da die Handlung in dem einen Strang vom anderen unterbrochen wird usw. Nun haben wir aber zwei verschiedene Stränge mit ein und derselben Person – verwirrend, aber aufregend. Und dann gibt es eben noch nebulöse Schattenwesen, eine Freundin und eine Verräterin, einen Pfarrer und zwei Töchter, also eigentlich drei, aber nur zwei identische. Argh – ich lass das jetzt. Ihr lest einfach das Buch. Basta.

Fazit:
Von der physikalischen Sicht her für mich völlig unverständlich (ist aber meine Schuld!), aber durch zwei identische Hauptfiguren in Abwechslung und die abenteuerliche Suche nach der Lösung hinter dem Rätsel spannend und unterhaltsam!


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Krimi-Leserunde: »Johnny Porno« von Charlie Stella — WortGestalt-BuchBlog

Morgen startet eine Leserunde zu “Johnny Porno”, an der ich teilnehme – wer gerne mitlesen will, ist herzlich willkommen, ob Blogger oder Leser!

Die Runde findet bei Philly von Wortgestalt statt – in dem u. a. Beitrag könnt ihr die Leseabschnitte, die Kommentare und die Mitmachenden finden.

Wir freuen uns über weitere Teilnehmer!

Eine Leserunde hier auf dem Blog funktioniert ganz ähnlich wie ein Buchklub, nur online und in loser und wechselnder Zusammensetzung. Egal ob Blogger oder Leser, wer sich einer Leserunde hier spontan anschließen und mitlesen möchte, ist immer herzlich willkommen. Für Der Beitrag Krimi-Leserunde: »Johnny Porno« von Charlie Stella erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über Krimi-Leserunde: »Johnny Porno« von Charlie Stella — WortGestalt-BuchBlog


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Kurzweilig: Chicken Highway und… – Elisabeth Herrmann

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Elisabeth Herrmann – Chicken Highway und drei weitere Krimi-Hörspiele
Verlag: der Hörverlag
Sprecher: Sandra Borgmann, Martin Reinke, und viele andere
Laufzeit: ca. 3 Stunden 33 Minuten
ISBN: 978-3844521023

 

 

 

Ich gebe zu, ich bin jetzt kein großer Elisabeth Herrmann Fan. Ich hab schon ein, zwei Bücher von ihr gelesen, aber mehr dann doch nicht. Allerdings bin ich ein großer Hörspiel Fan und freue mich immer, wenn ich passende Hörspiele für mich finde – sprich, natürlich am besten im Krimi-Genre. So nun mal wieder geschehen mit der vorliegenden Hörspielbox von Elisabeth Herrmann, die vier Hörspiele rund um die Hauptkommissarin Bettina Breuer und den Pianisten Jac Garthmann , enthält. Diese entstanden in den letzten 6 Jahren im Rahmen des Radio Tatorts für den NDR. Ok, ich muss wohl auch noch zugeben, dass ich absolut kein Tatort Fan bin. Jetzt muss ich allerdings meine Meinung ändern – zumindest im Hinblick auf den Radio Tatort. Im Übrigen gibt es jeden Monat einen neuen Radio Tatort und hier geht es zur Webseite mit mehr Informationen dazu.

Hier die Fälle kurz im Überblick:
Chicken Highway
Es geht – überraschenderweise – um Hühner. Der Tierarzt Jens Thomae, den die Behörden schon für den Vertrieb von illegalen Antibiotika im Auge hatten, wird erschlagen aufgefunden. Kurz vor seinem Tod scheint er eine 180° Wendung hingelegt zu haben – zum Tierschützer. Wer hatte den Tierarzt auf dem Kieker? Tierzüchter oder Tierschützer?

Das Grab der kleinen Vögel
Jac Garthmann ist auf Kur und lacht sich munter zwei, drei Kurschatten an. Als eine der Damen Selbstmord über den Balkon begeht, kann er das nicht so recht glauben. Die reiche Juwelierswitwe sah so gar nicht depressiv und mitgenommen aus, sondern genoss das Leben in vollen Zügen. War es etwa Mord? Jac requiriert die unwillige Bettina Breuer.

Schlick
Bettina geht auf Kreuzfahrt. Eingeladen von einer Freundin, die auf der Shangri-La, dem Schiff, arbeitet, freut sich Bettina auf die Auszeit. Doch dann verschiebt sich der Auslauf des Riesen, da der erste Offizier des Schiffes verschwunden und die Band nicht angekommen ist. Vorerst kann Bettina nur bei der Band aushelfen – natürlich kommt Jac mit seinem Ensemble gerne – doch auch das zweite Problem kriegt Bettina gelöst.

Versunkene Gräber
Sigmar Schwerdtfeger ist schon länger im Visier von Bettina Breuer – als Kurierfahrer schmuggelt er höchstwahrscheinlich Zigaretten. Doch dann wird er tot aufgefunden – Raubmord. Das kann Bettina nicht glauben und macht sich nach Polen auf. Zwischen Immobilien und Gräbern stöbert sie, gemeinsam mit Jac, und scheucht Gespenster auf.

Eine Hauptkommissarin, die einen Pianisten in die Ermittlungen einbindet? Ja, ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig, aber es funktioniert. Derweil Bettina Breuer die Ermittlungen durchführt, wird Jac ins „Milieu“ eingeschleust. Von Kaffeekränzchen bis zum polnischen Bier – wenn man ohne Dienstausweis und ohne Fragen zu stellen mit den Leuten quatscht kann man natürlich auch das ein oder andere erfahren. Aber natürlich funktioniert das nur in Kombination – die Ermittlerin geht nicht ohne den Pianisten und schon gar nicht umgekehrt. Jac ist dann auch eher der gemütliche, während Bettina mitunter ungeduldig ist oder auch schon mal jemanden anherrscht. Sie lässt sich nicht verkohlen und bohrt und bohrt und… Alles Eigenschaften, die ihr Ecken und Kanten verleihen, aber natürlich hat sie auch sympathische Seiten.

Die Fälle sind ganz normale Kriminalfälle, doch genau das richtige für Zwischendurch. Am besten hat mir „Chicken Highway“ gefallen und am Anfang, als ich mir die Box geholt habe, habe ich noch gedacht, dass alle Fälle mit Hühner zu tun haben – die sind ja auch schließlich auf der Box drauf. Aber das ist nicht so, die Gemeinsamkeit ist der Norden und natürlich die beiden Ermittler. Die Fälle sind alle so ca. 45 – 50 Minuten lang und durch den Hörspielcharakter wie im Fluge vorbei. Ich mag es einfach, wenn ab und an auch mal Geräusche vorkommen und nicht immer alles erzählt werden muss. Auch Stimmungen – z. B. wenn Bettina Breuer eben mal der Kragen platzt und es lauter wird – sind bei Hörspielen einfach immer eingängiger für mich. Im Buch empfinde ich da anders, aber mitunter finde ich Hörbucher doch langatmig – ein langatmiges Hörspiel habe ich dagegen noch nicht gehabt. Auch die verschiedenen Sprecher bringen Abwechslung und ich hatte, vor allem bei den Protagonisten, gleich immer eine Figur vor Augen – die im Übrigen überhaupt nicht so aussehen wie die beiden Sprecher Sandra Borgmann und Martin Reinke. In einem Hörspiel brauch ich gar keine Beschreibung der Charaktere – die Stimmen reicht völlig aus.

Fazit:
Wer gerne Krimihörspiele hört, sollte hier gerne mal zugreifen: kurzweilige Unterhaltung mit einem ungewöhnlichen, aber stimmigen Ermittlerpaar zwischen Hühnern, Schiffen, Omis und polnischen Friedhöfen.


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Glück und Verderben: Wolfsspinne – Horst Eckert

978-3-8052-5099-3
Horst Eckert – Wolfsspinne
Verlag: Wunderlich
496 Seiten
ISBN: 978-3805250993

 

 

 
Schon seit ich das Buch bei leserunden.de entdeckt habe, bin ich um es herumgeschlichen. Ich hatte noch kein Buch von Horst Eckert gelesen und hab ja auch schon mal nicht so gute Erfahrungen gemacht, wenn ich in der Mitte einer Krimireihe eingestiegen bin. Sollte ich es also wagen, die Reihe um Vincent Che Veih, Hauptkommissar in Düsseldorf, erst mit dem dritten Band zu beginnen? Zum Glück habe ich mich kurz vorher noch mit einem Bloggerkollegen unterhalten, der mir die Reihe wärmstens empfohlen hat, denn sonst wäre mir dieser außerordentliche Thriller durch die Lappen gegangen.

Vincent Veih ermittelt im Fall der ermordeten Melli Franck, der Besitzerin eines In-Restaurants, als er ausgebremst wird und den Fall an seine Mitarbeiterin Anna verliert. Man wirft ihm vor, bei einer Demo handgreiflich geworden zu sein, dabei hat er sich nur gewehrt. Doch das will keiner hören. Vincent lässt sich den Fall aber nicht aus der Hand nehmen und hat noch einige Kollegen, die auf seiner Seite stehen.
Ronny, ein V-Mann des Verfassungsschutzes, der jahrelang im NSU eingeschleust war, hat einen neuen Fall. Er bespitzelt die Bischoffs, eine Familie mit einer Reihe von Imbisslokalen, bei denen vermutet wird, dass sie in ihren Buden Drogen verkaufen. Doch Ronny merkt schnell, dass auch die Rechten nicht weit entfernt sind und er sich seiner Vergangenheit stellen muss.

Vincent Che Veih hat nicht nur einen ungewöhnlichen Namen, sondern auch eine spektakuläre Familiengeschichte zu bieten: der  tote Großvater ein Nazi, aber auch Polizist, die Mutter eine RAF-Terroristin, mittlerweile auf freiem Fuß und in Asylfragen engagiert, die Ex-Freundin, bald wieder Freundin, die ihn auf die Demo mitgenommen hat, die ihm dann den Ärger beschert. Fast schon an ein Wunder grenzt es, wie normal Vincent ist. Loyal zu seinem Team, offen für alle Hinweise und Ermittlungsansätze  –  und sich auch nicht zu schade, die Biotonne zu durchwühlen. Recht und Gerechtigkeit sind ihm wichtig, zu seiner Mutter hat er ein gespaltenes Verhältnis. Vincent ist ein „guter Bulle“ und zeigt doch Vielschichtigkeit, seine Teilnahme an der Demo überrascht selbst seine Mutter, die ihn gerne ins Lager der Konservativen steckt.

Ronny hat als V-Mann quasi nur seinen Verbindungsoffizier Bastian Schwenk. Naturgemäß hat er keinen Kontakt zu Familie oder Freunden, wenn denn welche übrig sind. Doch Ronny war jahrelang für den Verfassungsschutz tätig, hat Taten ausgeführt, die er lieber ungeschehen machen würde und sehnt sich nach einem normalen Leben: einem Einkaufsbummel, einem Schreibtischjob, einer Freundin. Normale Dinge eben, nichts Kriminelles. Doch abhängig von Schwenk, den er als einzigen Freund ansieht, lässt er sich wieder auf eine verdeckte Ermittlung ein.

Zwei Handlungsstränge verzwirbelt der Autor hier geschickt miteinander. 2011 verfolgen wir Ronny in seiner Rolle bei der NSU, 2015 ermittelt Vincent in dem Mordfall und Ronny ist erneut undercover. Die abwechselnden Erzählstränge treiben die Story voran, wenn auch der Kriminalfall um Melli Franck dabei etwas unterzugehen droht, was auch an Vincents persönlichen Problemen wegen der Demo liegt. Der Fokus liegt auf dem Hauptthema „NSU“ und so stellt Ronnys Erzählstrang Vincents Ermittlungen mitunter in den Schatten. Was bei Vincent im Drogenmilieu beginnt, zieht seine Kreise bis in die Vergangenheit und vermischt die Geschehnisse rund um den NSU mit einer fiktiven Version um die ungelösten und immer noch nicht klaren Vorgänge um die Ermittlungen gegen die NSU. Die Namen sind verändert, doch wer sich mit dem Thema befasst hat, kann hier die Hauptakteure erkennen. Komplex und hintergründig webt der Autor ein Bild, welches man erst zum Ende hin erkennt, in dem man erst spät die Geschehnisse alle miteinander zu kombinieren weiß und den Knoten lösen kann.

Ich muss zugeben, ich bin im Moment noch skeptisch gegenüber Vincent Veih – er scheint mir einfach zu gut für die Welt. Doch ich kenne ja die ersten Teile nicht und vielleicht hat er ja da ein paar Macken offenbart oder tut dies noch in den nächsten Teilen, denn soviel darf ich bestimmt verraten: der Autor tippt schon am nächsten Band. Auch die Beteiligung an der Demonstration, bzw. die Konsequenzen hiervon nehmen doch einen guten Teil des Buches ein, so dass der Mordfall ein wenig kurz kommt. Den Ausgleich schafft der Erzählstrang rund um Ronny – ob nun 2011, eingeschleust bei der NSU, oder 2015, verdeckt im Drogenmilieu. Es bleibt ein spannender Plot rund um das politisch hochbrisante Thema der NSU, den Verfassungsschutz und das unglaublich gefährliche und anstrengende Leben von V-Leuten, gewürzt mit Drogen, Geld und rechtspopulistischem Gedankengut.

Die Natur des Kriminalfalles ist es, sich mit den Tätern zu beschäftigen, und so bleiben die Opfer oft unerwähnt, doch diesem Umstand hat der Autor ein Schnippchen geschlagen, denn der Anfang und das Ende ist den Opfern gewidmet und verleiht dem Buch somit eine stille Tiefe, die mich als Leser mehr bewegt hat als jegliche Aufarbeitung der Täterprofile es je könnte. Ein Kniff, der dem Krimi das gewisse Extra verleiht.

Fazit:
Politisch brisant, mitreißend geschrieben und mit ausgefeilten Charakteren – der neue Fall von Vincent Veih pendelt zwischen Drogen und NSU, Demo und Familiengeschichte und zeichnet ein mögliches, fiktives Bild der Vorfälle rund um den NSU. Äußerst spannend!
Dies wird ganz sicher nicht mein letzter Vincent Veih sein.


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Inafizierung: Lügenland – Gudrun Lerchbaum

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Gudrun Lerchbaum – Lügenland
Verlag: Pendragon
424 Seiten
ISBN: 978-3865325501

 

 

 

 

Erschreckend, beklemmend, düster.
Zurzeit befinde ich mich in der Stimmung,  um des Öfteren einen Blick in die Zukunft zu wagen. Technologische Neuerungen, politische Veränderungen, ökologische Einflüsse – egal, welches Buch man hier heranzieht, die Zukunft ist dunkel. Zappenduster um genau zu sein. Und das Schlimme daran ist, wir reden hier nicht von weit entfernten Zukunftsszenarien mit Aliens oder Robotern oder von einer weit, weit entfernten Zukunft. Nein, es geht um Blicke in eine nahe Zukunft. Blicke, die noch unsere jetzige Gegenwart im Gepäck haben und uns aufzeigen, wie die Welt sich entwickeln könnte, wenn wir Gedanken, Strömungen und Ideen, die hier und jetzt bestehen, weiter verfolgen. Und genau so verhält es sich auch mit Gudrun Lerchbaums Politthriller “Lügenland”. Es ist ein sehr naher Blick in die Zukunft, den man sich erschreckend gut vorstellen kann.

Mattea Inninger, vor kurzem noch Soldatin, feiert mit zwei Freundinnen ihren letzten Abend in Freiheit, bevor sie in eine arrangierte Ehe schlittert, als sie bei einem Vorfall ihre Freundin erschießt. Von der anderen Freundin verraten, muss sie fliehen. Im rechtspopulistischen Österreich, welches eine vollständige Überwachung über seine Bewohner installiert hat, keine einfache Sache. Sie wird eine „Wertlose“, jemand, der kein elektronisches Armband mit Ausweis, Geld und Telefon mehr besitzt, jemand der wertlos für den Staat ist. (Un)Glücklicherweise sieht Mattea auch noch der im ganzen Land gesuchten Terroristin Ina Matusek sehr ähnlich, so dass sich ihre Flucht um einiges erschwert – aber auch erleichtert. Sie taucht bei den Revolutionären unter – als Ina Matusek.

Ob kunstverseucht, ob bipolar, ob süchtig oder unfruchtbar – die rechte Waffe in der Hand macht euch zum Teil der Heldenschar!“ (S. 11)

Europa ist zerbrochen, Österreich hat seine Grenzen mit einer Mauer abgeschottet. Jegliche Nicht-Österreicher wurden vertrieben, jeder trägt ein Armband und ist damit jederzeit auffindbar. Der Präsident ist überall sichtbar, als Hologramm oder in den Gedanken der Menschen. Dieses Österreich hat es geschafft, die Propaganda von Hitler nochmal zu toppen und diese Sprüche in den Gehirnen ihrer Bewohner zu installieren und zu automatisieren. „Es heißt Demokratur und nicht Diktatur […] und sie hat uns den Arsch gerettet, knapp vor dem Untergang des Abendlandes“ (S. 105) Man darf nicht unterschätzen, dass das Leben in einer Diktatur, ehm, Verzeihung, natürlich Demokratur Sicherheit und Schutz verspricht und Kontrolle gewährt. Natürlich ist das nur der schöne Schein, doch das Leben in Österreich ist für deren Bewohner normal, man hält sich an die Regeln, bestätigt mit einem Spruch und dient dem Vaterland. So wie Mattea: erst als Soldatin, nun als gute Ehefrau, bald als Mutter.

Was mich oft an Protagonisten von Zukunftsromanen stört, ist, dass sie relativ schnell und konsequent gegen das System aufbegehren, auch wenn sie es vorher akzeptiert haben, denn dies lässt sie unglaubwürdig und wankelmütig erscheinen. In Mattea begegnet man zuerst der getreuen Soldatin, die für ihr Vaterland kämpft und die Propaganda im Schlaf beherrscht, die den Kanzler und die Demokratur mit harschen Worten verteidigt. Doch ihre ungewollte Flucht und ihr Unterschlupf bei den Revolutionären zeigt ihr die Schattenseiten der gut funktionierenden Maschinerie und das Umdenken beginnt. Langsam und mit vielen Rückschlägen – sogar noch sehr spät im Buch fragt sie sich, ob sie die Revolutionäre nicht lieber verraten soll und in den Schoss des Landes zurückkehren soll. Ihre Gedanken fechten Grundsatzdiskussionen aus und es fällt ihr schwer, die Wahrheiten, die sie erfährt, zu verarbeiten oder die Leichtigkeit, mit der die Revolutionäre nicht ansprechbare Themen diskutieren, zu verkraften. Dieser Kampf, die jahrelange Indoktrination zu durchbrechen, untermauert ihre Zwiespältigkeit und wirkt unglaublich realistisch. Es steht quasi immer auf der Kippe, so dass man nie weiß, wie Mattea in einer Situation entscheidet. Noch glaubwürdiger wird sie für mich durch die Tatsache, dass sie ihre Freundin erschießt. So unglaublich dies klingt, aber es macht sie menschlicher, es verleiht ihr Tiefe und macht sie somit zu einem Menschen, der eben nicht nur gut oder böse ist, sondern viele Seiten hat. Man mag sie dafür vielleicht nicht unbedingt mögen, aber man respektiert sie, man glaubt ihr.

Das Rahmen ist beklemmend, die Protagonistin unglaublich realistisch und der Sprachstil? Sehr eindringlich und das nicht nur, weil die Autorin ihr Buch mit Propaganda-Sprüchen gepfeffert hat, sondern weil es einen zwingt, gemeinsam mit Mattea darüber nachzudenken. Nachzudenken, wie eine Zukunft aussieht, die von den Rechten bestimmt wird, die einem die Kontrolle über das eigene Leben nur vorgaukelt, die Errungenschaften der Globalisierung verpuffen lässt. Keiner will in Schubladen gestopft werden und trotzdem etikettieren wir jeden Menschen und ordnen ihn in Kategorien: Mann, Frau, weiß, schwarz, deutsch, chinesisch…. Solange wir hier nicht dazu gelernt haben, ist es unbedingt notwendig, dass es Autoren wie Gudrun Lerchbaum gibt, die uns vor Augen führen, wohin unsere Engstirnigkeit uns führen kann. Lernen wir was draus. Machen wir es anders, vielleicht besser, aber auf jeden Fall anders. Und zwar jetzt, nicht erst in der Zukunft.

„Die Geschichte hat vielfach bewiesen, dass Mauern keine langfristigen Lösungen sind. Jede Mauer wurde irgendwann überrannt oder niedergerissen, meist nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten, manchmal erst nach Jahrhunderten. Grenzen, Nationen, Rassen, das sind überholte Kategorien in einer Welt, die man innerhalb von zwei Tagen umrunden kann.“ (S. 281)

Fazit:
Auch wenn es erst September ist – „Lügenland“ wandert schon mal unverrückbar in meine Top 5 für 2016. Das Buch ist nicht nur ein beklemmender Blick in die Zukunft, sondern auch die Protagonistin war ganz nach meinem Gusto. Unbedingt zugreifen, lesen und darüber nachdenken. Absolute Leseempfehlung!