Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Erpresser oder Ermittler?: Drei am Haken – Lawrence Block

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Lawrence Block – Drei am Haken
Übersetzer: Stefan Mommertz
200 Seiten
ISBN: 978-1537402284

 

 

 

 

Beim ersten neu übersetzten Buch der Matthew Scudder Reihe ist es mir ja nicht gelungen, eine Rezension zu schreiben. Manchmal ist einfach viel los im Leben. Und ich hab das sehr bedauert, denn gerade diese Reihe sollte bekannt gemacht und weiter empfohlen werden, denn diese Reihe wird durch Lawrence Block in Zusammenarbeit mit den Übersetzern Stefan Mommertz und Sepp Leeb in Eigeninitiative neu übersetzt und veröffentlicht. Dieses Projekt kann sich in Gänze – also mit allen Übersetzungen der 16 Romane und 10 Kurzgeschichten rund um Scudder – nur lohnen, wenn die Bücher genügend Abnehmer finden. Jetzt ist es natürlich so, dass ich dies nicht ohne Grundlage empfehle, nein, mir hat der erste Teil “Die Sünden der Väter” außerordentlich gut gefallen und er hat es in meine Top 11 für 2016 geschafft. Mit “Drei am Haken” legt der Autor nun den zweiten Teil nach – und das mit einer ungewöhnlichen Geschichte, aber nicht minder spannend.

Jake Jablon, genannt “Schnipser”, hat für Matthew Scudder einen skurrilen Auftrag. Seit der Schnipser in eine gefährlichere Branche gewechselt ist – vom Polizeispitzel zum Erpresser – fühlt er sich bedroht und fürchtet um sein Leben. So bittet er Scudder, sollte er sterben, seinen Tod zu untersuchen und herauszufinden, wer ihn umgebracht hat. Er übergibt ihm einen Umschlag, welchen Scudder nach seinem Tod öffnen soll, und ein Honorar. Und so kommt es, wie es kommen muss: der Schnipser geht baden, mit eingeschlagenem Schädel. Zwar mit einigem Zögern, aber eben doch mit einer Verpflichtung macht sich Scudder an den Fall und öffnet den Umschlag, in dem Schnipser die drei nennt, die er am Haken hatte. Nur einer davon kann der Täter sein, doch die anderen wollte Schnipser unbescholten lassen. Kurzerhand schlüpft Scudder in die Rolle des Erpressers, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Wie? Was? Scudder als Erpresser? Geht ja gar nicht.
Oder doch?
Doch geht – und geht auch gut. Es ist ja sehr ungewöhnlich, wenn ein Ermittler – Privatdetektiv ist Scudder nämlich keiner, denn er hat keine Lizenz – in die Rolle eines Verbrechers schlüpft. Doch das ist ja nur eine Kuriosität in dem neuen Fall von Scudder. Denn es ist schon äußerst selten, dass das Mordopfer selbst einen Ermittler beauftragt, seinen eigenen Mord zu untersuchen. Scudder kennt Schnipser schon aus seiner Zeit als Polizist, trifft ihn nun häufig in seiner Stammkneipe, wenn er vor seinem mit Bourbon verstärkten Kaffee sitzt. Viel hat Scudder nicht zu tun, kein Job, der ihn hindert, die Ex-Frau und Kinder weit weg. Keine Verpflichtungen, keine Verantwortung. Aber er lebt nach seinen eigenen Regeln.

 „Der Schnipser wurde mit dem Tag, an dem sich für ihn der Erfolg einstellte, zu einem versicherungstechnischen Risiko. Erst Ärger und Magengeschwüre, dann ein eingeschlagener Schädel und ein ausgiebiges Bad.“ (Kapitel 3)

Eigentlich ist Schnipser ja auch ein Guter. Zuerst ein Polizeispitzel wird er dann konsequenterweise zum Erpresser – er ist ja immer noch ein Meister darin, Informationen aufzuschnappen. Und als Erpresser hat er davon ja doch mehr, als wenn er für die Polizei spitzelt. Ein erfolgreicher Erpresser war er auch. Und zudem einer, der nicht unmäßig gemein ist, denn der Schnipser beauftragt Scudder, um zwei seiner Erpressungsopfer vor Aufdeckung zu schützen. Denn schließlich hatte nur einer ihn umbringen lassen. Und Scudder soll nun herausfinden, welcher der drei der Übeltäter ist. Im Angebot haben wir einen Vater, der den alkoholisierten Autounfall seiner Tochter mit Fahrerflucht und Todesfolge für ein kleines Kind, verdecken will; eine alternde Filmdiva, die ihre Karriere mit anderen Filmchen begonnen hat und dies vor ihrem reichen Ehemann geheim halten will; und ein Gouverneurskandidat, der auf kleine Jungen steht.

Ich muss leider gestehen, dass ich mit meinem Tipp, wer der aussichtsreichste Kandidat für den Mörderposten war, recht hatte, nichtsdestotrotz macht es einfach Spaß, mit Scudder durch die Bars der Stadt zu ziehen. Auch als Leser weiß man nie, was er sich gerade denkt, was er gerade im Gespräch schon für Informationen heraus bekommen hat und drei Ecken weiter gedacht hat. Seine Menschenkenntnis lässt ihn diesmal ein wenig im Stich, so denkt er sich einige Mal, jetzt endlich den Täter entlarvt zu haben, bevor ein weiterer Mordanschlag auf ihn verübt wird. Meine richtige Vermutung tat der Spannung jedoch keinen Abbruch und ich muss einfach zugeben: ich mag Matthew Scudder. Er darf ruhig noch in ganz vielen Fällen ermitteln – und ich bitte darum, diese auch ins Deutsche zu übersetzen!

„Es gibt gewisse Dinge, die ich tue, ohne zu wissen warum. Dazu gehört, den Zehnten zu zahlen. Ein Zehntel von allem, was ich verdiene, geht an die Kirche, die ich besuche, nachdem ich das Geld bekommen habe.“ (Kapitel 5)

Fazit:
Ein Opfer, welches seine Mordermittlung in Auftrag gibt und ein Ermittler, der in die Rolle des Erpressers schlüpft – ungewöhnlich und kurios, aber spannend und gekonnt. Ein Matthew Scudder Fall eben.

 

P.S.: Mein absolutes Lieblingswort seit der Lektüre von “Drei am Haken” ist übrigens “beaugapfelt”. Wundervoll!

 

P.P.S.:  Ich habe es ja schon erwähnt, aber ich bin nicht müde, das weiterhin zu tun: Lawrence Block gibt momentan die Matthew Scudder Reihe neu heraus, gemeinsam mit den Übersetzern Stefan Mommertz und Sepp Leeb. Und damit das weiterhin so bleibt: kauft Euch die Bücher!
Wer jetzt nicht sicher ist, der kann reinschnuppern, denn es gibt auch schon 3 neu übersetzte Kurzgeschichten rund um den Ermittler. Hier mal eine Liste über alle neu erschienenen Titel mit Matthew Scudder:

Die Sünden der Väter (1)
Drei am Haken (2)
Mitten im Tod (3)
A Stab in the Dark (4) (Übersetzung noch in Arbeit)
Acht Millionen Wege zu sterben (5)
Nach der Sperrstunde (6)

Kurzgeschichten:
Aus dem Fenster (1)
Eine Kerze für die Stadtstreicherin (2)
Im frühen Licht des Tages (3)


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Hü und hott: Schwesterherz – Felix Francis

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Felix Francis – Schwesterherz
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Malte Krutzsch
398 Seiten
ISBN: 978-3257243499

 

 

 

 

Pferderennen – ein Thema, mit dem ich wenig bis wirklich gar nichts anfangen kann. Gibt’s sowas überhaupt in Deutschland? Mir fällt da spontan nur Ascot ein…  Aber tatsächlich gibt es in Deutschland doch einige Trab- oder Galopprennbahnen, wie ich nach ein wenig Recherche herausgefunden habe. Für mich ziemlich überraschend, wobei ich eine Entschuldigung vorbringen kann. Die Zeit hat sich hier die Mühe gemacht und eine Deutschlandkarte mit den vorhandenen Pferderennbahnen versehen und in meinen Heimaten Franken & Baden-Württemberg ist anscheinend Pferderennen nicht so beliebt – es ist quasi der„grüne“ Fleck auf der Karte. Bezüglich Englands fallen mir aber weiterhin nur Ascot und viele hässliche Hüte ein. Damit war es das aber auch. Das hat sich nun aber gehörig geändert.

Mark Shillingford ist Kommentator von Pferderennen, sowohl direkt beim Rennen als auch im Fernsehen vertreten. Als er seine Schwester Clare, eine Jockey, beim letzten Rennen absichtlich langsam reiten sieht, spricht er sie beim gemeinsamen Abendessen an und verdirbt beiden den Abend. Ein Rennbetrug kann das Ende ihrer Karriere bedeuten, doch selbst Mark hat das Rennen mehrmals sehen müssen, um sich Clares Betrugs sicher zu sein. Einige Stunden später ist Clare tot – Selbstmord vom Balkon eines Hotels. Ist er schuld am Tod seiner Schwester? Hat er mit seiner Anschuldigung Clare in den Tod getrieben? Mark macht sich schwere Vorwürfe, doch so richtig kann er an die Selbstmordtheorie nicht glauben. Steckt etwa mehr dahinter und es war ein Mord?

Beide Shillingfords, im Übrigen Zwillinge, träumten schon als Kind vom Pferderennsport und einer Karriere als Jockey. Mark wurde allerdings zu groß und kräftig, so dass es nur Clare möglich war, diese Laufbahn einzuschlagen. Doch Mark bleibt in der Nähe – der Sport hat es ihm angetan. Der Vater der beiden ist nicht einfach, ihre Geschwister mehr als 10 Jahre älter, so dass die beiden Zwillinge noch näher zusammen rücken. Doch in letzter Zeit haben die beiden sich auseinander gelebt. Marks Entdeckung von Clares Rennmanipulation treibt einen Keil zwischen die beiden, da helfen auch die Nachrichten nicht, dass Clare seit Kurzem glücklich in einer neuen Beziehung ist. Nach dem Essen versucht Clare hin anzurufen und er geht nicht ran – dann stürzt sie vom Balkon. Oder wird gestoßen. Mark macht sich schwere Vorwürfe, aber auch sein Vater kämpft mit Schuldgefühlen.  Marks Zwiespalt zwischen seinen Schuldgefühlen und dem Wunsch, den Tod seiner Schwester aufzuklären ist deutlich zu sehen. Immer wieder wird er von seiner Trauer eingeholt, auch wenn ihn seine vertraute Umgebung, die Rennbahnen, an seinem Plan festhalten lassen.

Eigentlich ist sofort klar, dass wenn der Selbstmord keiner war, dann kann das Mordmotiv nur im Pferderennsport zu suchen sein. Und wer ist da besser geeignet, den Täter zu finden, als ein Beteiligter des Trubels? Die Polizei ist mit der Selbstmordtheorie sowieso ganz zufrieden (und der Inspektor gleich mal in Urlaub gefahren) und mehr Kenntnis im Rennsport als Mark Shillingford kann sie auch nicht aufweisen. Und so verbringt der Leser mit Mark seine Stunden auf den verschiedenen Pferderennbahnen, bzw. immer darüber, denn dort sitzen die Moderatoren und Kommentatoren. Man geht mit ihm zu Trainern, Jockeys und in Ställe, trinkt ein Gläschen mit den Pferdebesitzern und versucht auch nur ansatzweise die Pferdenamen und Jockey-Farben auseinander zu halten – natürlich vergeblich. Das überlässt man dann lieber den Profis, Mark zum Beispiel.

Ich persönlich lerne immer gerne etwas aus Büchern und auch diesmal wurde ich nicht enttäuscht. Der Pferderennsport ist mir so fern wie der Mond von der Erde und nach dem ersten Kapitel habe ich befürchtet, es bleibt so. Doch man kommt rein in die Welt der Pferderennen. Pferderennsport – ein Sport der Reichen? Auch. Klar sind die Besitzer oft sehr reich, doch es ist ein ganzer Tross, der daran beteiligt ist, ganz zu schweigen von denen, die auf die Pferde wetten. Ein spannender Einblick in eine ganz andere, mir unbekannte Welt: den Pferderennsport.

Natürlich fällt Mark mit seinen Fragen auf. Er stochert in verschiedenen Wunden, mehr nebenbei, aber doch penetrant. Er stöbert im Hotel und besorgt sich das Band der Überwachungskamera, tritt einigen Leuten dabei auf den Schlips und muss auch einige Anschläge auf sein Leben überstehen. Doch auch wenn dies aufregende Momente für Mark und den Leser sind, ist „Schwesterherz“ eher ein ruhiger, aber packender Krimi. Die Kombination des Kennenlernens und Austarieren einer für mich vorher fremden Umgebung gepaart mit einem Krimifall und dem bedächtigen, aber hartnäckigen Mark Shillingford haben mir tolle Lesestunden beschert.

Bitte aber nicht – wie ich – Felix Francis mit seinem Vater Dick verwechseln, einem Veteran im Krimi-Genre. Ob der Sohn in die Fußstapfen des Vaters passt, kann ich nicht beurteilen, da dies mein erster „Francis“ ist, allerdings widmen sich beide wohl ihrem Lieblingsthema: dem Pferderennsport.

Fazit:
Zwischen Pferden und Geld sucht Mark Shillingford den Mörder seiner Schwester – ein packender Kriminalfall im Pferderennsport, der es schafft, einem den Sport näher zu bringen. Fesselnd!


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Veranstaltungstipp: Talk Noir kommt nach Stuttgart!

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Ich ärgere mich ja oft darüber, dass der Süden Deutschlands, zumindest die schwäbische Hälfte, mit kriminell-literarischen Veranstaltungen unterrepräsentiert ist. Klar, auch hier gibt es Lesungen, doch die Krimi-Autoren, die mich so richtig, richtig dolle interessieren, verirren sich kaum in den Südwesten.

Just gerade wieder geschehen, denn ich bedaure es sehr, dass Stuttgart auf der Lesereise, die der Litradukt Verlag für Gary Victor organisiert, der Südwesten als blinder Fleck zurückbleibt. Die nächsten Stationen wären Mainz oder Augsburg – für mich allerdings beides nicht unter zwei Stunden Fahrtzeit zu erreichen (ohne Stau!). Und ein wenig ärgere ich mich über mich selbst, denn aus Versehen habe ich vor einigen Monaten eine Mail erhalten, in dem diese Lesereise organisiert wurde und Partner gesucht wurden. Ich habe die Mail falsch gelesen und das hat sich bereinigt, aber im Freundeskreis wurde ich gefragt, warum ich denn nicht nach einer Wohnzimmerlesung gefragt habe. Und ehrlich gesagt habe ich gekniffen – mit allen möglichen Ausreden: meine Wohnung ist viel zu klein und dann vielleicht fremde Leute in der Wohnung, weil so viele Leute kenn ich doch gar nicht und dann haste noch Stress, weil Du denkst, Du müsstest “Erfrischungen” vorbereiten – und was mach ich mit meinen 4 äußerst besucher-scheuen Katzen? Also hab ich es gelassen – aber heute bereue ich es, denn vielleicht hätte mein Interesse ja zumindest dazu geführt, dass Stuttgart zumindest in der engeren Wahl gewesen wäre oder sich doch noch eine Partnerbuchhandlung oder ähnliches gefunden hätte. Und auf eine nächste Lesereise zu warten und zu hoffen macht wenig Sinn – es wird wohl eine einmalige Chance sein, dass Gary Victor nach Deutschland kommt.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich empfehle jedem, der in der Nähe einer der Veranstaltungsorte der Lesetermine von Gary Victor wohnt, auch die Lesung zu besuchen! Tut es – macht Fotos – berichtet davon!
Für alle, die nicht in der Nähe wohnen oder ich (unverständlicherweise) nicht überzeugen konnte, bleibt natürlich noch die Lektüre der wunderbaren Inspector Azémar Krimis – just im März erscheint dann auch sein neuster Streich “Suff und Sühne” auf Deutsch.

So, bevor ich aber nun vollends abschweife, zum eigentlich Grund dieses Beitrags. Aufgrund des Engagements von Der Schneemann können wir nämlich bald in Stuttgart die Talk Noir Reihe begrüßen!
Ursprünglich initiiert wurde die Reihe von Wolfgang Franßen, dem Gründer des Polar-Verlags. Viele bekannte Namen aus den Verleger- und Kritikerkreisen dieser heiß-geliebten Krimis haben sich dort schon, neben dem Initiator selbst, getummelt. Mit dabei waren z. B. Else Laudan, das Herz und die Seele des Argument-Verlags, Thomas Wörtche, Krimikritiker und Förderer von den unterschiedlichsten Initiativen, u. a. Penser Pulp im Diaphanes Verlag oder auch der metro Reihe im Unionsverlag, oder auch Sonja Hartl, die vielen durch den Blog Zeilenkino bekannt sein dürfte.

Für das Stuttgarter Talk Noir hat Wolfgang Franßen nun nicht nur Alexander Roth, der hinter dem “Schneemann” steckt und auch für das CrimeMag schreibt an seiner Seite, sondern auch Frank Rumpel, dessen Krimikritiken bei u. a. bei SWR2 erscheinen und der auch einen Blog sein eigen nennt.

Besprochen und natürlich heiß diskutiert, mit ausdrücklich erwünschter Beteiligung des Publikums, werden die folgenden drei Titel:

978-3-498-00101-8Max Annas – Illegal
Inhalt: Kodjo lebt in Berlin, seit Jahren schon. Doch Spuren hinterlassen hat er nirgends. Seine Adresse wechselt so oft wie seine Gewohnheiten, Kodjos Tagesablauf wird von zwei Dingen bestimmt: Überleben. Nicht auffallen. Denn Kodjo ist illegal im Land. Der junge Mann aus Ghana kennt sämtliche dunklen Ecken der Großstadt. Weiß genau, wie er der Polizei entgeht. Tut alles, um unsichtbar zu sein – und um unsichtbar zu bleiben.
Dann kommt der Tag, der alles verändert: Von einem Abrisshaus aus beobachtet Kodjo einen Mord. Sieht den Täter davonfahren. Kodjo reagiert wie gewohnt: Verstecken, sich in Luft auflösen. Warten, dass der Mörder gefasst wird.
Doch der hat ihn gesehen. Und schickt dem unbequemen Zeugen seine Männer hinterher. Kodjo wird gejagt. Und die Polizei sucht den Mordverdächtigen: Einen jungen schwarzen Mann.


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Tom Bouman – Auf der Jagd
Inhalt: »In der Nacht, bevor wir die Leiche fanden, konnte ich nicht schlafen.« So beginnt die Geschichte des US-Dorfpolizisten Henry Farrell, Ex-Somalia-Kämpfer und Witwer, der sich auf einen gemütlichen Job in den gottverlassenen Wäldern im Nordwesten von Pennsylvania eingerichtet hat – und dort eine ganze Weile nicht zum Schlafen kommen wird. Die Einheimischen, dickschädelige, traditionsbewusste Nachkommen irischer Einwanderer, ernähren sich mehr schlecht als recht von dem, was das Land hergibt, ignorieren die Staatsmacht und pflegen ihre Waffen. Doch die Gemeinschaft wird nicht nur von mexikanischen Drogenkartellen und verborgenen Crystal-Meth-Küchen bedroht: Ein Fracking-Unternehmen setzt alles daran, die örtlichen Schiefergasvorkommen auszubeuten und lockt mit viel Geld für Grundstücke. Als einer der Einsiedler eine Leiche auf seinem Land findet, beginnt für Henry Farrell die Jagd nach dem Killer.

 

41ag3fuqnwl-_sx324_bo1204203200_Janis Otsiemi – Libreville
Inhalt: Ein Jahr vor den Wahlen wird Roger Missang, Journalist der Èchos du sud, am Strand von Libreville nahe dem Palast des Präsidenten der Republik mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden. Er hat kritisch über die Ermordung von Pacel Kurka, dem Sicherheitschef der gabunischen Verteidigung, berichtet. Wegen seiner kritischen Untersuchungen über die heimlichen wirtschaftlichen Beziehun­gen in Ghana war er den Mächtigen des Landes ein Dorn im Auge. Er prangerte hemmungslos die Korruption an. Für die Presse ist sein Tod offensichtlich ein politischer Mord. Mit den Ermittlungen im Mordfall werden Pierre Koumba Owoula und Hervé Louis Boukinda Envame beauftragt, zwei Polizisten, die ohne die bei uns übliche DNA-Analyse und Forensik auskommen müssen. Sie sind auf Zeugenaussagen und Informanten angewiesen. Die technische Ausrüstung ihrer Einheit beschränkt sich auf eine Schreibmaschine aus der de-Gaulle-Zeit.

 

So, wem das alles noch nicht ausreicht, der kann dann natürlich auch kommen und mich kennen lernen.
Denn ich lasse mir den Abend bestimmt nicht entgehen! Kommt also zahlreich – am 8. März 2017 ins Millyways in Stuttgart!


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Ungerechtigkeit: Zeit der Finsternis – Malla Nunn

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Malla Nunn – Zeit der Finsternis
Verlag: Argument
Übersetzerinnen: Laudan & Szelinski
Originaltitel: Present Darkness
295 Seiten + Glossar
ISBN: 978-3867542173

 

 

Himmelschreiende Ungerechtigkeit – das ist ein Thema, welches mir beim Lesen immer mal wieder Magendrücken verursacht. Ich rege mich so auf, dass es mir aufs Gemüt und eben auch auf den Magen schlägt. Nun kann man leider nichts machen, um die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die Malla Nunn in ihrem 4. Krimi um Detective Sergeant Emmanuel Cooper in den 50er Jahren in Südafrika wieder auferstehen lässt, abzuändern  – es ist ja leider schon geschehen. Doch auch hieraus kann man gute Dinge ableiten. Den Lerneffekt von gut recherchierten politischen oder sozialkritischen Krimis, den ich ja so häufig rühme, kann man natürlich auch hier finden, doch noch viel mehr ist es einfach beeindruckend, wie lebendig Malla Nunn die damaligen Zustände aufzeigt, so dass man von dem Buch quasi aufgesogen, durchgekaut und ausgespuckt wird. Äußerst aufwühlend.

Emmanuel Cooper ist mittlerweile nach Johannisburg versetzt worden und lebt nun heimlich mit seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Kind – eine Verbindung, die seinen Vorgesetzten nicht bekannt werden darf, denn wir befinden uns mitten im Apartheitsregime und Beziehungen zwischen Weißen und Nicht-Weißen sind gefährlich. Als dann ein weißes Ehepaar, ein Schuldirektor und eine Sekretärin, in ihrem Haus überfallen wird und die Tochter zwei schwarze Jugendliche aus der Schule des Direktors beschuldigt, ist der Fall für Coopers Kollegen so gut wie abgeschlossen. Eine fatale Entscheidung, die Cooper in eine noch schwierigere Position bringt, als er sie eh schon inne hat, denn die Tochter beschuldigt unter anderem Aaron Shabalala, den Sohn seines Kollegen und Freundes Samuel Shabalala. Cooper hat mit verschwindenden Beweisen, Anfeindungen und Korruption zu kämpfen.

Man möchte schreien, wenn Cooper hinter dem Haus, dem Tatort, im Gebüsch einen schwer verletzten schwarzen Mann findet, diesen mit Feuereifer und Einsatz des dritten Teils des Trios, des jüdischen Doktors Zweigman , gerade noch lebend ins Krankenhaus bringt und nicht ein einziger seiner Kollegen diesen Umstand als wichtig empfindet – oder überhaupt erwähnenswert. Die Luxuskarosse, mit der die Täter geflohen sein sollen, findet man völlig unversehrt im Township und natürlich mit den entsprechenden Beweisen versehen, obwohl dort normalerweise nicht mal ein Fahrrad vollständig bleibt, wenn man es aus den Augen lässt. Man möchte durchgehend jemand schütteln und anschreien, wenn man darüber liest, mit welchen inkompetenten / uninteressierten / korrupten Kollegen Cooper in seiner Ermittlung umgehen muss und man fragt sich, ob dort – in Südafrika, zu dieser Zeit – überhaupt jemals ein wirklich Schuldiger gefunden wurde. Die Aussage eines Mädchens, welches ganz offensichtlich lügt, gilt als Wahrheit, nur weil sie weiß ist. Das allein ist die Begründung! Brr – himmelschreiende Ungerechtigkeit!

Man mag sich sagen, ja, das ist ja nur ein Krimi, doch Malla Nunn zeichnet hier ein furchterregend realistisches Bild von Südafrika zu dieser Zeit. Das Apartheitsregime hat Familien und Freundschaften entzweit, Gewalt und Korruption gestreut und die Gesellschaft völlig vergiftet. Eine Horrorvorstellung, die man sich wohlbehütet im gut funktionierenden, freien und demokratischen Deutschland, fast nicht vorstellen kann und doch immer fürchten muss. Für Cooper kommt es soweit, dass er seine Freundin nur auf eine heimlich organisierte, illegale Tanzveranstaltung, die eigentlich nur ein Deckmäntelchen für Prostitution ist, ausführen kann, nur um mal ein wenig Zeit mit ihr außerhalb der eigenen vier Wände zu verbringen. Und auch der Fall an sich hängt natürlich tief mit den durch die Apartheit verursachten Umstrukturierungen zusammen, gepaart mit Familienbeziehungen und Korruption.

Ein erschreckendes, aber tief beeindruckendes Bild von Südafrika in den 50er Jahren präsentiert Malla Nunn. Emmanuel Cooper, der schon privat auf Messers Schneide balanciert gefährdet mit seiner eigenmächtigen Ermittlung alles – und doch muss er ermitteln. Für Shabalala. So wie sich das gehört unter Freunden. Da steht einer für den anderen ein. Egal welche Umstände herrschen. Und so wächst einem das ungleiche Paar, zu welchem eigentlich noch der Jude Zweigman gehört, ordentlich ans Herz. Bitte mehr davon Frau Nunn! Ich vertrage das, wirklich. Meinem Magen geht es auch wieder gut, keine Sorge. Und ich möchte auf keinen Fall die nächsten Teile missen.

Fazit:
Ein aufwühlendes Buch, welches ein erschreckend realistisches Bild von Südafrika zeichnet. Der Kriminalfall ist tief verwurzelt in dieser verqueren Gesellschaft und lässt Emmanuel Cooper an seine Grenzen kommen und sein eigenes Glück gefährden. Doch die Botschaft ist klar, wenn auch ein wenig kitschig: Freundschaft geht über alle Grenzen und Hindernisse.

 

Alle vier Titel der Reihe um Detective Sergeant Emmanuel Cooper:
Ein schöner Ort zum Sterben
Lass die Toten ruhen
Tal des Schweigens
Zeit der Finsternis

 


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Monatsrückblick Januar 2017

Was soll ich sagen – das neue Jahr fängt nicht gut an.
Gesundheitlich hatte ich ein wenig zu kämpfen und dagegen konnte noch nicht mal eine Woche Urlaub ankommen, meine Bücheranzahl ist nicht so üppig, dafür qualitativ mal wieder sehr vorzeigbar.
Hier sind sie:

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Im frühen Licht des Tages – Lawrence Block (Kurzgeschichte)
Schwarzgeld – Ross Macdonald
Mirror: Prequel – Karl Olsberg (Kurzgeschichte)
Zeit der Finsternis – Malla Nunn
Drei am Haken – Lawrence Block
Schwesterherz – Felix Francis
Blut in den Bayous – James Lee Burke
Hämatom – Lucie Flebbe

Da es zu folgenden Büchern keine Rezension geben wird, ein Einzeiler zu den Titeln:

James Lee Burke – Blut in den Bayous: Leider war bei mir ab der Mitte die Luft heraus und mir fehlte Spannung. Nichtsdestotrotz sind die Bücher um Dave Robicheaux etwas Besonders: New Orleans, die Atmosphäre, die Stimmung.

Lucie Flebbe – Hämatom: Lila stürzt in eine Krise (Liebeskummer, etc) und ermittelt um sich wieder aufzurichten – weitestgehend allein. Und das ist auch der Knackpunkt. Die Teamarbeit fehlte und der zweite Teil der Reihe kann leider nicht an den ersten heran reichen.

Gelesen, aber noch nicht beendet habe ich noch “Der aufrechte Mann” von Davide Longo, aber das Buch ist eine Kategorie für sich und ich finde es besser, es nicht auf einmal zu lesen, sondern hin und wieder wegzulegen. Mehr dazu dann spätestens im nächsten Monatsrückblick.

Krankheitsbedingt gab es in der letzten Woche auch keine Rezension, aber die wird natürlich nächste Woche nachgeholt. Eine andere Sache, die es nicht gab, war mein Neuerscheinungsbeitrag – und den wird es auch nicht mehr geben. Ich habe beschlossen, mir diese Mühen zu sparen, vor allem, weil ich sowieso nie ganz damit zufrieden war und regelmäßig eine mir wichtige Neuerscheinung vergessen habe. Zum Ausgleich werde ich ab sofort in den Monatsrückblicken ein Buch, welches im nächsten Monat erscheint, vorstellen. Und hier mein Vorschautipp für Februar:

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Andreas Kollender – Von allen guten Geistern
Inhalt: Im Sommer 1864 verkaufte ein Mann Zwangsjacken. Es war heiß auf dem Marktplatz am Heiligengeistfeld vor den Toren Hamburgs. Die Menschen bestaunten seine seltsame Ware. Der Mann kam aus der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg. Er war kein Patient. Er war der Leiter. Am Abend des Tages lachte der Mann Fanny Nielsen an und sagte, es sei keine einzige Jacke übrig geblieben. Nicht eine. Er habe den Zwang verkauft. Fanny Nielsen, einer Schauspielerin, gefiel diese Formulierung. Sie legte dem Mann eine Hand auf den Unterarm. Bald darauf kam es zu einem Unglück.
Mein Kommentar: Der Titel erscheint zwar nicht im Krimi-Mäntelchen beim Pendragon Verlag, sondern unter der Literatursparte, doch die Qualität ist in beiden Sparten des Pendragon Verlags grandios, so dass man hier gar nichts falsch machen kann.


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Klassiker: Schwarzgeld – Ross Macdonald

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Ross Macdonald – Schwarzgeld
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Karsten Singelmann
368 Seiten
ISBN: 978-3257300406

 

 

 

Schon sehr oft ist es mir passiert, dass ich die beiden Autoren Ross Macdonald und Ross Thomas verwechselt habe. Ist aber auch verzwickt mit dem gleichen Vornamen und Genre. Aber natürlich bedienen die beiden Autoren grundsätzlich ein ganz anderes Subgenre und nun, nach der Lektüre meines ersten Ross Macdonalds wird mir auch die Unterscheidung nicht mehr so schwer fallen. Lew Archer, der Privatdetektiv in Macdonalds Krimis, ist eine Bekanntheit im Krimigenre und dort nicht wegzudenken. So weist man Ross Macdonald die Nachfolgeschaft von Chandler und Hammett an und nennt die Namen in einem Zug, wobei ich persönlich da schon große Unterschiede erkennen kann.

Ginny Fablon trennt sich von ihrem Verlobtem Peter Jamieson und wendet sich dem unbekannten, aber mondänen Francis Martel zu – das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, denkt ihr Verlobter und engagiert Privatdetektiv Lew Archer, um herauszufinden, welchen halbseidenen Lebemann Ginny sich da geangelt hat. Ein Fall von enttäuschter Liebe? Archer macht sich auf, um im mondänen Tennisclub nahe Los Angeles herauszufinden, wer Martel ist. Doch dabei findet er nicht nur mehr über Martel heraus, sondern auch über einen Selbstmord, ein paar Affären und viel über die sogenannte bessere Gesellschaft.

Fast schon gruselig, wie gut es Macdonald gelungen ist, die Atmosphäre der 60er Jahre in diesem abgeschotteten Fleckchen der Erde einzufangen. Der Tennisclub, umgeben von den Villen der Reichen und Betuchten, alter Geldadel, der zwar neue Reiche integriert, aber noch lange nicht akzeptiert. Männer in Anzügen, Frauen in eleganten Kleidern, die Sonne brennt und versetzt alles in eine trockene, flirrende Stimmung. Keine Großstadt, keine großen Umbrüche, hier lebt man noch genauso wie vor 20 Jahren, gibt Partys und trifft sich im Tennisclub. Ein beneidenswertes Leben, zumindest auf den ersten Blick.

Denn natürlich brodeln unter der Oberfläche massenweise Geheimnisse und Gerüchte, aber es gibt auch allgemein Bekanntes, über das man eben nicht spricht. Archer stößt auf Affären und Spielsüchtige, Fresssucht und Geldprobleme, findet einen Selbstmord, über den keiner sprechen will und fühlt dem Neuling, Martel, auf den Zahn. Ein charmanter, aber unangenehmer Bursche, in dessen Kielwasser sich aber schon einige Fische tummeln, die die schöne Gesellschaft rund um den Tennisclub gehörig durcheinander wirbeln.

Und wer ist Lew Archer eigentlich? So arg viel erfährt man über den Privatdetektiv eigentlich nicht. Eben nur durch seine Ermittlungen, seine geschickten Fragen, sein hartnäckiges Nachhaken. Eine Beschreibung über Archer sucht man vergebens – es gilt, Archer durch seine Ermittlungsgespräche kennen zu lernen. Einen Vergleich mit Chandlers Philip Marlowe und Hammetts Sam Spade, muss Lew Archer zwar nicht fürchten, doch kann ich die Ermittlungen in der schön-scheinenden Realität des Tennisclubs keinesfalls als Hardboiled bezeichnen. Archer manövriert sich mit Bravour durch die Häuser der Reichen, hardboiled-typische Anzeichen lassen sich kaum finden. Ist aber auch nicht so wichtig, denn die Ermittlungen Archers machen einfach Freude beim Lesen. Es ist eine klassische Privatdetektivgeschichte – zuerst mal gar kein Fall, doch eben genug, um als Privatdetektiv nach und nach die kleinen dreckigen Details der guten Gesellschaft aufzudecken. Ein Genuss, der heute oft seinesgleichen sucht – ein toller Klassiker!

Fazit:
Ein sehr lohnenswerter Klassiker, in dem Privatdetektiv Lew Archer die Steine der feinen Gesellschaft umstülpt und die dunklen Geheimnisse wie kleine Käfer aus dem Licht flüchten. Ein Lesegenuss!

 


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Bedrohlich: Triangel – Anne Goldmann

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Triangel – Anne Goldmann
Verlag: Argument
272 Seiten
ISBN: 978-3867542029

 

 

 

Ganz lange habe ich es herausgezögert, dieses Buch zu lesen. Nicht, weil ich nicht wollte. Oder gar Angst hatte, dass es mir nicht gefallen würde.
Nein, ich habe aus einem ganz einfach Grund gezögert: wenn ich “Triangel” würde gelesen haben, hätte ich kein neues, mir unbekanntes Buch von Anne Goldmann, auf das ich mich freuen kann.
Anne Goldmann habe ich bis jetzt schon zweimal auf der Leipziger Buchmesse getroffen und immer sehr interessante Gespräche mit ihr geführt. Ich mag sie als Person sehr gerne, aber vor allem mag ich Ihre Bücher. Da das Schreiben bei ihr nur der Nebenjob ist, versteht sich, dass die Bücherproduktion nicht am laufenden Band statt finden kann, doch bis jetzt hatte ich noch früher erschienene Bücher in petto. Jetzt muss ich dann doch ein wenig Geduld aus mir herauskitzeln, bis der nächste spannende Krimi von ihr erscheinen wird. Denn das kann ich garantieren – spannend wird er sein, der nächste Krimi, denn da hat mich Anne Goldmann noch nie enttäuscht. Ihre Bücher sind wahre Spannungserlebnisse und das ganz ohne Polizei und Detektive, ganz ohne blutkreischende Orgien oder Serienmörder. Leise, fein und bedrohlich.

Regina Aigner ist Justizwachebeamtin. Hier hat sie mit den schweren Jungs zu tun – sowohl hinter als auch vor den Gittern, denn eine Frau im Männerknast muss sich schon behaupten können. Dabei versteckt sich Regina dort eigentlich – hinter Uniform und geregelten Abläufen. Einzig ihr Haus im Grünen erlaubt es ihr, die schützende Hülle abzuwerfen und sie selbst zu sein. Hier ist sie gerne, renoviert und erweitert das Haus um einen Wintergarten, kümmert sich um die Blumen und genießt die Sonnenstrahlen. Doch auch dieser Rückzugsort bleibt nicht ewig unentdeckt. Regina muss sich nicht nur mit Mobbing im Dorf und einem liebestollen Kollegen zurecht finden, sondern auch mit einem entlassenen Häftling, der es auf das Wertvollste in ihrem Leben abgesehen hat: ihren Rückzugsort.

Regina Aichner ist eine unbequeme Protagonistin. Spröde ist wohl das Wort, welches mir als erstes durch den Kopf gehuscht ist. Sie ist zurückhaltend und verschlossen, in der Männerwelt, die sie betritt, ist das mitunter auch nötig. Zwischen bärbeißigen Bemerkungen und väterlichen Ratschlägen ist es für sie nicht einfach, ihren Job zu machen. Aber es ist genau der richtige Job für sie – dort muss sie nichts preis geben, kann ihre Vergangenheit für sich behalten. Regina ist nicht nur kühl, sie ist fast schon kalt, abweisend. Doch sie hat eine zweite Seite. Eine Seite, die sie nur zu Hause in ihrem kleinen Häuschen zeigt, eine Seite, die nur ihre Mitbewohnerin sieht. Hier kann sie loslassen und sie selbst sein. Zumindest wenn kein Besuch da ist. Doch auch in ihrem Haus hat man manchmal das Gefühl, dass sie nicht alles zeigt. Gar nicht alles zeigen kann, weil sie es gewohnt ist, nichts zu zeigen. Einzig der lauteste Kollege kann sich in Reginas Herz schleichen und bringt sie dazu, wirkliches Mitgefühl offen zu zeigen, aus ihrem Schneckenhaus auszubrechen.

Regina erbt das Haus von ihrer Mitbewohnern Johanna – nein, sie hat sie nicht umgebracht, darum geht es in dem Krimi hier nicht. Aber schon um das Haus. Die Dorfbewohner, allen voran einer, neidet ihr das, aber auch ein Neffe mag ein Stück vom Kuchen abhaben. Ausgerechnet ein Ex-Knacki, der Regina bisher nur als Wachbeamtin kennen gelernt hat. Und dann ist da noch Kollege Paul, mit dem Regina eine lose Beziehung beginnt, der Regina aber schon als festen Bestandteil in seiner Zukunft sieht. Als Regina dann den Wintergartenbau beginnt und menschliche Knochen ausgräbt, dies aber für sich behält, ist die Aufstellung komplett, die Figuren sind positioniert. Als Leser mag man sich nicht oder nicht in allen Charakteren wiederfinden, aber immer sind diese stimmig erzählt, man nimmt ihnen ihre Handlungen ab. Man schüttelt den Kopf, wenn Regina den Knochenfund für sich behält, weil man es selbst anders machen würde, aber man versteht es. Weil es eben Regina ist. Sie ist so. Und nicht anders.

Ganz sicher liegt die Spannung in diesem Roman nicht in reisserischer Aufmachung. Es schleicht sich leise an – so wie Frau Goldmann dies auch in ihren anderen Spannungsromanen vollzieht. Es ist das alltägliche Leben, welches bedrohlich wird, aber eben nach und nach. Hinzu kommen hier Charaktere, die alle Erwartungen haben, aber nicht miteinander darüber sprechen. Bestes Beispiel ist Reginas Freund. Eine Liebesbeziehung, Heirat, Kinder erwartet er – Regina hält es für eine lose Beziehung mit Sex. So stauen sich nach und nach Erwartungshaltungen an, Sehnsüchte bauen sich auf, falsch verstandene Gesten und Handlungen untermauern das Ganze, bis alle aufeinander treffen und der Knoten platzt – erstaunlicherweise ganz ohne Regina. Die Charaktere sind sich fern und doch untrennbar miteinander verwoben. Ein Knall scheint unausweichlich.

Fazit:
Alles was ein guter Spannungsroman benötigt: leise Spannung, überzeugende Charaktere und eine bedrohliche Atmosphäre. Wie immer bei Anne Goldmann: sehr empfehlenswert!