Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Spinnennetz: Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechthild Borrmann

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Mechthild Borrmann – Die andere Hälfte der Hoffnung
Verlag: Droemer
310 Seiten
ISBN: 978-3426304839

 

 

 

 

Es gibt Bücher, die liest man so weg und hat sie auch schnell wieder vergessen. Und es gibt Bücher, die liest man so weg und doch bleiben sie hängen, gehen einem nicht aus dem Kopf und stimmen einen nachdenklich. Es gibt auch Krimis, die so sind. Nicht übermäßig viele. Und manchmal muss man diese im Mainstream-Sumpf ausgraben, aber es gibt sie. Und so ein versunkener Schatz ist Mechthild Borrmanns „Die andere Hälfte der Hoffnung“.

Als Bauer Lessmann eines Tages ein halbnacktes, junges Mädchen vor seiner Türe findet, nimmt er sie kurzerhand bei sich auf und beschützt sie vor ihren Verfolgern. Tanja, wie sie sich nennt, ist auf der Flucht vor Menschenhändlern, die sie zur Prostitution zwingen. Sie konnte fliehen, doch ihre Freundin leider nicht. Bauer Lessmann begibt sich auf die Suche, doch er kann nicht ahnen, dass nicht nur diese Suche, sondern auch sein Gast selbst sein Leben grundlegend verändern wird.
Zur gleichen Zeit untersucht Leutnant Leonid Kyjan in einer extra entstandenen Sondergruppe das Verschwinden von Studentinnen, die sich für ein Auslandssemester interessiert haben. Kyjan trifft auch auf Walentyna Schtschukina, deren Tochter zum Arbeiten nach Deutschland gefahren ist, und seitdem nichts mehr von sich hören lässt. Als er in der ukrainischen Polizei an seine Grenzen stößt, macht er sich auf nach Deutschland.

Zugegeben, wenn man den Anfang der Geschichte so liest, ist die grobe Richtung der Kriminalhandlung deutlich abzusehen. Das muss aber nun gar nichts heißen, dann Frau Borrmann kann mit anderen Dingen punkten. Zum Beispiel mit ihrer Sprache. Unaufgeregt und pragmatisch, aber mit Sprachbildern belegt und unglaublich eindringlich. So bekommen vor allem die Erinnerungen Walentynas eine tiefe Bedeutung, die das Buch zu etwas besonderem machen.

Die drei Erzählstränge wechseln sich ab. Man folgt Bauer Lessmann , wie er Tanjas verschleppte Freundin sucht, Leonid, der in der ukrainischen Polizei an Schranken abprallt und sich nach Deutschland aufmacht und Walentyna, die, während sie auf ihre Tochter wartet, ihre Lebensgeschichte aufschreibt. Und meiner bescheidenen Meinung nach, ist die Kriminalhandlung nur der Rahmen um Walentynas Geschichte zu präsentieren. Walentyna erzählt von ihrem Leben, wie es war, in der Ukraine aufzuwachsen, in einem kommunistischen Land. Wie die Vergangenheit ihrer Eltern ihr im Weg steht. Wie sie einen Mann kennen lernt und glücklich wird. In Prypjat haben beide eine Arbeit, sie haben eine Wohnung und ein Auto. Wie das Unglück geschah, wie ahnungslos sie und die anderen waren. Wie die Katastrophe ihr Leben veränderte. Das alles schreibt Walentyna auf, in einem Tagebuch, welches sie für ihre Tochter Kateryna, auf deren Rückkehr sie wartet, zusammen trägt. Sogar in die Entfremdungszone ist sie zurück gekehrt, dorthin wo keiner lebt und doch einige sich wiederfinden. Ein einsamer Ort, ein gefährlicher Ort, doch Walentyna ist alt und einzig die Rückkehr ihrer Tochter macht ihr Sorgen. Melancholisch schreibt sie ihre Erinnerungen nieder, sinnt auch zwischen den Niederschriften darüber nach, denn nicht jedes Stück ihres Lebens fällt ihr leicht niederzuschreiben.

Nun habe ich Walentynas Geschichte in höchsten Tönen gelobt, doch so ganz kann ich die Krimihandlung auch nicht sein lassen. Keine Frage, auch wenn sie keine großen Überraschungen bereit hält, war sie spannend und hat zumindest eine Kleinigkeit, wenn auch recht bedeutsam, vor mir bis zum Schluss verborgen. Eine Kleinigkeit, die diese eh schon gesplitterte Glasscheibe vollends in sich zusammen stürzen ließ. Ein trauriges Ende, ein Ende, über das man noch lange nachdenken kann und wird. Vor allem über Walentynas Geschichte.

Fazit:
Ein Krimi, fein gesponnen wie ein Netz, um Walentynas Geschichte gekonnt zu präsentieren. Spannend, aber vor allem interessant und nachdenklich. Sehr zu empfehlen.


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Gut oder Böse: Bitter Wash Road – Garry Disher

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Garry Disher – Bitter Wash Road
Verlag: Unionsverlag
Übersetzer: Peter Torberg
352 Seiten
ISBN: 978-3293309180

 

 

 

 

Als Verräter und Kollegenschwein abgestempelt landet Constable Paul Hirschhausen, den alle nur Hirsch nennen, in der Polizeistation von Tiverton, im australischen Outback. Ein Ort, an dem man schon vorbei gefahren ist, wenn man zum falschen Zeitpunkt blinzelt. Eigentlich ein ruhiger Job, ab und zu kleine Diebstähle, Streitigkeiten unter Nachbarn oder Alkohol am Steuer. Doch da sind ja noch die Polizisten aus dem übergeordneten Revier aus Redruth. Diese piesacken Hirsch bei jeder Gelegenheit und sind bei der Bevölkerung in und um Tiverton auch nicht sonderlich gern gesehen. Dementsprechend misstrauisch sind auch alle gegenüber Hirsch. Als dann eine junge Frau überfahren am Straßenrand gefunden wird, werden die Leute Hirsch gegenüber noch komischer. Die Tragöde wird herunter gespielt, vertuscht und Hirsch fast schon von den Ermittlungen fern gehalten. Hirsch lässt sich aber nicht abhalten, auch nicht, als ihn sein vorheriger Job einholt und er wieder aussagen muss, über seine früheren koruppten Kollegen.

Ich mag das gar nicht. Ich hab da ein ständiges Grummeln im Magen und rege mich tierisch auf. Wegen der Ungerechtigkeit. An korrupte Polizisten in Krimis hat man sich ja irgendwie gewöhnt, aber wenn dann einer, der nicht korrupt ist und sogar versucht hat, gegen die korrupten Bullen vorzugehen und nachdem diese aufgeflogen sind, hat er gegen sie ausgesagt, getreten wird, weil er eh schon am Boden liegt… Grrr! Ein Zweifel bleibt und viele fragen sich, ob er nicht doch auch korrupt ist, den Stempel, den er aber auf jeden Fall abbekommt, ist der des Verräters, ein Cop der andere Cops verrät, ein Nestbeschmutzer. Diese Ungerechtigkeit – das treibt mich zur Weißglut. Müsste man doch denken, dass Cops froh sind, wenn korrupte Elemente aus ihrer Truppe entfernt werden, nein, anstatt dessen verachten sie denjenigen, der die Korruptionsaufdeckung unterstützt.  Ich habe das Buch also mit sehr vielen Emotionen gelesen. Wobei ich zugeben muss, dass Hirsch nie explizit sagt, dass er unschuldig ist bzw. nicht korrupt ist. Auch nicht, wenn er ein misstrauisches Flackern in den Augen seiner Eltern sieht. Irgendwie bewunderungswürdig. Er weiß ja, dass er unschuldig ist und wenn man ihm nicht vertraut, ist das nicht sein Problem. Vielleicht würde er sogar schuldig (oder in dem Fall noch schuldiger) aussehen, wenn er sich ständig rechtfertigen würde.

Aber so ist er eben nicht. Hirsch ist kein Mann vieler Worte. Aber ein Mann, der viel sieht, richtige Schlüsse zieht und sich nicht von seinen Aktionen abbringen lässt. Auch nicht, wenn dies mit aller Macht versucht wird. Tapfer harrt er aus, ganz allein, von den anderen Polizisten veralbert, gehasst und mit Tricks reingelegt, von den Bewohnern skeptisch beäugt und ja nicht mit zu viel Aufmerksamkeit bedacht. Ein Verräter, dem es nicht besser gebührt.

Eine ungemütliche Atmosphäre, die in dem staubigen und trockenen Ort vorherrscht. Öde und schweigsam, mit Geheimnissen und Ängsten ausgestattet.  Eine von Männern dominierte Gesellschaft und – wie sollte es auch anders sein – sind die Übeltäter auch hier zu finden. Die Frauen spielen die unterordneten Rollen und eignen sich bestenfalls zum Opfer. Mit einer einzigen Ausnahme. Eine Frau ist mutig genug, aufzubegehren. Sie ist die einzige, die das zweite Opfer anders darstellt als die sonstigen – männlichen Zeugen, Verwandten und sonstige Befragte. Die einzige, welche die Herrschaft der Polizei anzweifelt und dagegen einschreitet, eine Protestkundgebung vorbereitet und sich nicht klein kriegen lässt. Nach anfänglichem Misstrauen ist sie auch Hirsch gegenüber aufgeschlossener, er als Außenstehender ist anders und hat ja auch mit den hiesigen Kollegen zu kämpfen. Hier liegt einiges im Argen – aber sind die Polizisten auch an den Morden der beiden Frauen beteiligt? Für Hirsch wird die Ermittlung lebensgefährlich, aber nichtsdestotrotz durchgezogen. Dass Hirsch sich nicht einschüchtern lässt, hätten die Kerle ja eigentlich schon vorher wissen müssen.

Fazit:
Ein Ausgestoßener in einer misstrauischen Einöde, der den Fall bis an die Knochen abnagt. Wenn auch der Kriminalfall an sich nichts Neues bringt, so wurde er doch stimmungsvoll und überzeugend, aber vor allem auch literarisch ausgezeichnet umgesetzt.


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Bedrohlich: Amnesia – Jutta Maria Herrmann


Jutta Maria Herrmann – Amnesia
Verlag: Droemer
297 Seiten
ISBN: 978-3426519974

 

 

 

 

 

Helen erhält eine erschreckende Diagnose: Krebs, Endstadium, nicht heilbar. Sie kämpft mit schweren Angstzuständen und ihre Medikamente verursachen Erinnerungslücken und Blackouts. Ihre Beziehung hat sich an der Diagnose aufgerieben und so macht sie sich auf in ihr Heimatdorf, um ihre Mutter und Schwester zu besuchen. Warum weiß sie selbst nicht so genau, schon lange war sie nicht mehr zu Hause, in dem kleinen Dorf, zieht ihre neue Heimat Berlin deutlich vor.
Als sie im Dorf ankommt gibt es zuerst auch keine Überraschung: ihre Mutter sieht sie als Belästigung, ihre Schwester Kristin begrüßt sie herzlich. Doch Kristin hat mittlerweile Leon geheiratet und mit Leon verbindet Helen eine schlechte Erinnerung. Schon bald vermutet Helen, dass Leon Kristin schlägt – und keine zwei Tage später wird Leon tot aufgefunden.  Hat etwa Helen Leon getötet und kann sich daran nicht mehr erinnern?

Es gibt eine Sache, die Jutta Maria Herrmann in ihren Thrillern wunderbarerweise immer gelingt: eine bedrohliche, unheimliche Atmosphäre zu schaffen. Das gelang ihr in „Hotline“ und „Schuld bist Du“, die beide in der Großstadt spielen, aber eben auch in „Amnesia“, in einem kleinen, verschlafenen Dorf. Und dazu benötigt die Autorin auch ganz wenig: ein paar wenige Charaktere, ein Geheimnis aus der Vergangenheit, unausgesprochene Konflikte. Eine stetige Grundspannung mit leichten Spitzen, bei der man oft gar nicht so genau sagen kann, warum es jetzt eigentlich bedrohlich ist, warum einem dieses oder jenes komisch vorkommt. Die Autorin spielt mit den Erwartungen der Leser und benutzt dabei einfache, aber sehr wirkungsvolle Mittel.

Eine ungewöhnliche Protagonistin hat sich Frau Herrmann hier ausgesucht. Todkrank, mit starken Medikamenten betäubt, bis hin zu Blackouts. Und doch irgendwie geschickt gemacht, nicht? Denn Helens Gedächtnislücken sorgen für eine beständige Ungewissheit – bei Helen und beim Leser. Was hat sie in der Zeit gemacht? Hat sie tatsächlich jemand getötet? Dabei gelingt es der Autorin die ständig über Helen schwebende Krankheit zwar präsent zu halten und überzeugend einzubauen, aber nicht die Handlung zu erdrücken. Die Gedächtnislücken sorgen für den zusätzlichen Spannungskick und verstärken die unheimliche Atmosphäre.

Nichtsdestotrotz ist Helen nun kein Charakter, der mir sonderlich sympathisch war. Im Übrigen genauso wenig wie ihre Mutter, die den schwersten Fehler einer Mutter begeht und ein Kind bevorzugt. Oder ihre Schwester, die zwar aufgeregt plappernd daher kommt, allerdings mit einem Tick zu viel, so dass es aufgesetzt wird. Leon ist ja nun sowieso der Buhmann und einzig der Freund aus Kindertagen scheint sympathisch – kommt aber natürlich streckenweise auch als Täter in Frage. So wie eigentlich jeder in der Geschichte. Mit jeder neuen Wendung überlegt man erneut, wer wohl der Täter sein könnte und ist sich dann ganz sicher – bis zur nächsten Wendung. Tatsächlich bleibt das Ende vage offen, wenn auch der Thriller natürlich abgeschlossen ist, so wie die anderen Bücher der Autorin.

Fazit:
So wie ich mir einen Thriller vorstelle: in einer leise bedrohlichen Atmosphäre spielt die Autorin mit den Ängsten ihrer schwer gebeutelten Protagonistin. Ein Thriller, den man an einem Nachmittag wegsaugt und mit einem leichten Frösteln zuschlägt. Sehr gut gelungen!

 

 


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Monatsrückblick Juni 2017

Übersichtlich. Das ist wohl das passende Wort für meinen Juni. Übersichtliche 4 Bücher plus eine Kurzgeschichte haben es auf den “Gelesen” Stapel geschafft. Und hier sind sie:

Zu “Er, Sie und Es” habe ich die Rezension schon veröffentlich, die Rezension zu “Amnesia” folgt in den nächsten Tagen. Zu den anderen gibt es keine Rezension, aber hier eine Kurzmeinung:

Trügerische Ruhe – Patricia Melo
Von der hochgelobten südamerikanischen Autorin hatte ich irgendwie mehr erwartet. Es zerfasert ein wenig zwischen dem Scheidungskrieg der Protagonistin, den politischen Ränkespielen im Polizeiapparat und dem eigentlich Fall im Showbiz.

Mystic River – Dennis Lehane
Ich hab noch nicht viele Bücher von Dennis Lehane gelesen, aber die beiden anderen haben mir besser gefallen. Nichtsdestotrotz war es ein gutes Buch. Hat mich an Stephen Kings Schreibweise erinnert, eher eine Milieustudie, denn ein Krimi. Wobei es natürlich schon um einen Kriminalfall ging.

Bank of America – Richard Lange (Kurzgeschichte – nicht auf dem Bild)
Etwas nettes für Zwischendurch – mehr aber eben auch nicht.

So, aber nun kommt der Juli. Und hierauf freue ich mich besonders, denn es wird wohl ein wenig mehr Lesezeit herausspringen, da ich etwas Urlaub habe. Juchu!
Dann schauen wir doch gleich mal, was es neues gibt. Besonders freue ich mich auf dieses hier:


Die Lieferantin – Zoe Beck
Inhalt: London, in einer nicht wirklich fernen Zukunft: Ein Drogenhändler treibt tot in der Themse, ein Schutzgelderpresser verschwindet spurlos. Ellie Johnson weiß, dass auch sie in Gefahr ist – sie leitet das heißeste Start-up Londons und zugleich das illegalste: Über ihre App bestellt man Drogen in höchster Qualität, und sie werden von Drohnen geliefert. Anonym, sicher, perfekt organisiert.
Die Sache hat nur einen Haken – die gesamte Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will ›Die Lieferantin‹ tot sehen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen – ihre Gegner sind mächtig, und sie lauern an jeder Straßenecke.
Mein Kommentar: Mit Zoe Beck kann man ja sowieso nichts falsch machen – und dann noch mit einem Hauch Zukunft? Genial – ich freu mich schon sehr darauf!

 

Neben meinem Highlight gibt es aber noch diese zwei Bücher, die im Juli mein Interesse wecken:

Lisa Sandlin – Ein Job für Delpha


Benjamin Withmer – Im Westen nichts
(war schon für Juni angekündigt)

 

 

Worauf freut Ihr Euch denn so im Juli?


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Mensch und Maschine: Er, Sie und Es – Marge Piercy


Marge Piercy – Er, Sie und Es
Verlag: Argument
Übersetzerin: Heidi Zerning
552 Seiten
ISBN: 978-3867544030

 

 

 

Manchmal, ja manchmal verstehe ich selbst nicht, warum manche Bücher länger im Regal stehen bleiben und warum ich manche sofort lese. Ich habe hier auch noch kein Muster erkannt, denn selbst neue Teile von Serien lese ich nicht unbedingt sofort. Aber sei es drum, denn worauf ich hinaus will: ich kann nicht erklären, warum ich dieses Buch so lange nicht lesen wollte, aber es hat mich eine ganze Weile abgeschreckt. Wegen seiner Dicke oder weil es kein Krimi ist? Wer weiß, aber letztendlich war das mal wieder völlig unnötig. Marge Piercys Zukunftsvision ist schon vor 20 Jahren erschienen und wurde nun vom Argument Verlag in einer korrigierten Neufassung herausgegeben.

Die Welt von 2059 bietet den Menschen drei Arten zu leben, wenn auch nicht frei wählbar: Als Mitarbeiter eines Multis (Multikonzern), in einer der wenigen freien Städte oder im Glop. Der Nahe Osten wurde im 14tägigen Krieg ausgelöscht, die Umwelt nahezu zerstört. Die Menschen leben zumeist unter Kuppeldächern oder mit Schutzhäuten um sich vor der Sonnenstrahlung zu schützen, echte Nahrung kann sich im Glop kaum einer leisten, doch zwei Multis produzieren leckere (!) Ersatznahrung aus Algen für die Armen. Politische Strukturen sind keine mehr zu finden, einzig die Ökopolizei scheint eine übergreifende Position zu haben – der Rest der Welt wird von den Multis allein durch ihre wirtschaftliche Macht kontrolliert.

Dieses Szenario legt die Autorin der Geschichte von Shira, Malkah und Yod unter, es nimmt nämlich keinen Fokus ein. Es ist immer präsent und die Autorin streut immer wieder neue Facetten ihres Blickes in die Zukunft ein, doch ganz nebenbei. Auch die jüdische Geschichte sowie der jüdische Glauben nehmen einen Großteil der Geschichte ein, doch dazu kehre ich später nochmal zurück.

Shira kündigt bei dem Multi Y-S als dieser, patriarchalisch geführt, das Sorgerecht für ihren Sohn Ari ihrem Exmann gibt. Sie kehrt zurück in ihre Heimat, die freie Stadt Tikva, und zu ihrer Großmutter Malkah, die sie aufgezogen hat. Sie bekommt einen Job bei Avram, einen ganz besonderen: die Sozialisierung eines Cyborgs, an dem Avram und Malkah heimlich gearbeitet haben, denn Roboter, die menschlich aussehen, sind verboten. Und dieser Cyborg heißt Yod.

Das Buch enthält zwei Erzählstränge: ein Strang wird aus Sicht Shiras erzählt, der andere enthält eine Geschichte, die Malkah Yod erzählt. Nachts, per Com. Die Geschichte um Rabbi Löw und den Golem von Prag. Golem und Cyborg – die Ähnlichkeit ist frappierend. Beide dem Aussehen nach Menschen doch der eine aus Lehm, der andere aus Schaltkreisen. So dreht sich alles um die Frage, ob ein Cyborg (oder ein Golem) eine Person ist und die gleichen Rechte hat. Denn nach und nach werden diese beiden sich ihrer Identität bewusst und fordern ihre Rechte: unabhängig leben, Liebe, Gehalt, Entscheidungen treffen. Von großen bis hin zu banalen Dingen. Doch wer entscheidet, ob ein Cyborg als Mensch behandelt werden kann? Oder ein Golem? Im späten Mittelalter entscheidet es Rabbi Löw, doch wie sieht es für Yod aus?

Zugegeben, auch wenn die Geschichte von Joseph, dem Golem, und Rabbi Löw Parallelen zieht und Denkanstöße gibt, habe ich diese Kapitel nicht so gerne gelesen – ich wollte in der Zukunft bleiben. Insgesamt war das Buch von einer leichten Spannung durchzogen, denn natürlich bleibt Yod nicht unentdeckt, dafür aber sehr begehrt. Doch das Buch unterscheidet sich deutlich von den meisten Dystopien, die ich bisher gelesen habe. Es fängt schon damit an, dass ich es keinesfalls eine Dystopie nennen würde, auch wenn die Welt sich zum Negativen verändert hat. Das Buch enthält eine positive Grundstimmung und ist durchsetzt mit der Frage, wie ein Mensch sich definiert und inwieweit eine Maschine ein Mensch sein kann, vor allem in Hinblick auf ein weiteres Detail dieser Zukunftsversion: den chirurgischen und kosmetischen Änderungen, denen sich die Menschen entweder aus gesundheitsbedingten oder gesellschaftlichen Gründen unterwerfen.

Tikva ist eine freie Stadt, eine jüdische Stadt. Die jüdische Religion, die Gebräuche und Festtage, Gebete und Gedenktage werden hoch gehalten und haben ihren Platz im Buch, präsenter als die Zukunftsvision. Das mag daran liegen, dass ein Großteil der Handlung in dieser abgeschlossenen Enklave spielt, die sich zu unserer heutigen Zeit noch relativ ähnlich zeigt. Israel mag zerstört sein, doch die Juden zeigen sich als die Überlebenskünstler, die sie immer waren und sein mussten. Jeder Multi hat andere Regeln und Gebräuche, gleich einer Religion, doch durchsetzt mit Macht. Politik, Wirtschaft und Religion ist hier unheilbringend vermischt. Doch Widerstand regt sich, nicht nur in Tikva.

Aber „Er, Sie und Es“ ist kein Thriller, es ist ein Denkanstoß, eingebettet zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Druck und Widerstand, zwischen Macht und Freiheit. Die Frage, die man sich stellen muss, ist, wann ein Mensch ein Mensch ist. Roboter und künstliche Intelligenz – wie weit sind wir bereit zu gehen? Werden wir – wir Menschen – wenn es soweit ist, Roboter und Cyborgs als unseresgleichen anerkennen? Ist es die Weiterentwicklung unserer Spezies? Die Zukunft?
Doch neben diesen elementaren Fragen, die man eine Weile nicht mehr los wird, findet sich eine grandiose Zukunftsvision, bei der ich es jetzt schon schade finde, nicht mehr zu erfahren – und vor allem nicht zu wissen, wie es weiter geht. Nein, nein, das Buch hat ein Ende, keine Sorge. Trotzdem steht die Welt am Anfang eines neuerlichen Wandels, wenn man das Buch zuklappt. Und auch wenn ich ein Verfechter der Einteiler / Standalones bin, finde ich es diesmal sehr schade, dass ich diese Vision nicht weiter kennenlernen darf.

Fazit:
Eine Zukunftsvision, die mich sehr begeistert hat, liefert die Basis für eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Menschsein. Ein überaus lesenswertes Buch!


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Kunst und so: Im großen Stil – Bielefeld & Hartlieb


Claus-Ulrich Bielefeld & Petra Hartlieb – Im großen Stil
Verlag: Diogenes
415 Seiten
ISBN: 978-3257243857

 

 

 

2 Tote, 2 Städte und ein paar Gemälde – darum dreht es sich in diesem Krimi, der in Berlin von Kommissar Thomas Bernhardt und in Wien durch Inspektorin Anna Haber vertreten wird. Die Kunstszene wird beleuchtet, genauer gesagt der Kunsthandel. Privat oder mit Museen, Originale, aber auch Fälschungen, ganz schön teure Fälschungen. Und mittendrin eben nun zwei  Ermittlungen, die zu einer werden – Berlin und Wien in einer ermittlerischen Symbiose.

Mal wieder bin ich einem Thema begegnet, in dem ich herrlich unbefleckt bin und natürlich gerne Informationen in Form eines Krimis aufsauge: Kunst im Allgemeinen, Gemälde im genaueren. Beide Tatorte in den Ermittlungen zeigen Gemälde, einer ist quasi damit vollgestopft. Die Frage ist, ob man es hier mit Originalen oder Fälschungen zu tun hat, wobei ja auch Fälschungen einen gewissen Wert haben. Die Ermittler sind genauso unbefleckt wie ich, so dass die Nachforschungen natürlich einiges an Informationen über die Kunstszene zu Tage fördert. Ein Gemälde rückt in den Fokus: Brueghels „Die niederländischen Sprichwörter“, allerdings nicht so sehr, dass man wirklich viel Genaueres darüber erfährt, hierzu musste ich dann doch andere Quellen bemühen, um meine Neugier zu befriedigen. Auch bei den anderen Gemälden sowie der „Szene“ selbst bleibt die Ermittlung an der Oberfläche, ein Fokus auf ein Thema/Bild hätte mir persönlich gut gefallen.

Die Ermittlungen sind dann auch ein wenig stockend, wobei mir das eventuell auch nur so vorkam, da zu viel Privates der beiden Ermittler hineinspielte. Thomas Bernhardt bandelt so mit einigen Frauen an, die man im Krimi antrifft, und lässt sich weder von Landesgrenzen noch von langjährigen kollegialen Verbindungen zurück halten, derweil Anna Haber den Fehler macht, Berufliches und Privates – um genauer zu sein, die aktuelle Ermittlung – zu vermischen. Ein „No Go“, welches sich prompt rächt, aber dann eben auch den Täter hervorbringt. Nichtsdestotrotz hätte ich diesen lieber durch Ermittlungserfolge auftauchen sehen.

Insgesamt konnte mich der Krimi also nicht so recht überzeugen. Die Ermittlungen, aufgeteilt auf zwei Städte, hätte ich mir spannender vorgestellt und der Anteil an Privatem war mir zu groß. Die Gespräche, bzw. Telefonate zwischen Bernhardt und Haber wirkten oft aufgesetzt und ein wenig ungelenk, mal ganz abgesehen davon, dass mir beide Ermittler weder sympathisch waren noch in anderer Weise mit Struktur versehen, die einem in Erinnerung bleibt.

Ich wollte gerne in die Serie hinein schnuppern und hab mich bewusst für einen Teil in der Mitte entschieden. Dies war aber kein Nachteil  – man kann so wie ich in der Mitte beginnen oder eben doch von vorne, wenn man an der Serie interessiert ist, der Kriminalfall ist ja – wie üblich – eh abgeschlossen. Ich werde die Serie nicht fortsetzen, dazu hatte sie mir einfach zu wenig zu bieten. Zusätzlich kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass das hier aufgestellte Konzept der „Zwei-Städte-Ermittlung“ dauerhaft funktioniert, da es sich ja immer um die gleichen Städte handelt.

Fazit:
Mich konnte der Krimi nicht überzeugen, auch wenn sehr gute Ansätze, wie Ermittlungen in zwei Städten und die Kunstszene, dabei waren. Das private Geplänkel hat mir dann den Rest gegeben – für mich mein erster und letzter Ausflug in diese Serie.


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Monatsrückblick Mai 2017

Kann das jemand glauben? Schon wieder ein Monat vorbei und schon ist Sommer. Wäre nicht ein verlängertes Wochenende dabei gewesen, sehe mein Rückblick wieder ein wenig spärlich aus, doch so kann ich immerhin mit ein paar Büchern punkten. Ganz besonders freue ich mich, dass ich zwei wirklich großartige Bücher aus dem Hause Argument lesen durfte. Fast schon ist es mir ja ein wenig peinlich, die Bücher des Verlags immer zu loben, aber was will man anderes machen, wenn der kleine Verlag eben immer ein so verdammt gutes Händchen hat?

Die Rezensionen zu Drift und Alles so hell da vorn sind ja von mir schon veröffentlicht worden, die Rezension zu Im großen Stil fehlt noch, kommt aber bestimmt bald. Auch Des Menschen Wolf habe ich im Mai ausgelesen, auch wenn das Buch schon den nächsten Leser gefunden hat und deshalb nicht auf dem Bild erscheint. Zu den folgenden wird es keine Rezension geben, aber zumindest eine Kurzmeinung findet ihr hier:

Mitra Devi – Filmriss
Der zweite Teil mit Nora Tabani, diesmal geht es um eine Entführung. Nora zwischen Ebbe in der Kasse und großen Fällen, klein gibt es hier nicht. Langweilig aber eben auch nicht. Hat mir gut gefallen.

Der Mann mit der Bombe – Christian Roux
Larry, ein arbeitsloser Tontechniker, vereitelt einen Banküberfall indem er mit seiner Bombenattrappe die Anführerin Lu als Geisel nimmt. Hört sich abgefahren an? Ist es auch – und ganz nebenbei zeigt das Buch die Probleme Frankreichs. Ein Roadtrip.

Blake Crouch – Dark Matter, Der Zeitenläufer
Parallele Universen – auch wenn sich die Sprüche auf dem Rückcover vor Begeisterung überschlagen, ist das keine neue Idee. Ganz spannend, ja, aber nicht neu und leider auch nicht überraschend.

Nicht auf dem Bild, da ebook, aber trotzdem im Mai gelesen:
Die steinerne Matratze – Margaret Atwood
Schon lange wollte ich mal bei Margaret Atwood reinschnuppern, aber an der Madaddam Trilogie bin ich erstmal gescheitert. Deshalb hab ich mich jetzt mal an die Kurzgeschichten getraut – da kann man ja auch  mal eine sein lassen, wenn nötig. War aber gar nicht nötig. Alle Geschichten drehen sich um ältere Herrschaften, einige sind sogar miteinander verwoben. Gar herrlich und sehr köstlich!

Mitten im Tod – Lawrence Block
Weiter geht es mit Matthew Scudder! Immer noch gut, immer noch Scudder. Wie schön, dass immer mehr Teile neu rausgebracht werden. Dann kann man seiner Sucht weiter frönen.

 

So – und was gibt es im Juni? Na da schauen wir mal, aber einen Favoriten hab ich schon lange im Auge, denn Jutta Maria Herrmann hat ihr neues Buch veröffentlicht:


Jutta Maria Herrmann – Amnesia
Inhalt: Du hast nichts zu verlieren.
Du hast eine mörderische Wut.
Und du kannst dich an nichts erinnern …
Als die Berlinerin Helen die Diagnose Krebs im Endstadium erhält, ist es ihr einziger Wunsch, sich vor ihrem Tod endlich mit ihrer Mutter auszusöhnen, zu der sie ein schwieriges und distanziertes Verhältnis hat. Bei ihrer Familie in der südwestdeutschen Heimat angekommen, muss sie dann schockiert erfahren, dass ihre schwangere Schwester Kristin von ihrem Ehemann Leon misshandelt wird. Am liebsten würde Helen Leon dafür umbringen, zu verlieren hat sie ja nichts mehr. Aber einen Menschen töten? Helen glaubt nicht, dass sie dazu wirklich fähig ist.
Am nächsten Morgen allerdings ist Leon tot – und Helen, die Medikamente mit schwersten Nebenwirkungen nimmt, hat keinerlei Erinnerung an die vergangene Nacht. Amnesie …

Wem das nun zu “Mainstream” ist, der sollte sich die folgenden Tipps für den Juni ansehen:

Dennis Lehane – Dunkelheit, nimm meine Hand
Benjamin Whitmer – Im Westen nichts
Don Winslow – Corruption

 

Und falls da nichts dabei ist, kann man einfach weiterhin warten, bis Smonk von Tom Franklin erscheint…. 😀