Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Die Stunde der Entführer – Robert Wilson


Robert Wilson – Die Stunde der Entführer
Verlag: Goldmann
Übersetzer: Kristian Lutze
479 Seiten
ISBN: 978-3442314287

 

 

 

 

Immer wieder stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, in der Mitte einer Serie einzusteigen oder eben beim Anfang zu beginnen. Ich habe schon verschiedene Erfahrungen gemacht. Manchmal klappt es gut, wenn man mittendrin einsteigt, manchmal weniger gut. Und ich hatte sogar schon ein oder zwei, bei denen es gar nicht geklappt hat. Nichtsdestotrotz muss man es manchmal probieren, denn seien wir mal ehrlich, man kann nicht jeder Serie von Anfang an folgen oder wenn man sie eben erst spät entdeckt, noch alle vorigen Teile aufholen. Hier habe ich mir nun also den dritten Teil um Charles Boxer geschnappt, einen Spezialisten für Entführungsfälle, der sich auch nicht scheut, härtere Maßnahmen zu ergreifen. Der Einstieg bei Teil drei war kein Problem, doch zufrieden bin ich dennoch nicht.

In London werden innerhalb von wenigen Stunden die Kinder von 6 Milliardären entführt. Die Altersspanne der Entführungsopfer geht vom Kind bis zum jungen Erwachsenen und zieht sich durch mehrere Nationalitäten: mit dabei sind die USA, Russland, China und Indien. Die Eltern sind nicht nur sehr reich, sondern durch ihre Geschäfte zumeist auch in der Politik verbandelt, was die Sache äußerst kompliziert macht. Die Ermittlung führt Mercy Danquah, Charles Boxers Ex-Freundin. Doch nicht nur diese Verbindung zieht Boxer in den Entführungsfall, sondern auch eine neue Klientin. Siobhan sucht ihren Vater Conrad Jensen, der vor einigen Tagen spurlos verschwunden ist. Der Anwalt der Familie hat Siobhan zu Boxer geschickt, um zur Not auch von Boxer speziellen Fähigkeiten Gebrauch zu machen. Boxer ist nahe dran, den Fall abzulehnen, gibt sich aber doch geschlagen. Auch Amy, seine Tochter, die mittlerweile bei seiner Organisation LOST mithilft, um lange zurückliegende Verschwundene wieder aufzuspüren, wird mit in die Ermittlung gezogen. Doch auch wenn es anfänglich nach zwei verschiedenen Ermittlungen aussieht, gibt es eine Verbindung.

Die Entführung reicher und so unterschiedlicher Kinder zieht ganz verschiedene Organisationen an. Die Ermittlung liegt vielleicht bei der Londoner Polizei, doch im Hintergrund mischen die verschiedensten Geheimdienste fröhlich die Karten, ohne sich dabei hineinsehen zu lassen. Die Milliardäre sind nun auch nicht die einfachsten Menschen, so dass jeder einen eigenen Unterhändler hat und das Chaos perfekt ist. Die Entführer allerdings, sind durchaus gut strukturiert und überlegt. Das zeigen nicht nur die sechs kurz nacheinander ausgeführten Entführungen, sondern auch die Verhandlungen. Es wird kein Lösegeld verlangt, sondern eine Aufwandsentschädigung für den Aufenthalt der Geiseln und es wird auch nicht einzeln verhandelt – ein Unterhändler wird bestimmt.
Man mag es kaum glauben, aber den Entführern geht es tatsächlich nicht um Geld, es werden politische Forderungen gestellt – aber genau da ist der Haken: die genaue Motivation kommt erst ganz zum Schluss heraus und ist dann auch nicht mehr wichtig, denn es ist ja schon vorbei.

Die Hauptfiguren – Boxer, Mercy und Amy – fand ich alle ganz gut, wenn auch mit Klischees nicht gegeizt wird. Charles Boxer vertritt dabei den stereotypischen Helden: für Recht und Gerechtigkeit verkloppt er auch gerne mal die Bösen und findet letztendlich die Entführten quasi im Alleingang. Und natürlich sieht er rot, wenn es um die Familie geht. Bei den Nebenfiguren sticht vor allem Siobhan als etwas andere Femme Fatale heraus. Schade ist, dass die Entführten oder gar die Entführer nicht zu Wort kommen, hier hätte man dann zwar noch ein, zwei weitere Ebene eröffnet, aber eben andere Perspektiven eröffnet. Dies hätte für Abwechslung gesorgt und man hätte auch die Motivation der Entführer besser verstanden. Doch sowohl Entführte als auch Entführer sind quasi nur schmückendes Beiwerk. Insgesamt hätten andere Perspektiven spannende Einblicke eröffnen können, z. B. auch bei einem der Geheimagenten stelle ich mir das interessant vor.

Ein komplexes Szenario, viele Mitspieler und Parteien, viele Heimlichkeiten und doch irgendwie unrund. Es passiert so viel und doch irgendwie nicht. Der Fokus liegt auf Charles Boxer, ab und an auch bei Mercy. Beide haben zusätzlich noch mit privaten Problemen kämpfen müssen. Die Geschichte nimmt kurz Fahrt auf, aber tuckert dann irgendwie vor sich hin, so bis zur Hälfte, bis sie dann endlich in Schwung kommt. Das Ende wird relativ kurz abgehandelt, die Beweggründe der Entführer zwar dargestellt, doch warum Boxer nun mit im Spiel sein musste ist für mich unzureichend erklärt worden. Aber vielleicht passt das ganz gut, denn irgendwie, auch wenn der Fall an sich geschlossen ist, gibt es einen hintergründigen Handlungsstrang, der weitergeht. Allerdings ohne mich – das Buch konnte mich jetzt nicht so überzeugen, dass ich mir den nächsten Teil holen würde.

Fazit:
Durchschnittlich – der Fall nimmt ab der Mitte Fahrt auf, doch irgendwie ist das Ganze unrund. Ein komplexes Szenario mit vielen Parteien, aber keinen anderen Perspektiven. Schade.


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Talk.Noir in Stuttgart – so war’s

Letzte Woche, am 08. März 2017 war es endlich soweit – Talk.Noir war in Stuttgart zu Gast!

Wolfgang Franßen, Frank Rumpel, Alexander Roth

Die Stuttgarter Kneipe Milliways diente als Schauplatz, das Plateau der Kneipe wurde eingenommen und die Barhocker stibitzt – dann ging es los. Wolfgang Franßen (Polar Verlag), Frank Rumpel (SWR2) und Alexander Roth (derschneemann.net) stellten drei noireske Bücher vor. Zugegebenermaßen waren nur wenige Teilnehmer da, dafür war es irgendwie lauschig. Ein wenig wie eine Wohnzimmerlesung mit Bedienung. Richtig gemütlich.


Den Anfang machte Alexander, der sich kurzfristig für ein anderes Buch als angekündigt entschieden hat. Tom Boumans Krimi “Auf der Jagd” wurde kurzerhand gegen Denis Johnsons “Die lachenden Ungeheuer” ausgetauscht. Dieser Tausch hatte die Auswirkung, dass nun alle drei Bücher das Thema Afrika repräsentierten, so auch Johnsons…. ja, kann man es Krimi nennen? Nun, das Problem haben wir öfters, dass die Grenzen des Genres verwischt sind und die klassische Kriminalgeschichte zwar noch häufig vorkommt, aber eben nicht mehr das einzige auf dem Markt ist – zum Glück! Wollte man den Roman beschreiben müsste man ihm wohl neben dem Krimietikett noch weitere verpassen. 2 Freunde, 1 Frau, ein paar Geheimnisse und viel afrikanische Geschichte, Kultur und Eigenheit – nicht nur Südafrika ist in Krimis ein Thema, sondern auch Sierra Leone. Alexander hat uns einen Einblick in die Geschichte des Buches, in das Leben des Autors und Querverweise zu anderen Büchern gegeben – so haben das auch die nachfolgenden Herren geregelt. Wer hier eine Standard-Lesung erwartet, wird überrascht werden.

Als nächstes folgte Frank mit “Illegal” von Max Annas. Sein voriger Roman “Die Mauer” konnte den Titel des besten Krimis im Jahre 2016 (Krimibestenliste, damals noch in der ZEIT) ergattern – für mich persönlich war er das allerdings nicht. Umso gespannter war ich, was es über “Illegal” zu sagen gab. Nun, die Herren waren einhellig der Meinung, dass das Buch zwar immer noch sehr gut ist, aber nicht an seine beiden vorigen Romane (neben “Die Mauer” ist das “Die Farm) herankommt. Liegt ja vielleicht auch am Setting, denn entgegen seinen ersten Krimis, die in Südafrika spielen, spielt “Illegal” in Berlin und die Hauptfigur ist ein junger Afrikaner, der illegal in Deutschland lebt. Eines Tages beobachtet er einen Mord und verschwindet, doch der Täter hat ihn gesehen, so dass der junge Mann eine atemlose Flucht durch Berlin hinlegt, die wohl am Ende einen Touch “Lola rennt” hat. Sehr schön war, dass das Herrengespann wohl alle Bücher gelesen hat, so dass jeder eine Meinung hat, auch wenn die mitunter sehr ähnlich war. Viel Grund zum Streiten gab es nicht, aber wenn Profis die Vorauswahl treffen ist eben klar, dass die Bücher fast schon unbestreitbar gut sind. Schade ist, dass das Publikum wenig mitzudiskutieren hatte, denn die Bücher waren allesamt erst wenige Tage vorher erschienen oder waren noch gar nicht veröffentlicht. Mittlerweile gibt es die drei Bücher aber überall zu kaufen.

Als Letzter war Wolfgang an der Reihe und hat seinen neuesten Krimi aus dem Polar Verlag vorgestellt: “Libreville” von Janis Otsiemi. Ein Krimi, von einem gebürtigen Gabuner geschrieben, der in Gabun spielt. Ein politischer Mord, der von zwei Polizisten untersucht wird, die noch mit Schreibmaschine und Zeugenaussagen versuchen den Fall zu lösen. Der Autor, Janis Otsiemi, ist in Frankreich ein sehr bekannter Krimiautor – unter einigen anderen. Anscheinend ist dort noch eine Menge an Übersetzungsarbeit nachzuholen, damit wir deutschen Leser auch in den Genuss dieser tollen französischen / französisch-sprachigen Autoren kommen. Allgemein schneiden die Frauen nicht gut aber – weder in den Büchern noch im Subgenre allgemein noch im Talk.Noir. Damit da ein Ausgleich geschaffen wird, schlage ich mal vor, dass Wolfgang das nächste Mal, wenn er in den Süden für ein Talk.Noir fährt, einfach Else Laudan mit in sein Auto packt. Die Verlegerin im Argument Verlag mit ihren Ariadne-Krimis gehört zum Noir und – wie ich finde – auch mal nach Stuttgart.

Oder eben nach Tübingen. Denn über den nächsten Termin haben wir nach dem “offiziellen” Teil noch geredet und gleich mal einen Termin im Mai festgelegt (an den ich mich aber grade nicht mehr erinnere, über den ich Euch vorher aber natürlich Bescheid gebe). Und die einhellig Meinung der Teilnehmer war, dass sich Tübingen viel besser für das Talk.Noir eignen würde. Was vielleicht daran lag, dass 80% der Teilnehmer aus Tübingen “angereist” waren. Ich persönlich wohne zwar nicht in Tübingen, aber ich mag Tübingen sehr. Passt also!

So, dass war es dann mit meinem Bericht.
Wer auch mal ein Talk.Noir erleben möchte, der komme doch einfach im Mai nach Tübigen. Für einen kleinen Urlaub oder so, denn das Städtchen lohnt sich so oder so. Ich würd mich freuen, Euch Follower mal zu treffen!


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Blogtour KollendersGeister: Lesetagebuch

Endspurt! Bei Philly von Wortgestalt-Buchblog.de gibt es heute ein Lesetagebuch zu “Von allen guten Geistern” von Andreas Kollender. Leider schon der letzte Beitrag der Blogtour, aber dafür hat er es in sich.
Und nicht vergessen: es gibt etwas zu gewinnen!

#KollendersGeister

Logbuch der Enterprise, hier spricht Captain Kirk, Sternzeit … achso, nee, quatsch, falscher Einstieg. O Captain, my Captain … Nee, auch nicht. Liebes Tagebuch? Hm, nein. Wie beginnt man denn nun so einen Tagebucheintrag? Komisch eigentlich, dass ich mich das Der Beitrag #KollendersGeister – Ein Lesetagebuch erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über #KollendersGeister – Ein Lesetagebuch — WortGestalt-BuchBlog


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Blogtour mit Kollenders Geistern: Interview mit Dr. Ludwig Meyer

Folgendes Interview habe ich erfreulicherweise in der „Staats und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheiischen Correspondenten“ aus dem Mai 1864 (!) gefunden. Leider war es mir technisch nicht möglich, Euch die Seite komplett zur Verfügung zu stellen, deshalb hier nur ein kleiner Ausschnitt der Titelseite.
Das Interview mit Dr. Ludwig Meyer, dem Protagonisten aus „Von allen guten Geistern“ habe ich Euch abgetippt. Geführt hat das Interview der Journalist Appert, der auch u. a. im Auftrag des preußischen Königs, Friedrich Wilhelm IV, unterwegs war.


Interview mit Dr. Ludwig Meyer,
dem Leiter der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg

 

Doktor Meyer, Sie haben mich um dieses Interview gebeten. Warum?

LM: Letztes Jahr haben Sie im Auftrag des Königs die Irrenanstalten des Landes besucht, unter anderem St. Georg. Die Zustände damals haben Sie als jammervoll beschrieben. Die Irren waren im Keller untergebracht, es gab feuchte Wände und es stank fürchterlich. Die Irren waren wild verteilt, haben geschrien, gesungen, gestöhnt. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie überaus trefflich in ihrem Bericht geschrieben, dass sogar gesunde Menschen, die nur einige Tage dort verbringen müssten, wahnsinnig werden würden. Doch jetzt hat sich alles geändert. Ich habe dort die Leitung übernommen und Veränderungen durchgeführt. In Friedrichsberg hab ich dann eine eigens dafür eingerichtete Heil- und Irrenanstalt einrichten lassen und alle Patienten dorthin umgezogen. Ich lade Sie ein, sich die Abteilung erneut anzusehen.

So? Was hat sich denn unter ihrer Leitung groß verändert? Die Irren werden doch wohl immer noch irre sein.

LM: Alles. Alles hat sich verändert. Es gibt keine Ketten mehr, keine Folterinstrumente, niemand wird mehr zur Schau gestellt oder zu etwas gezwungen. Ich habe den Zwang abgeschafft! Ich habe alle Zwangsjacken verkauft. Ein Erfolg, über den ich heute noch erstaunt bin.

 Ah, von dieser Aktion habe ich gehört. Wirklich verwunderlich, dass normale Menschen Zwangsjacken gekauft haben. Was meinen Sie, wer solche Jacken kauft?

LM: Ein jeder – ich konnte keine Unterschiede feststellen. Eine alte Frau prüfte den Stoff, vermutlich um andere Kleidungsstücke daraus zu nähen, aber alle anderen? Ich habe sogar einige gefragt, doch keiner wollte es mir sagen. Die Scham, wissen Sie. Und die Angst. Angst davor, sich anzustecken, auch irre zu werden. Angst davor, in die Dunkelheit zu stürzen, das Chaos zuzulassen. Aber eine grundsätzliche Neugier ist vorhanden. Normale Menschen kommen mit Zwangsjacken nicht in Berührung – es war eine Sensation.

Scham und Angst – nun nehmen Sie sich selbst mal nicht so wichtig. Wieso glauben Sie, ausgerechnet Sie könnten beurteilen, wer Angst hat und sich von seiner Scham beherrschen lässt?

LM: Ich mache seit meiner Jugend nichts anderes als die Menschen zu beobachten und ihr Verhalten zu analysieren. Ich versuche herauszufinden, wie der Mensch funktioniert. Woher kommen Geisteskrankheiten? Sind sie körperlich verursacht? Wo liegt der Ursprung der geistigen Verwirrungen? Und dabei sind mir so einige Verhaltensweisen aufgefallen, denn es lässt sich nicht ausschließen, dass man nicht nur irre Menschen analysiert. Man analysiert jeden, dem man begegnet. In unserer Zeit ist der gute Ruf, das Ansehen elementar. Es ist wichtig, dass man nicht für  verrückt gehalten wird. Frauen werden von ihren Männern als wahnsinnig beschimpft und in Irrenanstalten abgeschoben – ob sie es nun sind oder nicht. Es ist so einfach, einen Menschen abzustempeln und für irre zu erklären. Alles, was wir nicht verstehen macht uns Angst und wir versuchen, es von uns wegzuschieben und einzusperren. Menschen mit Selbstmordgedanken, verwirrte Menschen oder auch Tobsüchtige landen in den Irrenanstalten und alle erhalten dieselbe Behandlung: keine. Sie werden weggesperrt, aus Angst. Wenn ich nur an meinen Vater denke…

Was ist mit ihrem Vater? Ich dachte, es war ihre Mutter, die in St. Georg in die Irrenabteilung eingeliefert wurde?

LM: Ja, ja, das schon. Aber das, das tut jetzt nichts zur Sache. Sind Sie bei ihren Recherchen auch über die Narrenschiffe gestoßen? Früher hat man die Irren auf Schiffe gebracht und hinaus aufs Meer gefahren, damit man ja nichts mehr mit ihnen zu tun hatte. Dabei kann man jede Geisteskrankheit heilen! Ich bin fest davon überzeugt, dass Doktor Conollys Non-Restraint-Programm wirkt. Gehen Sie ins Ausland, nach London, reden Sie mit Conolly. Geisteskrankheiten müssen ohne den Einsatz von Zwangsmaßnahmen geheilt werden – und das können sie auch!

Ihre Mutter konnte aber nicht geheilt werden, oder? Sie hat sich das Leben genommen. Und zwar in St. Georg.

LM: Ja, doch damals oblag die Leitung der Abteilung noch Doktor Krümmer, ich war kaum ein Mann, kurz vor Beginn meiner Studien. Es war… damals…. Ich… Doktor Krümmer hat nichts anderes gemacht, als alle in den Keller zu sperren und wegzusehen. Die Wärter waren mit der Fürsorge der Irren betraut und, glauben Sie mir, wenn ich sage, dass keiner von denen den Geisteskranken gut getan hat. Sie haben die Irren zur Schau gestellt und gequält, es… es waren abscheuliche Zustände, in denen ich meine Mutter zurücklassen musste. Ich hatte keine Wahl. Mein Vater…
Als ich St. Georg übernommen habe, habe ich kaum eine Handvoll Aufzeichnungen über die Patienten erhalten. Ich musste ganz von vorne beginnen. Ich habe mich mit jedem meiner Patienten unterhalten und eine Patientenakte erstellt. Dieser… Doktor Krümmer ist jetzt in seiner „wohlverdienten“ Rente. Pah.

Ich habe mich natürlich vorher über Sie informiert, Doktor Meyer. Sie sind nicht ohne Widerstände an diesen Posten gelangt. Senator Ulrich…

LM: Ach, Senator Ulrich…. Ich kann nicht einmal sagen, aus welchem Grund der Mann gegen meine Person hetzt. Er war leider von Anfang an gegen mich und gegen das Non-Restraint-System. Er hat mir viele Steine in den Weg gelegt.  Er war überzeugt davon, dass Geisteskrankheiten aus Sünden entstehen. Aus schlechter Lebensführung oder das sich Leute gar freiwillig dazu entscheiden geisteskrank zu sein! Und natürlich müsste man diese Individuen wegsperren – zum Schutze der Gesellschaft. Pah. Angst hat er, nichts anderes. Er versteht es nicht und schlägt um sich, weil er Angst hat. Und doch habe ich diesen Kampf gewonnen – ich bin nun der Leiter der Heil- und Irrenanstalt in Friedrichsberg, und schon in St. Georg habe ich mit den Umstellungen und Neuerungen begonnen. Friedrichsberg ist keine gesonderte Abteilung in einem Krankenhaus – Friedrichsberg ist eine Heil- und Irrenanstalt. Einzig für die Behandlung von Irren gedacht. Bitte betonen Sie das – es geht um Heilung.

Nun ja, sehr hochtrabende Pläne. Aber Heilung allein wird ja wohl nicht durch die Abschaffung der Zwangsjacken eintreten, oder?

LM: Nein, nein, das ist nur einer der ersten Schritte. Zuerst muss wieder Licht in das Leben der Patienten treten. Wir holten sie aus den vergitterten Kellern und brachten sie in ganz normale Krankenzimmer. Sie wurden zu normalen Kranken. Patienten. Wir lassen sie an die Sonne, ins Licht, raus ins Grüne. Doch das sind nur die Rahmenbedingungen. Es geht darum, Verständnis für die Geisteskranken aufzubringen, mit ihnen zu reden und sie verstehen zu lernen. Daraus wird die Erkenntnis entstehen, um sie zu heilen. Nur so können wir ihnen helfen und wieder in die Gesellschaft integrieren.

Sie wollen die Geisteskranken wieder frei lassen? Sind Sie des Wahnsinns? Sie können doch diese Tobsüchtigen und Selbstmordgefährdeten nicht frei lassen!

LM: Sie werden dann nicht mehr geisteskrank sein! Sie sind dann geheilt. Sie können wieder ein normales Leben führen. Sie werden sehen – es wird funktionieren.

Das glaube ich erst, wenn ich es wirklich sehe. Aber gut: Nennen Sie mir ein Beispiel. Als ich in St. Georg war, waren dort Hunderte von irren Menschen, die ich in meinem Leben nie wieder raus lassen würde. Sie haben gewütet und geschrien – diese Irren sind eine Gefahr für andere Menschen. Welchen von diesen – zugegeben unglücklichen – aber gefährlichen Menschen wollen Sie heilen und in die Welt hinaus schicken?

LM: Ich könnte Ihnen Hunderte nennen, genau die, die sie letztes Jahr in so erbärmlichen Zustand gesehen haben. Kommen Sie uns jetzt besuchen. Sie werden sehen, die Patienten sind viel ruhiger, ausgeglichener. Es geht ihnen besser. Natürlich ist der Heilungsprozess noch im Gange, doch schon bald werde ich den ersten entlassen. Und dann noch einen. Und dann weitere. Es dauert, es braucht Zeit. Aber Heilung ist möglich. Ein Beispiel? Na gut, nehmen wir Herrn Mommsen.
Herr Mommsen ist ein wunderbarer Mensch. Er spielt hervorragend Schach und man kann sich sehr angeregt mit ihm unterhalten. Er fühlt sich von Dämonen verfolgt, doch schon seit einiger Zeit sehe ich Besserung. Es werden weniger Dämonen, er fühlt sich sicherer. Er wird lernen, damit umzugehen und zu verstehen, dass es keine Dämonen gibt, dass seine Gedanken ihm diese nur vorgaukeln. Er kann und wird geheilt werden. Nun – kommen Sie denn jetzt auf eine Partie Schach nach Friedrichsberg?

Ich bin noch nicht überzeugt, Doktor Meyer. Ohne es selbst gesehen zu haben, kann ich die Veränderungen nicht glauben. Und das Non-Restraint-System und Ihre Versuche, die Irren zu heilen? Reine Fantasie oder Glauben, ach,  wer weiß schon – vielleicht ist es gar eine Art von Wahnsinn!  Aber ich werde mich mit eigenen Augen überzeugen. Ich komme nach Friedrichsberg.
APPERT

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Quellenangabe der Bilder:
www.christian-terstegge.de
Die Verwendung der Bilder erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Christian Terstegge.
Karte von Hamburg: 1833, Wilhelm E. A. von Schlieben: Hamburg und Altona.
Karte der Provinzen: 1873, Preussische Provinzen Schleswig, Holstein und Lauen­burg, aus „Grosser Handatlas des Himmels und der Erde“, Geo­graphisches Institut Weimar, 1873.
Zeitung: 1842-05-13, Staats- und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpar­theiischen Correspondenten Nr. 110.
Anmerkung der Redaktion: Der hier gezeigte Text ist  ein fiktives Interview mit der zwar realen historischen Person Dr. Ludwig Meyer, welches aber auf den Daten des Romans „Von allen guten Geistern“ basiert. Der Text wurde in einen literarischen und historischen Kontext gebettet, um Authentizität zu schaffen und „real“ zu erscheinen.
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Nun noch abschließend der Hinweis auf das Gewinnspiel – nur wenn Ihr die Buchstaben aus allen Beiträgen gefunden habt, könnt ihr das Buchpaket gewinnen. Lesen lohnt sich also!

Im Rahmen der Blogtour verlost der Pendragon Verlag drei Kollender-Buchpakete mit jeweils einem Exemplar von „Kolbe“ und „Von allen guten Geistern“. Um an der Verlosung teilzunehmen, müssen die TeilnehmerInnen ein Lösungswort bilden. Das Lösungswort findet sich in den fünf Blogbeiträgen zu der Tour. In jedem Beitrag findet sich ein fett gedruckter Buchstabe – das Lösungswort besteht also aus fünf Buchstaben. Zur Teilnahme an der Verlosung muss das Lösungswort an presse@pendragon.de gesendet werden. Einsendeschluss ist Freitag, der 17. März 2017 um 23:59 Uhr.

Die drei Gewinner werden aus allen Teilnehmern ausgelost. Nach der Auslosung werden die Gewinner per Mail benachrichtigt und um ihre Adressdaten gebeten. Die Adressdaten der Gewinner werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt Ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.

 

 


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Blogtour: Essay zur Rehabilitation des Irrsinns durch proaktive Therapiemethoden

Heute sind wir schon bei der Mitte unserer Blogtour zu “Von allen guten Geistern” angekommen. Heute gibt es bei buchungmedienblog.com ein Essay. Viel Spaß dabei!

Der Buch- und Medienblog

Anstatt eines Leseberichts hat der Buch- und Medienblog dem Protagonisten dieses Romans, Dr. Ludwig Meyer, folgendes Essay an den Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal- Angelegenheiten, Heinrich von Mühler (1866), diktiert:

Achtung, hier gibt es etwas zu gewinnen!


brief-1866 An den
Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal- Angelegenheiten
Heinrich von Mühler

Geistige Fehlsteuerung und deren Zusammenhänge mit körperlichen Leiden. Rehabilitation des Irrsinns durch proaktive Therapiemethoden wie Musik, Dialog, Freiheit und Selbstbestimmtheit.

Viele Verantwortliche in den Irren- und Heilanstalten sind starrsinnige Anhänger der alten Lehre über geistige Krankheiten. In ihrer Renitenz verweigern Sie neue und revolutionäre therapeutische Ansätze zur Heilung geistiger und seelischer Störungen. Viele sogenannte Forscher sind gar nicht daran interessiert, fehlgeleitete und von der Norm abweichende Existenzen ernst zu nehmen. Sie wollen auch gar nicht wahrhaftig versuchen, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Lieber sehen Anstaltsleiter ihre „Untertanen“ in urin- und kotgetränkten Kellern mit vergitterten Fenstern, als in einer…

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Blogtour: Interview mit Andreas Kollender

Es ist ein krux mit mir und der Technik. Da ich es einfach nicht schaffe, den heutigen Beitrag über WordPress zu teilen, gibt es von mir jetzt einfach mal den Link zum Interview mit Andreas Kollender, welches Silvia vom Blog leckerekekse.de mit ihm geführt hat. Sehr spannend – wenn auch noch ohne Keksrezept. 🙂

Link zu Leckerekekse.de/blog mit einem Interview mit Andreas Kollender


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Ein Revoluzzer verkauft den Zwang

Heute geht es endlich los mit der Blogtour zu Andreas Kollenders “Von allen guten Geistern”. Den Start macht Christian von seitengang.wordpress.com mit einer Rezension zum Buch. Viel Spaß beim Lesen!

#KollendersGeister

Seitengang

von-allen-guten-geisternLange Zeit erinnerte in Hamburg nur noch die Friedrichsberger Straße und die S-Bahn-Haltestelle Friedrichsberg an die einstige Heil- und Irrenanstalt aus dem 19. Jahrhundert. Jetzt aber ist es dem Schriftsteller Andreas Kollender in vortrefflicher Weise gelungen, diese Geschichte wieder ans Licht zu holen – und nicht nur das. Mit seinem neuen Roman “Von allen guten Geistern” würdigt er besonders den Begründer der Anstalt und schreibt diesen Mann furchtbar schön und direkt ins Herz des Lesers. Eine Wucht von einem Roman!

In der alten Hansestadt Hamburg schreibt man das Jahr 1864, als die Zeitungen von einem seltsamen Vorfall auf dem Heiligengeistfeld berichten. Ein Mann namens Ludwig Meyer verkauft auf dem Markt alte Zwangsjacken – und die Leute reißen sie ihm förmlich aus den Händen. Dieser Meyer war niemand Geringeres als der neue Leiter der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg, der, wie Kollender es ihm so schön in den Mund legt, den “Zwang…

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