Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Mangelhaft: Die Erlöser – Nick Cutter

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Nick Cutter – Die Erlöser
Verlag: Heyne
Übersetzer: Frank Dabrock
368 Seiten
ISBN: 978-3453419414

 

 

 

 

„Dann lautete die Frage: Wie kann man eine ganze Spezies dazu bringen, sich selbst zu zerstören? Wie lässt sie sich am wirkungsvollsten vernichten? Durch Religion.  […] Und das Beste daran ist, dass derjenige, der das tut, nichts Konkretes versprechen muss, denn die Belohnung erwartet einen erst nach dem Tod. Es ist alles eine Frage des Glaubens. Und der ist unerschütterlich.“ (S. 197)

Religiöser Fundamentalismus. Da hat man mich zumindest schon so weit, dass mir sofort der Islam in den Kopf springt. Dabei gibt es auch christliche Fundamentalisten. Menschen, die die Evolution anzweifeln, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht akzeptieren oder eben auch andere Religionen nicht akzeptieren. Nick Cutter hat nun in seinem Buch ein Szenario entworfen, in dem sich der christliche Fundamentalismus in der Zukunft durchgesetzt hat.

Kirche und Staat sind untrennbar verwoben. Um das Gesetz zu wahren, gibt es Polizisten, Ermittler und ebens auch Gefolgsleute, eine Sondereinheit von Ermittlern gegen Religionsverbrechen. John Murtag ist einer von ihnen, der Teamleiter von Garvey und Angela Doe, der einzigen Frau in der Truppe, der man nachsagt, dass sie nur mit guten Verbindungen den Job bekommen hat. Andersgläubige, aber auch Gläubige, die sich der Bibel oder den Gesetzen gegenüber falsch verhalten, werden in Camps und Heimen umerzogen oder gleich hingerichtet und – die Hinrichtung ist die bessere Alternative. Als eine Reihe von Selbstmordattentaten geschieht, unter deren Opfern auch die Tochter des Propheten ist, scheint die Welt Kopf zu stehen, denn die Attentäter sind keine Moslems, keine Mormonen, keine Scientologen – es sind Christen.

Ein außerordentlich spannendes und interessantes Szenario, welches der Autor hier aufbaut. Wir befinden uns in der Zukunft, sind aber näher am Mittelalter als man meinen möchte. Technische Fortschritte sind kaum verfügbar, dafür gibt es Geschäfte, in denen man Opfertiere erwerben und gleich opfern kann, damit die Sünden gesühnt und die Seele wieder rein ist. Es herrschen klare Strukturen und Vorgehensweisen, die Andersgläubigen müssen umgestimmt werden, aber auch abtrünnige Gläubige wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Ermittlungen sind nur in begrenzten Rahmen möglich, die technischen Möglichkeiten fehlen, die Städte sind nicht vernetzt, die Zeitungen geschwärzt, jede Stadt hat seinen eigenen Propheten. Aber letztendlich ist das gar nicht so wichtig, denn wer nicht gläubig ist hat grundsätzlich etwas falsch gemacht. Beweise sind da irrelevant.

„Vor der Gründung der Republik stand das Kürzel CSI für Crime Scene Investigation, inzwischen jedoch für Christian Science Investigation. Die Forensik wurde als ketzerisches Fachgebiet verfemt, weil sie die Existenz von Dinosauriern und Ähnlichem beweisen konnte. Die Ermittler der Christian Science Investigation hingegen durften nur eine Lupe benutzen und ihre Schlussfolgerungen ziehen.“ (S. 35)

Leider hat der Autor das erschreckende Zukunftsbild dann in einen Jahrmarkt verwandelt. Der Prophet gemeinsam mit der Unbefleckten Mutter und dem Heiligen Kind entpuppen sich als früher umherziehende Wanderpredigershow, das Heilige Kind als Missgeburt – natürlich aber nur für John Murtag, alle anderen Gläubigen werden weiterhin getäuscht. Dann tauchen die Fünflinge auf – fragt mich nicht, was die sind, aber sie sorgen für viel Gewalt und Blut – und das ganze bekommt durch diese Fünf (wobei – warum auch immer – einer fehlt) noch einen fantastischen Touch. John Murtag, der Protagonist, erscheint mir kalt und unnahbar, einzig seine beginnende Marotte jedes übrig gebliebene Opfertier oder dann auch mal ein ungläubiges, junges Mädchen aufzusammeln, macht ihn sympathisch und zeugt von seinem Umdenken in der festgezurrten Struktur. Die Stadt wird nieder gemacht, alle sterben und da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Ich hab so gar keine Ahnung, was das Buch mir sagen wollte. Schade – dabei hatte es doch so gut angefangen.

Fazit:
Ein anfänglich spannender und interessanter Blick in die Zukunft, der dann ins Absurde abdriftet und sich in eine Freakshow verwandelt, mit viel Gewalt und Blut und Morden. Gute Idee – mangelhafte Ausführung.


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Familiengeheimnis: Der dunkle Grund des Sees – Stefanie Kasper

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Stefanie Kasper – Der dunkle Grund des Sees
Verlag: Goldmann
384 Seiten
ISBN: 978-3442483938

 

 

 

 

Forggensee – ein Stausee, der 1954 entstand und den Weiler Forggen, der ihm seinen Namen verlieh, flutete. Isabels Adoptiveltern, Elisa und Quirin Radspieler gehörten zu den Kindern, die in Forggen aufwuchsen. Doch das ist lange her. Isabel, zurück in ihrem Heimatdorf, nachdem Elisa an Krebs gestorben ist, macht sich auf Elisas Wunsch hin auf die Suche nach den Spuren ihrer verschwundenen Familie. Elisa hat Kassetten besprochen, die Isabel nun nach und nach hört und damit das Geheimnis der Familie Forggenmüller versucht aufzudecken, die kurz vor der Flutung von einem Tag auf den anderen verschwanden. Bis auf Elisa, welche die Nacht woanders verbracht hatte. Daran, dass ihre Familie ohne sie weggegangen ist, kann Elisa nicht glauben, doch was ist damals passiert? Isabel hört nicht nur Elisas Geschichte, sondern stochert in einigen Erinnerungen und wühlt auf, was manche lieber weiter verborgen hätten.

Isabel Radspieler ist eine schwierige Protagonistin, um Ermittlungen anzustellen. Sie leidet an einer Sozialphobie, geht kaum aus ihrer Wohnung und diese ist nun auch nicht der Traum, sondern ziemlich verwahrlost. Sie schafft es noch nicht einmal, die Wohnung zu verlassen, um ihre Adoptivmutter Elisa am Krankenbett zu besuchen, erst zur Beerdigung. Alles denkbar schlechte Bedingungen, um an einem Geheimnis zu knabbern und dies zu lösen. Allerdings kann Tom, ihr Cousin und früherer Freund/Liebhaber, der sie überraschend fallen hat lassen und Isabel so diese Trennung nie verwunden hat, dazu überreden, eine Therapie zu machen, nachdem sie ihn auf der Beerdigung wieder trifft. Danach ist es besser, doch immer wieder spielt Isabel ihre Angst dazwischen und sie kommt in Situationen, in denen ihr die Worte fehlen bzw. sie um diese ringen muss.

Und obwohl Tom in dieser Hinsicht einen positiven Effekt auf Isabel hat, kam ich nur schwer mit der Romanze der beiden zurecht. Ich bin eh kein Freund von Liebesbeziehungen in Krimis – wobei auch hier der Titel Kriminalroman weit gefasst ist, denn eigentlich ist es eher die Geschichte einer Familie, in der ein Geheimnis gehütet wird und auch Todesfälle vorkommen – aber hier war ich wirklich genervt davon. Tom und Isabel kommen wieder zusammen, trennen sich, kommen wieder zusammen… puh. Gar nicht meins. Was mich aber am meisten stört, ist die Tatsache, dass Isabel Tom bedingungslos wieder in ihrem Leben akzeptiert, obwohl die Trennung  damals mehr als schmerzhaft war und er ihr auch keinen Grund genannt hatte. Für mich nicht nachvollziehbar.

Aber neben dem ganzen persönlichen Geplänkel gibt es ja auch noch das Geheimnis um den Forggensee. Eine spannende Sache – man kann heute, wenn der Stausee abgelassen ist, wohl noch zu den Ruinen des damaligen Weihers wandern. Dazu passend finde ich übrigens auch das Cover sehr gelungen. Abwechselnd befindet man sich nun im Hier und Jetzt, aber eben auch in der Zeit vor der Flutung. Elisa und ihre Schwester Sybille, sowie die Söhne Radspieler, Michael und Quirin, sind Nachbarskinder und so im Alter zwischen 7 und 12 kurz vor der Flutung, doch Elisa hat ihre Erinnerungen nicht unbedingt chronologisch aufgezeichnet und so ist man gemeinsam mit Isabel ab und an verwirrt. Überhaupt viel es mir manchmal doch schwer die vielen Informationen zu ordnen und einen Überblick über die offenen Fragen zu halten. Zudem wird ziemlich lange kaum eine Frage beantwortet, sondern nur noch neue Fragen aufgeworfen. Um das Geheimnis bis zum Schluss zu wahren, werden dann sogar verschiedene Lösungen angeboten, unter denen der Leser bzw. Isabel wählen kann, bzw. diese glauben kann, bis dann die letztendliche Lösung auftaucht. Die Spurensuche mit den Ausschnitten aus der Vergangenheit, aber auch die Fragen, die Isabel jetzt stellt, sind spannend zu verfolgen, die privaten Dinge zwischendrin eher nicht so und haben mich auch genervt. Nichtsdestotrotz waren diese Dinge natürlich alle schön verwoben und es galt sie zu entwirren.

Fazit:
Eher Familiendrama, denn Kriminalroman. Das Geheimnis um die Forggenmüller war spannend zu verfolgen, wenn auch manchmal verwirrend. Das private Geplänkel konnte mich nicht überzeugen und hat mich genervt.


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Mit vielen Augen: Zeit zum Sterben – Mark Billingham

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Mark Billingham – Zeit zum Sterben
Verlag: Heyne
Übersetzerin: Irene Eisenhut
556 Seiten (inkl. der Kurzgeschichte “Schlag des Glücks”)
ISBN: 978-3453419513

 

 

 

 

Ach, Krimiserien. Es ist eine ewige Krux damit. Ständig werden neue Krimireihen begonnen und es gibt schon andere, die jährlich, manchmal sogar halbjährlich weitere Teile auf den Markt werfen. Fängt man Serien von vorne an? Bei einem Krimi ist es ja mitunter nicht so tragisch, wenn man mal einen Teil herauszieht und noch keinen der Vorgänger kennt. Manchmal aber schon. Diese Überlegungen entfallen allerdings völlig, wenn man total uninformiert zu einem Buch greift, es liest und dann erst am Ende, in der Kurzbeschreibung über den Autor, feststellt, dass es sich um eine Serie handelt. Und man gerade Band 13 gelesen hat – auch wenn nicht alle ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht wurden. Bei „Zeit zum Sterben“ ist mir das überhaupt nicht aufgefallen. Ja, es gab Stellen, in denen ein Bezug zu vorigen Fällen hergestellt wurde – jedenfalls vermute ich das – doch die waren für die Krimihandlung in diesem Teil unerheblich. Also warum nicht einfach manchmal den Sprung ins kalte Wasser wagen und mittendrin in einer Reihe anfangen?

Tom Thorne, Ermittler bei der Polizei in London, ist mit Helen Weeks, auch Polizistin, in Urlaub. Das Leben kann schön sein – allerdings bloß nicht zu viel wandern. Als dann die Nachrichten berichten, dass ein Verdächtiger im Fall der beiden kurz nacheinander verschwundenen Teenagermädchen Jessica Toms und Poppy Johnston verhaftet wurden, ist Helen erschüttert. Die Frau des Verhafteten, Stephen Bates, ist ihre frühere beste Freundin Linda. Sofort entschließt sich Helen, zu Linda zu fahren und ihr beizustehen – ob mit Tom oder ohne. Doch Tom kommt mit und kann seine Spürnase auch nicht ganz raushalten, natürlich zum Missfallen der ortsansässigen Polizei.

Die alles entscheidende Frage ist, ob Stephen Bates der Täter ist. Das erste Mädchen wird kurze Zeit später notdürftig im Wald verscharrt gefunden, doch wo ist Poppy? Bates hüllt sich in Schweigen – schweigt er, weil er der Täter ist oder eben weil er es nicht ist und somit einfach nicht weiß? Diese Frage garantiert eine kontinuierliche, leise Spannung, ganz ohne reißerische Action und weitere Entführungen oder Leichen. Die Ermittlung bzw. die Suche nach dem bzw. die Bestätigung des Täters ist nicht neu oder aufregend, entführte Mädchen gibt es in Kriminalromanen ja leider zuhauf. Interessant wird das Buch durch die Sichtweisen der verschiedenen Personen im Umkreis der Ermittlungen und des Verhafteten.

Durch Helen Weeks ist man dabei, wenn Linda Bates ihren Mann vehement verteidigt und von seiner Unschuld überzeugt ist. Aber auch, wenn sie ihre pubertierende Tochter Charli fragt, ob Stephen wohl jemals Hand an sie gelegt hat. Auch die beiden Kinder, Charli und Danny, machen sich die unterschiedlichsten Gedanken, meiden Facebook, nörgeln über den Verlust ihrer elektronischen Geräte und fragen sich, welche Freunde wohl hinter ihnen stehen. Tom Thorne schnüffelt ja nun in dem Fall und so ist er zumindest hin und wieder bei den Ermittlungen dabei, auch wenn er dafür ständig Rüffel kassiert. Auch das Dorf macht er unsicher, lauscht auf Gerüchte und stößt auf die Geschichte eines vermissten Ferkels. Auch die Presse, die wie die Aasgeier, das Bates Haus, aber auch das Dorf umkreisen, ist Segen und Fluch zugleich.

Diese Betrachtung des Falles und des Verhafteten von allen Seiten erzeugt einen Sog, dem man gerne weiter folgt und sich in die Tiefen des Krimis ziehen lässt. Auch wenn der Krimi mit über 500 Seiten äußerst dick ist, war er mir an keiner Stelle zu viel und ich habe ihn immer mit Spannung gelesen, auch wenn der Entführungsfall nur alte Muster wiederholt. Das Kaleidoskop der Figuren sowie die Frage, ob Stephen Bates nun der Täter ist oder nicht, halten den Leser, also zumindest mich, in Bann. Und es war schön, mal wieder in England zu weilen – da war ich literarisch schon länger nicht mehr.

Fazit:
Ein kurzweiliger Krimi, der sich weniger durch den Kriminalfall trägt, als durch die verschiedenen Perspektiven um die Ermittlung und den Verhafteten herum.


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Miese Pharmaindustrie: Die Suche – Nick Louth

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Nick Louth – Die Suche
Verlag: Ullstein
Übersetzer: Peter Friedrich
409 Seiten
ISBN: 978-3548287362

 

 

 

 

Max Carver fliegt nach Amsterdam um seine Freundin Erica zu treffen. Sie sind noch nicht lange zusammen, doch Max ist sich sicher, sie ist die Richtige und reist mit Verlobungsring. Erica Stroud-Jones ist aber nicht nur in Amsterdam, um Max zu treffen, sondern auch um einen Vortrag bei einer großen Konferenz zu halten. Ihr Thema ist Malaria und sie glaubt, eine wirksame Methode gefunden zu haben, effektiv gegen Malaria vorzugehen. Doch sie ist vorsichtig. Kaum jemand kennt ihre Ergebnisse und sie lässt alles nochmal überprüfen. Bevor sie ihren Vortrag halten kann, verschwindet Erica des Nachts spurlos. Max findet heraus, dass sie sich in einem Cafe mit einem alten Freund getroffen haben soll, doch danach verliert sich ihre Spur.
Wurde Erica entführt? Und was hat sie – oder ihre Arbeit – damit zu tun, dass in Europa plötzlich Fälle von Malaria auftauchen? Ein neuer Stamm, resistent gegen alle bisher bekannten Heilmittel. Steckt Erica dahinter oder wurde sie aus dem Weg geschafft, um der Ausbreitung der neuen Malariaform nicht im Weg zu stehen? Max macht sich auf die Suche nach Erica.

Das Buch war spannend, keine Frage, auch wenn es eines der wenigen Bücher war, deren Ende für mich weniger Spannung parat hielt als der Rest davor. Das passiert mir selten – doch das Ende war für mich recht vorhersehbar und dann noch zuckersüß kitschig. Das Ende konnte also bei mir nicht punkten.

Nichtsdestotrotz hatte der Thriller mit Max Carver einen ansprechenden Protagonisten. Max hält einiges aus, da er früher bei der Küstenwache war. Ein gesundes Selbstbewusstsein und viel Mut tun sein übriges, damit er sich in die gefährliche Suche stürzt. Dabei ist er auch vor Fehlern nicht gefeit – so nebenbei (allerdings wirklich aus Versehen) ritzt er einer Frau das Gesicht auf. Egal – die Frau beteiligt sich dann später an der Suche nach Erica und ist auch für ein kurzes Abenteuer zu haben. Ehrlich, es hat viel Spaß gemacht mit Max und er kommt ganz schön zerknautscht am Ende an. Ein passender Charakter für einen spannenden Thriller.

Erica Stroud-Jones ist ja nun verschwunden, doch aus Tagebucheinträgen erfahren wir von ihrer Zeit in Afrika 1992. Die Erlebnisse dort sind sehr spannend – Erica und einige andere Naturwissenschaftler bzw. Helfer werden von den Rebellen in Zaire gefangen genommen, um Druck auf die zairische Regierung auszuüben. Die Frage, die sich stellt – was hat das mit den aktuellen Ereignissen zu tun?

Die Malaria. Die Malaria dient nicht nur dazu, das Buch spannend zu machen und eine allgemeine, langsame größer werdende Bedrohung aufzubauen, sondern auch als Beispiel für die geldgierigen Pharmakonzerne. Warum sollte man eine Heilmethode für Malaria finden, wenn doch nur arme Menschen in Dritte-Welt-Ländern von der Krankheit betroffen sind? Lasst uns lieber etwas gegen Bluthochdruck erfinden oder ein nettes Schlankmachermittelchen. Damit lässt sich schließlich ein viel größerer Reibach machen. Der Thriller wirft Blicke in die Pharmaindustrie, aber nicht so weit, dass man von ausgeklügelt sprechen könnte. Es dient als Hintergrund und zur Spannungsgewinnung, nicht mehr und nicht weniger. Doch wer braucht auch schon Tiefgang bei einem Thriller – hier geht es um eins: Spannung. Und das war da. Na ja, bis auf beim Ende.

Fazit:
Spannend bis fast zum Schluss, ein äußerst passender Protagonist und sogar ein wenig Hintergrundinfo zu den Pharmakonzernen. Über kleine Schwächen sehe ich hier mal hinweg.


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Scheinheilig: Lügenmauer – Barbara Bierach

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Barbara Bierach – Lügenmauer
Verlag: List
285 Seiten
ISBN: 978-3548613052

 

 

 

 

Ein toter Kirchenmann – das ist nicht nur für Emma Vaughan, protestantisch, geschieden und alleinerziehend, ein heikler Fall, sondern auch für die Oberen im County Sligo. Dementsprechend groß ist der Druck auf die Ermittlung und Emma Vaughan, gemeinsam mit ihrem Kollegen James Quinn, stochert in jeglichen Ecken. Gar nicht so einfach bei Charles Fitzpatrick. Der Armeepfarrer ist weit herum gekommen und hat nicht überall nur Freunde hinterlassen. Vor allem seine Bettgeschichten sind weithin bekannt. Doch war es eine ehemalige Verflossene? Vielleicht ja auch die IRA? Oder waren die Nichten und Neffen scharf auf „The Manors“, den Familiensitz der Fitzpatricks. Die Lösung rückt erst näher, als Emma beginnt, tief in der Vergangenheit der Familie zu wühlen….

Der Klappentext hat bei mir impliziert, dass Emma Vaughan, als geschiedene, alleinstehende und protestantische Frau in der Sligoer Polizei wesentlich mehr Probleme hat, doch das ist gar nicht so. Neider gibt es überall und es kam jetzt nicht übermäßig dazu, dass Emma gemieden oder gemobbt wurde, es waren nur ein paar hämische Bemerkungen. Für mich als Leserin ein wenig schade – ich mag es, wenn Figuren sich durchboxen müssen. Emma ist eine angenehme und ehrgeizige Ermittlerin. Sie lässt keine Richtungen aus, auch wenn man zugeben muss, dass sie ca. dreiviertel des Buches im Nebel stochert. Zur Auflockerung dient ihr Kollege James, der nicht nur witzige Sprüche klopft, sondern auch gerne mit ihr flirtet.

Ein zweiter Erzählstrang um Catherine, eine Altenpflegerin, die sich unter anderem um Margaret, Fitzpatricks Schwester kümmert, die dement in einem Seniorenheim ist, bringt dann das hintergründige Thema hervor. Ein dritter Erzählstrang führt dann sogar in die 60er Jahre zurück, denn das Rätsel des Mordes an Charles Fitzpatrick liegt in der Vergangenheit begründet. Diese beiden Stränge sind immer recht kurz und so gewährt die Autorin den Lesern immer nur einen kleinen Blick auf das Geheimnis und man kann bis fast zum Ende knobeln, wer denn nun der Täter oder die Täterin ist. Am meisten hat mich aber das Hintergrundthema interessiert: Heime für Mädchen, „unchristliche“ Mädchen, oder was manche dafür hielten.

Heutzutage mag man vielleicht schon fast vergessen haben, dass auch die christlichen Kirchen viel Unrecht im Namen Gottes geschehen ließen. Erschreckend ist aus diesem Grund der Blick nach Irland, in dem bis in die Neunziger Jahre sogenannte Magdalenen-Heime existierten. Heime, in denen „gefallene“ Mädchen wieder zum Glauben zurück geführt werden sollten. Keineswegs landeten dort aber nur Prostituierte, sondern jegliche Mädchen, die ungewollt schwanger wurden, auch durch Vergewaltigung, oder sich in anderer Art nicht gottgefällig verhielten – jedenfalls in den Augen der Autoritäten. Beschimpfungen und harte körperliche Arbeit waren noch das wenigste, was diese Mädchen aushalten mussten, Missbrauch und verscharrte Babys das schlimmste. Natürlich alles unter dem Deckmantel der christlichen Nächstenliebe. Und das ist kaum 20 Jahre her…

Erschreckend und spannend, doch im Krimi umgesetzt hätte es für mich noch ein wenig mehr sein können. So kratzt der Kriminalfall zwar an dem Thema und zeigt wie die Nutznießer des Systems vorgingen und welche Werte und Moralvorstellungen damals herrschten, doch die Ausführenden bleiben davon unberührt. Noch ein wenig besser hätte es mir gefallen, wenn diese auch vorgekommen wären, wenn die Kirche, die Hintermänner hervor gekommen wären. Nichtsdestotrotz war es ein spannender Fall, der sogar noch mit einer Auflösung aufwartet, die mich mit der Frage zurückgelassen hat, wer entscheidet, ob jemand gut oder böse ist, und ob ein Verbrechen gesühnt werden muss oder nicht.

Fazit:
Das hintergründige Thema hätte gerne noch mehr in die Tiefe gehen und die scheinheilige Nächstenliebe der Kirche entlarven können, doch das kritische Thema gepaart mit einer gewohnt eigenwilligen Ermittlerin hat mir eine spannende Lektüre beschert.


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Tief im Wald: Teufelstritt – Ursula Hahnenberg

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Ursula Hahnenberg – Teufelstritt
Verlag: Goldmann
319 Seiten
ISBN: 978-3442484157

Julia Sommer ist Försterin im Ebersberger Forst. In dem Forst, in dem einst ihr Vater Förster war, bevor er mit Julias Mutter und Julia im Wagen verunglückte und Julia Waise wurde. Ihre Oma Martha hat sie damals aufgezogen und nun wohnt das Weibergespann, gemeinsam mit Julias Sohn Florian im alten Haus der Familie. Doch der Neuanfang im erzkatholischen Dorf hat auch Nachteile: nicht nur der Kindergarten hat Schwierigkeiten mit dem nicht-getauften Florian, sondern auch das Dorf beäugt skeptisch die „Förstersliesel“. Besonders schwer macht es ihr allerdings ihr Chef, Ludwig Voss. Ein unangenehmer Mensch, der Julia auch schon körperlich bedrängt hat und der für die Jagd schwärmt. Als Julia dann Ludwig Voss erschossen im Wald findet, ist sie nicht nur die Hauptverdächtige, sondern macht auch noch alles falsch was man falsch machen kann.

Ich finde es immer wieder schön, selbst aus einem Krimi, der nicht den Anspruch hat ein politischer oder sozialkritischer Krimi zu sein, noch etwas zu lernen. So hat Julia Sommer bzw. die Autorin mir die Försterei näher gebracht. Wie wichtig es ist, neue Baumbestände zu pflanzen, alte Baumbestände zu erhalten, nicht wahllos Tiere zu schießen oder auch die Waldbrandgefahr im Auge zu haben. So ein Wald macht ganz schön Arbeit und Julia Sommer ist im Wald in ihrem Element. Der Wald und dessen Ruhe bedeuten ihr alles, abgesehen natürlich von ihrem Sohn und ihrer Oma. Sie ist ein zurückhaltender Mensch, der misstrauisch gegenüber Fremden ist und nur schwer Kontakt schließt. So hat sie auch erst eine Freundin im Ort gefunden, Teresa, und ist sonst mit sich, ihrer kleinen Familie und ihrem Wald zufrieden.

Leider wird ihr dieser Charakterzug zum Nachteil, als sie verdächtigt wird, Ludwig Voss erschossen zu haben. Am Tatort fasst sie alles an, läuft dann weg um Hilfe zu holen und wird von zwei Nordic Walkerinnen gesehen – fortan ist man weder bei der Polizei noch im Dorf zimperlich mit ihr. Zumal Julia kurz vorher mit Voss Streit hatte, sie es sich mit dem Pfarrer und der Feuerwehr verscherzt hat und auch noch die Tatwaffe die alte Waffe ihres Vaters ist – die sie Voss ohne Überlassungsschein einfach gegeben hat. Nun hätte es vielleicht Mittel und Wege gegeben, die Polizei milde zu stimmen, doch Julia verhält sich äußerst unkooperativ und verstrickt sich so immer mehr in die Geschichte und die Stimmung im Dorf heizt sich auf.

Während man in der Erzählung Julia folgt, gibt es noch Einwürfe aus einem Tagebuch. Dieses wurde von einer Frau geführt, die in ihrer Ehe, die sie anfangs als Erlösung aus dem Elternhaus glaubte, die Hölle auf Erden wird. Die Einträge sind sehr aufwühlend und zeigen ein verdecktes Familiengeheimnis. Das Miträtseln, wie zwei Erzählstränge zusammen gehören, macht mir in Krimis immer noch am meisten Spaß, wobei man relativ schnell herausfinden konnte, wer die Tagebuchschreiberin war, allerdings noch lange nicht, wer der Täter / die Täterin ist.

Die beiden Stränge zu verbinden und die Familiengeschichte zu entschlüsseln um den Täter zu erraten, die aufgeheizte Stimmung im Dorf, die bis zum Mobbing reichte, der drohende Sorgerechtsstreit, welcher über Julia hängt wie eine Gewitterwolke –  das alles hat für Spannung gesorgt. Die Försterei und der Wald waren für die lehrreichen und erholsamen Momente im Buch. Unglücklicherweise hat mir allerdings Julia Sommer nicht so zugesagt – viele ihrer Aktionen waren mir unverständlich – unlogisch und zum Teil selbstschädigend. Sie hat sich mit ihrer Art das Leben selbst schwer gemacht, dabei war der Mord ja eigentlich genug Aufregung. Leider blieben auch die im Klappentext versprochenen Nachforschungen aus – denn der Fall löst sich irgendwie nach und nach selbst auf, Julia hat damit nur wenig zu tun – schade, denn hier wäre noch Potential gewesen.

Fazit:
Ein spannender Krimi mit Einblick in die Försterei und einer aufgeheizten Dorfatmosphäre, aber leider mit einer Hauptfigur, die mir nicht so zusagte. Ein Lesevergnügen, aber eins mit noch Potential nach oben!


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Waisengeschäfte: Tödlicher Frühling – Tom Callaghan

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Tom Callaghan – Tödlicher Frühling
Verlag: Atlantik
Übersetzer: Kristian Lutze, Sepp Leeb
352 Seiten
ISBN: 978-3455650488

 

 

 

Kirgisistan – nicht unbedingt ein Land, welches ich für meinen nächsten Urlaub in Betracht ziehen würde. Wobei es auch hier wunderschöne Landschaften gibt, die der Autor mit seinen Lesern durch Fotos über ein bekanntes soziales Netzwerk teilt. Tendenziell bin ich ja eher ein Winter-Typ, doch der Winter in Kirgisistan hat ein ganz anderes Kaliber als unser deutscher Winter. Das konnte man im ersten Teil von Tom Callaghans Reihe um Akyl Borubaew „Blutiger Winter“ deutlich herauslesen. Im zweiten Teil ist es nun Frühling geworden. Vielleicht ist die Reihe ja auf die vier Jahreszeiten angelegt? Das würde mir sehr entgegen kommen, denn zu lange Reihen gebe ich irgendwann auf, doch bei vier Teilen bleib ich auf jeden Fall bei der Stange, wenn mir die Reihe gefällt. Und das tut sie.

Seit dem letzten Wiedersehen mit Inspektor Akyl Borubaew wurde er in das Dorf Karakol im Gebirge Tienschan strafversetzt. Eine deutliche Degradierung und auch noch am Ende der Welt. Doch auch bis hierhin strecken sich die Fühler der Verbrecher, denn als es beginnt zu tauen werden auf einem Feld sieben nur grob verscharrte Kinderleichen gefunden. Die Armbänder weisen sie als Waisenkinder aus, doch keines der Bänder passt zu dem Kind, welches es trägt. Der Fall geht Akyl sehr nah, da er in seiner Kindheit selbst einige Zeit in einem Heim verbringen musste. So ist auch seine erste Anlaufstelle sein damaliges Waisenhaus, dass von Gurminj Schochumorow geführt wird, einem Bekannten von Akyl und einem gutherzigen Menschen. Als dieser kurz darauf ermordet wird, weiß Borubaew, dass er in einem Wespennest stochert. Und schon bald bekommt er es bestätigt, denn plötzlich lassen sich Beweise finden, dass er pädophil ist und er muss untertauchen, um den Fall aufzulösen. Hilfe bekommt er dabei von einer alten Bekannten: Saltanat, der Geheimdienstagentin aus Usbekistan.

Kirgisistan. Ein Land, welches prädestiniert dafür ist, dass dort Krimis spielen. Schon seltsam, dass es trotzdem nicht viele gibt. Die Landschaft mag zwar im Frühling angekommen sein und hie und da aufblühen und das Elend überdecken, doch letztendlich bleibt es das Kirgisistan, was es ist: arm, trostlos, korrupt. Eine ganz schlechte Kombination, aber nur in der Wirklichkeit. In einem Krimi schafft das eine Atmosphäre, in der nicht nur das Verbrechen blüht, sondern auch einzigartige Ermittler geboren werden. Schon alleine diese Mischung spricht für kriminalistischen Hochgenuss.

„Ich habe in meinem Arbeitsleben viel Zeit in Kellern verbracht und dort, egal unter welchen Umständen, nie angenehme Erfahrungen gemacht. Nur zu oft erscheinen mir Keller wie ein Vorgeschmack darauf, auf Dauer unter die Erde zu kommen. Ich wurde in Kellern geschlagen, gefoltert und mit dem Tod bedroht. Ich habe dort Menschen sterben sehen, ihnen sterben geholfen. Ich wurde in Kellerverhörzimmern Zeuge, wie ein kräftig gebauter ment ein Geständnis aus einem Verdächtigen herausprügelte. Keller gehören nicht zu meinen Lieblingsorten. Aber als Platz zum Sterben sind sie fast unschlagbar.“ (S. 254)

Doch Tom Callaghan versteht sich auch so gut darauf, einen spannenden Thriller zu schreiben. Er schreibt trocken und pessimistisch, lässt es richtig knallen, manchmal hetzte man den Ereignissen fast schon hinterher und dadurch, dass Akyl und Saltanat sich nicht nur um die Verbrecher kümmern müssen, sondern auch vor den eigenen Leuten verstecken, herrscht eine ständig angespannte Situation. In einem Land, in dem fast jeder Beamte korrupt ist oder arm und dadurch eben korrupt, ist es eh schon schwierig zu ermitteln, doch wenn die eigenen Reihen auch noch gegen einen agieren, fast unmöglich.

Spannend, rasant, gewaltig und in einer unschlagbaren Atmosphäre. Und doch gibt es einen Kritikpunkt, den ich mit Nora von Kaliber.17 gemeinsam habe (ihre Rezension findet ihr hier ): die Liebelei. Akyl stellt fest, dass er sich in Saltanat verliebt hat. Es gibt zwei Gründe, warum mir das komisch vorkommt. Zum einen hat er im ersten Teil noch sehr an seiner verstorbenen Frau gehangen, so sehr, dass ich davon ausgegangen bin, er wird nie wieder jemanden so lieben. Und zum anderen, weil Saltanat einfach die falsche Person dafür ist. Sie ist Geheimdienstagentin durch und durch. Knallhart, undurchschaubar, mit allen Wassern gewaschen und immer allen voraus. Zudem durchbricht die Liebelei auch immer wieder die Spannung. Gerade wenn man am Limit angekommen ist und fast nicht mehr aufhören kann, kommen die romantischen Gefühle hinzu und eine Pause ist sehr willkommen. Schade. Ich weiß wirklich nicht, was sich Autoren immer von diesen Zwischenspielen versprechen – ich brauche sie nicht. Für mich muss ein Thriller sein wie „Tödlicher Frühling“ – nur ohne romantische Gefühle.

Fazit:
Ein wahnsinniger toller Thriller in einer atemberaubenden Atmosphäre – nur die Romantik stört eindeutig. Bitte weitermachen – aber ohne Liebelei.

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