Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Inside Vietnam: Nach der Schlacht – Le Minh Khue


Le Minh Khue – Nach der Schlacht
Verlag: Argument
Übersetzer: Günter Giesenfeld, Marianne Ngo und Aurora Ngo
208 Seiten
ISBN: 978-3867542159

 

 

 

Wie so einige Viellesende träume auch ich davon, literarisch einmal in jedes Land der Welt zu schnuppern, am besten durch eine Autorin oder einen Autor, der aus diesem Land stammt. Würde ich zur Dokumentation eine Weltkarte benutzen, könnte ich nun ein weiteres Land mit einem farbigen Fähnchen „abhaken“: Vietnam. Wunderbarerweise hat der Argumentverlag für seine Ariadne-Krimis die vietnamesische Schriftstellerin Le Minh Khue gewinnen können, von der nun zwei Kurzgeschichten im Band „Nach der Schlacht“ auf Deutsch vorliegen.

Vietnam – was genau weiß ich eigentlich darüber? Jeder hat wohl den Vietnamkrieg im Kopf und auch wenn ich die Hollywood-Streifen, in denen mehr oder weniger heroische Helden in irgendwelchen Dschungeln im Sumpf versinken, nicht genau kenne, ist das doch immer eine amerikanische Perspektive. Der Krieg war für die USA ein Desaster, doch wie war es für Vietnam, für die Menschen, die dort leben? Le Minh Khue nimmt uns nur teilweise mit in diese Zeit, zeigt aber ganz deutlich die Auswirkungen dieses verheerenden Krieges und des Kommunismus. Doch das zeigt sie an Familien, an Schicksalen, am Leben der Menschen in Vietnam. Hier werden keine großen politischen Schlachten geschlagen – es geht um das Alltägliche, das Leben der Menschen.

„Das wirkliche Leid traf die Mütter, die durch ihre Kinder ihr Herzblut für den Krieg vergossen. Im Krieg ging es immer nur um Sieg, Strategie, Taktik, der Verlust an menschlichem Blut, das viele konkrete individuelle Leid zählte nicht.“ (S. 52)

„Stürmische Zeiten“ folgt zwei Halbbrüdern ein halbes Leben lang. Der eine wächst wohlbehütet in der Familie auf, der andere, der Sohn der Geliebten, lebt verstoßen und mit seiner verbitterten Mutter. Der Krieg, in dem beide zu unterschiedlichen Seiten angehören, lässt die beiden Jahre später aufeinander stoßen und bringt Verbitterung, Hass und Gemeinheiten herauf, deren sich die Alten, die das Unglück verursacht haben, schon fast nicht mehr bewusst sind, in den Kinderköpfen aber sehr wohl noch eindrücklich vorhanden.

„Eine kleine Tragödie“ beginnt zeitlich viel später und handelt von einer Journalistin, die mit distanziertem Blick eine Tragödie ihrer Familie erzählt. Die Journalistin ist eine einfache Frau, die sich durchs Leben schlagen muss. Allerdings die Nichte eines Parteimitglieds, eines hohen und mächtigen Parteimitglieds, dessen Tochter gut mit ihr befreundet ist. Die Unterschiede der Welten dieser beiden Frauen sind wie Tag und Nacht, doch auch hier holen die Sünden der Alten die Kinder ein und die wohlbehütete Tochter büßt ihr Glück letztendlich ein.

Die Auswirkungen des Krieges, der nicht kritisierbare Kommunismus, zu wenig zum leben, zu viel zum sterben, das tägliche Harren auf ein besseres Leben und gleichzeitig das müde Akzeptieren der Gegebenheiten offenbart eine fremde Kultur, eine fremde Politik – alles scheint so anders. Und doch, betrachtet man die Grundstruktur, sind die kleinen Geschichten, die das Leben schreiben, doch die gleichen wie man sie auch hier, in Europa oder eben überall auf der Welt, findet. Familientragödien, Fehler, welche die Eltern (hier eigentlich die Väter) machen und die Kinder ausbaden dürfen, bzw. müssen, Hass, der sich aufstaut und in Rache gipfelt oder in schierer Ohnmacht endet. Diese Mischung aus einem für mich neuen, unbekannten Hintergrund – Vietnam mit all seinen Facetten – und gewohnt alltäglichem, menschlichen Verhalten fand ich unglaublich faszinierend. Ein vietnamesischer Blick auf Vietnam, der zwar zeigt, dass die Grundzüge der Menschheit doch gar nicht so anders sind, aber genau darin, mit der Kombination der Geschichte, Kultur und Politik des Landes, einen unglaublichen Sog entwickelt und einen in neue, unbekannte Abgründe schubst.

Fazit:
Ein unverstellter und faszinierender Einblick die Geschichte und Kultur Vietnams, welcher in Kombination mit den alltäglichen Grausamkeiten, die sich Familienmitglieder antun, ein realistisches Bild der Gegenwart Vietnams und dessen Kampf mit seinen Wurzeln zeigt. Ergreifender Lesestoff!


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Freund oder Feind: Suff und Sühne – Gary Victor


Gary Victor – Suff und Sühne
Verlag: Litradukt
Übersetzer: Peter Trier
160 Seiten
ISBN: 978-3940435200

 

 

 

Endlich ist er da – der neue Krimi mit Inspektor Azémar! Sehnlichst von mir erwartet, nachdem mir die beiden ersten Teile „Schweinezeiten“ und „Soro“ so gut gefallen haben. Was soll ich sagen? Ich bin wieder höchst zufrieden – Azémar zeigt sich von seiner besten Seite, auch wenn er angeschlagen ist. Der Voodoo hat es diesmal nicht mehr als Untertitel auf das Cover geschafft und nicht nur, dass er deutlich weniger in diesem Teil zutage tritt, sondern er ist auch nicht mehr ungewöhnlich. Er gehört einfach zu Haiti, zu Azémar, zum Krimi. Und doch gibt es etwas Ungewöhnliches, denn Azémar versucht, dem Soro zu entkommen.

Dieuswalwe Azémar macht tatsächlich eine Erziehungskur. Erzwungenermaßen. Begleitet von Geistern und Halluzinationen durchlebt er die Hölle und versucht den Kampf gegen den Soro zu gewinnen, als eine junge Brasilianerin seine Wohnung stürmt und ihn beschuldigt ihren Vater,  General Racelba von der MINUSHTA (das Kommando der Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Haiti) getötet zu haben. Zum Beweis wirft sie ihm Fotos hin, die tatsächlich ihn, Inspektor Dieuswalwe Azémar zeigen, wie er dem General eine Waffe an den Kopf hält und abdrückt. Azémar kann sich nicht erinnern und streitet alles ab, doch die Fotos erzählen eine andere Geschichte. Fälschungen? Fotomontage? Wie kann es sein, dass Fotos ihn dabei zeigen, wie er einen guten Mann erschießt und er sich nicht daran erinnern kann? Bevor er dazu kommt, das Missverständnis auch nur ansatzweise aufzuklären – oder es zumindest versuchen – stürmen einige brasilianische Soldaten seine Wohnung und erschießen die junge Frau, derweil Azémar es gerade noch gelingt zu fliehen.

Azémar befindet sich in „Suff und Sühne“ auf der Flucht und versucht gleichzeitig hinter das Geheimnis der Fotos zu kommen. Gar nicht so einfach, denn die Entziehungskur macht ihm zu schaffen. Halluzinationen strömen durch ihn hindurch, einschneidende Erlebnisse seiner Vergangenheit verursachen Alpträume. Azémar hat schon getötet, doch nie aus Rache, immer nur, um dem Land, den Leuten, Haiti Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Als einer der wenigen oder gar als einziger ehrlicher Mann im Polizeidienst.

„Hatte er Zorn empfunden, wenn er getötet  hatte? Ja, oft. Einen unpersönlichen Zorn. Wenn er tötete, tat er es für andere, für diejenigen, die sich von all den Folterknechten, den Betrügern, Flibustiern und Schurken befreien wollten, von denen dieses Land verseucht war. Beinahe wäre er in Gelächter ausgebrochen. Er suchte auch noch nach einer Rechtfertigung für seine Verbrechen. Er war verdammt.“ (S. 44)

Doch nachdem sein Wohltäter und Beschützer Kommissar Solon nicht mehr da ist, hat er einen neuen Vorgesetzten: Kommissar Dulourd. Und der will ihn erst mal aus dem Weg schaffen und verordnet ihm die Entziehungskur, die ihm so viel Leid verschafft. Doch auch Azémar erkennt, dass eine Enziehungskur ihm helfen würde  – das heißt aber noch lange nicht, dass der Soro nicht lockt.

In diesem angeschlagenen Gemütszustand muss Azémar das Geheimnis um die Fotos klären. Eine verzwickte Sache, denn die Fotos zeigen nun mal wirklich ihn, es ist keine Fotomontage. Doch der Mord an dem General wurde als Selbstmord zu den Akten gelegt. Wer hat hier etwas gedreht? Azémar wühlt sich durch politisches Sperrgebiet. Die UN kommt nach Haiti um zu helfen, doch oftmals wandeln sich die Helfer in die nächsten Raubtiere, die dem Land und der Bevölkerung schaden. Die Eliten der Insel, die Staatsmacht kriegen sie in ihre Finger und korrumpieren sie. Doch General Racelba war einer der wenigen, der Gutes im Sinne hatte – warum hätte Azémar ihn also töten sollen?

Verwoben ist der Fall natürlich – und ohne geht es gar nicht – mit dem Land, den Leuten und der Politik. Haiti befindet sich, einige Jahre nach dem zerstörerischen Sturm, immer noch nicht im Normalzustand. Flüchtlingslager und Notunterkünfte sind zu Wohnvierteln geworden, die Hilfskräfte immer noch präsent, wenn auch nicht immer zur Hilfe und Unterstützung derjenigen, die sie benötigen. Die Reichen im Land halten ihren Reichtum und beuten die Armen auch noch aus. Der Reichtum ist hier so elementar falsch verteilt, dass es an ein Wunder grenzt, dass das Land noch irgendwie funktioniert. Die Menschen leben im Elend und für sie ist das mittlerweile Alltag. Die Menschen sind verzweifelt, aber nicht am Ende. Irgendwie geht es wohl immer weiter. Es ist ein Land, geknebelt von seinen Reichen und Führern, dass sich kaum mehr bewegen kann. Korruption und illegale Geschäfte bestimmen die Gesellschaft.

„So funktionierte das Land. Eine Stufenleiter, auf der in endloser Folge einer vor dem anderen niederkniete und gefickt wurde.“ (S. 67)

Und doch gibt es Hoffnungsschimmer. Das diese allerdings ausgerechnet von einem Verbrecher ausgehen ist seltsam, aber doch auch ein wenig romantisch. Raskalnikow ist einer der Bandenchefs auf Haiti, der sich einen harten Ruf erworben hat, aber gleichzeitig Essen unter den Armen verteilt – eine Art haitianischer Robin Hood. Ihm wird vorgeworfen, den Sohn eines Industriellen entführt zu haben – doch war er es wirklich? Was steckt hinter Raskalnikow – und vor allem, wer ist er? Literarisch bewanderten Menschen wird der Name etwas sagen, doch ich persönlich musste ein wenig nachschlagen, auch wenn der Autor hier ein, zwei Tipps gibt. So hat sich der Verbrecher nach der Hauptfigur aus Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ benannt, die auch davon überzeugt ist, über dem Gesetz zu stehen und nobler als andere Menschen zu agieren. An dem Roman hat der Autor auch seinen Titel angelehnt und aus der Schuld den Suff geformt. Man muss nun aber kein Kenner Dostojewskis sein, um den Krimi zu genießen, also keine Sorge.

Wie ich es nicht anders erwartet habe, hat mir der neue Teil um Inspektor Azémar wieder außerordentlich gut gefallen. Die Kombination aus spannendem Fall in der haitianischen Umgebung ist einfach unglaublich faszinierend. Haiti ist so weit weg und doch ist man mit der Lektüre mittendrin. Mitten im Dreck und der Hitze, zwischen bettelarmen Schluckern und parfümierten Reichen, die sich keiner Schuld bewusst sind. Doch die Korruption reicht bis weit in die unteren Ränge, es scheint so, als könnten nur wenige dem Vorteil, den sie sich davon versprechen, entkommen. In diesem Land eine ehrliche Haut zu sein, erfordert viel Mut. Inspektor Azémar braucht davon nun eine ganze Menge, denn der Soro wird ihm nicht mehr weiterhelfen… Oder?

Fazit:
Gary Victor ist es wieder gelungen, mich mit Haiti und seinem Inspektor Azémar in den Bann zu ziehen. Bildgewaltig, schonungslos und fesselnd!


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Die Stunde der Entführer – Robert Wilson


Robert Wilson – Die Stunde der Entführer
Verlag: Goldmann
Übersetzer: Kristian Lutze
479 Seiten
ISBN: 978-3442314287

 

 

 

 

Immer wieder stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, in der Mitte einer Serie einzusteigen oder eben beim Anfang zu beginnen. Ich habe schon verschiedene Erfahrungen gemacht. Manchmal klappt es gut, wenn man mittendrin einsteigt, manchmal weniger gut. Und ich hatte sogar schon ein oder zwei, bei denen es gar nicht geklappt hat. Nichtsdestotrotz muss man es manchmal probieren, denn seien wir mal ehrlich, man kann nicht jeder Serie von Anfang an folgen oder wenn man sie eben erst spät entdeckt, noch alle vorigen Teile aufholen. Hier habe ich mir nun also den dritten Teil um Charles Boxer geschnappt, einen Spezialisten für Entführungsfälle, der sich auch nicht scheut, härtere Maßnahmen zu ergreifen. Der Einstieg bei Teil drei war kein Problem, doch zufrieden bin ich dennoch nicht.

In London werden innerhalb von wenigen Stunden die Kinder von 6 Milliardären entführt. Die Altersspanne der Entführungsopfer geht vom Kind bis zum jungen Erwachsenen und zieht sich durch mehrere Nationalitäten: mit dabei sind die USA, Russland, China und Indien. Die Eltern sind nicht nur sehr reich, sondern durch ihre Geschäfte zumeist auch in der Politik verbandelt, was die Sache äußerst kompliziert macht. Die Ermittlung führt Mercy Danquah, Charles Boxers Ex-Freundin. Doch nicht nur diese Verbindung zieht Boxer in den Entführungsfall, sondern auch eine neue Klientin. Siobhan sucht ihren Vater Conrad Jensen, der vor einigen Tagen spurlos verschwunden ist. Der Anwalt der Familie hat Siobhan zu Boxer geschickt, um zur Not auch von Boxer speziellen Fähigkeiten Gebrauch zu machen. Boxer ist nahe dran, den Fall abzulehnen, gibt sich aber doch geschlagen. Auch Amy, seine Tochter, die mittlerweile bei seiner Organisation LOST mithilft, um lange zurückliegende Verschwundene wieder aufzuspüren, wird mit in die Ermittlung gezogen. Doch auch wenn es anfänglich nach zwei verschiedenen Ermittlungen aussieht, gibt es eine Verbindung.

Die Entführung reicher und so unterschiedlicher Kinder zieht ganz verschiedene Organisationen an. Die Ermittlung liegt vielleicht bei der Londoner Polizei, doch im Hintergrund mischen die verschiedensten Geheimdienste fröhlich die Karten, ohne sich dabei hineinsehen zu lassen. Die Milliardäre sind nun auch nicht die einfachsten Menschen, so dass jeder einen eigenen Unterhändler hat und das Chaos perfekt ist. Die Entführer allerdings, sind durchaus gut strukturiert und überlegt. Das zeigen nicht nur die sechs kurz nacheinander ausgeführten Entführungen, sondern auch die Verhandlungen. Es wird kein Lösegeld verlangt, sondern eine Aufwandsentschädigung für den Aufenthalt der Geiseln und es wird auch nicht einzeln verhandelt – ein Unterhändler wird bestimmt.
Man mag es kaum glauben, aber den Entführern geht es tatsächlich nicht um Geld, es werden politische Forderungen gestellt – aber genau da ist der Haken: die genaue Motivation kommt erst ganz zum Schluss heraus und ist dann auch nicht mehr wichtig, denn es ist ja schon vorbei.

Die Hauptfiguren – Boxer, Mercy und Amy – fand ich alle ganz gut, wenn auch mit Klischees nicht gegeizt wird. Charles Boxer vertritt dabei den stereotypischen Helden: für Recht und Gerechtigkeit verkloppt er auch gerne mal die Bösen und findet letztendlich die Entführten quasi im Alleingang. Und natürlich sieht er rot, wenn es um die Familie geht. Bei den Nebenfiguren sticht vor allem Siobhan als etwas andere Femme Fatale heraus. Schade ist, dass die Entführten oder gar die Entführer nicht zu Wort kommen, hier hätte man dann zwar noch ein, zwei weitere Ebene eröffnet, aber eben andere Perspektiven eröffnet. Dies hätte für Abwechslung gesorgt und man hätte auch die Motivation der Entführer besser verstanden. Doch sowohl Entführte als auch Entführer sind quasi nur schmückendes Beiwerk. Insgesamt hätten andere Perspektiven spannende Einblicke eröffnen können, z. B. auch bei einem der Geheimagenten stelle ich mir das interessant vor.

Ein komplexes Szenario, viele Mitspieler und Parteien, viele Heimlichkeiten und doch irgendwie unrund. Es passiert so viel und doch irgendwie nicht. Der Fokus liegt auf Charles Boxer, ab und an auch bei Mercy. Beide haben zusätzlich noch mit privaten Problemen kämpfen müssen. Die Geschichte nimmt kurz Fahrt auf, aber tuckert dann irgendwie vor sich hin, so bis zur Hälfte, bis sie dann endlich in Schwung kommt. Das Ende wird relativ kurz abgehandelt, die Beweggründe der Entführer zwar dargestellt, doch warum Boxer nun mit im Spiel sein musste ist für mich unzureichend erklärt worden. Aber vielleicht passt das ganz gut, denn irgendwie, auch wenn der Fall an sich geschlossen ist, gibt es einen hintergründigen Handlungsstrang, der weitergeht. Allerdings ohne mich – das Buch konnte mich jetzt nicht so überzeugen, dass ich mir den nächsten Teil holen würde.

Fazit:
Durchschnittlich – der Fall nimmt ab der Mitte Fahrt auf, doch irgendwie ist das Ganze unrund. Ein komplexes Szenario mit vielen Parteien, aber keinen anderen Perspektiven. Schade.


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Erpresser oder Ermittler?: Drei am Haken – Lawrence Block

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Lawrence Block – Drei am Haken
Übersetzer: Stefan Mommertz
200 Seiten
ISBN: 978-1537402284

 

 

 

 

Beim ersten neu übersetzten Buch der Matthew Scudder Reihe ist es mir ja nicht gelungen, eine Rezension zu schreiben. Manchmal ist einfach viel los im Leben. Und ich hab das sehr bedauert, denn gerade diese Reihe sollte bekannt gemacht und weiter empfohlen werden, denn diese Reihe wird durch Lawrence Block in Zusammenarbeit mit den Übersetzern Stefan Mommertz und Sepp Leeb in Eigeninitiative neu übersetzt und veröffentlicht. Dieses Projekt kann sich in Gänze – also mit allen Übersetzungen der 16 Romane und 10 Kurzgeschichten rund um Scudder – nur lohnen, wenn die Bücher genügend Abnehmer finden. Jetzt ist es natürlich so, dass ich dies nicht ohne Grundlage empfehle, nein, mir hat der erste Teil “Die Sünden der Väter” außerordentlich gut gefallen und er hat es in meine Top 11 für 2016 geschafft. Mit “Drei am Haken” legt der Autor nun den zweiten Teil nach – und das mit einer ungewöhnlichen Geschichte, aber nicht minder spannend.

Jake Jablon, genannt “Schnipser”, hat für Matthew Scudder einen skurrilen Auftrag. Seit der Schnipser in eine gefährlichere Branche gewechselt ist – vom Polizeispitzel zum Erpresser – fühlt er sich bedroht und fürchtet um sein Leben. So bittet er Scudder, sollte er sterben, seinen Tod zu untersuchen und herauszufinden, wer ihn umgebracht hat. Er übergibt ihm einen Umschlag, welchen Scudder nach seinem Tod öffnen soll, und ein Honorar. Und so kommt es, wie es kommen muss: der Schnipser geht baden, mit eingeschlagenem Schädel. Zwar mit einigem Zögern, aber eben doch mit einer Verpflichtung macht sich Scudder an den Fall und öffnet den Umschlag, in dem Schnipser die drei nennt, die er am Haken hatte. Nur einer davon kann der Täter sein, doch die anderen wollte Schnipser unbescholten lassen. Kurzerhand schlüpft Scudder in die Rolle des Erpressers, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Wie? Was? Scudder als Erpresser? Geht ja gar nicht.
Oder doch?
Doch geht – und geht auch gut. Es ist ja sehr ungewöhnlich, wenn ein Ermittler – Privatdetektiv ist Scudder nämlich keiner, denn er hat keine Lizenz – in die Rolle eines Verbrechers schlüpft. Doch das ist ja nur eine Kuriosität in dem neuen Fall von Scudder. Denn es ist schon äußerst selten, dass das Mordopfer selbst einen Ermittler beauftragt, seinen eigenen Mord zu untersuchen. Scudder kennt Schnipser schon aus seiner Zeit als Polizist, trifft ihn nun häufig in seiner Stammkneipe, wenn er vor seinem mit Bourbon verstärkten Kaffee sitzt. Viel hat Scudder nicht zu tun, kein Job, der ihn hindert, die Ex-Frau und Kinder weit weg. Keine Verpflichtungen, keine Verantwortung. Aber er lebt nach seinen eigenen Regeln.

 „Der Schnipser wurde mit dem Tag, an dem sich für ihn der Erfolg einstellte, zu einem versicherungstechnischen Risiko. Erst Ärger und Magengeschwüre, dann ein eingeschlagener Schädel und ein ausgiebiges Bad.“ (Kapitel 3)

Eigentlich ist Schnipser ja auch ein Guter. Zuerst ein Polizeispitzel wird er dann konsequenterweise zum Erpresser – er ist ja immer noch ein Meister darin, Informationen aufzuschnappen. Und als Erpresser hat er davon ja doch mehr, als wenn er für die Polizei spitzelt. Ein erfolgreicher Erpresser war er auch. Und zudem einer, der nicht unmäßig gemein ist, denn der Schnipser beauftragt Scudder, um zwei seiner Erpressungsopfer vor Aufdeckung zu schützen. Denn schließlich hatte nur einer ihn umbringen lassen. Und Scudder soll nun herausfinden, welcher der drei der Übeltäter ist. Im Angebot haben wir einen Vater, der den alkoholisierten Autounfall seiner Tochter mit Fahrerflucht und Todesfolge für ein kleines Kind, verdecken will; eine alternde Filmdiva, die ihre Karriere mit anderen Filmchen begonnen hat und dies vor ihrem reichen Ehemann geheim halten will; und ein Gouverneurskandidat, der auf kleine Jungen steht.

Ich muss leider gestehen, dass ich mit meinem Tipp, wer der aussichtsreichste Kandidat für den Mörderposten war, recht hatte, nichtsdestotrotz macht es einfach Spaß, mit Scudder durch die Bars der Stadt zu ziehen. Auch als Leser weiß man nie, was er sich gerade denkt, was er gerade im Gespräch schon für Informationen heraus bekommen hat und drei Ecken weiter gedacht hat. Seine Menschenkenntnis lässt ihn diesmal ein wenig im Stich, so denkt er sich einige Mal, jetzt endlich den Täter entlarvt zu haben, bevor ein weiterer Mordanschlag auf ihn verübt wird. Meine richtige Vermutung tat der Spannung jedoch keinen Abbruch und ich muss einfach zugeben: ich mag Matthew Scudder. Er darf ruhig noch in ganz vielen Fällen ermitteln – und ich bitte darum, diese auch ins Deutsche zu übersetzen!

„Es gibt gewisse Dinge, die ich tue, ohne zu wissen warum. Dazu gehört, den Zehnten zu zahlen. Ein Zehntel von allem, was ich verdiene, geht an die Kirche, die ich besuche, nachdem ich das Geld bekommen habe.“ (Kapitel 5)

Fazit:
Ein Opfer, welches seine Mordermittlung in Auftrag gibt und ein Ermittler, der in die Rolle des Erpressers schlüpft – ungewöhnlich und kurios, aber spannend und gekonnt. Ein Matthew Scudder Fall eben.

 

P.S.: Mein absolutes Lieblingswort seit der Lektüre von “Drei am Haken” ist übrigens “beaugapfelt”. Wundervoll!

 

P.P.S.:  Ich habe es ja schon erwähnt, aber ich bin nicht müde, das weiterhin zu tun: Lawrence Block gibt momentan die Matthew Scudder Reihe neu heraus, gemeinsam mit den Übersetzern Stefan Mommertz und Sepp Leeb. Und damit das weiterhin so bleibt: kauft Euch die Bücher!
Wer jetzt nicht sicher ist, der kann reinschnuppern, denn es gibt auch schon 3 neu übersetzte Kurzgeschichten rund um den Ermittler. Hier mal eine Liste über alle neu erschienenen Titel mit Matthew Scudder:

Die Sünden der Väter (1)
Drei am Haken (2)
Mitten im Tod (3)
A Stab in the Dark (4) (Übersetzung noch in Arbeit)
Acht Millionen Wege zu sterben (5)
Nach der Sperrstunde (6)

Kurzgeschichten:
Aus dem Fenster (1)
Eine Kerze für die Stadtstreicherin (2)
Im frühen Licht des Tages (3)


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Hü und hott: Schwesterherz – Felix Francis

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Felix Francis – Schwesterherz
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Malte Krutzsch
398 Seiten
ISBN: 978-3257243499

 

 

 

 

Pferderennen – ein Thema, mit dem ich wenig bis wirklich gar nichts anfangen kann. Gibt’s sowas überhaupt in Deutschland? Mir fällt da spontan nur Ascot ein…  Aber tatsächlich gibt es in Deutschland doch einige Trab- oder Galopprennbahnen, wie ich nach ein wenig Recherche herausgefunden habe. Für mich ziemlich überraschend, wobei ich eine Entschuldigung vorbringen kann. Die Zeit hat sich hier die Mühe gemacht und eine Deutschlandkarte mit den vorhandenen Pferderennbahnen versehen und in meinen Heimaten Franken & Baden-Württemberg ist anscheinend Pferderennen nicht so beliebt – es ist quasi der„grüne“ Fleck auf der Karte. Bezüglich Englands fallen mir aber weiterhin nur Ascot und viele hässliche Hüte ein. Damit war es das aber auch. Das hat sich nun aber gehörig geändert.

Mark Shillingford ist Kommentator von Pferderennen, sowohl direkt beim Rennen als auch im Fernsehen vertreten. Als er seine Schwester Clare, eine Jockey, beim letzten Rennen absichtlich langsam reiten sieht, spricht er sie beim gemeinsamen Abendessen an und verdirbt beiden den Abend. Ein Rennbetrug kann das Ende ihrer Karriere bedeuten, doch selbst Mark hat das Rennen mehrmals sehen müssen, um sich Clares Betrugs sicher zu sein. Einige Stunden später ist Clare tot – Selbstmord vom Balkon eines Hotels. Ist er schuld am Tod seiner Schwester? Hat er mit seiner Anschuldigung Clare in den Tod getrieben? Mark macht sich schwere Vorwürfe, doch so richtig kann er an die Selbstmordtheorie nicht glauben. Steckt etwa mehr dahinter und es war ein Mord?

Beide Shillingfords, im Übrigen Zwillinge, träumten schon als Kind vom Pferderennsport und einer Karriere als Jockey. Mark wurde allerdings zu groß und kräftig, so dass es nur Clare möglich war, diese Laufbahn einzuschlagen. Doch Mark bleibt in der Nähe – der Sport hat es ihm angetan. Der Vater der beiden ist nicht einfach, ihre Geschwister mehr als 10 Jahre älter, so dass die beiden Zwillinge noch näher zusammen rücken. Doch in letzter Zeit haben die beiden sich auseinander gelebt. Marks Entdeckung von Clares Rennmanipulation treibt einen Keil zwischen die beiden, da helfen auch die Nachrichten nicht, dass Clare seit Kurzem glücklich in einer neuen Beziehung ist. Nach dem Essen versucht Clare hin anzurufen und er geht nicht ran – dann stürzt sie vom Balkon. Oder wird gestoßen. Mark macht sich schwere Vorwürfe, aber auch sein Vater kämpft mit Schuldgefühlen.  Marks Zwiespalt zwischen seinen Schuldgefühlen und dem Wunsch, den Tod seiner Schwester aufzuklären ist deutlich zu sehen. Immer wieder wird er von seiner Trauer eingeholt, auch wenn ihn seine vertraute Umgebung, die Rennbahnen, an seinem Plan festhalten lassen.

Eigentlich ist sofort klar, dass wenn der Selbstmord keiner war, dann kann das Mordmotiv nur im Pferderennsport zu suchen sein. Und wer ist da besser geeignet, den Täter zu finden, als ein Beteiligter des Trubels? Die Polizei ist mit der Selbstmordtheorie sowieso ganz zufrieden (und der Inspektor gleich mal in Urlaub gefahren) und mehr Kenntnis im Rennsport als Mark Shillingford kann sie auch nicht aufweisen. Und so verbringt der Leser mit Mark seine Stunden auf den verschiedenen Pferderennbahnen, bzw. immer darüber, denn dort sitzen die Moderatoren und Kommentatoren. Man geht mit ihm zu Trainern, Jockeys und in Ställe, trinkt ein Gläschen mit den Pferdebesitzern und versucht auch nur ansatzweise die Pferdenamen und Jockey-Farben auseinander zu halten – natürlich vergeblich. Das überlässt man dann lieber den Profis, Mark zum Beispiel.

Ich persönlich lerne immer gerne etwas aus Büchern und auch diesmal wurde ich nicht enttäuscht. Der Pferderennsport ist mir so fern wie der Mond von der Erde und nach dem ersten Kapitel habe ich befürchtet, es bleibt so. Doch man kommt rein in die Welt der Pferderennen. Pferderennsport – ein Sport der Reichen? Auch. Klar sind die Besitzer oft sehr reich, doch es ist ein ganzer Tross, der daran beteiligt ist, ganz zu schweigen von denen, die auf die Pferde wetten. Ein spannender Einblick in eine ganz andere, mir unbekannte Welt: den Pferderennsport.

Natürlich fällt Mark mit seinen Fragen auf. Er stochert in verschiedenen Wunden, mehr nebenbei, aber doch penetrant. Er stöbert im Hotel und besorgt sich das Band der Überwachungskamera, tritt einigen Leuten dabei auf den Schlips und muss auch einige Anschläge auf sein Leben überstehen. Doch auch wenn dies aufregende Momente für Mark und den Leser sind, ist „Schwesterherz“ eher ein ruhiger, aber packender Krimi. Die Kombination des Kennenlernens und Austarieren einer für mich vorher fremden Umgebung gepaart mit einem Krimifall und dem bedächtigen, aber hartnäckigen Mark Shillingford haben mir tolle Lesestunden beschert.

Bitte aber nicht – wie ich – Felix Francis mit seinem Vater Dick verwechseln, einem Veteran im Krimi-Genre. Ob der Sohn in die Fußstapfen des Vaters passt, kann ich nicht beurteilen, da dies mein erster „Francis“ ist, allerdings widmen sich beide wohl ihrem Lieblingsthema: dem Pferderennsport.

Fazit:
Zwischen Pferden und Geld sucht Mark Shillingford den Mörder seiner Schwester – ein packender Kriminalfall im Pferderennsport, der es schafft, einem den Sport näher zu bringen. Fesselnd!


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Ungerechtigkeit: Zeit der Finsternis – Malla Nunn

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Malla Nunn – Zeit der Finsternis
Verlag: Argument
Übersetzerinnen: Laudan & Szelinski
Originaltitel: Present Darkness
295 Seiten + Glossar
ISBN: 978-3867542173

 

 

Himmelschreiende Ungerechtigkeit – das ist ein Thema, welches mir beim Lesen immer mal wieder Magendrücken verursacht. Ich rege mich so auf, dass es mir aufs Gemüt und eben auch auf den Magen schlägt. Nun kann man leider nichts machen, um die himmelschreiende Ungerechtigkeit, die Malla Nunn in ihrem 4. Krimi um Detective Sergeant Emmanuel Cooper in den 50er Jahren in Südafrika wieder auferstehen lässt, abzuändern  – es ist ja leider schon geschehen. Doch auch hieraus kann man gute Dinge ableiten. Den Lerneffekt von gut recherchierten politischen oder sozialkritischen Krimis, den ich ja so häufig rühme, kann man natürlich auch hier finden, doch noch viel mehr ist es einfach beeindruckend, wie lebendig Malla Nunn die damaligen Zustände aufzeigt, so dass man von dem Buch quasi aufgesogen, durchgekaut und ausgespuckt wird. Äußerst aufwühlend.

Emmanuel Cooper ist mittlerweile nach Johannisburg versetzt worden und lebt nun heimlich mit seiner Freundin und ihrem gemeinsamen Kind – eine Verbindung, die seinen Vorgesetzten nicht bekannt werden darf, denn wir befinden uns mitten im Apartheitsregime und Beziehungen zwischen Weißen und Nicht-Weißen sind gefährlich. Als dann ein weißes Ehepaar, ein Schuldirektor und eine Sekretärin, in ihrem Haus überfallen wird und die Tochter zwei schwarze Jugendliche aus der Schule des Direktors beschuldigt, ist der Fall für Coopers Kollegen so gut wie abgeschlossen. Eine fatale Entscheidung, die Cooper in eine noch schwierigere Position bringt, als er sie eh schon inne hat, denn die Tochter beschuldigt unter anderem Aaron Shabalala, den Sohn seines Kollegen und Freundes Samuel Shabalala. Cooper hat mit verschwindenden Beweisen, Anfeindungen und Korruption zu kämpfen.

Man möchte schreien, wenn Cooper hinter dem Haus, dem Tatort, im Gebüsch einen schwer verletzten schwarzen Mann findet, diesen mit Feuereifer und Einsatz des dritten Teils des Trios, des jüdischen Doktors Zweigman , gerade noch lebend ins Krankenhaus bringt und nicht ein einziger seiner Kollegen diesen Umstand als wichtig empfindet – oder überhaupt erwähnenswert. Die Luxuskarosse, mit der die Täter geflohen sein sollen, findet man völlig unversehrt im Township und natürlich mit den entsprechenden Beweisen versehen, obwohl dort normalerweise nicht mal ein Fahrrad vollständig bleibt, wenn man es aus den Augen lässt. Man möchte durchgehend jemand schütteln und anschreien, wenn man darüber liest, mit welchen inkompetenten / uninteressierten / korrupten Kollegen Cooper in seiner Ermittlung umgehen muss und man fragt sich, ob dort – in Südafrika, zu dieser Zeit – überhaupt jemals ein wirklich Schuldiger gefunden wurde. Die Aussage eines Mädchens, welches ganz offensichtlich lügt, gilt als Wahrheit, nur weil sie weiß ist. Das allein ist die Begründung! Brr – himmelschreiende Ungerechtigkeit!

Man mag sich sagen, ja, das ist ja nur ein Krimi, doch Malla Nunn zeichnet hier ein furchterregend realistisches Bild von Südafrika zu dieser Zeit. Das Apartheitsregime hat Familien und Freundschaften entzweit, Gewalt und Korruption gestreut und die Gesellschaft völlig vergiftet. Eine Horrorvorstellung, die man sich wohlbehütet im gut funktionierenden, freien und demokratischen Deutschland, fast nicht vorstellen kann und doch immer fürchten muss. Für Cooper kommt es soweit, dass er seine Freundin nur auf eine heimlich organisierte, illegale Tanzveranstaltung, die eigentlich nur ein Deckmäntelchen für Prostitution ist, ausführen kann, nur um mal ein wenig Zeit mit ihr außerhalb der eigenen vier Wände zu verbringen. Und auch der Fall an sich hängt natürlich tief mit den durch die Apartheit verursachten Umstrukturierungen zusammen, gepaart mit Familienbeziehungen und Korruption.

Ein erschreckendes, aber tief beeindruckendes Bild von Südafrika in den 50er Jahren präsentiert Malla Nunn. Emmanuel Cooper, der schon privat auf Messers Schneide balanciert gefährdet mit seiner eigenmächtigen Ermittlung alles – und doch muss er ermitteln. Für Shabalala. So wie sich das gehört unter Freunden. Da steht einer für den anderen ein. Egal welche Umstände herrschen. Und so wächst einem das ungleiche Paar, zu welchem eigentlich noch der Jude Zweigman gehört, ordentlich ans Herz. Bitte mehr davon Frau Nunn! Ich vertrage das, wirklich. Meinem Magen geht es auch wieder gut, keine Sorge. Und ich möchte auf keinen Fall die nächsten Teile missen.

Fazit:
Ein aufwühlendes Buch, welches ein erschreckend realistisches Bild von Südafrika zeichnet. Der Kriminalfall ist tief verwurzelt in dieser verqueren Gesellschaft und lässt Emmanuel Cooper an seine Grenzen kommen und sein eigenes Glück gefährden. Doch die Botschaft ist klar, wenn auch ein wenig kitschig: Freundschaft geht über alle Grenzen und Hindernisse.

 

Alle vier Titel der Reihe um Detective Sergeant Emmanuel Cooper:
Ein schöner Ort zum Sterben
Lass die Toten ruhen
Tal des Schweigens
Zeit der Finsternis

 


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Klassiker: Schwarzgeld – Ross Macdonald

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Ross Macdonald – Schwarzgeld
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Karsten Singelmann
368 Seiten
ISBN: 978-3257300406

 

 

 

Schon sehr oft ist es mir passiert, dass ich die beiden Autoren Ross Macdonald und Ross Thomas verwechselt habe. Ist aber auch verzwickt mit dem gleichen Vornamen und Genre. Aber natürlich bedienen die beiden Autoren grundsätzlich ein ganz anderes Subgenre und nun, nach der Lektüre meines ersten Ross Macdonalds wird mir auch die Unterscheidung nicht mehr so schwer fallen. Lew Archer, der Privatdetektiv in Macdonalds Krimis, ist eine Bekanntheit im Krimigenre und dort nicht wegzudenken. So weist man Ross Macdonald die Nachfolgeschaft von Chandler und Hammett an und nennt die Namen in einem Zug, wobei ich persönlich da schon große Unterschiede erkennen kann.

Ginny Fablon trennt sich von ihrem Verlobtem Peter Jamieson und wendet sich dem unbekannten, aber mondänen Francis Martel zu – das kann nicht mit rechten Dingen zugehen, denkt ihr Verlobter und engagiert Privatdetektiv Lew Archer, um herauszufinden, welchen halbseidenen Lebemann Ginny sich da geangelt hat. Ein Fall von enttäuschter Liebe? Archer macht sich auf, um im mondänen Tennisclub nahe Los Angeles herauszufinden, wer Martel ist. Doch dabei findet er nicht nur mehr über Martel heraus, sondern auch über einen Selbstmord, ein paar Affären und viel über die sogenannte bessere Gesellschaft.

Fast schon gruselig, wie gut es Macdonald gelungen ist, die Atmosphäre der 60er Jahre in diesem abgeschotteten Fleckchen der Erde einzufangen. Der Tennisclub, umgeben von den Villen der Reichen und Betuchten, alter Geldadel, der zwar neue Reiche integriert, aber noch lange nicht akzeptiert. Männer in Anzügen, Frauen in eleganten Kleidern, die Sonne brennt und versetzt alles in eine trockene, flirrende Stimmung. Keine Großstadt, keine großen Umbrüche, hier lebt man noch genauso wie vor 20 Jahren, gibt Partys und trifft sich im Tennisclub. Ein beneidenswertes Leben, zumindest auf den ersten Blick.

Denn natürlich brodeln unter der Oberfläche massenweise Geheimnisse und Gerüchte, aber es gibt auch allgemein Bekanntes, über das man eben nicht spricht. Archer stößt auf Affären und Spielsüchtige, Fresssucht und Geldprobleme, findet einen Selbstmord, über den keiner sprechen will und fühlt dem Neuling, Martel, auf den Zahn. Ein charmanter, aber unangenehmer Bursche, in dessen Kielwasser sich aber schon einige Fische tummeln, die die schöne Gesellschaft rund um den Tennisclub gehörig durcheinander wirbeln.

Und wer ist Lew Archer eigentlich? So arg viel erfährt man über den Privatdetektiv eigentlich nicht. Eben nur durch seine Ermittlungen, seine geschickten Fragen, sein hartnäckiges Nachhaken. Eine Beschreibung über Archer sucht man vergebens – es gilt, Archer durch seine Ermittlungsgespräche kennen zu lernen. Einen Vergleich mit Chandlers Philip Marlowe und Hammetts Sam Spade, muss Lew Archer zwar nicht fürchten, doch kann ich die Ermittlungen in der schön-scheinenden Realität des Tennisclubs keinesfalls als Hardboiled bezeichnen. Archer manövriert sich mit Bravour durch die Häuser der Reichen, hardboiled-typische Anzeichen lassen sich kaum finden. Ist aber auch nicht so wichtig, denn die Ermittlungen Archers machen einfach Freude beim Lesen. Es ist eine klassische Privatdetektivgeschichte – zuerst mal gar kein Fall, doch eben genug, um als Privatdetektiv nach und nach die kleinen dreckigen Details der guten Gesellschaft aufzudecken. Ein Genuss, der heute oft seinesgleichen sucht – ein toller Klassiker!

Fazit:
Ein sehr lohnenswerter Klassiker, in dem Privatdetektiv Lew Archer die Steine der feinen Gesellschaft umstülpt und die dunklen Geheimnisse wie kleine Käfer aus dem Licht flüchten. Ein Lesegenuss!