Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Grandios: Aufzeichnungen eines Serienmörders – Kim Young-ha

Kim Young-ha – Aufzeichnungen eines Serienmörders
Übersetzer: Inwon Park
Verlag: Cass Verlag
152 Seiten
ISBN: 978-3944751221

 

 

 

 

 

In der nur 150 Seiten langen Novelle des Shooting Stars der koreanischen Krimiszene, versucht der Protagonist Byongsu Kim seine Tochter Unhi zu retten, bevor ihn die Demenz einholt.  Denn in Jutae Park, ihrem Freund, glaubt er seinesgleichen erkannt zu haben, einen Serienmörder.

Während nicht nur das Gedächtnis von Byongsu Kim nachlässt, lassen auch die Seitenzahlen nach und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn im Verlaufe des Buches werden diese immer durchscheinender. Dieser kleine visuelle Effekt spiegelt sich im Verfall von Kims Gedächtnis wieder. Er versucht vieles, Dinge aufschreiben, auf Band aufzeichnen, doch seine Gedanken entfliegen ihm. Gleichzeitig versucht er seinen letzten Mord zu planen. Zwar ist er ein Serienmörder, doch hat er vor 25 Jahren schon aufgehört zu morden und muss nun, gleichzeitig im Kampf gegen seine Demenz, einen weiteren Mord planen, den an Jutae Park.

Doch vieles entgleitet ihm, während anderes auftaucht. Erinnerungen, Gedichte und Musik füllen seine Tage, manche erschrecken ihn, manche beruhigen ihn. Das Lyrische, Poetische begleitet ihn durch sein Leben, hat er doch früher selbst Gedichte geschrieben. Seine Tochter Unhi, die er adoptierte, nachdem er ihre Eltern ermordete, verliert mehr und mehr die Geduld mit ihm, verzweifelt an ihm. Auch das kriegt er nur am Rande mit… und vergisst es wieder.

Wie so oft, wird es hier der Krimileser, der es gerne gut sortiert mag und eine klare Ermittlungsstruktur braucht, eher schwer haben. Dafür erhält er aber einen kleinen Krimischatz. Die Aufzeichnungen sind genau das was sie sind – Aufzeichnungen. In einem tagebuchhaften Stil, manchmal lyrisch, immer kurz, oft sehr neutral, sammeln diese Absätze, Passagen aus einem Leben, welches langsam entschwindet. Doch durchgängig findet sich die Hartnäckigkeit des alten Mannes wieder, denn Jutae Park und der Plan ihn zu ermorden, spuken unablässig in seinem Kopf, Demenz hin oder her. Er ist pragmatisch und kühl, keineswegs plagen ihn irgendwelche Gewissensbisse, seine Taten sind auch schon verjährt.  Es scheint ein Katz und Maus Spiel zwischen den beiden Serienmördern entsponnen zu sein. Und doch ist am Ende alles ganz anders, denn der Autor macht sich die Eigenschaft des Protagonisten zu Gebrauch: seine Demenz.

Mit „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Kim Young-ha ist dem Cass Verlag wieder eine kleine feine Krimiperle gelungen, die man nur empfehlen kann. Die Geschichte liest sich schnell, doch sollte man ein wenig Zeit aufwenden, um sie entsprechend zu genießen. Eine kühle, nachdenkliche Geschichte über Komik und Tragik im Leben, genial verflochten mit einer Krimihandlung, die kein Blut und Gemetzel braucht, sondern von ihrer literarischen Schönheit lebt.

Fazit:
Ich finde, der Cass Verlag macht alles richtig, denn hier finden sich nur Krimiperlen, diesmal eben eine grandios komponierte Kriminalnovelle aus Südkorea. Ein herrliches Lesevergnügen.


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Perfekt: Family Business – Lisa Sandlin


Family Business – Lisa Sandlin
Übersetzerin: Andrea Stumpf
357 Seiten
ISBN: 978-3518470282

 

 

Delpha Wade und ihr Chef, Privatdetektiv Tom Phelan, sind gerade noch dabei sich vom letzten Fall zu erholen, als schon ein neuer Kunde eintrifft: Xavier Bell engagiert die Detektei, um seinen Bruder zu finden. Nachdem sie sich über die Jahre aus den Augen verloren haben, möchte der betagte Mr. Bell sich nun mit seinem Bruder aussprechen und versöhnen. Sagt er. Doch nicht nur an dem neuen Kunden, sondern auch an seiner Geschichte, lassen sich so einige Seltsamkeiten feststellen.

Endlich – der zweite Teil mit Delpha Wade! Manch einer mag sich erinnern, dass ich sehr begeistert vom ersten Teil Ein Job für Delpha war und ja, ich bin es auch jetzt wieder.
Dabei muss man beachten, dass der Kriminalfall nun ja, eher unspektatulär ist, die Ermittlungen bedingt durch die Umstände nur langsam vorangehen und überhaupt mehr auf die Charakterzeichnung, vor allem von Delpha, und das Setting der USA in den 70ern, Wert gelegt wurde. Und trotzdem, oder gerade deswegen, war das Buch spitze und hat mich nicht mehr losgelassen.

Neben dem Fall um Xavier Bell nehmen die zwei Detektive noch zwei, drei andere, kleinere Fälle an, die zwar schnell erledigt sind, aber tatsächlich aber mehr Actrion in die Handlung bringen als die Suche nach dem vermissten Bruder. Diese stellt sich als recht zäh und hartnäckig heraus, haben doch beide Brüder keine tiefe Verbundenheit zu ihrem Namen und wechseln diesen hin und wieder. Eine Sisyphusarbeit! So wälzen sich Tom und Delpha durch Geburtenregister, Maklerkäufe und Telefonbücher, klingeln bei Hauskäufern und besuchen Bibliotheken – was man eben so gemacht hat, in den Zeiten bevor jegliche Kleinigkeit im Internet verfügbar war. Ja, gute alte Recherchearbeit – und das weitgehend über das ganze Buch verteilt. Und trotzdem war das nun wirklich nicht langweilig, sondern schlicht und einfach spannend zu lesen.

Das gelingt durch das Einflechten der besagten weiteren Fälle des Detektivbüros, aber eben nicht nur, sondern eben auch durch die fabelhafte Delpha Wade. Wer sich nicht erinnert, dem sei hier nochmal gesagt, dass Delpha eine ganz normale Frau in den Dreißigern ist, die aber das Unglück hatte, nachdem sie einen Mann, der sie vergewaltigen wollte, in Notwehr getötet hatte und kein Geld für einen Anwalt aufbringen konnte, 13 Jahre im Gefängnis abgesessen hat. Aus diesem Grund ist Delpha nun eben zurückhaltend und verschlossen, nicht so vertrauensselig und schon gar nicht reich. Dafür ist sie aber wissbegierig, genau und clever, und möchte wieder ihren Platz in der Gesellschaft haben. Und hier hilft ihr Tom Phelan, welcher der einzige ist, der ihr einen Job gibt.

Im zweiten Teil nun, ist Delpha quasi aus dem Job der Sekretärin herausgewachsen und Tom schickt sie auch raus, um Recherchen zu erledigen und Nachforschungen zu betreiben. Hin und wieder ist das mit Rückblicken auf ihre Jahre im Gefängnis versetzt, die bei passenden Gelegenheiten eingestreut sind und Einblick in ihre Vergangenheit geben, darauf, wie sie zu dem Mensch geworden ist, der sie jetzt ist.

Wenn auch die Action in dem Buch eher gedeckt war, der Fall nun nicht sonderlich spektakulär, habe ich den Krimi doch eingesogen und im Nu ausgelesen. Das liegt zu einem großen Teil an Delpha, die für mich einfach eine der superspannendsten, interessantesten weiblichen Charaktere der letzten Jahre in der Kriminalliteratur ist, aber auch dem Flair der Zeit geschuldet ist. Ich fass es mal so zusammen: es strahlt eine vergangene Gemütlichkeit aus, die wir in unseren heutigen hektischen Zeiten einfach nicht mehr nachvollziehen können. Telefone haben noch Schnüre, Recherchen betreibt man in der Bibliothek – man kann dort sogar anrufen und die Auskunftsbibliothekarin sucht dem Anrufer die Antwort auf Fragen heraus, Wahnsinn, ich wusste gar nicht, dass es das gab! – die Autos sind klapprig, das Essen ist fettig. Einfach wundervoll! Es ist ein romantisches Bild der USA, eine verschlafene Stadt im Süden der USA in den 70ern  – überraschenderweise der perfekte Platz, um dort Kriminalfälle zu lösen.

Tobias Gohlis hat es perfekt zusammengefasst: “Von Delpha Wade möchte man mehr lesen.” Wohl wahr. Hat sich auch der Verlag gedacht und das Zitat hinten auf das Cover gedruckt. Von solchen Zitaten bin ich ja oft kein Fan, doch diesmal kann ich nur zustimmen. Für Privatdetektive habe ich sowieso einen besonderen Platz in meinem Leseherz und Delpha Wade hat es sich dort schon gemütlich gemacht. Ich mag Delpha Wade, ich mochte sie schon im ersten Teil und ich hoffe, es werden noch viele weitere Teile der Reihe erscheinen.

Fazit:
Für mich der perfekte Krimi. Und mal wieder der Beweis, dass ein Krimi weder reisserisch, noch blutig noch voller Action sein muss, sondern eben auch mit leisen Tönen, Charakterisierung und Setting voll überzeugen kann.

 

P.S.: Zum Abschluss noch eins. Wirklich unklar ist mir, warum man ein Buch, dessen englischer Titel “Bird Boys” ist, im “Deutschen” dann “Family Business” nennt. Das passt zwar auch zur Geschichte (immerhin), aber warum tausche ich einen englischen Titel zu einem anderen englischen Titel für eine deutsche Ausgabe?

 


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Lesetipp: Gimme More – Liza Cody

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Liza Cody – Gimme More
Verlag: Argument
Übersetzung: Pieke Biermann
398 Seiten
ISBN: 978-3867542432

 

 

 

 

Eigentlich mach ich ja gerade ein bisschen Pause vom Rezensieren und fühle mich damit auch sehr wohl. Aber nachdem nun gerade ein Titel erschienen ist, dem ich quasi schon Ewigkeiten hinterher renne und ich nun, nach der Lektüre weiß, dass ich hier schon viel früher hätte zuschnappen sollen, muss ich es einfach empfehlen.

Es geht um Liza Codys „Gimme More“. Vor Jahren ist das Buch im Unionsverlag erschienen, leider war Liza Cody mir zu dieser Zeit noch kein Begriff. Als ich die Autorin dann durch ihre vielen Bücher, allen voran Lady Bag, im Argument Verlag kennengelernt habe, bin ich auch über „Gimme More“ gestolpert, aber das Buch war eben nur noch antiquarisch erhältlich. Ich kaufe nun durchaus auch gerne gebrauchte Bücher, aber manchmal lässt der Zustand schon zu wünschen übrig, so dass ich bei „Gimme More“ ewig gezögert habe, denn – und das versteht bestimmt nur jemand der auch verrückt nach Büchern ist – ich wollte das Buch gerne in einem hübschen, auf jeden Fall noch ansehnlichen Zustand.

Dann endlich, letztes Jahr Weihnachten, habe ich mich dazu durchgerungen, das nur noch gebraucht erhältliche Buch  auf meine Wunschliste zu setzen und habe es auch bekommen. Juchu!
Um nur nach wenigen Tagen, Wochen, die neue Ausgabe von „Gimme More“ in der Vorschau des Argument Verlags zu entdecken! Und ja, ihr vermutet richtig, die hab ich mir natürlich auch bestellt.

Warum ich das nun alles erzählt habe?
Ein ganz kleines bisschen, weil ich mich geärgert habe. Darüber, dass ich schon so lange um dieses Buch herumgeschlichen bin. Aber hauptsächlich deshalb weil ich unbedingt möchte, dass jeder, wirklich jeder dieses Buch liest. Gut, das ist jetzt nichts neues – das wünsche ich mir für jedes Buch von Liza Cody. Aber eben auch, weil sie einfach so verdammt gute Geschichten schreibt und immer nur zu empfehlen ist.

Und eine wirklich geniale Geschichte ist ihr auch hier wieder gelungen. Eine Geschichte über das Rock’n’Roll Business, darüber wie zerfressen und missgünstig es ist, wie wenig Kunst sich mit Geld und Erfolg vereinen lässt, das alles nur Schein ist und nur wenige an vielen verdienen. Und es ist die Geschichte von Birdie Walker, einem blonden Anhängsel, dem nichts zugetraut wird, die aber mehr vom Business versteht als man(n) denkt.

Eine Geschichte, die mich überrollt und begeistert platt gefahren zurückgelassen hat, ein Buch, dass man nur ungern zuklappt, eine Protagonistin, die man weiter begleiten will. Ein Krimi? Na, ein bisschen, aber eigentlich nicht, trotzdem ungemein spannend, eine wilde Fahrt als Birdies Sozius, ein austarieren und täuschen, nichts ist wie es scheint und jeder muss sich selbst am nächsten sein. Aber Birdie, die, ja die ist etwas ganz besonderes. Eine Überlebenskünstlerin, eine Kuriosität und immer unterschätzt. Die  Geschichte um Birdie hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, sie ist spritzig, witzig und abgefahren. Und endet mit einem leisen, aber feinen Knall. Puh – schon zu Ende. Ich bin zurück aus dem Birdie-Kosmos, fühl mich ein wenig ausgelutscht, aber sehr sehr glücklich.

„Gimme More“ ist sehr, sehr, sehr genial und absolut zu empfehlen.
Bitte unbedingt im lokalen Buchhandel oder direkt beim Verlag bestellen. Es lohnt sich.

So, und weil Leser – also ich zum Beispiel – nun mal unersättlich sind, drücke ich nun die Daumen, dass der Argument Verlag alsbald Liza Codys Reihe um Privatdetektivin Anna Lee neu herausgibt, denn die kenne ich auch noch nicht und es will doch keiner, dass mir diese Kostbarkeiten erneut so lange entgehen, oder?


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Women rule: Die Nacht ist unser Haus – Jules Grant

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Jules Grant – Die Nacht ist unser Haus
Verlag: Heyne
Übersetzerin: Viola Siegemund
352 Seiten
ISBN: 978-3453439153

 

 

 

Wenn Else Laudan das Buch empfiehlt und Simone Buchholz sogar auf dem Rückcover zitiert wird, ist es quasi ein Muss, dieses Buch zu lesen. Aber ich gebe zu, ohne Elses Empfehlung wäre mir das Buch auch durchgegangen. Unscheinbar und mit einem sperrigen Titel versehen – der allerdings im Englischen nach länger und sperriger ist – springt es einem nicht gerade ins Auge und im stationären Buchhandel hab ich es auch nicht gesehen. Wobei das mittlerweile – leider – auf sehr viele Bücher zutrifft, die ich lese. Sei es drum, das Buch hat zu mir gefunden! Auch die Lektüre war nicht ganz so einfach wie gedacht, aber einfach kann eben jeder. Eine Herausforderung ist da schon was ganz anderes. Aber fangen wir mal vorne an.

Donna und Carla kennen sich seit Ewigkeiten, aus dem Kinderheim. Beste Freundinnen, vielleicht auch mehr. Mittlerweile führen sie eine Gang, eher Donna als Carla, aber die beiden gibt es eben nur im Doppelpack. In der Gang sind nur Frauen, Lesben um genauer zu sagen, und sie verticken Drogen. Liquid Ecstasy zum Beispiel, auf den Toiletten der Clubs der Gegend. Und da muss sich sehr genau an die Grenzen gehalten werden, denn Manchesters Viertel sind genau aufgeteilt und Grenzüberschreitungen werden hart geahndet. Ihre Gang ist eine von vielen, in einem fragilen, von außen fast unübersichtlichem Gefüge. Donna ist nun nicht sehr gebildet, aber schlau und pfiffig. Fehler macht sie nur einmal, denn wer einen Fehler zweimal macht, ist dumm. Und das ist Donna nicht. Missmutig, jähzornig – Donna ist vieles, aber Carla kann Donna um den kleinen Finger wickeln. Doch jetzt hat sich Carla eine Schnellschussaktion zuviel geleistet. Sie klaut dem Mitglied einer anderen Gang die Frau. Schwerer Fehler, denn jetzt gibt es Krieg.

Klappentext und Prolog verraten es schon – Carla stirbt und hinterlässt eine Tochter, eine rotzfreche Göre, Aurora, die quasi schon auf dem besten Weg ist, es Donna und Carla gleich zu tun. Doch bevor Carla ermordet wird, lernt der Leser erst mal die Strukturen kennen. Wie die Frauen in Donna’s Gang so aufgestellt sind, welche anderen Gangs in Manchester vorherrschen, die Gebietsaufteilungen – wie eine Schattenwelt, die neben dem eigentlichen Manchester existiert, aber trotzdem tief darin verwurzelt ist. Donnas Gang ist auf Drogen spezialisiert, hier arbeiten sie aber auch mit anderen zusammen, Gewaltbereitschaft ist da und wird zur „Revierverteidigung“ genutzt. Doch dieses Gefüge bricht nun. Dabei ist Carlas Tod nur eine Komponente, denn die Polizei führt einen Großschlag gegen die Gangs in Manchester durch und einige Anführer landen im Knast. Dies verursacht eine Neuverteilung der Macht, in der Carla nur ein Puzzlesteinchen ist. Donna braucht eine Weile, um dahinter zu kommen, steht bei ihr doch an erster Stelle, Carla zu rächen.

Die Sprache des Krimis ist recht derbe, einfach und ein wenig ordinär, eben passend zum Milieu. Zumeist wird die Geschichte aus Donnas Sicht geschildert, doch auch Aurora kommt, vermehrt zum Ende hin, zu Wort. Hin und wieder fand ich das Buch zäh, was aber hauptsächlich dadurch kommt, dass Carlas Tod schon bekannt ist, aber dann tatsächlich erst nach einer ganzen Weile passiert. Und wer nun hier aber Wunder was erwartet hat, weil die Gang aus Frauen und zusätzlich auch noch nur aus Lesben besteht, wird enttäuscht sein, denn die Frauen stehen den Männern hier nichts nach. Es wird gedealt, gesoffen, selbst Drogen genommen, es gibt viel Sex und Beziehungen, die Mädels schmeißen sich, wenn nicht so gar noch enthusiastischer, in den Kampf, lassen sich nichts bieten, wissen Grenzüberschreitungen auch entsprechend demütigend zu bestrafen und nutzen schlau ihre Vorteile. Wer mit Krimis um Gangs nichts anfangen kann, wird auch hier nicht zufrieden sein. Alle anderen erwartet ein Gangkrieg in Manchester, bei dem die Frauen den Männern mal ordentlich den Arsch versohlen.

Fazit:
Schneller und rasanter Ausflug in die Gangszene von Manchester mit ein paar zähen Stellen, der in einem Bandenkrieg gipfelt. Spannend, heftig und abgebrüht, aus weiblicher Perspektive.


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Shorty | Der schöne Schein: Tödliche Therapie – Sara Paretsky


Sara Paretsky – Tödliche Therapie
Verlag: Piper
Übersetzung: Anette Grube
300 Seiten
ISBN: 978-3492983747

 

 

 

 

Worum geht es?
V.I. Warshawski hat sich überreden lassen, Fabiano, der Consuelo, die Schwester von Lotty Herschels Krankenschwester, geschwängert hat, zu einem Vorstellungsgespräch zu fahren. Während sie auf Fabiano warten, kippt die hochschwangere Consuelo um und Warshawski bringt sie schnellstmöglich ins nächste Krankenhaus. Lotty Herschels Partner Malcolm wird gerufen, doch Mutter und Baby sterben. Ein tragischer Unglücksfall. Als dann aber kurz darauf Malcolm ermordet wird und Unterlagen aus dem Krankenhaus verschwinden, wird die Privatdetektivin stutzig und beginnt zu ermitteln.

Einer wie der andere?
Obwohl sich V.I. erst ein wenig sträubt zu ermitteln, kommen ihr dann doch einige Sachen komisch vor und sie stochert. Zuerst nur ein bisschen, dann in gewohnter Weise. Und leider auch immer mit gewohnten Nebeneffekten – die arme V. I. muss immer ganz schon was aushalten!

Opfer, Tat und Täter
Consuelo und das Baby sowie Malcolm sind die Opfer. Ein Zusammenhang ist erst mal nicht ersichtlich, doch irgendwie scheint es schon verdächtig, dass Malcolm so kurz nach der Behandlung von Consuelo stirbt. Die Täter? Wähnen sich unantastbar und haben Verbindungen zu kriminellen Elementen.

Themen
Krankenhäuser, Krankenversorgung, staatlich, privat. Abtreibungen, Abtreibungsgegner. Anwälte und Gangs. Kosten-Nutzen-Rechnung. Gewinn.

Was war gut?
Obwohl man – wie V.I. – zuerst nicht richtig sieht, wo hier ein Fall ist, entwickeln sich die Ermittlungen nach und nach. Ich mag es, wie V.I. die Sachen angeht. Sie sieht genau, dass Dinge die sie tut schief gehen können, sichert sich grob ab und läuft dann offenen Auges ins Messer. Aber so ein paar Blessuren haben sie noch nie aufhalten können. Wie alle Privatdetektive nimmt sie es mit den Regeln nicht so genau, das ist eben der Vorteil, wenn man kein Polizist ist. Akten stehlen ist nützlich und kein Verbrechen, nicht? Ich mag ihre Kämpfernatur, die aber eben nicht übermenschlich ist. Und in diesem Fall versagt sogar ihr Detektor, der sie vor bösen/falschen Menschen warnt. Menschlich eben.

Was war schlecht?
Boah – wer denkt sich denn die Titel aus? Tödliche Therapie – welche Therapie? Kein Mensch wird in dem Buch therapiert. Im Original heißt es „Bitter Medicine“, was sich auch wunderbar ins Deutsche hätte übertragen lassen.

FAZIT:
Ein weiterer spannender Fall um die Privatdetektivin V.I. Warshawski, die diesmal ein Krankenhaus aufmischt. Wie im Flug gelesen, wie immer sehr genossen und jetzt schon gespannt auf den nächsten Fall!


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Nix mit Urlaub: Tod in Porto – Mario Lima

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Lima, Mario – Tod in Porto
Verlag: Heyne
378 Seiten
ISBN: 978-3453439597

 

 

 

 

Ja, Ihr seht recht – ein Urlaubskrimi. Wobei ich jetzt schon anmerken darf: nicht immer ist das drin, was man erwartet. Und das war auch gut so!
Ihr wisst ja, ich und Urlaubskrimi haben bis jetzt nicht so gut funktioniert. „Tod in Porto“ ist mir vom Autor aber als „Nicht“-Urlaubskrimi angetragen worden und so wollte ich es probieren. Und tatsächlich ist mir bei der Lektüre doch ein anderes Krimisubgenre durch den Kopf geschwirrt: Police Procedural. Im Gegensatz zu den üblichen Urlaubskrimis liegt Mario Limas Fokus nämlich definitiv auf den Ermittlungen.

Inspektor Fonseca und sein Team wollen gerade den verdienten Sommerurlaub beginnen, als ein neuer Fall auftaucht. Der Brasilianer Nilton Wanderley wurde auf offener Straße, nun, niedergemäht trifft es wohl. Nilton war bei einer Immobiliengesellschaft beschäftigt, die Grundstücke von einem Immobilienprojekt in Brasilien verkauft. Als die Ermittler allerdings herausfinden, dass Nilton vor einer Diskothek ermordet wurde, die Vitor Puga gehört, einem bekannten Kriminellen von Porto, der außerdem einer der Inhaber der Immobiliengesellschaft ist, in der Nilton beschäftigt war, schlagen bei ihnen alle Alarmglocken. Komisch ist auch, dass Vitor Puga plötzlich ein brasilianisches Sicherheitsteam beschäftigt und seine eigenen Leute auf der Wartebank sitzen. Gleichzeitig taucht ein Video auf, ein Foltervideo, welches als Warnung dient und nicht nur an Nilton geschickt wurde. Fonseca und sein Team versuchen Licht ins Dunkel zu bringen, nicht nur Niltons Tod aufzuklären, sondern auch die Hintergründe zu recherchieren.

Und das ist gar nicht so einfach. Der Fokus liegt, wie schon erwähnt, ganz klar auf den Ermittlungen. Das Team um Fonseca besteht aus Pinto und Ana, aber auch Dinis, Andrade und Tavares zählen zum engeren Team. Außer von Pinto und Ana erfährt man aber über keinen der Charaktere Näheres, noch nicht mal über Inspektor Fonseca. Da dies der zweite Teil einer Serie ist, könnte es sein, dass im ersten Teil mehr über die Charaktere zu erfahren ist, aber in diesem Teil erfährt man am meisten über ihre Ermittlungsmethoden. Und es gibt wirklich viele Ermittlungsansätze.  Es gibt Spuren, Zeugen, Kriminelle, die befragt werden, doch die Mauern bleiben dicht. Dem Team um Inspektor Fonseca fällt es schwer vorwärts zu kommen. Doch ein kleines, loses Ende zeigt dem Team letztendlich die richtige Richtung.

Die gemeinsame Vergangenheit Portugals und Brasiliens macht es leichter für Brasilianer in Portugal Fuß zu fassen, so dass Brasilianer in Porto nichts Ungewöhnliches sind. Und doch führt die Spur direkt nach Brasilien. Die Hintergründe der Tat liegen im Jahr 2006 begründet, als die  Primeiro Comando da Capital, eine kriminelle Organisation, die hauptsächlich aus dem Gefängnis geführt wird, ihre Macht demonstriert hat. Eine Organisation, die in den Favelas von São Paulo gut Fuß fassen konnte und mittlerweile bis zu 100.000 Mitglieder zählt. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann das unter diesem Wikipedia Link nachlesen.

Die Ermittlung in Porto hat ihre Hintergründe also in Brasilien, genauer gesagt in der brasilianischen Mafia, deren Arm mittlerweile bis nach Portugal reicht. Ich fand das Thema sehr gut eingebunden und hab mich, wie man an dem Link sehen kann, auch noch nachträglich darüber informiert. Das ist etwas, was ich sehr gerne in Krimis mag, wenn ein Thema mich dazu animiert, mich außerhalb des Buches noch darüber zu informieren. Ein Thema, welches mir vorher gar nicht bewusst war, über das ich nichts wusste oder gehört habe oder ich die Nachrichten darüber schlicht schon wieder vergessen habe. Über die Vorfälle im Mai 2006 glaube ich nichts bei uns in den Nachrichten gehört zu haben – oder ich habe es eben schon wieder vergessen.

Sehr positiv möchte ich im Übrigen auch hervorheben, dass es sich bei diesem Krimi eben nicht um einen typischen Urlaubskrimi handelt. Urlaubskrimis sind immer so weichgespült, viel Landschaftsbeschreibung, viel gutes Essen und zumeist nur mäßig gute Ermittler, eher so „über den Fall-Stolperer“. Ich finde auch nicht, dass ein Land gut charakterisiert wird, wenn man diese Merkmale (Landschaft, Essen, etc) hervorhebt. Lokalkolorit, die Lebensart,den Geist und die Kultur eines Landes müssen nicht extra in ein Buch eingebaut werden. Das sollte sich ganz von selbst ergeben. Mit dem vom Autor gewählten Fokus auf die Ermittlungen vermeidet er solche Plattitüden und schreibt einen klaren, gut strukturierten Krimi aus Porto, der zweitgrößten Stadt Portugals, ganz ohne ständig Bacalhau zu essen oder Vinho Verde zu trinken (was das Rückcover assoziiert). Die portugiesische Lebensart fließt ganz nebenbei ein, ohne der Schwerpunkt zu sein.

Eine Kleinigkeit muss ich allerdings erwähnen, die mir nicht gefallen hat. Das einzige weibliche Mitglied im Team um Inspektor Fonseca wird ausschließlich mit dem Vornamen benannt, derweil alle männlichen Teammitglieder nur mit Nachnamen benannt werden, abgesehen von Rui Pinto, bei dem beide Namen genutzt werden. Ich finde das seltsam, denn es impliziert für mich eine unterschiedliche Wertschätzung. Aber vielleicht impliziere ich hier ja falsch und es hat gar keine Bedeutung. Das soll aber den Genuss des Krimis nicht schmälern, denn der Autor hat hier einen wirklich guten Ermittlungskrimi vorgelegt, der auf der Welle der Urlaubskrimis reitet, sich davon aber absetzt und der hoffentlich nicht in den vielen „Tod in/auf/und sonstwo“-Krimis verloren geht.

Fazit:
Ein Police Procedural versteckt in einem „Urlaubskrimi“ – wer hätte das gedacht? Mit dem Fokus auf den Ermittlungen, der nur schlichten Charakterisierung und dem mehr als spannenden Hintergrundthema konnte mich der Autor voll überzeugen.

 

 

 


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Quick & Dirty 1/2019

Der Steingänger – Davide LongoDerSteingänger

Rowohlt, Übersetzerin: Suse Vetterlein, ISBN: 978-3499290398

Worum geht es?
Cesare findet seinen alten Freund Fausto, mit dem er früher Flüchtlinge über die Berge nach Frankreich gebracht hat, ermordet in einem Gebirgsbach. Der Franzose – wie Cesare von seinen italienischen Mitbürgern genannt wird – ist verdächtigt, doch hängt Faustos Ermordung wirklich mit seinen Tätigkeiten als Schlepper und neuerdings Drogenkurier zusammen?

Wie war es?
Literarisch so stimmungsvoll kann nur einer schreiben – Davide Longo. Auch sein Debütroman konnte mich nun voll überzeugen, wobei die Kriminalgeschichte fast schon nebensächlich ist. Ich verliebe mich immer in diese stille, abgeschiedene Atmosphäre, die er mit seinen Worten zaubern kann. Aber natürlich ist auch die Kriminalgeschichte nicht zu verachten, denn dahinter steckt mehr – oder eigentlich weniger – als man denkt.

 


Das Meer – Wolfram Fleischhauer56008124n

Droemer-Knaur, ISBN: 978-3426307076

Worum geht es?
Ökoterroristen gegen Fischereimafia.
Eine Fischereibeobachterin der EU geht über Bord, vereinzelte Fischvergiftungen treten in Europa auf, eine Tochter wird gesucht und ein Dolmetscher hat keine Ahnung worum es eigentlich geht.

Wie war es?
Thematisch war der Ökothriller ein absolutes Highlight. Man muss echt schlucken bei den Greueltaten, welche die Fischereimafia bewusst, die Bevölkerung unbewusst durch ihre Nachfrage nach Fisch, den Meerestieren und dem Ökosystem Meer antun. Ich nehme mich hier nicht raus, ich esse zwar nicht viel Fisch, aber nur weil ich ihn nicht sehr mag. Die Empfehlung von Ärzten, zweimal die Woche mindestens Fisch zu essen, sollte man sich nach dem Buch nochmal gründlich überlegen.
Für einen Thriller hätte das Buch aber ein wenig mehr Spannung vertragen können, doch das größere Problem hatte ich mit der Auswahl der Protagonisten. Denn hier sind mal wieder die alten, weißen Männer ganz vorne, die beiden weiblichen Protagonistinnen bekommen nur wenig Chance ihre Gedanken mitzuteilen. Wer weiß, vielleicht bewusst gewählt, denn man sieht nicht nur die klaffende Lücke zwischen den Generationen sondern auch zwischen den Geschlechtern, eingeschnürt in Paragraphen und Sitzungen der EU, die zwar Gutes wollen, aber nur wenig ausrichten können oder wollen. Der Dolmetscher, der dem Autor am nächsten liegt, was man aus dem Nachwort erfährt, war der unbeteiligste Charakter, denn über 90% des Romanes weiß er gar nicht, worum es geht und als er es dann erfährt, interessiert es ihn auch nicht so richtig.
Ach, ich weiß nicht, wie gesagt, thematisch war es wirklich gut, aber die Umsetzung war nun nicht so meins.


Sick City – Tony O’Neill51xUrKIPg+L._SX314_BO1,204,203,200_

Heyne Hardcore, Übersetzer: Stephan Pörtner, ISBN: 978-3453676237

Worum geht es?
Als Jeffreys Gönner nachts im Bett stirbt, beschließt er, eine Entziehungskur zu machen. Dabei trifft er Randal, ebenfalls drogenabhängig, aber auch reich und mit dem Filmgeschäft verbandelt. Das trifft sich gut, hat Jeffrey doch von seinem Gönner ein geheimes Sex-Tape „geerbt“, welches er zu Geld machen will. Zwei Junkies, ein legendäres Video und L.A. – da kann doch nichts schief gehen, oder?

Wie war es?
Zwei Junkies, ein Dealer, ein Killer und eine Stripperin, die alleine nichts hinkriegt. Schon das Ensemble in diesem abgefahrenen Krimi hat es in sich. Sprachlich zwar nicht der Bringer, dafür aber sehr authentisch rast man durch das Buch und sieht die Wand auf sich zukommen bzw. die Protagonisten Fahrt aufnehmen und in ihr Unglück rasen. Sehr viele Drogen, sehr viele Arten Drogen zu nehmen, Gossensprache und nicht das beste Personal und trotzdem eine Wucht. Ein irrer Trip, den man sich nicht entgehen lassen sollte.


Exodus aus Libyen – Tito Topin41JK-qwbcBL._SX301_BO1,204,203,200_

DistelLiteraturVerlag, Übersetzerin: Katarina Grän, ISBN: 978-3923208906

Worum geht es?
Acht völlig unterschiedliche Menschen – Geschlecht, Religion, sozialer Status – machen sich auf den Weg von Tripolis nach Tunesien. Der Jeep schafft es kaum aus der Stadt, bevor er in einem kleinen Ort strandet, der unter der Knute des Militärs steht, zurückerobert von den Rebellen. Wer bzw. wie viele werden Tunesien erreichen?

Wie war es?
Unheimlich erschreckend. Acht Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, alle einzeln vorgestellt in Kapiteln eingeworfen zwischen den Kapiteln ihrer unmöglich scheinenden Reise. Jeder mit eigenen Motiven, mit einer Hintergrundgeschichte, müssen sie sich doch irgendwie arrangieren, zusammenbleiben, füreinander einstehen. In einem Land zerrissen zwischen den Schergen des Machthabers, dem „Pourriture“ (dem Korrupten/Verderbten (Gaddafi)), und den Rebellen, ein zerstörtes Land, mit Toten, mit Hungernden, mit Flüchtlingen, klapperdürren Hunden und der ständigen Angst zu sterben. Bei dieser Lektüre muss man schwer schlucken, aber es ist so wichtig, sie zu lesen, um zumindest ein wenig zu verstehen, welche Schrecken auf der Welt vorgehen, derweil wir in unseren sicheren Häusern sitzen, keinen Hunger leiden, uns nicht vor Kampfflugzeugen verstecken müssen. Unbedingt lesen!

 


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En Mann un en Kou: Müllers Morde – Monika Geier

1200x
Monika Geier – Müllers Morde
Verlag: Argument
394 Seiten
ISBN: 978-3867542005

 

 

 

Hier wimmelt es von Männern: große, starke Männer mit zwei Meter Körpergröße, Ökomänner und linke Männer, reiche Männer mit einem Hang zu anderen Männern, toten Männern (aber auch Frauen) und ignoranten Polizistenmännern sowie mörderischen Männern. Alle Arten von Mann vorhanden – aber so ganz konnte die Autorin doch nicht auf die EINE verzichten. So wie es auch Christine Lehmann in „Die Affen von Cannstatt“ mit Lisa Nerz ging, so konnte auch Monika Geier nicht auf ihre Figur Bettina Boll verzichten und lässt diese am Ende doch noch ein wenig mitmischen. Trotz „Jungsbuch“. Gut so – denn den Kommissar in dem Buch hatte ich nämlich schon bald über.

Rick Romanoff, halb-arbeitsloser Historiker, der während des Semesters Vorträge über Karl den Großen hält und sich in der semesterfreien Zeit als actionfreier Indiana Jones verdingt, bekommt von seinem Hauptauftraggeber eine andere Art Auftrag zugeschanzt. Gunter Steenbergen, Energiemanager bei ENERGIEbase, einem Energiekonzern, wurde tot am Totenmaar aufgefunden. Laut Polizeibericht ein Unfall. Durch den Vulkansee aufsteigendes Kohlendioxid soll ihm sowie einer Kuh den Garaus gemacht haben. Anwalt Welsch-Ruinart kann das nicht glauben – persönliche Gefühle spielen hier allerdings auch eine große Rolle – und engagiert Rick zur Privatermittlung. Nicht sehr begeistert, aber weil eben keine andere Arbeit in Sicht, macht sich der ewige Student auf, um in „Gunnis“ Leben herumzustochern. So unrecht hat der schnöselige Anwalt nicht, denn Steenbergen geht auf Müllers Konto. Müller – dessen eigentlichen Namen wir Leser nie erfahren – arbeitet bei ENERGIEbase und hat Steenbergen auf dem Gewissen. Romanoffs Schnüffeleien bringen Müller in arge Bedrängnis und zwingen ihn zu handeln. Ein Katz und Maus Spiel entsteht, in dem einer mehr weiß als der andere und mit unfairen Mitteln gekämpft wird.

Die Geschichte wird abwechselnd aus Sicht von Rick Romanoff und von Müller erzählt, ab und an auch noch von anderen Personen. Der stetige Wechsel zwischen Romanoff und Müller, die man allerdings sehr gut auseinander halten konnte, unterstützt dieses Katz und Maus Spiel und befeuert die Spannung. Und auch wenn der titelgebende Müller hier sehr ausführlich mit seinen Machenschaften beschrieben ist und viel Fläche zur Entfaltung bekommt, ist natürlich Rick Romanoff der Sympathieträger. Nicht nur als übrig gebliebener Student in der WG, sondern auch mit seinen zwei Metern Größe, seiner Panik vor dem schwulen Anwalt und einer Fast-Phobie vor Atlantis-Anhängern ist er eine bemerkenswerte Erscheinung. Nicht auf den Kopf gefallen, aber mit dem Fall ein wenig überfordert, ist sein Helfer Fred nun auch nicht unbedingt besser, auch wenn der technisches Know-How mitbringt.

Müller, mit vielen Talenten gesegnet wie z. B. dem Hacken von Computern, muss als Romanoff sich einmischt doch recht häufig improvisieren. Dass dies klappt, verdankt er hauptsächlich Rick Romanoffs Unbescholtenheit, auch wenn Müller sich durchaus findig zeigt. Inszeniert er Steenbergens Tod – der im Übrigen nur auf einem Verdachtsmoment basiert und eigenmächtig ausgeführt wird – noch wie einen skurrilen Unfall, muss er bei den weiteren Morden mächtig in die Trickkiste greifen. Mag man am Anfang noch denken, der Müller ist halt so einer. So ein Psychopath. Dann mag man nicht ganz Unrecht haben, doch letztendlich verschleiert er eine wirtschaftliche Gaunerei größeren Ausmaßes.

Müller als Täter war jetzt nicht ganz so mein Fall, Romanoff als Held der Geschichte schon eher. Ich hatte immer ein Bild von Indiana Jones vor Augen, auch wenn man wirklich erwähnen muss, dass Romanoff schon viel mehr Dozent als Abenteurer ist, also fast ausschließlich, und außerdem ja zwei Meter groß. Das Ende, obwohl oder gerade weil es in wenigen Teilen offen bzw. unbestimmt ist, hat mir außerordentlich gut gefallen. Wenn ich nun mit der Bettina Boll Serie einen Vergleich ziehen sollte, muss ich sagen, dass ich die Serie bevorzuge, doch Rick Romanoff und der Fall Steenbergen waren auf jeden Fall einen Ausflug wert.

Fazit:
Indiana Jones und der Serienmörder – oder wie Müller und Rick Romanoff eine skurrilen Tanz um den Fall Steenbergen aufführen, bis zum bitteren Ende. Gelungener Ausflug außerhalb der Bettina-Boll-Reihe der Autorin, auch wenn auf diese nicht ganz verzichtet wird.


Ein Kommentar

Mutterliebe: Für immer mein – Ellen Dunne


Ellen Dunne – Für immer mein
Verlag: Eire Verlag
386 Seiten
ISBN: 978-3943380149

 

 

 

Tarek Waldmann reist nach Wien, in seine Heimatstadt, um die Lebensgeschichte von Helga Wolff aufzuschreiben. Als Biograph kommt ihm dieser Auftrag grade recht, um seiner Freundin, die ihm eröffnet hat, dass sie schwanger ist, zu entkommen. In Wien quartiert er sich bei seinen Adoptiveltern ein und trifft auf einem Klassentreffen seine Jugendliebe Valerie wieder und bändelt mit ihr an. So unbeständig Tarek und sein Leben sind, so sehr nimmt ihn Helgas Geschichte mit, da er als Adoptivkind eine eigene Geschichte vermisst. Doch Helgas Auftrag an ihn war kein Zufall und schon bald mischt sich sein Leben mit dem Helgas.

Tarek Waldmann stromert so in seinem Leben herum. Bei seinem Roman ist er nur hundert Seiten weit gekommen, also hat er beschlossen, lieber die Geschichten anderer aufzuschreiben. Seine Beziehung zu Lina verläuft stürmisch, aber Tarek will sich natürlich nicht festlegen. Die Schwangerschaft trifft ihn unerwartet und er nimmt erst mal Reißaus von Irland, Lina und den Freunden und fliegt in seine Heimat Wien. Aber auch hier ist nicht alles rosig, sein Vater ist krank und seine Mutter, eine Künstlerin, ein zartbesaitetes Wesen. Auf dem Klassentreffen fängt er Streit an, aber Valerie erobert er trotzdem. Von Lina weiß sie, aber Valerie hat selbst ein paar dunkle Flecken auf der Weste, so dass die zwei gar nicht schlecht zueinander passen.

Das mit Helga etwas nicht stimmt, bekommt der Leser relativ schnell mit. Helga beauftragt Tarek aus einem bestimmten Grund, genau Tarek und keinen anderen. Das bekommt man in den Kapiteln mit, welche Helga als Brief an ihren verstorbenen Mann Hermann verfasst, ein sehr gelungener Kniff, um ihre Geschichte zu erzählen. Viele Gedanken macht sie sich darum, wie sie auf Tarek wirkt, was er wohl denkt, wie er wohl ist. Und sie plant. Wie eine Spinne, sitzt sie in ihrem Netz und zieht Tarek an ihrem Faden näher und näher. Und die ganze Zeit hat man dieses unheimliche Gefühl, da stimmt was nicht, mit Helga. Es ist ein wenig, wie ein Zug, der näher kommt. Erst denkt man, der ist noch weit weg, aber plötzlich ist er so nah und so verdammt schnell, wenn er auf einen zurast.

Wie immer finde ich es gelungen, wenn mehrere Perspektiven zum Einsatz kommen. Hier wechselt die Perspektive zu verschiedenen Personen, doch zumeist ist es Tareks Sicht, bzw. Helgas Sicht in Briefform an Hermann. Die Spannung in dem Thriller ist zwar kontinuierlich, aber eher unterschwellig, bevor sie im Finale dann richtig zulegt und es einen Showdown gibt.

Am spannendsten waren für mich aber die geschichtlichen Bezüge zur DDR. Ich persönlich habe keinerlei Bezug zur DDR, hatte dort nie Verwandte und war auch bei der Wiedervereinigung noch jung, so dass ich auch in Nachrichten oder ähnlichem so gut wie gar nichts mitbekommen habe, so dass mich ein Bezug zur DDR immer reizen kann. Auch hier hat die Autorin mir etwas aufgezeigt, was ich noch nicht wusste. Allerdings, ich gebe es zu, fehlte mir ein wenig Hintergrundmaterial. Eine Rechercheliste am Ende wäre toll gewesen, aber ebenso wäre es auch möglich gewesen, Tarek, als Biograph, in dieser Richtung recherchieren zu lassen. Ich vermute, dies ist der Spannung wie auch dem Egoismus von Tarek zum Opfer gefallen und hat einfach nicht in die Geschichte gepasst, aber ich hätte es schön gefunden, wenn noch mehr Infos eingeflochten worden wären.

Fazit:
Ein Thriller zu einem hochspannenden Thema, der mir zu wenig Background-Informationen enthielt, aber mich mit den Charakteren und ihrem Zusammenspiel sehr gut unterhalten hat.

 


Ein Kommentar

Wahrheit und Lüge: Die Unzertrennlichen – Lilian Faschinger


Lilian Faschinger – Die Unzertrennlichen
Verlag: Deuticke
319 Seiten
ISBN: 978-3552055773

 

 

 

 

Sissi Fux ist dem kleinen Dorf  ihrer Kindheit in der südlichen Steiermark entkommen und ist in Wien als Rechtsmedizinerin tätig. Als ihr Vater verstirbt, kehrt sie zur Beerdigung zurück, bei welcher der Blitz einschlägt. Die Verwandtschaft, Oma, Opa, nebst Onkeln, Tanten und Cousinen, tragen leichte und schwer Verletzungen davon, Sissi kommt ohne Blessuren davon. Bei der Beerdigung trifft sie auch Stefan wieder. Stefan und Regina, ihre beiden besten Freunde zu Studienzeiten, verheiratet und erfolgreich, sie als Sängerin, er als Arzt. Doch Regina ist beim letzten Italienurlaub im Meer ertrunken, eine Leiche wurde nie geborgen. Stefan und Sissi kommen sich nun näher, doch Sissi möchte auch ergründen, was aus ihrer Freundin geworden ist, und reist deshalb nach Procida, dorthin wo Regina verschwunden ist.

Das Buch habe ich mit gemischten Gefühlen zugeklappt. Auf der einen Seite war es schön zu lesen, die Protagonistin Sissi hat mir zugesagt, die Dörfler, die sich alles so hinreden, wie es gerade passt, fand ich witzig, aber nicht überzogen, wobei ich vermute, dass die mir gehörig auf den Keks gehen würden, wenn es tatsächlich meine Verwandtschaft wäre. Trotzdem war mir auf der anderen Seite die Entwicklung von Sissi nicht stimmig. Man kann sich jetzt herausreden, dass diese Entwicklung nötig war, um den Fall abzuschließen, aber das ist Schönfärberei – ich denke, da wäre tatsächlich mehr drin gewesen.

Sissi Fux ist eine kluge, ruhige Frau, die es aber trotzdem nicht richtig hinbekommt ihrer doch sehr bestimmenden Großmutter mal die Meinung zu sagen. Sissis Mutter, eine Brasilianerin, die der „aufmüpfige“ Sohn in die Familie gebracht hat, ist schon bald nach ihrer Geburt wieder nach Brasilien verschwunden, die brasilianische Villa, die Sissis Vater erbauen hat lassen, ein Gespött in der Gemeinde. Der Vater lebte in einer einsamen Mühle im Wald, einzige Nachbarn der Förstergehilfe und sein zurückgebliebener Bruder. Sissis Vater war auch noch im höheren Alter ein Aufmüpfiger, schon allein der Musikgeschmack wird von der Großmutter mit Geringschätzung bedacht. Auch Sissi kommt in ihrer Meinung nicht gut weg, hat auf der einen Seite zu viele Gene ihrer brasilianischen Mutter, auf der anderen Seite zu viele Gene ihres Vaters abbekommen. Also Zeit ihres Lebens wird Sissi eingeredet, dass sie nicht das ist, was erwartet wird. In der Schulzeit lernt sie dann Regina kennen und sie wird ihre beste Freundin, in den letzten Jahren wurde der Kontakt dann weniger. Aber so wundert es denn nicht, dass Sissi eine leicht zu führende Persönlichkeit ist, recht unbestimmt, froh über gute Worte für sie. Ob das in ihrem Beruf auch so ist, bekommt man leider nicht mit , ich hoffe aber – für die „Patienten“ – dass sie hier mehr Ehrgeiz und Verantwortung an den Tag legt als privat.

Dass mit Stefan etwas nicht stimmt, bekommt man relativ schnell mit, doch Liebe macht ja bekanntlich blind, so dass sich Sissi diese Merkwürdigkeiten alle schön redet. Allerdings auch noch, nachdem sie doch einiges auf Procida über den Verbleib ihrer Freundin herausgefunden hat und das ist dann irgendwie nicht mehr stimmig. Bis zu ihrer Reise nach Procida ist das ganze auch eher kein Kriminalfall, nur ein paar Merkwürdigkeiten sammeln sich. Auf der Insel angekommen, muss sie nur wenige Fragen stellen, denn die ganze Insel weiß schon, warum sie da ist. Der Besuch auf Procida ist ein wenig wie ein Urlaub mit ein paar gezielt gestellten Fragen, aber auch sehr mitteilungsbedürftigen Inselbewohnern. Und spätestens hier, auf Procida, müsste Sissi nicht nur stutzig werden, sondern agieren, etwas unternehmen, in Aktion treten. Aber nichts. Sie bleibt in ihrer Welt, dreht sich alles, wie sie es braucht und ist dann vom Ende zwar nicht überrascht, aber läuft eben trotzdem mit offenen Augen darauf zu.

Trotz dieser fehlenden Entwicklung der Hauptfigur, habe ich den Krimi gern gelesen. Es geht viel darum, wie man andere Menschen wahrnimmt. Wie Menschen tatsächlich sind und wie anders sie sich dann ihrer Umwelt präsentieren. So mag man über die kein Blatt vor den Mund nehmenden Großmutter von Sissi schimpfen, aber tatsächlich hat man doch lieber einen ehrlichen Menschen um sich, als jemanden, der einen ein Leben lang angelogen hat und eigentlich ganz anders ist. Denn es stellt sich die Frage, warum dieser Mensch sich verstellen muss bzw. verstellen wollte und oft sind das niedere Gründe. Ein Thema, worüber ich mir schon ein paar Gedanken bei der Lektüre gemacht habe und man kommt dann doch zu einer erschreckenden Frage: wann kennt man einen Menschen eigentlich wirklich?

Fazit:
Der Krimi konnte bei mir zwar nicht in allen Bereichen punkten, aber mit vielen eben doch, so dass der Krimi eine durchaus spannende Lektüre war. Lilian Faschinger sollte man auf jeden Fall im Auge behalten.