Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Die Fünfziger: Bluescreen – Dan Wells


Dan Wells – Bluescreen
Verlag: Piper
Übersetzer: Jürgen Langowski
364 Seiten
ISBN: 978-3492280211

 

 

 

 

Die meisten kennen Dan Wells bestimmt von seinen Krimis aus Täter-Perspektive. Ich nicht, aber natürlich ist er mir trotzdem ein Begriff. Das vorliegende Buch ist nun ein Zukunftsroman, Science Fiction. Und der Klappentext verrät nun gar nicht, dass es ein Jugendbuch ist und somit war ich doch ein wenig erstaunt.

Wir befinden uns im Jahre 2050 und Los Angeles hat sich zur Größe eines Bundesstaates ausgedehnt. Arbeit gibt es kaum noch, alles wird von Nulis erledigt, kleine Roboter bzw. Drohnen, die quasi überall zum Einsatz kommen. Das Smartphone wurde ersetzt durch die Djinnis, mit denen man alle Infos mit Gedanken, Blinzeln, Zwinkern oder ähnlichem abrufen kann, aber auch direkt im Netz arbeiten kann oder in die Spielewelt kommt. So wie Marisa, ein 17jähriges Mädchen aus Mirador, einem Stadtteil von LA. Sie befindet sich auf dem Weg zur Berühmtheit, gemeinsam mit 4 ihrer Freundinnen, zwei aus LA, eine aus Indien und eine aus China. Denn ihr Team spielt gemeinsam in Overworld, einem Adventuregame.

Als dann die Droge Bluescreen, aufgeladen auf einen Stick, erscheint, die einen kurz in ungeahnte Höhen schickt und dann für 10 Minuten ausknockt, ist Marisa skeptisch. Vor allem als ihre Freundin Anja diese nimmt und nicht 10 Minuten bewusstlos ist, sondern anfängt, ferngesteuert herumzulaufen und ihren Vater anzugreifen. Marisa und ihre Freunde beginnen nachzuforschen und entdecken eine weit größere Verschwörung als „nur“ eine neue Droge.

Ich so froh – ich hab einen Jugendthriller gelesen, fast schon einen Dystopie und es gab überhaupt keine Dreiecksbeziehung. Ja, ja, ich weiß, ich bin da pingelig, aber ist doch wahr, dass die meisten dieser Bücher immer eine Dreiecksbeziehung haben – warum auch immer. Mich nervt das. Und ich bin Mr. Wells unheimlich dankbar, dass er sich das gespart hat. Merci!

So gut wie keines der Mädels geht zur Schule – wer den Stoff nicht lernt, hackt eben die Prüfungsergebnisse. Die drei Mädels aus LA – Marisa, Sahara und Anja – sind nämlich mit Djinni und Co. aufgewachsen und nicht nur ziemlich pfiffig, sondern pfeifen auch auf irgendwelche Regeln… oder Firewalls. Zwar schon immer mit einer gesunden Portion Zurückhaltung, aber gehackt wird trotzdem. Auch hier lobend zu erwähnen, dass wir von Hackerinnen sprechen. Very nice. Nichtsdestotrotz sind die Mädels halt doch immer noch Mädels und sorgen sich hin und wieder auch um Kleidung und Jungs.

Die Nachforschungen, die Marisa und Co. anstellen, bleiben natürlich nicht unbemerkt und die Mädchen bringen sich selbst in Gefahr. Und auch wenn der Autor hier Gangs und Kanonen aus dem Portfolio holt, ist das Ganze doch einen Gang zurückgeschaltet. Damit meine ich, dass der Autor hier wesentlich mehr hätte auffahren können, doch dann hätten die Mädchen vermutlich aufgeben müssen. Das nimmt der Geschichte aber nicht die Spannung, sondern ergänzt sich und bietet trotzdem viele Wendungen und Überraschungen.  Für mich war das ein gelungener Zeitvertreib am Sonntagnachmittag!

Fazit:
Spannung und Action im LA der 50er Jahre, der 2050er: Mit taffen, jungen Hackerinnen, die einer neuen Droge den Garaus machen wollen und dabei in ein Wespennest stoßen. Sehr positiv zu erwähnen: es gibt keine Dreiecksbeziehung. 😉


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A bis Z: Orphan X – Gregg Hurwitz


Gregg Hurwitz – Orphan X
Verlag: HarperCollins
Übersetzer: Mirga Nekvedavicius
464 Seiten
ISBN: 978-3959671026

 

 

 

 

Orphan X wurde als Waisenkind von der Regierung heimlich als Auftragsmörder ausgebildet. Sein Ausbilder Jack fügt den zu lernenden Regeln aber einige hinzu und so kommt es das Orphan X sich eines Tages von der Regierung abwendet und private Aufträge annimmt. Er hilft Menschen, die in Situationen geraten, aus denen sie sich nicht mehr selbst befreien können. Sein mittlerweile wichtigstes Gebot hierbei ist das Zehnte: Lasse niemals einen Unschuldigen sterben.

Orphan X nennt sich nun Evan Smoak, lebt abgeschottet und einzig auf Sicherheit bedacht in einem Apartmenthaus und sein nächster Auftrag kommt von einem Mädchen, dass von einem korrupten Cop bedrängt wird. Überraschenderweise ist dieser Auftrag, der auf dem Klappentext erwähnt wird, ziemlich schnell abgehandelt und man fragt sich kurz: was nun? Doch schon kurz darauf erhält er einen Anruf, einen nächsten Auftrag. Viel zu früh in Evans ausgeklügeltem System und Evan ist zu Recht misstrauisch.

Leider gibt es dann einen Abschnitt, der ein wenig zäh ist. Evan taucht in seine Vergangenheit ab und in Rückblenden erlebt man Teile seiner Ausbildung, während im Hier und Jetzt Zweifel durch seine Gedanken streunen. Doch zum Glück kommt er nicht lange dazu, denn die Ereignisse überschlagen sich und er muss alles tun, um seine Auftraggeberin Kathrin zu schützen. Durch sein auf Sicherheit bedachtes System gelingt es ihm immer wieder Pausen für sich und Kathrin herauszuschlagen, doch die Gegenseite ist nicht nur genauso gewitzt, sondern fast schon einen Ticken besser und es wird schwieriger und schwieriger. Und vor allem wird es immer schwieriger für Evan herauszufinden, wem er trauen kann.

Ich wollte mal wieder einen Thriller lesen und ja, ich fand ihn gut. Richtig passend. Es gab eben mal kurz diese Länge als der erste Auftrag erledigt ist, doch auch die Rückblenden haben ihren Sinn, wenn sich dieser natürlich auch erst später ergibt. Das Orphan Programm bietet neben X noch viele weitere Buchstaben und so ist auch klar, dass das Buch der erste Teil einer Reihe ist, auch wenn man nach und nach merkt, welche Schnüre im Hintergrund gezogen werden.

Natürlich ist Evan aka Orphan X bestens in allem ausgebildet, einzig mit alltäglichen Dingen hat er seine Schwierigkeiten, sei es die Eigentümerversammlung im Apartmenthaus oder Small Talk im Aufzug. Auch der kleine Nachbarsjunge mit seiner hektischen, alleinerziehenden Mutter bringt ihn immer wieder in – für ihn – ungewöhnliche Situationen. Hier beschert das Buch sogar einige Situationen, die zum Schmunzeln anregen. Natürlich ist der „Orphan“ ein kleiner Kampfroboter und es gibt sehr viel Action in diesem Buch, plus Verletzungen, die ihn aber natürlich nur unwesentlich beeinträchtigen. Nichtsdestotrotz hat er sehr viele Zweifel und da er sich von seinem ehemaligen Arbeitgeber losgesagt hat, steht er allein da. Keiner kann ihm Rat bieten und selbst wenn, würde Evan ihm wohl nicht vertrauen. Ob wohl einer kleiner Junge es schafft, diesen Wall zu durchdringen?

Fazit:
So wie man einen Thriller mag: Viel Action und Spannung, geheime Verwicklungen im Hintergrund, ein paar Kleinigkeiten zum Schmunnzeln und einen Helden, den so schnell nichts umhaut. So soll es sein!


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Verwirrspiel: Dunkelheit, nimm meine Hand – Dennis Lehane


Dennis Lehane – Dunkelheit, nimm meine Hand
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Peter Torberg
510 Seiten
ISBN: 978-3257300437

 

 

 

 

Es gibt einen freudschen Stolperer, den ich schon beim ersten Teil der Reihe „Ein letzter Drink“, gemacht habe und wie eine liebenswürdige Angewohnheit beibehalten habe. Für mich werden die Protagonisten wohl weiterhin McKenzie und Gennaro heißen, auch wenn der Autor das „Mc“ nicht eingebaut hat und der männliche Teil des Privatdetektivduos einfach nur Patrick Kenzie heißt. Ich finde, es passt so gut. Aber lassen wir das mal beiseite, denn ich denke, es wird ein allgemeiner Konsens herrschen, wenn ich hier behaupte, dass die Neuveröffentlichung der Reihe im Diogenes-Verlag wirklich gelungen ist und zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. Einzig die Frage, warum das Rückcover nun denn weiß ist und nicht wie der Rest des Buches in schwarz gehalten, bleibt für mich ungeklärt.

Kenzie und Gennaro werden von der Psychologin Diandra Warren um Hilfe gebeten. Jemand bedroht das Leben ihres Sohnes und sie vermutet, dass die Mafia dahinter steckt, da sie einer Patientin geholfen hat, die mit einem Mafioso liiert war. Die Privatdetektive finden schnell heraus, dass die Mafia doch nicht dahinter steckt, doch in Ermanglung anderer Alternativen beginnen sie mit der Überwachung des Sohnes, der ein gleichzeitig langweiliges und doch illustres Leben führt. Als sich die Hinweise verdichten, dass Diandras Sohn nicht der einzige ist, der bedroht wurde und zudem die vorigen Opfer alle sterben mussten, führen alle Spuren zu einem Mann. Doch dieser sitzt seit Jahren hinter Gittern. Wer ist also für die aktuellen Vorkommnisse verantwortlich? Um das herauszufinden, müssen Kenzie und Gennaro diesmal tief in der eigenen Vergangenheit wühlen.

Ich sage es mal ganz schnörkellos: Dennis Lehane ist ein Meister seines Faches. Da mag man den einen Krimi mal mehr, den anderen mal etwas weniger, aber es ist immer eine Freude, einen Krimi von Lehane zu lesen. Er hat dieses gewisse Etwas, gar nicht so literarisch, aber einfach mitreißend zu schreiben und gleichzeitig Charakterzeichnungen und Lebensgeschichten nebenher und nach und nach aufzubauen, so dass man sich am Ende des Buches nur ungern von seinen neuen Freunden trennt.

Und das gelingt ihm nicht nur bei den Hauptrollen, sondern bis in die Nebenrollen sind seine Charaktere grundsätzlich interessant, auch wenn sie noch so langweilig sind. Die Charakterzeichnung ist eben eindringlich und lebendig. Man mag das Buch gar nicht zuklappen – oder eben direkt zum nächsten greifen, um weiter mit Kenzie und Gennaro Fälle zu lösen. Das Ermittlerpärchen wächst einem ans Herz und der Autor lässt einen oft genug bangen, ob das Team Bestand hat. Privat sind die beiden schon seit Kindertagen verwickelt und dennoch kein Paar, doch irgendwie knistert es immer mal wieder zwischen ihnen. Vor allem, da Gennaro sich nun endlich von ihrem prügelnden Mann getrennt hat, aber wie es eben so menschlich ist, ist auch diese Sache noch nicht ausdiskutiert und es knistert weiter gewaltig, wenn auch keinesfalls so sehr, dass der Fall verdrängt werden würde.

Das Spektrum der Handlung ist diesmal weit gefasst. Beginnend mit nervenzerreißenden Gesprächen mit der Mafia folgt eine Phase recht langweiliger Observierung des jungen Warren bis dann nach und nach die anderen Mordfälle auftauchen und der Handlung neuen Schwung verleihen. Leider sind Kenzie und Gennaro irgendwann zur Passivität gezwungen und auch wenn viele Ereignisse das Geschehen auflockern, zeigt es doch ein paar wenige Längen bis dann ein fulminantes Finale erfolgt. Es ist ein Verwirrspiel, dass der Serientäter mit den Protagonisten treibt. Doch auch wenn es ein Auf und Ab in der Ermittlung gibt, bleibt das Buch spannend, so weiß Lehane doch gut mit anderen Dingen aufzufüllen. Er kann es eben. Ein Meister seines Genres, dessen Serie nun in neuem Gewand aufgelegt wird. Sehr gut. Bitte mehr davon!

Fazit:
Auch im zweiten Fall bieten Kenzie und Gennaro grandiose Unterhaltung und eine spannende Ermittlung. Der nächste Teil darf gerne schnell nachgelegt werden!


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Spinnennetz: Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechthild Borrmann

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Mechthild Borrmann – Die andere Hälfte der Hoffnung
Verlag: Droemer
310 Seiten
ISBN: 978-3426304839

 

 

 

 

Es gibt Bücher, die liest man so weg und hat sie auch schnell wieder vergessen. Und es gibt Bücher, die liest man so weg und doch bleiben sie hängen, gehen einem nicht aus dem Kopf und stimmen einen nachdenklich. Es gibt auch Krimis, die so sind. Nicht übermäßig viele. Und manchmal muss man diese im Mainstream-Sumpf ausgraben, aber es gibt sie. Und so ein versunkener Schatz ist Mechthild Borrmanns „Die andere Hälfte der Hoffnung“.

Als Bauer Lessmann eines Tages ein halbnacktes, junges Mädchen vor seiner Türe findet, nimmt er sie kurzerhand bei sich auf und beschützt sie vor ihren Verfolgern. Tanja, wie sie sich nennt, ist auf der Flucht vor Menschenhändlern, die sie zur Prostitution zwingen. Sie konnte fliehen, doch ihre Freundin leider nicht. Bauer Lessmann begibt sich auf die Suche, doch er kann nicht ahnen, dass nicht nur diese Suche, sondern auch sein Gast selbst sein Leben grundlegend verändern wird.
Zur gleichen Zeit untersucht Leutnant Leonid Kyjan in einer extra entstandenen Sondergruppe das Verschwinden von Studentinnen, die sich für ein Auslandssemester interessiert haben. Kyjan trifft auch auf Walentyna Schtschukina, deren Tochter zum Arbeiten nach Deutschland gefahren ist, und seitdem nichts mehr von sich hören lässt. Als er in der ukrainischen Polizei an seine Grenzen stößt, macht er sich auf nach Deutschland.

Zugegeben, wenn man den Anfang der Geschichte so liest, ist die grobe Richtung der Kriminalhandlung deutlich abzusehen. Das muss aber nun gar nichts heißen, dann Frau Borrmann kann mit anderen Dingen punkten. Zum Beispiel mit ihrer Sprache. Unaufgeregt und pragmatisch, aber mit Sprachbildern belegt und unglaublich eindringlich. So bekommen vor allem die Erinnerungen Walentynas eine tiefe Bedeutung, die das Buch zu etwas besonderem machen.

Die drei Erzählstränge wechseln sich ab. Man folgt Bauer Lessmann , wie er Tanjas verschleppte Freundin sucht, Leonid, der in der ukrainischen Polizei an Schranken abprallt und sich nach Deutschland aufmacht und Walentyna, die, während sie auf ihre Tochter wartet, ihre Lebensgeschichte aufschreibt. Und meiner bescheidenen Meinung nach, ist die Kriminalhandlung nur der Rahmen um Walentynas Geschichte zu präsentieren. Walentyna erzählt von ihrem Leben, wie es war, in der Ukraine aufzuwachsen, in einem kommunistischen Land. Wie die Vergangenheit ihrer Eltern ihr im Weg steht. Wie sie einen Mann kennen lernt und glücklich wird. In Prypjat haben beide eine Arbeit, sie haben eine Wohnung und ein Auto. Wie das Unglück geschah, wie ahnungslos sie und die anderen waren. Wie die Katastrophe ihr Leben veränderte. Das alles schreibt Walentyna auf, in einem Tagebuch, welches sie für ihre Tochter Kateryna, auf deren Rückkehr sie wartet, zusammen trägt. Sogar in die Entfremdungszone ist sie zurück gekehrt, dorthin wo keiner lebt und doch einige sich wiederfinden. Ein einsamer Ort, ein gefährlicher Ort, doch Walentyna ist alt und einzig die Rückkehr ihrer Tochter macht ihr Sorgen. Melancholisch schreibt sie ihre Erinnerungen nieder, sinnt auch zwischen den Niederschriften darüber nach, denn nicht jedes Stück ihres Lebens fällt ihr leicht niederzuschreiben.

Nun habe ich Walentynas Geschichte in höchsten Tönen gelobt, doch so ganz kann ich die Krimihandlung auch nicht sein lassen. Keine Frage, auch wenn sie keine großen Überraschungen bereit hält, war sie spannend und hat zumindest eine Kleinigkeit, wenn auch recht bedeutsam, vor mir bis zum Schluss verborgen. Eine Kleinigkeit, die diese eh schon gesplitterte Glasscheibe vollends in sich zusammen stürzen ließ. Ein trauriges Ende, ein Ende, über das man noch lange nachdenken kann und wird. Vor allem über Walentynas Geschichte.

Fazit:
Ein Krimi, fein gesponnen wie ein Netz, um Walentynas Geschichte gekonnt zu präsentieren. Spannend, aber vor allem interessant und nachdenklich. Sehr zu empfehlen.


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Gut oder Böse: Bitter Wash Road – Garry Disher

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Garry Disher – Bitter Wash Road
Verlag: Unionsverlag
Übersetzer: Peter Torberg
352 Seiten
ISBN: 978-3293309180

 

 

 

 

Als Verräter und Kollegenschwein abgestempelt landet Constable Paul Hirschhausen, den alle nur Hirsch nennen, in der Polizeistation von Tiverton, im australischen Outback. Ein Ort, an dem man schon vorbei gefahren ist, wenn man zum falschen Zeitpunkt blinzelt. Eigentlich ein ruhiger Job, ab und zu kleine Diebstähle, Streitigkeiten unter Nachbarn oder Alkohol am Steuer. Doch da sind ja noch die Polizisten aus dem übergeordneten Revier aus Redruth. Diese piesacken Hirsch bei jeder Gelegenheit und sind bei der Bevölkerung in und um Tiverton auch nicht sonderlich gern gesehen. Dementsprechend misstrauisch sind auch alle gegenüber Hirsch. Als dann eine junge Frau überfahren am Straßenrand gefunden wird, werden die Leute Hirsch gegenüber noch komischer. Die Tragöde wird herunter gespielt, vertuscht und Hirsch fast schon von den Ermittlungen fern gehalten. Hirsch lässt sich aber nicht abhalten, auch nicht, als ihn sein vorheriger Job einholt und er wieder aussagen muss, über seine früheren koruppten Kollegen.

Ich mag das gar nicht. Ich hab da ein ständiges Grummeln im Magen und rege mich tierisch auf. Wegen der Ungerechtigkeit. An korrupte Polizisten in Krimis hat man sich ja irgendwie gewöhnt, aber wenn dann einer, der nicht korrupt ist und sogar versucht hat, gegen die korrupten Bullen vorzugehen und nachdem diese aufgeflogen sind, hat er gegen sie ausgesagt, getreten wird, weil er eh schon am Boden liegt… Grrr! Ein Zweifel bleibt und viele fragen sich, ob er nicht doch auch korrupt ist, den Stempel, den er aber auf jeden Fall abbekommt, ist der des Verräters, ein Cop der andere Cops verrät, ein Nestbeschmutzer. Diese Ungerechtigkeit – das treibt mich zur Weißglut. Müsste man doch denken, dass Cops froh sind, wenn korrupte Elemente aus ihrer Truppe entfernt werden, nein, anstatt dessen verachten sie denjenigen, der die Korruptionsaufdeckung unterstützt.  Ich habe das Buch also mit sehr vielen Emotionen gelesen. Wobei ich zugeben muss, dass Hirsch nie explizit sagt, dass er unschuldig ist bzw. nicht korrupt ist. Auch nicht, wenn er ein misstrauisches Flackern in den Augen seiner Eltern sieht. Irgendwie bewunderungswürdig. Er weiß ja, dass er unschuldig ist und wenn man ihm nicht vertraut, ist das nicht sein Problem. Vielleicht würde er sogar schuldig (oder in dem Fall noch schuldiger) aussehen, wenn er sich ständig rechtfertigen würde.

Aber so ist er eben nicht. Hirsch ist kein Mann vieler Worte. Aber ein Mann, der viel sieht, richtige Schlüsse zieht und sich nicht von seinen Aktionen abbringen lässt. Auch nicht, wenn dies mit aller Macht versucht wird. Tapfer harrt er aus, ganz allein, von den anderen Polizisten veralbert, gehasst und mit Tricks reingelegt, von den Bewohnern skeptisch beäugt und ja nicht mit zu viel Aufmerksamkeit bedacht. Ein Verräter, dem es nicht besser gebührt.

Eine ungemütliche Atmosphäre, die in dem staubigen und trockenen Ort vorherrscht. Öde und schweigsam, mit Geheimnissen und Ängsten ausgestattet.  Eine von Männern dominierte Gesellschaft und – wie sollte es auch anders sein – sind die Übeltäter auch hier zu finden. Die Frauen spielen die unterordneten Rollen und eignen sich bestenfalls zum Opfer. Mit einer einzigen Ausnahme. Eine Frau ist mutig genug, aufzubegehren. Sie ist die einzige, die das zweite Opfer anders darstellt als die sonstigen – männlichen Zeugen, Verwandten und sonstige Befragte. Die einzige, welche die Herrschaft der Polizei anzweifelt und dagegen einschreitet, eine Protestkundgebung vorbereitet und sich nicht klein kriegen lässt. Nach anfänglichem Misstrauen ist sie auch Hirsch gegenüber aufgeschlossener, er als Außenstehender ist anders und hat ja auch mit den hiesigen Kollegen zu kämpfen. Hier liegt einiges im Argen – aber sind die Polizisten auch an den Morden der beiden Frauen beteiligt? Für Hirsch wird die Ermittlung lebensgefährlich, aber nichtsdestotrotz durchgezogen. Dass Hirsch sich nicht einschüchtern lässt, hätten die Kerle ja eigentlich schon vorher wissen müssen.

Fazit:
Ein Ausgestoßener in einer misstrauischen Einöde, der den Fall bis an die Knochen abnagt. Wenn auch der Kriminalfall an sich nichts Neues bringt, so wurde er doch stimmungsvoll und überzeugend, aber vor allem auch literarisch ausgezeichnet umgesetzt.


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Bedrohlich: Amnesia – Jutta Maria Herrmann


Jutta Maria Herrmann – Amnesia
Verlag: Droemer
297 Seiten
ISBN: 978-3426519974

 

 

 

 

 

Helen erhält eine erschreckende Diagnose: Krebs, Endstadium, nicht heilbar. Sie kämpft mit schweren Angstzuständen und ihre Medikamente verursachen Erinnerungslücken und Blackouts. Ihre Beziehung hat sich an der Diagnose aufgerieben und so macht sie sich auf in ihr Heimatdorf, um ihre Mutter und Schwester zu besuchen. Warum weiß sie selbst nicht so genau, schon lange war sie nicht mehr zu Hause, in dem kleinen Dorf, zieht ihre neue Heimat Berlin deutlich vor.
Als sie im Dorf ankommt gibt es zuerst auch keine Überraschung: ihre Mutter sieht sie als Belästigung, ihre Schwester Kristin begrüßt sie herzlich. Doch Kristin hat mittlerweile Leon geheiratet und mit Leon verbindet Helen eine schlechte Erinnerung. Schon bald vermutet Helen, dass Leon Kristin schlägt – und keine zwei Tage später wird Leon tot aufgefunden.  Hat etwa Helen Leon getötet und kann sich daran nicht mehr erinnern?

Es gibt eine Sache, die Jutta Maria Herrmann in ihren Thrillern wunderbarerweise immer gelingt: eine bedrohliche, unheimliche Atmosphäre zu schaffen. Das gelang ihr in „Hotline“ und „Schuld bist Du“, die beide in der Großstadt spielen, aber eben auch in „Amnesia“, in einem kleinen, verschlafenen Dorf. Und dazu benötigt die Autorin auch ganz wenig: ein paar wenige Charaktere, ein Geheimnis aus der Vergangenheit, unausgesprochene Konflikte. Eine stetige Grundspannung mit leichten Spitzen, bei der man oft gar nicht so genau sagen kann, warum es jetzt eigentlich bedrohlich ist, warum einem dieses oder jenes komisch vorkommt. Die Autorin spielt mit den Erwartungen der Leser und benutzt dabei einfache, aber sehr wirkungsvolle Mittel.

Eine ungewöhnliche Protagonistin hat sich Frau Herrmann hier ausgesucht. Todkrank, mit starken Medikamenten betäubt, bis hin zu Blackouts. Und doch irgendwie geschickt gemacht, nicht? Denn Helens Gedächtnislücken sorgen für eine beständige Ungewissheit – bei Helen und beim Leser. Was hat sie in der Zeit gemacht? Hat sie tatsächlich jemand getötet? Dabei gelingt es der Autorin die ständig über Helen schwebende Krankheit zwar präsent zu halten und überzeugend einzubauen, aber nicht die Handlung zu erdrücken. Die Gedächtnislücken sorgen für den zusätzlichen Spannungskick und verstärken die unheimliche Atmosphäre.

Nichtsdestotrotz ist Helen nun kein Charakter, der mir sonderlich sympathisch war. Im Übrigen genauso wenig wie ihre Mutter, die den schwersten Fehler einer Mutter begeht und ein Kind bevorzugt. Oder ihre Schwester, die zwar aufgeregt plappernd daher kommt, allerdings mit einem Tick zu viel, so dass es aufgesetzt wird. Leon ist ja nun sowieso der Buhmann und einzig der Freund aus Kindertagen scheint sympathisch – kommt aber natürlich streckenweise auch als Täter in Frage. So wie eigentlich jeder in der Geschichte. Mit jeder neuen Wendung überlegt man erneut, wer wohl der Täter sein könnte und ist sich dann ganz sicher – bis zur nächsten Wendung. Tatsächlich bleibt das Ende vage offen, wenn auch der Thriller natürlich abgeschlossen ist, so wie die anderen Bücher der Autorin.

Fazit:
So wie ich mir einen Thriller vorstelle: in einer leise bedrohlichen Atmosphäre spielt die Autorin mit den Ängsten ihrer schwer gebeutelten Protagonistin. Ein Thriller, den man an einem Nachmittag wegsaugt und mit einem leichten Frösteln zuschlägt. Sehr gut gelungen!

 

 


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Mensch und Maschine: Er, Sie und Es – Marge Piercy


Marge Piercy – Er, Sie und Es
Verlag: Argument
Übersetzerin: Heidi Zerning
552 Seiten
ISBN: 978-3867544030

 

 

 

Manchmal, ja manchmal verstehe ich selbst nicht, warum manche Bücher länger im Regal stehen bleiben und warum ich manche sofort lese. Ich habe hier auch noch kein Muster erkannt, denn selbst neue Teile von Serien lese ich nicht unbedingt sofort. Aber sei es drum, denn worauf ich hinaus will: ich kann nicht erklären, warum ich dieses Buch so lange nicht lesen wollte, aber es hat mich eine ganze Weile abgeschreckt. Wegen seiner Dicke oder weil es kein Krimi ist? Wer weiß, aber letztendlich war das mal wieder völlig unnötig. Marge Piercys Zukunftsvision ist schon vor 20 Jahren erschienen und wurde nun vom Argument Verlag in einer korrigierten Neufassung herausgegeben.

Die Welt von 2059 bietet den Menschen drei Arten zu leben, wenn auch nicht frei wählbar: Als Mitarbeiter eines Multis (Multikonzern), in einer der wenigen freien Städte oder im Glop. Der Nahe Osten wurde im 14tägigen Krieg ausgelöscht, die Umwelt nahezu zerstört. Die Menschen leben zumeist unter Kuppeldächern oder mit Schutzhäuten um sich vor der Sonnenstrahlung zu schützen, echte Nahrung kann sich im Glop kaum einer leisten, doch zwei Multis produzieren leckere (!) Ersatznahrung aus Algen für die Armen. Politische Strukturen sind keine mehr zu finden, einzig die Ökopolizei scheint eine übergreifende Position zu haben – der Rest der Welt wird von den Multis allein durch ihre wirtschaftliche Macht kontrolliert.

Dieses Szenario legt die Autorin der Geschichte von Shira, Malkah und Yod unter, es nimmt nämlich keinen Fokus ein. Es ist immer präsent und die Autorin streut immer wieder neue Facetten ihres Blickes in die Zukunft ein, doch ganz nebenbei. Auch die jüdische Geschichte sowie der jüdische Glauben nehmen einen Großteil der Geschichte ein, doch dazu kehre ich später nochmal zurück.

Shira kündigt bei dem Multi Y-S als dieser, patriarchalisch geführt, das Sorgerecht für ihren Sohn Ari ihrem Exmann gibt. Sie kehrt zurück in ihre Heimat, die freie Stadt Tikva, und zu ihrer Großmutter Malkah, die sie aufgezogen hat. Sie bekommt einen Job bei Avram, einen ganz besonderen: die Sozialisierung eines Cyborgs, an dem Avram und Malkah heimlich gearbeitet haben, denn Roboter, die menschlich aussehen, sind verboten. Und dieser Cyborg heißt Yod.

Das Buch enthält zwei Erzählstränge: ein Strang wird aus Sicht Shiras erzählt, der andere enthält eine Geschichte, die Malkah Yod erzählt. Nachts, per Com. Die Geschichte um Rabbi Löw und den Golem von Prag. Golem und Cyborg – die Ähnlichkeit ist frappierend. Beide dem Aussehen nach Menschen doch der eine aus Lehm, der andere aus Schaltkreisen. So dreht sich alles um die Frage, ob ein Cyborg (oder ein Golem) eine Person ist und die gleichen Rechte hat. Denn nach und nach werden diese beiden sich ihrer Identität bewusst und fordern ihre Rechte: unabhängig leben, Liebe, Gehalt, Entscheidungen treffen. Von großen bis hin zu banalen Dingen. Doch wer entscheidet, ob ein Cyborg als Mensch behandelt werden kann? Oder ein Golem? Im späten Mittelalter entscheidet es Rabbi Löw, doch wie sieht es für Yod aus?

Zugegeben, auch wenn die Geschichte von Joseph, dem Golem, und Rabbi Löw Parallelen zieht und Denkanstöße gibt, habe ich diese Kapitel nicht so gerne gelesen – ich wollte in der Zukunft bleiben. Insgesamt war das Buch von einer leichten Spannung durchzogen, denn natürlich bleibt Yod nicht unentdeckt, dafür aber sehr begehrt. Doch das Buch unterscheidet sich deutlich von den meisten Dystopien, die ich bisher gelesen habe. Es fängt schon damit an, dass ich es keinesfalls eine Dystopie nennen würde, auch wenn die Welt sich zum Negativen verändert hat. Das Buch enthält eine positive Grundstimmung und ist durchsetzt mit der Frage, wie ein Mensch sich definiert und inwieweit eine Maschine ein Mensch sein kann, vor allem in Hinblick auf ein weiteres Detail dieser Zukunftsversion: den chirurgischen und kosmetischen Änderungen, denen sich die Menschen entweder aus gesundheitsbedingten oder gesellschaftlichen Gründen unterwerfen.

Tikva ist eine freie Stadt, eine jüdische Stadt. Die jüdische Religion, die Gebräuche und Festtage, Gebete und Gedenktage werden hoch gehalten und haben ihren Platz im Buch, präsenter als die Zukunftsvision. Das mag daran liegen, dass ein Großteil der Handlung in dieser abgeschlossenen Enklave spielt, die sich zu unserer heutigen Zeit noch relativ ähnlich zeigt. Israel mag zerstört sein, doch die Juden zeigen sich als die Überlebenskünstler, die sie immer waren und sein mussten. Jeder Multi hat andere Regeln und Gebräuche, gleich einer Religion, doch durchsetzt mit Macht. Politik, Wirtschaft und Religion ist hier unheilbringend vermischt. Doch Widerstand regt sich, nicht nur in Tikva.

Aber „Er, Sie und Es“ ist kein Thriller, es ist ein Denkanstoß, eingebettet zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Druck und Widerstand, zwischen Macht und Freiheit. Die Frage, die man sich stellen muss, ist, wann ein Mensch ein Mensch ist. Roboter und künstliche Intelligenz – wie weit sind wir bereit zu gehen? Werden wir – wir Menschen – wenn es soweit ist, Roboter und Cyborgs als unseresgleichen anerkennen? Ist es die Weiterentwicklung unserer Spezies? Die Zukunft?
Doch neben diesen elementaren Fragen, die man eine Weile nicht mehr los wird, findet sich eine grandiose Zukunftsvision, bei der ich es jetzt schon schade finde, nicht mehr zu erfahren – und vor allem nicht zu wissen, wie es weiter geht. Nein, nein, das Buch hat ein Ende, keine Sorge. Trotzdem steht die Welt am Anfang eines neuerlichen Wandels, wenn man das Buch zuklappt. Und auch wenn ich ein Verfechter der Einteiler / Standalones bin, finde ich es diesmal sehr schade, dass ich diese Vision nicht weiter kennenlernen darf.

Fazit:
Eine Zukunftsvision, die mich sehr begeistert hat, liefert die Basis für eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Menschsein. Ein überaus lesenswertes Buch!