Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


Hinterlasse einen Kommentar

Eingeschneit: Warten auf Poirot – Nora Miedler

1182x
Nora Miedler – Warten auf Poirot
Verlag: Argument
188 Seiten
ISBN: 978-3867541824

 

 

 

Die mittlerweile verstorbene Nora Miedler ist eher als Schauspielerin und Autorin von Liebesromanen bekannt, doch am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere hat sie zwei Krimis beim Argument Verlag veröffentlicht. Schon lange wollte ich gerne in einen von diesen reinschnuppern und das Spezial zu österreichischer Kriminalliteratur hat mir hier nun eine wunderbare Gelegenheit verschafft. Das dünne Büchlein – keine 200 Seiten – offenbart ein Kammerspiel in einer zugeschneiten Hütte in den österreichischen Bergen. 5 Freundinnen seit Kindertagen, Gelächter, Seitenhiebe, Geheimnisse – bis eine der Freundinnen tot ist.

Erzählt wird die Geschichte aus Charlies Sicht. Die lebt, einfach gesagt, in einer Traumwelt. Total verunsichert durch Panikattacken und das ständige Umsorgen und nicht Zutrauen der Eltern, träumt sie tagein, tagaus von Marc und einer Beziehung zu ihm. Marc ist der Bruder ihrer Schulfreundin Rita und schon seit Kindertagen himmelt sie ihn an. Jetzt, als Charlie 28 Jahre alt ist, ergibt sich eine kurze Affäre, gestoppt von Rita, die es ja nur gut meint mit Charlie. Und mit Rita, Ingrid, Marnie und Sonja fährt Charlie nach den Weihnachtsfeiertagen in die einsame Berghütte und wird dort eingeschneit.

„Die Idee, Rita zu töten, kam mir zum ersten Mal an Heiligabend.“ (S. 5, erster Satz)

Und schon ist Rita tot. Mit einem Messer wurde ihr die Kehle aufgeschlitzt, beim nächtlichen Flaschen drehen und einem kurzen Stromausfall geschuldet. Doch wer war es? Charlie, obwohl sie es nicht getan hat, fürchtet in einer unbewussten Situation es doch getan zu haben, aber sie war es nicht. Doch welche der drei anderen ist eine Mörderin? Ohne Handyempfang und eingeschneit gelingt es nicht, Hilfe zu holen und die 4 Frauen harren die Nacht aus, unter gegenseitigen Anschuldigungen, gewürzt mit Misstrauen gegen die früheren Blutsfreundinnen.

Das Setting ist klassisch und nicht ohne Grund verweist die Autorin auf Poirot, nicht nur im Titel sondern auch im Text, doch die Freundinnen müssen ohne Poirot auskommen. Das Buch hat nun schon zehn Jahre auf dem Buckel, doch das Setting ist alterslos. Hat es bei Agatha Christie funktioniert, erlebt es gerade eine Art Revival, denn wenn ich mich nicht täusche, habe ich einige Bücher mit dieser Konstellation in den aktuellen Neuerscheinungen gesehen. Besonders trickreich inszeniert, stirbt Rita quasi vor den Augen aller und doch kann man nicht sagen, welche der Frauen die Mörderin ist. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, in welchem die Nerven blank liegen und Geheimnisse und Offensichtlichkeiten auf den Tisch kommen, eine misstrauische Atmosphäre, bei der man sich ständig fragen muss: bleibt Rita die einzige Tote? Wer überlebt, wer stirbt – und wer ist die Mörderin. Grund genug hatten natürlich alle, nicht nur Charlie – und Charlie ist diejenige, der keiner es zutraut.

Ach, Charlie. Man erlebt die Geschichte ja aus ihrer Sicht und das ist nicht ganz einfach. Zwischen den immer wieder aufkommenden Fantasievorstellungen, dass ihr Leben perfekt wäre, sobald sie mit Marc glücklich verheiratet und mit Kindern versehen ist, ist sie so unsicher und selbstbezogen, dass es nicht nur ihren Freundinnen auf den Keks ging, sondern auch mir. Charlie ist anstrengend. Sie wartet auf den einen Traumprinzen und lässt ihr Leben ansonsten versauern, puh. Überhaupt sind die Freundinnen so verschieden wie Feuer und Eis. Ingrid, die patente Anwältin, die sich quasi aus der Gosse hochgearbeitet hat, die umsorgende Übermutter Sonja, die hübsche und beliebte Rita mit Society-Anschluss und die Alkoholikerin Marnie, die das Verschwinden ihres Vaters nie verkraftet hat. Eine Truppe, von der selbst Charlie kurz sinniert, ob sie sich nicht nur verbündet hatten, weil die anderen nichts mit ihnen zu tun haben wollten. Aber ist das nicht immer so? Nichtsdestotrotz verändern einen die Jahre und nicht jede Kinder-/Jugendfreundschaft hält für immer. Hoffen wir nur, dass die meisten nicht so enden wie in vorliegendem Krimi.

Fazit:
Das klassische Setting mit der von Misstrauen und Geheimnissen gefüllten Atmosphäre konnten mich voll überzeugen und über die Stellen mit Leichtigkeit hinweglesen lassen, in denen mir Protagonistin Charlie auf den Keks ging. Ein gelungener Erstling, dem ich bestimmt den zweiten (unabhängigen) Krimi der Autorin folgen lassen werde.


4 Kommentare

Gebeinjagd: Knochen kochen – Christian Mähr


Christian Mähr – Knochen kochen
Verlag: Deuticke
415 Seiten
ISBN: 978-3552062801

 

 

 

 

 

Gastwirt Matthäus Spielberger wird von seinem alten Schulfreund Seitenstetten dazu überredet, die Gebeine des Ferdinand-Erasmus von Seitenstetten, gestorben im 15. Jahrhundert, auszugraben. Dieser ist an der sogenannten englischen Schweißkrankheit gestorben, eine Seuche die damals viele dahingerafft hat, aber seitdem ausgestorben scheint und damit wert, wissenschaftlich untersucht und damit berühmt zu werden. Da die Gruft des Adligen aber auf dem Grundstück der „unbedeutenden“, aber verhassten Seitenlinie Wolfegg-Seitenstetten liegt, muss die Aktion illegal und des Nächtens über die Bühne gehen. Spielberger sagt zu, aber nur, wenn seine Stammtischfreunde Moosmann, Peratoner und Blum an dem Unternehmen teilnehmen dürfen. Gesagt, getan, doch dann, wird Seitenstetten in der Gruft, niedergeschlagen und die Gebeine geraubt.

Und von da an, wandern die Gebeine des adligen Verwandten des von Seitenstettens durch die Gegend, werden mal dem einen, mal dem anderen abgejagt. Eine wilde Jagd beginnt, zwar mitunter auch gemächlich, aber viele Parteien sind an den Knochen interessiert, mit dabei nicht nur Seitenstettens „Crew“, sondern auch ehrgeizige Liebhaber, missgünstige Assistenten, Diebe und Attentäter. Der ein oder andere stirbt, an Krankheit aber auch an Kugeln, es geht hoch her, wenn auch das mitunter sehr bedächtig.

Sehr klamaukig ist das Buch geschrieben, den Anfang machen schon die vier Stammtischfreunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber alle mindestens eine Verschrobenheit aufweisen können. Sei es der Spielberger, der Visionen träumt, der Blum, der Arien summt, der Peratoner, der klugscheißt, oder der Moosmann, der eigentlich schnitzen sollte, aber sich für den Meisterverbrecher hält. Jeden, wirklich jeden Charakter des Buches lernt man näher kennen, denn der Autor stellt diese alle außerordentlich langatmig, wenn auch nicht unkomisch vor. So lernt man auch den Bruder des Verlobten der Tochter von Spielberger genauer kennen – das hat zwar auch eine klitzekleine Kleinigkeit mit der Jagd nach den Gebeinen zu tun, erscheint mir dann aber doch einfach zu ausführlich. Man kann es auch übertreiben, mit der Detailliertheit.

Zudem war der Fokus nur sehr selten auf der Sicht der Stammtischrunde, die aber auf jeden Fall die Protagonisten waren, nein, alle dürfen mal aus ihrer Sicht erzählen, schwadronieren und lamentieren. Nichtsdestotrotz hatte diese ausufernde Schreibweise für mich irgendwie etwas typisch Österreichisches. Der Klang der Worte, die Ausführlichkeit, die Grammatik, aber auch die österreichischen wörtlichen Reden, mit denen einige Norddeutsche wohl ihre Probleme haben dürften, waren stimmig. Auch die immer wieder auftauchenden Unterschiede zwischen Wien und dem Vorarlberg waren gut eingearbeitet. Vom die Nase hochtragenden Wien mit seinen Einwohner zu den zu Unrecht als rückständig und langsam verschrienen Vorarlbergern.

Für mich war das Buch leider trotzdem sehr zäh, ich hätte mir mehr Sog, weniger Details im Buch gewünscht, denn tatsächlich war die Jagd nach den Gebeinen recht spannend. Zugegeben, es waren dann doch sehr viele Parteien mit den unterschiedlichsten Interessen, die hinter den Knochen hergejagt sind. Vor allem zum Ende hin, habe ich doch einige immer wieder verwechselt, was auch darauf zurückzuführen ist, dass der Autor zwei Charakteren mehr als einen Namen verpasst hat, aber die Jagd war spannend, nur eben zu langatmig.

Fazit:
Spannende, klamaukige Jagd nach Jahrhunderte alten Gebeinen, die leider mit zu vielen Mitspielern und Details doch recht langwierig wird.

 


2 Kommentare

Leichenraub: Die Schöne und der Tod – Bernhard Aichner


Bernhard Aichner – Die Schöne und der Tod
Verlag: btb
249 Seiten
ISBN: 978-3442713660

 

 

 

 

Max Broll ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und Totengräber geworden. In einem kleinen Dorf. Dafür hat er Wien, eine vielversprechende Karriere als Journalist und Emma sausen lassen. Jetzt muss er ein Loch graben, für das Model Marga, Emmas Schwester, die sich in den Tod gestürzt hat. Als Marga dann mit viel Brimborium beerdigt wurde, scheint fast wieder Ruhe eingekehrt zu sein, in dem kleinen Dorf. Doch dann findet Max heraus, dass die Leiche von Marga gestohlen wurde.

Max Broll ist ein Eigenbrötler, eher wortkarg, auch wenn er mit seinem besten Kumpel Barnoni, einem ehemaligen Top-Fußballer, der Maxens Nachbar ist, fast schon lange Gespräche führt. Keiner – weder Baroni, noch seine quasi Stiefmutter, schon gar nicht seine Ex – können verstehen, warum er Wien, den Job und seine Ex hat sausen lassen. Und so richtig erklärt er das auch keinem, wobei ich persönlich das schon nachvollziehen kann. Ein sehr gelungener Charakter, natürlich schön makaber mit dem Beruf des Totengräbers ausgestattet, aber eben auch diese stiere Dickköpfigkeit und Wortkargheit passen ganz wunderbar zu Max. Vorgeblich ist er zurück im Dorf, um seinen todkranken Vater zu umsorgen, aber zurück nach Wien ist er auch nicht. Das Gräber ausheben ist jetzt keine Berufung, aber sowas wie Familientradition und Max macht seine Arbeit ordentlich, auch wenn er gerne mit dem Pfarrer zusammenrasselt. Viel zu tun gibt es nun aber nicht, in dem kleinen Dorf, für einen Totengräber. Und dann kommt Marga.

Und dann verschwindet Marga wieder. Aus dem Grab. Und das kann Max nicht auf sich sitzen lassen. Die Ermittlungen, die Max und Baroni anstellen, werden zum Teil alkoholisiert geführt, zum Teil in fragwürdigen Etablissements, wie ein Elefant im Porzellanladen, aber abhalten lassen sich die beiden nicht, auch nicht von seiner Stiefmutter, der Kriminalkommissarin. Mitmischen tut dann auch Emma, Margas Schwester, zwei Verdächtige, ein paar Dorfbewohner und eine Sauna.

Man sieht schon – ein todernster Krimi ist hier nicht zu erwarten. Die Geschichte hat einen makabren Humor, eine Morbidität und Komik, die den Fall jetzt zwar nicht superspannend machen – stellenweise würde ich sogar sagen, dass es spannungsarm war – dafür aber eben mit einem teuflischen Kichern garnieren. Dabei ist er aber nicht unglaubwürdig, sondern durchaus logisch und gut komponiert. Der Fokus lag allerdings für mich eher auf den Charakteren – und auf Aichners unverwechselbarem Schreibstil.

Bisher habe ich nur „Totenfrau“ von Bernhard Aichner gelesen, doch der Schreibstil, bzw. der Autor bleibt sich treu. Er hat einen sehr reduzierten Schreibstil, knapp und kurz, manchmal fast schon nur Satzfetzen, keine ganzen Sätze mehr. Mit Nebensätzen hat der Autor es dann naturgemäß auch nicht so. Und doch passt es irgendwie, in den Krimi, zu Max.
Gewöhnungsbedürftig ist allerdings die direkte Rede. Er beginnt diese mit Bindestrichen und fügt keinerlei Zusatzworte hinzu, d. h. es gibt keine Angabe wer etwas sagt, oder was er dabei tut. Daraus ergibt sich ein schneller Lesefluss, der allerdings, bei längeren Dialogen dazu führt, dass man ein wenig den Überblick verliert. Zudem funktioniert das nur in Dialogen – Gespräche mit mehr als zwei Menschen sind so schier unmöglich und Aichner umgeht diese auch und erzählt dann lieber Gespräche mit mehr Personen nach. Der  Schreibstil funktioniert hier gut, passt zu den verschrobenen Charakteren und dem Dorfcharme. Zwar hab ich mich in ein oder zwei Dialogen verloren und musste nochmal ansetzen, doch insgesamt fügt der Stil sich ungemein gut in den Krimi.

Fazit:
Ein Krimi, der mit schrägem Figurenensemble und ungewöhnlichem Schreibstil punkten kann, der aber eher urkomisch denn spannend ist. Gute, morbide Unterhaltung für einen Regennachmittag.


7 Kommentare

Atmosphärisch: So dunkel der Wald – Michaela Kastel


Michaela Kastel – So dunkel der Wald
Verlag: Emons
304 Seiten
ISBN: 978-3740802936

 

 

 

 

 

Den Thriller von Michaela Kastel wollte ich schon lange lesen und so hat sich dieser zum Spezial zu östereichischer Kriminalliteratur quasi aufgedrängt. Auch wenn ich ja tendenziell nicht mehr so viele Thriller lese, denn oft können sie mich nicht mehr reizen. Nichtsdestotrotz habe ich damals, als der Thriller herauskam, sehr viele positive Rezensionen gelesen, mittlerweile wurde der neue Thriller der Autorin “Worüber wir schweigen” veröffentlicht. Und vermutlich war das ein wenig die Crux, diese vielen positiven Stimmen, die ich gehört habe, denn der Thriller von Michaela Kastel ist zwar ein richtig guter Thriller, aber irgendwie hatte ich nach dem Echo in der Bloggerwelt, etwas anderes erwartet.

Yannick, Ronja, Nika, Theo und Henna. Das sind die fünf Kinder, die mit Paps tief im Wald, tief in den Bergen, leben. Abgeschottet von der Zivilisation, unter strenger Hand, in ständiger Angst. Denn Paps ist nicht der Vater der Kinder, sondern ihr Entführer. Derweil Yannick und Ronja schon Jahre dort leben, und Nika schwer krank ist, sind die anderen zwei noch jünger und fallen ins “Beuteschema” von Paps, so dass ihr Abend einen zusätzlichen täglichen Schrecken bereit hält. Doch dann beschließt Ronja zu fliehen.

Die Atmosphäre des Buches ist durchgängig düster, nicht nur der Wald, die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit, sondern eben auch die Enge des Hauses, die kleinen Fenster, die alten, einengenden Möbel tragen dazu bei. Eine Atmosphäre, welche die Kinder zusätzlich schreckt und ängstigt, ist doch eine Flucht so gut wie unmöglich, eine Enge, die aber Paps zu gefallen scheint. Hier kann er herrschen, sein wie er will, “seine” Kinder brechen. Zum Brechen dient auch eine kleine Höhle, kaum mehr eine Felsspalte, in die Paps unliebsame Kinder schmeißt, aus der man aber nicht mehr alleine herauskommt und auf das Gutdünken von Paps angewiesen ist. Eine beklemmende Enge in den Bergen, angereichert mit einem gewalttätigen Pädophilen.

Ronjas Ausbruchsversuch war für mich der Höhepunkt des Thrillers, der dann allerding schon im ersten Drittel des Thrillers stattfindet. Danach ist der Thriller zwar immer noch interessant, aber nicht mehr so spannend. Zwar ist kontinuierlich die Situation auf dem Berg/im Wald nach Ronjas Ausbruchsversuch angespannt, doch die Spannung flaut ab und eigentlich ist es eher ein Psychogramm der Kinder, die jahrelang mit Paps auf dem Berg gelebt haben. Zwischen völlig zerstörten Psychen, der Bedrohung durch Paps und der Einsamkeit auf den Bergen ist Adrenalin vorhanden, aber nicht mehr auf hohem Level, lässt doch Ronjas Flucht die Spannung verpuffen. Es geht danach eher darum, wie zerstörte Kinderseelen agieren und reagieren.

Eingemischt sind zwei andere Handlungsstränge. Hier ist zum einen die Polizistin Sarah Wiesinger zu nennen, eine Frau, die selbst kein einfaches Päckchen zu tragen hat und der die Suche nach den verschwundenen Kindern zur Lebensaufgabe geworden ist. Auf der anderen Seite, bekommt man, etwas später im Thriller, Einblick in ein Tagebuch. Hierbei ist erst nicht klar, wer der Verfasser ist, so dass der Leser rätseln darf.

Tatsächlich wird das Buch ab dem Höhepunkt, der ja schon im ersten Drittel stattfindet, stellenweise etwas vorhersehbar. Nichtsdestotrotz bleibt die eindringliche, unheimliche Atmosphäre immer präsent und auch die unterschiedlichen Aktionen und Reaktionen der Kinder sind spannend zu verfolgen, allerdings habe ich mir von einem Thriller mehr erwartet, mehr Action, mehr Druck, mehr dringliches Umblättern der Seiten. Das hat mir ein wenig gefehlt. Irgendwann wusste ich grob, worauf die Geschichte hinauslaufen wird, da hatte die Autorin keine Überrraschung für mich, nichtsdestotrotz waren einige Schicksale am Ende doch noch anders als gedacht. Als Leser bin ich immer ganz glücklich, wenn es kein Happy End gibt, sondern eben “nur” ein realistisches Ende. Soweit möglich eben, und hier konnte die Autorin wieder bei mir punkten.

Fazit:
Ein Thriller, dessen Spannung nach dem ersten Höhepunkt abflacht, aber noch kontinuierlich Unterhaltung bietet und die Geschichte zu einem gelungenen Ende bringt. Überzeugen konnte mich aber vor allem das Setting und die Atmosphäre, geradezu hervorragend für einen Thriller gewählt. Ein sehr gutes Thrillerdebüt aus Österreich!


5 Kommentare

Nachfolger: Artemis – Andy Weir


Andy Weir – Artemis
Verlag: Heyne
Übersetzer: Jürgen Langowski
426 Seiten (inkl. Interview, abzüglich Leseprobe „Der Marsianer“)
ISBN: 978-3453271678

 

 

 

Andy Weir ist vielen durch „Der Marsianer“ bekannt , mir auch  und für alle, die es nicht wissen, hat es der Verlag mit aufs Cover gepackt – im übrigen gleich zweimal, einmal gedruckt und einmal geklebt. Nur falls es jemand noch nicht mitbekommen hat… das Buch nicht gelesen, oder den Film nicht gesehen, oder bisher hinter dem Mond (!) gelebt hat. ;-) Mit Artemis folgt nun der zweite Science Fiction Roman aus seiner Hand, diesmaliger Planetenprotagonist: der Mond.
Jazz (Jasmine) Bashara lebt in Artemis, der einzigen Stadt auf dem Mond. Mehrere verbundene Blasen bilden die Stadt; es gibt ärmere und reichere Kugeln, viele Touristen und eine Aluminiumhütte. Jazz versucht eine EVA-Lizenz zu bekommen, um Touristenführungen auf der Mondfläche anzubieten und viel Geld zu verdienen, doch sie saust durch die Prüfung und muss sich wohl wieder ganz auf ihre Einkommen durch Schmuggelei verlassen. Da bietet ihr Trond Landvik, ein ansässiger Milliardär, ein Engagement. 1 Millionen Motten, denen Jazz nicht widerstehen kann. Dafür muss sie allerdings die Aluminiumhütte sabotieren.

Der Mond in einer nahen Zukunft, in einer sehr nahen, denn es lassen sich kaum technologische Neuerungen ausmachen. Klar, die Stadt wurde auf dem Mond erbaut und man musste sich einiges einfallen lassen, um z. B. die niedrigere Schwerkraft auszugleichen, doch es fühlt sich an wie unsere heutige Zeit, nur eben auf dem Mond. Artemis gehört irgendwie zu Kenia, ist aber aufgebaut wie eine Freihandelszone. Keine Steuern, keine Gesetze, aber ein paar Regeln gibt es dann doch, zudem haben sich Gilden gebildet, Handwerkszünfte, die allerdings ein wenig an Banden erinnern und ihrer „gildenfreien“ Konkurrenz Steine in den Weg legen.

Jazz Bashara ist eine junge Frau in den Zwanzigern, die sich auf Artemis so durchschlägt. Mit ihrem Vater ist sie zerstritten, mit ihrem besten Freund auch. Dafür betreibt sie einen florierenden Schmuggelhandel, der Zigaretten, Feuerzeuge und ähnliches auf den Mond schafft – alles illegal, weil es brennbar ist und die Hülle zerstören könnte, was zwangsläufig alle tötet. Von ihrem ganzen Verhalten her ist Jazz sehr jung, ehrlich gesagt, hätte ich anfangs sogar vermutet, dass sie noch eine Teenagerin ist. Sie ist nicht dumm, liest sich einige Kenntnisse, welche sie für die Sabotage benötigt, an, trifft aber eben nicht immer die richtigen Entscheidungen. Sie hat das Herz am rechten Fleck, auch wenn jugendlicher Leichtsinn und Trotz dies oft nicht erkennen lassen.

„Doch schließlich schmiedete ich einen Plan. Und wie alle guten Pläne erforderte er die Mitwirkung eines verrückten Ukrainers.“ (S. 82)

Das Buch ließ sich wirklich super an einem Tag durchlesen, es ist spannend und gut geschrieben. Die Heldin, Jazz, war mir persönlich zu jung  und zudem konnte ich mit ihr nicht so mitfiebern bzw. mitleiden. Wenn ich Andy Weir mit sich selbst vergleichen möchte, muss ich sagen, dass sein Protagonist Mark Watney aus „Der Marsianer“ mich viel mehr gepackt hat. Nicht nur wegen der Dramaturgie der Geschichte, sondern auch wegen seiner ironischen Einstellung, seines Pragmatismuses und seinem unbedingten Lebenswillen. Aus Jazz könnte aber noch so eine Protagonistin werden… in ein paar Jahren, wenn sie älter und erwachsener ist.

Der Mond, der Mond. Artemis ist ausgeklügelt aufgebaut und funktioniert eigenständig und ohne Verbindung zur Erde, dafür gibt es zwar nicht so leckeres Essen, aber eben Unabhängigkeit. Der Sauerstoff wird von der Aluminiumhütte als Nebenprodukt geliefert und die Touristen bringen das Geld nach Artemis. Die niedrigere Schwerkraft bietet natürlich einige schnelle Möglichkeiten der Fortbewegung. Artemis kann ich mir schon gut und gerne im Hier und Jetzt vorstellen – warum gibt es noch keine Stadt auf dem Mond? Gefreut hätte ich mich über ein paar technologische Neuerungen, die der Autor einbaut. Im angefügten Interview sagt er aber, dass ihm die nahe Zukunft mehr liegt, als die ferne Zukunft. Da kann ich ihm nur zustimmen, doch die heutige technologische Wandlung ist so schnell, dass mitunter 10 Jahre schon bedeutende Unterschiede aufzeigen können.

Fazit:
Feel-good-Science-Fiction – ein locker-flockig zu lesendes Abenteuer auf dem Mond, mit der sympathischen, nicht perfekten und noch jungen Jazz Bashara und dem Mond als Schauplatz.


Ein Kommentar

Shorty | Vaterersatz: Spenser und das Finale im Herbst – Robert B. Parker


Robert B. Parker – Spenser und das Finale im Herbst
Verlag: Pendragon
Übersetzer: Malte Krutzsch
188 Seiten
ISBN: 978-3865324863

 

Worum geht es?
Patty Giacomin heuert Spenser an, um ihren Sohn Paul von ihrem Mann Mel zurückzuholen. Die Giacomins haben sich scheiden lassen, Patty hat das Sorgerecht, doch Mel hat Paul mitgenommen. Recht schnell findet Spenser Paul, bringt ihn zurück, doch sieht, dass weder Patty noch Mel sich auch nur irgendwie für Paul interessieren, es geht einzig darum, dem anderen eins auszuwischen. Spenser kann das nicht mit ansehen und nimmt Paul bei sich auf.

Einer wie der andere?
Irgendwie ja und irgendwie auch nicht. Spenser hat zwar sehr viel, was andere Privatdetektive auch haben, aber eigen ist er irgendwie schon. Moralisch handelt er richtig, doch natürlich ist er damit nach Gesetz und Recht ein Entführer. Ach ja, und in Erpressung übt er sich auch noch.
Aber Hawk und Susan sind wieder mit dabei. Also irgendwie doch ein typischer Spenser Krimi.

Opfer, Tat und Täter
Paul ist das Opfer, definitiv. Nicht von Spenser, sondern von seinen Eltern. Der Junge ist so phlegmatisch, der würde sogar mich zur Weißglut treiben, doch bei den Eltern kein Wunder. Hauptsache sie können sich am anderen rächen, Paul ist ihnen egal.

Themen
Spenser erzieht einen Jungen. Nimmt ihn mit raus an den See, in eine Hütte. Treibt ihn zum Sport an, gibt ihm was zu essen, baut mit ihm ein Haus. Und geht mit ihm ins Ballett. Zugegeben, diese Initiative kommt nicht von Spenser, doch er hört dem Jungen zu. Und der will eben ins Ballett. Er gibt ihm Struktur, Halt, ein Vorbild. Hach, dieser Spenser.

Was war gut?
Man mag jetzt denken, dieser Spenser ist eher langweilig, Erziehungsprogramm und so. Aber nein, natürlich weiß Spenser auch so, wie er zu seinem Vergnügen kommt. Harte Kerle verprügeln, harte Kerle bedrohen, schnüffeln und sich absichern. Privatdetektiv par excellence plus diesmal eben Vaterfigur.

Was war schlecht?
Nichts zu finden – wie immer ein klasse Spenser Krimi.

FAZIT:
Spenser kann eben nicht nur Privatdetektiv, sondern auch Vorbild und Vaterfigur. Aber keine Sorge, mächtig Action gibt es auch. Wie immer: pures Lesevergnügen!


2 Kommentare

12 Schritte: Trüb – Sarah Schulman


Sarah Schulman – Trüb
Verlag: Argument
Übersetzerin: Else Laudan
269 Seiten
ISBN: 978-3867542418

 

 

 

 

Maggie Terry ist Alkoholikerin und drogensüchtig. Maggie Terry ist jetzt über 18 Monate trocken. Ihren Job bei der Polizei hat sie natürlich verloren, gleiches gilt für ihre Lebenspartnerin Frances und ihre Tochter Alina. Wegen Frances hat sie überhaupt die Reha gemacht, gezwungen hat Frances sie und ist dann mit Alina zu einer Neuen gezogen. Das wurmt Maggie, sie vermisst Alina sehr. Doch ein Schritt nach dem anderen, denn immerhin hat sie Mike Fitzgerald. Und Rachel. Und Jamie Wagner. Mike gibt ihr nach der Reha einen Job, Rachel ist ihre Mentorin. Jamie Wagner ist ihr erster Fall als Privatermittlerin in Fitzgeralds Anwaltskanzlei.

„Jetzt konnte sie das erkennen. Sie war nur einfach unfähig, die Chance zur Veränderung zu ergreifen, unfähig, im Unrecht zu sein. Unfähig, nicht zu explodieren, nicht mit Vorwürfen zu antworten, sich nicht als Opfer von Missbrauch zu gerieren, weil ihre Liebste verlangte, dass sie zuverlässig war. Dass sie fair war. Sie hatte immer alles mit Feuer beantwortet. Und jetzt hatte sie Asche.“ (S. 107)

Puh, Maggie bei ihrem Neuanfang zu folgen, ist nicht ganz einfach. Der Fall um die erdrosselte Schauspielerin Jamie Wagner, ist nicht nur zuerst, sondern auch über weite Strecken eher eine Nebengeschichte. Klar, Maggies Gedanken drehen sich um Alkohol, um Drogen, um ihre Liebsten, die sie verloren hat, denen sie aber auch die Schuld gibt, oder zumindest eine Mitschuld, bitteschön! Sie kann sich kaum auf Kleinigkeiten konzentrieren, treibt von AA-Treffen ins Büro und wieder in ihr kleines Apartment. Es ist authentisch, ja, aber auch hin und wieder anstrengend. Gerade anfangs dachte ich, geht es denn mit dem Fall nie los? Maggie badet in einem Moment im Selbstmitleid, derweil sie im nächsten Einsicht zeigt. Alles garniert mit ihrem analytischen Blick. Denn auch wenn sie früher besoffen und zugedröhnt war, eine gute Polizistin war sie schon.

Die Ermittlungen zu Jamie Wagner übernimmt Maggie nicht alleine, sondern zusammen mit Craig, auch ein Privatermittler der Kanzlei und ein IT-Freak. Das muss sich nicht nur einrütteln, sondern Craig hat massive Vorurteile über Maggie. Da ist er nicht alleine, denn die Kollegen im Büro sind entweder offen ablehnend und misstrauisch oder herzlich und euphorisch. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die beiden Männer in Jamies Leben: ihren Exfreund, einen berühmten Schriftsteller, und ihren Vater, bei dem schon bald klar ist, dass seine Beziehung zu Jamie ein Missbrauchsverhältnis war. Aber auch eine windige Therapeutin steht auf dem Plan. Wie es der Zufall so will, unternimmt Maggie einige Befragungen alleine und stößt dabei nicht nur auf Jamies Dämonen, sondern auch auf ihre eigenen, so dass sich die beiden Leben ineinander flechten, ohne sich jemals berührt zu haben. Ähnlichkeiten tun sich auf, auch wenn beide Frauen unterschiedlicher nicht sein könnten. Worte, Wendungen, Personen erinnern Maggie immer wieder an ihr Leben und sie driftet ab in Erinnerungen, Erinnerungen, die ihr sauer aufstoßen, bei denen sie vor allem Frances alle Schuld zuweist und doch weiß, dass das nicht die Lösung ist. Sie pendelt von sich zu Jamie und wieder zurück, immer auf der Suche nach der Lösung. Der Lösung des Falles, aber auch der Lösung für ihr Leben.

Ah, und nicht zu vergessen: New York. Maggie war lange weg und so bekommt sie die Veränderungen, die New York durchmacht, direkt um die Ohren gehauen. Alte, eingesessene Geschäfte, die nun leer und abweisend sind oder jetzt ein weiteres In-Restaurant oder die nächste Filiale einer Kette beinhalten, die vielen Yuppies und Reichen, die New York plötzlich bevölkern, wobei sie das gar nicht tun und die Straßen fast schon verwaist scheinen. Die New Yorker fehlen, verschwinden, diejenigen, die New York diesen tollen Ruf eingebracht haben. Gentrifizierung und Trump/Kushner, das ist mit New York geschehen und Maggie Terry erkennt ihre Stadt nicht mehr. Das Deli, welches Maggies im morgendlichen Ritual besucht, muss schließen, von einem Tag auf den anderen, dafür gibt es jetzt gegenüber Soja-Latte und kalt-gepresste Säfte für 10 Dollar. New York ist kein Ziel mehr, für die, welche die Offenheit, Wandelbarkeit, Unverwechselbarkeit von New York suchen, es ist nur noch ein Ziel für Reiche und welche, die noch reicher werden wollen. Etwas, dass mal außergewöhnlich war, was nun auf Einheit und Gleichheit getrimmt wird. Die Autorin übt Kritik, an ihrem veränderten New York, an dem neuen American Way of Life, an Donald Trump – und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Schonungslos grast sie die Zeitungen ab, konfrontiert mit immer irreren, aber leider wahren Nachrichten, zeigt das zerstückelte New York, und untermalt damit die Geschichten der beiden verlorenen Schicksale, das von Maggie Terry und Jamie Wagner. Doch nur eine hat noch die Chance das Schicksal zu wenden.

Und mag das jetzt alles doch ein wenig trostlos klingen, ist der Krimi doch ein so wundervoll komplex verwobenes Gebilde, welchem man ohne jegliche Verwirrungen folgen kann, welches man aufsaugt und in welches man sich sinken lässt. Ja, ein wenig trostlos, ja, ein wenig trüb, auch ein wenig schwer, aber so genial noir, dass man das Buch mit einem zutiefst zufriedenen Gefühl zuklappt. Nicht nur weil er superb geschrieben ist und mit Maggie Terry eine so widersprüchliche wie realistische Alkoholiker charakterisiert, sondern auch, weil Maggie am Ende, wenn auch nicht am Ziel ihres Weges, zumindest einen Schritt weiter ist. Nicht 6, nicht 8, schon gar keine 12 Schritte, aber einen. Einen wichtigen Schritt weiter.

Fazit:
So genial wie noir – wo war Sarah Schulman all die Jahre? Mit ihrem neuen Krimi legt die Autorin eine wahre Glanzleistung vor, die trotz all der Düsternis ganz wunderbar unterhält. So wie ein Noir eben sein soll. Ich bin begeistert!

 

Noch ein Appell zum Schluss:
Liebe Else, bitte grabe die 7 vor vielen Jahren bei Ariadne erschienen Krimis von Sarah Schulman wieder aus. Denn diese Autorin ist genial und ich möchte und will gerne alle ihren Krimis lesen, die nun aber leider nur noch schwer antiquarisch zu bekommen sind. Wie stehen die Chancen dafür?