Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Eingeschneit: Warten auf Poirot – Nora Miedler

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Nora Miedler – Warten auf Poirot
Verlag: Argument
188 Seiten
ISBN: 978-3867541824

 

 

 

Die mittlerweile verstorbene Nora Miedler ist eher als Schauspielerin und Autorin von Liebesromanen bekannt, doch am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere hat sie zwei Krimis beim Argument Verlag veröffentlicht. Schon lange wollte ich gerne in einen von diesen reinschnuppern und das Spezial zu österreichischer Kriminalliteratur hat mir hier nun eine wunderbare Gelegenheit verschafft. Das dünne Büchlein – keine 200 Seiten – offenbart ein Kammerspiel in einer zugeschneiten Hütte in den österreichischen Bergen. 5 Freundinnen seit Kindertagen, Gelächter, Seitenhiebe, Geheimnisse – bis eine der Freundinnen tot ist.

Erzählt wird die Geschichte aus Charlies Sicht. Die lebt, einfach gesagt, in einer Traumwelt. Total verunsichert durch Panikattacken und das ständige Umsorgen und nicht Zutrauen der Eltern, träumt sie tagein, tagaus von Marc und einer Beziehung zu ihm. Marc ist der Bruder ihrer Schulfreundin Rita und schon seit Kindertagen himmelt sie ihn an. Jetzt, als Charlie 28 Jahre alt ist, ergibt sich eine kurze Affäre, gestoppt von Rita, die es ja nur gut meint mit Charlie. Und mit Rita, Ingrid, Marnie und Sonja fährt Charlie nach den Weihnachtsfeiertagen in die einsame Berghütte und wird dort eingeschneit.

„Die Idee, Rita zu töten, kam mir zum ersten Mal an Heiligabend.“ (S. 5, erster Satz)

Und schon ist Rita tot. Mit einem Messer wurde ihr die Kehle aufgeschlitzt, beim nächtlichen Flaschen drehen und einem kurzen Stromausfall geschuldet. Doch wer war es? Charlie, obwohl sie es nicht getan hat, fürchtet in einer unbewussten Situation es doch getan zu haben, aber sie war es nicht. Doch welche der drei anderen ist eine Mörderin? Ohne Handyempfang und eingeschneit gelingt es nicht, Hilfe zu holen und die 4 Frauen harren die Nacht aus, unter gegenseitigen Anschuldigungen, gewürzt mit Misstrauen gegen die früheren Blutsfreundinnen.

Das Setting ist klassisch und nicht ohne Grund verweist die Autorin auf Poirot, nicht nur im Titel sondern auch im Text, doch die Freundinnen müssen ohne Poirot auskommen. Das Buch hat nun schon zehn Jahre auf dem Buckel, doch das Setting ist alterslos. Hat es bei Agatha Christie funktioniert, erlebt es gerade eine Art Revival, denn wenn ich mich nicht täusche, habe ich einige Bücher mit dieser Konstellation in den aktuellen Neuerscheinungen gesehen. Besonders trickreich inszeniert, stirbt Rita quasi vor den Augen aller und doch kann man nicht sagen, welche der Frauen die Mörderin ist. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, in welchem die Nerven blank liegen und Geheimnisse und Offensichtlichkeiten auf den Tisch kommen, eine misstrauische Atmosphäre, bei der man sich ständig fragen muss: bleibt Rita die einzige Tote? Wer überlebt, wer stirbt – und wer ist die Mörderin. Grund genug hatten natürlich alle, nicht nur Charlie – und Charlie ist diejenige, der keiner es zutraut.

Ach, Charlie. Man erlebt die Geschichte ja aus ihrer Sicht und das ist nicht ganz einfach. Zwischen den immer wieder aufkommenden Fantasievorstellungen, dass ihr Leben perfekt wäre, sobald sie mit Marc glücklich verheiratet und mit Kindern versehen ist, ist sie so unsicher und selbstbezogen, dass es nicht nur ihren Freundinnen auf den Keks ging, sondern auch mir. Charlie ist anstrengend. Sie wartet auf den einen Traumprinzen und lässt ihr Leben ansonsten versauern, puh. Überhaupt sind die Freundinnen so verschieden wie Feuer und Eis. Ingrid, die patente Anwältin, die sich quasi aus der Gosse hochgearbeitet hat, die umsorgende Übermutter Sonja, die hübsche und beliebte Rita mit Society-Anschluss und die Alkoholikerin Marnie, die das Verschwinden ihres Vaters nie verkraftet hat. Eine Truppe, von der selbst Charlie kurz sinniert, ob sie sich nicht nur verbündet hatten, weil die anderen nichts mit ihnen zu tun haben wollten. Aber ist das nicht immer so? Nichtsdestotrotz verändern einen die Jahre und nicht jede Kinder-/Jugendfreundschaft hält für immer. Hoffen wir nur, dass die meisten nicht so enden wie in vorliegendem Krimi.

Fazit:
Das klassische Setting mit der von Misstrauen und Geheimnissen gefüllten Atmosphäre konnten mich voll überzeugen und über die Stellen mit Leichtigkeit hinweglesen lassen, in denen mir Protagonistin Charlie auf den Keks ging. Ein gelungener Erstling, dem ich bestimmt den zweiten (unabhängigen) Krimi der Autorin folgen lassen werde.


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Adventsspezial | Gastbeitrag von Ellen Dunne

4 spannende österreichische Autorinnen, die Sie vielleicht noch nicht kennen (aber kennenlernen sollten)

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(c) Ellen Dunne

Unlängst also die Einladung vom geschätzten Gunnar Wolters von Kaliber.17, beim Blog-Special Österreich einen Gastbeitrag zu schreiben. Thema? Egal, solange es um Österreich und Kriminalliteratur geht. Erster Gedanke: Eh klar, schreib ich. Zweiter Gedanke: Ehm, was weiß ich als Quasi-Exilautorin eigentlich über die österreichische Krimilandschaft? Dritter Gedanke: Warum fallen mir auf Anhieb mal wieder fast nur die üblichen Verdächtigen und kaum Autorinnen ein?

Also hab ich beschlossen, die für mich weitgehend unentdeckte Landschaft der österreichischen Spannungs-Autorinnen etwas näher zu erforschen. Natürlich habe ich nicht alle Autorinnen geschafft, die ich mir vorgenommen hatte (sorry, liebe Judith Taschler, aber ich bin noch dran!), und natürlich konnte ich teilweise nur ein gelesenes Buch als Grundlage für den Artikel verwenden.

Nehmt ihn also als Anstoß, selbst aufzubrechen, um die kriminalliterarischen  Schätze Österreichs für euch zu entdecken. Denn zwischen Berg und Tal, Hauptstadt und Provinz, Krieg und Frieden gibt es äußerst vielfältige, spannende weibliche Stimmen, die es verdienen, dass man auch über die Landesgrenzen hinweg von ihnen hört.

 

Unbequem mit Stil: Gudrun Lerchbaum

“Was glaubst du, was wir uns jetzt wünschen?” Er melkt seinen gekrümmten Schwanz. Ich glaube, ich soll ihm einen blasen, doch das bringt mich nicht weiter. Ich würde kotzen, er würde schießen. (aus “Lügenland”)

Warum lesen?

Gudrun Lerchbaums knapper, aber gleichzeitig bildhafter, origineller Stil und die kantigen Figuren sind für mich ihre großen Stärken. Ich lese sie einfach unheimlich gern, dazu kommt ein bissiger Humor, den ich liebe. Ihre Hauptcharaktere sind ausnahmslos unbequeme, vielschichtige Frauen, die eine klare Haltung haben, widrigen Umständen kämpferisch begegnen und die einem ans Herz wachsen, auch wenn sie nicht immer die Liebe auf den ersten Blick sind. Das Interesse der Autorin gilt vor allem feministischen, sozialkritischen und politischen Themen.

Mehr zur Autorin

Gudrun Lerchbaum ist studierte Philosophin und Architektin und lebt in Wien. Ihr dystopischer Polit-Thriller “Lügenland” ist bei Pendragon, ihr sozialkritischer Krimi “Wo Rauch ist” im Ariadne-Verlag erschienen.


 

Very Vienna: Edith Kneifl

 “Es fielen einige unschöne Worte. Sie warf mir Verrat vor, bezichtigte mich der Flaschheit und Hinterhältigkeit. Selbstverständlich nahm ich ihre Worte nicht ernst. Betrunkene sagen, im Gegenteil zu dem blöden Sprichwort, nur selten die Wahrheit.” (aus “Der Tod ist ein Wiener”)

Warum lesen?

Schwer, Edith Kneifl auf einen Punkt zu bringen, denn sie hat bereits unzählige Krimireihen, Anthologien und Erzählungen veröffentlicht. “Der Tod ist ein Wiener” ist Teil einer Serie von drei Freundinnen, die in Wien ermitteln. Zur Sprache kommen Architektur, Geschichte und vor allem die Atmosphäre. Für mich war es das “österreichischste” aller Bücher, aber mit einem sehr ernsten Fall um die Unterdrückung und den Missbrauch von Frauen sowie schmutzigen Geheimnissen in “ehrenwerten Häusern”. Auch wenn der Stil oft etwas oldschool für meinen Geschmack ist – Edith Kneifl hat feministische Themen in den 80ern und 90ern angepackt, und sie tut es immer noch. Sollte man sie – so wie ich – bisher also noch nicht gekannt haben, dann wird es höchste Zeit.

Mehr zur Autorin

Edith Kneifl erhielt 1992 als erste weibliche Autorin den Friedrich-Glauser-Preis und noch einmal 2018 den Ehren-Glauser, sowie weitere Literaturpreise. Aufgewachsen in Oberösterreich, lebt sie in Wien.


 

Heiße Eisen: Eva Rossmann

 “Wir haben uns in einer netten Bar in der Wiener Innenstadt getroffen. Rundherum Aperol-Sprizz für die, die nicht gleich jede Mode mitkriegen. Für die Checkerinnen der Großstadt ist heuer “Hugo” angesagt. (aus “Männerfallen”)

Warum lesen?

Die Krimireihe um die Journalistin Mira Valensky ist bereits 20 Romane lang. Und Roßmann packt wirklich jedes heiße Eisen an – von Schönheitschirurgie (“Unterm Messer”) bis zum radikalen Veganismus (“Gut aber tot”) und der Klimakrise (“Heißzeit”). Im von mir gelesenen “Männerfallen” z. B. den Backlash gegen den Feminismus. Was mir daran sehr gefällt, sind die differenzierten, gut recherchierten Betrachtungen der jeweiligen Problematik. Valenskys innerer Monolog macht das Lesen oft stakkatohaft, aber leicht. Und auch wenn mir die Ausführungen über die Kochleidenschaft der Autorin, äh Hauptfigur, persönlich oft zu lang sind und die Handlung ohne Not unterbrechen, machen sie mir einen unheimlichen Appetit. Wer sich also aktuelle gesellschaftliche und politische Themen mundgerecht (aber nicht flach!) verpackt geben will, ist hier an der richtigen Adresse.

Mehr zur Autorin

Politjournalistin, Autorin, Köchin, Feministin, Verfassungsjuristin. 1997 war Eva Roßmann Mitinitiatorin des Frauenvolksbegehrens zur Gleichstellung von Mann und Frau im Bundesverfassungsgesetz.


 

Abgründig gut: Michaela Kastel

 “Wir nennen es Sonnentor – das dunkle Loch mitten im Felsen, in das Papa uns wirft, wenn wir nicht artig waren.” (aus “So dunkel der Wald”)

Warum lesen?

Kann ein Buch fesselnder beginnen? Mit Thrillern habe ich ja oft so meine Probleme, was Glaubwürdigkeit angeht, aber bei diesem mitreißenden und gleichzeitig poetischen Schreibstil und der inneren Spannung im Text war mir das über weite Strecken egal. Das inzwischen schon hinreichend bearbeitete Thema der entführten und missbrauchten Kinder und Jugendlichen im abgeschiedenen Wald ist eigentlich ebenfalls ein no-no für mich. Aber der Blick in die (abgründige) Psyche der Opfer und die unheilvolle Dynamik zwischen ihnen, als der gemeinsame Feind plötzlich wegfällt, macht das Buch so spannend und atmosphärisch. Diese Geschichte könnte überall, nicht nur in Österreich spielen. Das meine ich im besten Sinne. Michaela Kastel ist eine sehr spannende Newcomerin, auf deren nächste Bücher ich mich schon freue.

Mehr zur Autorin

Michaela Kastel ist nicht nur Autorin sondern auch Buchhändlerin. Ihr zweiter Roman “Worüber wir schweigen” ist bereits bei emons erschienen.


 


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Gebeinjagd: Knochen kochen – Christian Mähr


Christian Mähr – Knochen kochen
Verlag: Deuticke
415 Seiten
ISBN: 978-3552062801

 

 

 

 

 

Gastwirt Matthäus Spielberger wird von seinem alten Schulfreund Seitenstetten dazu überredet, die Gebeine des Ferdinand-Erasmus von Seitenstetten, gestorben im 15. Jahrhundert, auszugraben. Dieser ist an der sogenannten englischen Schweißkrankheit gestorben, eine Seuche die damals viele dahingerafft hat, aber seitdem ausgestorben scheint und damit wert, wissenschaftlich untersucht und damit berühmt zu werden. Da die Gruft des Adligen aber auf dem Grundstück der „unbedeutenden“, aber verhassten Seitenlinie Wolfegg-Seitenstetten liegt, muss die Aktion illegal und des Nächtens über die Bühne gehen. Spielberger sagt zu, aber nur, wenn seine Stammtischfreunde Moosmann, Peratoner und Blum an dem Unternehmen teilnehmen dürfen. Gesagt, getan, doch dann, wird Seitenstetten in der Gruft, niedergeschlagen und die Gebeine geraubt.

Und von da an, wandern die Gebeine des adligen Verwandten des von Seitenstettens durch die Gegend, werden mal dem einen, mal dem anderen abgejagt. Eine wilde Jagd beginnt, zwar mitunter auch gemächlich, aber viele Parteien sind an den Knochen interessiert, mit dabei nicht nur Seitenstettens „Crew“, sondern auch ehrgeizige Liebhaber, missgünstige Assistenten, Diebe und Attentäter. Der ein oder andere stirbt, an Krankheit aber auch an Kugeln, es geht hoch her, wenn auch das mitunter sehr bedächtig.

Sehr klamaukig ist das Buch geschrieben, den Anfang machen schon die vier Stammtischfreunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber alle mindestens eine Verschrobenheit aufweisen können. Sei es der Spielberger, der Visionen träumt, der Blum, der Arien summt, der Peratoner, der klugscheißt, oder der Moosmann, der eigentlich schnitzen sollte, aber sich für den Meisterverbrecher hält. Jeden, wirklich jeden Charakter des Buches lernt man näher kennen, denn der Autor stellt diese alle außerordentlich langatmig, wenn auch nicht unkomisch vor. So lernt man auch den Bruder des Verlobten der Tochter von Spielberger genauer kennen – das hat zwar auch eine klitzekleine Kleinigkeit mit der Jagd nach den Gebeinen zu tun, erscheint mir dann aber doch einfach zu ausführlich. Man kann es auch übertreiben, mit der Detailliertheit.

Zudem war der Fokus nur sehr selten auf der Sicht der Stammtischrunde, die aber auf jeden Fall die Protagonisten waren, nein, alle dürfen mal aus ihrer Sicht erzählen, schwadronieren und lamentieren. Nichtsdestotrotz hatte diese ausufernde Schreibweise für mich irgendwie etwas typisch Österreichisches. Der Klang der Worte, die Ausführlichkeit, die Grammatik, aber auch die österreichischen wörtlichen Reden, mit denen einige Norddeutsche wohl ihre Probleme haben dürften, waren stimmig. Auch die immer wieder auftauchenden Unterschiede zwischen Wien und dem Vorarlberg waren gut eingearbeitet. Vom die Nase hochtragenden Wien mit seinen Einwohner zu den zu Unrecht als rückständig und langsam verschrienen Vorarlbergern.

Für mich war das Buch leider trotzdem sehr zäh, ich hätte mir mehr Sog, weniger Details im Buch gewünscht, denn tatsächlich war die Jagd nach den Gebeinen recht spannend. Zugegeben, es waren dann doch sehr viele Parteien mit den unterschiedlichsten Interessen, die hinter den Knochen hergejagt sind. Vor allem zum Ende hin, habe ich doch einige immer wieder verwechselt, was auch darauf zurückzuführen ist, dass der Autor zwei Charakteren mehr als einen Namen verpasst hat, aber die Jagd war spannend, nur eben zu langatmig.

Fazit:
Spannende, klamaukige Jagd nach Jahrhunderte alten Gebeinen, die leider mit zu vielen Mitspielern und Details doch recht langwierig wird.

 


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Leichenraub: Die Schöne und der Tod – Bernhard Aichner


Bernhard Aichner – Die Schöne und der Tod
Verlag: btb
249 Seiten
ISBN: 978-3442713660

 

 

 

 

Max Broll ist in die Fußstapfen seines Vaters getreten und Totengräber geworden. In einem kleinen Dorf. Dafür hat er Wien, eine vielversprechende Karriere als Journalist und Emma sausen lassen. Jetzt muss er ein Loch graben, für das Model Marga, Emmas Schwester, die sich in den Tod gestürzt hat. Als Marga dann mit viel Brimborium beerdigt wurde, scheint fast wieder Ruhe eingekehrt zu sein, in dem kleinen Dorf. Doch dann findet Max heraus, dass die Leiche von Marga gestohlen wurde.

Max Broll ist ein Eigenbrötler, eher wortkarg, auch wenn er mit seinem besten Kumpel Barnoni, einem ehemaligen Top-Fußballer, der Maxens Nachbar ist, fast schon lange Gespräche führt. Keiner – weder Baroni, noch seine quasi Stiefmutter, schon gar nicht seine Ex – können verstehen, warum er Wien, den Job und seine Ex hat sausen lassen. Und so richtig erklärt er das auch keinem, wobei ich persönlich das schon nachvollziehen kann. Ein sehr gelungener Charakter, natürlich schön makaber mit dem Beruf des Totengräbers ausgestattet, aber eben auch diese stiere Dickköpfigkeit und Wortkargheit passen ganz wunderbar zu Max. Vorgeblich ist er zurück im Dorf, um seinen todkranken Vater zu umsorgen, aber zurück nach Wien ist er auch nicht. Das Gräber ausheben ist jetzt keine Berufung, aber sowas wie Familientradition und Max macht seine Arbeit ordentlich, auch wenn er gerne mit dem Pfarrer zusammenrasselt. Viel zu tun gibt es nun aber nicht, in dem kleinen Dorf, für einen Totengräber. Und dann kommt Marga.

Und dann verschwindet Marga wieder. Aus dem Grab. Und das kann Max nicht auf sich sitzen lassen. Die Ermittlungen, die Max und Baroni anstellen, werden zum Teil alkoholisiert geführt, zum Teil in fragwürdigen Etablissements, wie ein Elefant im Porzellanladen, aber abhalten lassen sich die beiden nicht, auch nicht von seiner Stiefmutter, der Kriminalkommissarin. Mitmischen tut dann auch Emma, Margas Schwester, zwei Verdächtige, ein paar Dorfbewohner und eine Sauna.

Man sieht schon – ein todernster Krimi ist hier nicht zu erwarten. Die Geschichte hat einen makabren Humor, eine Morbidität und Komik, die den Fall jetzt zwar nicht superspannend machen – stellenweise würde ich sogar sagen, dass es spannungsarm war – dafür aber eben mit einem teuflischen Kichern garnieren. Dabei ist er aber nicht unglaubwürdig, sondern durchaus logisch und gut komponiert. Der Fokus lag allerdings für mich eher auf den Charakteren – und auf Aichners unverwechselbarem Schreibstil.

Bisher habe ich nur „Totenfrau“ von Bernhard Aichner gelesen, doch der Schreibstil, bzw. der Autor bleibt sich treu. Er hat einen sehr reduzierten Schreibstil, knapp und kurz, manchmal fast schon nur Satzfetzen, keine ganzen Sätze mehr. Mit Nebensätzen hat der Autor es dann naturgemäß auch nicht so. Und doch passt es irgendwie, in den Krimi, zu Max.
Gewöhnungsbedürftig ist allerdings die direkte Rede. Er beginnt diese mit Bindestrichen und fügt keinerlei Zusatzworte hinzu, d. h. es gibt keine Angabe wer etwas sagt, oder was er dabei tut. Daraus ergibt sich ein schneller Lesefluss, der allerdings, bei längeren Dialogen dazu führt, dass man ein wenig den Überblick verliert. Zudem funktioniert das nur in Dialogen – Gespräche mit mehr als zwei Menschen sind so schier unmöglich und Aichner umgeht diese auch und erzählt dann lieber Gespräche mit mehr Personen nach. Der  Schreibstil funktioniert hier gut, passt zu den verschrobenen Charakteren und dem Dorfcharme. Zwar hab ich mich in ein oder zwei Dialogen verloren und musste nochmal ansetzen, doch insgesamt fügt der Stil sich ungemein gut in den Krimi.

Fazit:
Ein Krimi, der mit schrägem Figurenensemble und ungewöhnlichem Schreibstil punkten kann, der aber eher urkomisch denn spannend ist. Gute, morbide Unterhaltung für einen Regennachmittag.


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Atmosphärisch: So dunkel der Wald – Michaela Kastel


Michaela Kastel – So dunkel der Wald
Verlag: Emons
304 Seiten
ISBN: 978-3740802936

 

 

 

 

 

Den Thriller von Michaela Kastel wollte ich schon lange lesen und so hat sich dieser zum Spezial zu östereichischer Kriminalliteratur quasi aufgedrängt. Auch wenn ich ja tendenziell nicht mehr so viele Thriller lese, denn oft können sie mich nicht mehr reizen. Nichtsdestotrotz habe ich damals, als der Thriller herauskam, sehr viele positive Rezensionen gelesen, mittlerweile wurde der neue Thriller der Autorin “Worüber wir schweigen” veröffentlicht. Und vermutlich war das ein wenig die Crux, diese vielen positiven Stimmen, die ich gehört habe, denn der Thriller von Michaela Kastel ist zwar ein richtig guter Thriller, aber irgendwie hatte ich nach dem Echo in der Bloggerwelt, etwas anderes erwartet.

Yannick, Ronja, Nika, Theo und Henna. Das sind die fünf Kinder, die mit Paps tief im Wald, tief in den Bergen, leben. Abgeschottet von der Zivilisation, unter strenger Hand, in ständiger Angst. Denn Paps ist nicht der Vater der Kinder, sondern ihr Entführer. Derweil Yannick und Ronja schon Jahre dort leben, und Nika schwer krank ist, sind die anderen zwei noch jünger und fallen ins “Beuteschema” von Paps, so dass ihr Abend einen zusätzlichen täglichen Schrecken bereit hält. Doch dann beschließt Ronja zu fliehen.

Die Atmosphäre des Buches ist durchgängig düster, nicht nur der Wald, die Einsamkeit, die Abgeschiedenheit, sondern eben auch die Enge des Hauses, die kleinen Fenster, die alten, einengenden Möbel tragen dazu bei. Eine Atmosphäre, welche die Kinder zusätzlich schreckt und ängstigt, ist doch eine Flucht so gut wie unmöglich, eine Enge, die aber Paps zu gefallen scheint. Hier kann er herrschen, sein wie er will, “seine” Kinder brechen. Zum Brechen dient auch eine kleine Höhle, kaum mehr eine Felsspalte, in die Paps unliebsame Kinder schmeißt, aus der man aber nicht mehr alleine herauskommt und auf das Gutdünken von Paps angewiesen ist. Eine beklemmende Enge in den Bergen, angereichert mit einem gewalttätigen Pädophilen.

Ronjas Ausbruchsversuch war für mich der Höhepunkt des Thrillers, der dann allerding schon im ersten Drittel des Thrillers stattfindet. Danach ist der Thriller zwar immer noch interessant, aber nicht mehr so spannend. Zwar ist kontinuierlich die Situation auf dem Berg/im Wald nach Ronjas Ausbruchsversuch angespannt, doch die Spannung flaut ab und eigentlich ist es eher ein Psychogramm der Kinder, die jahrelang mit Paps auf dem Berg gelebt haben. Zwischen völlig zerstörten Psychen, der Bedrohung durch Paps und der Einsamkeit auf den Bergen ist Adrenalin vorhanden, aber nicht mehr auf hohem Level, lässt doch Ronjas Flucht die Spannung verpuffen. Es geht danach eher darum, wie zerstörte Kinderseelen agieren und reagieren.

Eingemischt sind zwei andere Handlungsstränge. Hier ist zum einen die Polizistin Sarah Wiesinger zu nennen, eine Frau, die selbst kein einfaches Päckchen zu tragen hat und der die Suche nach den verschwundenen Kindern zur Lebensaufgabe geworden ist. Auf der anderen Seite, bekommt man, etwas später im Thriller, Einblick in ein Tagebuch. Hierbei ist erst nicht klar, wer der Verfasser ist, so dass der Leser rätseln darf.

Tatsächlich wird das Buch ab dem Höhepunkt, der ja schon im ersten Drittel stattfindet, stellenweise etwas vorhersehbar. Nichtsdestotrotz bleibt die eindringliche, unheimliche Atmosphäre immer präsent und auch die unterschiedlichen Aktionen und Reaktionen der Kinder sind spannend zu verfolgen, allerdings habe ich mir von einem Thriller mehr erwartet, mehr Action, mehr Druck, mehr dringliches Umblättern der Seiten. Das hat mir ein wenig gefehlt. Irgendwann wusste ich grob, worauf die Geschichte hinauslaufen wird, da hatte die Autorin keine Überrraschung für mich, nichtsdestotrotz waren einige Schicksale am Ende doch noch anders als gedacht. Als Leser bin ich immer ganz glücklich, wenn es kein Happy End gibt, sondern eben “nur” ein realistisches Ende. Soweit möglich eben, und hier konnte die Autorin wieder bei mir punkten.

Fazit:
Ein Thriller, dessen Spannung nach dem ersten Höhepunkt abflacht, aber noch kontinuierlich Unterhaltung bietet und die Geschichte zu einem gelungenen Ende bringt. Überzeugen konnte mich aber vor allem das Setting und die Atmosphäre, geradezu hervorragend für einen Thriller gewählt. Ein sehr gutes Thrillerdebüt aus Österreich!


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Blogkooperative Adventsspezial: Österreich – gemeinsam mit Kaliber.17

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Heute ist es soweit – die Blogkooperative zum Adventsspezial startet. Gemeinsam mit dem Team von Kaliber.17 habe ich wieder einige Rezensionen für Euch vorbereitet, diesmal zum Thema Österreich. In den nächsten Tagen, bis kurz vor Weihnachten, werden wir Euch mit Rezensionen zu österreichischen Krimis beglücken. Los geht es morgen, am Mittwoch, den 04.12.2019. Ein besonderes Schmankerl haben wir in der Mitte des Spezials geplant, denn da wird ein Gastbeitrag von Ellen Dunne online gehen.

Wie immer nutze ich die Speziale, um neue Autoren bzw. neue Krimis kennen zu lernen. Zu meinem Leidwesen sind damit aber zwei meiner Lieblingsautorinnen rausgefallen, denn ich kenne deren Krimis natürlich schon alle. Trotzdem möchte ich hier auf die beiden Autorinnen, Anne Goldmann und Gudrun Lerchbaum, hinweisen und sie wärmstens empfehlen. Zu meinen Rezensionen zu ihren jeweils zuletzt erschienenen Krimis findet ihr mit diesen Links: Das größere Verbrechen und Wo Rauch ist, natürlich habe ich aber auch ihre anderen Krimis rezensiert, ihr findet sie in meiner Rezensionsübersicht.

Nichtsdestotrotz sind neben diesen beiden tollen Autorinnen natürlich noch viele weitere Autorinnen und Autoren aus Österreich zu finden, so dass das Team von Kaliber.17 als auch ich genügend Auswahl hatte. Und hier findet Ihr nun die Liste mit den Auserwählten, mit den Krimis von österreichischen AutorInnen:

04.12. Josef Haslinger – Opernball (Kaliber.17)
05.12. Michaela Kastel – So dunkel der Wald (diedunklenfelle)
07.12. Beate Maxian – Mord im Hotel Sacher (Kaliber.17)
08.12. Bernhard Aichner – Die Schöne und der Tod (diedunklenfelle)
09.12. Grünter Brödl – Blutrausch (Kaliber.17)
11.12. Christian Mähr – Knochen kochen (diedunklenfelle)
12.12. Österreichische Krimiautorinnen, die man gelesen haben muss (Gastbeitrag)
14.12. Günther Pfeifer – Das letzte Achtel (Kaliber.17)
15.12. Nora Miedler – Warten auf Poirot (diedunklenfelle)
16.12. Alex Beer – Der zweite Reiter (Kaliber.17)
18.12. Lilian Faschinger – Die Unzertrennlichen (diedunklenfelle)
19.12. Wolf Haas – Auferstehung der Toten (Kaliber.17)
21.12. Ellen Dunne – Für immer mein (diedunklenfelle)
22.12. Alfred Komarek – Polt muss weinen (Kaliber.17)

Nach Veröffentlichung werde ich die jeweiligen Links hier in der Liste einpflegen.
Und nun wünsche ich Euch viel Spaß beim Adventsspezial zum Thema österreichische Kriminalliteratur, gemeinsam mit Kaliber.17!

 

 


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Nachfolger: Artemis – Andy Weir


Andy Weir – Artemis
Verlag: Heyne
Übersetzer: Jürgen Langowski
426 Seiten (inkl. Interview, abzüglich Leseprobe „Der Marsianer“)
ISBN: 978-3453271678

 

 

 

Andy Weir ist vielen durch „Der Marsianer“ bekannt , mir auch  und für alle, die es nicht wissen, hat es der Verlag mit aufs Cover gepackt – im übrigen gleich zweimal, einmal gedruckt und einmal geklebt. Nur falls es jemand noch nicht mitbekommen hat… das Buch nicht gelesen, oder den Film nicht gesehen, oder bisher hinter dem Mond (!) gelebt hat. ;-) Mit Artemis folgt nun der zweite Science Fiction Roman aus seiner Hand, diesmaliger Planetenprotagonist: der Mond.
Jazz (Jasmine) Bashara lebt in Artemis, der einzigen Stadt auf dem Mond. Mehrere verbundene Blasen bilden die Stadt; es gibt ärmere und reichere Kugeln, viele Touristen und eine Aluminiumhütte. Jazz versucht eine EVA-Lizenz zu bekommen, um Touristenführungen auf der Mondfläche anzubieten und viel Geld zu verdienen, doch sie saust durch die Prüfung und muss sich wohl wieder ganz auf ihre Einkommen durch Schmuggelei verlassen. Da bietet ihr Trond Landvik, ein ansässiger Milliardär, ein Engagement. 1 Millionen Motten, denen Jazz nicht widerstehen kann. Dafür muss sie allerdings die Aluminiumhütte sabotieren.

Der Mond in einer nahen Zukunft, in einer sehr nahen, denn es lassen sich kaum technologische Neuerungen ausmachen. Klar, die Stadt wurde auf dem Mond erbaut und man musste sich einiges einfallen lassen, um z. B. die niedrigere Schwerkraft auszugleichen, doch es fühlt sich an wie unsere heutige Zeit, nur eben auf dem Mond. Artemis gehört irgendwie zu Kenia, ist aber aufgebaut wie eine Freihandelszone. Keine Steuern, keine Gesetze, aber ein paar Regeln gibt es dann doch, zudem haben sich Gilden gebildet, Handwerkszünfte, die allerdings ein wenig an Banden erinnern und ihrer „gildenfreien“ Konkurrenz Steine in den Weg legen.

Jazz Bashara ist eine junge Frau in den Zwanzigern, die sich auf Artemis so durchschlägt. Mit ihrem Vater ist sie zerstritten, mit ihrem besten Freund auch. Dafür betreibt sie einen florierenden Schmuggelhandel, der Zigaretten, Feuerzeuge und ähnliches auf den Mond schafft – alles illegal, weil es brennbar ist und die Hülle zerstören könnte, was zwangsläufig alle tötet. Von ihrem ganzen Verhalten her ist Jazz sehr jung, ehrlich gesagt, hätte ich anfangs sogar vermutet, dass sie noch eine Teenagerin ist. Sie ist nicht dumm, liest sich einige Kenntnisse, welche sie für die Sabotage benötigt, an, trifft aber eben nicht immer die richtigen Entscheidungen. Sie hat das Herz am rechten Fleck, auch wenn jugendlicher Leichtsinn und Trotz dies oft nicht erkennen lassen.

„Doch schließlich schmiedete ich einen Plan. Und wie alle guten Pläne erforderte er die Mitwirkung eines verrückten Ukrainers.“ (S. 82)

Das Buch ließ sich wirklich super an einem Tag durchlesen, es ist spannend und gut geschrieben. Die Heldin, Jazz, war mir persönlich zu jung  und zudem konnte ich mit ihr nicht so mitfiebern bzw. mitleiden. Wenn ich Andy Weir mit sich selbst vergleichen möchte, muss ich sagen, dass sein Protagonist Mark Watney aus „Der Marsianer“ mich viel mehr gepackt hat. Nicht nur wegen der Dramaturgie der Geschichte, sondern auch wegen seiner ironischen Einstellung, seines Pragmatismuses und seinem unbedingten Lebenswillen. Aus Jazz könnte aber noch so eine Protagonistin werden… in ein paar Jahren, wenn sie älter und erwachsener ist.

Der Mond, der Mond. Artemis ist ausgeklügelt aufgebaut und funktioniert eigenständig und ohne Verbindung zur Erde, dafür gibt es zwar nicht so leckeres Essen, aber eben Unabhängigkeit. Der Sauerstoff wird von der Aluminiumhütte als Nebenprodukt geliefert und die Touristen bringen das Geld nach Artemis. Die niedrigere Schwerkraft bietet natürlich einige schnelle Möglichkeiten der Fortbewegung. Artemis kann ich mir schon gut und gerne im Hier und Jetzt vorstellen – warum gibt es noch keine Stadt auf dem Mond? Gefreut hätte ich mich über ein paar technologische Neuerungen, die der Autor einbaut. Im angefügten Interview sagt er aber, dass ihm die nahe Zukunft mehr liegt, als die ferne Zukunft. Da kann ich ihm nur zustimmen, doch die heutige technologische Wandlung ist so schnell, dass mitunter 10 Jahre schon bedeutende Unterschiede aufzeigen können.

Fazit:
Feel-good-Science-Fiction – ein locker-flockig zu lesendes Abenteuer auf dem Mond, mit der sympathischen, nicht perfekten und noch jungen Jazz Bashara und dem Mond als Schauplatz.