Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Zweiklassengesellschaft: Memory Game – Felicia Yap


Felicia Yap – Memory Game, Erinnern ist tödlich
Verlag: Penhaligon
Übersetzerin: Bettina Spangler
442 Seiten
ISBN: 978-3464531829

 

 

 

 

Wer mir schon eine Weile folgt, wird wissen, dass ich neben dem Krimigenre gerne immer wieder Blicke in die Zukunft werfe, aber auch Alternativwelten mich hin und wieder reizen können. Bei beiden – den Zukunftsromanen sowie den Alternativwelten – reizt mich aber nicht eine komplette Veränderung, mir ist wichtig, immer noch eine Verbindung zu meiner Realität zu finden, d. h. die Zukunftsvision sollte nicht zu weit in der Zukunft oder zu weit entfernt sein, aber auch die Alternativwelt sollte nicht komplett verändert sein. Es sind ja meist nur Kleinigkeiten, eine Entscheidung oder eine Sache, welche die Veränderung unserer Realität zu einer alternativen Realität machen. Genauso wie Autorin Felicia Gap dies gemacht hat, indem sie in ihrer Welt den Menschen nur noch die Erinnerung an den letzten oder letzten und vorletzten Tag lässt.

Eines Morgens klingelt die Polizei an Claire Evans Tür. Im nahegelegenen Fluss wurde die Leiche einer Frau gefunden. Die Polizei, genauer gesagt, DCI Hans Richardson, behauptet, sie wäre die Geliebte ihres Mannes Mark. Doch ist das die Wahrheit? Verschweigt Mark etwas? Und woran kann sie sich nicht mehr erinnern? Gar keine einfache Frage, denn Claire ist eine Mono und kann sich nur noch an die gestrigen Ereignisse erinnern. Und Mark ist ein Duo – er kann sich an zwei vergangene Tage erinnern.

Diese alternative Welt ist gar nicht so anders als unsere und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die Welt spaltet sich in zwei Bevölkerungsgruppen: Monos und Duos. Monos erinnern sich nur an den letzten Tag, Duos an die letzten zwei Tage. Aus diesem Grund sind Duos diejenigen, die erfolgreich, reich, berühmt und angesehen sind, Monos sind die anderen, die Arbeiterklasse, diejenigen, die nicht genug „Grips“ für mehr haben, die dümmer sind. Eine waghalsige Theorie, welche die Autorin hier ihrer Welt zugrunde legt, aber gar nicht so abwegig, denn so sind wir Menschen. Wir stecken ganz leicht andere Menschen in Schubladen.
Beide Bevölkerungsgruppen erleben eine ganz normale Kindheit und Jugend – auch mit einem Vollgedächtnis, wie es im Buch so schön heißt. Ob man ein Mono oder Duo ist, stellt sich dann mit Erreichen des Erwachsenenalters heraus. Monos vergessen ab 18 Jahren, Duos ab 23. Allen wird eingebleut, ihre Erinnerungen in Tagebüchern festzuhalten und auswendig zu lernen, früher natürlich handschriftlich, heute mit dem iDiary (ja, Steve Jobs lässt grüßen – Smartphones sind zwar da, aber neben dem essentiell wichtigen iDiary sind sie unwichtig).

In dieses Setting setzt die Autorin nun einen Kriminalfall, der mich streckenweise stark an „Girl on the train“ erinnerte, denn die dortige Protagonistin hat Blackouts durch zu starken Alkoholgenuss. Doch ein bisschen anders ist die Situation schon, denn schließlich kann sich keiner weiter als zwei Tage erinnern und ständig wird das iDiary konsultiert, um Stichwörtersuchen durchzuführen. Eine Ermittlung, die länger als zwei Tage dauert – Kriminalkommissare sind verständlicherweise alle Duos – hätte in dieser Welt also durchaus seinen Charme, doch  die Autorin hat sich dazu entschlossen, die Ereignisse in einem Tag abspielen zu lassen und nimmt sich damit leider diese Herausforderung.

Insgesamt zeigt mir die Alternativwelt zu wenig von den gesellschaftlichen Änderungen, welche die fehlende Erinnerung inne haben könnte. Einzig die Tatsache, dass jegliche Vorurteile und Ressentiments bezüglich Hautfarbe, Religion o. ä. wegfallen und dafür ein ausgeprägtes Zweiklassensystem herrscht, zeigt Änderungen. Ein paar wenige Zeitungsartikel gibt es auch, diese fokussieren allerdings auf die Mono-Duo-Ehe, die in dem Buch ja durch Claire und Mark schon eine Rolle spielt.

Auch wenn mich das Buch im Gesamten nicht überzeugen konnte, waren gerade die ersten hundert Seiten äußerst spannend, um in diese Alternativwelt hinein zu schnuppern. Danach gab es leider nicht viel neues, bis dann zum Ende hin mich das Buch doch wieder in den Bann ziehen konnte. Nicht allerdings der Epilog – der war von der Autorin sicherlich als die Überraschung schlechthin gedacht, doch er wirkte zu aufgesetzt, als ob man das Ende nochmal toppen müsste. Für mich also ein durchwachsenes Leseerlebnis.

Fazit:
Eine durchaus interessante Alternativwelt, die allerdings nicht sehr tief blicken ließ. Der dort eingebettete Kriminalfall basiert aber trotzdem auf den üblichen Zutaten: ein Ereignis in der Vergangenheit, lange gehegte Rachepläne und Menschen, die nicht ehrlich zueinander sind. Ein gutes Buch, welches mehr aus sich hätte machen können.

 

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Paranoia: Cambridge 5, Zeit der Verräter – Hannah Coler


Hannah Coler – Cambridge 5, Zeit der Verräter
Verlag: Limes
406 Seiten
ISBN: 978-3809026822

 

 

 

 

Es mag ein spannendes Thema sein, doch bisher konnten mich die Spionageromane nicht locken. Hin und wieder habe ich reingeschnuppert, aber ich finde das Konzept der Spionage und Gegenspionage, die ständige Paranoia und Geheimniskrämerei immer eher ein wenig verwirrend denn spannend. Nichtsdestotrotz hat mich der Klappentext von Hannah Colers Roman magisch angezogen und als Schmankerl habe ich das Buch auch noch in einer Leserunde lesen dürfen. Eine perfekte Situation, um aufkommende Verwirrung während des Lesens gleich mal zu diskutieren und auszumerzen, so dass ich die Geschichte um die Cambridge 5 genießen konnte.

Kim Philby und die Cambridge 5, ein berühmt-berüchtigte Gruppe von fünf Studenten aus Cambridge, die in30er Jahren von der Sowjetunion als Spione angeworben wurden, sind das Thema von Wera, einer deutschen Studentin. Sie zieht nach Cambridge, um dem Thema möglichst nah zu sein, aber auch, da Professor Hunt, sich bereit erklärt hat, hierfür ihr Doktorvater zu sein. Doch das Thema ist heikel, denn Philby mag zwar in der Sowjetunion als Held gefeiert werden, in Cambridge hingegen wird über ihn lieber geschwiegen.  Und dann findet Wera eine Leiche – hat sie mit ihren Recherchen etwa jemanden aufgeschreckt?

Krimi/Thriller oder doch eher Roman? Hannah Coler, im Übrigen ein Pseudonym einer bekannten Historikerin, die auch schon einige andere Bücher veröffentlicht hat, gelingt es, die Geschichte der Cambridge 5 mit einer spannenden Handlung zu kombinieren. Im Prinzip setzt sich das Buch aus drei Handlungssträngen zusammen, die miteinander verwoben werden.

Zum einen wird die Geschichte um die Cambridge 5, aber mit Fokus auf Kim Philby, über Weras Arbeit transportiert. Auch wenn den Ausschnitten ihrer Arbeit die wissenschaftlichen Noten fehlen – zum Glück für mich, denn so liest sich ihre Arbeit sehr spannend – kann diese im Anhang nachlesen. So ist ihre Arbeit eher eine Biografie um den berühmten Meisterspion, denn ein wissenschaftliches Pamphlet. Neben den realen Tatsachen werden auch Vermutungen über Philbys Entscheidungswege aufgegriffen und untersucht, z. B. welche Gründe Philby dazu bewogen haben, Großbritannien zu verraten, doch auch auf Philbys Umfeld, wie Dr. Arnold Deutsch, der Philby für die Sowjetunion angeworben hat, wird ein tieferer Blick geworfen.

Der zweite Handlungsstrang spielt in den siebziger Jahren und dreht sich wieder um fünf Studenten, einer von Ihnen Hunt, aber auch Jenny Green, die beide später in Cambridge unterrichten. Doch auch die anderen drei sind noch in Cambridge zu finden und haben ihren Weg gemacht: Denys, Master des College samt Gattin Georgina und Stef, ein Computergenie mit eigener Firma. 2014 finden wir dann Wera, die neben Jasper und David, eine der Doktoranden bei Hunt ist. Wera wird nach und nach in das Cambridger Leben reingezogen und muss überrascht feststellen, dass Cambridge nicht nur in den Dreißigern ein beliebtes Rekrutierungsgebiet der Geheimdienste war, sondern es immer noch ist.

Ganz leicht gelingt es der Autorin die Paranoia über das ganze Buch auszubreiten. Man ist sich einfach nicht mehr sicher, wer jemand ist oder wer er vorgibt zu sein. Irgendwann verdächtigt man jeden der Spionage und wechselt auch fröhlich zwischen den Geheimdiensten. Ein Rätselraten par excellence beginnt und auch wenn man vielleicht doch eine/n der Spione schon von Anfang an im Verdacht hatte, ist man am Ende von anderen doch wieder überrascht.

Die Abwechslung mit den Auszügen aus Weras wissenschaftlicher Arbeit lassen die Spannung und das Rätselraten nur noch größer werden, sie fügen sich ein und wechseln hab, ganz ohne zu stören. Das Ende ist dann aber logisch und entwirrt die Rätsel, wenn auch ganz kleine Kleinigkeiten übrig bleiben, über die man noch nachdenken kann. Ein ganz kleines Manko für mein Krimiherz ist, dass das Ende dann doch recht unspektakulär daher kommt. Hier hätte die Autorin noch ein fulminantes Ende einbauen können, doch in diesem Sinne passt das Ende wieder hervorragend. Es ist eben kein Krimi/Thriller, es ist ein Roman um die spannenden Verwicklungen Cambridges in die Geschichte der Geheimdienste.

Fazit:
Ein spannender Roman um die Cambridge 5, aber auch um die immer noch anhaltende Verwicklung von Cambridge in die Geschichte der Geheimdienste. Wer weiß schon genau, wer ein Spion ist? Schaut Euch Eure/n beste/n Freund/in lieber nochmal genauer an!


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Die Stunde der Entführer – Robert Wilson


Robert Wilson – Die Stunde der Entführer
Verlag: Goldmann
Übersetzer: Kristian Lutze
479 Seiten
ISBN: 978-3442314287

 

 

 

 

Immer wieder stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, in der Mitte einer Serie einzusteigen oder eben beim Anfang zu beginnen. Ich habe schon verschiedene Erfahrungen gemacht. Manchmal klappt es gut, wenn man mittendrin einsteigt, manchmal weniger gut. Und ich hatte sogar schon ein oder zwei, bei denen es gar nicht geklappt hat. Nichtsdestotrotz muss man es manchmal probieren, denn seien wir mal ehrlich, man kann nicht jeder Serie von Anfang an folgen oder wenn man sie eben erst spät entdeckt, noch alle vorigen Teile aufholen. Hier habe ich mir nun also den dritten Teil um Charles Boxer geschnappt, einen Spezialisten für Entführungsfälle, der sich auch nicht scheut, härtere Maßnahmen zu ergreifen. Der Einstieg bei Teil drei war kein Problem, doch zufrieden bin ich dennoch nicht.

In London werden innerhalb von wenigen Stunden die Kinder von 6 Milliardären entführt. Die Altersspanne der Entführungsopfer geht vom Kind bis zum jungen Erwachsenen und zieht sich durch mehrere Nationalitäten: mit dabei sind die USA, Russland, China und Indien. Die Eltern sind nicht nur sehr reich, sondern durch ihre Geschäfte zumeist auch in der Politik verbandelt, was die Sache äußerst kompliziert macht. Die Ermittlung führt Mercy Danquah, Charles Boxers Ex-Freundin. Doch nicht nur diese Verbindung zieht Boxer in den Entführungsfall, sondern auch eine neue Klientin. Siobhan sucht ihren Vater Conrad Jensen, der vor einigen Tagen spurlos verschwunden ist. Der Anwalt der Familie hat Siobhan zu Boxer geschickt, um zur Not auch von Boxer speziellen Fähigkeiten Gebrauch zu machen. Boxer ist nahe dran, den Fall abzulehnen, gibt sich aber doch geschlagen. Auch Amy, seine Tochter, die mittlerweile bei seiner Organisation LOST mithilft, um lange zurückliegende Verschwundene wieder aufzuspüren, wird mit in die Ermittlung gezogen. Doch auch wenn es anfänglich nach zwei verschiedenen Ermittlungen aussieht, gibt es eine Verbindung.

Die Entführung reicher und so unterschiedlicher Kinder zieht ganz verschiedene Organisationen an. Die Ermittlung liegt vielleicht bei der Londoner Polizei, doch im Hintergrund mischen die verschiedensten Geheimdienste fröhlich die Karten, ohne sich dabei hineinsehen zu lassen. Die Milliardäre sind nun auch nicht die einfachsten Menschen, so dass jeder einen eigenen Unterhändler hat und das Chaos perfekt ist. Die Entführer allerdings, sind durchaus gut strukturiert und überlegt. Das zeigen nicht nur die sechs kurz nacheinander ausgeführten Entführungen, sondern auch die Verhandlungen. Es wird kein Lösegeld verlangt, sondern eine Aufwandsentschädigung für den Aufenthalt der Geiseln und es wird auch nicht einzeln verhandelt – ein Unterhändler wird bestimmt.
Man mag es kaum glauben, aber den Entführern geht es tatsächlich nicht um Geld, es werden politische Forderungen gestellt – aber genau da ist der Haken: die genaue Motivation kommt erst ganz zum Schluss heraus und ist dann auch nicht mehr wichtig, denn es ist ja schon vorbei.

Die Hauptfiguren – Boxer, Mercy und Amy – fand ich alle ganz gut, wenn auch mit Klischees nicht gegeizt wird. Charles Boxer vertritt dabei den stereotypischen Helden: für Recht und Gerechtigkeit verkloppt er auch gerne mal die Bösen und findet letztendlich die Entführten quasi im Alleingang. Und natürlich sieht er rot, wenn es um die Familie geht. Bei den Nebenfiguren sticht vor allem Siobhan als etwas andere Femme Fatale heraus. Schade ist, dass die Entführten oder gar die Entführer nicht zu Wort kommen, hier hätte man dann zwar noch ein, zwei weitere Ebene eröffnet, aber eben andere Perspektiven eröffnet. Dies hätte für Abwechslung gesorgt und man hätte auch die Motivation der Entführer besser verstanden. Doch sowohl Entführte als auch Entführer sind quasi nur schmückendes Beiwerk. Insgesamt hätten andere Perspektiven spannende Einblicke eröffnen können, z. B. auch bei einem der Geheimagenten stelle ich mir das interessant vor.

Ein komplexes Szenario, viele Mitspieler und Parteien, viele Heimlichkeiten und doch irgendwie unrund. Es passiert so viel und doch irgendwie nicht. Der Fokus liegt auf Charles Boxer, ab und an auch bei Mercy. Beide haben zusätzlich noch mit privaten Problemen kämpfen müssen. Die Geschichte nimmt kurz Fahrt auf, aber tuckert dann irgendwie vor sich hin, so bis zur Hälfte, bis sie dann endlich in Schwung kommt. Das Ende wird relativ kurz abgehandelt, die Beweggründe der Entführer zwar dargestellt, doch warum Boxer nun mit im Spiel sein musste ist für mich unzureichend erklärt worden. Aber vielleicht passt das ganz gut, denn irgendwie, auch wenn der Fall an sich geschlossen ist, gibt es einen hintergründigen Handlungsstrang, der weitergeht. Allerdings ohne mich – das Buch konnte mich jetzt nicht so überzeugen, dass ich mir den nächsten Teil holen würde.

Fazit:
Durchschnittlich – der Fall nimmt ab der Mitte Fahrt auf, doch irgendwie ist das Ganze unrund. Ein komplexes Szenario mit vielen Parteien, aber keinen anderen Perspektiven. Schade.


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Hü und hott: Schwesterherz – Felix Francis

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Felix Francis – Schwesterherz
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Malte Krutzsch
398 Seiten
ISBN: 978-3257243499

 

 

 

 

Pferderennen – ein Thema, mit dem ich wenig bis wirklich gar nichts anfangen kann. Gibt’s sowas überhaupt in Deutschland? Mir fällt da spontan nur Ascot ein…  Aber tatsächlich gibt es in Deutschland doch einige Trab- oder Galopprennbahnen, wie ich nach ein wenig Recherche herausgefunden habe. Für mich ziemlich überraschend, wobei ich eine Entschuldigung vorbringen kann. Die Zeit hat sich hier die Mühe gemacht und eine Deutschlandkarte mit den vorhandenen Pferderennbahnen versehen und in meinen Heimaten Franken & Baden-Württemberg ist anscheinend Pferderennen nicht so beliebt – es ist quasi der„grüne“ Fleck auf der Karte. Bezüglich Englands fallen mir aber weiterhin nur Ascot und viele hässliche Hüte ein. Damit war es das aber auch. Das hat sich nun aber gehörig geändert.

Mark Shillingford ist Kommentator von Pferderennen, sowohl direkt beim Rennen als auch im Fernsehen vertreten. Als er seine Schwester Clare, eine Jockey, beim letzten Rennen absichtlich langsam reiten sieht, spricht er sie beim gemeinsamen Abendessen an und verdirbt beiden den Abend. Ein Rennbetrug kann das Ende ihrer Karriere bedeuten, doch selbst Mark hat das Rennen mehrmals sehen müssen, um sich Clares Betrugs sicher zu sein. Einige Stunden später ist Clare tot – Selbstmord vom Balkon eines Hotels. Ist er schuld am Tod seiner Schwester? Hat er mit seiner Anschuldigung Clare in den Tod getrieben? Mark macht sich schwere Vorwürfe, doch so richtig kann er an die Selbstmordtheorie nicht glauben. Steckt etwa mehr dahinter und es war ein Mord?

Beide Shillingfords, im Übrigen Zwillinge, träumten schon als Kind vom Pferderennsport und einer Karriere als Jockey. Mark wurde allerdings zu groß und kräftig, so dass es nur Clare möglich war, diese Laufbahn einzuschlagen. Doch Mark bleibt in der Nähe – der Sport hat es ihm angetan. Der Vater der beiden ist nicht einfach, ihre Geschwister mehr als 10 Jahre älter, so dass die beiden Zwillinge noch näher zusammen rücken. Doch in letzter Zeit haben die beiden sich auseinander gelebt. Marks Entdeckung von Clares Rennmanipulation treibt einen Keil zwischen die beiden, da helfen auch die Nachrichten nicht, dass Clare seit Kurzem glücklich in einer neuen Beziehung ist. Nach dem Essen versucht Clare hin anzurufen und er geht nicht ran – dann stürzt sie vom Balkon. Oder wird gestoßen. Mark macht sich schwere Vorwürfe, aber auch sein Vater kämpft mit Schuldgefühlen.  Marks Zwiespalt zwischen seinen Schuldgefühlen und dem Wunsch, den Tod seiner Schwester aufzuklären ist deutlich zu sehen. Immer wieder wird er von seiner Trauer eingeholt, auch wenn ihn seine vertraute Umgebung, die Rennbahnen, an seinem Plan festhalten lassen.

Eigentlich ist sofort klar, dass wenn der Selbstmord keiner war, dann kann das Mordmotiv nur im Pferderennsport zu suchen sein. Und wer ist da besser geeignet, den Täter zu finden, als ein Beteiligter des Trubels? Die Polizei ist mit der Selbstmordtheorie sowieso ganz zufrieden (und der Inspektor gleich mal in Urlaub gefahren) und mehr Kenntnis im Rennsport als Mark Shillingford kann sie auch nicht aufweisen. Und so verbringt der Leser mit Mark seine Stunden auf den verschiedenen Pferderennbahnen, bzw. immer darüber, denn dort sitzen die Moderatoren und Kommentatoren. Man geht mit ihm zu Trainern, Jockeys und in Ställe, trinkt ein Gläschen mit den Pferdebesitzern und versucht auch nur ansatzweise die Pferdenamen und Jockey-Farben auseinander zu halten – natürlich vergeblich. Das überlässt man dann lieber den Profis, Mark zum Beispiel.

Ich persönlich lerne immer gerne etwas aus Büchern und auch diesmal wurde ich nicht enttäuscht. Der Pferderennsport ist mir so fern wie der Mond von der Erde und nach dem ersten Kapitel habe ich befürchtet, es bleibt so. Doch man kommt rein in die Welt der Pferderennen. Pferderennsport – ein Sport der Reichen? Auch. Klar sind die Besitzer oft sehr reich, doch es ist ein ganzer Tross, der daran beteiligt ist, ganz zu schweigen von denen, die auf die Pferde wetten. Ein spannender Einblick in eine ganz andere, mir unbekannte Welt: den Pferderennsport.

Natürlich fällt Mark mit seinen Fragen auf. Er stochert in verschiedenen Wunden, mehr nebenbei, aber doch penetrant. Er stöbert im Hotel und besorgt sich das Band der Überwachungskamera, tritt einigen Leuten dabei auf den Schlips und muss auch einige Anschläge auf sein Leben überstehen. Doch auch wenn dies aufregende Momente für Mark und den Leser sind, ist „Schwesterherz“ eher ein ruhiger, aber packender Krimi. Die Kombination des Kennenlernens und Austarieren einer für mich vorher fremden Umgebung gepaart mit einem Krimifall und dem bedächtigen, aber hartnäckigen Mark Shillingford haben mir tolle Lesestunden beschert.

Bitte aber nicht – wie ich – Felix Francis mit seinem Vater Dick verwechseln, einem Veteran im Krimi-Genre. Ob der Sohn in die Fußstapfen des Vaters passt, kann ich nicht beurteilen, da dies mein erster „Francis“ ist, allerdings widmen sich beide wohl ihrem Lieblingsthema: dem Pferderennsport.

Fazit:
Zwischen Pferden und Geld sucht Mark Shillingford den Mörder seiner Schwester – ein packender Kriminalfall im Pferderennsport, der es schafft, einem den Sport näher zu bringen. Fesselnd!


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Opfergaben: Miss Terry – Liza Cody

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Liza Cody – Miss Terry
Verlag: Argument Verlag
Übersetzerinnen: Grundmann & Laudan
286 Seiten
ISBN: 978-3867542197

 

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Sie hat es wieder geschafft. Liza Cody hat mich restlos begeistert. Mit „Miss Terry“ hat sie mich durch alle Gefühlswelten geschickt. Ich habe gefiebert, gelitten und gelacht, ich habe mit Miss Terry gekocht, gefroren und Mosaiksteinchen verlegt.  Ich war entsetzt, ob der Schnelligkeit, wie jemand in eine Schublade gesteckt wurde. Ich war wütend, wie dämlich die Polizei sein kann. Ich war fassungslos, wie rasant aus Freunden und Nachbarn Gegner werden. Ich war verzweifelt, als ich mit Miss Terry durch die nächtlichen Straßen von London gestreift bin. Ich war glücklich, als es einen kleinen Lichtblick gab. Ich war stolz, als Miss Terry ihr Leben endlich in die Hand nahm und am Ende war somit nicht nur Miss Terry zufrieden, sondern auch ich.

Nita Tehri wohnt in der Guscott Road. Sie versteht sich mit Ihren Nachbarn, hat aber keinen näheren Kontakt. Man sieht sich halt. Sie ist Lehrerin an einer Grundschule und ihr Leben läuft tagtäglich die gleiche Bahn entlang. Doch dann wird das Haus, welches ihrem gegenübersteht, verkauft und saniert. Und da taucht er auf, der rote Container, in dem die Handwerker ihren Bauschutt werfen. Aber nicht nur die entsorgen dort Müll. Neben unendlich vielen, vergammelten Weihnachtsbäumen, Türen, Kühlschränken und Mülltüten wird dem „Altar der roten Containergöttin“ eines Nachts auch ein totes Baby dargebracht. Das Baby ist „braun“ – und wer hat noch diese Hautfarbe in der Guscott Street? Plötzlich zeigen alle Finger auf Nita, jeder scheint irgendetwas Belastendes über sie zu wissen und auch die Polizei sieht in Nita eine sehr wahrscheinliche Kindsmörderin. Doch Nita hat weder ein Baby geboren, noch eins umgebracht. Wer also war es? Und wie bekommt Nita ihr langweiliges Leben wieder zurück?

Nita hat sich von ihrer Familie losgesagt, als ihre Eltern versucht haben, sie mit dem Mann zu verheiraten, der sie vergewaltigt hat. Somit lebt Nita ein zurückgezogenes und einfaches Leben. Ständig ist ihre Familie in ihren Gedanken, ob nun im Guten wie ihre Geschwister, zu denen sie ab und an heimlich Kontakt hat oder im Schlechten wie ihre Eltern, besonders ihr Vater, der als Bedrohung ständig über ihr zu schweben scheint. Freude bereitet ihr eigentlich nur das Zubereiten von kulinarischen Köstlichkeiten, das Unterrichten, welches sie sich durch ihr Studium ermöglicht hat, ist eben ein Job. Sie ist unscheinbar und taucht in der Hektik Londons unter, einzig an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer Wohnstraße hat sie ein wenig Kontakt zu ihren Mitmenschen.

„Warum sah sie eigentlich nie jemanden hineinwerfen? Es war, als würde der Container seinen Inhalt von aus hervorbringen, ein riesiges rotes Eisenschwein, das unendlich abferkelte. Nitas müder Schädel produzierte das Bild einer monströsen modernen Fruchtbarkeitsgöttin, die unablässig Weihnachtsbäume, Türen und Öfen gebar.“ (S. 8)

Doch als die „rote Metallgöttin“ auftaucht, gerät Nitas Leben aus den Fugen und das völlig ohne ihr Zutun. Plötzlich sind ihre Nachbarn misstrauisch ihr gegenüber, die Kollegen vorsichtig, die Polizei zudringlich. Zuerst ohne ersichtlichen Grund meiden die Leute sie, plötzlich ist ihre Hautfarbe wichtig sowie die Tatsache, dass sie in letzter Zeit abgenommen hat. Wie geschickt die Leute es machen, fast niemand spricht direkt mit Nita oder beschimpft sie. Alles passiert heimlich oder hinter vorgehaltenen Händen. Flüstern, Blicke, die Gehsteigseite wird gewechselt – das sind nur die kleinen Übel, bis es dann zu Schmierereien und Übergriffen kommt.
Nita ist machtlos. Sie hat gelernt Obrigkeiten nicht zu widersprechen. Sie kennt kaum jemanden näher und hat keine Unterstützung. Einen Anwalt hat sie nie gebraucht, also woher einen guten Rechtsverdreher bekommen?

Es schleicht sich ganz leise ein und zerrt die Vorurteile, die alle immer so schön zu verstecken suchen, hervor. Es zeigt, wie Kleinigkeiten sich hochschaukeln können, denn in der Masse fühlen wir uns sicher – wenn alle Nachbarn Nita meiden ist es doch ok, wenn wir sie auch meiden oder? Und es können ja nicht alle unrecht haben – sie hat bestimmt was getan. Man sieht es ihr doch schon an. Ganz ohne in die Köpfe der Personen im Buch zu gucken, weiß man, was diese denken, wie sie sich rechtfertigen. Wie sie damit leben können, ein Leben im Namen des guten Rechts, als besorgter Bürgers, zu vernichten.

Argh – schreien hätte ich können, ob der Ungerechtigkeiten, die Nita in dem Buch geschehen.  Ein Buch, welches mir ein beständiges Grummeln im Magen und ein Brüllen im Kopf verursacht hat. Dabei ist Nita so ein zartes, vorsichtiges Persönchen, niemanden will sie zur Last fallen. Sie möchte nach den Regeln leben und sich anpassen. Und natürlich muss Nita erst nochmal richtig auf die Nase fallen, bevor sie sich aufrafft und endlich für sich eintritt. Und herausfindet, dass sie jemand ist und wer sie sein möchte. Und dass sie, überraschenderweise, gar nicht allein ist.

Und ganz nebenbei gibt es natürlich auch einen Kriminalfall, das tote Baby, im roten Ungetüm gefunden. Und natürlich findet Nita heraus, wer das Baby dort entsorgt hat. Aber ja, ein typischer Krimi ist auch dieses Buch von Liza Cody nicht, aber ein Leseerlebnis, ein Monument, welches uns einen Spiegel vor Augen hält.

Fazit:
Liza Cody zählt mittlerweile zu meinen Lieblingsschriftstellerinnen und auch mit „Miss Terry“ hat sie meine Erwartungen wieder übertroffen. Sozialkritisch, aktuell und aufwühlend – mit einem Kriminalfall garniert. Absolut lesenswert – wer noch kein Weihnachtsgeschenk für einen Bücher-/Kirmiliebhaber hat, sofort zugreifen!


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Kopie oder Hommage?: Mord in der Mangle Street – M.R.C. Kasasian

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M.R.C. Kasasian – Mord in der Mangle Street
Verlag: Atlantik
Übersetzer: Johannes Sabinski und Alexander Weber
397 Seiten
ISBN: 978-3455600513

 

 

 

 

Wenn man sich auf einen viktorianischen Krimi einlässt, dann lässt sich ein Vergleich zu Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes einfach nicht vermeiden. Zu gut kennen wir Krimileser die Zeit, die Gesellschaft, die Umstände in London zu Zeiten Königin Victorias. Wenn man nun also einen Krimi schreibt, der in dieser Zeit spielt, einen Detektiv einsetzt, der logisch schlussfolgert und mit einer gewissen Arroganz in Fällen stöbert, und diesem eine medizinisch nicht unwissende Begleiterin an die Seite stellt, fragt man sich schon: Kopie oder Hommage? Der Autor geht mit diesem Konflikt recht offen um und versucht erst gar nicht, den Vergleich abzuwenden, sondern spielt bewusst mit diesem Kniff. Ein Pluspunkt in diesem viktorianischen Krimi, der mich mit einem mittelmäßig bis gutem Eindruck zurück lässt.

William Ashby wurde wegen des Mordes an seiner Frau verhaftet und bittet Sidney Grice, den besten Privatdetektiv von London, per Brief und durch seine Schwiegermutter, Mrs. Dillinger, um Hilfe. Doch erst die finanziellen Mittel, welche March Middleton, die erst kürzlich zu Mr. Grice als Mündel gestoßen ist, anbietet, können ihn dazu überreden, den Fall anzunehmen. Doch Marchs Hilfe ist an eine Bedingung gebunden: sie möchte bei den Ermittlungen dabei sein. Grice ist von Anfang an von Ashbys Schuld überzeugt, derweil March für Ashbys Unschuld plädiert. Also macht sich das ungleiche Paar auf – zum Tatort, zum Leichenschauhaus, zum Gefangenen. Und da March nun eben nicht das zartbesaitete Wesen ist, welches Männer immer gern haben möchten, gibt sie dem eingebildeten, kaltherzigen Ermittler mit dem Glasauge, immer wieder fleißig Kontra und trägt so ihren Soll zu den Ermittlungen bei. Doch letztendlich bleibt die Frage: ist Ashby schuldig oder unschuldig?

Sidney Grice erinnert sehr stark an Sherlock Holmes, doch ein paar Unterschiede gibt es schon. Er ist wesentlich arroganter und selbstgefälliger, ein eitler Fatzke, der sich immer im Recht glaubt oder es zur Not auch so auslegt, dass er Recht hat. Warum er March als Mündel aufgenommen hat, ist höchst fraglich, wobei er durch den ersten Fall natürlich finanzielle Vorteile hat. Sein Kopf tüftelt nebenbei immer an Ideen für Erfindungen und so ist es kein Wunder, dass er bald wohl einen Vorgänger der Thermoskanne mit sich herumträgt. Schließlich ist das einzig anständige Getränk, welches den Namen verdient, Tee, und dieser hat gefälligst niemals lau zu sein oder gar mit Milch versetzt. Vegetarier ist Grice im Übrigen auch noch.
Im Gegensatz hierzu stellt der Autor March Middleton in den Ring. Die junge Frau zieht nach dem Tod ihres Vaters, einem Arzt, zu Sidney Grice in die Großstadt. March mag zwar eine Landpflanze sein, doch mit ihrem Vater war sie auch im Krieg und hat Verwundete versorgt, so dass sie der Besuch im Leichenschauhaus nun nicht schrecken kann. Als Frau  muss sie sich natürlich Bemerkungen – von beleidigend bis arrogant – anhören, was eine Frau so zu tun und zu lassen hat. Und dazu gehört natürlich keinesfalls Gin zu trinken oder zu rauchen – und so macht sie das mehr oder minder heimlich. Natürlich ist es ungewöhnlich, eine Frau in dieser Zeit so selbstbewusst auftreten zu sehen. Doch meines Erachtens bleibt der Geschichte gar nichts anderes übrig – eine zurückhaltendere Frau würde neben dem extrovertierten und bestimmenden Mr. Grice völlig untergehen.
Dieses absonderliche Paar macht zwar auf der einen Seite Spaß, auf der anderen Seite ist es aber auch an manchen Stellen sehr anstrengend, da beide eben Stereotype bedienen. Zu überzogen ist Grice, zu liberal March, auch wenn die dadurch wie Zahnräder ineinander greifen. Aber eben das ist das Problem: es gibt keine Überraschung in ihrem Verhalten – man weiß von Anfang an, worauf man sich einlässt.

Der Kriminalfall, der von Anfang an eine Frage aufwirft, die einen geübten Krimileser schon auf die Lösung bringen kann, war aufgrund dessen zwar nicht sonderlich spektakulär, aber durch das Setting und das Flair der verdreckten Großstadt London äußerst vergnüglich. Wenn March und Grice durch den Kanal hinter dem Tatort waten, die verzogenen Türen weder auf noch zu gehen und es eben keinen kümmert, dass das Zündholzmädchen, welches vor dem Eingang sitzt, dort immer noch sitzt, weil es verstorben ist – so ist das London dort, wo keiner hinsehen will. Ein paar bessere Gegenden gibt es natürlich auch (als ob der beste Detektiv von London in einem Dreckloch hausen würde), aber genau diese Gegensätze der Metropole zeigen ein authentisches Bild.

Zum einen ist es die Atmosphäre, die das viktorianische Zeitalter so spannend macht, aber eben auch die Art der Ermittlung. Die Forensik steckt in den Kinderschuhen, ach was, in den Babysöckchen, Befragungen sind das A und O, die Polizisten sind gespickt von Vorurteilen und oft ist nur durch Beobachtungsgabe der Täter zu ermitteln. Da kommt ein Ermittler mit der herausragenden Fähigkeit zur Beobachtung natürlich recht, vor allem, wenn er noch ein Faible für Erfindungen hat und auch ein Pülverchen bieten kann, um Blutspuren nachzuweisen. Ob das Blut dann tatsächlich von der Tat stammt, ist natürlich wieder eine andere Sache. Wie sehr sich die Ermittler doch heutzutage auf die Forensik verlassen, wie wenig die Ermittler damals hatten und nur über Vermutungen drauf gekommen sind, wie es sich abgespielt haben könnte. Denn letztendlich ist damit dann oft ein Geständnis heraus gekitzelt worden und nur so konnten die Vermutungen bestehen.

Eigentlich bin ich nicht dafür Bücher oder auch Serien zu vergleichen, doch hier springt einem der Vergleich quasi ins Gesicht, so dass man sich dem nicht erwehren kann. Und da muss man leider sagen: an das Original kommt einfach keiner ran. Wenn man sich allerdings von diesem Vergleich löst, bleibt eine vergnügliche Ermittlung in der viktorianischen Zeit übrig, die mit einem sonderbaren und sich gegenseitig triezenden Paar aufwarten kann. Für mich war der Ausflug ins viktorianische Zeitalter eine erfrischende Abwechslung.

Fazit:
Im Vergleich zum Vorbild muss das Buch leider Federn lassen, doch wenn man sich nicht darauf versteift, bleibt ein vergnüglicher Ausflug in die viktorianische Zeit mit natürlich dem (fast) besten Ermittler Londons.


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Mit vielen Augen: Zeit zum Sterben – Mark Billingham

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Mark Billingham – Zeit zum Sterben
Verlag: Heyne
Übersetzerin: Irene Eisenhut
556 Seiten (inkl. der Kurzgeschichte “Schlag des Glücks”)
ISBN: 978-3453419513

 

 

 

 

Ach, Krimiserien. Es ist eine ewige Krux damit. Ständig werden neue Krimireihen begonnen und es gibt schon andere, die jährlich, manchmal sogar halbjährlich weitere Teile auf den Markt werfen. Fängt man Serien von vorne an? Bei einem Krimi ist es ja mitunter nicht so tragisch, wenn man mal einen Teil herauszieht und noch keinen der Vorgänger kennt. Manchmal aber schon. Diese Überlegungen entfallen allerdings völlig, wenn man total uninformiert zu einem Buch greift, es liest und dann erst am Ende, in der Kurzbeschreibung über den Autor, feststellt, dass es sich um eine Serie handelt. Und man gerade Band 13 gelesen hat – auch wenn nicht alle ins Deutsche übersetzt und veröffentlicht wurden. Bei „Zeit zum Sterben“ ist mir das überhaupt nicht aufgefallen. Ja, es gab Stellen, in denen ein Bezug zu vorigen Fällen hergestellt wurde – jedenfalls vermute ich das – doch die waren für die Krimihandlung in diesem Teil unerheblich. Also warum nicht einfach manchmal den Sprung ins kalte Wasser wagen und mittendrin in einer Reihe anfangen?

Tom Thorne, Ermittler bei der Polizei in London, ist mit Helen Weeks, auch Polizistin, in Urlaub. Das Leben kann schön sein – allerdings bloß nicht zu viel wandern. Als dann die Nachrichten berichten, dass ein Verdächtiger im Fall der beiden kurz nacheinander verschwundenen Teenagermädchen Jessica Toms und Poppy Johnston verhaftet wurden, ist Helen erschüttert. Die Frau des Verhafteten, Stephen Bates, ist ihre frühere beste Freundin Linda. Sofort entschließt sich Helen, zu Linda zu fahren und ihr beizustehen – ob mit Tom oder ohne. Doch Tom kommt mit und kann seine Spürnase auch nicht ganz raushalten, natürlich zum Missfallen der ortsansässigen Polizei.

Die alles entscheidende Frage ist, ob Stephen Bates der Täter ist. Das erste Mädchen wird kurze Zeit später notdürftig im Wald verscharrt gefunden, doch wo ist Poppy? Bates hüllt sich in Schweigen – schweigt er, weil er der Täter ist oder eben weil er es nicht ist und somit einfach nicht weiß? Diese Frage garantiert eine kontinuierliche, leise Spannung, ganz ohne reißerische Action und weitere Entführungen oder Leichen. Die Ermittlung bzw. die Suche nach dem bzw. die Bestätigung des Täters ist nicht neu oder aufregend, entführte Mädchen gibt es in Kriminalromanen ja leider zuhauf. Interessant wird das Buch durch die Sichtweisen der verschiedenen Personen im Umkreis der Ermittlungen und des Verhafteten.

Durch Helen Weeks ist man dabei, wenn Linda Bates ihren Mann vehement verteidigt und von seiner Unschuld überzeugt ist. Aber auch, wenn sie ihre pubertierende Tochter Charli fragt, ob Stephen wohl jemals Hand an sie gelegt hat. Auch die beiden Kinder, Charli und Danny, machen sich die unterschiedlichsten Gedanken, meiden Facebook, nörgeln über den Verlust ihrer elektronischen Geräte und fragen sich, welche Freunde wohl hinter ihnen stehen. Tom Thorne schnüffelt ja nun in dem Fall und so ist er zumindest hin und wieder bei den Ermittlungen dabei, auch wenn er dafür ständig Rüffel kassiert. Auch das Dorf macht er unsicher, lauscht auf Gerüchte und stößt auf die Geschichte eines vermissten Ferkels. Auch die Presse, die wie die Aasgeier, das Bates Haus, aber auch das Dorf umkreisen, ist Segen und Fluch zugleich.

Diese Betrachtung des Falles und des Verhafteten von allen Seiten erzeugt einen Sog, dem man gerne weiter folgt und sich in die Tiefen des Krimis ziehen lässt. Auch wenn der Krimi mit über 500 Seiten äußerst dick ist, war er mir an keiner Stelle zu viel und ich habe ihn immer mit Spannung gelesen, auch wenn der Entführungsfall nur alte Muster wiederholt. Das Kaleidoskop der Figuren sowie die Frage, ob Stephen Bates nun der Täter ist oder nicht, halten den Leser, also zumindest mich, in Bann. Und es war schön, mal wieder in England zu weilen – da war ich literarisch schon länger nicht mehr.

Fazit:
Ein kurzweiliger Krimi, der sich weniger durch den Kriminalfall trägt, als durch die verschiedenen Perspektiven um die Ermittlung und den Verhafteten herum.