Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


1 Comment

Private Eye: Stumme Schuld – Mitra Devi

9783865320797
Mitra Devi – Stumme Schuld
Verlag: Pendragon
232 Seiten
ISBN: 978-3865320797

 

 

In Nora Tabanis Privatdetektei platzt eine Frau und behauptet ihren Mann ermordet zu haben. Sophia Maar spricht kein Wort, ist stumm und verständigt sich über schriftliche Botschaften. Und die Botschaft, die sie Nora unter die Nase hält, lautet “Ich habe meinen Mann umgebracht”. Nora kann der Frau nicht so recht glauben, beschließt aber, mit ihr nach Hause zu fahren und die Lage zu überprüfen. Die Wohnung der Maars zeigt weder die Leiche von Stefan Maar noch Spuren eines Kampfes oder Mordes. Sophia ist verwirrt, Nora fühlt sich bestätigt in ihrem Verdacht, dass die Frau nur verwirrt ist und empfiehlt ihr psychologische Beratung. Daraufhin weist Sophia Maar ihr die Tür und Nora kehrt in die Detektei zurück, um sich um ihren einzigen anderen Fall zu kümmern: ein anonymer Anrufer belästigt Frau Zwicker, eine ältere Dame, die zur Freude von Nora und ihrem Kollegen Jan immer frisch gebackene Plätzchen bei ihren Besuchen mitbringt.
Doch am nächsten Morgen steht es in der Zeitung: Stefan Maar wurde tot aufgefunden, in einer Kiesgrube. Und Sophia Maar ist verschwunden. Hätte Nora doch mehr tun sollen? Ist Sophia Maar wirklich stumm? Und hat sie wirklich ihren Mann umgebracht? Oder handelt es sich um den raffinierten Schachzug einer Psychopathin?

Nora Tabani hat sich nach ein paar wenigen Jahren von der Polizei getrennt und sich mit einer Detektei selbständig gemacht. Das Verhältnis zu ihren alten Kollegen ist gut und wenn Nora mal Informationen braucht, wird zwar lang und breit darauf hingewiesen, dass man zu laufenden Ermittlungen nichts sagen kann, dann aber doch der ein oder andere Hinweis ganz unbewusst eingeflochten. Günstigerweise hat sie gleich in ihrem Wohnhaus eine Möglichkeit fürs Detektivbüro gefunden und per Anzeige dann auch Jan, die treue Seele der Detektei. Fachfremd, aber gewiss nicht dumm und auch sehr motiviert, bringt er ein großes Plus für Nora: er katapultiert sie ins 21. Jahrhundert. Sein Laptop ist das neuste Modell und Nora will manchmal so gar nicht wissen, woher er seine Informationen so bezieht. Vor allem Bankdaten und so. Da schaut Nora mit ihrer alten Kiste schon aus der Wäsche, doch der alte Rechner wird dann – allerdings gezwungenermaßen – auch ersetzt. Die beiden ergänzen sich gut, auch wenn sich das Team noch einrüttelt. Jan ist zwar motiviert, aber gerade im detektivischen noch zurückhaltend, wenn es nicht gerade im Internet zu finden ist. Nora profitiert natürlich von ihrer polizeilichen Ausbildung und ihrer guten Spürnase. Auch wenn Jan sich reichlich Mühe gibt und die Gespräche mit ihm Denkanstösse geben, ist Nora der Kopf hinter der Detektei. Trotzdem ist es nicht einfach sich als Privatdetektivin zu etablieren und schwarze Zahlen zu schreiben. Der Fall von Sophia Maar verspricht schon mal keinen Geldsegen, aber zum Glück gibt es noch Frau Zwicker, die zum Glück nicht nur Plätzchen vorbei bringt, auch wenn diese äußerst lecker zu sein scheinen.

Verdächtige im Fall Maar gibt es genug: vom rechtspopulistischen Politikervater über den neidigen Kollegen bis zum Callboy, der für die gewissen Stunden gebucht war – doch wer hat ein Motiv? Und warum behauptet Sophia, dass sie ihren Mann umgebracht hat? Nora mag das nicht so recht glauben und fängt an, neben der Befragung der Verdächtigen, auch in Sophias und Stefans Vergangenheit zu wühlen. Manchmal scheint es schon fast zu einfach, wenn Nora einen Verdächtigen trifft und ausfragen möchte. Die Leute gehen davon aus, dass sie bei der Polizei ist und sie dementiert diese Meinung nicht. Nora glaubt dann, das Rätsel gelöst zu haben – tappt dann allerdings selten dämlich in eine Falle, die sich mit Großbuchstaben angekündigt hat. So war das Ende für Nora zwar noch reichlich brenzlig, aber eben auch mit einem Kopfschütteln verbunden.

Fazit:
Trotz einem leicht vermasselten Ende ein gelungenes Debüt mit der Privatdetektivin Nora Tabani. Ich stelle fest: ich mag Privatdetektivinnen. Bitte mehr davon!

Advertisements


3 Comments

Willkür: Hafturlaub – Petra Ivanov

329320726X
Petra Ivanov – Hafturlaub
Verlag: Unionsverlag
329 Seiten
ISBN: 978-3293207264

 

 

 

 

Es gibt gleich zwei Dinge, die mich nach Petra Ivanovs Krimi nicht in Ruhe lassen. Die Autorin, von der ich übrigens, bevor ich „Hafturlaub“ gefunden habe, noch nie etwas gehört habe, schreibt neben zwei Krimireihen noch Regionalkrimis, Jugendbücher und Kurzgeschichten. Eine sehr produktive Dame, diese Petra Ivanov. Mit „Hafturlaub“ ist nun der zweite Teil um das Ermittlerduo Jasmin Meyer und Pal Palushi erschienen. Eine Sache, die mich nun nicht ruhen lässt, ist die Frage, ob ich nicht besser mit dem ersten Teil hätte anfangen sollen. Ähnlich wie bei Bottinis Louise Boni hat auch Ivanovs Jasmin Meyer mit den Dämonen aus ihrer Vergangenheit zu kämpfen und da stellt sich nun mal die Frage, ob man nicht mit dem ersten Band hätte beginnen sollen oder ob man nun schon alles weiß und das gar nicht mehr braucht. Letztendlich hab ich ja nun schon den zweiten Band gelesen aber ich möchte den ersten Band trotzdem noch lesen. Zum einen ist dort ja trotzdem ein toller Kriminalfall enthalten – egal wie es nun um die Protagonisten steht und zum anderen, nun, wer weiß schon, ob man dann nicht noch ein wenig mehr über die Dämonen erfährt, auch wenn man natürlich den Ausgang dann irgendwie schon kennt.

Nun aber zum eigentlich Krimi – „Hafturlaub“. Jasmin Meyer, ehemalige Polizistin, versucht sich ihren Lebensunterhalt als Privatdetektivin zu verdienen. Viele Aufträge hat sie nicht, um nicht zu sagen, gar keinen. So ist sie froh als Milena Herzog sie engagiert, ihre Tochter Fanny zu beschützen. Sie hat Drohbriefe erhalten und fürchtet um die Sicherheit der Elfjährigen. Da die Ermittlungen der Polizei auch nicht so recht weiterkommen, erweitert Milena ihren Auftrag und Jasmin beginnt mit den Ermittlungen, herauszufinden, woher die Drohungen stammen. Da Milena Herzog in der Justizbehörde arbeitet und über Hafturlaube entscheidet, sind Verdächtige schnell gefunden. Ein Thema, worüber Pal Palushi gar nicht mit Jasmin einig ist. Als Strafverteidiger sieht er Hafturlaube als Chance für seine Mandanten, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Doch stecken vielleicht wirklich Strafgefangene oder deren Verwandte/Freunde hinter den Drohbotschaften an  Milena Herzog?

„Versteh mich nicht falsch, ich möchte Gewalttaten nicht bagatellisieren. Aber woher wissen wir, ob jemand tatsächlich rückfällig wird? Die Erwartung, die Justiz könne Straftaten voraussehen, ist absurd! Und dennoch ist das Strafrecht heute nicht mehr ausschließlich dazu da, Täter zu verfolgen und zu bestrafen, nein, es soll sogar Taten verhindern. Um dieses Ziel zu erreichen, wird das höchste Gut des Menschen geopfert – seine Freiheit.“ (S. 92)

Dies ist das zweite Thema, welches mich beschäftigt. Ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, wie es im deutschen Recht ist, aber in der Schweiz ist es wohl so, dass ein Gefangener, auch nach Ablauf seiner Strafe, noch in Verwahrung bleiben kann, wenn er denn als Gefährdung beurteilt wird. Das gilt dann schon, wenn er sich weigert an einer Therapie teilzunehmen aber auch mal, wenn er etwas Falsches dort offenbart und das als Gefährdung eingestuft wird. Im Buch mag dies noch überspitzt gezeichnet sein, doch wer vergibt hier das Recht, zu beurteilen, ob jemand rückfällig wird oder nicht?
Ah, ihr sagt jetzt, ja, aber lieber lassen wir alle Gefangenen lieber eingesperrt, bevor eine weitere Tat geschieht. Ja, gutes Argument. Und wo ist die Grenze? Bei allen Gefangenen oder nur bei bestimmten? Und wer legt das fest?
Genau die gleiche Willkür herrscht bei der Bewilligung der Hafturlaube, ein paar wenige Stunden, welche die Gefangenen am Ende ihrer Strafe schon in Freiheit verbringen dürfen. Meist allerdings trotzdem mit Aufpasser und natürlich genauem Urlaubsplan, aber keinesfalls mit dem Auto.
Ein sehr spannendes Thema, welches mich jetzt noch fesselt und grübeln lässt. Eine schwierige Diskussion. Auch ich will nicht, dass ein Mörder oder Vergewaltiger auf Hafturlaub oder weil er nicht „verwahrt“ wurde, rückfällig wird und eine weitere Tat begeht.

„Noch nie waren wir so wenigen Gefahren ausgesetzt. Doch jede einzelne Panne wird von den Medien hochgespielt. Ein Justizskandal […] verkauft sich gut. Dass kaum etwas schiefläuft, interessiert niemanden. Auch nicht, dass diese seltenen Pannen in keinem Verhältnis zur wirklichen Bedrohung stehen. Der Mensch verhält sich paradox. Im Alltag fürchten wir uns vor dem wenig Wahrscheinlichen, die wahren Gefahren aber übersehen wir.“ (S. 28)

Ich denke, es ist klar, dass die beiden Zitate von Pal Palushi stammen. Jasmin Meyer, selbst Opfer eines Übergriffs, ist da ganz anderer Meinung. Wegsperren soll man die – am besten für immer. Und so reiben sich die beiden, die sich eigentlich lieben, aneinander auf und weichen keinen Schritt von ihrer Meinung ab. Dabei steht die Beziehung der beiden eh nicht unter einem guten Stern, da Jasmin immer noch mit den Dämonen ihrer Vergangenheit, ihrem Ausgeliefertsein an einen Gewalttäter, kämpft.

Ach ja, es passiert übrigens überhaupt kein Mord und das Buch ist trotzdem spannend. Es ist die unterschwellige Bedrohung, die von den Strafgefangenen ausgeht, die sich rächen könnten, aber die Autorin erweitert dieses Portfolio noch um freie, noch nicht aufgefallene Täter und bringt somit noch einen weiteren Punkt in die Diskussion: Man mag vielleicht Gefangene auf ewig verwahren können, mit der Begründung, dass sie vielleicht rückfällig werden könnten, aber noch können wir nicht in den Kopf eines Menschen hineinsehen und dort zukünftige Straftaten sehen. Wir stellen nur Vermutungen an, auf Basis der schon geschehenen Taten.

Fazit:
Ein äußerst spannendes Thema, was einen fast übersehen lässt, dass man hier ein ungewöhnliches und erfrischendes Ermittlerpaar hat, welches sich nicht scheut, Grundsatzdiskussionen auszufechten.