Die dunklen Felle

Krimis, Schafe – und Felle.


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Unknown: Und dann gab’s keines mehr – Agatha Christie


Agatha Christie – Und dann gab’s keines mehr
Verlag: Atlantik
Übersetzerin: Sabine Deitmer
223 Seiten
ISBN: 978-3455650716

 

 

 

 

War ja klar, oder? Egal nach welchem Thema man sich umsieht, Agatha Christie kann hierzu auf jeden Fall etwas bieten. Die Queen of Crime war eben vielfältig. Und so konnte sie natürlich auch nicht umhin einen Krimi auf einer Insel spielen zu lassen. Nicht unerheblich für die Krimihandlung ist der Kinderreim „Zehn kleine Negerlein“, doch ganz überzeugt bin ich nicht, dass der Name der Insel nicht hätte verändert werden können, wie der Verlag in einem kleinen Vorwort darlegt. Aber sei es drum – viel wichtiger ist die Handlung, die auf dieser kleinen Insel vor Devon stattfindet.

10 Personen aus den unterschiedlichsten Schichten – mit dabei ein Richter, ein ehemaliger Polizist, ein Butlerehepaar und eine Sekretärin – werden von U. N. Owen für eine Woche auf eine kleine Insel eingeladen. Als die Gäste auf der Insel eintreffen, müssen sie feststellen, dass ihr Gastgeber nicht da ist und sich verspätet, doch nach dem Dinner ertönt plötzlich eine Stimme, die jeden der Gäste des Mordes anklagt.  Nach aufgeregtem Geplapper und entrüstetem Verneinen der Vorwürfe stirbt der erste Gast an einem vergifteten Drink, die zweite Leiche wird am nächsten Morgen gefunden. Die Insel wird abgesucht, doch die Gäste sind allein – noch sind es acht. Doch einer von ihnen muss ein Mörder sein.

Es soll ja tatsächlich viele Menschen geben, die verbringen ihren Urlaub gerne mal auf einer abgeschiedenen Insel. Ruhe, Entspannung und Einsamkeit, höchstens noch unterbrochen durch lautlos herum wieselnde Hotelangestellte, damit man sich ja nicht mit dem Zubereiten von Speisen oder ähnlich Anstrengendem beschäftigen muss. Die haben alle dieses Buch noch nicht gelesen! Sollten die aber dringend! Nicht, dass die auf SO einer Insel landen. So einer Insel, wie Christie sie sich erdacht hat. Einsam, ja. Ruhig, na ja, nur kurzfristig. Entspannung schon gar nicht. Und der Service lässt mit der Zeit auch zu wünschen übrig. [hier bitte diabolisch lachen]

Der Täter, der die 10 Gäste auf die Insel lotst, macht das natürlich aus einem bestimmten Grund. Und er hat es lange geplant. Sehr gut geplant. Er macht die Insel zu einem angenehmen Ort, aber einem einsamen Ort, einem vom Festland abgeschnittenen Ort. Und startet dann sein Spiel mit den Gästen. Das perfide daran ist nicht, dass Leute sterben – gut, das ist natürlich schon auch böse – aber viel trickreicher ist, dass es dem Täter gelingt, unter den Verbliebenen mehr und mehr Misstrauen zu säen.

Zugegebenermaßen viel es mir anfangs ein wenig schwer bei den Figuren die richtigen Namen zuzuordnen, denn diese lernt man alle auf der Reise kennen, auf welcher sie darüber resümieren, wie sie zur Insel eingeladen worden sind. Auf der Insel dezimiert sich der Personenkreis ja dann nach und nach (ich denke damit verrate ich nicht zu viel – oder hat jemand erwartet, dass auch 10 Personen die Insel wieder verlassen????), so dass man sich zum einen nicht mehr so viele Namen merken musste und zum anderen es ja, hüstel, weniger werden.

Aufgebaut hat der Täter seine Morde an dem Kinderreim „Zehn kleine Negerlein“, der sich auch in jedem Zimmer der Gäste abgedruckt an der Wand befindet. Das erlaubt es nicht nur dem Leser, sich nach und nach zu überlegen und zu grübeln, wie der Täter den jeweiligen Reim auf das nächste Opfer anwenden will, sondern auch den Opfern. Dies sorgt mitunter dafür dass die Opfer sich hie und da sicher wiegen – ob der Unwahrscheinlichkeit, die Mordmethoden in den Versen zu erkennen –  andererseits aber an immer größer werdende Panik, vor allem bei jungen Damen.

Ein Paradestück ist Agatha Christie hier gelungen. Man mag es von der „Queen of Crime“ nicht anders erwarten, doch zusätzlich zur gewohnten Finesse des Kriminalfalls bietet die abgelegene und abgeschottete Insel den besonderen Reiz dieses Krimis, der dann auch mit einem überraschenden und ausgeklügelten Ende aufwarten kann.

Fazit:
Die „Queen of Crime“ in Bestform: ein gewohnt ausgefeilter Kriminalfall, der durch das Setting auf der Insel das Besondere verliehen bekommt. Hervorragend!

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Insel-Spezial – Blogkooperative gemeinsam mit Kaliber.17

Foto: Fabrizio Bensc/Reuters

Ich freue mich ganz besonders, Euch heute eine weitere, fast schon traditionelle Blogkooperative mit dem Team von Kaliber.17 anzukündigen. In den nächsten zwei Wochen werden wir Euch mit Rezensionen zu Krimis beglücken, welche auf Inseln spielen. Los geht es am Montag, den 11.12.2017.

Zugegebenermaßen war ich erst gar nicht glücklich. Das Team von Kaliber.17 hat ein internes Brainstorming veranstaltet und mir eine Fülle von Themen zur Auswahl gegeben. Nachdem ich einige Themen, die mir gar nicht lagen, rausgeschmissen habe, sind dann noch ein paar wenige übrig geblieben und ich habe die finale Entscheidung Nora, Gunnar & Co. überlassen. Zurückgekommen sind sie dann mit dem Thema Inseln. Und dem Hinweis, dass das ja dann schon speziellen Inselcharakter haben sollte – also nicht einfach Irland sein soll, zum Beispiel, sondern – auch wieder nur beispielsweise – die Shetland Inseln.

Puh. Inseln. Das hat mich ganz schön vor eine Herausforderung gestellt. Aber gut, ich hab mal eine kleine Recherche gestartet und einfach mal nach dem Begriff „Insel“ gesucht und siehe da, doch einige Titel gefunden. Letztendlich bin ich dann bei fünf Titeln gelandet, die ich mir gut vorstellen konnte und hab mich überraschen lassen.
Glücklicherweise hatte ich ein recht gutes Händchen.

Was es denn nun für Krimis geworden sind? Seht selbst, denn hier ist die Liste der von uns gelesenen Bücher, in der Reihenfolge, in welcher wir die Rezensionen veröffentlichen werden:

Agatha Christie – Und dann gab’s keines mehr (Die dunklen Felle)
Tim Erzberg – Hell-Go-Land (Kaliber.17)
Matthew Reilly – Hell Island (Die dunklen Felle)
Dennis Lehane – Shutter Island (Kaliber.17)
Stephen King – Wahn (Die dunklen Felle)
Christian Buder – Das Gedächtnis der Insel (Kaliber.17)
Robert Masello – Eisiges Grab (Die dunklen Felle)
C. R. Neilson – Das Walmesser (Kaliber.17)
Georges Simenon – Mein Freund Maigret (Die dunklen Felle)
Peter May – Moorbruch (Kaliber.17)

So, und dann bleibt mir nur noch übrig, Euch viel Spaß mit unserem Spezial rund um Inseln zu wünschen!


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Blogkooperative Australien & Neuseeland-Spezial – gemeinsam mit Kaliber.17

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Ich freue mich ganz besonders, Euch heute eine Blogkooperative mit dem Team von Kaliber.17 anzukündigen. In den nächsten zwei Wochen werden wir Euch mit Rezensionen zu australischen und neuseeländischen Krimis beglücken.

Nach der Welle, die um südafrikanische Krimis herrschte und immer noch nicht abgeklungen ist, naht die nächste Trendwelle, auf die wir natürlich gerne aufsteigen. Australien und Neuseeland – zwei kriminell-literarisch noch recht unbekannte Länder hier in Deutschland (völlig zu unrecht, im Übrigen) – sollen Euch in dem Special näher gebracht werden. Ich würde mich freuen, wenn ihr den ein oder anderen Tipp hier bzw. bei Kaliber.17 mitnehmen könnt und Euch die beiden Länder nach dem Spezial näher gekommen sind.

Wir haben uns diesmal nicht ganz so viele Bücher vorgenommen, aber einen sehr breiten Blick ins Krimigenre der beiden Länder geworfen. Das Spezial beginnt morgen, am 12.12.2016, und wird Euch bis kurz vor Weihnachten fast täglich ein Buch per Rezension vorstellen, bevor es am 22.12.2016 dann den letzten Beitrag gibt.
Hier ist unsere Leseliste:

Garry Disher – Drachenmann (AUS) – Kaliber.17
Carl Nixon – Rocking Horse Road (NLZ) – DiedunklenFelle
Jane Harper – The Dry (AUS) – Kaliber.17
Candice Fox – Hades (AUS) – DiedunklenFelle
Paul Cleave – Zerschnitten (NLZ) – Kaliber.17
Alan Carter – Prime Cut (AUS) – DiedunklenFelle
Helen Garner – Drei Söhne (AUS) – Kaliber.17
Garry Disher – Gier (AUS) – DiedunklenFelle
Peter Temple – Die Schuld vergangener Tage (AUS) – Kaliber.17

Entgegen dem letzten Special habe ich diesmal keine Verlagsunterstützung angefordert, sondern einfach mal meinen SUB geplündert. Was dort nicht alles geschlummert hat…

So, und dann bleibt mir nur noch übrig, Euch viel Spaß mit unserem Spezial zu wünschen!


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Abschluss des Krimiklassiker Spezial und Gewinnspiel

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Ach, wie schade, dass schöne Sachen irgendwie immer schneller vorüber sind, als schlechte Dinge. So auch die Blogkooperative mit Kaliber.17 zum Krimiklassiker Spezial. 17 Rezensionen und zwei Porträts habt ihr auf unseren Blogs gesehen und gelesen, mit unserer Auswahl an Klassikern. Ein paar kanntet ihr bestimmt schon, ein paar vielleicht nicht und einige haben wir wieder in Erinnerung gerufen. Ich hoffe, Ihr hattet so viel Spaß an dem Spezial wie die Blogger von Kaliber.17 und ich.

Um Euch nun noch die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester zu vertreiben, wird sowohl das Team von Kaliber.17 sowie ich ein Gewinnspiel veranstalten. Bei mir gibt es folgendes zu gewinnen:

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Ein Paket aus den beiden Begründern des Hardboiled-Genres: Der Malteser Falke von Dashiell Hammett und Der große Schlaf von Raymond Chandler. Um das Paket zu gewinnen, habe ich mir ein kleines Kreuzworträtsel ausgedacht, welches gelöst werden kann, wenn man meinen Rezensionen aufmerksam gefolgt ist. Manch eine Frage lässt sich vielleicht auch so lösen, wenn nicht, kann man ja nochmal nachlesen. Das Kreuzworträtsel findet ihr hier anhängend als pdf. Das Lösungswort bzw. die Lösungswörter ergeben eine Aufforderung und auch darauf möchte ich eine Antwort. Keine Sorge, so schwierig ist es nicht. Hier kommt nun erst mal das pdf:

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Wenn ihr die Antworten herausgefunden habt, tragt diese bitte in das folgende Kontaktformular ein:

Der Einsendeschluss ist der 31.12.2015, 23:59 Uhr. Und jetzt bleibt nur noch zu sagen: viel Glück!

Ach ja, und eine Sache wäre da noch: Ich wünsche allen meinen Lesern frohe Weihnachten, ein paar ruhige Tage im Kreise der Familie und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
Ich mache vermutlich ein paar Tage Pause und melde mich dann aber auf jeden Fall am 1. Januar 2016 mit einem Jahresrückblick und den Gewinnern des Gewinnspiels zurück!

Das Kleingedruckte
Der Gewinner wird aus allen Teilnehmern ausgelost. Der Name/ Nickname des Gewinners wird nach der Auslosung auf meinem Blog veröffentlicht und der Gewinner außerdem per Email benachrichtigt (bitte denkt also daran, beim Kommentieren eine tatsächlich von euch genutzte Emailadresse zu benutzen). Die Adressdaten des Gewinners werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.


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Die schwarze Dahlie – James Ellroy

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James Ellroy – Die schwarze Dahlie
Verlag: Ullstein
Übersetzer: Jürgen Behrens
496 Seiten
ISBN: 978-3843710220

 

 

 

 

Es kann doch kein Zufall sein, dass James Ellroys „Die schwarze Dahlie“ das Ende des Klassikerspezials bildet, oder? Ellroy ist ganz sicher nicht das Ende der Entwicklung der Kriminalliteratur, doch hat Ellroy das Genre bis an seine Grenzen gebracht, so dass ein wahres Meisterwerk den Abschluss bildet. Wie Ellroy eben so ist, ein Meister auf seinem Gebiet. Und so bietet er einen wahrhaft gelungenen Abschluss des Klassikerspezials, denn hier stellen wir ja ausschließlich Meisterwerke des Genres vor.

Ein brutaler Mord rüttelt die Stadt der Engel auf. Elizabeth Short, von der Presse kurzerhand „Die schwarze Dahlie“ getauft, wird ermordet aufgefunden, gefoltert und in zwei Hälften zerteilt. Die Polizisten Dwight „Bucky“ Bleichert und Leland „Lee“ Blanchard ermitteln in der Sonderkommission und werden von dem toten Mädchen mehr und mehr in Bann gezogen. Vom Staatsanwalt als Unschuld vom Lande stilisiert doch eher eine Hure, reißt die Dahlie die beiden Cops in einen Sumpf aus Korruption, Hass und Verderben.

Realität ist ein Wort, welches ich in meinen letzten Rezensionen oft und gerne gebraucht habe. Aus dem Grund, dass die Hardboiled Autoren es sich eben auf die Fahne geschrieben haben, so realistisch wie möglich zu schreiben. Alle haben das unterschiedlich, aber mit Bravour erledigt, doch James Ellroy setzt dem ganzen nun noch ein Quäntchen oben drauf. Seine Realität ist roher, brutaler; er dehnt die Realität bis an ihre Grenzen, um dem Leser den Begriff Realität um die Ohren zu hauen. Und das begründet sich nicht nur darin, dass ein realer Kriminalfall dem Buch zugrunde liegt, sondern auch in seiner literarischen Umsetzung. Dicht gewebt schreibt Ellroy schonungslos und brutal und liefert ein stimmiges Bild von Kulisse, Charakteren und Handlung.

Die Stadt der Engel, die 40er Jahre, Filmsternchen und Baulöwen – die Geschichte um die beiden Helden Bucky Bleichert und Lee Blanchard setzt Ellroy an einen Ort und in eine Zeit, die ein ganz besonderes Flair ausstrahlen. Eine helle, leuchtende Welt, in der dieser grausige Mord reinplatzt. Doch dieser Dreckfleck auf der schimmernden Weste öffnet einen Einblick in die dreckigen Tiefen der glänzenden Filmstadt und zeigt ihre Verderbtheit.
Zugegeben, es dauert ein wenig, bis der Mord passiert, doch Ellroy nutzt die Zeit, um seinen Protagonisten Bucky Bleichert einzuführen. Bucky und Lee Blanchard tänzeln umeinander, so wie sie es auch als Boxer tun, bis sie schließlich Partner werden. Blanchard ist ganz klar der Anführer des Teams, welches mit Kay Lake, Ex-Gangsterliebchen und Freundin von Blanchard, zu einem Trio mutiert. Sobald die Dahlie auf der Bildfläche erscheint ist klar, dass beide ihre Obsession gefunden haben:

„Und natürlich wurden wir auch Partner. Rückschauend weiß ich [Bleichert], daß der Mann [Blanchard] keine hellseherischen Gaben hatte; er plante ganz einfach energisch seine Zukunft, während ich nur unsicher meiner eigenen entgegentrieb. Doch es war sein wegwerfend vorgebrachtes »Cherchez la femme«, das mich bis heute verfolgt. Denn unsere Partnerschaft führte uns auf den verpfuschten Weg zur Dahlie. Und am Ende war sie es, die vollständig von uns Besitz ergriff.“( S. 18)

Sie brechen Regeln, ermitteln heimlich, vernachlässigen ihre anderen Fälle. Doch Lee ist derjenige, der mehr gefangen ist, dessen Obsession nicht nur das Trio zerstört, sondern auch sein Leben. Die Dahlie lässt aber auch Bucky nicht los.

Die Dahlie, ein unschuldiges Mädchen vom Lande? Eher nicht. Ein Mädchen auf der Suche nach Liebe und Ruhm, zwischen Männern und Filmangeboten, beteiligt an einem Lesbenporno und sich für keinen krummen Filmauftrag zu schade, mit unzähligen Affären. Über die Lesbenszene gelangt Bucky in die Tiefen der Stadt der Teufel, zu den Reichen, den Mächtigen. Filmproduzenten und Baulöwen, Hollywood, schlechtes Baumaterial und Gemauschel unter Freunden. Ein Sumpf aus Korruption und Vergeltung, aus Hass und Liebe, in dem Bucky Bleichert fast ganz verloren geht.

Dass Ellroy ein kleines Meisterwerk geschrieben hat, ist sicher unbestritten. Eine obzessive, verstörende Geschichte um ein totes Mädchen, welche dem Leser nicht gleich alles offenbart, sondern durch komplexe Handlungsstränge zu verschleiern weiß. Das Lesen ist ein Genuss, doch man muss sich auf die verschiedensten Gefühlswelten einstellen. Ellroys schonungslose Darstellung offenbart einem die Brutalität des Verbrechens, zeigt verlorene Helden, mit denen man leidet und macht einen wütend. Sicherlich kein einfacher Krimi, aber einer, der sich nicht nur lohnt, sondern ein Muss für jeden Krimifan ist.

Fazit:
Eine Muss-Lektüre, aber keine Sorge, denn das Lesen ist ein Hochgenuss. Spannend, brutal und obzessiv – die Dahlie fesselt nicht nur Bucky Bleichert, sondern auch den Leser. Top!

 

 

Dies und Das über James Ellroy:
Es ist nicht schwierig, etwas über James Ellroy herauszufinden. Jeder, der sich auch nur ansatzweise mit „Die schwarze Dahlie“ beschäftigt, ob er nun danach sucht, es liest oder den Film dazu sieht, weiß, dass Ellroys Mutter ermordet wurde, als er 10 Jahre alt war und ihn das nachhaltig beeinflusst hat, so dass er den realen Mord an Elizabeth Short zur Vorlage nahm, die aufgrund ihrer Vorliebe für schwarze Kleidung, die „schwarze Dahlie“ genannt wurde, und diesem Mordfall in seinem Buch eine Auflösung zugutekommen ließ. Mit diesem Buch gelang Ellroy der Durchbruch und danach folgten noch so einige Krimis, die er gerne in Trilogien oder Quartetten schreibt. „Die schwarze Dahlie“ ist Teil 1 des ersten L.A. Quartetts, vielen ist wohl eher „L.A. Confidential“ bekannt, welches auch zu diesem Quartett zählt. Erst dieses Jahr erschien „Perfidia“, der Grundstein zum zweiten L.A. Quartett und bevor ich mir hier die Finger abbreche, um krampfhaft den Text zu füllen, möchte ich Euch lieber ein Interview mit James Ellroy empfehlen, welches Sonja Hartl für den Blog des Polarverlags – Polar Noir – geführt hat, als Perfidia bei uns erschien und viel mehr über James Ellroy verrät als ich je herausfinden könnte:
http://www.polar-noir.de/im-gespraech-james-ellroy/


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Cops leben gefährlich – Ed McBain

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Ed McBain – Cops leben gefährlich
Verlag: Culturbooks
Übersetzer: Ernst Heyda
156 Seiten
ISBN: 978-3959880039

 

 

 

 

Ein Täter hat es auf Cops abgesehen. Zuerst erwischt es Mike Reardon. Die Kugeln zerstören sein Gesicht so, dass seine Kollegen vom 87. Polizeirevier ihn erst gar nicht erkennen. Und Mike Reardon bleibt nicht der einzige Cop aus dem 87. Polizeirevier, auf den es der Killer abgesehen hat. Carella und Bush sind hinter dem Täter her, aber auch die anderen Kollegen des 87. Polizeireviers wollen nichts anderes, als den Kerl zu erledigen. Doch wer erschießt Cops?

„Ein funkelndes Nest ist die Stadt, von pulsierendem Leben erfüllt, erbaut aus kostbaren, leuchtenden Edelsteinen – aber alle diese Gebäude sind nur Dekoration. Mehr nicht. […]
Vor den Häusern, hinter den Häusern und zwischen den Häusern gibt es Straßen.
Und es gibt viel Abfall in diesen Straßen…“ (S. 6-7)

Und um diesen Abfall kümmern sich die vielen Cops der Stadt, unter anderem auch die aus dem 87. Polizeirevier. Der Mord an Mike Reardon lockt die Mordkommission an, doch ist klar, dass das Revier natürlich auch ermittelt, wenn es einen der ihren erwischt. Und was der Leser dann erlebt, ist schlicht und einfach Polizeiarbeit. Von vielen Kollegen. Von einem Team. Es gibt zwar Carella, der die Geschichte zusammen hält, doch die Ermittlungen werden von vielen Kollegen durchgeführt. Da werden die bekannten Verdächtigen aus dem Revier verhört, die Karteikarten nach Haltern von .45ern durchsucht, die Spitzel her zitiert und ausgefragt. Es ist eine Menge Arbeit, zeitaufwendig und akribisch, welche in der brüllenden Sommerhitze in der Stadt, zwischen aufgeheizten Gemütern und langsam versagenden Klimaanlagen, ein Höllenjob ist. Doch ein Polizistenmörder treibt sein Unwesen und dieser muss gestoppt werden. Deshalb kommen die Kollegen vom 87. Polizeirevier immer wieder zusammen, schieben Überstunden, denken Tag und Nacht an Wege und Mittel den Täter zu fangen.

Neben dem Fall erlebt man die Ermittler im Privatleben, wenn man auch immer nur kleine Einblicke bekommt. Da ist Bush, dessen Frau eine unterschwellige Sexualität ausströmt, so dass sogar sein Partner, Carella, abwegige Gedanken durch den Kopf huschen. Und da ist Reardon, dessen Frau immer gemeinsam mit ihm schlafen geht, auch wenn das heißt, tagsüber zu schlafen und nachts auf zu sein. Und da ist Carella selbst, der eine Frau gefunden hat, die er liebt, die taubstumme Teddy, die ihr Glück nicht fassen kann, einen so tollen Kerl abbekommen zu haben. Zugleich herrscht eine Hitze, die das Denken unmöglich macht, die Gedanken zäh wie Kaugummi. Und dann gibt es da diesen Journalisten, Savage, der Unruhe stiftet. Der denkt, er könnte das besser als die Polizisten. Der in ein Wespennest sticht und dann die Hände hebt und sagt, dass hätte er nicht gewusst. Ein Reporter, der ein Interview veröffentlicht, welches er gar nicht hätte veröffentlichen dürfen und damit einen Stein ins Rollen bringt.

Der Krimi hat „nur“ ungefähr 150 Seiten, aber die haben es in sich. Selten habe ich einen so klaren Stil erlebt. Die Dialoge sprühen vor Zynismus und Härte, zeigen aber auch Wortwitz und ein Gespür für die Sprache der Polizisten. Ed McBain begründete ein neues Subgenre, das Police Procedural, den Polizeiroman. Zum ersten Mal ist es nicht ein Privatdetektiv, ein einzelner Ermittler, der den Täter jagt. Es ist ein Team von Ermittlern, von Polizisten. Und damit sind McBains Krimis so realistisch und nah am Geschehen wie möglich. Das Konzept wurde vielfach kopiert, ob nun in nachfolgenden Krimis oder Fernsehserien, doch irgendwie scheint der Gründer in Vergessenheit geraten zu sein. Wie gut, dass der Culturbooks Verlag diese Krimiperlen wieder ausgegraben hat und zumindest einige Teile veröffentlich hat.

Fazit:
Realistischer geht es nicht – Ed McBain gelingt ein Polizeiroman erster Güte und begründet damit ein Subgenre. Ein Könner, der dem Leser ein riesiges Portfolio hinterlassen hat, dass hoffentlich wieder komplett neu aufgelegt wird.

 

Dies und Das über Ed McBain:
Ed McBain ist ein Pseudonym von Evan Hunter, der eigentlich Salvatore Albert Lombino heißt. Als Evan Hunter schrieb er Kinderbücher, Psychothriller und Drehbücher, unter anderem „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock. Erfolg hatte er aber als Ed McBain und mit seinem 87. Polizeirevier, mit dem er die Police Procedural begründete. Der einzelne Detektiv, ob nun Superspürnase oder Hardboiled Detektiv, wurde hier durch eine Gesamtleistung ersetzt, die Leistung eines ganzen Polizeireviers. Der Leser erlebt den Polizeialltag hautnah, Realismus pur. 50 Krimis um das 87. Polizeirevier folgten. Doch einen Makel hatte das 87. Polizeirevier – McBain sympathisiert mit seinen Cops, es gibt keinen schlechten, korrupten Cop. Seine Protagonisten sind die guten. Man mag es ihm nachsehen, hat er doch ein Subgenre begründet und uns viele, gute Polizeiromane hinterlassen.


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Der große Schlaf – Raymond Chandler

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Raymond Chandler – Der große Schlaf
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Gunar Ortlepp
201 Seiten
ISBN: 978-3257201321

 

 

 

 

Hier ist er – der zweite Klassiker, den ich unbedingt lesen wollte. Endlich wissen, wer Philip Marlowe ist. Genauso wie Sam Spade, ein Name, der in aller Munde ist und eine Tradition von Hardboiled Krimis begründet. Und mir noch unbekannt. Sapperlot! Damit hat es jetzt ein Ende. Endlich kenn ich ihn, den berühmten Philip Marlowe. Und zwar so gut, dass ich unbedingt noch mehr von ihm möchte!

Privatdetektiv Philip Marlowe hat einen neuen Auftrag: General Sternwoods Tochter Carmen wird erpresst. Der geschwächte und an den Rollstuhl gefesselte General engagiert Marlowe, doch neben der Erpressung gibt es noch weitaus interessantere Vorkommnisse in der Familie. Rusty Regan, der Ehemann von Sternwoods zweiter Tochter Vivian und ein Mann, den Sternwood sehr gemocht hat, ist vor einer Weile verschwunden. Gerüchteweise zusammen mit der Frau von Eddie Mars, einem Gangster. Marlowes Auftrag ist die Erpressungsgeschichte, doch er kommt nicht umhin, auch in der Rusty Regan Sache zu ermitteln, als ihn alle mit der Nase darauf stoßen.

Philip Marlowe kann mit seiner locker-zynischen Art nicht nur die Mädels in der Geschichte begeistern, sondern verleiht dem Krimi auch die besondere Note, die mir bei Sam Spade gefehlt hat. Er ist ein harter Brocken, keine Frage, der sich auch hin und wieder der Melancholie hingibt, der Typ Einzelgänger. Zynismus und Ironie, die ab und an aufblitzen und einige lockere Sprüche zutage fördern, gönnt man ihm gerne, weiß man doch, dass er in seinem Inneren einem moralischen Kodex folgt. Hier weiß man von Anfang an, dass Marlowe nicht nur die Erpressungsgeschichte lösen wird, sondern auch das Rätsel um den verschwundenen Rusty Regan. Er ist Privatdetektiv mit Überzeugung, er nimmt keine krummen Aufträge an, ist dadurch oft pleite oder zumindest knapp bei Kasse. Er ist eisern in seinen Vorstellungen, lässt sich auf keine krummen Dinge ein und richtet nach seinen eigenen moralischen Grundsätzen. Gleichzeitig lässt er immer wieder seine weiche Seite durchblicken. Doch einen harten Kerl macht das nur stärker, es macht ihn zu einem Helden. Philip Marlowe ist ein Hardboiled Held ganz nach meinem Geschmack und wird völlig zu Recht als einer der Prototypen des Hardboiled Helden bezeichnet.

Das Frauenbild im Buch ist auch ein wenig besser als bei Dashiell Hammett. Letztendlich muss man sich klar machen, dass der Krimi doch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat und das Frauenbild damals einfach anders war. Nichtsdestotrotz haben wir zwei sehr unterschiedliche Sternwood Töchter. Carmen mimt das laszive Dummchen, welches sich den Männern an den Hals wirft und sich dadurch Macht über die Männer verspricht. Man weist sie natürlich nicht ab. Vivian ist hingegen schon eine starke Frau, die allerdings eine Abhängigkeit zu Eddie Mars hat und eine Spielerin ist. Ein Wildfang ist sie trotzdem und das Verschwinden ihres dritten Ehemanns ein Mysterium.

Die Atmosphäre der 30er fängt Chandler perfekt ein. Es ist ein realistisches Bild der Gesellschaft in Amerika, genauer gesagt in Kalifornien, in den 30ern. Die Szenen zeigen eine Vitalität, die vielen Krimis heutzutage mitunter fehlt. Die Wende in der Kriminalliteratur, die Dashiell Hammett begonnen hat, hat Chandler mit seinem Krimi nur bestätigt. Es geht nicht mehr darum, ein Ermittlergenie hervorzuheben, sondern um ein reales Bild der Wirklichkeit. Ein Ermittler musste her, der auf dem Boden geblieben war. Ein ganz normaler Mann.

„Ich bin nicht Sherlock Holmes oder Philo Vance. Ich schnüffle nicht, nachdem die Polizei schon da war, noch mal am Tatort rum, um ‘ne zerbrochene Füllfeder aufzulesen und ‘nen Fall drauf aufzubauen. Wenn Sie glauben, daß es einen im Detektivgeschäft gibt, der so seine Brötchen verdient, dann kennen Sie die Polente schlecht. So etwas übersehen die nicht, wenn sie was übersehen. Ich will damit nicht sagen, daß sie oft was übersehen, wenn man sie richtig arbeiten läßt. Aber wenn, dann muß es schon etwas wackliger und vager sein…“ (S. 186)

Die Handlung bietet viele Wendungen und Überraschungen und bildet mit dem verschmitzten Philip Marlowe als Hauptfigur eine perfekte Symbiose. Nichtsdestotrotz kann man an einigen Stellen auch schmunzeln und wie auch schon bei Sam Spade, gibt es wieder eine Menge Waffen, die letztendlich bei Marlowe in der Sakkotasche landen. Während mit dem Malteser Falken ein Schatz gejagt wurde, ist die Intension von Chandlers Krimi schon psychologischer. Doch bis man dahin kommt, dauert es noch eine ganze Weile und man folgt Marlowe durch die Wirren, welche die Sternwood Töchter hinterlassen haben. „Der große Schlaf“ ist ein Klassiker, der mich wirklich begeistern konnte und den ich uneingeschränkt weiterempfehlen kann.

Auch von „Der große Schlaf“ gibt es eine Verfilmung mit Humphrey Bogart (mit dem Titel „Tote schlafen fest“). Der Film hat mir sehr gut gefallen und Bogart als Marlowe war Spitzenklasse. Eins sollte man allerdings erwähnen – der Film endet anders als das Buch. Somit muss man natürlich beides erlebt haben, um auch entsprechend beurteilen zu können.

Fazit:
Der Prototyp des Hardboiled Helden in seiner Geburtsstunde. Philip Marlowes erster Fall lässt einen nicht mehr los und man folgt ihm begeistert bis zur Lösung des Falls. Platz eins meiner Krimiklassiker, den ich nur empfehlen kann.

 

Dies und Das über Raymond Chandler
Nach der Scheidung seiner Eltern zog Chandler mit seiner Mutter nach England. Wie so einige andere Kriminalschriftsteller hat Raymond Chandler eine Reihe von Berufen ausprobiert oder ausprobieren müssen. Er war Beamter im britischen Marineministerium, Journalist, Buchhalter, Soldat der kanadischen Airforce, Vize-Direktor einer Ölfirma und… Autor sowie Drehbuchautor. Am britischen Kriminalroman fand er keinen Gefallen, blutleer und wirklichkeitsfremd fand er ihn. Gut so, denn so schuf er seinen Philip Marlowe, als er begann Kurzgeschichten zu schreiben. Als Chandler seinen ersten Roman „Der große Schlaf“ veröffentlichte wurde er ein Publikumserfolg, doch von den Kritikern verschmäht. Er schrieb noch 6 weitere Romane um Philip Marlowe, doch auch als Drehbuchautor konnte er Erfolge sammeln. Für sein Drehbuch zu „The Blue Dahlia“ wurde er für den Oscar nominiert. Verheiratet war er mit der 18 Jahre älteren Cissy Pascal, deren Tod er nicht verkraften konnte. In den Jahren nach ihrem Tod unternahm er einen Selbstmordversuch und verfiel dem Alkohol, bis er 1959 starb.