Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Wer entscheidet? : Die Entbehrlichen – Ninni Holmqvist

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Die Entbehrlichen – Ninni Holmqvist
Verlag: S. Fischer
Übersetzerin: Angelika Gundlach
263 Seiten
ISBN: 978-3596183319

 

 

 

3 Kinder, 5 Kinder, 6 Enkel, 15 Enkel, 200 Kinder und Enkel – in „Die Entbehrlichen“ gelten andere Maßstäbe, denn hier wird in Kindern und Enkeln gemessen. Nur wenn man selbige vorweisen kann gehört man zu den Benötigten. Hat man als Frau bis zum 50. Lebensjahr, als Mann bis zum 60. Lebensjahr kein Kind vorzuweisen, wird man entbehrlich. Als Entbehrliche fügt man sich in sein Schicksal und kommt in ein Sanatorium  – so wie es Dorrit Wegner ist, eine Schriftstellerin, der es ihr Leben lang wichtig war, unabhängig zu sein und sich nicht an ein Kind zu binden, die sogar in ihrer Jugend eine Abtreibung vorgenommen hat und in den letzten Jahren verzweifelt versucht hat, ein Kind zu bekommen. Dieses Sanatorium ist zwar nach außen hin abgeschottet – kein Kontakt nach außen, keine Fenster nach außen, etc. – doch scheint es wie das Paradies auf Erden: eine eigene Wohnung, Geschäfte, in denen es alles gibt, ein botanischer Garten, in dem immer alles blüht und keine Jahreszeiten herrschen, Freizeitbeschäftigungen in jeglicher Art und Weise, immer freundliche Mitarbeiter und Pfleger/Schwestern. Auf den ersten Blick ein Ferienparadies, in dem die Entbehrlichen gehegt und gepflegt werden. Die paar Tests und Versuche, denen sie sich unterziehen müssen oder die kleineren Spenden, die sie leisten, sind verkraftbar. Und die Endspende sicherlich noch lange hin. Warum sich also darüber aufregen?

„Und das Allerwichtigste ist: Ohne die Transplantation hätte sie nicht mehr viel Zeit zu leben gehabt. Es wäre um Monate gegangen, im besten Fall ein Jahr. Jetzt dagegen hat sie sehr gute Chancen, zumindest zu erleben, wie ihre Kinder groß werden. Vielleicht lebt sie nicht so lange, dass sie noch Enkel bekommt, aber sie wird wahrscheinlich genug Zeit haben, um ihren Auftrag als Mutter zu erfüllen. Und das dank der Bauchspeicheldrüse eines Menschen, der niemanden hatte, für den er leben konnte.“ (S. 104)

Und wer entscheidet, für wen es sich zu leben lohnt? Hier ist es ganz einfach: der Staat. Der Staat hat entschieden, dass ein Leben nicht lohnenswert ist – oder eben entbehrlich – wenn keine Kinder oder Kindeskinder vorhanden sind. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass Dorrit schon vorher keinen Platz in der Gesellschaft hatte, genau wie alle anderen Entbehrlichen. Die Alleinstehenden werden gemieden, sind ausgeschlossen aus der Gemeinschaft. Selbst eine Partnerschaft ist nicht ausreichend und Frauen beginnen Beziehungen mit Männern allein des Spermas wegen – und sind dann wieder weg. Die Gesellschaft ist auf Kinder ausgerichtet, darauf sich selbst zu erhalten. Möglichst viele Kinder zu produzieren.

Dorrit ist eigentlich ganz zufrieden als Entbehrliche. Ja, sie hat versucht Kinder zu kriegen. Später. Zu spät. Doch nun genießt sie die Annehmlichkeiten, die ersten Versuche, die sie mitmachen muss, sind einfach. Ihre erste Spende ist eine Niere – kein Problem, davon hat man ja zwei. Doch nach und nach dünnt sich der Freundeskreis aus, denn sie dort aufgebaut hat. Und auch der Mann, in den sie sich verliebt hat und von dem sie schwanger wird, bringt die „Endspende“ auf. Erst dann beginnt sie ihre Situation genauer zu hinterfragen – bleiben oder fliehen? Und wenn ja, wie fliehen? Und was passiert draußen? Wo soll sie hin? Und wenn sie bleibt, was passiert mit dem Kind? Wird das auch „gespendet“?

Ab diesem Zeitpunkt hätte noch ein wirklich spannender Thriller aus dem Buch werden können, doch das passiert nicht. Schade für mein Krimigemüt, aber trotzdem hat mich das Buch unglaublich nachdenklich gestimmt. Wäre diese Zukunftsvision Wirklichkeit – oder würde wirklich werden – wäre ich eine Entbehrliche. Jemand, der „niemand hat, für den er leben kann“. Zumindest nach der Definition in diesem Buch. Kinder sind wichtig für die Zukunft, keine Frage, doch werden diese so wichtig, dass man Menschen ohne Kinder als entbehrlich einstufen kann? Leisten diese keinen Beitrag zur Gesellschaft? Erschreckend ist, dass viele Entbehrliche in dieser Version Künstler sind. Talentierte Menschen, die ihr Leben der Kunst verschrieben haben: Malerei, Schriftstellerei, Handwerke… Kann eine Gesellschaft überleben, wenn diese sich nur auf Reproduktion spezialisiert, aber die Kultur weg fallen lässt?

Es hat mich nachdenklich gemacht. Nicht nur, aber vor allem auch, weil viele Fragen offen sind. Die Handlung dreht sich um Dorrit, die eine Entbehrliche geworden ist und was sie im Sanatorium erlebt, fühlt, denkt. Es fehlen Informationen, wie es überhaupt zu der Unterscheidung benötigt und entbehrlich gekommen ist. Wie ist die Gesellschaft außerhalb des Sanatoriums? Dorrits Schwangerschaft verursacht einen Bruch im gut geölten Ablauf des Sanatoriums, doch die Auswirkungen bleiben im Sanatorium, es passiert nur wenig und dann endet das Buch. Mit vielen Fragen, vielen Denkanstößen und der alles umfassenden Frage: wer ist entbehrlich?

Fazit:
Ein nachdenkliches Buch über Menschen, die in der Gesellschaft als entbehrlich eingestuft wurden. Leider fehlen die Blicke in die Gesellschaft außerhalb von den Entbehrlichen, so dass es ein unvollständiges Bild bleibt, aber zum Nachdenken anregt.

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2 thoughts on “Wer entscheidet? : Die Entbehrlichen – Ninni Holmqvist

  1. Klingt eigentlich trotzdem ganz spannend! In dieser Dystopie hätte ich übrigens auch ganz, ganz schlechte Karten. 😉

    • Es war auch ganz spannend – ich bin einfach schon so festgefahren in der Krimi-Schiene, dass die Krimihandlung einfach überall suche. Um dort gegen zu wirken lese ich ja nun ab und an mal was anderes – aber das “Krimi-Gen” werde ich wohl nie wieder los werden. 😀

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