Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Genial und wild: Klare Sache – Denise Mina

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Denise Mina – Klare Sache
Verlag: Argument Verlag
Übersetzerin: Zoë Beck
346 Seiten
ISBN: 978-3867542425

 

 

 

Else Laudan schreibt in ihrem Vorwort, dass „das Erzählen die wahre Heldin des Romans“ ist. Und es wird erzählt. Geschichten über Geschichten über Geschichten. Da ist die um Anna McDonald, die früher mal Sophie Bukanan war – eine andere Geschichte – und dann ist da die um die verfluchte Yacht, auf der drei Menschen umkamen, die in einem Podcast erzählt wird, dann ist da die Geschichte mit dem ehemaligen Rockstar und die Geschichte der Nachbarin, die auch mal berühmt sein wollte, sowie die Geschichte des Ehemanns, die nach einer lausigen Wiederholung klingt und und und. Die Geschichten sprudeln durch die Seiten und verweben diesen wilden Trip, der zwar in Denise Minas Heimat Schottland beginnt, dann aber über Frankreich und Italien Fahrt aufnimmt, zu einem grandiosen, originellen, bombastischen Krimi, der neben dem Erzählen aber noch einiges mehr zu bieten hat.

„Der Tag, an dem mir mein Leben um die Ohren flog, fing gut an.“ (S. 9)

Anna McDonald hat alles, Mann, zwei hübsche Töchter, ein zufriedenes Leben. Und ihren Podcast. True Crime. Das ist das einzig Spannende in ihrem Leben. Denken alle. Doch Anna hat ein Leben bevor sie Anna war, da war sie Sophie Bukanan. Und nun, als ihr Mann sie mit den Kindern verlässt und der Podcast einen alten Bekannten anspült, zerbricht die heile Welt. Ihr kontrolliertes, langweiliges, aber unauffälliges Leben gibt es nicht mehr. Und so stürzt sich Anna auf das einzige, was ihr noch bleibt, den Mordfall an Leon Parker und seinen Kindern.

Und da taumelt Fin Cohen in ihr Leben, ein anorektischer Ex-Boy-Group-Star und der Mann ihrer besten Freundin, die Freundin, mit der ihr Mann abgehauen ist. Anna kann Fin nicht leiden. Sie ist sowieso ein schwieriger Mensch, früher oft jähzornig, nicht einfach zu mögen. Doch Anna ist nicht einfach so wie sie ist, sie hat eine Vergangenheit, die sie zu der gemacht hat, wie sie ist. Und so ist auch Fin. Ein Gegeißelter des Erfolges, der sozialen Medien, des Vorbilds, das er sein möchte, der permanenten Überwachung durch Fans, Fotos, der sogenannten „sozialen“ Medien. Wenn auch störrisch, passen die beiden ganz gut, um den Mordfall zu untersuchen. Auch wenn Fin erst mal nicht ganz kapiert, worum es geht und dann seine Welt einbringt, einen Podcast über ihre Ermittlungen postet. In den sozialen Medien. Argh.

Und ständig schwebt sie im Hintergrund, Gretchen Teigler, die Übeltäterin, die Lebenzerstörerin, nie fassbar für den Leser, zu gewaltig, unantastbar, so wie Anna sie sieht. Immer präsent, übermächtig, fast gottgleich. Sogar der anfangs so stereotype Hamish, Annas Mann, ein langweiliger, vorhersehbarer Typ, kriegt am Ende die Kurve, also Tiefe, und beweist, dass Denise Mina eine ganz Große ist, eine, die nicht nur Geschichten erfindet, sondern die authentische Charaktere erschafft, die Buchstaben mit ihren Seelen belebt und damit Geschichten erlebbar macht. Mittendrin statt nur am Lesen.

Und dabei gelingt es der Autorin auch noch mit Leichtigkeit, Themen in diesen Krimi zu packen, einfach unglaublich. Fängt es an bei der Frage, ob Frau sich selbst die Schuld geben muss nach einer Vergewaltigung, geht es über die Macht des Fußballs, die finanzielle Macht, die Übermacht der einzigen Sportart, die zählt, zeigt Veränderung nach Jahren, nach #MeToo, nach der Macht und Übermacht der sozialen Medien, im guten und im schlechten, um One Hit Wonder und den nicht enden wollenden Verfall dieser Künstler, um Magersucht und verzerrte Selbstbilder. Und ganz nebenbei hebt sie den Podcast auf ein Podest, gibt ihm Raum und präsentiert ihn als Erzählmedium. Äußerst geschickt platziert sie die Themen, ohne auf sie hinzuweisen, arbeitet sie ein, gibt ihnen Raum, ohne Platz zu schaffen. So setzen sich diese fest, in den Gedanken, bleiben präsent.

Denise Mina spielt in diesem Krimi. Mit Charakteren, mit Geschichten, mit Macht und Einfluss. Sie verstrickt und verwebt ihre Erzählungen und Geschichten in ein kompliziertes Muster, bei dem man sich anfangs gar nicht sicher ist, was es wird, aber die verschlungenen Wege einen so reizen, dass man nicht aufhören kann, soll, muss. Man muss weiter und weiter, folgt Anna, der unzuverlässigen Erzählerin, folgt dem Podcast, der einen Sog entwickelt, ein Geheimnis webt um die verfluchte Yacht, poltert mit Anna und Fin durch Europa, befragt und überlegt, besäuft sich mit Killerin und entkommt Mordversuchen. Woah, was für eine wilde Fahrt. Die Wahrheit? Ja, die kommt irgendwann raus. Aber ganz ehrlich – ohne den Weg dorthin, wäre sie nur halb so gut, ach, fast gar nichts wert. Die Geschichte, die Geschichte um Anna, Fin, die Dana, um Leon Parker, Gretchen und den Fußball – sie ist schlicht und einfach grandios.

„Ich bin keine Heldin. Ich bin keine vor Zivilcourage strotzende Whistleblowerin, die sich lieber ins Grab verfolgen als mundtot machen lässt. Ich sage aus einem ganz anderen Grund die Wahrheit. Er ist weniger löblich, aber vielleicht ein bisschen nachvollziehbarer. Und: Es ist die Wahrheit.“ (S. 8)

Fazit:
Ein genialer, wilder Roadtrip, der mit Erzählungen und Geschichten spielt, der mit vielschichtigen Charakteren gewürzt ist und schlicht und einfach ein verdammt grandioser Krimi ist.

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