Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Police Procedural: Zu nah – Olivia Kiernan

10 Kommentare

Das Irische

Irgendwie hatte ich schon im Sinn, wenn ich irische/nordirische Krimis lese, dass diese dann irgendwie irisch sind. Also, so genau kann ich das gar nicht definieren, was eigentlich irisch ist, aber ein wenig mehr als ein paar Straßennamen oder irische Vor- und Nachnamen hatte ich dann schon im Sinn. Leider vermittelt Olivia Kiernans Debüt aber nicht mehr irisches Feeling als das: hin und wieder wird die Grafton Street erwähnt, da die Protagonistin dort wohnt, oder auch die Liffey, aber abgesehen davon hätte dieser Thriller auch gut in jeder anderen anglo-sächsischen Stadt spielen können. London zum Beispiel. Aber auch Edinburgh, Belfast, Manchester. Na ja, eben fast überall, solange das Prädikat Großstadt auf den britischen Inseln drauf steht. Und dieser Umstand ist wirklich schade, denn Individualität hätte diesem Thriller einiges Futter gegeben, das dieser auch dringend benötigt hätte, doch so bleibt er herrlich gleichförmig und austauschbar. Und leider auch ein wenig spannungsarm.

Die Opfer

Frankie Sheehans erster Fall, nachdem sie beim letzten schwer von einem Täter verletzt wurde und noch an den psychischen Narben knabbern muss, hat es gleich in sich. Eleanor Costello wird erhängt in ihrem Haus gefunden. Doch schon bald stellt sich heraus, dass sie erhängt wurde. Ihr Mann, Peter Costello, ist verschwunden und gilt als verdächtig, doch schon bevor die Ermittlungen richtig loslaufen, wird eine weitere Frau tot aufgefunden. Amy Keegan, eine junge Studentin, deren Leiche der Täter in einem Halloweenfeuer versteckt hat. Die Verbindung zwischen den beiden Frauen ist gleich offensichtlich: der Täter hat einen seltenen Farbton bei den Opfern hinterlassen, Preußischblau. Die Ermittlungen laufen heiß, denn nur noch ein Opfer mehr und ein Serienmörder muss gejagt werden.

Frankie goes to…

Frankie Sheehan ist dickköpfig, unbequem und lässt sich nur selten von ihrem Weg abbringen. Eine unbequeme Person. Tendenziell ein Pluspunkt als Ermittler – schließlich soll man sich weder von Vorgesetzten verbiegen noch von Tätern an der Nase herumführen lassen. Und so unangepasste Ermittler machen einen Krimi ja auch immer individuell, und ein wenig aufregender. Wenn das allerdings heißt, dass man elementare Fehler in der Ermittlung macht und dann so tut als wäre das in Ordnung, muss ich schon an der Kompetenz zweifeln. Der Kompetenz ihrer Vorgesetzten, die sie kräftig unterstützen und darüber hinwegsehen, aber auch ihrer Kollegen, allen voran ihrem Partner Baz Harwood. Frankie versteift sich schon früh auf einen Verdächtigen – ob er nun der Täter ist oder nicht, ist irrelevant – aber dieses Einschießen auf einen Menschen, macht sie blind gegenüber anderen Spuren. Unverzeihlich auch, dass sie einen Zeugen, der sich verdächtig macht, schont, weil sie ihn schon aus ihrer Kindheit kennt.

Realität

Und ich will auch gar nicht davon reden, dass sie aus Fehlern nicht lernt, und auch zum zweiten Mal alleine und ohne Verstärkung in ein Haus läuft, in dem der Täter ist. Unverständlich ist mir auch, wie ihr Vorgesetzter sie weiterhin schützen kann und sie für DIE Wahnsinnspolizistin hält, bei den offensichtlichen Fehlern, die sie sich leistet. Die einzige Blockade, die er ihr setzt, ist der Geldhahn, der sich langsam schließt – und das kommt ja auch noch von weiter oben. Darum dreht es sich übrigens hauptsächlich im letzten Drittel des Buches: Geld. Und das muss ich der Autorin zu Gute halten – hier hat sie bestimmt recht und sonst erwähnt es kaum jemand. Ermittlungen verschlingen wahnsinnig viel Geld.

„Letzten Endes läuft Gerechtigkeit darauf hinaus, wer das Geld hat, die richtigen Tests in Auftrag zu geben, und wer genug Personal, um einen Tatort zu untersuchen. Gerechtigkeit ist teuer.“ (S. 287)

Der Clou?

Nun mag ich aber dem Thriller einen guten Lesefluss und ein gesundes Maß an Spannung nicht abreden – das war definitiv vorhanden, auch wenn sich die Ermittlungen über mehrere Monate ziehen und immer wieder vor sich hin dümpeln. Das bekommt man nämlich gar nicht so direkt mit, die frustrierenden Zeiten, in denen nichts voran geht, werden übersprungen. Der Clou, das sich der alte Fall mit dem neuen Fall überschneidet, ist denn auch nicht fürchterlich überraschend für den geübten Krimileser, sondern sehr vorhersehbar – warum sonst hätte die Autorin denn sonst den ersten Fall nicht erst niedergeschrieben, bevor sie sich an den zweiten macht.

Not my cup of tea

Zusammenfassend muss ich wohl sagen, dass dieser Thriller außer eine gute Spannung, was ich eigentlich als Grundvorrausetzung für einen Thriller betrachte, nicht viel zu bieten hatte, was mich unterhalten hätte. Frankie Sheehan hätte eine taffe eloquente Ermittlerin sein können, hat aber leider einen Schnitzer nach dem anderen produziert und sich darüber noch nicht mal Gedanken gemacht. Unsympathisch finde ich sie im Übrigen auch noch – aber Sympathie ist für mich nun kein Muss bei der Hauptfigur. Auffällige Fehler sollte sie allerdings nicht machen – ich bin kein Experte und kann locker über viele Fehler, die ich gar nicht erkenne hinweg gehen, aber wenn ich diese entdecke sind sie dann schon elementar. Einzigartigkeit konnte ich leider auch nicht erkennen, der Thriller ist ein 08/15 Werk, welches man massenweise in den Regalen findet. Schade – hier wäre viel mehr Potenzial gewesen.

Fazit:
Austauschbar und Mainstream, gepaart mit einer unfähigen Ermittlern. Dieser Thriller verdient leider keine Lorbeeren für „nur“ Spannung. Da muss schon mehr kommen.

 



Olivia Kiernan – Zu Nah
Verlag: HarperCollins
Übersetzer: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
368 Seiten
ISBN: 978-3959671835

 

 

 

 


Weitere Stimmen:
Mikkaliest meint: „Die Spannung baut sich schnell auf, die Autorin verwebt die verschiedenen Handlungsstränge und Ermittlungsansätze gekonnt. Die Geschichte ist originell und unverbraucht, und Frankie kann als Protagonistin mit starker Persönlichkeit punkten.“


 

10 Kommentare zu “Police Procedural: Zu nah – Olivia Kiernan

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  3. Das ist aber auch immer enttäuschend, wenn ein Roman so gar nichts eigenes mitbringt. :( Ich glaube, ich hatte das zuletzt bei Katrine Engberg und „Krokodilwächter“. Oft finde ich es gar nicht weiter dramatisch, auch mal einen Roman zu lesen, der mir nicht gefällt oder mich nicht überzeugt oder einfach nicht mein Fall ist, aber wenn es ein gar so unkreativer Nachbau ist, den es schon massenweise gibt, dann ärgere ich mich doch mal. Na ja, auf zum nächsten (guten) Roman! :D

    • Ich muss zugeben, am meisten haben mich die zwei wirklich offensichtlichen Fehlentscheidungen der „Superpolizistin“ gestört. Das passt für mich gar nicht zusammen. Ich erwarte tatsächlich nicht in jedem Buch etwas entscheidend anderes – ob nun stilistisch, storymäßig oder themenmäßig – auch wenn das natürlich von Vorteil ist. Aber es kam hier einfach zu kombiniert – uninspirierte Massenware, Ermittlungsfehler die jeder Krimileser sofort erkennt und dann noch nicht mal ein Hauch von Irland.. seufz.
      Ich geh dann mal nach Seamus Smythe gucken…. ;-)

  4. Ich kann das gut nachvollziehen, dass dich die Patzer der Polizistin gestört haben. Mir geht es genauso, eklatante Ermittlungsfehler mag ich gar nicht. Dann schon lieber bewusste Fehlhandlungen oder Polizeiwillkür…;-)

  5. Schade.
    Und ich weiß, was du mit diesem Lesefeeling meinst. Da ist es vor allem die Natur umd Umgebung, die Charktereigenschaften der Menschen und bei Irland ganz oft die IRA in irgendeiner Form.
    Machmal schmeckt der Tee halt nicht ;)

    • :-D Die IRA hab ich tatsächlich nicht vermisst, aber ein wenig irisches Feeling wäre einfach nicht schlecht gewesen… oft sind das ja auch nur Kleinigkeiten. Oder ein anderer Grundton. Na ja… hat nicht sollen sein. :-)

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