Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Politkomplott: Der grüne Chinese – Dagmar Scharsich

4 Kommentare


Dagmar Scharsich – Der grüne Chinese
Verlag: Argument Verlag
583 Seiten
ISBN: 978-3867541800

 

 

 

 

So richtig hab ich nicht gewusst, was mich erwartet, als ich „Der grüne Chinese“ begonnen habe zu lesen. Neugierig war ich, was der „grüne Chinese“ denn so ist, ob er auch ein Ding ist, so wie die „gefrorenen Charlotten“, die in einem anderen Buch der Autorin die Hauptrolle spielen. Ein Mix zwischen heute und Vergangenheit hab ich erwartet, denn schließlich entdeckt die Antiquarin Marie Baer ein altes Tagebuch aus der Zeit um Kaiser Wilhelm II. Ein altes Geheimnis, welches in die Gegenwart hineinreicht. Und dann, dann kam es ganz anders. Anders und besser als erwartet.

„Das ist eben heute so. Kein Mensch liest heute noch ein Buch nach dem anderen, wie damals zu Opas Zeiten. Heute gehen die Leute nach der Arbeit ins Kino oder nach Hause zum Fernsehen. Ein Film von zwei Stunden erzählt eine komplette Lebensgeschichte. Du kannst lachen und weinen, alles an einem Abend. 500 Seiten liest dafür keiner mehr. Und genau deshalb haben Bücher keine Zukunft. Sie haben allenfalls eine geduldete Gegenwart. Was bleibt, ist ihre große Vergangenheit. Die wirft man nicht einfach weg, Bücher gehören nicht auf den Müll, nur weil keiner mehr Zeit für sie hat. Und das ist der Grund. Darum habe ich aus Opa Willis Buchhandlung, als ich sie vor vier Jahren übernommen habe, ein Antiquariat gemacht.“ (S. 11)

Da ist sie also, die Berlinerin Marie Baer, die von der Zukunft der Bücher nicht überzeugt ist und deshalb aus der geerbten Buchhandlung von Opa Willi ein Antiquariat macht. Ein Laden, der sie und ihren Opa in ihrer „Gespenster-WG“ nur knapp über Wasser hält, in dem sie täglich Heerscharen Touristen abgefertigt und in ihrem Sessel der Tage harrt. Ah, und dann ist da ja noch der Fritz, der schnittige Autohändler, der einfach nicht Maries Leben verlassen will, sondern so wie die Hausarbeit eben da bleibt und gemacht werden muss. Jut jut, Marie.

Da werden ihr eines Tages ein paar alte Romanhefte angeboten, Groschenromane aus der Zeit von Kaiser Wilhelm II. Das Besondere daran ist, dass die Hauptfigur Wanda von Brannburg, eine Detektivin ist. Ungewöhnlich und selten, so eine Frau als Protagonistin in dieser Zeit. Und ungemein begehrt, so dass Marie natürlich versucht, auch die restlichen Groschenhefte von der Dame zu ergattern, welche ihr den ersten Packen übergeben hat. Nach einigem Hin und Her gelingt ihr das auch. Viel mehr Interesse hat Marie dann aber an der Verpackung der Heftchen, denn dabei handelt sich um das Tagebuch der Baronesse Wendeline Sophie von Branndenburg, genannt Wanda. Ein Tagebuch, ein Roman, die Baronesse eine Autorin? Und schon taucht Marie mit Onkel Willi in die Vergangenheit ein.

Und fast nicht wieder auf. Ganz anders als erwartet, wechselt die Autorin nicht zwischen dem Heute und dem Jahre 1909, in dem die Geschehnisse um Wanda von Branndenburg festgehalten sind, nein, nur noch zweimal kurz darf Marie Luft holen, sich etwas zu essen besorgen und dann mit Onkel Willi weiterschmökern, bevor sie dann am Ende doch noch einen großen Auftritt hinlegt. Tatsächlich – und für mich sehr unerwartet – bestreitet die Handlung im Jahre 1909 den größten Teil des Buches.

1909, eine aufregende Zeit voller Veränderungen; Kaiser Wilhelm II., preußische Tugenden, eine Zeit des Umbruchs. Das Automobil erobert die Straßen, die ersten Telefone ziehen ein, Luftschiffe verdunkeln den Himmel. Die Hauptstadt wird größer und größer. Und doch startet man eher beschaulich mit Wendeline Sophie von Branndenburg auf dem herrschaftlichen Gut, dem sie so oft wie möglich zu entfliehen sucht. Die Zukunftsvorstellungen der Eltern eher lästig, zieht es sie nach Berlin, in die Großstadt, zu ihrer Tante Emmy und ihrem Onkel Gustav. Und dann… dann passiert so viel, dass Wanda gar nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Explosion und Flucht, Tote und Reisen, Geheimagenten und Wissenschaftler, eine geheime Wohnung und ein spitzelnder Baron…

Wanda, eine stürmische Frau, die ihrer Zeit zu entfliehen sucht. Nicht mit Pauken und Trompeten, aber eben doch nicht leise. Die sich aufgrund der Mode der Zeit nicht alleine an- und ausziehen kann und dies unerträglich findet, die zwischen Zurückhaltung, Trauer und Mut hin- und herpendelt, die vielleicht nicht immer die richtigen Fragen stellt, aber keinesfalls aufhört Fragen zu stellen. Eine Frau, die den Spagat zwischen Vergangenheit und Moderne versucht und unversehens in ein politisches Komplott schlittert. Was für eine beeindruckende Frau!

Vollkommen überzeugt die Autorin mit ihrem Figurenensemble, nicht nur mit Wanda allein. Sei es die in den Tag hineinlebende Marie, die es nicht schafft, sich von ihrem Fritz zu trennen, sei es die dickköpfige und vielleicht verwirrte Rose von Reventlow und deren Enkelin Gesine, die sich zu nichts traut, der patente Justus Hansen, der Wanda nicht von der Seite weicht, der Polizist von Reventlow, dem Gerechtigkeit mehr zählt als Ordnung… eine Vielfalt an Charakteren, keiner flach, alle bleiben im Kopf.

Zugegeben, es dauert eine ganze Weile bis Wanda – und mit ihr nicht nur Marie sondern auch ich als Leser – dahinterkommen, was eigentlich hinter der ganzen Geschichte steckt. Welches Ausmaß sich hinter einem Koffer voller Stoffe, einem Koffer voller Papier und ein wenig Reibung steckt. Derweil bleibt es aber kontinuierlich spannend, wenn auch nicht nervenzerreißend, eben zeitgemäß. Anfang des 20. Jahrhunderts nahm das Leben zwar schon Geschwindigkeit auf, aber eben noch gemäßigt. Viel gelernt habe ich, wie so oft, und noch einiges habe ich nachgeschlagen: Zeppeline, Goldschlägerhaut, das Berlin der Kaiserzeit, die Männer in den grauen Mänteln. Geschickt verwebt die Autorin die historischen Ereignisse mit der erfundenen Geschichte, lässt auch bekannte Personen auftreten, oder benennt diese um, verdichtet den geschichtlichen Hintergrund, um Wanda einer politischen Intrige auf die Spur kommen zu lassen. Ein Sahnestückchen ist der Autorin hier gelungen!

Fazit:
Unerwartet anders und trotzdem genial – ein historischer Krimi zur Kaiserzeit, in welcher eine Baronin einer politischen Affäre auf den Spuren ist, gemischt mit ein wenig von Heute und der schnoddrigen Marie Baer. Ein ausgezeichnet geschriebener Krimi, der nicht aus der Hand zu legen ist.

4 Kommentare zu “Politkomplott: Der grüne Chinese – Dagmar Scharsich

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  2. Klingt, als könnte das etwas für mich sein. Behalte ich mal im Auge :-)

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