Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Bewegend: Trümmerkind – Mechtild Borrmann

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Mechtild Borrmann – Trümmerkind
Verlag: Droemer
300 Seiten
ISBN: 9783426281376

 

 

 

 

Mechtild Borrmann. Fast ehrfürchtig wird ihr Name geflüstert, ihre Bücher haben die Tendenz heiß erwartet zu werden und schon vor Erscheinen Vorschusslorbeeren zu erhalten. Gekritelt wird höchstens auf hohem Niveau und  eines der wenigen Themen, bei denen man sich streiten mag, ist, ob ihre Romane wohl ins Krimigenre einzuordnen sind. Nun, das Genre ist weit gefasst und ich denke, wenn man einen Stempel aufdrücken möchte, dann den des Spannungsromans. Und wer mich ein wenig kennt, wird wissen, dass ich hierfür ein Faible habe. Nachdem ich vor einiger Zeit „Die andere Hälfte der Hoffnung“ gelesen habe, hab ich mich nun sehr auf „Trümmerkind“ gefreut, einem Roman, der auf einer realen Mordserie fußt, den Hamburger Trümmermorden.

Hanno Dietz kämpft sich mit seiner Familie in Hamburg durch den Winter 1946/47. Die Lebensmittel sind knapp, nur wenige Häuser haben Strom, ganze Stadtteile liegen in Trümmern. Hanno ist erst 14, doch gemeinsam mit seiner kleinen Schwester zieht er durch die Trümmerlandschaften, um Holz zu suchen, aber auch Dinge, die er auf dem Schwarzmarkt verkaufen oder in Lebensmittel tauschen kann. Auf einem seiner Streifzüge entdeckt er in einem Keller eine nackte, tote Frau  – und nicht weit davon entfernt, einen kleinen, verlassenen Jungen. Hannos Familie nimmt den Kleinen, der kein Wort spricht, auf, entgegen aller Widerstände, die tote Frau erwähnt Hanno mit keinem Wort. Erst Jahre später, als aus dem kleinen Jungen ein patenter Rechtsanwalt geworden ist, löst sich das Geheimnis seiner Kindheit auf und ein tragisches Verbrechen kommt ans Licht.

Der Roman besteht aus drei Handlungssträngen. Ein Handlungsstrang spielt zum Kriegsende und dreht sich um die Familie Anquist und ihr Gut. Die Familie ist zum Aufbruch bereit, doch leider schaffen sie es nicht mehr zu fliehen, bevor die Russen das Land besetzen. Der zweite Strang spielt  Mitte der 90er und erzählt von Anna Meerbaum, der Tochter von Clara Anquist. Ihre Mutter schweigt beharrlich über die Vergangenheit, doch dann bringt Annas Ex-Mann Neuigkeiten über Gut Anquist und Anna beginnt nachzuforschen,  auch wenn ihre Mutter mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, sie davon abzuhalten.

Doch der für mich überzeugendste Strang war der um Hanno und seine Familie. Es gelingt Frau Borrmann auf wundersame Weise, den Zeitgeist von damals einzufangen und zu den Lesern zu transportieren. Nicht nur in diesem Strang, doch dieser war derjenige, der mich am meisten bewegt hat. Ihr reichen hier wenige, wohl gesetzte Worte – der Roman hat keine 300 Seiten – damit bei mir sofort Bilder im Kopf aufgetaucht sind und es mich zusammen mit Hanno in der eiskalten Wohnung gefröstelt hat. Eine entbehrungsreiche Zeit, in der viele gestorben sind, verhungert oder erfroren, in der man einem Toten den Mantel abnimmt – einfach weil einem so kalt ist und der Tote ihn doch nicht mehr braucht. Verzweiflung und Elend, gemischt mit kleinen Hoffnungsschimmern, die von Hanno und seiner Familie ausstrahlen und zeigen, dass selbst in düsteren Zeiten aufgeben keine Option ist und man alles überwinden kann.

Doch auch wenn dieser Strang für mich herausragt, sind die beiden anderen nicht minder spannend. Und natürlich verflechten diese sich nach und nach und man erkennt, wie diese zusammen hängen könnten. Doch spannend bleibt es bis zum Schluss, denn auch wenn man einiges erraten kann oder auch nach und nach im Buch rausgefunden wird, die Autorin behält sich eine Komponente bis zum Schluss. Es ist ein beeindruckendes Leseerlebnis, zu sehen, wie der Bogen von der NS-Zeit bis in die 90er Jahre von der Autorin gezogen wird. Immer herrscht eine leise Spannung und man ist am grübeln, nur um dann gleich danach wieder mit den Gedanken dort zu sein, mit den Charakteren, mit dem Geheimnis und den Sorgen. Und am Ende schließt man das Buch und ist erzürnt über diese unglaubliche Geschichte, diese Frechheit und Kaltblütigkeit, doch im gleichen Gedankengang erinnert man sich an das Mitgefühl, die Herzlichkeit und die Familienzusammengehörigkeit.
Dieser Roman bewegt.

Fazit:
Ein bewegender Spannungsroman, der die NS-Zeit mit den 90ern verbindet und ein unfassbares Geheimnis aufdeckt – eindringlich, spannend und ergreifend. Von Mechtild Borrmann muss man in seinem Leben einfach etwas gelesen haben!

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3 thoughts on “Bewegend: Trümmerkind – Mechtild Borrmann

  1. Da stimme ich dir voll und ganz zu. 🙂 Ein sehr besonderer Roman, der mich richtig doll bewegt hat. Auf so eine ganz eigene Art. Zählt für mich zu den Highlights in diesem Jahr.

  2. Klingt wirklich sehr spannend und nicht nach 08/15. Da werde ich vermutlich schwach werden und zugreifen 😀.

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