Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Fehlender Zeitgeist: Fronleichnamsmord – Bea Rauenthal

3 Comments

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Bea Rauenthal – Fronleichnamsmord
Verlag: List
340 Seiten
ISBN: 978-3548611846
9,99 €

 

 

 

 

Ab in die Wilden Siebziger ist das Motto! In „Fronleichnamsmord“ reisen Jo Weber und Lutz Jäger zum dritten Mal durch die Zeit und landen – erst mal getrennt voneinander – in den Siebzigern. Jo als erste weibliche Kommissarin bei der Kriminalpolizei, Lutz als Hippie in einer Kommune. Zusammen versuchen sie den Brand eines Kaufhauses und den damit verursachten Tod des Geschäftsführers zu verhindern. Doch zuerst geschieht ein anderer Mord, der ihre Aufmerksamkeit benötigt…

Was war ich gespannt auf diesen Krimi und hab mich so gefreut, ihn bei vorablesen.de gewonnen zu haben. Ein Zeitreisekrimi – das hört sich doch nach etwas an, was nicht Mainstream ist und Abwechslung in den Krimi-Alltag bringt. Schon vorher habe ich mit den ersten beiden Teilen geliebäugelt. Nach der Lektüre bin ich ehrlich gesagt ein wenig ernüchtert.

Versteht mich nicht falsch. Der Krimi war gut. Ich hab ihn schnell durchgelesen und hatte Vergnügen dabei. Die Protagonisten waren mir sympathisch, mit ein paar wenigen Ecken und Kanten. Ein paarmal wurde auf die vorherigen Teile verwiesen und auch die Liebesgeschichte zwischen Jo Weber und Lutz Jäger hat ja schon vorher begonnen und setzt sich eben mehr oder weniger fort, doch es war nicht unangenehm und man hat auch nicht den Faden verloren, nur weil man die beiden vorigen Teile nicht kennt. Aber von der Zeitreise in die Siebziger hatte ich mir doch mehr versprochen.

Die Autorin hat alles reingepackt, was man sich in den Siebzigern so vorstellt: über Polyesterkleidung, Kollegenmachos, Käfer ohne Gurt bis zur Hippiekommune. Die Ermittlungsmethoden sind natürlich auch ein wenig anders: die SpuSi ist noch in den Kinderschuhen, Berichte werden auf der Schreibmaschine getippt und Telefonzellen bekommen ihren Cameo-Auftritt. Doch das sind alles recht oberflächliche Erscheinungen. Als ein BKA Kollege die Ermittlungen an sich reißt und diese Richtung Terroranschläge und RAF lenkt, ist den beiden Protagonisten natürlich schon völlig klar, dass dies nicht der Grund ist und es werden Ermittlungen ab von den offiziellen Wegen eingeschlagen. Mag ja sein, dass der Mord ‚banalere‘ Gründe hat und leider keine – politische oder sonst wie – Tiefe inne hält, doch ein bisschen mehr Zeitgeist hatte ich mir schon versprochen. Gerade von einem Zeitreisekrimi – also einem Krimi, der nicht explizit nur in einer bestimmten Zeit spielt, sondern eben einen Protagonisten hat, der in eine fremde Zeit versetzt wird. So hätte der Krimi – abgesehen von den Oberflächlichkeiten – auch in unserer Zeit spielen können. Das finde ich sehr schade, vor allem von einer Autorin, die ansonsten historische Romane veröffentlicht und von der ich eigentlich mehr Recherche und daraus resultierend mehr Einfühlung und Vergegenwärtigung der entsprechenden Zeitperiode in ihrem Buch erwarte als ich selbst – ohne Recherche – über die Siebziger weiß. Für mich hat das Buch einfach zu viele verschenkte Chancen. Die Siebziger haben so viel Potential für kriminelle Machenschaften, doch leider bleiben diese ungenutzt und für mich war es eher ein völlig normaler Kriminalfall.

Zusätzlich fühlte ich mich stellenweise sehr an „Zurück in die Vergangenheit“ erinnert. Wenn ich an Zeitreise denke, sprudelt mein Kopf über vor Ideen und Komplikationen, Paradoxen und Humor. Ganz zu schweigen von den vielen interessanten Geschehnissen, die man einbauen und verarbeiten kann. Da gibt es so viel mehr als Toast Hawaii und Tippex. Auch warum der Titel „Fronleichnamsmord“ heißt, entgeht mir völlig. Außer dass der Krimi ungefähr zu dieser Jahreszeit spielt, gibt es hier keine Verbindung – auch sehr schade, da ja alle Teile an Feiertage angelehnt sind und man auch hier einiges herausholen hätte können.

Der Krimi ist nicht schlecht, nur eben ist genau der „Gimmick“, die Zeitreise, die es von der Masse herausreißen sollte, leider nicht gelungen. Ich habe trotzdem beschlossen, zumindest noch einen anderen Teil der bisher dreiteiligen Serie zu lesen. Im ersten Band geht es ins Mittelalter und im zweiten Band ins Jahr 1898 – ich bin gespannt, ob die Vergangenheit und der Zeitgeist dort mehr zu spüren ist.

Fazit:

Ich war so gespannt auf den Krimi und es war schon ganz nett in die Siebziger zurückzukehren, doch letztendlich war es bis auf ein paar Kleinigkeiten ein ganz normaler, durchschnittlicher Krimi. Nicht mehr, aber auch nicht weniger und dafür gibt es 3 Schafe.

3 Schafe

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3 thoughts on “Fehlender Zeitgeist: Fronleichnamsmord – Bea Rauenthal

  1. Bisher war ich der Meinung, dass ich diesen Krimi nicht lesen muss. Es bleibt dabei.

  2. Ich bin doch neugierig geworden, irgendwie. Wobei ich vermutlich mit dem ersten Band starten würde, so aus alter Gewohnheit 😉 und auch, weil ich Mittelalter erstmal spannender finde als die 70er Jahre. Das ist mir irgendwie noch zu nah am Heute! 😀

    • Ja, mit dem ersten Teil zu beginnen ist ein guter Plan. Ich habe ja auch Hoffnung, dass hier das “Feeling” des Mittelalters besser beim Leser ankommt – zwangsläufig, aber hoffentlich auch durch gute Recherche. Im nächsten Jahr mach ich mich auf jeden Fall darüber her – das Buch steht ja schon in meinem Regal und somit passt es! 😉

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