Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Damals: Das schwarze Pulver von Meister Hou – Tran-Nhut

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(c) Die dunklen Felle

Um dieses Buch bin ich doch tatsächlich einige Wochen herumgeschlichen, bevor ich mich getraut habe, es zu lesen. Irgendwann stand die Leseliste für das Spezial und ich hatte dieses Buch drauf gesetzt, ganz ohne bewusst zu registrieren, dass es im Vietnam des 17. Jahrhunderts spielt. Urgs, da steh ich so gar nicht drauf, auf historisches. Na gut, aber was muss, das muss. Und nun, im Nachhinein hat mich das Buch ganz wunderbar unterhalten und ich frage mich, warum dieser dritte Teil der Reihe um Mandarin Tân der einzige ist, der es je in die deutsche Übersetzung geschafft hat. Irgendwie schade.

In einer nördlichen Hafenstadt in Dai Viêt (heute: Vietnam) häufen sich gerade Verbrechen. Ein Schiff wird von einer Geisterarmee überfallen, ausgeraubt und hinterlässt zwei tote Frauen. Grabsteine verschwinden und die Toten erheben sich aus ihren Gräbern. Der Graf Diêm wird auf seinem Balkon ermordet. Verantwortlich für alle Ermittlungen ist der noch junge Richter der Stadt, Mandarin Tân. Gemeinsam mit dem Schriftgelehrten Dinh macht er sich auf die Suche nach den Tätern, ganz ohne Hokuspokus und Aberglauben.

Eingeflochten, manchmal ganz nebensächlich wirkend, aber zentral in dem Krimi, bieten sich sehr viele Informationen zur Geschichte des Landes. Vietnam kämpft um seine Selbstständigkeit. Auf der einen Seite wird es von der Großmacht China angegangen, auf der anderen Seite aus Europa bedrängt. Hier spielt vor allem der Jesuit Hsui-Tung eine Rolle. Nach China, wo er sich auch seinen chinesischen Namen zugelegt hat, ist dieser nun auf Besuch in der vietnamesischen Hafenstadt, um Kultur, Religion und technische Neuerungen der asiatischen Länder kennenzulernen und sich auszutauschen. Dass er dabei allerdings eine Ausnahme ist und eigentlich eher die Tendenz zur Bekehrung und Missionierung besteht, ist aber klar erkennbar. Ein wesentlicher Punkt sind auch die Rohstoffe des Landes – besonders Doktor Porc beschwert sich, dass jegliche Medizin zu Höchstpreisen ins Ausland verkauft werden und die einheimische Bevölkerung darunter leiden muss.

Der Konfuzianismus ist nicht nur vorherrschend, sondern auch vorgeschriebene Religion, Abweichungen gibt es aber natürlich auch. Besonders Madame Eisenhut ist hier hervorzuheben, die aber sowieso eine ungewöhnliche, wenn nicht sogar außergewöhnliche Frau ist. Von der Gesellschaft verstoßen, wie eine Nomadin umherziehend, lebt sie gerade mehr oder weniger fest mit anderen Ausgestoßenen auf einem zugewiesenen Platz. Als Fürsprecher hat sie den Eunuchen Clemens, der im Übrigen nicht nur der Hafenverwalter ist, sondern auch der Schwager des verstorbenen Grafen Diêm, und durch ihn ist es ihr möglich, als Gefängnisaufseherin zu arbeiten. Als Anhängerin des Mo Tse sind ihren religiösen und philosophischen Ansichten anders als die der Konfuzianer und Taoisten, zudem besitzt sie ein breites Kräuterwissen und kann als Alchimistin bezeichnet werden. Mandarin Tân wird so einiges mit der Dame zu tun bekommen, aber auch mit Madame Libelle. Bei beiden schwankt der Richter zwischen Bewunderung und Misstrauen.

Bevor ich denn nun noch auf die beiden Mitstreiter von Mandarin Tân eingehe, noch eine Bemerkung zu den Namen. Ich habe versucht, etwas über Suchmaschinen herauszufinden, aber mir ist nicht klar, warum alle Frauen in dem Buch Namen haben, die aus der Flora und Fauna entliehen sind, Männer aber nicht. Neben Madame Eisenhut und Madame Libelle gibt es nämlich noch Madame Alge, während die Männer eben einfach Namen haben: Tân, Dinh, Clemens, usw. Wer hier mehr weiß, darf mich gerne erleuchten!

Es gibt noch zwei weitere Mitstreiter im Kampf für die Gerechtigkeit. Einer ist der unwillige Dinh, der dem Richter als Gelehrter und Schriftführer dient. Der kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum Tân ständig mit dem Pferd reiten will, anstatt sich mit der Sänfte durch die Gegend tragen zu lassen. Überhaupt ist er ein unausgeglichener Charakter und man kann verstehen, warum er die Prüfung zum Mandarin nicht bestanden hat. Trotzdem verbindet die beiden eine gemeinsame Geschichte, so dass Tân ihn zu sich geholt hat. Dinh ist ein wenig eitel, oft am meckern, aber immerhin kann er sich in eine Aufgabe reinknien, sobald sie ihn gepackt hat. Und zumindest bei einer Sache konnte ich ihm als Leser nur zustimmen. Nämlich in der Meinung über Porc. Zumindest zum Teil. Doktor Porc kommt als Gerichtsmediziner zum Einsatz. Der Gute ist fürchterlich dick und wohl auch ziemlich ungepflegt. Im Moment ist er auch auf Diät – Fleisch, Blut und Innereien – bei der es mir die Zehennägel hochrollt. Das wäre alles noch erträglich, würde er nicht bei der Leichenschau genüsslich noch seine Mahlzeiten zu sich nehmen, man beachte, damals waren die Leichen nicht in Kühlhäusern gelagert und mussten schon recht übel gerochen haben. Bäh.

Doch auch wenn die beiden natürlich dazu dienen, den Krimi aufzulockern und uns Lesern hin und wieder ein Schmunzeln über die Lippen kommen zu lassen, ist das keineswegs zu viel und der Krimi rutscht auch nicht ins Lächerliche ab. Der Kriminalfall ist gut durchdacht, ausgeklügelt und natürlich sind der/die Täter bei den Lebenden zu finden. Also keine Sorge, es handelt sich hier auch nicht um einen mystischen Krimi. Neben der lockeren Art, welche die beiden Autorinnen unheimlich gut transportieren können, reizt vor allem das historische Ambiente des Krimis, denn auch wenn der Fall an sich mit unterschiedlichen mysteriösen Andeutungen zuerst unübersichtlich scheint, ist er doch nicht außergewöhnlich. Der noch junge, aber eben mit gesundem Menschenverstand und Misstrauen ausgestattete Richter Tân ermittelt bedächtig und mit Schläue, kann aber am Ende auch noch mit einem Kampf aufwarten, bei dem er allerdings auch Unterstützung erhält.

Auch wenn dies schon der dritte Teil der Reihe ist, hat es keine Probleme bereitet, hier einzusteigen. Einzig die Rolle des Doktor Porc hatte ich – nach dem Klappentext – für größer gehalten, doch zumindest in diesem Teil ist er eher eine Randfigur. Auch wenn ich, wie anfangs erwähnt, ein wenig erschrocken über meine historische Auswahl war, da ich ja eigentlich Krimiliteratur zur aktuellen Zeit lesen wollte, hat mir das Buch richtig gut gefallen. Und ich kann sogar behaupten, dass mir das historische Setting besonders gut gefallen hat.

Fazit:
Das historische Vietnam hat durchaus seine Reize und konnte mich, verpackt in einen Kriminalfall und mit einprägsamen Charakteren durchaus überzeugen. Schade ist nur, dass dies der einzige übersetzte Teil der Reihe um Mandarin Tân ist und somit wohl mein einziger Ausflug dorthin bleiben wird, mangels Kenntnisse der französischen Sprache.



Tran-Nhut – Das schwarze Pulver von Meister Hou
Verlag: Unionsverlag
Übersetzer: Michael Kleeberg
314 Seiten
ISBN: 978-3293204799

 

 

 

 


 

11 Kommentare zu “Damals: Das schwarze Pulver von Meister Hou – Tran-Nhut

  1. Pingback: Blog-Spezial Krimialliteratur aus Ostasien – gemeinsam mit Wortgestalt | Die dunklen Felle

  2. 17. Jahrhundert. Vietnam. Geisterarmee. Ich bin raus. :-D – Ändert nichts daran, dass ich Deine Besprechungen einfach unheimlich gerne lese und für äußerst informativ erachte. Ich brauche da in den seltensten Fällen eine zweite Meinung.

    • Vielen lieben Dank für die Lorbeeren! Ich freu mich sehr!
      Wie Du ja gesehen hast, hatte ich das Buch jetzt auch nicht direkt im Beuteschema und war doch positiv überrascht. Aber ich kann schon nachvollziehen, dass man nicht allen und jeden Krimi lesen kann… :-)

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  4. Pingback: Das Blog-Spezial »Kriminalliteratur aus Ostasien« gemeinsam mit »Die dunklen Felle«

  5. Da bin ich aber schon froh, dass ich antiquarisch auch noch eine Ausgabe erwischt habe. :) Klingt nach Abwechslung, ich bin seeeehr gespannt! Und nach extremen Kontrastprogramm zu „Nach der Schlacht“! :D

    • „Nach der Schlacht“ ist bei mir schon eine Weile her, aber ja, ich denke, die beiden sind grundverschieden. Macht natürlich auch die zeitliche Distanz aber auch ganz definitiv die Charakterisierung und der Schreibstil. „Das schwarze Pulver..“ ist schon leichter zu lesen, eher was für zwischendurch, aber doch mit Hintergrundinfos. „Nach der Schlacht“ ist eben eher was fürs Hirn, ernst, keinesfalls komisch, zum darüber nachdenken. Und dass es eben im Kopf bleibt, auch wenn man das Buch schon zugeklappt hat. Also… eben irgendwie total verschieden, die beiden. :-)

  6. Pingback: Le Minh Khue - Nach der Schlacht

  7. Pingback: Challenges 2019 | Die dunklen Felle

  8. Hallo,

    ich bin immer sehr verwundert, wenn nicht der erste Band einer Reihe übersetzt wird sondern ein späterer. Aus irgendeinem Grund muss der deutsche Verlag genau diesen Band ja für interessanter für das deutsche Publikum halten.

    Ihr habt wirklich hochinteressante Bücher für euer Blog-Special gefunden!

    LG,
    Mikka

    • Hallo,
      das geht mir auch so. Ich vermute allerdings es hängen oft auch Entscheidungen über Lizenzen und Rechte mit dran, welche Bücher die deutschen Verlage ergattern können. Und ich finde es kommt ganz auf die Reihe an – manchmal merkt man den Teilen ja gar nicht unbedingt an, dass sei zu einer Reihe gehören, wenn es keine übergeordnete Geschichte gibt.

      Und natürlich vielen Dank für das Lob – wir geben uns Mühe, sind aber auch natürlich selbst daran interessiert, spannende Bücher zu lesen. :-)

      Grüßle,
      Christina

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