Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Lasse’s Passieren: Heaven’s Gate – Tommy Schmidt


Tommy Schmidt – Heaven’s Gate
Verlag: Culturbooks
357 Seiten
ISBN: 978-3959880213

 

 

 

 

 

Lars Wiesenthal organisiert seit Jahren Rockkonzerte, Bühnenshows und Spektakel. Er ist der Mann, wenn es um Events geht. Mit seiner Agentur „Lasse’s passieren“ hat vor Kurzem wieder ein neues Level erreicht: er hat die Niederkunft einer Celebrity als Event aufgezogen und damit alle Einschaltquoten gesprengt. Als er nun die Nachricht seine Arztes erhält, dass er an einer schweren Krankheit leidet, nach und nach seine Bewegungsfunktionen verlieren und dann sterben wird, ist das also noch lange kein Grund für Lars, genannt Lasse, sich aus dem Business zurückzuziehen. Kurzerhand beschließt er mit seinem letzten Knall zu gehen und macht das Sterben zum Event. Er legt den Grundstein zu „Heaven’s Gate“, einem Center, in dem jeder selbst bestimmen kann, wie und wann er sterben möchte. Und er will selbst sein erster Gast sein.

Ich mache ja gerne mal einen Ausflug in die Zukunft, die uns Autorinnen und Autoren so anbieten. Nun spielt das Buch zwar in die Zukunft hinein, aber das Hauptthema ist es nicht und so zeigt es nur wenig Aspekte, die sich zum Heute hin ändern. Das macht aber gar nichts, denn die Satire von Tommy Schmidt schaut mit einem lockeren Blick auf ein sehr ernstes Thema: aktive Sterbehilfe. Und auch wenn mich das Thema vorher nicht beschäftigt hat, so tut es das nun. Wie sinnvoll ist es, darauf zu warten, zu sterben, wenn man unheilbar krank ist? Nutzt man die Jahre und hofft auf wundersame Rettung? Auf ein Heilmittel, welches doch noch auftaucht? Oder entscheidet man sich hier und jetzt dafür, so Abschied zu nehmen, wie man möchte? Will man sich – oder seinen Angehörigen – Jahre an Schmerzen und Leiden sparen?

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Denn das „Heaven’s Gate“ bietet jedweder Couleur an Sterbewilligen die Möglichkeit, sich zu verabschieden. Auch ohne unheilbare Krankheit. Sinnvoll oder nicht? Nun ja, es wäre kein augenzwinkernder Blick darauf, wenn sich nicht auch die Politik davon Renteneinsparungen versprechen würden und die pensionierten Beamten auf die Barrikaden gingen. Und letztendlich dauert es eine ganze Weile, bevor die letztendliche Entscheidung gefällt ist, da sich der Bau des „Heaven’s Gate“ in das zweite Flughafendesaster wandelt: Demonstranten, Flüchtlinge, Feldhamster, wahnsinnige (und leider falsch rechnende) Architekten, Leichen im Fundament – es scheint als ob das Zentrum nie fertig werden wollen würde. Und derweil all das den Bau verzögert, wird Lasse immer kränker, seine Gliedmaßen werden nach und nach taub, sein Sohn übernimmt die Führung.

„Also, Lasse, du hast da neulich was gemailt zum Thema Phowa-Meditation. Das hat uns nochmal brainstormen lassen, wie wir die Customer Experience noch nach vorn raus erweitern können. Da liegt noch jede Menge Potenzial! Für das Heaven’s Gate bedeutet das, dass wir weit vor einem geplanten Abschied bereits Dienstleistungen anbieten. […] Als Added Values, weitere positive Aufladung des Markenkerns und eigenständiges Profitcenter.“ (S. 56)

Es war richtiggehend gruselig, wie sehr mich manche Stellen an mein eigenes Leben erinnert haben, und auch wenn es mir mitunter den Spiegel vors Gesicht gehalten hat, hab ich doch – zum Glück – meistens darüber schmunzeln und auch einige Male herrlich darüber lachen können. Der Blick auf die Realität sollte immer über eine Satire erfolgen. Es ist einfach zu herrlich. So gelingt dem Autor damit nicht nur, die Business-Welt auf die Schippe zu nehmen, sondern das ernste Thema der Sterbehilfe elegant zu verpacken. Eine Lektüre, die Spaß macht, aber auch gleichzeitig zum Nachdenken anregt.

Das alles wird durch Lasse Wiesenthal getragen, durch den die Geschichte erzählt wird. Sein langsamer Verfall, der nur mehr als langsam voranschreitende Bau des „Heaven’s Gate“ und die gut gemeinte Übernahme durch seinen Sohn lassen Lars reflektieren und bieten eine spannende Vergangenheit, in der er alles mitgenommen hat, aber auch einige zurückgelassen hat. Ein ehrlicher Blick zurück und ein keineswegs unrealistischer Blick in die Zukunft. Mit guten, aber auch mit schlechten Eindrücken über die aktive Sterbehilfe. Segen oder Fluch? Hilfe für Schwerkranke oder kostensparendes Mittel für die überalternde Gesellschaft?

Fazit:
Vom herzhaften Lachen bis zum Kloß im Hals – hier ist alles dabei. Tommy Schmidt präsentiert einen ernsten aber nicht todernsten Blick in die sehr nahe Zukunft. Bedenkenswertes Thema, satirisch verpackt. Sehr gelungen.


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Monatsrückblick April 2017

Nach einem sagenhaften März – in dem ich allerding zwei Wochen frei hatte – hab ich nun wieder eine eher kleinere Leseliste für April zu bieten. Um nicht ganz so kärglich daher zu kommen, hab ich am letzten Aprilsamstag noch geschwind eine Kurzgeschichte eingeschoben. 🙂

Frank Göhre – Der Auserwählte
Das Buch habe ich in unserer Krimileserunde gelesen, die auch hier auf meinem Blog stattfand. Leider war es nicht ganz meins. Ich mag den Schreibstil, aber die Wechsel zwischen Vergangenheit und Heute waren mir zu abrupt und auch meine Erwartungen standen mir im Weg.

Joakim Zander – Der Schwimmer
Das Buch hab ich Anfang April gelesen und bei Goodreads 3 Sterne vergeben. Aber ehrlich gesagt kann ich mich grade nicht erinnern, was mir gut oder schlecht gefallen hat. Anscheinend war es aber nur Durchschnitt….

Batman’s Gehilfen – Lawrence Block (Kurzgeschichte – nicht auf dem Bild)
Auch wenn ich es natürlich toll finde, dass mehr und mehr Matthew Scudder Krimis und Kurzkrimis erscheinen, muss man sagen, dass diese hier einfach nur ganz nett war. Mehr aber auch nicht. Nichtsdestotrotz ist Scudder immer noch zu empfehlen und man sollte einfach bei Kurzgeschichte 1 – Aus dem Fenster – beginnen, die ist nämlich richtig gut.

Rezensionen gibt es schon zu Nach der Schlacht von Le Minh Khue und auch von Karges Land von Erik Storey. Für Heaven’s Gate von Tommy Schmidt schreibe ich noch an der Rezension – diese wird bald folgen.

 

So, nun noch ein Blick in den Mai, der doch wieder einiges zu bieten hat. Neuerscheinungen gibt es ja immer massenweise, aber daraus dann seinen Favoriten zu wählen ist gar nicht so einfach. Diesmal ist es aber klar – bei mir steht Monika Geier auf Platz 1 der Wunschliste:


Monika Geier – Alles so hell da vorn
Inhalt:
In einem Frankfurter Vorstadtbordell empfängt eine junge Hure einen Freier, einen ihrer Stammkunden. Nichts weist darauf hin, dass sich dieses Zusammentreffen irgendwie von den bisherigen unterscheiden wird. Man geht aufs Zimmer. Kommt zur Sache. Dann schnappt sie sich seine Kanone, schießt ihn ­nieder und ergreift die Flucht. Knallt gleich noch einen der Zuhälter ab, kassiert sein Smartphone, nimmt seinen Wagen und fährt los. Sie weiß genau, wo sie hinwill.
Mein Kommentar: Der letzte Krimi von Monika Geier hat mir außerordentlich gut gefallen und ich erwarte nichts anders von ihrem Neuen. 🙂

 

 

Daneben gibt es im Mai aber noch einige andere tolle Neuerscheinungen, die ich zumindest hier kurz erwähnen möchte:

James Lee Burke – Schmierige Geschäfte
Kommentar: Schön immer weiter die Robicheaux Krimis veröffentlichen, ja? Bitte, bitte.
Estelle Surbranche – So kam die Nacht
Kommentar: Endlich die erste Frau im Polar Verlag – Noir können wir nämlich auch.
Hard Revolution – George P. Pelecanos
Kommentar: Pelecanos ist mir schon ans Herz gelegt worden, aber noch habe ich es nicht geschafft, reinzuschnuppern.

Ach ja, und einige erinnern sich bestimmt an meine Erwähnung von Smonk von Tom Franklin, welches Ende März erscheinen sollte… nun ja, jetzt soll es Ende Mai erscheinen. Ich drück mal die Daumen!


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In den Bergen: Karges Land – Erik Storey


Erik Storey – Karges Land
Verlag: Piper
Übersetzer: Wulf Bergner
320 Seiten
ISBN: 978-3492060677

 

 

 

 

Clyde Barr ist erst seit Kurzem zurück in seiner Heimat, als er einen Anruf seiner Schwester Jen erhält. Lance Alvis, ein Drogenboss, der den Markt von drei Staaten kontrolliert und mit Gewalt und Tücke darüber herrscht, hält Jen fest. Der Anruf wird unterbrochen und so muss Clyde erst mal Lance Alvis Versteck aufspüren, bevor er seine Schwester aus dessen Klauen befreien kann. Doch zum Glück kann Clyde einiges vorweisen, um den Kampf gegen diesen mächtigen Gegner aufzunehmen.

Fangen wir mal mit was ganz einfachem an: ich hatte riesigen Spaß beim Lesen des Thrillers. Es war für mich genau die richtige Geschichte zur richtigen Zeit. Die Seiten sind mir durch die Finger geflutscht und das Buch war in null komma nix ausgelesen. Die Sogwirkung, die ein Thriller mitunter entwickeln kann ist schon unglaublich. Geholfen hat mir hierbei auch, dass es eben einfach nur spannend war und ich nicht groß nachdenken musste. Der Beginn hält erst mal keine Überraschungen bereit – böser Mann klaut holde Jungfer und Ritter macht sich auf, um sie ihm zu entreißen – doch die Geschichte hat mir einfach gut gefallen. Sagen wir mal so: nichts zum groß mitdenken, sondern einfach zum „wegsaugen“.

Nichtsdestotrotz hält der Thriller natürlich einige Dinge bereit, an denen man herummäkeln könnte. Angefangen bei Clyde Barr, der schon als junger Erwachsener in die Welt gezogen ist: Afrika, Naher Osten, Südamerika. Immer in Krisengebieten, meist auf der Seite der Unterdrückten, im Kampf gegen Regime und Diktaturen. Ein Söldner, aber natürlich ein Guter. Solange bis er auch mal seinen Vorteil daraus zieht und im Knast landet. In Mexiko. Damit verscherzt er es sich mit zwei seiner drei Schwestern – einzig Jen, das andere schwarze Schaf der Familie, bleibt mit ihm einigermaßen in Kontakt. Clyde kennt sich also aus – im Umgang mit allerlei Waffen, mit dem Leben in der Wildnis, mit dem Nahkampf… you know, eigentlich mit allem, was man bei der Jagd auf einen Drogenboss so brauchen kann.

Und dann gibt es natürlich noch den weiblichen Part. Allie.
Allie arbeitet als Kellnerin in der Kneipe von Lance Alvis Bruder. Und auch wenn die Brüder nicht die engste Beziehung pflegen, kann Allie einiges an Informationen beitragen. Doch daraufhin ist sie nicht mehr so beliebt an ihrem Arbeitsplatz, weswegen sie Clyde dann begleitet, bzw. sich quasi aufdrängt. Für Clyde ist das, nun ja, zum Teil Belastung, zum Teil Vergnügen, denn die reizende Allie ist… na ja, eben sehr reizend.

Also schon irgendwie sehr stereotyp – über den bösen Drogenboss Lance Alvis will ich da mal gar kein zusätzliches Wort verlieren. Alles eben sehr schwarz oder sehr weiß. Aber ich will, wie gesagt gar nicht groß rummäkeln, denn mir hat der Thriller viel Lesespaß bereitet und da kann ich über diese Dinge locker mal hinwegsehen. Zudem hat der Thriller doch noch einige kleine Überraschungen beinhaltet, so kann das Ende zwar mit einer Art Happy End aufwarten, hat aber doch einen schalen Nachgeschmack, da nicht alle wesentlichen Personen das Ende erleben.

Abschließend muss ich allerdings noch einen Kommentar zum Umschlagsbild los werden: es gab überhaupt keinen Hubschrauber! Sowas. Und wenn ich nochmal genauer hinschaue, ist die Landschaft dort eher flach und karg – im Buch allerdings finden die meisten Handlungen in den Bergen statt. Hmm… was soll ich sagen? Thema verfehlt? Naaaa…. Zumindest der Pickup lässt sich wiederfinden.

Fazit:
Spannende Kost für Zwischendurch – nicht das Hirn überanstrengen, sondern einfach lesen und genießen.


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Krimi-Leserunde zu “Der Auserwählte” von Frank Göhre

In der kleinen, aber feinen Gemeinde der Krimi-Blogger haben wir vor Kurzem beschlossen, nochmals eine Krimi-Leserunde zu veranstalten. Nach einigen terminlichen und inhaltlichen Abstimmungen, ist es nun soweit: morgen startet unsere Leserunde! Ausgesucht haben wir uns “Der Auserwählte” von Frank Göhre, ein feiner Noir-Krimi aus dem Pendragon-Verlag.
Und auch wenn wir die Runde quasi “unter Bloggern” beschlossen haben, sind jederzeit spontane Mitleser willkommen, egal ob Blogger oder Leser.

Frank Göhre – Der Auserwählte
Inhalt: Eloi – Der Auserwählte – ist gelinkt worden. Nun schuldet er David Geld. Drogengeld. Der illegal in Hamburg lebende Afrikaner gerät mächtig unter Druck. Und plötzlich ist Eloi verschwunden. Gekidnappt. Welche Rolle spielt Elois Mutter bei dem Verbrechen? Liegt der Schlüssel zur Aufklärung in ihrer bewegten Vergangenheit, die sie Ende der Achtzigerjahre auf eine kanarische Insel führte?
Auf der Sonneninsel herrschte ein ›genialer Erzieher‹ über eine Gruppe höriger Anhänger. Und Elois Mutter war seine Gespielin. Jetzt geht es um Geld – um sehr viel Geld. Aber auch um Gerechtigkeit, Schuld und Sühne aus scheinbar längst vergangener Zeit …

Leseabschnitte:

1. Abschnitt: Anfang – S. 57 (Kapitel 1-8)
2. Abschnitt: S. 58 – S. 121 (Kapitel 9-20)
3. Abschnitt: S. 122 – S. 189 (Kapitel 21 – 31)
4. Abschnitt: S. 190 – Ende (Kapitel 32 – 45)

Wer ist bei der Leserunde dabei?

Philly von Wortgestalt
Gunnar von Kaliber.17
Kaisu von life4books
Alexander von Der Schneemann
Michael von Bookaholics
Stefan von Crimealley
Ich 🙂
… und natürlich jeder, der sich spontan entschließt, mitzumachen!

Wie läuft die Leserunde ab?

Die Leserunde startet morgen, am 22.04.2017. Im Kommentarbereich unter diesem Beitrag richte ich pro Leseabschnitt einen Kommentar ein, unter dem jeder, der den Abschnitt gelesen hat, kommentieren und mit den anderen darüber diskutieren kann. Jeder liest in seinem eigenen Tempo und kommentiert im jeweiligen Leseabschnitt, wenn er soweit ist.

Da bei einer Leserunde das Buch gelesen und der Inhalt auch besprochen wird, besteht Spoilergefahr. Wer also das Buch noch nicht kennt, aber noch lesen möchte, meide bitte den Kommentarbereich. Leser, die das Buch bereits kennen, sind natürlich auch herzlich eingeladen, mitzudiskutieren.

 


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Inside Vietnam: Nach der Schlacht – Le Minh Khue


Le Minh Khue – Nach der Schlacht
Verlag: Argument
Übersetzer: Günter Giesenfeld, Marianne Ngo und Aurora Ngo
208 Seiten
ISBN: 978-3867542159

 

 

 

Wie so einige Viellesende träume auch ich davon, literarisch einmal in jedes Land der Welt zu schnuppern, am besten durch eine Autorin oder einen Autor, der aus diesem Land stammt. Würde ich zur Dokumentation eine Weltkarte benutzen, könnte ich nun ein weiteres Land mit einem farbigen Fähnchen „abhaken“: Vietnam. Wunderbarerweise hat der Argumentverlag für seine Ariadne-Krimis die vietnamesische Schriftstellerin Le Minh Khue gewinnen können, von der nun zwei Kurzgeschichten im Band „Nach der Schlacht“ auf Deutsch vorliegen.

Vietnam – was genau weiß ich eigentlich darüber? Jeder hat wohl den Vietnamkrieg im Kopf und auch wenn ich die Hollywood-Streifen, in denen mehr oder weniger heroische Helden in irgendwelchen Dschungeln im Sumpf versinken, nicht genau kenne, ist das doch immer eine amerikanische Perspektive. Der Krieg war für die USA ein Desaster, doch wie war es für Vietnam, für die Menschen, die dort leben? Le Minh Khue nimmt uns nur teilweise mit in diese Zeit, zeigt aber ganz deutlich die Auswirkungen dieses verheerenden Krieges und des Kommunismus. Doch das zeigt sie an Familien, an Schicksalen, am Leben der Menschen in Vietnam. Hier werden keine großen politischen Schlachten geschlagen – es geht um das Alltägliche, das Leben der Menschen.

„Das wirkliche Leid traf die Mütter, die durch ihre Kinder ihr Herzblut für den Krieg vergossen. Im Krieg ging es immer nur um Sieg, Strategie, Taktik, der Verlust an menschlichem Blut, das viele konkrete individuelle Leid zählte nicht.“ (S. 52)

„Stürmische Zeiten“ folgt zwei Halbbrüdern ein halbes Leben lang. Der eine wächst wohlbehütet in der Familie auf, der andere, der Sohn der Geliebten, lebt verstoßen und mit seiner verbitterten Mutter. Der Krieg, in dem beide zu unterschiedlichen Seiten angehören, lässt die beiden Jahre später aufeinander stoßen und bringt Verbitterung, Hass und Gemeinheiten herauf, deren sich die Alten, die das Unglück verursacht haben, schon fast nicht mehr bewusst sind, in den Kinderköpfen aber sehr wohl noch eindrücklich vorhanden.

„Eine kleine Tragödie“ beginnt zeitlich viel später und handelt von einer Journalistin, die mit distanziertem Blick eine Tragödie ihrer Familie erzählt. Die Journalistin ist eine einfache Frau, die sich durchs Leben schlagen muss. Allerdings die Nichte eines Parteimitglieds, eines hohen und mächtigen Parteimitglieds, dessen Tochter gut mit ihr befreundet ist. Die Unterschiede der Welten dieser beiden Frauen sind wie Tag und Nacht, doch auch hier holen die Sünden der Alten die Kinder ein und die wohlbehütete Tochter büßt ihr Glück letztendlich ein.

Die Auswirkungen des Krieges, der nicht kritisierbare Kommunismus, zu wenig zum leben, zu viel zum sterben, das tägliche Harren auf ein besseres Leben und gleichzeitig das müde Akzeptieren der Gegebenheiten offenbart eine fremde Kultur, eine fremde Politik – alles scheint so anders. Und doch, betrachtet man die Grundstruktur, sind die kleinen Geschichten, die das Leben schreiben, doch die gleichen wie man sie auch hier, in Europa oder eben überall auf der Welt, findet. Familientragödien, Fehler, welche die Eltern (hier eigentlich die Väter) machen und die Kinder ausbaden dürfen, bzw. müssen, Hass, der sich aufstaut und in Rache gipfelt oder in schierer Ohnmacht endet. Diese Mischung aus einem für mich neuen, unbekannten Hintergrund – Vietnam mit all seinen Facetten – und gewohnt alltäglichem, menschlichen Verhalten fand ich unglaublich faszinierend. Ein vietnamesischer Blick auf Vietnam, der zwar zeigt, dass die Grundzüge der Menschheit doch gar nicht so anders sind, aber genau darin, mit der Kombination der Geschichte, Kultur und Politik des Landes, einen unglaublichen Sog entwickelt und einen in neue, unbekannte Abgründe schubst.

Fazit:
Ein unverstellter und faszinierender Einblick die Geschichte und Kultur Vietnams, welcher in Kombination mit den alltäglichen Grausamkeiten, die sich Familienmitglieder antun, ein realistisches Bild der Gegenwart Vietnams und dessen Kampf mit seinen Wurzeln zeigt. Ergreifender Lesestoff!


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Interview – Davide Longo

Ganz besonders habe ich mich gefreut, als Davide Longo zugestimmt hat, mir ein kleines Interview zu geben. Vor allem, nachdem ich mich durch seine, nur auf Italienisch verfügbare Webseite geklickt hatte und es doch geschafft habe, ihm eine Nachricht zu schicken.
Leider hat er es nicht geschafft, dass Interview in meinem Urlaub zurückzusenden und nun hab ich es leider ein paar Tage liegen lassen. Aber jetzt, jetzt ist es endlich übersetzt und steht für Euch bereit!

Ich wünsche Euch viel Spaß dabei und kann jedem von Euch nur nochmals ans Herz legen, ein Davide Longo Buch zu lesen. Es lohnt sich!

Hier ist die Version in Deutsch – for the “original” / English version, please scroll down.

Deutsche Version:

1. Wolltest Du schon immer eine Dystopie schreiben oder gab es da einen bestimmten Grund oder ein bestimmtes Ereignis, welches Dich dazu brachte, “Der aufrechte Mann” (L’uomo vertical) zu schreiben?

Ich war schon immer fasziniert von der postapokalyptischen Sichtweise. Die Handlung des Romans ist nach und nach entstanden, indem immer mehr und unterschiedliche Faszinationen hinzu kamen: Literatur, Nachrichten. Im Speziellen ist das Italien, welches von vielen Italienern als ein Land unter Belagerung angesehen wird. Immigranten stehen an den Grenzen. Und wir haben eine Menge Grenzen, sehr schwierig zu kontrollieren. Es ist einfach, die Probleme oder den Verlust des eigenen Landes anderen zuzuschreiben.

2. Das überraschendste Element für mich war der Elefant. War es von Anfang an Deine Absicht, eine Parabel zu schreiben und warum hast Du diese Form gewählt?

Das ganze Buch muss als Parabel in der Bibel gelesen werden, nicht als realistische Geschichte. Der Elefant repräsentiert Weisheit, Zeit, Geduld, aber auch die Fähigkeit, in einem Moment alles zu zerstören, dank seiner Kraft. Es ist die Natur, das Eine, welches ohne den Menschen lebt. Ich würde sagen, dass die Natur, das Leben, besser ist ohne den Menschen.

3. Neben “Der aufrechte Mann” (L’uomo vertical) sind zwei Krimis von Dir in Deutschland veröffentlicht worden. Aber ich habe auch gesehen, dass in Italien andere Geschichten, z. B. auch Kinderbücher von Dir, veröffentlicht wurden. Hast Du ein bevorzugtes Genre? Und wenn ja, warum?

Ich bevorzuge – außer im sexuellen Sinne – keine Gattung. Literarische Genre sind eine Erfindung der Verlage. Genres müssens verkaufen, die Bücher in Büchereien und Buchhandlungen katalogisieren und dem Leser helfen, sich zu Recht zu finden. Ich glaube, es gibt nur gute Autoren, mittelmäßige und brillante Autoren. Sogar schlechte Autoren. Ich hoffe, dass ich ein guter Autor bin. Ein Schriftsteller, der manchmal einen Tisch herstellen möchte, manchmal einen Stuhl und wann anders vielleicht eine Bank oder eine Bibliothek. Das Wichtigste ist, dass Leute sie benutzen und sich dabei denken, dass sie von „einem guten Handwerker“ gemacht sind.

4. Zum Abschluss noch die Frage nach Deinem Lieblingskrimi?

Meine liebsten Krimis sind „Das Versprechen“ von Friedrich Dürrenmatt, „Die grauen Seelen“ von Philippe Claudel und „Amok“ von Emmanuel Carrère. Nicht gerade traditionelle Krimis, wie Du siehst!

English Version

1. Did you always wanted to write a dystopia or was there a specific reason or event, which drives you to write “L’uomo vertical”?

I have always been attracted to the post-apocalyptic dimension, as well as from that of the original. The story of the novel has risen gradually, adding many different fascinations: literary, general news. In particular Italy for
many Italians it is seen as a country under siege. Immigrants are pressing at the borders. And we have a lot of borders, difficult to control. It ‘easy to attribute the problems or the loss of our country to foreigners

2. The most surprising thing for me was the elephant.  Was it your intention to write it as a parable and why have you chosen this form?

The whole book has to be read as a parable in the Bible, not in realistic terms. The elephant represents wisdom, time, patience, but also the ability to destroy everything in an instant thanks to its strength. He is the nature, the one
that lives without man. I would say that nature that life is better without the man.

3. Beside “L’uomo vertical” two crime fiction novels of you have been published in Germany, but I have seen you also published in Italia also other novels, e. g. a book for children. Do you have a preferred genre? And if so, why?

I have no gender preferences (except in the sexual sphere). The literary genre is an invention of the publishers. It needs to sell, to catalog the books in libraries, bookstores and to help the reader navigate. I believe there are only
good writers, mediocre writers and superlatives writers. Even bad writers. I hope to be a good writer. A good writer who sometimes wants to make tables, chairs sometimes, sometimes a bench or a library. The important thing is that
people use them and think “is made by a good craftsman.”

4. Just one short question at the end: what is your favorite crime novel?

My favorite crime novels are The promise by Durrematt, Le anime grigie di
Philip Claudel, L’avversario di Carrere. Not the traditional crime novel, as
you see!

 


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Monatsrückblick März 2017

Woohoo!

Der März war lesetechnisch (aber auch so) richtig gut. Ein wenig geholfen hat, dass ich ein paar Tage Urlaub hatte und so hab ich richtig viel lesen können – dafür hatte ich keine Lust auf Rezensionen und so gibt es nur zu zwei Büchern eine Rezension, aber natürlich werde ich jetzt kurz meine Meinung pro Buch kund tun. Und hier sind sie:

Mirror – Karl Olsberg:
Spannender Blick in die Zukunft – oder eigentlich schon jetzt erschreckend, wie sehr wir uns auf die Technik verlassen. Karl Olsberg hat das auf die Spitze getrieben und zeigt eine sehr wahrscheinliche Möglichkeit, leider mit einigen Längen.

Gun Street Girl – Adrian McKinty:
Anstandslos reihe ich mich in die Lobeshymnen ein, die man zu McKintys Serie um den “katholischen Bullen” Sean Duffy, lesen kann. Auch mit Gun Street Girl hat er mich hervorragend unterhalten und fast ist es schon schade, dass ich nun bei “Rain Dogs”, dem neuesten Teil, angelangt bin, denn danach hab ich ja keinen Sean Duffy Puffer mehr….

IQ – Joe Ide:
Gute Idee, aber ich habe mit der Umsetzung gehadert. Es waren nämlich zwei Geschichten mit gleichem Gewicht: der aktuelle Fall von Isaiah Quintabe und Isaiahs Vergangenheit. Gespickt noch mit ein paar anderen Perspektiven und schon war mein Lesefluss irgendwie gestört. Ein zweiter Fall, falls vorhanden oder in Planung, könnte aber besser sein – das Thema Vergangenheit ist ja nun abgehakt, und… wer einen Granatwerfer im Kofferraum mit sich herum fährt, hat bei mir einfach ein Stein im Brett.

Mila – Matteo Strukul:
Eigentlich war das ein Film. Oder halt ein Drehbuch. Natürlich für einen Actionfilm. Viel Gewalt, wenig Hintergrund/Tiefe, die auch die traurige Geschichte der Protagonistin nicht herausholen konnte. Aber ganz unterhaltsam für einen Nachmittag.

Das dunkle Schweigen – Wolfgang Schorlau:
Ich mag Dengler. Der erste Teil hat mir sehr gut gefallen, dieser hier nicht mehr ganz so gut, aber immer noch recht gut. Vielleicht bin ich einfach ein wenig genervt, dass es, wenn es um ein dunkles Geheimnis geht, immer etwas mit dem 2. Weltkrieg zu tun hat. Muss doch auch noch was anderes geben in der Geschichtsschreibung, was Stoff für Geheimnisse liefert – oder?

Im Sommer der Mörder – Oliver Bottini:
Zugegeben fand ich es ein wenig anstrengend Louise Boni nach ihrer Entziehungskur zu erleben, aber ich muss auch zugeben, dass es sehr authentisch geschrieben war. Spannend war es trotzdem – und sehr überraschend. Oder wie erklärt Ihr Euch, dass man mit Jugoslawien startet und in Pakistan landet?

Das Jahr des Falken – Jo Walton:
Endlich der letzte Teil der Trilogie! Man muss erwähnen, dass der dritte Teil nur noch wenig mit Krimi zu tun hat, dafür aber eine beklemmende Alternativwelt zeigt, in welcher der Faschismus in fast ganz Europa fest Fuß gefasst hat. Ein würdiger Abschluss!

Fünf schräge Vögel – Donald E. Westlake:
Was eine skurrile Jagd nach dem Balabomo-Smaragd – ein tolles Buch um Dortmunder, den Dieb und Mastermind, der mit 4 anderen das religiöse Od eines kleinen afrikanischen Staates klaut. Und klaut. Und klaut. Und….
Hoffentlich wird die Übersetzung der Reihe fortgesetzt….

Zu “Die Stunde der Entführer” von Robert Wilson und zu “Suff und Sühne” von Gary Victor findet ihr die Rezensionen hinter den Links.

Was gab es sonst noch im März?

Derweil alle anderen… na ja, zumindest einige, auf der Leipziger Buchmesse waren, hab ich ein Alternativprogramm gestartet. Neben der Lesung von Gary Victor, für die ich mich nach Mainz begeben habe, hatte ich Bloggeburstag und habe dazu ein paar Mini-Interviews mit Autor*innen vorbereitet und veröffentlicht. Mit dabei waren:
Lawrence Block
Anne Goldmann
Gary Victor
Jo Walton
Und vor zwei Tagen habe ich tatsächlich noch ein weiteres Interview erhalten. Der Autor hatte mir schon zugesagt, aber erwähnt, dass er gerade im Stress ist und es wohl ein wenig dauern würde. Nichtsdestotrotz – jetzt ist es da. Und diese Woche werde ich mich dann an die Übersetzung machen und es auch Euch zur Verfügung stellen. Ihr könnt Euch also schon mal vorfreuen!

Und nun noch einen kurzen Blick in den April. Nach dem Buchmesse-Monat März sieht es im April in der Tat ein wenig mau aus. Zumindest für mich. Der Unionsverlag veröffentlicht weiterhin James McClure und vervollständigt nach und nach die Reihe, doch ich fange dann erst mal mit Teil 1 an, auch von Ken Bruen gibt es neues im Polar Verlag, doch mir hat es diesen Monat das folgende Buch angetan:


Apostolos Doxiadis – Des Menschen Wolf
Inhalt: Ben Frank hat Blut an seinen Händen. Bei einer Kneipenschlägerei tötet er den Sohn des berüchtigten Mafiabosses Tonio Lupo. Und dieser sinnt auf Rache: Auch Franks Söhne sollen in dem Alter ermordet werden, in dem sein Sohn starb. Schicksal, Zufall, bewusste Entscheidungen: ein spannender Rache-Thriller über die Frage, wie wir dem Tod ein Schnippchen schlagen können.

Al, Nick und Leo Frank sind sich keiner Schuld bewusst. Doch der vom Tode gezeichnete Mafiaboss nimmt seine Rache ernst: Er setzt einen Profikiller auf die drei Brüder an, der sie umbringen soll, sobald sie 42 Jahre alt sind. Während Al sich durch Reichtum zu schützen sucht, flüchtet Nick in den Glamour von Hollywood, um sich unverwundbar zu machen. Nur der jüngste Bruder Leo ist noch zu klein, um von dem Fluch zu erfahren, und führt zunächst ein unbeschwertes Leben. Aber auch für den Profikiller stellt sich die Frage, wie er leben soll, bis seine Opfer ihr entsprechendes Alter erreicht haben.
Mein Kommentar: Schon das Cover ist genial, die Beschreibung hört sich nach einem Gemisch von Alt-Bekanntem und Neuem an – ich bin schon gespannt!

Worauf freut Ihr Euch denn im April?