Die dunklen Felle

Krimis, Schafe – und Felle.


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Shorty | Gefährliche Empfehlungen – Tom Hillenbrand


Tom Hillenbrand – Gefährliche Empfehlungen
Verlag: KiWi
403 Seiten
ISBN: 978-3462049220

 

 

 

 

Worum geht es?
Xavier Kieffer, Koch und Freund der „Guide Gabin“ Erbin Valérie, ist hautnah dabei, als bei der Eröffnung des „Maison Gabin“, der seltene Guide Gabin aus dem Jahre 1939 gestohlen wird. Kein Geringerer als François Allégret, der französische Präsident, überredet Kiefer, sich auf die Suche nach dem verschwundenen Guide zu machen und sein Geheimnis zu lüften.

Einer wie der andere?
Aber ja – Xavier macht sich zwar auf die Suche nach dem verschwundenen Buch, aber natürlich immer gut gespickt mit allerlei Leckereien und vielen Ducals (Zigaretten).

Opfer, Tat und Täter
Verfolgung durch nächtliche Straßen, Bombendrohung und Geheimdienste – aber eigentlich ist es eine abenteuerliche Jagd.

Themen
2. Weltkrieg in Frankreich, Geheimdienste, Intrigen und Gold

Was war gut?
Die Geschichte liest sich locker leicht, genauso wie Xavier Kiefer kocht: Bodenständig und ohne viel Aufhebens. Unterbrochen wird die Geschichte von kurzen Rückblicken während des 2. Weltkriegs, welche die Neugier, was hinter dem Guide Gabin von 1939 nun steckt, noch weiter anheizen. Auch Verfolgungsjagden und ähnliches lockern auf und erhöhen die Spannung.

Was war schlecht?
In den vorigen Bänden durfte der Koch immer einer Machenschaft in der Lebensmittelindustrie auf den Zahn fühlen, z. B. Olivenöl oder Thunfisch. Diesmal geht es eben um ein Buch, um den Guide Gabin. Für mich nicht ganz so spannend wie ein Lebensmittelskandal. Aber der Zweite Weltkrieg und die Nazi-Zeit eignen sich ja immer hervorragend als Stoff für Krimis, wenn es auch nicht unbedingt innovativ ist.

FAZIT:
Ein weiterer gelungener Ausflug in die Welt der Leckereien mit Xavier Kieffer, diesmal jedoch mit alten Büchern statt aktuellen Lebensmittelskandalen.


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Fehlschlag: Josefine Rieks – Serverland


Josefine Rieks – Serverland
Verlag: Hanser
176 Seiten
ISBN: 978-3-446-25943-0

 

 

 

 

Die Idee war einfach so klasse – eine zukünftige Welt ohne Internet? Tausend Fragen sind mir durch den Kopf geschwirrt. Lässt sich das Internet überhaupt noch aus unserem Leben entfernen? Warum ist es verschwunden? Was ist mit der Welt passiert? Wie läuft das Leben jetzt ab – zurück in die Steinzeit? Oder alles gar nicht so schlimm?
Die Antworten auf diese Fragen bleibt das Buch mir leider schuldig.

Reiner arbeitet bei der Post, doch seine Leidenschaft sind alte Laptops. Die Relikte aus der Vergangenheit sammelt er und zockt darauf Videospiele, soweit möglich. Meyer, den er noch aus seiner Schulzeit kennt, aber nicht viel von ihm hält, führt ihn ins Wunderland, ins „Serverland“. Ein altes, verlassenes Gebäude, in dem die früheren Server von Google Inc. vor sich hin stauben. Dort hat sich eine jugendliche Gemeinde versammelt und versucht den Zeitgeist von früher wiederzubeleben.

Die jugendliche Gemeinde ist genau so, wie man sie sich vorstellt. Viel Party, viel Alkohol, viel Rauchen. Mit einem Hauch von Hippie. Daran soll es wohl angelehnt sein. Und die jugendliche Gemeinde ist sehr international. Das heißt, dass es viele englische Gespräche gibt, die nicht ins Deutsche übersetzt sind. Mal abgesehen davon, dass es das zwar einfaches Englisch ist, finde ich es nicht gut, dass diese Passagen unübersetzt sind. Nicht jeder kann Englisch.

Die Internationalität der jungen Menschen gibt mir Rätsel auf. Denn nicht nur das Internet ist verschwunden – auch Computer oder jegliche elektronische Datenverarbeitung scheint verschwunden, ja sogar verpönt zu sein. Wie kommen also die Amerikaner nach Holland (dort, wo die Server stehen)? Sind die vor Wochen mit einem Ozeandampfer losgefahren? Ein Flugzeug oder ein anderes, neueres Schiff kann es ja nicht gewesen sein, denn diese funktionieren ohne Computer schlicht und einfach nicht mehr.

Das ist auch die Sache, an der es meines Erachtens im Buch krankt. Die Welt scheint unverändert, nur das Internet, bzw. die EDV scheint verschwunden. Es gibt keine Missstände in der Versorgung der Bürger, es gibt Autos (mit welcher Elektronik die wohl fahren?) und und und. Wieso gibt es keine einschneidenden Veränderungen wenn die digitale Ader aus unserer Welt gerissen wird? Das ist für mich nicht nur unverständlich, sondern auch unrealistisch. Es wird aber auch auf gar nichts davon eingegangen.

Dann hab ich überlegt, ob  mir die Autorin vielleicht etwas anderes mit dem Buch sagen möchte. Aber ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung was. Diese jungen Menschen sitzen beisammen, haben eine Art Plenum gegründet, aber eigentlich gibt es nur ein paar wenige, die etwas verändern wollen. Die anderen hängen einfach dort ab. Und selbst die, welche etwas verändern wollen – was genau? Die Jugendlichen ziehen YouTube Videos von den Servern, brennen diese auf DVDs und schicken diese wahllos an Menschen (DVD Player gibt es anscheinend noch) – warum? Hier reden wir nicht von bedeutenden Reden oder Momenten der Geschichte, sondern von Robbie Williams „Rock DJ“ Video oder irgendwelchen Jugendliche, die Geräusche machen. Total albernes Zeug.

Will die Autorin mich also dadurch darauf aufmerksam machen, dass im Internet nur Unsinn kursiert? Hm, vielleicht. Aber tatsächlich hätte die Autorin so viel mehr mit dieser Grundidee erreichen können, dass mir diese offensichtliche Tatsache einfach nicht ausreicht. Das Buch war kurz – nur 179 Seiten lang – aber tatsächlich habe ich nun das Gefühl, meine Zeit hätte wesentlich besser investiert werden können.

Fazit:
Die Grundidee war so gut, vielleicht schon zu verdammt gut, denn die Umsetzung konnte leider überhaupt nicht überzeugen. Das Buch war für mich tatsächlich reine Zeitverschwendung. Ich hab keine Ahnung was das Buch mir sagen wollte.

 


Weitere Meinungen:
Iris vom Schurkenblog und ich sind auf einer Wellenlänge, denn sie findet: „Um das Lesen des Buches erträglicher zu machen, sollte man wohl ganz viel Bier und noch mehr Joints intus haben. Wenn das nicht hilft: auskotzen.“


 


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Shorty | Brennende Kälte – Wolfgang Schorlau


Wolfgang Schorlau – Brennende Kälte
Verlag: KiWi
255 Seiten
ISBN: 978-3462039825

 

 

 

 

Worum geht es?
Dengler hadert mit seinen Jobs. Lieber einen einfach und ungeliebten, aber gut bezahlten Job annehmen und die S21 Gegner ausspioniren oder den verschwundenen Mann einer Ehefrau finden? Vorerst entscheidet er sich für den Verschwundenen, doch der entpuppt sich als Soldat, der mit einer posttraumatischen Störung aus Afghanistan zurückgekommen ist. Das dies kein normaler Fall ist, sondern natürlich politische Verwicklungen nach sich zieht ist bei Herrn Schorlau natürlich selbstverständlich

Einer wie der andere?
Ja, irgendwie schon. Natürlich ist es ein anderer Fall, aber Dengler bleibt Dengler. Ein Privatdetektiv ganz nach meinem Gusto. Nichtsdestotrotz wirkt er diesmal sehr nachdenklich, hauptsächlich über seine finanzielle Situation und wie er damit Olga, seine Freundin, „erretten“ könnte.

Opfer, Tat und Täter
Täter gibt es hier ganz viele – von den Beteiligten des Krieges bis hin zum BKA, aber der verschwundene Soldat kann in beide Kategorien eingeordnet werden.

Themen
Afghanistan, Kriegsverbrechen, Waffenentwicklung, posttraumatische Belastungsstörung

Was war gut?
Herr Schorlau ist und bleibt mein Erklärbär. Er deckt auf, informiert, recherchiert – und es gelingt ihm auch, das Ganze noch spannend zu verpacken. Hierunter sind Dinge, über die wir gar nicht oder nur sehr spärlich in den Medien informiert werden, aber auch Neuigkeiten, über die zu viel oder zu viel Falsches berichtet wurde, bzw. der Überblick verloren geht.
Ganz nebenbei hat diesmal auch Olga, eine wahnsinnig tolle Szene mit Wassermelonen und Wodka.
Und natürlich spielt der Krimi in Stuttgart und ist somit für mich regional, wenn auch keinesfalls ein Regionalkrimi.

Was war schlecht?
Ganz kurz streift der Autor mal S21, doch weiter geht er nicht darauf ein. Hierüber wäre ein spannender Kriminalfall doch auch mal was, oder?

FAZIT:
Wieder ein sehr gelungener Kriminalfall in der Reihe um Privatdetektiv Dengler. Wer die Reihe noch nicht kennt, sollte hier unbedingt mal reinlesen!


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Shorty | Acht Millionen Wege zu sterben – Lawrence Block


Lawrence Block – Acht Millionen Wege zu sterben
Verlag: unabhängig
Übersetzer: Sepp Leeb
296 Seiten
ASIN: B06X3QMMHR

 

 

 

 

Worum geht es?
Matt Scudder erhält diesmal einen einfachen Auftrag: er soll Kim Dakkinens Zuhälter sagen, dass sie gerne aussteigen möchte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten Chance, ihren Zuhälter aufzufinden, stimmt der bereitwillig zu und fragt, warum Kim Scudder überhaupt den Auftrag erteilt hat. Kim ist hocherfreut von der guten Nachricht, doch einen Tag später ist sie tot. Was einfach beginnt, entwickelt sich zu Scudders Nemesis.

Einer wie der andere?
Ja und nein. Scudder ist natürlich wie üblich unterwegs in der ganzen Stadt, befragt Leute und sammelt Splitter, die keinen Sinn ergeben, bis er sie letztendlich zusammensetzen kann. Doch: er hat mit dem Trinken aufgehört. Er kämpft gegen den Drang zu trinken, wird rückfällig und legt einen Haufen Laufarbeit zu den Treffen der AA zurück – inklusive literweise Kaffee. Ah, und er verzichtet zum ersten Mal darauf seinen Zehnten der Kirche zu spenden!

Opfer, Tat und Täter
Nutten, Mord mit Machete, Selbstmord und ein Irrer.

Themen
Diamonds are a girl’s best friend. In grün.

Was war gut?
Neben der Tatsache, dass ich Scudder einfach mag, war tatsächlich sein Kampf gegen den Alkohol sehr realistisch und stimmig beschrieben. Der Alkoholentzug tut seinem Wesen aber keinen Abbruch: er verträgt immer noch keine schlechten Nachrichten in der Zeitung und er ist hartnäckig. Schließlich hat er nicht 100 Fälle wie ein Polizist, sondern einen. Und den will er auch lösen.

Was war schlecht?
Scudders Kampf gegen den Alkohol nimmt sehr viel Anspruch in dem Krimi – das ist überzeugend, aber nimmt eben auch Zeit von den Ermittlungen. Und leider hat dieses ebook etliche Fehler, sei es Rechtschreibung, Flüchtigkeitsfehler, aber auch grobe Schnitzer – oder hat sich schon mal jemand oberwinden müssen?

Fazit:
Zum Glück gibt es keine acht Millionen weitere Teile (wann sollte ich die alle lesen?), aber natürlich bleibe ich der Serie treu. Ich liebe Privatdetektive, ich liebe Matthew Scudder.


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Fein und leise: Die schwere Hand – Dror Mishani


Dror Mishani – Die schwere Hand
Verlag: Zsolnay (Hanser)
Übersetzer: Markus Lemke
286 Seiten
ISBN: 978-3552058842

 

 

 

 

Avi Avraham wurde vor Kurzem zum Leiter der Ermittlungsbehörde ernannt und bekommt nun seinen ersten Mordfall, den er unter eigener Regie lösen muss. Avi kennt die Ermordete, Lea Jäger, denn sie war vor einigen Jahren das Opfer einer Vergewaltigung. Derweil sich sein Chef und seine Kollege, der bei der Beförderung übergangen wurden, schnell auf den Sohn als Tatverdächtigen einschießen, ermittelt Avi in eine andere Richtung. Kann es sein, dass ein Polizist, der vorgibt die Vergewaltigungsopfer nochmal verhören zu wollen, der Täter ist?

Obwohl ich erst mit dem jetzt vorliegenden, dritten Teil der Reihe eingestiegen bin, bereitet das überhaupt keine Probleme und ich konnte problemlos einsteigen. Avi Avraham ist befördert worden und leitet nun die Ermittlungen. Er vermisst seine frühere Vorgesetzte und fühlt sich auch noch nicht wohl in seiner neuen Aufgabe, trotzdem ermittelt er beharrlich in die Richtung, die ihm die Ermittlungen vorgeben. Und lässt sich weder von seinen Vorgesetzten einschüchtern, die um den guten Ruf der Polizei fürchten, noch von seinem Kollegen, der sich übergangen fühlt und nach Ermittlungsfehlern sucht. Avi ist sowieso ein ruhiger, nachdenklicher Mensch, fast melancholisch. Hier erinnert er sehr an die skandinavischen Ermittler, aber ohne Düsternis oder gar Alkoholproblem. Nichtsdestotrotz macht ihm auch sein Privatleben ein wenig zu schaffen, so ist doch mittlerweile seine Liebe, Marianka, aus Belgien bei ihm eingetroffen. Ein Versuch, denn Marianka spricht weder die Sprache, noch hat sie einen Job in Israel, aber die Liebe überwindet Grenzen. Nur ist es eben nicht immer einfach.

Tatsächlich muss sich Avi Avraham das Buch aber mit einem zweiten Erzählstrang teilen. Hier geht es um Mali, eine junge Frau, die vor einigen Jahren in Eilat auf einem Betriebsausflug  nachts vergewaltigt wurde. Der Täter ist nicht gefasst worden und die damaligen Ermittler hatten denn auch Zweifel an Malis Geschichte. Doch Mali hat heute noch Albträume von der schweren Hand des Täters, die sich auf sie legt. Dieses Ereignis hat die kleine Familie zutiefst erschüttert. Coby, ihr Mann kann keinen Job behalten und ist auf der Suche nach neuer Arbeit. Es macht ihm zu schaffen, dass er die Familie nicht versorgen kann, er zieht sich zurück und wird immer schweigsamer. Mali versucht die Familie zusammenzuhalten, hat Albträume und kann nicht mehr alleine schlafen. Nach und nach beginnt Mali zu ahnen, dass es ihrem Mann nicht nur aufs Gemüt schlägt, dass er die Familie nicht versorgen kann, sondern das weit mehr dahinter steckt.

Wer nun einen Reiseführer über Israel erwartet hat, wird enttäuscht sein, denn der Fokus von Dror Mishani liegt nicht auf seinem Land, sondern auf dem Seelenleben der Menschen. Ganz leise, feine Charakterbilder zeichnet er, die Stimmung ist ruhig und melancholisch, mit wenig, aber kontinuierlicher Spannung versehen. Es gibt keinen großen Knall und auch schon früh ahnt man, wer der Täter ist, es ist keine große Überraschung. Trotzdem liest man weiter, erkennt und blickt tief, tief in die Seelen der beteiligten Menschen: der Vergewaltigungsopfer, der Angehörigen, der Ermittler.

Fazit:
Großes Kino ganz leise erzählt – nicht auf den Knalleffekt kommt es an, denn Spannung kann auch ganz leise überzeugen. So wie in Avi Avrahams erster eigener Mordermittlung. Lesenswert!


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Fazit – Blogspezial Dystopische Literatur, gemeinsam mit Wortgestalt-Buchblog

Nach zwölf Rezensionen, vielen, vielen tollen Kommentaren und Diskussion sowie einigen anderen aufregenden Dingen (kurz vor knapp lesen, rezensieren oder vergessen zu veröffentlichen – zumindest von meiner Seite) gibt es nun heute ein Fazit zu unserem gemeinsamen Blogspezial Dystopische Literatur. Philly und ich haben uns separat Gedanken gemacht, natürlich basierend auf den Büchern, die wir jeweils gelesen haben, aber wir wollten trotzdem eine gemeinsame Struktur, um Euch durch unsere Fazit-Beiträge zu führen. Zur gleichen Zeit wird Phillys Fazit online gehen – und hier ist auch schon der Link zu Phillys Fazit.
Vorab möchte ich mich ganz herzlich für die regen Kommentare und Diskussionen bedanken – tatsächlich hat noch keine meiner Krimirezensionen solch ein Feedback verursacht. Ich war geflasht und sehr glücklich darüber. Vielen Dank an Euch!

Bevor ich nun loslege, lasst uns nochmal einen Blick auf die Liste der gelesenen Bücher werfen – mit Verlinkung zu den Beiträgen:

05.02.2018 E. M. Forster – Die Maschine steht still (Wortgestalt)
07.02.2018 Jewgeni Samjatin – Wir (Die dunklen Felle)
09.02.2018 Ray Bradbury – Fahrenheit 451 (Wortgestalt)
11.02.2018 Anthony Burgess – Clockwork Orange (Die dunklen Felle)
13.02.2018 Philip K. Dick – Der dunkle Schirm (Wortgestalt)
15.02.2018 Margaret Atwood – Oryx und Crake (Die dunklen Felle)
17.02.2018 Alan Moore / David Lloyd – V wie Vendetta (Wortgestalt)
19.02.2018 Cormac McCarthy – Die Straße (Die dunklen Felle)
21.02.2018 Margaret Atwood – Der Report der Magd (Wortgestalt)
23.02.2018 Dave Eggers – Der Circle (Die dunklen Felle)
25.02.2018 Juli Zeh – Corpus Delicti (Wortgestalt)
27.02.2018 Omar El Akkad – American War (Die dunklen Felle)

In aller Kürze: Was die Fachliteratur über Dystopien sagt

Vor der Dystopie stand die Utopie und Thomas Mores Schrift »Utopia«, in der er eine ideale Welt beschreibt, aus dem Jahr 1516 prägte den Begriff für diese literarische Gattung. Später entwickelt sich als Kritikform die »Anti-Utopie« (Dystopie) heraus und will »durch die ausführliche Schilderung einer negativen Gesellschaft und ihrer Auswirkungen auf das Individuum vor gegenwärtigen Entwicklungen warnen« (aus: Phantastik. Ein interdisziplinäres Handbuch, herausgegeben von Hans Richard Brittnacher und Markus May, J.B. Metzler, Stuttgart 2013, siehe S. 334 nach einem Text von Peter Kuon).

Als Urväter des dystopischen Romans gelten »Die Zeitmaschine« (1895) und »Wenn der Schläfer erwacht« (1899) von H.G. Wells, »Wir« von Jewgenij Samjatin (1920), gefolgt von »Schöne neue Welt« von Aldous Huxley (1932) und »1984« von George Orwell (1949). Hier erfolgt dann auch schon ein nahtloser Übergang zu den wichtigen Werken des 20. Jahrhunderts wie »Nein. Die Welt der Angeklagten« von Walter Jens (1950) oder »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury (1953). Wer hier Autorinnen vermisst, dem seien Ursula LeGuin, Marge Piercy und Margaret Atwood genannt. Nicht zu vergessen Jule Vernes frühes Werk »Paris im 20. Jahrhundert«, das bereits 1863 geschrieben, aber erst 1994 veröffentlicht wurde.
(Der historische Abriss wurde von Philly verfasst.)

Der erste Blick: Worum geht es?

Die Themen der von mir gelesenen Dystopien sind sehr vielfältig gewesen, doch tatsächlich konzentriert sich jedes Buch auf ein zentrales Thema. In „Wir“ (1920) und „Der Circle“ (2013) dreht sich alles um bekannte, oft genutzte Themen wie Totalitarismus und den gläsernen Bürger. Diese Themen kehren immer wieder in Dystopien, sie sind und bleiben in unserer Gesellschaft präsent. Zwischen diesen Büchern liegen fast 100 Jahre und doch scheint die Angst vor der totalen Kontrolle bzw. dem damit einhergehenden Verlust der Individualität immer in unseren Köpfen vorzuherrschen. Der gläserne Bürger, der sich in „Wir“ zwar völlig anders darstellt als in „Der Circle“ – was natürlich hauptsächlich historisch bedingt ist -, spiegelt nichtsdestotrotz den Verlust jeglicher Privatsphäre, ob nun aufgrund gläserner Wände oder der gläsernen Internetpräsenz.

Auch Ms. Atwood hat ein aktuelles Thema für „Oryx und Crake“ (2003) gewählt, denn auch hier kann ich mich an doch einige andere Titel erinnern, die sich um Genforschung und Biotechnik drehen – es ist ein sehr beliebtes Thema in dystopichen Thrillern. Ein gerade aktuelles Beispiel wäre „Bios“ von Daniel Suarez, welches ich leider kurz vor dem Spezial gelesen habe, so dass ich es nicht besprochen habe, aber ich kann es sehr empfehlen kann. Schon heute werden in der Forschung jeden Tag neue Grenzen überschritten und das Gedankenspiel, wohin uns das führt, ist sehr beliebt und spannend. In „Oryx und Crake“ führt es zum perfekten Menschen, doch die Frage ist, wie viel Mensch das dann noch ist, wie viel Menschlichkeit hier noch drin steckt. Vielleicht beantwortet die Autorin diese Frage in den weiteren beiden Teilen, doch bis hierher muss ich die Antwort noch schuldig bleiben.

Die drei anderen Bücher waren seltsamerweise nochmal völlig anders. Bei „Clockwork Orange“ (1962) geht es oberflächlich betrachtet zwar um die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen, doch letztendlich ist das Buch das Gefäß einer philisophischen Frage bzw. Diskussion: Sollte man dem Menschen die Wahl lassen? Oder sollte man ihn zwingen gut zu sein bzw. zu werden? Letztendlich wäre dies im vorliegenden Buch auch eine Kontrolle, ausgeübt vom Staat, allerdings besteht schon ein Unterschied zwischen Totalitarismus und der Kontrolle, bzw der Unterdrückung gewalttätiger Tendenzen.

„Die Straße“ (2006) würde ich tatsächlich zwar in die Kategorie Dystopie einordnen, allerdings mit dem Zusatz Endzeit. Zwar zeigt es eine zerstörte zukünftige Welt, doch nicht, wie es dazu kam, welche aktuellen Ereignisse zu dieser Zukunft geführt haben. Das zentrale Thema des Romans ist definitiv die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn. Etwas völlig anderes als man in einer Dystopie eigentlich erwartet. Und doch sehr gelungen.

„American War“ (2017) hingegen sehe ich als Spiegel der heutigen Zeit. Ja, es ist eine Dystopie, es spielt in der Zukunft, doch das Thema, welches uns der Autor näher bringen möchte, ist, wie sich Terroristen und Selbstmordattentäter bilden, wie diese „entstehen“, wie sie eingefangen, ausgebildet, indoktriniert werden. Ein Thema, welches einen Schaudern lässt und bei mir am meisten Eindruck hinterlassen hat.

Auf den zweiten und dritten Blick: weitere Themen

Neben den zentralen Themen, die im Fokus stehen, bieten die Bücher noch weiteren Einblick in andere Themen, um genauer zu sein in eine Vielzahl von Themen. Oftmals hintergründig, manchmal auch direkt. Hauptsächlich sind hierbei Naturkatastrophen und der Klimawandel zu nennen, vor allem in „American War“, „Oryx und Crake“ und „Die Straße“, auch wenn sie eben nicht im Fokus stehen. Kriege und Unruhen kommen zum Zug, aber auch die „Verblödung“ der Medien bekommen, vor allem in „Oryx und Crake“, ihren Anteil zugesprochen, durch die widerwärtigsten Realityshows und abartige Videospiele.

Ganz besonders in Erinnerung sind mir aber die Mauern, auch wenn diese nur in „Wir“ eine Rolle spielen. Vielleicht, weil das Thema Mauern einfach immer wieder auftaucht, für uns in Deutschland eine besondere Bedeutung hat, aber vor allem, weil ständig jemand versucht oder ankündigt neue Mauern zu bauen. In „Wir“ dient die Mauer zum Schutz vor der Umwelt. Im Übrigen im Buch sehr zwiespältig, da ja nur die Außenmauer schützt – im Inneren gibt es ja quasi keine Mauern, alles ist nur verglast. Es gibt keine Privatsphäre. Bei Mauern muss man sich immer fragen, ob diese wirklich zum Schutz da sind, oder ob sie jemanden nicht doch eher einsperren. Ich gebe zu, auch ich ziehe mich gerne im Schutz von Mauern um und möchte hin und wieder Privatsphäre haben, aber ich will keine Mauern zwischen Ländern, zwischen Menschen, in Köpfen.

6 Bücher, total unterschiedlich – oder?

Mitnichten. Natürlich erzählen alle 6 Bücher unterschiedliche Geschichten, doch allen Büchern gemein ist der pessimistische Blick in die Zukunft. Auch wenn ich hier tatsächlich in meinen Rezensionen immer offen gefragt und gezweifelt habe und bei den Kommentaren immer mal nachgehakt habe, letztendlich sind alle Bücher Dystopien und zeigen eine negative Zukunft.

Dieser Blick in die Zukunft soll uns vor aktuellen Entwicklungen warnen. Es werden aktuelle Themen, Ereignisse, Erfindungen und Strömungen aufgegriffen und weitergesponnen. Die Frage ist: wie weit kann diese Entwicklung gehen, wie sehr kann es unsere Zukunft verändern und beeinflussen? Die Angst wohin wir uns bewegen, in welche Richtung wir driften scheint in der Neuzeit unumgänglich. Nichts umsonst ist dieses Thema ein noch relativ neues Phänomen in der Literatur, setzt zeitverzögert nach der Industrialisierung ein. Einer Zeit, in der sich alles immer schneller verändert hat. Diese Entwicklung hat sich in den letzten Jahren immer weiter verstärkt – die Welt dreht sich immer schneller und wir haben kaum Zeit Luft zu holen. Umso größer wird die Angst, in den immer schneller werdenden Kreislauf eingesogen und dabei „zerquetscht“ zu werden.

Natürlich weiß keiner was die Zukunft bringt. Die Autoren bieten uns verschiedene Möglichkeiten, Szenarien, Perspektiven – ob diese jemals Wirklichkeit werden ist aber schlussendlich egal. Denn diese Geschichten sollen uns nachdenken lassen, uns skeptisch machen. Wir müssen hinterfragen und gegenlenken, wenn wir dieses zukünftige Szenario nicht haben wollen. Es ist ein Weckruf, ein Warnschild.

Ich denke, eine klare Unterscheidung kann man nur zwischen Dystopie und Endzeit machen. Ich würde den Endzeitroman als Unterkategorie zur Dystopie betrachten. „Die Straße“ ist tatsächlich sehr anders aufgebaut als die anderen Dystopien und fokussiert auch auf ein ganz anderes Thema. Und, so schrecklich schön es sich liest, es ist ein positives Thema. Was kann es Schöneres geben als die Liebe zwischen zwei Menschen? Und die Liebe ist im Falle von „Die Straße“ nicht abgeschmackt und schnulzig, sondern einfach und elementar.

Natürlich fallen auch Unterschiede auf, die schlicht und einfach dadurch bedingt sind, wann die Dystopien geschrieben wurden. Hierzu aber mehr unter „Veränderung im Laufe der Zeit“.

D-503, Alex, der Schneemensch, der Vater, Mae und Sarat

Ich kann jetzt nicht unbedingt sagen, dass ich Mae aus „Der Circle“ mochte. Dieses naive kleine Ding hat mich zur Verzweiflung getrieben. Sie war so begeistert davon ihre Freiheit und Individualität aufzugeben, dass es im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich war. Und auch wenn ich nun Alex aus „Clockwork Orange“ auch keine Sympathie entgegen gebracht habe, sieht man bei ihm immerhin eine Entwicklung, jemanden der sich hin und wieder Gedanken macht. Am Anfang nur wenige, doch seine Erfahrungen formen ihn.

Als den klassischen dystopischen Protagonisten würde ich tatsächlich D-503 aus „Wir“ beschreiben. Er ist in das herrschende System nicht nur integriert, sondern lebt dieses System. Liebt und lebt es. Doch ein Bruch im Gefüge – in seinem Fall die Bekanntschaft zu I – lässt ihn nach und nach zweifeln. Sehr klassisch – und im Übrigen auch durchaus sehr realistisch – ist dann die erzwungene Wiedereingliederung in das System. Somit schließt sich der Kreis des Dystopischen wunderbar. Es ist pessimistisch – und es bleibt pessimistisch. Eine Dystopie mit einem Happy End zu verbinden, ist in meinen Augen nur selten wirklich gelungen, da es unpassend ist und die vorher getroffenen Aussagen zunichte macht.

Jimmy aka der Schneemensch aus „Oryx und Crake“ zeichnet sich durch eine kindliche bzw. jugendliche Sicht aus, bedingt durch die Rückblicke, doch der aktuelle Jimmy ist an der Grenze zum Verrücktwerden. Tatsächlich ist er auch gefangen im System, wenn auch nicht durch eine übergeordnete Hierarchie, sondern einfach nur durch die Situation. Fast alleine auf der Welt, ohne Chance auf Besserung. Ah, na ja, vielleicht bieten ja Teil 2 und 3 hier einen Ausweg, doch Teil 1 zeigt hier zumindest keinen Lichtblick für den armen Kerl.

Ähnlich ist es für den Vater aus „Die Straße“. Nichtsdestotrotz ist dieser sehr bewunderswert. In einer Welt ohne jegliche Hoffnung und Zukunft ist er mehr als positiv. Er will und muss seinen Sohn motivieren, erziehen, ausbilden. Er möchte, dass sein Junge überlebt. Doch wofür? Eine schwere Frage, denn auch hier scheint es keine Hoffnung zu geben. Doch sein Überlebenswille und sein fester Glaube in eine Zukunft für seinen Sohn strahlen so hell, dass die düstere, verwüstete Welt in „Die Straße“ hin und wieder fast vergessen scheint.

Ach, Sarat. Das Mädchen aus „American War“ war tatsächlich eine sehr beeindruckende Figur. Vielleicht gerade deshalb, weil man ihr von Kindesbeinen an folgt und miterlebt, wie sie erwachsen wird, wie sie fliehen muss, wie sie von Gaines indoktriniert wird, wie sie für die Südstaaten kämpft, wie sie desillusioniert, wie sie verzweifelt und wie sie trotzdem ihrem vorgegebenen Weg folgt. Sarat ist nicht dumm, keineswegs. Doch sie folgt ihrer Bestimmung, ihrem Weg. Bis zum bitteren Ende. Sie erlaubt sich keine Weichheiten, keine Zärtlichkeiten, kein Aufgeben.

Veränderung im Laufe der Zeit

Die Welt ändert sich, keine Frage. Täglich, stündlich, minütlich. Wie kann man also 100 Jahre vorhersehen und auch nur ansatzweise sagen, was sich ändert? Das funktioniert nur, wenn man auf die großen Themen blickt und die kleinen Themen, die Kleinigkeiten und auch unwahrscheinlich vieles auslässt. Es ist unumgänglich, dass ein Blick in die Zukunft vor hundert Jahren anders aussieht als heute. Und das nicht nur aufgrund technischer Entwicklungen.

Natürlich darf man diese nicht vergessen – vor allem nicht, da „Der Circle“ sich quasi um nichts anderes dreht. Der Dreh- und Angelpunkt sind hier die sozialen Medien. Und ja, es gibt Autoren vor vielen Jahren, die ähnliches vorausgesehen haben. Nichtsdestotrotz lässt es sich Jewgeni Samjatin nicht negativ anrechnen, dass er diese eine Entwicklung nicht vorhergesehen hat – immerhin hat er den ersten Raketenstart vorhergesehen. Das ist doch auch schon was?

Aber hauptsächlich sind es wohl gesellschaftliche Änderungen, die einfließen und natürlich haben diese sich im Laufe der Zeit verändert. Doch tatsächlich durchgehend ist immer wieder die Angst vor der totalen Kontrolle, einem Totalitarismus, einer allmächtigen Diktatur, vorhanden. Das liegt natürlich an den politischen und gesellschaftlichenEntwicklungen des 20. Jahrhunderts. Diese haben sich zu Jewgeni Samjatins Zeit schon angekündigt und die tatsächlichen Ereignisse waren so eindrücklich, dass diese noch bis heute nachwirken. Ein Dauerbrenner sozusagen.
Und alleine schon diese Tatsache ist erschreckend.

Warum hat der Autor ausgerechnet dieses Buch geschrieben?

Wachrütteln, aufwecken, hinweisen. Informieren, überzeichnen, Grenzen überschreiten. Das fürchten lehren. Schrecken verbreiten.

Das möchten die Autoren. Alle Autoren haben sich aktuelle Entwicklungen für ihre Geschichten hergenommen, über die sie besorgt sind. Sie wollen die Leser darauf aufmerksam machen und deren zukünftige Entscheidungen und Handlungen beeinflussen. Man soll dazu angeregt werden, nachzudenken. Nicht jeden Komfort zu nutzen, sondern auch mal über Folgen und Konsequenzen nachdenken. Natürlich ist nicht jeder Mensch dazu in der Lage das große Ganze zu überblicken, auch Autoren nicht. Doch alle meine sechs gelesenen Dystopien sind gut recherchierte, nachdenkliche, teils philosophische Werke, die eine gute Grundlage bilden. Weiterführende Fachliteratur ist natürlich auch verfügbar – doch als spannende Geschichte verpackt nehmen wir ernste Themen doch einfach ein wenig lieber zu uns als nüchtern und aufs Wesentliche konzentriert. Zumindest trifft diese Aussage auf mich zu.

Und natürlich darf man nicht vergessen: Dystopien sind Unterhaltungsliteratur. Bei aller Information und Aufklärungsarbeit, welche die Autoren beabsichtigen, darf man natürlich nicht vergessen zu erwähnen, dass die Bücher unterhalten sollen, spannend sind, erzählerisch etwas leisten.

Und wie haben mir die Bücher nun persönlich gefallen?

Ich denke, schon in den Rezensionen ist hier eine deutliche Tendenz sichtbar geworden. Ganz klar ist, dass „Der Circle“ mich nicht überzeugen konnte. Der Hauptgrund dafür ist Mae, da sie mit offenen Augen in ihr Verderben rennt und es fast schon weh tut, ihr dabei zuzusehen.

Danach würde ich wohl „Clockwork Orange“ einordnen. Es war jetzt nicht schlecht, aber zumindest schwierig zu lesen. Die NADSAT Sprache hat mich anfangs viel ins Glossar blättern lassen und so war die Lektüre am Beginn sehr unrund. Klassiker hin oder her. Ich denke, es gibt hier nur zwei Fraktionen: entweder man mag es – oder eben nicht.

Auf Platz 4 kommt dann wohl „Wir“. Dieses war zwar thematisch höchst interessant, doch gerade im Mittelteil schweift D-503 gedanklich oft ab, träumt viel und leider zieht sich hier der Text doch ein wenig. Nichtsdestotrotz ein Klassiker, den man mal gelesen haben sollte. Besonders beeindruckend an dem Buch ist, dass es fast schon 100 Jahre alt ist und nichts an Aktualität eingebüßt hat.

Jetzt wird es schwierig, denn die anderen drei Bücher haben mir tatsächlich alle sehr gut gefallen. Nichtsdestotrotz kommt jetzt wohl „Oryx und Crake“. Einfach aus dem Grund, da ich das Buch schon mal angefangen hatte und abgebrochen habe. Ich bin schwer in die Geschichte reingekommen – für mich eingefleischten Krimifan war die Story einfach zu abgedreht. Anfangs zumindest. Das hat sich dann natürlich geändert – und ich kann es kaum erwarten, die nächsten zwei Teile zu lesen.

Jetzt wird es spannend, was? Wer ist auf Platz 1, wer auf Platz 2? Die Entscheidung war knapp, aber hier kommt nun zuerst „Die Straße“. Ein wirklich ausgezeichnetes, beeindruckendes Buch. Warum dann nur Platz zwei? Nun ja, zum einen, weil es irgendwie mehr Endzeit ist und zum anderen, weil ich immer noch „Der aufrechte Mann“ von Davide Longo im Kopf habe und dieses ein klein wenig besser fand. Ich kann einfach den Elefanten nicht vergessen.

Auf Nummer eins landet bei mir „American War“. Dieses Buch hat für mich alles, was eine Dystopie ausmacht und zwar in Hochform. Am meisten beeindruckt hat mich – neben Sarat – die Tatsache, dass dieses Buch mir mehr über heutige Entwicklungen beigebracht hat, als jede andere Dystopie. Es hat mir Einblick verschafft, wie unterschwellig, gefährlich und unheimlich Terrorismus funktioniert. Und das durch die Hintertür, aber dann mit dem Knüppel. Ein Buch, welches mir lange, lange in Erinnerung bleiben wird.

 

Das Blogspezial endet nun mit diesem Fazit. Ich habe die Romane alle sehr, sehr gerne gelesen und hatte damit viel Lesefreude. Ich gebe aber auch zu, dass ich mich jetzt wieder auf einen Krimi freue.


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Terror, reloaded: American War – Omar El Akkad

Wie fängt man die Rezension zu einem Buch an, bei dem man sich schon beim Lesen gefragt hat, wie man das jemals seinen Lesern in nur wenigen Worten erklären, darstellen, anbieten soll? Wie kann man aufzeigen, welche Macht und welche Kraft dieses Buch inne hat? Zumal man unbedingt über das Buch reden möchte, aber es doch so viel gibt, was man nicht erwähnen darf – oder?
Die Darstellung einer pessimistischen, düsteren Zukunft  ist dem Autor nicht nur hervorragend gelungen, sondern er baut auch ganz nebenbei Handlungen, Gefühle, Entscheidungen ein, die im Hier und Jetzt genauso hätten getroffen werden können. Und man wünscht sich, dieses Buch einigen Menschen zukommen zu lassen. Damit sie lesen, lernen, daraus ihre Schlüsse ziehen. Und sich ändern.

Die Zukunft
Die USA im Jahre 2075 ist der Startpunkt der Geschichte, die sich über 20 Jahre und 4 Etappen verteilt, und um die zu Anfang noch sechsjährige Sara T. Chestnut, genannt Sarat, dreht. Diese lebt mit ihrer Familie am Ufer des Mississippimeeres, denn die Meere haben schon längst die Küstenstriche verschluckt, das Land ist heiß und trocken, kaum etwas wächst. Die USA ist nur noch eine ehemalige Weltmacht, hier schicken die Chinesen und das Bouazizi-Reich – ein Zusammenschluss ehemaliger Nordafrikastaaten – die Hilfspakete in die USA. Die Südstaaten – das MAG (Mississippi, Alabama, Georgia) – bestehen auf den Gebrauch von den letzten Ölreserven und spalten sich ab, als der Präsident ein Gesetz verabschiedet, welches den Gebrauch verbietet und alternative Quellen bevorzugt. Der Präsident wird ermordet, South Carolina als Quarantänegebiet nach einer Seuche abgeschottet, die USA zerfällt – unweigerlich folgt ein Bürgerkrieg, Nord gegen Süd. Technisch nicht mehr auf dem höchsten Stand, aber immerhin mit Vögeln, die Bomben abwerfen und biologischen Kampfstoffen.

Der Anfang
Sarat ist ein kleiner Wildfang, gesegnet mit einer hübschen, mädchenhaften Zwillingsschwester. Derweil Sarat durch die Gegend streift und alles untersucht, was die Welt zu bieten hat, pflegt Dana, ihre Schwester, sich und ihr Aussehen. Doch auch wenn das nach glücklicher Kindheit klingt, sind die Mädchen, gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, bald gezwungen zu fliehen, nachdem ihr Vater einem terroristischen Anschlag zum Opfer fiel. Sie landen in Camp Patience, an der Grenze zu den Nordstaaten. Hier trifft sie Albert Gaines, der nicht nur Süßigkeiten und Geld ins Flüchtlingslager bringt, sondern auch Geschichten, Wahrheiten und Lügen.

„Der Grund dafür, dass ich mich für den Süden entschieden habe, war der: Wenn ein Südstaatler dir erzählt, wofür er kämpft – ob Tradition, Stolz oder schiere Starrköpfigkeit -, dann kannst du ihm zustimmen oder kannst ablehnen, aber du kannst niemals sagen, dass er dich belügt. Wenn ein Nordstaatler dir sagt, wofür er kämpft, dann bekommst du Worte wie Demokratie oder Freiheit oder Gleichheit zu hören, Wote, von denen sie ebensogut wie du wissen, dass ihre Bedeutung von Tag zu Tag neu bestimmt wird, dass sie veränderlich sind wie das Wetter. Davon hatte ich die Nase voll. Wenn man zur Waffe greift, wenn man für etwas kämpft, dann soll man dazu stehen, man soll niemals seine Einstellung ändern. Ob recht oder falsch, man steht für seine Sache ein, und nie, niemals verrät man sie.“ (S. 189, Gaines)

Das Mädchen
Sarat wächst heran, wird ein Teenager, eine junge Frau. Unbeugsam, hart, mit Zielen und einer Meinung. Sie watet durch einen Fluss aus Scheiße, kümmert sich um eine Schildkröte, räubert durch die Böschung um das Lager. Sie kümmert sich um ihre Familie, besonders um ihre Schwester, so unterschiedlich die beiden sind. Müsste ich Sarat beschreiben, würde mir nur ein Wort einfallen: beeindruckend. Dieses kleine neugierige Mädchen, das zu einer gestandenen Frau heranwächst, ein Soldat für den Süden, eine Kämpferin für die Freiheit, eine Zierde für Albert Gaines Karriere.

Der gute Hirte
Beängstigend, fast schon zu realistisch, stellt sich dieser Blick in die Zukunft dar. Das Flüchtlingslager könnte genauso, nur eben vielleicht nicht in den USA, im Hier und Jetzt existieren. Die Parallelen sind mit den Händen greifbar: Der Gedanke von einem vorübergehenden Aufenthaltsort, den man nach Jahren noch bewohnt, dieses ewig Heimatlose, zusammengepfercht mit Hunderten, Tausenden von anderen Menschen. Die erwarteten Hilfspakete, die Langeweile und Nutzlosigkeit, die verlorenen Angehörigen, eine schier unerträgliche Situation.
Würden wir da nicht auch eine Albert Gaines ersehnen? Einen Mann, der so anders scheint als die anderen. Nicht hoffnungslos, doch bestimmt und überzeugt. Der das Lager mit essentiellen Dingen versorgt, aber eigene Ziele verfolgt. Eine Atmosphäre, die sich bildet, gesättigt von Hass, Zorn, Wut, Hilflosigkeit. Und mitten darin ein Mädchen, nun schon ein Teenager, welches nach einer Richtung, einer Wahrheit lechzt, eine Ausbildung bekommt.

„Für Sarat Chestnut war die Rechnung ganz einfach: Der Feind hatte ihren Leuten etwas angetan, und dafür würde sie nun dem Feind etwas antun. Anders ging es nicht, das wusste sie. Vergossenes Blut bleibt vergossen.“ (S. 269)

Die Ausbildung
Eine simple Rachegeschichte? Wohl kaum. Die Geschichte bereitet mir eine Gänsehaut, denn sie kann problemlos in unsere heutige Zeit transferiert werden. Ein Horrorszenario. Ausbildung, Indoktrination, Honigfallen – für den Kampf, für den Süden.
Dazwischen ein junges Mädchen, ein Tomboy, welches sich durchsetzt, seine Meinung vertritt, aber doch so sehr nach einer Vaterfigur schreit, nach Unterweisung, nach Wahrheit und einer Richtung. Jede Station in Sarats Leben treibt sie in diese Richtung: der frühe Verlust des Vaters, der Verlust der Heimat, die Flucht, das Flüchtlingscamp, die Jahre ohne Ziel und Heimat, der freundliche, wissende Gaines, die Vernichtung des Camps, die Rebellen…. Ein Weg, der vorbestimmt scheint und unaufhaltsam auf sein Ende zustrebt.

Zurück ins Heute
Dieses Buch habe ich als erstes für das Spezial gelesen und nun kommt es zufälligerweise erst am Ende zu Wort. Genauso lange hat aber auch die Geschichte in mir rumort. Es ist ein großartiger Roman, ein pessimistischer, aber realistischer Blick in die Zukunft. Und doch ist es so aktuell wie nur möglich. Die Welt in der wir leben, die Strukturen, in denen wir leben, geben Menschen wie Gaines das Handwerkszeug in die Hand, um junge Menschen zu beeinflussen, zu manipulieren, zu indoktrinieren. Religiöse oder kulturelle Gründe sind hier nur vorgeschoben – das Szenario lässt sich problemlos übertragen. Diese Aktualität in einer Geschichte, die in der Zukunft spielt, lässt einen schlucken. Das Buch hat mir mehr über heute erzählt und beigebracht, als ich es in einem zukünftigen Szenario je vermutet hätte.

Fazit:
Mit Sarat ist dem Autor eine der beeindruckendsten Charakterentwicklungen gelungen, die ich je gelesen habe. Beeindruckend, aber auch beängstigend. So wie auch sein Blick in die Zukunft, der sich an Aktualität nicht überbieten lässt. Ein außergewöhnliches Buch, ein kraftvolles Werk, ein kleines Meisterstück.

 


Weitere Meinungen:
Sabine Ibing auf ihrem Blog: „Eine Dystopie, die in der nahen Zukunft spielt, aber beim Lesen das Gefühl vermittelt, das alles hat mit unserem heutigen Leben zu tun, mit dem, was derzeit passiert, nur umgekehrt, und genau darum ging mir die Geschichte sehr nah.
Petra von Papier- und Tintenwelten: „Allein schon die Buchidee und das Setting in einem Amerika der Zukunft fand ich grandios und sie vermittelten mir ein Dystopie – Gefühl.“
Vanessa von Vanessas Bücherecke: „Ein Roman, der deutlich zum Nachdenken anregt.“
Samuel von Literatur denken: „Im besten Fall aber reiben wir uns in einigen Jahren die Augen, verwundert, wie wir und unsere nimmersatten kriselnden Hirne diesem Buch auf den Leim gehen konnten.“
Claudia von Claudias Bücherregal: „Es ist eine Mahnung an uns Menschen, dass unsere Handlungen die Zukunft entscheidend prägen werden und wir daher sorgfältig damit umgehen müssen.“


Bibliographie:
Omar El Akkad – American War
Verlag: S. Fischer
Übersetzung: Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
442 Seiten
ISBN: 978-3103973198