Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Monatsrückblick Juni 2017

Übersichtlich. Das ist wohl das passende Wort für meinen Juni. Übersichtliche 4 Bücher plus eine Kurzgeschichte haben es auf den “Gelesen” Stapel geschafft. Und hier sind sie:

Zu “Er, Sie und Es” habe ich die Rezension schon veröffentlich, die Rezension zu “Amnesia” folgt in den nächsten Tagen. Zu den anderen gibt es keine Rezension, aber hier eine Kurzmeinung:

Trügerische Ruhe – Patricia Melo
Von der hochgelobten südamerikanischen Autorin hatte ich irgendwie mehr erwartet. Es zerfasert ein wenig zwischen dem Scheidungskrieg der Protagonistin, den politischen Ränkespielen im Polizeiapparat und dem eigentlich Fall im Showbiz.

Mystic River – Dennis Lehane
Ich hab noch nicht viele Bücher von Dennis Lehane gelesen, aber die beiden anderen haben mir besser gefallen. Nichtsdestotrotz war es ein gutes Buch. Hat mich an Stephen Kings Schreibweise erinnert, eher eine Milieustudie, denn ein Krimi. Wobei es natürlich schon um einen Kriminalfall ging.

Bank of America – Richard Lange (Kurzgeschichte – nicht auf dem Bild)
Etwas nettes für Zwischendurch – mehr aber eben auch nicht.

So, aber nun kommt der Juli. Und hierauf freue ich mich besonders, denn es wird wohl ein wenig mehr Lesezeit herausspringen, da ich etwas Urlaub habe. Juchu!
Dann schauen wir doch gleich mal, was es neues gibt. Besonders freue ich mich auf dieses hier:


Die Lieferantin – Zoe Beck
Inhalt: London, in einer nicht wirklich fernen Zukunft: Ein Drogenhändler treibt tot in der Themse, ein Schutzgelderpresser verschwindet spurlos. Ellie Johnson weiß, dass auch sie in Gefahr ist – sie leitet das heißeste Start-up Londons und zugleich das illegalste: Über ihre App bestellt man Drogen in höchster Qualität, und sie werden von Drohnen geliefert. Anonym, sicher, perfekt organisiert.
Die Sache hat nur einen Haken – die gesamte Londoner Unterwelt fühlt sich von ihrem Geschäftsmodell bedroht und will ›Die Lieferantin‹ tot sehen. Ein Kopfgeld wird auf sie ausgesetzt. Ellie beschließt zu kämpfen – ihre Gegner sind mächtig, und sie lauern an jeder Straßenecke.
Mein Kommentar: Mit Zoe Beck kann man ja sowieso nichts falsch machen – und dann noch mit einem Hauch Zukunft? Genial – ich freu mich schon sehr darauf!

 

Neben meinem Highlight gibt es aber noch diese zwei Bücher, die im Juli mein Interesse wecken:

Lisa Sandlin – Ein Job für Delpha


Benjamin Withmer – Im Westen nichts
(war schon für Juni angekündigt)

 

 

Worauf freut Ihr Euch denn so im Juli?


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Mensch und Maschine: Er, Sie und Es – Marge Piercy


Marge Piercy – Er, Sie und Es
Verlag: Argument
Übersetzerin: Heidi Zerning
552 Seiten
ISBN: 978-3867544030

 

 

 

Manchmal, ja manchmal verstehe ich selbst nicht, warum manche Bücher länger im Regal stehen bleiben und warum ich manche sofort lese. Ich habe hier auch noch kein Muster erkannt, denn selbst neue Teile von Serien lese ich nicht unbedingt sofort. Aber sei es drum, denn worauf ich hinaus will: ich kann nicht erklären, warum ich dieses Buch so lange nicht lesen wollte, aber es hat mich eine ganze Weile abgeschreckt. Wegen seiner Dicke oder weil es kein Krimi ist? Wer weiß, aber letztendlich war das mal wieder völlig unnötig. Marge Piercys Zukunftsvision ist schon vor 20 Jahren erschienen und wurde nun vom Argument Verlag in einer korrigierten Neufassung herausgegeben.

Die Welt von 2059 bietet den Menschen drei Arten zu leben, wenn auch nicht frei wählbar: Als Mitarbeiter eines Multis (Multikonzern), in einer der wenigen freien Städte oder im Glop. Der Nahe Osten wurde im 14tägigen Krieg ausgelöscht, die Umwelt nahezu zerstört. Die Menschen leben zumeist unter Kuppeldächern oder mit Schutzhäuten um sich vor der Sonnenstrahlung zu schützen, echte Nahrung kann sich im Glop kaum einer leisten, doch zwei Multis produzieren leckere (!) Ersatznahrung aus Algen für die Armen. Politische Strukturen sind keine mehr zu finden, einzig die Ökopolizei scheint eine übergreifende Position zu haben – der Rest der Welt wird von den Multis allein durch ihre wirtschaftliche Macht kontrolliert.

Dieses Szenario legt die Autorin der Geschichte von Shira, Malkah und Yod unter, es nimmt nämlich keinen Fokus ein. Es ist immer präsent und die Autorin streut immer wieder neue Facetten ihres Blickes in die Zukunft ein, doch ganz nebenbei. Auch die jüdische Geschichte sowie der jüdische Glauben nehmen einen Großteil der Geschichte ein, doch dazu kehre ich später nochmal zurück.

Shira kündigt bei dem Multi Y-S als dieser, patriarchalisch geführt, das Sorgerecht für ihren Sohn Ari ihrem Exmann gibt. Sie kehrt zurück in ihre Heimat, die freie Stadt Tikva, und zu ihrer Großmutter Malkah, die sie aufgezogen hat. Sie bekommt einen Job bei Avram, einen ganz besonderen: die Sozialisierung eines Cyborgs, an dem Avram und Malkah heimlich gearbeitet haben, denn Roboter, die menschlich aussehen, sind verboten. Und dieser Cyborg heißt Yod.

Das Buch enthält zwei Erzählstränge: ein Strang wird aus Sicht Shiras erzählt, der andere enthält eine Geschichte, die Malkah Yod erzählt. Nachts, per Com. Die Geschichte um Rabbi Löw und den Golem von Prag. Golem und Cyborg – die Ähnlichkeit ist frappierend. Beide dem Aussehen nach Menschen doch der eine aus Lehm, der andere aus Schaltkreisen. So dreht sich alles um die Frage, ob ein Cyborg (oder ein Golem) eine Person ist und die gleichen Rechte hat. Denn nach und nach werden diese beiden sich ihrer Identität bewusst und fordern ihre Rechte: unabhängig leben, Liebe, Gehalt, Entscheidungen treffen. Von großen bis hin zu banalen Dingen. Doch wer entscheidet, ob ein Cyborg als Mensch behandelt werden kann? Oder ein Golem? Im späten Mittelalter entscheidet es Rabbi Löw, doch wie sieht es für Yod aus?

Zugegeben, auch wenn die Geschichte von Joseph, dem Golem, und Rabbi Löw Parallelen zieht und Denkanstöße gibt, habe ich diese Kapitel nicht so gerne gelesen – ich wollte in der Zukunft bleiben. Insgesamt war das Buch von einer leichten Spannung durchzogen, denn natürlich bleibt Yod nicht unentdeckt, dafür aber sehr begehrt. Doch das Buch unterscheidet sich deutlich von den meisten Dystopien, die ich bisher gelesen habe. Es fängt schon damit an, dass ich es keinesfalls eine Dystopie nennen würde, auch wenn die Welt sich zum Negativen verändert hat. Das Buch enthält eine positive Grundstimmung und ist durchsetzt mit der Frage, wie ein Mensch sich definiert und inwieweit eine Maschine ein Mensch sein kann, vor allem in Hinblick auf ein weiteres Detail dieser Zukunftsversion: den chirurgischen und kosmetischen Änderungen, denen sich die Menschen entweder aus gesundheitsbedingten oder gesellschaftlichen Gründen unterwerfen.

Tikva ist eine freie Stadt, eine jüdische Stadt. Die jüdische Religion, die Gebräuche und Festtage, Gebete und Gedenktage werden hoch gehalten und haben ihren Platz im Buch, präsenter als die Zukunftsvision. Das mag daran liegen, dass ein Großteil der Handlung in dieser abgeschlossenen Enklave spielt, die sich zu unserer heutigen Zeit noch relativ ähnlich zeigt. Israel mag zerstört sein, doch die Juden zeigen sich als die Überlebenskünstler, die sie immer waren und sein mussten. Jeder Multi hat andere Regeln und Gebräuche, gleich einer Religion, doch durchsetzt mit Macht. Politik, Wirtschaft und Religion ist hier unheilbringend vermischt. Doch Widerstand regt sich, nicht nur in Tikva.

Aber „Er, Sie und Es“ ist kein Thriller, es ist ein Denkanstoß, eingebettet zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Druck und Widerstand, zwischen Macht und Freiheit. Die Frage, die man sich stellen muss, ist, wann ein Mensch ein Mensch ist. Roboter und künstliche Intelligenz – wie weit sind wir bereit zu gehen? Werden wir – wir Menschen – wenn es soweit ist, Roboter und Cyborgs als unseresgleichen anerkennen? Ist es die Weiterentwicklung unserer Spezies? Die Zukunft?
Doch neben diesen elementaren Fragen, die man eine Weile nicht mehr los wird, findet sich eine grandiose Zukunftsvision, bei der ich es jetzt schon schade finde, nicht mehr zu erfahren – und vor allem nicht zu wissen, wie es weiter geht. Nein, nein, das Buch hat ein Ende, keine Sorge. Trotzdem steht die Welt am Anfang eines neuerlichen Wandels, wenn man das Buch zuklappt. Und auch wenn ich ein Verfechter der Einteiler / Standalones bin, finde ich es diesmal sehr schade, dass ich diese Vision nicht weiter kennenlernen darf.

Fazit:
Eine Zukunftsvision, die mich sehr begeistert hat, liefert die Basis für eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Menschsein. Ein überaus lesenswertes Buch!


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Kunst und so: Im großen Stil – Bielefeld & Hartlieb


Claus-Ulrich Bielefeld & Petra Hartlieb – Im großen Stil
Verlag: Diogenes
415 Seiten
ISBN: 978-3257243857

 

 

 

2 Tote, 2 Städte und ein paar Gemälde – darum dreht es sich in diesem Krimi, der in Berlin von Kommissar Thomas Bernhardt und in Wien durch Inspektorin Anna Haber vertreten wird. Die Kunstszene wird beleuchtet, genauer gesagt der Kunsthandel. Privat oder mit Museen, Originale, aber auch Fälschungen, ganz schön teure Fälschungen. Und mittendrin eben nun zwei  Ermittlungen, die zu einer werden – Berlin und Wien in einer ermittlerischen Symbiose.

Mal wieder bin ich einem Thema begegnet, in dem ich herrlich unbefleckt bin und natürlich gerne Informationen in Form eines Krimis aufsauge: Kunst im Allgemeinen, Gemälde im genaueren. Beide Tatorte in den Ermittlungen zeigen Gemälde, einer ist quasi damit vollgestopft. Die Frage ist, ob man es hier mit Originalen oder Fälschungen zu tun hat, wobei ja auch Fälschungen einen gewissen Wert haben. Die Ermittler sind genauso unbefleckt wie ich, so dass die Nachforschungen natürlich einiges an Informationen über die Kunstszene zu Tage fördert. Ein Gemälde rückt in den Fokus: Brueghels „Die niederländischen Sprichwörter“, allerdings nicht so sehr, dass man wirklich viel Genaueres darüber erfährt, hierzu musste ich dann doch andere Quellen bemühen, um meine Neugier zu befriedigen. Auch bei den anderen Gemälden sowie der „Szene“ selbst bleibt die Ermittlung an der Oberfläche, ein Fokus auf ein Thema/Bild hätte mir persönlich gut gefallen.

Die Ermittlungen sind dann auch ein wenig stockend, wobei mir das eventuell auch nur so vorkam, da zu viel Privates der beiden Ermittler hineinspielte. Thomas Bernhardt bandelt so mit einigen Frauen an, die man im Krimi antrifft, und lässt sich weder von Landesgrenzen noch von langjährigen kollegialen Verbindungen zurück halten, derweil Anna Haber den Fehler macht, Berufliches und Privates – um genauer zu sein, die aktuelle Ermittlung – zu vermischen. Ein „No Go“, welches sich prompt rächt, aber dann eben auch den Täter hervorbringt. Nichtsdestotrotz hätte ich diesen lieber durch Ermittlungserfolge auftauchen sehen.

Insgesamt konnte mich der Krimi also nicht so recht überzeugen. Die Ermittlungen, aufgeteilt auf zwei Städte, hätte ich mir spannender vorgestellt und der Anteil an Privatem war mir zu groß. Die Gespräche, bzw. Telefonate zwischen Bernhardt und Haber wirkten oft aufgesetzt und ein wenig ungelenk, mal ganz abgesehen davon, dass mir beide Ermittler weder sympathisch waren noch in anderer Weise mit Struktur versehen, die einem in Erinnerung bleibt.

Ich wollte gerne in die Serie hinein schnuppern und hab mich bewusst für einen Teil in der Mitte entschieden. Dies war aber kein Nachteil  – man kann so wie ich in der Mitte beginnen oder eben doch von vorne, wenn man an der Serie interessiert ist, der Kriminalfall ist ja – wie üblich – eh abgeschlossen. Ich werde die Serie nicht fortsetzen, dazu hatte sie mir einfach zu wenig zu bieten. Zusätzlich kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass das hier aufgestellte Konzept der „Zwei-Städte-Ermittlung“ dauerhaft funktioniert, da es sich ja immer um die gleichen Städte handelt.

Fazit:
Mich konnte der Krimi nicht überzeugen, auch wenn sehr gute Ansätze, wie Ermittlungen in zwei Städten und die Kunstszene, dabei waren. Das private Geplänkel hat mir dann den Rest gegeben – für mich mein erster und letzter Ausflug in diese Serie.


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Monatsrückblick Mai 2017

Kann das jemand glauben? Schon wieder ein Monat vorbei und schon ist Sommer. Wäre nicht ein verlängertes Wochenende dabei gewesen, sehe mein Rückblick wieder ein wenig spärlich aus, doch so kann ich immerhin mit ein paar Büchern punkten. Ganz besonders freue ich mich, dass ich zwei wirklich großartige Bücher aus dem Hause Argument lesen durfte. Fast schon ist es mir ja ein wenig peinlich, die Bücher des Verlags immer zu loben, aber was will man anderes machen, wenn der kleine Verlag eben immer ein so verdammt gutes Händchen hat?

Die Rezensionen zu Drift und Alles so hell da vorn sind ja von mir schon veröffentlicht worden, die Rezension zu Im großen Stil fehlt noch, kommt aber bestimmt bald. Auch Des Menschen Wolf habe ich im Mai ausgelesen, auch wenn das Buch schon den nächsten Leser gefunden hat und deshalb nicht auf dem Bild erscheint. Zu den folgenden wird es keine Rezension geben, aber zumindest eine Kurzmeinung findet ihr hier:

Mitra Devi – Filmriss
Der zweite Teil mit Nora Tabani, diesmal geht es um eine Entführung. Nora zwischen Ebbe in der Kasse und großen Fällen, klein gibt es hier nicht. Langweilig aber eben auch nicht. Hat mir gut gefallen.

Der Mann mit der Bombe – Christian Roux
Larry, ein arbeitsloser Tontechniker, vereitelt einen Banküberfall indem er mit seiner Bombenattrappe die Anführerin Lu als Geisel nimmt. Hört sich abgefahren an? Ist es auch – und ganz nebenbei zeigt das Buch die Probleme Frankreichs. Ein Roadtrip.

Blake Crouch – Dark Matter, Der Zeitenläufer
Parallele Universen – auch wenn sich die Sprüche auf dem Rückcover vor Begeisterung überschlagen, ist das keine neue Idee. Ganz spannend, ja, aber nicht neu und leider auch nicht überraschend.

Nicht auf dem Bild, da ebook, aber trotzdem im Mai gelesen:
Die steinerne Matratze – Margaret Atwood
Schon lange wollte ich mal bei Margaret Atwood reinschnuppern, aber an der Madaddam Trilogie bin ich erstmal gescheitert. Deshalb hab ich mich jetzt mal an die Kurzgeschichten getraut – da kann man ja auch  mal eine sein lassen, wenn nötig. War aber gar nicht nötig. Alle Geschichten drehen sich um ältere Herrschaften, einige sind sogar miteinander verwoben. Gar herrlich und sehr köstlich!

Mitten im Tod – Lawrence Block
Weiter geht es mit Matthew Scudder! Immer noch gut, immer noch Scudder. Wie schön, dass immer mehr Teile neu rausgebracht werden. Dann kann man seiner Sucht weiter frönen.

 

So – und was gibt es im Juni? Na da schauen wir mal, aber einen Favoriten hab ich schon lange im Auge, denn Jutta Maria Herrmann hat ihr neues Buch veröffentlicht:


Jutta Maria Herrmann – Amnesia
Inhalt: Du hast nichts zu verlieren.
Du hast eine mörderische Wut.
Und du kannst dich an nichts erinnern …
Als die Berlinerin Helen die Diagnose Krebs im Endstadium erhält, ist es ihr einziger Wunsch, sich vor ihrem Tod endlich mit ihrer Mutter auszusöhnen, zu der sie ein schwieriges und distanziertes Verhältnis hat. Bei ihrer Familie in der südwestdeutschen Heimat angekommen, muss sie dann schockiert erfahren, dass ihre schwangere Schwester Kristin von ihrem Ehemann Leon misshandelt wird. Am liebsten würde Helen Leon dafür umbringen, zu verlieren hat sie ja nichts mehr. Aber einen Menschen töten? Helen glaubt nicht, dass sie dazu wirklich fähig ist.
Am nächsten Morgen allerdings ist Leon tot – und Helen, die Medikamente mit schwersten Nebenwirkungen nimmt, hat keinerlei Erinnerung an die vergangene Nacht. Amnesie …

Wem das nun zu “Mainstream” ist, der sollte sich die folgenden Tipps für den Juni ansehen:

Dennis Lehane – Dunkelheit, nimm meine Hand
Benjamin Whitmer – Im Westen nichts
Don Winslow – Corruption

 

Und falls da nichts dabei ist, kann man einfach weiterhin warten, bis Smonk von Tom Franklin erscheint…. 😀

 


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Über die Grenzen: Drift – Anne Kuhlmeyer


Anne Kuhlmeyer – Drift
Verlag: Argument
317 Seiten
ISBN: 978-3867542258

 

 

 

 

Wenn man Anne Kuhlmeyers neuesten Streich lesen möchte, muss man sich darauf gefasst machen, dass die Grenzen des Genres hier nicht nur ausgelotet werden, sondern mal gänzlich ignoriert werden. Der Titel des Buches deutet hier ganz und gar nicht dezent darauf hin. Man driftet darüber hinaus. Krimi? Eher nicht. Mit kriminellen Elementen, aber ja. Schuld, Reue, Straftat, all das lässt sich finden. Die Realität ist noir. Doch was ist überhaupt Realität? Auch über deren Grenzen driftet Anne Kuhlmeyer hinaus. Ja, was ist das Buch also? Ganz einfach: es ist außergewöhnlich.

„Vielleicht hat er ja etwas darüber gelesen […], zum Beispiel, dass man schon in der Steinzeit Schädel öffnete, um die bösen Geister aus ihnen zu entlassen. Dies scheint mir zuweilen eine Methode, die generalisiert gehörte. Ein Loch in jedermanns Kalotte würde womöglich sämtlichen Todsünden den Garaus machen. Kein Hass, kein Krieg,  und die Kirchensteuer könnte unmittelbar im Straßenbau Verwendung finden. Wege zwischen Leuten zu bauen wäre nützlicher als welche zu Gott, der sowieso nie zu Hause ist, wenn man ihn braucht. Man sollte diese Technik einführen, wie man Tuberkuloseschutzimpfung eingeführt hat, flächendeckend.“ (S. 128)

Anne Kuhlmeyers Schreibstil konnte man schon in „Es gibt keine Toten“ und „Night Train“ bewundern.  Er ist so vieles, doch nie einseitig. Man folgt ihr hinein in philosophische Betrachtungen, lakonische Seen und Nüchternheit, überwindet gemeinsam sarkastische Spitzen und findet doch Verletzlichkeit. Der Tod spielt eine zentrale Rolle, nicht nur, weil Metha, die Protagonistin, Rechtsmedizinerin ist, aber auch.  Diese strandet, gemeinsam mit ein paar anderen Seelen in einem alten, heruntergekommenen Haus, mitten in einem überfluteten Deutschland. Früher ein Grenzposten, nun Bauer Jans Besitz, genauso wie Schaf Olga. Mit dabei sind noch Sydney, ein Junge der sich als Mädchen fühlt, Rosalie, die auf der Suche nach einem Mann ist und Albrecht, der zwischen zwei Frauen pendelt. Das Unwetter, welches die Werra über die Ufer treten lässt, schneidet sie von der Welt ab und sperrt sie gemeinsam in die Hütte.

Angst und Unsicherheit macht sich breit, die Vorräte werden gehortet, bis die Flut an die Haustür klopft. Ein jeder der Gruppe hat Geheimnisse und Sehnsüchte, Erinnerungen und Geschichten, ein Floß kommt vorbei. Die Situation eskaliert und alle tragen Schuld daran. Doch dann gelingt der Autorin ein wunderbarer, außergewöhnlicher aber sehr ungewöhnlicher Kniff. Diesen werde ich natürlich nicht verraten, damit jeder Leser sich selbst überraschen lassen kann, doch sollte er darauf gefasst sein, zu driften. Über das Genre hinaus, über die Grenzen hinweg und an der Realität vorbei. Für den ersten Moment mag es befremdlich wirken, doch dann entwickelt es sich zu einer Geschichte in Geschichten, einem Abenteuer wie ich es in einer eingeschlossenen Hütte nahe der Werra ganz sicher nicht erwartet habe.

Ich mag Anne Kuhlmeyers bisherige Bücher, doch dieses hier hat mich begeistert. Und das mitten im größten Unwetter Deutschlands, abgeschottet mit den Ängsten, Geheimnissen und Erinnerungen von Fremden. Eine Hütte, die die Grenzen der Realität sprengt und doch so realistisch bleibt wie es nur geht. Doch alles kreist um Metha, die schon viel zu lange lebt, um sich immer noch Sorgen zu machen, die aber erst jetzt jemanden findet, der ihre Geschichte nieder schreibt.

Fazit:
Ein Abenteuer über alle Grenzen hinweg. Habt keine Erwartungen, lasst Euch einfach mitnehmen, spürt den Sog, den dieses Buch entwickelt. Außergewöhnlich ungewöhnlich – grandios!


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Bekanntgabe der Gewinner: Alles so hell da vorn – Monika Geier

So, die Losfee war fleißig und ich freue mich, den Gewinner eines Exemplares von Monika Geiers Krimi “Alles so hell da vorn”, bekannt zu geben. Ganz besonders freue ich mich, da der Kommentar darauf hinwies, dass derjenige noch nie was gewonnen hat.

Hier nun noch die offiziellen Beweisfotos:

 

Herzlichen Glückwunsch an fraggle!
Natürlich werde ich gleich noch eine Mail an Dich schicken, damit Du mir Deine Adressdaten geben kannst.

An alle anderen:
Keine Sorge – das nächste Gewinnspiel folgt bestimmt irgendwann.


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Zwischen allen Stühlen: Alles so hell da vorn – Monika Geier


Monika Geier – Alles so hell da vorn
Verlag: Argument
412 Seiten
ISBN: 978-3867542234

 

 

 

 

Wenn man sehr viele Bücher – in meinem Fall Krimis – liest, dann möchte man meistens etwas, was sich von der Masse abhebt. Eine Krimihandlung, die nicht schon zum x-ten Mal geschrieben wurde, ein neues, unbekanntes Thema und/oder vielleicht eine sprachliche/literarische Besonderheit sollte der Krimi – im besten Fall – auch noch bieten. Und das natürlich neben der durchgehenden Spannung, die für mich einfach zum Krimi dazu gehört. Wenn man so außergewöhnliche Zutaten gewöhnt ist und sich quasi danach die Lefzen leckt, dann kann einem so ein ganz normaler Krimi doch gar nicht mehr gefallen – oder?
Aber sowas wie von! Denn genau das gelingt Monika Geier in ihrem neuen Bettina Boll Krimi: etwas ganz Normales auf wunderbare Weise spannend zu verpacken. Und ganz nebenbei haut sie uns ganz ordentlich noch einige Themen um die Ohren.

Bettina Boll hat einen neuen Fall. Na ja, oder auch nicht. Also eigentlich dürfte sie gar nicht ermitteln, denn ihr früherer Kollege Ackermann ist darin verwickelt. Eine Hure hat ihm seine Waffe abgenommen und ihn erschossen – warum Ackermann in vollständiger Polizeiuniform und mit Waffe auf Bordellbesuch war, kann man sich vermutlich vorstellen, doch nun ist die Hure flüchtig. Als sie kurz darauf in einem kleinen Dorf ankommt, sich als vor Jahren entführtes Mädchen entpuppt und dann den Rektor erschießt sorgt für einen riesigen Aufruhr. Verschiedene Polizeibezirke, Bildung einer Sonderkommission, sehr, sehr junge Huren, Ermittler von damals, traumatisierte Kinder und Eltern – und Bettina Boll mittendrin.

Boll, eigentlich ja nur in Teilzeit, steckt nun mittendrin im Fall, hat aber gleichzeitig noch den Verkauf ihres Erbes, einer alten Villa, die sie von ihrer Tante geerbt hat, abzuwickeln. Das Haus ist düster und dunkel, bringt bei Bettina alte Erinnerungen hoch und lässt sie schwermütig werden – nix wie weg mit dem Ding. Doch da gibt es noch diese verschlossene Tür im Keller, die sie eben erst hinter einem Regal gefunden hat. Bevor der Verkauf über die Bühne gehen kann, muss noch geklärt werden, was hinter der Tür zu finden ist. Nichtsdestotrotz ist Bettina fest entschlossen, den Bau zu veräußern um der alten Wohnung sowie ihrem klapprigen Taunus alsbald Ade zu sagen.

Immer ein wenig müde und erschöpft schleppt sich Bettina durch den Fall, hin und her gerissen zwischen der Ermittlung, der Kinderversorgung, dem Hausverkauf und den Befindlichkeiten aller möglichen Parteien. Ein Balanceakt, den unverständlicherweise Alleinerziehende zumeist ohne jegliche Anerkennung vollbringen müssen. So wie auch Bettina. Teilzeit gilt als Ausrede, Bettina entweder als persönlich betroffen – wegen Ackermann – oder als hochmütige Schnepfe – bei den Kollegen aus der Pfalz, mit denen sie zum Klinken putzen geschickt wird. Doch egal welche Steine ihr in den Weg gelegt werden, Bettina Boll schnüffelt sich den Weg daran vorbei und verfolgt den Fall so, wie sie denkt. So entpuppt sich ein Fehler, eine Unaufmerksamkeit von Bettina als Glückfall für die Ermittlungen, genauso wie ihr untrüglicher Instinkt für Details den Fall nicht nur voran bringt, sondern letztendlich löst.

Bettina Boll ist natürlich das Zentrum, um welches dieser Krimi kreist, doch äußerst lobend muss ich auch erwähnen, dass die Nebencharaktere allesamt höchst charmant daher kommen. Seien es nun die jugendlichen Nutten – ob verhuscht leise oder polternd aggressiv – oder die Pfälzer Kollegen, mit denen Bettina sich reibt, da sie so gar nicht in die Tagesplanung passt und dazu noch das obligatorische, bodenständige und sehr fettige Mittagessen verschmäht. „Des is hausgemacht, des merkt mer, und wemm des net schmeckt, der weeß net, was gut ist.“ (S.216).
Auch Manga, die Hure, welche Ackermann erschossen hat, kommt zu Wort und so offenbart sich auch von dieser Seite das Warum, zeigt eine tief verletzte, aber fürsorgende Seele. So zeigen selbst die kleinen Nebenrollen eine starke Charakterzeichnung und liebevolle Detailarbeit.

Authentizität in ihrer reinsten Form: Bettina Boll als Halbtags-Ermittlerin, Teilzeit-Mutter, Immobilienverkäuferin, Kollegenschreck. Keiner kann nur arbeiten oder nur Mutter/Vater sein – es gibt doch immer tausend Dinge zu planen, zu organisieren, zu erledigen. Ermittler, die sich mit Haut und Haaren den Ermittlungen verschreiben sind doch eher die Ausnahme(und zudem meist Sonderlinge und Einzelgänger) – der Normalfall ist Bettina Boll. Und trotzdem kriegt sie ihren Fall geknackt.  So geht Realität. So geht Krimi.

Fazit:
Bettina Boll in Höchstform – wie immer zwischen allen Stühlen, aber mit dem richtigen Instinkt ausgestattet. Ein tiefschwarzer Krimi, der einem listig verpackt die Realität vor Augen hält, und nebenbei ganz wunderbar spannend unterhält.  Sehr zu empfehlen!

 

So, und weil ich nun gerade Lust darauf habe und finde, dass unbedingt mehr Leute Monika Geier lesen sollten, verlose ich ein Exemplar von “Alles so hell da vorn”. Wer mitmachen will, bitte einfach unter diesem Beitrag kommentieren. Das Gewinnspiel endet am 21.05.2017 um 23:59 Uhr. Die Auslosung erfolgt dann in den darauffolgenden Tagen. Und nun – viel Glück!

 

Das Kleingedruckte
Der Gewinner wird aus allen Teilnehmern ausgelost. Der Name/ Nickname des Gewinners wird nach der Auslosung auf meinem Blog veröffentlicht und der Gewinner außerdem per Email benachrichtigt (bitte denkt also daran, beim Kommentieren eine tatsächlich von euch genutzte Emailadresse zu benutzen). Die Adressdaten des Gewinners werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt Ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.