Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Interview – Anne Goldmann

Ganz besonders habe ich mich gefreut, dass Anne Goldmann sich bereit erklärt hat, mir ein Interview zu geben. Ihre drei Spannungsromane  – Das Leben ist schmutzig, Triangel und Lichtschacht – konnten mich alle restlos begeistern und natürlich konnte ich mir die Frage, was als nächstes kommt und vor allem wann, nicht verkneifen. Ob sie was verraten hat? Lest selbst.

 

 1. Die Schriftstellerei ist für Sie ein Nebenjob – Sie arbeiten mit Straffälligen. Nehmen Sie Anregungen aus Ihrem Job, einzelne Begebenheiten oder Sätze? Oder ziehen Sie Ihre Inspiration aus anderen Gelegenheiten?

Das Schreiben ist längst mehr, würde ich sagen. Es steht gleichberechtigt neben meiner Arbeit als Bewährungshelferin und nimmt viel Raum ein. Das Ideensammeln, Plotten, Überlegen, wie ich mit den Fragen, die mich interessieren, umgehe, in welcher Form ich sie stelle, das Entwickeln der Personen bis ins Detail – all das ist für mich notwendig, bevor ich den ersten Satz niederschreibe. Es gilt, die Form zu finden, den richtigen Ton zu treffen, man muss probieren, schreiben, recherchieren, verwerfen, gegebenenfalls neu beginnen, umschreiben, überarbeiten … Sie sehen schon: Man braucht Zeit. Und Durchhaltevermögen.

Meinen ersten Roman „Das Leben ist schmutzig“ habe ich noch (relativ locker, sage ich heute) abends nach der Arbeit und teilweise an den Wochenenden geschrieben. Das ist längst nicht mehr möglich. Das Arbeitspensum hat sich vervielfacht, die Menschen, die ich betreue, sind deutlich belasteter, verletzter, kommen rascher an ihre Grenzen.

Wenn ich schreibe, muss ich frei sein für die Geschichte, an der ich arbeite, und dranbleiben können – wenigstens für ein paar Tage am Stück.

Natürlich fließen meine Haltung, mein Blick auf die Welt (https://herlandnews.com/) und meine Erfahrungen, die beruflichen wie die privaten, in meine Texte ein. Ich habe u. a. einige Jahre in einer Justizanstalt gearbeitet. Mein zweiter Roman, Triangel, spielt in dieser Umgebung. Ich halte es für sinnvoll, über Dinge zu schreiben, von denen man Ahnung hat. Die Handlung wie die Personen in allen drei Büchern haben freilich keine Vorbilder im realen Leben (das reizt mich nicht), sie sind durchwegs frei erfunden. Sie entstehen aus einer Idee, einer Bewegung, einem Detail, das mir auffällt (oder einfällt), ich gehe mit ihnen durch die Wochen und sie gewinnen nach und nach an Kontur. Wenn ich sie richtig gut kenne, ihre Vergangenheit, ihren Alltag, ihre kleinen Geheimnisse, schicke ich sie los.

 2. Ihre Krimis handeln von Anonymität und Einsamkeit in der Großstadt, ja sogar im gleichen Haus. Wie wichtig ist Ihnen das Thema?

Ich mache immer wieder die Erfahrung, wie schwer es vielen Menschen fällt, einigermaßen offen aufeinander zuzugehen, wie groß einerseits der Wunsch nach Nähe, Vertrautheit, Gesehen-, Wahrgenommenwerden, Gehaltensein ist – und wie groß gleichzeitig die Angst davor. Mit wem, frage ich mich, telefonieren die Leute auf der Straße, in den U-Bahnen, überall eigentlich, ständig, wem schreiben sie unablässig? So viele Freunde – und so wenig Kontakt. Die Sache ist natürlich komplexer – und ich finde es lohnend, sie von verschiedenen Seiten zu betrachten.

 3. Wir hatten schon ein, zwei sehr interessante Gespräche auf der Buchmesse und Sie haben mich einiges über die Bloggerei gefragt. Wie sehen Sie das Thema soziale Medien im Hinblick auf eine Buchveröffentlichung – notwendiges Übel oder interessanter Multiplikator?

 Interessanter Multiplikator, auf jeden Fall. Ich persönlich schätze an den Blogs, die ich mehr oder minder regelmäßig lese, das große Engagement der Betreiber*innen, die Aktualität und die persönlichen Empfehlungen auf  hohem Niveau, auf die ich meist ebenso verlassen kann wie auf die von Freundinnen und Freunden – und die von meinem Lieblingsbuchhändler.

 4. Ich glaube für eine Autorin ist das die langweiligste, für den Leser allerdings die spannendste Frage: gibt es ein nächstes Projekt und wollen Sie darüber schon etwas verraten?

Ich bin grundsätzlich sehr zurückhaltend mit „Verlautbarungen“, solange ich das Manuskript nicht abgeschlossen habe – und das wird noch ein Weilchen dauern. Nur soviel – es geht um zwei Frauen, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben, um Fremdsein, Schuld und Trauma.

Abschließend wüsste ich noch gerne, was ihr Lieblingskrimi ist (oder Lieblingskrimiautor/in)?

 Es fällt mir tatsächlich schwer, mich in dem Bereich auf jemanden festzulegen. Astrid Paprottas “Sterntaucher” (2002) hat mich beeindruckt. Daniel Woodrell (Der Tod von Sweet Mister, Winters Knochen) und Paulus Hochgatterer (Die Süße des Lebens, Das Matratzenhaus) begeistern mich nach wie vor durch die präzise Zeichnung der Figuren, die intime Kenntnis ihrer Lebensumstände und einen meisterhaften Umgang mit Sprache. Die erzählerische Distanz und gleichzeitig spürbare Zärtlichkeit (ich finde kein anderes Wort) schaffen für mich Bilder von ungeheurer Intensität. Zudem mag ich mag das Unbestimmte, Offene, das mir als Leserin Raum lässt, Geschichten, die mir noch nachgehen, wenn ich das Buch längst beiseitegelegt habe.

 

 


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Interview – Lawrence Block

Um Lawrence Block zu kontaktieren habe ich seinen Pressekontakt Erin angeschrieben und innerhalb von 2 Minuten eine Zusage zum Interview bekommen. Das war mal richtig schnell! Aber auch die Antworten haben, nachdem ich die Fragen geschickt habe, haben nicht lange gedauert. Und deshalb darf das Lawrence Block Interview auch als erstes erscheinen.
Ich habe das Interview ins Deutsche übersetzt – for the original, English version, please scroll down a bit.

Übersetzte Version:

1. In Deutschland lässt sich eine Tendenz erkennen, vergessene Bücher und Autoren wieder zu entdecken. Ein Trend, der in der Krimiszene gerne gesehen ist. Das bedeutet, dass die neue Übersetzung und Veröffentlichung der Matthew Scudder Krimis genau zur richtigen Zeit kommt. Was war der Grund für Dich das genau jetzt zu tun und warum hast Du den Weg des Self Publishing gewählt?

Als es möglich wurde, selbst zu veröffentlichen, habe ich die Idee mit großem Enthusiasmus aufgenommen und habe viele meiner älteren Titel, die nicht mehr gedruckt werden, herausgebracht, zuerst als Ebook und dann als On Demand Taschenbücher. Das hat super funktioniert und war sehr befriedigend. Es hat mir bewusst gemacht, wie viel Potential es hat, wenn man sein eigenes Werk selbst herausgibt.

Ich kann mich nicht erinnern, was mich auf die Idee brachte, aber ich war frustriert darüber, dass meine Bücher in Deutschland nicht mehr verfügbar waren. Sowohl die Scudder als auch die Rhodenbarr Titel waren einige Jahre zuvor sehr beliebt gewesen, aber ich vermute, es hat Änderungen im Markt begeben und neuere Titel wurden nicht mehr übersetzt sowie ältere Titel wurden nicht mehr nachgedruckt. Und so hab ich mich mit Stefan Mommertz zusammen getan, um die Bücher mit geteiltem Gewinn selbst herauszugeben. Er hat die ersten drei Titel – Die Sünden der Väter, Drei am Haken, und Mitten im Tod – zusammen mit einigen Kurzgeschichten von Scudder übersetzt. Jetzt arbeitet er am vierten Titel – A Stab in the Dark – und in der Zwischenzeit habe ich ein Arrangement mit Sepp Leeb getroffen, welcher acht der Scudder Krimis für Heyne übersetzt hat, als diese zum ersten Mal in Deutschland veröffentlicht wurden. Er hat sich die Rechte für seine Übersetzungen gesichert und hat diese korrigiert, wo es nötig war. Und jetzt gebe ich diese neu heraus, auch hier teilen wir uns den Gewinn. Bis jetzt konnten wir also noch drei weitere veröffentlichen – Acht Millionen Wege zu sterben, Nach der Sperrstunde und Am Rand des Abgrunds – und weitere von Sepps übersetzten Titeln werden bald erscheinen.

Das Projekt ist sehr spannend. Es ist schwierig, deutsche Leser wissen zu lassen, dass es die Bücher gibt, dass sie wieder verfügbar sind, aber sie sind ein empfängliches Publikum und wir können jetzt langsam einige Verkäufe sehen.

2. Wenn Du an die Charakterentwicklung von Matthew Scudder denkst, gibt es da die eine Sache, die Du wirklich hättest machen wollen, aber nicht gemacht hast und nun bedauerst?

Nein, ich kann mich an nichts erinnern, was ich anders gemacht hätte. Ich habe mich entschieden, Scudder in Echtzeit altern zu lassen, was mitnichten eine Regel für fiktionale Detektive ist, denn sie tendieren dazu für immer gleich alt zu sein. Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe, denn andersherum wäre es schwierig geworden, den Level an Realismus zu halten, denn ich beabsichtigt habe. Auf der anderen Seite macht es eine Fortsetzung der Serie schwierig, denn Herr Scudder wird langsam zu alt, um Abenteuer zu erleben.

Im Übrigen habe ich den gleichen Fehler in meinem eigenen Leben gemacht – und da würde ich es anders machen, wenn ich die Chance dazu bekommen würde. In Echtzeit zu altern mag für fiktionale Charaktere gut sein, aber ich fürchte, es ist nicht so eine gute Idee für das wahre Leben.

3. Wie sehen Deine nächsten Pläne für Deutschland aus? Wird eine andere Serie von Dir frisch übersetzt? Oder schreibst Du gerade an einem neuen Krimi oder einer Krimiserie?

Ich hoffe, dass es uns möglich ist, alle Scudder Krimis zu übersetzen und zu drucken. Was danach ist, weiß ich noch nicht. Die Bernie Rhodenbarr Krimis liefen in Deutschland sehr gut vor einigen Jahren, also ist das eine Möglichkeit. Und Keller, der Auftragsmörder, wäre auch ein guter Kandidat für eine deutsche Übersetzung.

Im Übrigen, soweit es Bernie und Keller betrifft, bin ich nicht auf Self Publishing festgelegt. Wenn ein deutscher Verlag Interesse hat, bin ich sehr interessiert daran, von ihm zu hören.

4. Und eine zusätzliche Frage: Was ist Dein Lieblingskrimi?

Darf ich ein paar meiner Lieblingskrimischriftsteller anstatt eines einzelnen Buches nennen? Donald E. Westlake, Ross Thomas und Evan Hunter waren alles gute Freunde von mir und erstklassige Schriftsteller. Ich vermisse sie und ich bin froh, Ihre Bücher zu haben. Und – da wir von Deutschland reden – sollte ich noch erwähnen, dass ich ein großer Fan von Philip Kerrs Bernie Gunther Krimis bin.

Abschließend hoffe ich, dass Du Deine Leser darüber informierst, dass ich einen Newsletter habe – normalerweise in Englisch, aber hin und wieder auch in Deutsch. Um auf den Verteiler zu gelangen, einfach eine leere Email an lawbloc@gmail.com mit dem Betreff NEWSLETTER – DE senden.

 

Original Version:

1.    In Germany we have right now a tendency to rake up some forgotten novels and authors, which is very welcomed in the crime fiction reader scene. That means that the new translation and publish of the Matthew Scudder novels come to the right place. What was the reason for you to do this now and why are you doing selfpublishing?

When it became possible to self-publish, I took it up with great enthusiasm, and brought out many of my out-of-print backlist titles, first as ebooks and then as print-on-demand paperbacks. This worked very well, and was very gratifying, and it made me aware of the potential of publishing one’s own work.

And I don’t recall what brought it to mind, but I’d been frustrated that my books were no longer available in Germany. Both the Scudder and the Burglar titles were po[ular there some years ago, but I guess there were changes in the market and newer titles went untranslated while earlier ones went out of print. And so I teamed up with Stefan Mommertz to self-publish on a basis of shared income, and he’s done the first three Matthew Scudder titles—Die Sünden der Väter, Drei am Haken, and Mitten im Tod—along with several of the Scudder short stories. Now Stefan’s at work on the fourth book, A Stab in the Dark, and in the meantime I’ve made arrangements with Sepp Leeb, who translated eight of the Scudder titles for Heyne when they were first published. He secured the rights to his translation, and has edited them when necessary, and I’m republishing them, again on a basis of shared income; so far I’ve been able to bring out Acht Millionen Wege zu sterben, Nach der Sperrstunde, and Am Rand des Abgrunds, and more of Sepp’s titles will be coming very soon.

So this is all very exciting. It’s difficult to let German readers know about the books—that they’re available again—but they are a receptive audience, and we are beginning to see some sales.

2.    If you think of the character development of Matthew Scudder, is there one thing you really wanted to do, but you don’t and now you regret it?

No, I can’t think of anything I wish I’d done differently. I made the decision to have Scudder age in real time, which as you know is by no means the rule with fictional detectives; they tend to stay the same age forever. I’m glad I made this choice, because to do otherwise would be out of keeping with the level of realism I aim for in the books. On the other hand, it has made it difficult to continue the series, as Herr Scudder is a bit too old to go on having adventures.

Incidentally, I made the same mistake in my own personal life—and there I might do it differently if I had the chance. Aging in real time may be good for fictional characters, but it’s not such a good idea in the real world, I’m afraid!
3.    What are your next plans for Germany? Will another of your series get a fresh translation? Or are you writing a new novel/series?

I’m hoping we’ll be able to get all of the Scudder titles translated and in print. After that, I don’t know. The Bernie Rhodenbarr books did well in Germany years ago, so they’re a possibility. And my hit man character, Keller, would be a very fine candidate for German translation.

Incidentally, as far as Bernie and Keller are concerned, I’m not committed to self-publishing. If a German publisher is interested, I’d be very interested in hearing from them.
4. And an additional question out of scope: YOUR favorite crime novel?

May I name a few favorite crime novelists instead of a single book? Donald E. Westlake, Ross Thomas, and Evan Hunter were all good friends of mine, and superb writers; I miss them,and am glad I have their books. And I should probably add that—speaking of Germany—I’m a great fan of Philip Kerr’s Bernie Gunther novels.

Finally, I hope you’ll let your readers know that I have a newsletter—generally in English, but now and then we get out an issue in German. To get on the list for it, just send a blank email to lawbloc@gmail.com, with the header NEWSLETTER – DE.


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Alles Gute nachträglich!

Es ist schon wieder ein paar Tage her, doch diese Woche hat mein Blog seinen 3. Geburtstag. Juchu – Konfetti werf!

3 Jahre ist ja nun noch wahnsinnig jung, auch wenn es mir vorkommt, als hätte ich nie etwas anderes gemacht. Es gibt viele Blogs, die sind älter, aber es gibt auch Blogs, die haben gar nicht so lange durchgehalten. Ich bin stolz darauf, dass ich nun schon seit 3 Jahren blogge und es macht mir immer noch viel Spaß.

Als Gegengewicht zu meinem “jungen” Blog habe ich heute mal das älteste Buch aus meinem Regal geholt und möchte es Euch zeigen. Ich habe das Buch von meiner Oma geerbt – allerdings hat es auch schon meine Oma geerbt. Es ist mir noch nicht gelungen, ein genaues Erscheinungsjahr herauszufinden, doch es wird wohl zwischen 1766 (dem Gründungsjahr des Verlages) und 1835 (dem Datum der Widmung) gewesen sein. Man kann allerdings vermuten, dass es sich hierbei evtl. um einen zweiten Teil handelt, denn der Titel beginnt wie folgt: “Anderer Theil des grossen Lebens Christi”.
Das Buch ist nicht mehr im besten Zustand, aber ich würde es niemals hergeben. Vermutlich werde ich es aber auch nie lesen. Macht aber nix – bei manchen Büchern ist es völlig ausreichend, wenn man sie anschauen, ab und an aus dem Regal holen, daran riechen und es fühlen kann, um dann vorsichtig ein paar Seiten umzublättern.

 

Um nun den Bloggeburtstag gebührend zu feiern habe ich in den letzten zwei, drei Wochen ein paar Autoren gebeten, mir ein kleines Interview zu gewähren. Und alle haben ja gesagt – ich freu mich so! Allerdings fehlt mir im Moment noch eine Rückantwort, deshalb habe ich beschlossen, Euch noch nicht zu verraten, um welche Autoren es sich handelt. Das heißt, Ihr werdet Euch einfach überraschen lassen müssen. Los geht es dann am Sonntag mit dem ersten Interview.


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Die Stunde der Entführer – Robert Wilson


Robert Wilson – Die Stunde der Entführer
Verlag: Goldmann
Übersetzer: Kristian Lutze
479 Seiten
ISBN: 978-3442314287

 

 

 

 

Immer wieder stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, in der Mitte einer Serie einzusteigen oder eben beim Anfang zu beginnen. Ich habe schon verschiedene Erfahrungen gemacht. Manchmal klappt es gut, wenn man mittendrin einsteigt, manchmal weniger gut. Und ich hatte sogar schon ein oder zwei, bei denen es gar nicht geklappt hat. Nichtsdestotrotz muss man es manchmal probieren, denn seien wir mal ehrlich, man kann nicht jeder Serie von Anfang an folgen oder wenn man sie eben erst spät entdeckt, noch alle vorigen Teile aufholen. Hier habe ich mir nun also den dritten Teil um Charles Boxer geschnappt, einen Spezialisten für Entführungsfälle, der sich auch nicht scheut, härtere Maßnahmen zu ergreifen. Der Einstieg bei Teil drei war kein Problem, doch zufrieden bin ich dennoch nicht.

In London werden innerhalb von wenigen Stunden die Kinder von 6 Milliardären entführt. Die Altersspanne der Entführungsopfer geht vom Kind bis zum jungen Erwachsenen und zieht sich durch mehrere Nationalitäten: mit dabei sind die USA, Russland, China und Indien. Die Eltern sind nicht nur sehr reich, sondern durch ihre Geschäfte zumeist auch in der Politik verbandelt, was die Sache äußerst kompliziert macht. Die Ermittlung führt Mercy Danquah, Charles Boxers Ex-Freundin. Doch nicht nur diese Verbindung zieht Boxer in den Entführungsfall, sondern auch eine neue Klientin. Siobhan sucht ihren Vater Conrad Jensen, der vor einigen Tagen spurlos verschwunden ist. Der Anwalt der Familie hat Siobhan zu Boxer geschickt, um zur Not auch von Boxer speziellen Fähigkeiten Gebrauch zu machen. Boxer ist nahe dran, den Fall abzulehnen, gibt sich aber doch geschlagen. Auch Amy, seine Tochter, die mittlerweile bei seiner Organisation LOST mithilft, um lange zurückliegende Verschwundene wieder aufzuspüren, wird mit in die Ermittlung gezogen. Doch auch wenn es anfänglich nach zwei verschiedenen Ermittlungen aussieht, gibt es eine Verbindung.

Die Entführung reicher und so unterschiedlicher Kinder zieht ganz verschiedene Organisationen an. Die Ermittlung liegt vielleicht bei der Londoner Polizei, doch im Hintergrund mischen die verschiedensten Geheimdienste fröhlich die Karten, ohne sich dabei hineinsehen zu lassen. Die Milliardäre sind nun auch nicht die einfachsten Menschen, so dass jeder einen eigenen Unterhändler hat und das Chaos perfekt ist. Die Entführer allerdings, sind durchaus gut strukturiert und überlegt. Das zeigen nicht nur die sechs kurz nacheinander ausgeführten Entführungen, sondern auch die Verhandlungen. Es wird kein Lösegeld verlangt, sondern eine Aufwandsentschädigung für den Aufenthalt der Geiseln und es wird auch nicht einzeln verhandelt – ein Unterhändler wird bestimmt.
Man mag es kaum glauben, aber den Entführern geht es tatsächlich nicht um Geld, es werden politische Forderungen gestellt – aber genau da ist der Haken: die genaue Motivation kommt erst ganz zum Schluss heraus und ist dann auch nicht mehr wichtig, denn es ist ja schon vorbei.

Die Hauptfiguren – Boxer, Mercy und Amy – fand ich alle ganz gut, wenn auch mit Klischees nicht gegeizt wird. Charles Boxer vertritt dabei den stereotypischen Helden: für Recht und Gerechtigkeit verkloppt er auch gerne mal die Bösen und findet letztendlich die Entführten quasi im Alleingang. Und natürlich sieht er rot, wenn es um die Familie geht. Bei den Nebenfiguren sticht vor allem Siobhan als etwas andere Femme Fatale heraus. Schade ist, dass die Entführten oder gar die Entführer nicht zu Wort kommen, hier hätte man dann zwar noch ein, zwei weitere Ebene eröffnet, aber eben andere Perspektiven eröffnet. Dies hätte für Abwechslung gesorgt und man hätte auch die Motivation der Entführer besser verstanden. Doch sowohl Entführte als auch Entführer sind quasi nur schmückendes Beiwerk. Insgesamt hätten andere Perspektiven spannende Einblicke eröffnen können, z. B. auch bei einem der Geheimagenten stelle ich mir das interessant vor.

Ein komplexes Szenario, viele Mitspieler und Parteien, viele Heimlichkeiten und doch irgendwie unrund. Es passiert so viel und doch irgendwie nicht. Der Fokus liegt auf Charles Boxer, ab und an auch bei Mercy. Beide haben zusätzlich noch mit privaten Problemen kämpfen müssen. Die Geschichte nimmt kurz Fahrt auf, aber tuckert dann irgendwie vor sich hin, so bis zur Hälfte, bis sie dann endlich in Schwung kommt. Das Ende wird relativ kurz abgehandelt, die Beweggründe der Entführer zwar dargestellt, doch warum Boxer nun mit im Spiel sein musste ist für mich unzureichend erklärt worden. Aber vielleicht passt das ganz gut, denn irgendwie, auch wenn der Fall an sich geschlossen ist, gibt es einen hintergründigen Handlungsstrang, der weitergeht. Allerdings ohne mich – das Buch konnte mich jetzt nicht so überzeugen, dass ich mir den nächsten Teil holen würde.

Fazit:
Durchschnittlich – der Fall nimmt ab der Mitte Fahrt auf, doch irgendwie ist das Ganze unrund. Ein komplexes Szenario mit vielen Parteien, aber keinen anderen Perspektiven. Schade.


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Talk.Noir in Stuttgart – so war’s

Letzte Woche, am 08. März 2017 war es endlich soweit – Talk.Noir war in Stuttgart zu Gast!

Wolfgang Franßen, Frank Rumpel, Alexander Roth

Die Stuttgarter Kneipe Milliways diente als Schauplatz, das Plateau der Kneipe wurde eingenommen und die Barhocker stibitzt – dann ging es los. Wolfgang Franßen (Polar Verlag), Frank Rumpel (SWR2) und Alexander Roth (derschneemann.net) stellten drei noireske Bücher vor. Zugegebenermaßen waren nur wenige Teilnehmer da, dafür war es irgendwie lauschig. Ein wenig wie eine Wohnzimmerlesung mit Bedienung. Richtig gemütlich.


Den Anfang machte Alexander, der sich kurzfristig für ein anderes Buch als angekündigt entschieden hat. Tom Boumans Krimi “Auf der Jagd” wurde kurzerhand gegen Denis Johnsons “Die lachenden Ungeheuer” ausgetauscht. Dieser Tausch hatte die Auswirkung, dass nun alle drei Bücher das Thema Afrika repräsentierten, so auch Johnsons…. ja, kann man es Krimi nennen? Nun, das Problem haben wir öfters, dass die Grenzen des Genres verwischt sind und die klassische Kriminalgeschichte zwar noch häufig vorkommt, aber eben nicht mehr das einzige auf dem Markt ist – zum Glück! Wollte man den Roman beschreiben müsste man ihm wohl neben dem Krimietikett noch weitere verpassen. 2 Freunde, 1 Frau, ein paar Geheimnisse und viel afrikanische Geschichte, Kultur und Eigenheit – nicht nur Südafrika ist in Krimis ein Thema, sondern auch Sierra Leone. Alexander hat uns einen Einblick in die Geschichte des Buches, in das Leben des Autors und Querverweise zu anderen Büchern gegeben – so haben das auch die nachfolgenden Herren geregelt. Wer hier eine Standard-Lesung erwartet, wird überrascht werden.

Als nächstes folgte Frank mit “Illegal” von Max Annas. Sein voriger Roman “Die Mauer” konnte den Titel des besten Krimis im Jahre 2016 (Krimibestenliste, damals noch in der ZEIT) ergattern – für mich persönlich war er das allerdings nicht. Umso gespannter war ich, was es über “Illegal” zu sagen gab. Nun, die Herren waren einhellig der Meinung, dass das Buch zwar immer noch sehr gut ist, aber nicht an seine beiden vorigen Romane (neben “Die Mauer” ist das “Die Farm) herankommt. Liegt ja vielleicht auch am Setting, denn entgegen seinen ersten Krimis, die in Südafrika spielen, spielt “Illegal” in Berlin und die Hauptfigur ist ein junger Afrikaner, der illegal in Deutschland lebt. Eines Tages beobachtet er einen Mord und verschwindet, doch der Täter hat ihn gesehen, so dass der junge Mann eine atemlose Flucht durch Berlin hinlegt, die wohl am Ende einen Touch “Lola rennt” hat. Sehr schön war, dass das Herrengespann wohl alle Bücher gelesen hat, so dass jeder eine Meinung hat, auch wenn die mitunter sehr ähnlich war. Viel Grund zum Streiten gab es nicht, aber wenn Profis die Vorauswahl treffen ist eben klar, dass die Bücher fast schon unbestreitbar gut sind. Schade ist, dass das Publikum wenig mitzudiskutieren hatte, denn die Bücher waren allesamt erst wenige Tage vorher erschienen oder waren noch gar nicht veröffentlicht. Mittlerweile gibt es die drei Bücher aber überall zu kaufen.

Als Letzter war Wolfgang an der Reihe und hat seinen neuesten Krimi aus dem Polar Verlag vorgestellt: “Libreville” von Janis Otsiemi. Ein Krimi, von einem gebürtigen Gabuner geschrieben, der in Gabun spielt. Ein politischer Mord, der von zwei Polizisten untersucht wird, die noch mit Schreibmaschine und Zeugenaussagen versuchen den Fall zu lösen. Der Autor, Janis Otsiemi, ist in Frankreich ein sehr bekannter Krimiautor – unter einigen anderen. Anscheinend ist dort noch eine Menge an Übersetzungsarbeit nachzuholen, damit wir deutschen Leser auch in den Genuss dieser tollen französischen / französisch-sprachigen Autoren kommen. Allgemein schneiden die Frauen nicht gut aber – weder in den Büchern noch im Subgenre allgemein noch im Talk.Noir. Damit da ein Ausgleich geschaffen wird, schlage ich mal vor, dass Wolfgang das nächste Mal, wenn er in den Süden für ein Talk.Noir fährt, einfach Else Laudan mit in sein Auto packt. Die Verlegerin im Argument Verlag mit ihren Ariadne-Krimis gehört zum Noir und – wie ich finde – auch mal nach Stuttgart.

Oder eben nach Tübingen. Denn über den nächsten Termin haben wir nach dem “offiziellen” Teil noch geredet und gleich mal einen Termin im Mai festgelegt (an den ich mich aber grade nicht mehr erinnere, über den ich Euch vorher aber natürlich Bescheid gebe). Und die einhellig Meinung der Teilnehmer war, dass sich Tübingen viel besser für das Talk.Noir eignen würde. Was vielleicht daran lag, dass 80% der Teilnehmer aus Tübingen “angereist” waren. Ich persönlich wohne zwar nicht in Tübingen, aber ich mag Tübingen sehr. Passt also!

So, dass war es dann mit meinem Bericht.
Wer auch mal ein Talk.Noir erleben möchte, der komme doch einfach im Mai nach Tübigen. Für einen kleinen Urlaub oder so, denn das Städtchen lohnt sich so oder so. Ich würd mich freuen, Euch Follower mal zu treffen!


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Blogtour KollendersGeister: Lesetagebuch

Endspurt! Bei Philly von Wortgestalt-Buchblog.de gibt es heute ein Lesetagebuch zu “Von allen guten Geistern” von Andreas Kollender. Leider schon der letzte Beitrag der Blogtour, aber dafür hat er es in sich.
Und nicht vergessen: es gibt etwas zu gewinnen!

#KollendersGeister

Logbuch der Enterprise, hier spricht Captain Kirk, Sternzeit … achso, nee, quatsch, falscher Einstieg. O Captain, my Captain … Nee, auch nicht. Liebes Tagebuch? Hm, nein. Wie beginnt man denn nun so einen Tagebucheintrag? Komisch eigentlich, dass ich mich das Der Beitrag #KollendersGeister – Ein Lesetagebuch erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über #KollendersGeister – Ein Lesetagebuch — WortGestalt-BuchBlog


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Blogtour mit Kollenders Geistern: Interview mit Dr. Ludwig Meyer

Folgendes Interview habe ich erfreulicherweise in der „Staats und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheiischen Correspondenten“ aus dem Mai 1864 (!) gefunden. Leider war es mir technisch nicht möglich, Euch die Seite komplett zur Verfügung zu stellen, deshalb hier nur ein kleiner Ausschnitt der Titelseite.
Das Interview mit Dr. Ludwig Meyer, dem Protagonisten aus „Von allen guten Geistern“ habe ich Euch abgetippt. Geführt hat das Interview der Journalist Appert, der auch u. a. im Auftrag des preußischen Königs, Friedrich Wilhelm IV, unterwegs war.


Interview mit Dr. Ludwig Meyer,
dem Leiter der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg

 

Doktor Meyer, Sie haben mich um dieses Interview gebeten. Warum?

LM: Letztes Jahr haben Sie im Auftrag des Königs die Irrenanstalten des Landes besucht, unter anderem St. Georg. Die Zustände damals haben Sie als jammervoll beschrieben. Die Irren waren im Keller untergebracht, es gab feuchte Wände und es stank fürchterlich. Die Irren waren wild verteilt, haben geschrien, gesungen, gestöhnt. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie überaus trefflich in ihrem Bericht geschrieben, dass sogar gesunde Menschen, die nur einige Tage dort verbringen müssten, wahnsinnig werden würden. Doch jetzt hat sich alles geändert. Ich habe dort die Leitung übernommen und Veränderungen durchgeführt. In Friedrichsberg hab ich dann eine eigens dafür eingerichtete Heil- und Irrenanstalt einrichten lassen und alle Patienten dorthin umgezogen. Ich lade Sie ein, sich die Abteilung erneut anzusehen.

So? Was hat sich denn unter ihrer Leitung groß verändert? Die Irren werden doch wohl immer noch irre sein.

LM: Alles. Alles hat sich verändert. Es gibt keine Ketten mehr, keine Folterinstrumente, niemand wird mehr zur Schau gestellt oder zu etwas gezwungen. Ich habe den Zwang abgeschafft! Ich habe alle Zwangsjacken verkauft. Ein Erfolg, über den ich heute noch erstaunt bin.

 Ah, von dieser Aktion habe ich gehört. Wirklich verwunderlich, dass normale Menschen Zwangsjacken gekauft haben. Was meinen Sie, wer solche Jacken kauft?

LM: Ein jeder – ich konnte keine Unterschiede feststellen. Eine alte Frau prüfte den Stoff, vermutlich um andere Kleidungsstücke daraus zu nähen, aber alle anderen? Ich habe sogar einige gefragt, doch keiner wollte es mir sagen. Die Scham, wissen Sie. Und die Angst. Angst davor, sich anzustecken, auch irre zu werden. Angst davor, in die Dunkelheit zu stürzen, das Chaos zuzulassen. Aber eine grundsätzliche Neugier ist vorhanden. Normale Menschen kommen mit Zwangsjacken nicht in Berührung – es war eine Sensation.

Scham und Angst – nun nehmen Sie sich selbst mal nicht so wichtig. Wieso glauben Sie, ausgerechnet Sie könnten beurteilen, wer Angst hat und sich von seiner Scham beherrschen lässt?

LM: Ich mache seit meiner Jugend nichts anderes als die Menschen zu beobachten und ihr Verhalten zu analysieren. Ich versuche herauszufinden, wie der Mensch funktioniert. Woher kommen Geisteskrankheiten? Sind sie körperlich verursacht? Wo liegt der Ursprung der geistigen Verwirrungen? Und dabei sind mir so einige Verhaltensweisen aufgefallen, denn es lässt sich nicht ausschließen, dass man nicht nur irre Menschen analysiert. Man analysiert jeden, dem man begegnet. In unserer Zeit ist der gute Ruf, das Ansehen elementar. Es ist wichtig, dass man nicht für  verrückt gehalten wird. Frauen werden von ihren Männern als wahnsinnig beschimpft und in Irrenanstalten abgeschoben – ob sie es nun sind oder nicht. Es ist so einfach, einen Menschen abzustempeln und für irre zu erklären. Alles, was wir nicht verstehen macht uns Angst und wir versuchen, es von uns wegzuschieben und einzusperren. Menschen mit Selbstmordgedanken, verwirrte Menschen oder auch Tobsüchtige landen in den Irrenanstalten und alle erhalten dieselbe Behandlung: keine. Sie werden weggesperrt, aus Angst. Wenn ich nur an meinen Vater denke…

Was ist mit ihrem Vater? Ich dachte, es war ihre Mutter, die in St. Georg in die Irrenabteilung eingeliefert wurde?

LM: Ja, ja, das schon. Aber das, das tut jetzt nichts zur Sache. Sind Sie bei ihren Recherchen auch über die Narrenschiffe gestoßen? Früher hat man die Irren auf Schiffe gebracht und hinaus aufs Meer gefahren, damit man ja nichts mehr mit ihnen zu tun hatte. Dabei kann man jede Geisteskrankheit heilen! Ich bin fest davon überzeugt, dass Doktor Conollys Non-Restraint-Programm wirkt. Gehen Sie ins Ausland, nach London, reden Sie mit Conolly. Geisteskrankheiten müssen ohne den Einsatz von Zwangsmaßnahmen geheilt werden – und das können sie auch!

Ihre Mutter konnte aber nicht geheilt werden, oder? Sie hat sich das Leben genommen. Und zwar in St. Georg.

LM: Ja, doch damals oblag die Leitung der Abteilung noch Doktor Krümmer, ich war kaum ein Mann, kurz vor Beginn meiner Studien. Es war… damals…. Ich… Doktor Krümmer hat nichts anderes gemacht, als alle in den Keller zu sperren und wegzusehen. Die Wärter waren mit der Fürsorge der Irren betraut und, glauben Sie mir, wenn ich sage, dass keiner von denen den Geisteskranken gut getan hat. Sie haben die Irren zur Schau gestellt und gequält, es… es waren abscheuliche Zustände, in denen ich meine Mutter zurücklassen musste. Ich hatte keine Wahl. Mein Vater…
Als ich St. Georg übernommen habe, habe ich kaum eine Handvoll Aufzeichnungen über die Patienten erhalten. Ich musste ganz von vorne beginnen. Ich habe mich mit jedem meiner Patienten unterhalten und eine Patientenakte erstellt. Dieser… Doktor Krümmer ist jetzt in seiner „wohlverdienten“ Rente. Pah.

Ich habe mich natürlich vorher über Sie informiert, Doktor Meyer. Sie sind nicht ohne Widerstände an diesen Posten gelangt. Senator Ulrich…

LM: Ach, Senator Ulrich…. Ich kann nicht einmal sagen, aus welchem Grund der Mann gegen meine Person hetzt. Er war leider von Anfang an gegen mich und gegen das Non-Restraint-System. Er hat mir viele Steine in den Weg gelegt.  Er war überzeugt davon, dass Geisteskrankheiten aus Sünden entstehen. Aus schlechter Lebensführung oder das sich Leute gar freiwillig dazu entscheiden geisteskrank zu sein! Und natürlich müsste man diese Individuen wegsperren – zum Schutze der Gesellschaft. Pah. Angst hat er, nichts anderes. Er versteht es nicht und schlägt um sich, weil er Angst hat. Und doch habe ich diesen Kampf gewonnen – ich bin nun der Leiter der Heil- und Irrenanstalt in Friedrichsberg, und schon in St. Georg habe ich mit den Umstellungen und Neuerungen begonnen. Friedrichsberg ist keine gesonderte Abteilung in einem Krankenhaus – Friedrichsberg ist eine Heil- und Irrenanstalt. Einzig für die Behandlung von Irren gedacht. Bitte betonen Sie das – es geht um Heilung.

Nun ja, sehr hochtrabende Pläne. Aber Heilung allein wird ja wohl nicht durch die Abschaffung der Zwangsjacken eintreten, oder?

LM: Nein, nein, das ist nur einer der ersten Schritte. Zuerst muss wieder Licht in das Leben der Patienten treten. Wir holten sie aus den vergitterten Kellern und brachten sie in ganz normale Krankenzimmer. Sie wurden zu normalen Kranken. Patienten. Wir lassen sie an die Sonne, ins Licht, raus ins Grüne. Doch das sind nur die Rahmenbedingungen. Es geht darum, Verständnis für die Geisteskranken aufzubringen, mit ihnen zu reden und sie verstehen zu lernen. Daraus wird die Erkenntnis entstehen, um sie zu heilen. Nur so können wir ihnen helfen und wieder in die Gesellschaft integrieren.

Sie wollen die Geisteskranken wieder frei lassen? Sind Sie des Wahnsinns? Sie können doch diese Tobsüchtigen und Selbstmordgefährdeten nicht frei lassen!

LM: Sie werden dann nicht mehr geisteskrank sein! Sie sind dann geheilt. Sie können wieder ein normales Leben führen. Sie werden sehen – es wird funktionieren.

Das glaube ich erst, wenn ich es wirklich sehe. Aber gut: Nennen Sie mir ein Beispiel. Als ich in St. Georg war, waren dort Hunderte von irren Menschen, die ich in meinem Leben nie wieder raus lassen würde. Sie haben gewütet und geschrien – diese Irren sind eine Gefahr für andere Menschen. Welchen von diesen – zugegeben unglücklichen – aber gefährlichen Menschen wollen Sie heilen und in die Welt hinaus schicken?

LM: Ich könnte Ihnen Hunderte nennen, genau die, die sie letztes Jahr in so erbärmlichen Zustand gesehen haben. Kommen Sie uns jetzt besuchen. Sie werden sehen, die Patienten sind viel ruhiger, ausgeglichener. Es geht ihnen besser. Natürlich ist der Heilungsprozess noch im Gange, doch schon bald werde ich den ersten entlassen. Und dann noch einen. Und dann weitere. Es dauert, es braucht Zeit. Aber Heilung ist möglich. Ein Beispiel? Na gut, nehmen wir Herrn Mommsen.
Herr Mommsen ist ein wunderbarer Mensch. Er spielt hervorragend Schach und man kann sich sehr angeregt mit ihm unterhalten. Er fühlt sich von Dämonen verfolgt, doch schon seit einiger Zeit sehe ich Besserung. Es werden weniger Dämonen, er fühlt sich sicherer. Er wird lernen, damit umzugehen und zu verstehen, dass es keine Dämonen gibt, dass seine Gedanken ihm diese nur vorgaukeln. Er kann und wird geheilt werden. Nun – kommen Sie denn jetzt auf eine Partie Schach nach Friedrichsberg?

Ich bin noch nicht überzeugt, Doktor Meyer. Ohne es selbst gesehen zu haben, kann ich die Veränderungen nicht glauben. Und das Non-Restraint-System und Ihre Versuche, die Irren zu heilen? Reine Fantasie oder Glauben, ach,  wer weiß schon – vielleicht ist es gar eine Art von Wahnsinn!  Aber ich werde mich mit eigenen Augen überzeugen. Ich komme nach Friedrichsberg.
APPERT

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Quellenangabe der Bilder:
www.christian-terstegge.de
Die Verwendung der Bilder erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Christian Terstegge.
Karte von Hamburg: 1833, Wilhelm E. A. von Schlieben: Hamburg und Altona.
Karte der Provinzen: 1873, Preussische Provinzen Schleswig, Holstein und Lauen­burg, aus „Grosser Handatlas des Himmels und der Erde“, Geo­graphisches Institut Weimar, 1873.
Zeitung: 1842-05-13, Staats- und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpar­theiischen Correspondenten Nr. 110.
Anmerkung der Redaktion: Der hier gezeigte Text ist  ein fiktives Interview mit der zwar realen historischen Person Dr. Ludwig Meyer, welches aber auf den Daten des Romans „Von allen guten Geistern“ basiert. Der Text wurde in einen literarischen und historischen Kontext gebettet, um Authentizität zu schaffen und „real“ zu erscheinen.
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Nun noch abschließend der Hinweis auf das Gewinnspiel – nur wenn Ihr die Buchstaben aus allen Beiträgen gefunden habt, könnt ihr das Buchpaket gewinnen. Lesen lohnt sich also!

Im Rahmen der Blogtour verlost der Pendragon Verlag drei Kollender-Buchpakete mit jeweils einem Exemplar von „Kolbe“ und „Von allen guten Geistern“. Um an der Verlosung teilzunehmen, müssen die TeilnehmerInnen ein Lösungswort bilden. Das Lösungswort findet sich in den fünf Blogbeiträgen zu der Tour. In jedem Beitrag findet sich ein fett gedruckter Buchstabe – das Lösungswort besteht also aus fünf Buchstaben. Zur Teilnahme an der Verlosung muss das Lösungswort an presse@pendragon.de gesendet werden. Einsendeschluss ist Freitag, der 17. März 2017 um 23:59 Uhr.

Die drei Gewinner werden aus allen Teilnehmern ausgelost. Nach der Auslosung werden die Gewinner per Mail benachrichtigt und um ihre Adressdaten gebeten. Die Adressdaten der Gewinner werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt Ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.