Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Bloß die Sekretärin: Ein Job für Delpha – Lisa Sandlin


Lisa Sandlin – Ein Job für Delpha
Verlag: Suhrkamp
Übersetzerin: Andrea Stumpf
351 Seiten
ISBN: 978-3518467794

 

 

 

 

Ja, es gibt diese Bücher. Bücher, bei denen man sich vorab denkt: na, dazu schreib ich jetzt mal keine Rezension. Und dann liest man das Buch und muss einfach etwas dazu schreiben. Es geht gar nicht anders, man muss einfach jedem und allen mitteilen, wie klasse das Buch ist, verflixt nochmal!
Und so ein Buch ist das hier.  Also liebe Leser, bitte jetzt durchatmen und vorbereiten auf die kommenden Begeisterungsstürme.

Worum geht es da überhaupt?
Texas, in den Siebzigern. Delpha kommt nach 14 Jahren aus dem Gefängnis frei. Mit 18 Jahren ist sie ins Gefängnis gekommen,  für ein Verbrechen, wofür ihr eigentlich ein Orden zusteht. Jetzt ist sie draußen und ist auf der Suche nach Job, Unterkunft, Lebensinhalt. Mit Chuzpe und Beharrlichkeit ergattert sie einen Job bei Tom Phelan, der gerade eine Detektei eröffnet hat und eine Sekretärin sucht. Neben den Fällen, welche die beiden beschäftigen, versucht Delpha ihr Leben in den Griff zu bekommen. Gar nicht so einfach, wenn plötzlich der Mann auftaucht, der einen ins Gefängnis gebracht hat.

Und warum ist das jetzt was Besonderes?
Hauptsächlich wegen Delpha. Schon klar, nur die Sekretärin. Aber im Gegensatz zu vielen Heldinnen in anderen Krimis und Thrillern, ist Delpha keine vorlaute, gewiefte und charmante Person. Nein, sie ist still, zurückhaltend, überlegt und hat ganz genau im Blick, dass sie sich keinen Fehler leisten darf, um nicht wieder im Gefängnis zu landen. Sie ist jetzt auch nicht sonderlich schlau – muss sie aber gar nicht sein, denn als Liebhaber von Bibliotheken weiß sie ja, woher sie ihre Informationen bekommt. Und natürlich weiß sie was sie will und was nicht. Aber sie erwartet einfach mal nichts vom Leben und ist einfach nur glücklich und dankbar, wenn ihr etwas Gutes passiert. Und so ganz nebenbei verleiht sie damit nicht nur den Fällen, um die sich Phelan kümmert, sondern auch dem ganzen Roman das gewisse Etwas. Einfach so. Ganz heimlich, still und leise. Und damit viel stärker und gewaltiger als so viele andere Protagonisten.

Na ja, ok, aber nur so eine Tippse als Protagonistin… ?
Ah, es gibt ja noch Tom Phelan und die Detektei. Dieser hat eben gerade erst eröffnet, nachdem er in seinem vorigen Job auf einer Bohrinsel einen Finger eingebüßt hat. Das Geschäft läuft natürlich erst ein wenig schleppend, aber so hin und wieder kommt da der ein oder andere Fall herein. Ja, genau. Nicht nur einer, DER Fall sozusagen, denn es kann ja nicht jeder gleich den Malteser Falken suchen. Es sind Kleinigkeiten, welche die Mandanten von Phelan möchten, doch wie so oft steckt manchmal mehr dahinter. Zur Polizei können oder wollen diese nicht – und das hat seinen Grund. Auch Phelan erfährt nicht alles, so dass ein einfacher Fall sich dann schon in andere, größere Dimensionen auffächern kann.

Und sonst so?
Ansonsten ist der Krimi einfach ein richtig toller Private Eye Krimi. Klar, beim Jonglieren mit mehreren Fällen muss man ein wenig am Ball bleiben, aber ansonsten liest sich das Buch einfach in einem Rutsch weg. Es macht unheimlich viel Spaß, was aber nicht heißt, dass er albern wäre. Es ist einfach ein saumäßig guter Krimi. Und wer mir jetzt immer noch nicht glaubt, darf gerne noch wissen, dass auch die Juroren für den Hammett Prize und den Shamus Award diesen fabelhaften Krimi gekürt haben. Und wer den Amis bei den Krimibewertungen nicht traut, sollte einen Blick in die Krimibestenliste der FAZ werfen – denn auch da lässt sich Lisa Sandlin finden. So, und jetzt geht los und lernt Delpha kennen, ab in den nächsten Buchladen mit Euch!

Fazit
Heimlich, still und leise ist das Motto, denn dieser Krimi hat sich ganz unvermutet jetzt schon seinen Platz in meiner Jahresliste der besten Titel gesichert.

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Paranoia: Cambridge 5, Zeit der Verräter – Hannah Coler


Hannah Coler – Cambridge 5, Zeit der Verräter
Verlag: Limes
406 Seiten
ISBN: 978-3809026822

 

 

 

 

Es mag ein spannendes Thema sein, doch bisher konnten mich die Spionageromane nicht locken. Hin und wieder habe ich reingeschnuppert, aber ich finde das Konzept der Spionage und Gegenspionage, die ständige Paranoia und Geheimniskrämerei immer eher ein wenig verwirrend denn spannend. Nichtsdestotrotz hat mich der Klappentext von Hannah Colers Roman magisch angezogen und als Schmankerl habe ich das Buch auch noch in einer Leserunde lesen dürfen. Eine perfekte Situation, um aufkommende Verwirrung während des Lesens gleich mal zu diskutieren und auszumerzen, so dass ich die Geschichte um die Cambridge 5 genießen konnte.

Kim Philby und die Cambridge 5, ein berühmt-berüchtigte Gruppe von fünf Studenten aus Cambridge, die in30er Jahren von der Sowjetunion als Spione angeworben wurden, sind das Thema von Wera, einer deutschen Studentin. Sie zieht nach Cambridge, um dem Thema möglichst nah zu sein, aber auch, da Professor Hunt, sich bereit erklärt hat, hierfür ihr Doktorvater zu sein. Doch das Thema ist heikel, denn Philby mag zwar in der Sowjetunion als Held gefeiert werden, in Cambridge hingegen wird über ihn lieber geschwiegen.  Und dann findet Wera eine Leiche – hat sie mit ihren Recherchen etwa jemanden aufgeschreckt?

Krimi/Thriller oder doch eher Roman? Hannah Coler, im Übrigen ein Pseudonym einer bekannten Historikerin, die auch schon einige andere Bücher veröffentlicht hat, gelingt es, die Geschichte der Cambridge 5 mit einer spannenden Handlung zu kombinieren. Im Prinzip setzt sich das Buch aus drei Handlungssträngen zusammen, die miteinander verwoben werden.

Zum einen wird die Geschichte um die Cambridge 5, aber mit Fokus auf Kim Philby, über Weras Arbeit transportiert. Auch wenn den Ausschnitten ihrer Arbeit die wissenschaftlichen Noten fehlen – zum Glück für mich, denn so liest sich ihre Arbeit sehr spannend – kann diese im Anhang nachlesen. So ist ihre Arbeit eher eine Biografie um den berühmten Meisterspion, denn ein wissenschaftliches Pamphlet. Neben den realen Tatsachen werden auch Vermutungen über Philbys Entscheidungswege aufgegriffen und untersucht, z. B. welche Gründe Philby dazu bewogen haben, Großbritannien zu verraten, doch auch auf Philbys Umfeld, wie Dr. Arnold Deutsch, der Philby für die Sowjetunion angeworben hat, wird ein tieferer Blick geworfen.

Der zweite Handlungsstrang spielt in den siebziger Jahren und dreht sich wieder um fünf Studenten, einer von Ihnen Hunt, aber auch Jenny Green, die beide später in Cambridge unterrichten. Doch auch die anderen drei sind noch in Cambridge zu finden und haben ihren Weg gemacht: Denys, Master des College samt Gattin Georgina und Stef, ein Computergenie mit eigener Firma. 2014 finden wir dann Wera, die neben Jasper und David, eine der Doktoranden bei Hunt ist. Wera wird nach und nach in das Cambridger Leben reingezogen und muss überrascht feststellen, dass Cambridge nicht nur in den Dreißigern ein beliebtes Rekrutierungsgebiet der Geheimdienste war, sondern es immer noch ist.

Ganz leicht gelingt es der Autorin die Paranoia über das ganze Buch auszubreiten. Man ist sich einfach nicht mehr sicher, wer jemand ist oder wer er vorgibt zu sein. Irgendwann verdächtigt man jeden der Spionage und wechselt auch fröhlich zwischen den Geheimdiensten. Ein Rätselraten par excellence beginnt und auch wenn man vielleicht doch eine/n der Spione schon von Anfang an im Verdacht hatte, ist man am Ende von anderen doch wieder überrascht.

Die Abwechslung mit den Auszügen aus Weras wissenschaftlicher Arbeit lassen die Spannung und das Rätselraten nur noch größer werden, sie fügen sich ein und wechseln hab, ganz ohne zu stören. Das Ende ist dann aber logisch und entwirrt die Rätsel, wenn auch ganz kleine Kleinigkeiten übrig bleiben, über die man noch nachdenken kann. Ein ganz kleines Manko für mein Krimiherz ist, dass das Ende dann doch recht unspektakulär daher kommt. Hier hätte die Autorin noch ein fulminantes Ende einbauen können, doch in diesem Sinne passt das Ende wieder hervorragend. Es ist eben kein Krimi/Thriller, es ist ein Roman um die spannenden Verwicklungen Cambridges in die Geschichte der Geheimdienste.

Fazit:
Ein spannender Roman um die Cambridge 5, aber auch um die immer noch anhaltende Verwicklung von Cambridge in die Geschichte der Geheimdienste. Wer weiß schon genau, wer ein Spion ist? Schaut Euch Eure/n beste/n Freund/in lieber nochmal genauer an!


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Kampf um Ressourcen: Zeitkurier – Wesley Chu


Wesley Chu – Zeitkurier
Verlag: Heyne
Übersetzer: Jürgen Langowski
491 Seiten
ISBN: 978-3453317338

 

 

 

 

In ein paar Hundert Jahren ist die Erde fast unbewohnbar geworden und die Menschheit schon lange ins All übergesiedelt. Durch Kriege und Seuchen ist Wissen der Vergangenheit verloren gegangen, aber trotzdem haben sich einige Technologien erhalten und auch weiterentwickelt. Gut für die Menschheit, denn in dieser Zeit ist Energie in jeglicher Form Mangelware. Die Erde hat schon längst nichts mehr zu bieten und auch die anderen Planeten, Monde und sonstige Gestirne sind weitestgehend abgegrast. Wie gut, dass man mittels einer Technologie in die Vergangenheit reisen und Ressourcen beschaffen kann. Dies übernehmen die Chronauten, von der Chronocom ausgebildet und verwaltet, unternehmen sie Sprünge in die Vergangenheit und halten die Menschheit am Leben. Ressourcen werden immer nur kurz vor Katastrophen abgezogen, so dass kein Riss im Zeitgefüge entsteht und die aktuelle Welt verändert wird.

Einer der Chronauten ist James Griffin-Mars. Er ist ein Stufe 1 Chronaut, der auch in schwierige Zeiten und Gegenden reisen darf, da er genügend Erfahrung gesammelt hat. Aus einer Laune heraus – und ja, es ist auch ein wenig Liebe dabei – bringt er von einer Zeitreise nicht nur die geforderten Ressourcen mit sondern auch die Biologin Elise. Das ist nicht nur strengstens verboten, sondern auch die Auftraggeber, der Konzern Valta, ist ganz und gar nicht darüber amüsiert, dass Elise nun in der Gegenwart ist. Die Jagd auf James und Elise hat begonnen.

Wesley Chu zeichnet ein durchaus realistisches Bild von der Zukunft. Irgendwann werden wir vermutlich wirklich unsere Erde zugrunde gewirtschaftet haben. Ob nun in 100 oder 300 Jahren, das ist irrelevant, doch wir schöpfen ja jetzt schon die letzten Ressourcen um und gehen nicht gerade glimpflich mit den übrig gebliebenen um. Ob nun Zeitreisen möglich sein werden, sei dahin gestellt, doch die verwüstete Erde, die Chu darstellt, kann ich mir gut vorstellen. Das Meer von metertiefem Schlamm/Schaum bedeckt, die Städte verlassen, verfallen, nur einige wenige Menschen leben dort noch und mühen sich um die letzten verbliebenen Krumen, welche die Erde hergibt. Auch die Menschen auf den anderen Planeten haben es nicht allzu gut, einzig die paar riesigen Konzerne scheinen über ausreichend Ressourcen zu verfügen und bewachen diese mit Argusaugen. Auch die Chronocom bzw. die Chronauten verfügen über höhere Technologie – allerdings werden diese auch von den Konzernen ausgestattet.

James ist ein wahrer Draufgänger. Als Chronaut muss er das sein, denn nicht alle schaffen die Ausbildung. Chronauten werden fast schon verehrt, aber auch lieber gemieden. Mit den Revisoren, welche die Zeitreisen überwachen kommt er aber eher weniger aus. Elise gefällt ihm auf Anhieb, als er auf der Nutris-Plattform landet, um dort drei Ressourcen für Valta zu stehlen, kurz bevor die Plattform vernichtet wird. Er freundet sich in der kurzen Zeit tatsächlich mit ihr an und nimmt sie kurzerhand mit in die Zukunft und rettet ihr Leben. Dort angekommen fühlt er sich permanent für Elise verantwortlich, lässt sich von ihr aber auch zu jeglicher Idee, welche sie hat, überreden.

Elise. Ach, Elise. Sie lag mir nicht so richtig. Vielleicht, weil ich mir den Schock in die Zukunft transportiert zu werden doch nachhaltiger vorgestellt habe. Elise ist aber ein patentes Mädchen und findet sich nicht nur schnell damit ab, sondern versucht auch gleich alles zu ändern. Warum nicht gleich die Erde heilen? Ehrlich? Ich meine, kann es wirklich sein, dass James ausgerechnet genau die Biologin per Zufall mitgenommen hat, welche tatsächlich vielleicht das Wissen hat, die Erde zu heilen? Ach, ich weiß nicht. Und zusätzlich fand ich Elise einfach nicht sehr sympathisch. Sehr von sich eingenommen. Auf James hört sie schon gar nicht, obwohl sie sich ja gar nicht auskennt und permanent in Gefahr ist und einfach nur Glück hat, dass ihr nichts passiert.

Das Ende ist zwar abgeschlossen, aber doch offen. Ich weiß, verwirrend. Nennen wir es mal so: die erste Schlacht ist gewonnen, aber der Krieg ist noch im Gange. Ich gebe zu, das ist immer nicht mein Ende. Es setzt voraus, dass ich den nächsten Teil haben möchte, weil ich ja wissen will, wie es ausgeht. Allerdings dauert das ja meist, so dass ich bis dahin oft gar nicht mehr daran interessiert bin. Der Fluch der Serie sozusagen. Neben der nervigen Elise und dem leider nur halb abgeschlossenen Ende ist es dem Autor aber trotzdem gelungen mich über weite Strecken zu fesseln. Hauptsächlich mit der zukünftigen Welt, die vermutlich noch viel mehr zu bieten hat, als man darüber lesen konnte, aber auch weil er ein Thema aufgreift, welches durchaus auch aktuell ist: die Macht der Konzerne.

In Chus Zukunft gibt es nur noch ein paar, aber sehr mächtige Konzerne. So richtig tief lässt er dort noch nicht blicken, doch die Konzerne sind nicht nur besser ausgestattet als alle anderen Menschen oder Organisationen, sondern sie haben auch die Macht über die Chronocom – natürlich nur inoffiziell. Und damit lässt er bei mir die Frage entstehen: wie groß ist die Macht der Konzerne denn heute schon? Bestechung und Korruption, Abhängigkeit und Gedankenlosigkeit machen Organisationen und Kontrollstellen schwach und nutzlos – ein gefundenes Fressen für die Konzerne.

Fazit:
Ein spannender Blick in die Zukunft der Erde, der Fragen aufwirft, die man sich durchaus auch in unserer heutigen Gegenwart stellen kann. Trotzdem lag mir Elise einfach nicht und auch das offene Ende ist nicht mein Fall.


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Gemach, gemach: Ein irischer Dorfpolizist – Graham Norton


Graham Norton – Ein irischer Dorfpolizist
Verlag: Kindler (Rowohlt)
Übersetzerin: Karolina Fell
331 Seiten
ISBN: 978-3463406909

 

 

 

 

„Es war in der Einwohnerschaft von Duneen weitgehend akzeptiert, dass, sollte ein Verbrechen geschehen und es Sergeant Collins gelingen, den Täter festzunehmen, dieser Verhaftung wohl kaum eine Verfolgung zu Fuß vorausginge. Die Leute mochten ihn durchaus, und es gab im Grunde keine Beschwerden, aber es sorgte dennoch für einige Beunruhigung, dass die Sicherheit im Dorf von einem Mann abhing, dem schon beim Gang zur Kommunion der Schweiß ausbrach.“ (S. 9)

Sergeant PJ Collins ist dick. Nur mit Mühe und Not hat er überhaupt die Polizeiprüfung bestanden, doch die Arbeit in einem Team von Polizisten war ihm zu viel. Er konnte sich nicht einfügen und seine Kollegen wollten das auch nicht. So kommt es, dass Collins sich nach Duneen versetzen lässt. Ein kleines Dorf, welches nur einen Polizisten nötig hat, so dass Colllins sich hier mit keinen Kollegen rumschlagen muss. Und ganz ehrlich, viel passiert hier eh nicht. Verkehrsunterricht an der Schule, Nachbarschaftsstreitigkeiten, vielleicht mal eine Prügelei im örtlichen Pub. So hat er es sich in Duneen gemütlich gemacht, mit drei warmen Mahlzeiten, serviert von Mrs. Meany, die nicht nur ihn sondern auch die Polizeistation versorgt. Doch dann werden beim Bau einer Neubausiedlung Knochen ausgebuddelt, menschliche Knochen. Ungefähr 20 Jahre alt fällt sofort der Name Tommy Burke. Dieser ist damals urplötzlich verschwunden, nachdem sich zwei Mädchen seinetwegen geprügelt hatten. Doch ist Tommy Burke das Opfer – oder der Mörder?

Dieser Fund bringt PJ Collins völlig aus dem Gleichgewicht. Zum einen freut er sich, endlich etwas sinnvolles mit seiner Ausbildung anzufangen, zum anderen aber fürchtet er, der Belastung nicht stand zu halten, zumal er das Rätsel ja nicht alleine lösen darf. Natürlich rücken die Experten an, allen voran Linus Dunne, ein versnobter Detective aus dem nahe gelegenen Cork. Nichtsdestotrotz stürzt er sich in die Arbeit und von ein paar Schnitzern und Fettnäpfchen abgesehen, macht er dabei gar keine schlechte Figur. Den Hauptplatz im Buch muss er sich allerdings mit ein paar Damen im Dorf teilen.

Hier wären zum einen die beiden Frauen, die sich damals um Tommy Burke gestritten haben. Evelyn Ross lebt gemeinsam mit ihren beiden Schwestern, alle unverheiratet, auf dem Gut der Familie, welches weitestgehend verpachtet ist. Brid Riordan hingegen hat sich in einer unglücklichen Ehe verfangen, die sie täglich zur Weinflasche greifen lässt. Seit damals herrscht eisiges Schweigen zwischen den beiden und beide verdächtigen jeweils die andere, als Collins an ihre Tür klopft. Dann ist da noch Mrs. Meany, Collins Haushälterin, die sich seit dem Knochenfund verdächtig still und wortkarg verhält und Collins quasi hungern lässt.

Die Charakterzeichnung gelingt dem Autor, Graham Norton – im Übrigen ein bekannter Fernsehmoderator (der mir leider gar nichts sagt) – wirklich hervorragend. Alle Charaktere sind bis in die kleinsten Details liebevoll gezeichnet und bringen Abwechslung. Von den eigenbrötlerischen Schwestern bis zu PJ Collins, der sich ständig unwohl fühlt und unsicher ist. Das lange verschüttete Geheimnis liegt in den Händen dieser Frauen und PJ ist derjenige, der dieses lüften muss – Linus Dunne hat da andere Sorgen als die Ermittlung in dem kleinen Kaff um die paar alten Knochen. Die Ausführlichkeit der handelnden Personen nimmt dem Krimi die Schnelligkeit, er läuft behäbig dahin, fast schon angepasst an den ermittelnden Sergeant – und wäre der Sergeant nicht dabei könnte man den Krimi definitiv als Cosy Crime bezeichnen. Aber auch langsam kommt man ans Ziel und so kann auch PJ Collins letztendlich das Geheimnis lüften, am Ende sogar mit einer nervenaufreibenden Autofahrt. Eines muss man allerdings noch erwähnen, denn der Krimi mag zwar in Irland spielen, doch ebenso gut hätte er in einem verschlafenen Nest in England spielen können. Ein wenig mehr irisches Flair hätte hier gut getan.

Oberflächlich betrachtet, mag der Krimi ein recht behäbiger Dorfkrimi sein, mit einem lange gehüteten Geheimnis, welches Jahrzehnte später herausbricht und die sorgsam gepflegte Dorfidylle aus dem Gleichgewicht bringt. Doch hintergründig zeigt der Krimi, wie wenig sich manche Menschen über Taten und Entscheidungen Gedanken machen, die das Leben von mehreren Leuten aber immens beeinflusst und steuert. Ein Schmetterlingseffekt, in diesem Fall kann man vielleicht fast schon von einem Schneeballeffekt sprechen, der zeigt, wie sich eine Kleinigkeit zu einer Katastrophe entwickelt.

Fazit:
Ein Mann wie ein Krimi: behäbig, aber zielsicher löst PJ Collins seinen ersten Mordfall im verschlafenen Örtchen Duneen. Ein unterhaltsamer Krimi mit hervorragender Charakterzeichnung, der allerdings mit angezogener Handbremse fährt.


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Deutsch-irische Beziehungen: Harte Landung – Ellen Dunne


Ellen Dunne – Harte Landung
Verlag: Insel Verlag (Suhrkamp)
437 Seiten
ISBN: 978-3458362883

 

 

 

 

 

Ja, ich gebe es zu: ich bin ein wenig im Irlandfieber. Mein Urlaub im Juli war wirklich toll und das Ferienhaus für nächstes Jahr (diesmal allerdings Nordirland) ist schon mal gebucht. Es ist also kein Wunder, wenn ich gerade total auf die grüne Insel abfahre und es sehr begrüße, wenn ich Krimis finde, die in Irland spielen. Aktuell ist das Ellen Dunne gelungen, die ihre Münchner Kommissarin mit irischen Wurzeln zu einer Ermittlung nach Dublin schickt. Und zwar mit vollem Erfolg.

Patsy Logan, gesegnet mit irischen und deutschen Wurzeln, ist Kommissarin bei der Münchner Kripo, als sie den möglichen Selbstmord oder Unfall von Carolin Höller, der Chefin der deutschen Niederlassung des Tauschportals Skiller, zugeteilt bekommt.. Es sind zwar nur wenige Hinweise, doch der Verdacht erhärtet sich, dass Carolin Höller nicht freiwillig aus dem Fenster gesprungen ist. So beginnt Patsy zwischen den Skillerz, wie sich die Mitarbeiter des Tauschportals nennen, zu ermitteln – in München, aber auch in deren Hauptquartier, in Dublin.

Ganz kurz am Anfang war mir Patsy doch kurz mal unsympathisch, bevor mir aufgegangen ist, wie fantastisch sie eigentlich ist. Patsy vollführt einen kollegialen Seiltanz indem sie gleichzeitig angepasst und doch unbequem ist. Ihre neu zugeteilte Partnerin Kris muss damit erst einmal zu Recht kommen und tut sich schwer mit Patsys Humor. Ganz anders gelingt es dem Patsy zugeteilten Iren Ben Ferguson von sich zu überzeugen. Privat hat Patsy auch gerade an Problemen zu knabbern, denn die Frage, was zu tun ist, wenn man einfach nicht schwanger wird, steht im Raum. Patsy ist erst einmal so gar nicht gewillt hier nachzuhelfen, so dass sie sich lieber in den Fall stürzt, anstatt sich damit auseinander zu setzen. Und auch ihre irischen Wurzeln sorgen noch für Verwicklungen.

Die Ermittlungen beginnen in München, doch konzentrieren sich schon bald auf Dublin. Das Privatleben des Opfers spielt zwar keine unwesentliche Rolle, doch der Fokus liegt auf Skiller und seinen Mitarbeitern. Nach und nach fragt sich Patsy durch die Belegschaft, doch hat immer wieder Schwierigkeiten Kollegen, die in Dublin weilen, zu erreichen. So wird Patsy irgendwann nach Irland geschickt – ohne Befugnisse und mit irischem Wachhund: Ben Ferguson. Immer wieder streut die Autorin kleine Kapitel dazwischen, in denen der letzte Tag des Opfers nach und nach aufgerollt wird, natürlich passend zu einer Befragung oder einem neuen Hinweis, der aufgetaucht ist. Es wird klar, das Leben einer Niederlassungsleiterin ist verdammt hart und knifflig.

Skiller hat mich – obwohl es sich hier um ein Start Up kurz vor dem Aktiengang handelt – sehr an mein berufliches Umfeld erinnert. Die Bezeichnung Skillers für die Mitarbeiter, die geforderte Einsatzbereitschaft und Leidenschaft, die sich immer schneller drehende Geschäftswelt, in der ältere Mitarbeiter keinen Platz mehr haben. Skiller bietet zudem noch unterschwellig Druck durch die hohe Einstufung vor dem Aktiengang, so dass die Intrigen und Machtkämpfe in den oberen Etagen ein spannendes Geflecht bilden, welches von Patsy Stück für Stück aufgedröselt wird.

Ich habe mich sehr gerne mit Patsy durch das Skiller-Gewirr gekämpft, um Carolin Höllers Mörder zu finden. Patsy ist eine taffe Ermittlerin, die sich nicht so schnell in eine Richtung drängen lässt und allen Spuren folgt. Die privaten Sorgen machen sie menschlich und echt – die einsamen Ermittlerbrummbären mögen zwar in Krimis funktionieren, doch in der Realität schlagen sich Ermittler eben nicht nur mit den Ermittlungen herum. Die beiden Ermittlungsorte verleihen dem Krimi eine kleine Besonderheit und  Patsys irische Wurzeln geben dem Krimi den letzten Schliff.

Die Frage, die ich mir nun am Ende allerdings stelle, ist die folgende: Es ist der Beginn einer Krimireihe, somit können wir weitere Teile mit Patsy Logan erwarten. Wird sie in München ermitteln oder in Dublin? Oder versucht die Autorin nochmal eine gemischte Ermittlung? In u. a. Video verrät die Autorin schon mal, dass der nächste Fall nur in München spielen wird. Mit weiteren gemischten Ermittlungen hätte ich so meine Probleme, da ich mir nicht unendlich viele Fälle in der Ermittlungskombination München / Dublin vorstellen kann, aber wer weiß, vielleicht zaubert die Autorin hier eine Überraschung aus dem Hut, die ich mir im Traum nicht vorstellen könnte. Auf jeden Fall aber freue ich mich jetzt schon auf den nächsten Teil mit Patsy Logan!

Fazit:
Patsy Logan ermittelt klassisch, aber sehr unterhaltsam in der Geschäftswelt eines Start-Ups. Schlagfertig, taff und mit besonderem Humor ausgestattet, schafft es die Ermittlerin mit irischen Wurzeln voll zu überzeugen. Ich hoffe, wir werden mehr von ihr sehen!

 

Wer noch mehr über das Buch erfahren will, sollte in das folgende Video der Autorin Ellen Dunne hineinschauen:


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Die Fünfziger: Bluescreen – Dan Wells


Dan Wells – Bluescreen
Verlag: Piper
Übersetzer: Jürgen Langowski
364 Seiten
ISBN: 978-3492280211

 

 

 

 

Die meisten kennen Dan Wells bestimmt von seinen Krimis aus Täter-Perspektive. Ich nicht, aber natürlich ist er mir trotzdem ein Begriff. Das vorliegende Buch ist nun ein Zukunftsroman, Science Fiction. Und der Klappentext verrät nun gar nicht, dass es ein Jugendbuch ist und somit war ich doch ein wenig erstaunt.

Wir befinden uns im Jahre 2050 und Los Angeles hat sich zur Größe eines Bundesstaates ausgedehnt. Arbeit gibt es kaum noch, alles wird von Nulis erledigt, kleine Roboter bzw. Drohnen, die quasi überall zum Einsatz kommen. Das Smartphone wurde ersetzt durch die Djinnis, mit denen man alle Infos mit Gedanken, Blinzeln, Zwinkern oder ähnlichem abrufen kann, aber auch direkt im Netz arbeiten kann oder in die Spielewelt kommt. So wie Marisa, ein 17jähriges Mädchen aus Mirador, einem Stadtteil von LA. Sie befindet sich auf dem Weg zur Berühmtheit, gemeinsam mit 4 ihrer Freundinnen, zwei aus LA, eine aus Indien und eine aus China. Denn ihr Team spielt gemeinsam in Overworld, einem Adventuregame.

Als dann die Droge Bluescreen, aufgeladen auf einen Stick, erscheint, die einen kurz in ungeahnte Höhen schickt und dann für 10 Minuten ausknockt, ist Marisa skeptisch. Vor allem als ihre Freundin Anja diese nimmt und nicht 10 Minuten bewusstlos ist, sondern anfängt, ferngesteuert herumzulaufen und ihren Vater anzugreifen. Marisa und ihre Freunde beginnen nachzuforschen und entdecken eine weit größere Verschwörung als „nur“ eine neue Droge.

Ich so froh – ich hab einen Jugendthriller gelesen, fast schon einen Dystopie und es gab überhaupt keine Dreiecksbeziehung. Ja, ja, ich weiß, ich bin da pingelig, aber ist doch wahr, dass die meisten dieser Bücher immer eine Dreiecksbeziehung haben – warum auch immer. Mich nervt das. Und ich bin Mr. Wells unheimlich dankbar, dass er sich das gespart hat. Merci!

So gut wie keines der Mädels geht zur Schule – wer den Stoff nicht lernt, hackt eben die Prüfungsergebnisse. Die drei Mädels aus LA – Marisa, Sahara und Anja – sind nämlich mit Djinni und Co. aufgewachsen und nicht nur ziemlich pfiffig, sondern pfeifen auch auf irgendwelche Regeln… oder Firewalls. Zwar schon immer mit einer gesunden Portion Zurückhaltung, aber gehackt wird trotzdem. Auch hier lobend zu erwähnen, dass wir von Hackerinnen sprechen. Very nice. Nichtsdestotrotz sind die Mädels halt doch immer noch Mädels und sorgen sich hin und wieder auch um Kleidung und Jungs.

Die Nachforschungen, die Marisa und Co. anstellen, bleiben natürlich nicht unbemerkt und die Mädchen bringen sich selbst in Gefahr. Und auch wenn der Autor hier Gangs und Kanonen aus dem Portfolio holt, ist das Ganze doch einen Gang zurückgeschaltet. Damit meine ich, dass der Autor hier wesentlich mehr hätte auffahren können, doch dann hätten die Mädchen vermutlich aufgeben müssen. Das nimmt der Geschichte aber nicht die Spannung, sondern ergänzt sich und bietet trotzdem viele Wendungen und Überraschungen.  Für mich war das ein gelungener Zeitvertreib am Sonntagnachmittag!

Fazit:
Spannung und Action im LA der 50er Jahre, der 2050er: Mit taffen, jungen Hackerinnen, die einer neuen Droge den Garaus machen wollen und dabei in ein Wespennest stoßen. Sehr positiv zu erwähnen: es gibt keine Dreiecksbeziehung. 😉


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A bis Z: Orphan X – Gregg Hurwitz


Gregg Hurwitz – Orphan X
Verlag: HarperCollins
Übersetzer: Mirga Nekvedavicius
464 Seiten
ISBN: 978-3959671026

 

 

 

 

Orphan X wurde als Waisenkind von der Regierung heimlich als Auftragsmörder ausgebildet. Sein Ausbilder Jack fügt den zu lernenden Regeln aber einige hinzu und so kommt es das Orphan X sich eines Tages von der Regierung abwendet und private Aufträge annimmt. Er hilft Menschen, die in Situationen geraten, aus denen sie sich nicht mehr selbst befreien können. Sein mittlerweile wichtigstes Gebot hierbei ist das Zehnte: Lasse niemals einen Unschuldigen sterben.

Orphan X nennt sich nun Evan Smoak, lebt abgeschottet und einzig auf Sicherheit bedacht in einem Apartmenthaus und sein nächster Auftrag kommt von einem Mädchen, dass von einem korrupten Cop bedrängt wird. Überraschenderweise ist dieser Auftrag, der auf dem Klappentext erwähnt wird, ziemlich schnell abgehandelt und man fragt sich kurz: was nun? Doch schon kurz darauf erhält er einen Anruf, einen nächsten Auftrag. Viel zu früh in Evans ausgeklügeltem System und Evan ist zu Recht misstrauisch.

Leider gibt es dann einen Abschnitt, der ein wenig zäh ist. Evan taucht in seine Vergangenheit ab und in Rückblenden erlebt man Teile seiner Ausbildung, während im Hier und Jetzt Zweifel durch seine Gedanken streunen. Doch zum Glück kommt er nicht lange dazu, denn die Ereignisse überschlagen sich und er muss alles tun, um seine Auftraggeberin Kathrin zu schützen. Durch sein auf Sicherheit bedachtes System gelingt es ihm immer wieder Pausen für sich und Kathrin herauszuschlagen, doch die Gegenseite ist nicht nur genauso gewitzt, sondern fast schon einen Ticken besser und es wird schwieriger und schwieriger. Und vor allem wird es immer schwieriger für Evan herauszufinden, wem er trauen kann.

Ich wollte mal wieder einen Thriller lesen und ja, ich fand ihn gut. Richtig passend. Es gab eben mal kurz diese Länge als der erste Auftrag erledigt ist, doch auch die Rückblenden haben ihren Sinn, wenn sich dieser natürlich auch erst später ergibt. Das Orphan Programm bietet neben X noch viele weitere Buchstaben und so ist auch klar, dass das Buch der erste Teil einer Reihe ist, auch wenn man nach und nach merkt, welche Schnüre im Hintergrund gezogen werden.

Natürlich ist Evan aka Orphan X bestens in allem ausgebildet, einzig mit alltäglichen Dingen hat er seine Schwierigkeiten, sei es die Eigentümerversammlung im Apartmenthaus oder Small Talk im Aufzug. Auch der kleine Nachbarsjunge mit seiner hektischen, alleinerziehenden Mutter bringt ihn immer wieder in – für ihn – ungewöhnliche Situationen. Hier beschert das Buch sogar einige Situationen, die zum Schmunzeln anregen. Natürlich ist der „Orphan“ ein kleiner Kampfroboter und es gibt sehr viel Action in diesem Buch, plus Verletzungen, die ihn aber natürlich nur unwesentlich beeinträchtigen. Nichtsdestotrotz hat er sehr viele Zweifel und da er sich von seinem ehemaligen Arbeitgeber losgesagt hat, steht er allein da. Keiner kann ihm Rat bieten und selbst wenn, würde Evan ihm wohl nicht vertrauen. Ob wohl einer kleiner Junge es schafft, diesen Wall zu durchdringen?

Fazit:
So wie man einen Thriller mag: Viel Action und Spannung, geheime Verwicklungen im Hintergrund, ein paar Kleinigkeiten zum Schmunnzeln und einen Helden, den so schnell nichts umhaut. So soll es sein!