Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Shorty | Vaterersatz: Spenser und das Finale im Herbst – Robert B. Parker


Robert B. Parker – Spenser und das Finale im Herbst
Verlag: Pendragon
Übersetzer: Malte Krutzsch
188 Seiten
ISBN: 978-3865324863

 

Worum geht es?
Patty Giacomin heuert Spenser an, um ihren Sohn Paul von ihrem Mann Mel zurückzuholen. Die Giacomins haben sich scheiden lassen, Patty hat das Sorgerecht, doch Mel hat Paul mitgenommen. Recht schnell findet Spenser Paul, bringt ihn zurück, doch sieht, dass weder Patty noch Mel sich auch nur irgendwie für Paul interessieren, es geht einzig darum, dem anderen eins auszuwischen. Spenser kann das nicht mit ansehen und nimmt Paul bei sich auf.

Einer wie der andere?
Irgendwie ja und irgendwie auch nicht. Spenser hat zwar sehr viel, was andere Privatdetektive auch haben, aber eigen ist er irgendwie schon. Moralisch handelt er richtig, doch natürlich ist er damit nach Gesetz und Recht ein Entführer. Ach ja, und in Erpressung übt er sich auch noch.
Aber Hawk und Susan sind wieder mit dabei. Also irgendwie doch ein typischer Spenser Krimi.

Opfer, Tat und Täter
Paul ist das Opfer, definitiv. Nicht von Spenser, sondern von seinen Eltern. Der Junge ist so phlegmatisch, der würde sogar mich zur Weißglut treiben, doch bei den Eltern kein Wunder. Hauptsache sie können sich am anderen rächen, Paul ist ihnen egal.

Themen
Spenser erzieht einen Jungen. Nimmt ihn mit raus an den See, in eine Hütte. Treibt ihn zum Sport an, gibt ihm was zu essen, baut mit ihm ein Haus. Und geht mit ihm ins Ballett. Zugegeben, diese Initiative kommt nicht von Spenser, doch er hört dem Jungen zu. Und der will eben ins Ballett. Er gibt ihm Struktur, Halt, ein Vorbild. Hach, dieser Spenser.

Was war gut?
Man mag jetzt denken, dieser Spenser ist eher langweilig, Erziehungsprogramm und so. Aber nein, natürlich weiß Spenser auch so, wie er zu seinem Vergnügen kommt. Harte Kerle verprügeln, harte Kerle bedrohen, schnüffeln und sich absichern. Privatdetektiv par excellence plus diesmal eben Vaterfigur.

Was war schlecht?
Nichts zu finden – wie immer ein klasse Spenser Krimi.

FAZIT:
Spenser kann eben nicht nur Privatdetektiv, sondern auch Vorbild und Vaterfigur. Aber keine Sorge, mächtig Action gibt es auch. Wie immer: pures Lesevergnügen!


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12 Schritte: Trüb – Sarah Schulman


Sarah Schulman – Trüb
Verlag: Argument
Übersetzerin: Else Laudan
269 Seiten
ISBN: 978-3867542418

 

 

 

 

Maggie Terry ist Alkoholikerin und drogensüchtig. Maggie Terry ist jetzt über 18 Monate trocken. Ihren Job bei der Polizei hat sie natürlich verloren, gleiches gilt für ihre Lebenspartnerin Frances und ihre Tochter Alina. Wegen Frances hat sie überhaupt die Reha gemacht, gezwungen hat Frances sie und ist dann mit Alina zu einer Neuen gezogen. Das wurmt Maggie, sie vermisst Alina sehr. Doch ein Schritt nach dem anderen, denn immerhin hat sie Mike Fitzgerald. Und Rachel. Und Jamie Wagner. Mike gibt ihr nach der Reha einen Job, Rachel ist ihre Mentorin. Jamie Wagner ist ihr erster Fall als Privatermittlerin in Fitzgeralds Anwaltskanzlei.

„Jetzt konnte sie das erkennen. Sie war nur einfach unfähig, die Chance zur Veränderung zu ergreifen, unfähig, im Unrecht zu sein. Unfähig, nicht zu explodieren, nicht mit Vorwürfen zu antworten, sich nicht als Opfer von Missbrauch zu gerieren, weil ihre Liebste verlangte, dass sie zuverlässig war. Dass sie fair war. Sie hatte immer alles mit Feuer beantwortet. Und jetzt hatte sie Asche.“ (S. 107)

Puh, Maggie bei ihrem Neuanfang zu folgen, ist nicht ganz einfach. Der Fall um die erdrosselte Schauspielerin Jamie Wagner, ist nicht nur zuerst, sondern auch über weite Strecken eher eine Nebengeschichte. Klar, Maggies Gedanken drehen sich um Alkohol, um Drogen, um ihre Liebsten, die sie verloren hat, denen sie aber auch die Schuld gibt, oder zumindest eine Mitschuld, bitteschön! Sie kann sich kaum auf Kleinigkeiten konzentrieren, treibt von AA-Treffen ins Büro und wieder in ihr kleines Apartment. Es ist authentisch, ja, aber auch hin und wieder anstrengend. Gerade anfangs dachte ich, geht es denn mit dem Fall nie los? Maggie badet in einem Moment im Selbstmitleid, derweil sie im nächsten Einsicht zeigt. Alles garniert mit ihrem analytischen Blick. Denn auch wenn sie früher besoffen und zugedröhnt war, eine gute Polizistin war sie schon.

Die Ermittlungen zu Jamie Wagner übernimmt Maggie nicht alleine, sondern zusammen mit Craig, auch ein Privatermittler der Kanzlei und ein IT-Freak. Das muss sich nicht nur einrütteln, sondern Craig hat massive Vorurteile über Maggie. Da ist er nicht alleine, denn die Kollegen im Büro sind entweder offen ablehnend und misstrauisch oder herzlich und euphorisch. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf die beiden Männer in Jamies Leben: ihren Exfreund, einen berühmten Schriftsteller, und ihren Vater, bei dem schon bald klar ist, dass seine Beziehung zu Jamie ein Missbrauchsverhältnis war. Aber auch eine windige Therapeutin steht auf dem Plan. Wie es der Zufall so will, unternimmt Maggie einige Befragungen alleine und stößt dabei nicht nur auf Jamies Dämonen, sondern auch auf ihre eigenen, so dass sich die beiden Leben ineinander flechten, ohne sich jemals berührt zu haben. Ähnlichkeiten tun sich auf, auch wenn beide Frauen unterschiedlicher nicht sein könnten. Worte, Wendungen, Personen erinnern Maggie immer wieder an ihr Leben und sie driftet ab in Erinnerungen, Erinnerungen, die ihr sauer aufstoßen, bei denen sie vor allem Frances alle Schuld zuweist und doch weiß, dass das nicht die Lösung ist. Sie pendelt von sich zu Jamie und wieder zurück, immer auf der Suche nach der Lösung. Der Lösung des Falles, aber auch der Lösung für ihr Leben.

Ah, und nicht zu vergessen: New York. Maggie war lange weg und so bekommt sie die Veränderungen, die New York durchmacht, direkt um die Ohren gehauen. Alte, eingesessene Geschäfte, die nun leer und abweisend sind oder jetzt ein weiteres In-Restaurant oder die nächste Filiale einer Kette beinhalten, die vielen Yuppies und Reichen, die New York plötzlich bevölkern, wobei sie das gar nicht tun und die Straßen fast schon verwaist scheinen. Die New Yorker fehlen, verschwinden, diejenigen, die New York diesen tollen Ruf eingebracht haben. Gentrifizierung und Trump/Kushner, das ist mit New York geschehen und Maggie Terry erkennt ihre Stadt nicht mehr. Das Deli, welches Maggies im morgendlichen Ritual besucht, muss schließen, von einem Tag auf den anderen, dafür gibt es jetzt gegenüber Soja-Latte und kalt-gepresste Säfte für 10 Dollar. New York ist kein Ziel mehr, für die, welche die Offenheit, Wandelbarkeit, Unverwechselbarkeit von New York suchen, es ist nur noch ein Ziel für Reiche und welche, die noch reicher werden wollen. Etwas, dass mal außergewöhnlich war, was nun auf Einheit und Gleichheit getrimmt wird. Die Autorin übt Kritik, an ihrem veränderten New York, an dem neuen American Way of Life, an Donald Trump – und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Schonungslos grast sie die Zeitungen ab, konfrontiert mit immer irreren, aber leider wahren Nachrichten, zeigt das zerstückelte New York, und untermalt damit die Geschichten der beiden verlorenen Schicksale, das von Maggie Terry und Jamie Wagner. Doch nur eine hat noch die Chance das Schicksal zu wenden.

Und mag das jetzt alles doch ein wenig trostlos klingen, ist der Krimi doch ein so wundervoll komplex verwobenes Gebilde, welchem man ohne jegliche Verwirrungen folgen kann, welches man aufsaugt und in welches man sich sinken lässt. Ja, ein wenig trostlos, ja, ein wenig trüb, auch ein wenig schwer, aber so genial noir, dass man das Buch mit einem zutiefst zufriedenen Gefühl zuklappt. Nicht nur weil er superb geschrieben ist und mit Maggie Terry eine so widersprüchliche wie realistische Alkoholiker charakterisiert, sondern auch, weil Maggie am Ende, wenn auch nicht am Ziel ihres Weges, zumindest einen Schritt weiter ist. Nicht 6, nicht 8, schon gar keine 12 Schritte, aber einen. Einen wichtigen Schritt weiter.

Fazit:
So genial wie noir – wo war Sarah Schulman all die Jahre? Mit ihrem neuen Krimi legt die Autorin eine wahre Glanzleistung vor, die trotz all der Düsternis ganz wunderbar unterhält. So wie ein Noir eben sein soll. Ich bin begeistert!

 

Noch ein Appell zum Schluss:
Liebe Else, bitte grabe die 7 vor vielen Jahren bei Ariadne erschienen Krimis von Sarah Schulman wieder aus. Denn diese Autorin ist genial und ich möchte und will gerne alle ihren Krimis lesen, die nun aber leider nur noch schwer antiquarisch zu bekommen sind. Wie stehen die Chancen dafür?


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Jugendhilfe: Der frühe Tod – Zoë Beck


Zoë Beck – Der frühe Tod
Verlag: Bastei Lübbe
301 Seiten
ISBN: 978-3404163090
Buch nur noch antiquarisch erhältlich

 

 

 

 

Schon sehr lange lag dieser Thriller in meinem Bücherregal. Während ich mittlerweile alle neu herauskommenden Krimis/Thriller der Autorin verschlinge, fehlen mir noch ein paar ihrer älteren Titel. Dies möchte ich aber nachholen und den Anfang macht nun dieser Thriller.

Caitlin Anderson ist erst vor Kurzem nach Schottland gezogen. Nach einer nicht einfachen Scheidung hat sie hier einen neuen Job angenommen und ist für die PR der Stiftung „We Help“ zuständig, die mit ihren Projekten Jugendlichen hilft. Als sie eines Morgens ihre Joggingrunde am Loch Katrine absolviert findet sie eine Leiche, genauer gesagt, die Leiche ihres Exmannes. Und natürlich ist sie für die Polizei Verdächtige Nummer eins.
Derweil beschäftigt sich der Journalist Ben Edwards mit einer anonymen Nachricht, welche die Redaktion erhalten hat. Jemand behauptet, dass die „We Help“ Stiftung in die Tode von drei Jugendlichen in Edinburgh verwickelt ist. Bens Interesse ist geweckt und er beginnt zu recherchieren.

Obwohl meines Erachtens Caitlin die Protagonistin ist, möchte ich doch mit Ben beginnen. Seine Perspektive mochte ich sehr – als Journalist mischt er sich überall ein, stellt Fragen, setzt seinen Job über seine Beziehung. Noch ist er nur Gerichtsreporter aber er strebt nach mehr. Dabei ist er nicht unverschämt, aber eine Story möchte er schon. Als Arbeiterjunge, quasi der erste und bisher Einzige in seiner Familie, der studiert hat, bekommt er leicht Kontakt zu den Jugendlichen in Edinburgh und zieht dann mit einem „jugendlichen Helfer“ durch die Straßen, besucht die Familien der Toten, um mehr zu erfahren und lässt sich alle Gerüchte und Vermutungen erzählen.

Caitlin ist eher zaghaft, verschreckt, was aber nicht verwunderlich ist, wenn man mitbekommt, wie ihr Mann sie behandelt hat. Für mich war sie eher eine graue Maus, auch wenn sie nicht unattraktiv beschrieben wird. Ihr Exmann hatte Geheimnisse vor ihr, während der Ehe und nun sowieso, nichtsdestotrotz nutzt er sie als Rückversicherung und zieht sie damit in die verheerenden Ereignisse dieses Thrillers. Caitlin möchte sich am liebsten verstecken und in Ruhe gelassen werden, doch da das nicht gelingt, rafft sie sich auf und versucht sich dem Gegner zu stellen. Mehr schlecht als recht, aber immerhin.

Die Ereignisse werden aus Sicht der beiden, Caitlin und Ben, beschrieben. Eine weitere Perspektive steuert ein Unbekannter bei. Sehr gelungen fand ich, dass für die Perspektiven unterschiedliche Schriftarten verwendet wurden. Das macht sie nicht nur gut unterscheidbar, sondern grenzt sich nochmal voneinander ab, so dass man rätseln muss, wie alle Ereignisse miteinander zusammen hängen.

Man kann schon sehr schnell erkennen, dass Ben und Caitlin lose durch die Stiftung verbunden sind, doch während Ben ermittelt und aufdeckt, sich erst mal an ein, zwei  falschen Lösungen verhakt und es irgendwann endlich „Klick“ macht und er herausfindet, was hinter der Stiftung steckt, irrt Caitlin relativ ratlos durch die Gegend und lange ist nicht klar, was genau sie mit der Sache zu tun hat. Für mich als Leser war es leider sehr leicht herauszufinden, was hinter der Stiftung steckt, doch immerhin war nicht klar, wer genau hinter dem Geheimnis steckt, so dass die Übeltäter bis zum Schluss nicht genau definierbar waren. Somit war am kniffligsten herauszufinden, wie Caitlin mit drin steckt und wer letztendlich hinter dem Geheimnis der Stiftung steckt.

Fazit:
Ein gelungener Thriller, bei dem mir vor allem die verschiedenen Perspektiven zugesagt haben, wobei mir die jüngeren Thriller der Autorin noch besser gefallen.

 


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Geheimnisse: Die Putzhilfe – Regina Nössler


Regina Nössler – Die Putzhilfe
Verlag: Konkursbuch
401 Seiten
ISBN: 978-3887695958

 

 

 

 

Vielleicht ist es unhöflich, eine Rezension mit einem Vergleich zu beginnen, aber da ich damit meine Begeisterung zum Ausdruck bringen möchte, ist es wohl verzeihlich. Denn endlich habe ich eine Autorin gefunden, die mit Anne Goldmann vergleichbar ist. Eine Autorin, die es unheimlich gut versteht, unterschwellig Spannung aufzubauen, Dinge ungesagt zu lassen und dabei den Leser hinter das Licht zu führen, und dabei ganz still und leise einen Sog in die Geschichte einzubauen, der einen so hintergründig fies packt, dass man es erst am Ende merkt, wenn man das Buch verschlungen hat, so dass man mit Begeisterung das Buch zuklappen kann. Ja, das erinnert an Anne Goldmann, eine meiner Lieblingsautorinnen, aber die Rede soll jetzt von Regina Nössler und ihrem Krimi „Die Putzhilfe“ sein, der mich kurz gesagt, sehr begeistert hat.

Auch wenn nun schon kurz angerissen, warum die Autorin mich überzeugen konnte, hier doch noch ein wenig mehr Ausführung. In dem Krimi geht es um drei sehr unterschiedliche Frauen. Da ist zum einen Franziska Oswald, erfolgreiche Soziologin mit Doktortitel, Reihenhaus und Freund, die sich eines Nachmittags in einen Zug setzt, mit Gepäck, ohne Handy und in Berlin landet. Sie schlupft dort unter, hat jeglichen Kontakt zu ihrem vorigen Umfeld abgebrochen und haust dort in einer schmierigen Parterrewohnung und nennt sich ab sofort Marie Weber. Noch hat sie genügend Geld, doch irgendwann wird dies ausgehen, so dass sie widerwillig das zufällige Angebot von Henny Mangold annimmt, bei dieser zu putzen. Henny Mangold ist eine ältere Dame, die zwar noch im Beruf steht, ihren Mann aber vor einem Jahr verloren hat. Geschwätzig, aber sofort vertraut mit Marie, ihrer Marie. Aber auch Henny Mangold hütet ein Geheimnis, trotz ihrer Geschwätzigkeit. Und obwohl Marie/Franziska Kontakte meidet, tritt noch eine Frau, eher ein Mädchen in ihre Welt. Sina, oder auch „Fastsechzehn“ von Marie genannt, eine gelangweilte, gewalttätige Göre, die Marie als Opfer auserkoren hat.

Noch nie bin ich von einer Autorin so hinters Licht geführt worden. Die Autorin spielt so gekonnt mit den Dingen, die man als Leser vermutet, voraussetzt, und in die – von der Autorin natürlich absichtlich – eingebauten Leerstellen, einfügt. Es ist nicht so, dass die Autorin etwas verschweigt, nein, alles liest sich schlüssig und flüssig, und doch gelang es ihr, mich an der Nase herumzuführen. Vermutungen anzustellen, die ich schon bald als Feststellungen interpretierte, nur um sie mir dann von der Autorin, um die Ohren hauen zu lassen. Aber genug mit den schlechten Vergleichen und her mit einem kleinen Beispiel:  Es gibt da den Bobby. Als das erste Mal von Bobby die Rede war, war er für mich ein Hund. Doch danach bin ich ins Schwanken gekommen. Denn es stand nie da, dass Bobby ein Hund war. Und tatsächlich bin ich dann seitenlang der Meinung, dass Bobby ein geistig beeinträchtigter junger Mann ist, bevor…. Mehr verrat ich mal nicht. Aber beides ist in der ersten Hälfte des Buches möglich und schlüssig. Und das war nur ein kleines Beispiel. Die anderen verrate ich natürlich nicht.

Doch ob das Buch tatsächlich ein Thriller ist, mag mal dahin gestellt sein, kommt vermutlich auf die Definition an. In der Geschichte passiert nicht ständig etwas Dramatisches oder Actionreiches, es ist auch kein Buch welches ich als Pageturner klassifizieren würde und doch konnte ich es kaum weglegen. Es ist immer eine gewisse Grundspannung vorhanden. Schon allein dadurch, dass man als Leser weiß, dass Franziska/Marie sich versteckt und sich immer vor Aufdeckung fürchtet bleibt dies als hintergründige Schwingung durch die komplette Geschichte bestehen. Und das Ende? Ja, das hat mich kalt erwischt und da zeigt das Buch dann auch, warum es vielleicht doch ein Thriller ist. In dieser Geschichte ist kaum etwas wie es scheint, keine der Frauen ist ehrlich, sie müssen lügen, wollen lügen, schämen sich, verdrängen. Und doch ist jede anders, die drei Frauen mit ihren Geheimnissen. Und doch kommt am Ende alles heraus. Oder?

Fazit:
Subtil und unterschwellig, aber soghaft entwickelt sich diese Geschichte um drei Frauen und ihre Geheimnisse zu einem kriminellen Highlight. Sehr genial!


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Shorty | Vorurteile: Maigret bei den Flamen – Georges Simenon


Georges Simenon – Maigret bei den Flamen
Verlag: Atlantik Verlag
Übersetzer: Hansjürgen Wille, Barbara Klau, Bärbel Brands
192 Seiten
ISBN: 978-3455007114

 

 

 

 

Worum geht es?
Maigret wurde gebeten, nach Givet, an die belgische Grenze zu reisen, um der Familie Peeters zu helfen, die unter Mordverdacht steht. Die junge Germaine Piedbœuf ist verschwunden, die Vermutung liegt nahe, dass sie tot ist. Germaine hatte ein Kind von Joseph Peeters, doch eigentlich sollte Joseph die junge Marguerite, seine Cousine, heiraten. Da die Peeters Flamen sind, schlägt ihnen im Dorf tiefes Misstrauen entgegen und die Mordanschuldigung ist schnell gemacht.

Einer wie der andere?
Maigret hat in dem Dorf keinerlei Befugnisse, ist also als Privatmann in Givet. Trotzdem lauscht der dort ermittelnde Inspektor jedem Wort Maigrets, fragt ihn um Rat und ist keineswegs düpiert, dass Maigret sich in die Ermittlungen einmischt. Das tut er aber auch nur leidlich. Er hört zu, er wandert umher, überhaupt stellt er wenig Fragen und ist ein wenig unglücklich in dem kleinen Ort.

Opfer, Tat und Täter
Germaine Piedbœuf ist natürlich das Opfer, irgendwie wohl auch die Familie Peeters, die als Flamen zu niemandem gehören zu scheinen, gemieden von den Franzosen und Belgiern gleichsam. Die Tat geschickt, der Täter unerwartet.

Themen
Ach, so ein richtiges Thema gibt es nicht. Einzig vielleicht die flämische reiche Kaufmannsfamilie Peeters, die ausgegrenzt und misstrauisch beäugt an der Grenze zu Belgien ihre Zelte (nur im übertragenen Sinne) aufgeschlagen hat. Und vielleicht noch die Macht der Familie, oder vielleicht sollte man es eher den Druck der Familie nennen, dem man sich nur schwer oder gar nicht entziehen kann.

Was war gut?
Ich mag Maigrets ruhige Art. Ich hab noch nicht sonderliche viele Maigrets gelesen, doch alle die ich kenne, haben mir ausnehmend gut gefallen. Er ist so ruhig, lässt andere reden, streift durch die Gegend, macht sich Gedanken, fragt sich nichts, lässt alles auf sich zukommen. Und trifft dann am Ende genau ins Schwarze. Es sind unaufgeregte Krimis, fokussiert auf Charaktere, Landschaften, Begebenheiten, keine Action und keine großen Überraschungen, aber immer genüsslich zu lesen.

Was war schlecht?
Diesmal fand ich Maigret ein wenig reizbar. Das schlechte Wetter macht ihm zu schaffen, aber auch dieses Dorf, die Menschen, die Erwartungen in ihn setzen, ihm Worte in den Mund legen. Trotzdem kann er nicht umhin, den Fall am Ende zu lösen, den Täter zu entlarven. Er führt ihn nicht der Gerechtigkeit zu, doch ein Ausblick Jahre später zeigt, dass Glück nun mal nicht erzwungen werden kann und böse Taten aus guten Gründen nicht automatisch gut enden.

FAZIT:
Ein Maigret ist ein Maigret. Unaufgeregt, ruhig, aber mit hervorragender Charakterzeichnung und einem unnachahmlichen Protagonisten immer ein Lesevergnügen.


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Bitterböse: Die Alte – Hannelore Cayre


Hannelore Cayre – Die Alte
Verlag: Argument
Übersetzerin: Iris Konopik
203 Seiten
ISBN: 978-3867542401

 

 

 

 

Gerade wollte ich schreiben, dass wohl viele Menschen wie Madame Portefeux sind, doch das muss ich revidieren, denn ihre Vergangenheit, ihre Familie ist doch zu außergewöhnlich dazu. Nichtsdestotrotz kann wohl jeder ihren Wunsch nachvollziehen: mehr im Leben. Mehr von allem:  finanzielle Sicherheit, Geld um ihre Töchter zu unterstützen, die Rechnungen des Pflegeheims ihrer kranken Mutter zu zahlen, aber auch Aufregung, Nervenkitzel und ein wenig Abenteuer im Leben. So ist es wohl kein Wunder, dass die pragmatische Madame zugreift, wenn sich die Chance ergibt.

„Was sollte aus mir werden, die ich weder Rente noch Sozialversicherung hatte? Ich besaß nichts außer meinen nachlassenden Kräften. Nicht ein einziger Cent auf der Seite, meine mageren Ersparnisse verdunstet im Todeskampf meiner Mutter im Haus Windspiel.“ (S. 68)

Patience Portefeux ist im mittleren Alter. Die Töchter ausgezogen, der Vater und der Mann tot, die Mutter im Pflegeheim. Halblegal arbeitet sie für die Polizei als Übersetzerin für Arabisch und kann sich grad so über Wasser halten; Geld zurücklegen oder gar ansparen ist kaum drin. Eines Tages, gelangweilt vom ewigen Alltagsallerlei, dem lausigen Arabisch der Jungs aus der Banlieue und vielleicht ein wenig aus Aufsässigkeit, verrät sie einem Dealer, dass ein Zugriff stattfinden soll. Der Dealer kann das Zeug noch verstecken, bevor er geschnappt wird, stirbt bald und Madame Portefeux macht sich auf die Suche nach den Drogen. Nicht auf den Kopf gefallen, ist sie schon bald im Besitz von 1,2 Tonnen Cannabis, in Topqualität zu 5000 Euro je Kilo, verstaut in luftdichten Containern und gestapelt in ihrem Kellerraum.

Mit trockenem Humor, Pragmatismus und einer bitterbösen Note steigt Madame Portefeux also in das Drogengeschäft ein. Wäre es nicht so trocken und ernsthaft serviert, könnte der Krimi ins klamaukige abrutschen, doch der Französin gelingt der Balanceakt und so schreibt sie mit bösartigem Humor von einer ganz normalen Frau, die ihre Chance zu nutzen weiß. Gut, so ganz normal ist Madame Portefeux nicht aufgewachsen, schon ihre Eltern waren Betrüger, die das Geld im Alltag aber zusammen gehalten haben, während sie in den Ferien die Grandhotels abklapperten und in Saus und Braus lebten. Dafür führt Madame nun aber ein eher langweiliges Leben, wenn man mal davon absieht, dass sie als Kind Audrey Hepburn in einem der Hotels getroffen hat.

Nun ist sie also „Die Alte“, verhandelt vermummt mit Kopftuch und Sonnenbrille mit den kleinen Drogendealern, trägt Koffer durch die Stadt und tauscht sie gegen Kohle auch mal auf dem Gefängnisparkplatz. Was komisch anmutet, bietet ihr Sicherheit, denn nicht nur einmal versuchen die Drogendealer sie übers Ohr zu hauen. Doch Madame Portefeux ist hier eiskalt, sie lässt sich nicht verarschen und macht ganz klare Ansagen. Schließlich muss sie vorsichtig sein. Auch wenn sie die Abhörprotokolle am nächsten Tag fälschen kann, immerhin ist ihr Freund auch Polizist und bei der Drogenfahndung. Sie nutzt ihre Insiderinformationen unerbittlich, um sich ihr Stück vom Kuchen zu sichern, endlich. Und so macht es ungeheuren Spaß Madame Portefeux dabei zuzusehen, wie sie aus ihrem brav-bürgerlichen Leben ausbricht, ihre  kriminellen Aktivitäten plant und ihre dabei hart verdienten Geldscheine hortet. Vorsicht, hier kommt die Alte!

Fazit:
Eine bitterböse, französische Krimikomödie, über eine normale Frau, die ihre Chance ergreift. Die Alte ist ein ungeheures Lesevergnügen und nur zu empfehlen!


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Andere Einblicke: Unter Fremden – Jutta Profijt


Jutta Profijt – Unter Fremden
Verlag: dtv
336 Seiten
ISBN: 978-3423261654
(Link führt zur Taschenbuchausgabe, derweil meiner Besprechung die broschierte Ausgabe zu Grunde liegt)

 

 

 

Madiha lebt nahe einem Dorf im Flüchtlingsheim, mit Hunderten unter einem Dach, mit 8 Frauen in einem Zimmer. Von ihrem Vater allein auf die Flucht geschickt und mit Gehbehinderung war die junge Frau froh, dass Harun ihr auf ihrem Weg begegnet ist und ihr geholfen und sie beschützt hat. Nun, angekommen in Deutschland, ist er plötzlich verschwunden und Madiha fühlt sich verpflichtet dem einzigen freundlichen Menschen zu helfen und macht sich auf die Suche nach ihm. Das ist allerdings nicht jedem recht.

Madiha ist eine zurückhaltende junge Frau, die ungern redet, eher schweigt. Mit ihrer Gehbehinderung, die ihr ein Unfall beschert hat, ist sie zudem eingeschränkt und hat öfters Schmerzen, doch läuft beharrlich, um in Bewegung zu bleiben. Zu den anderen Flüchtlingen hat sie kaum Kontakt. Sie kommt aus einer als rückständig geltenden Gegend Syriens und verbrachte ihre Tage bisher lieber schweigend bei der Feldarbeit oder beim Essen kochen als nun im Flüchtlingsheim zu übersetzen. Ein Zufall wollte es, dass sie in ihrer Kindheit deutsch zu sprechen gelernt hat, lesen und schreiben kann sie aber nicht. Sie ist eine ruhige Frau, die von der Verpflichtung, die sie sich auferlegt hat, gezwungen wird, offener zu sein, Fragen zu stellen, nachzudenken.

Die deutsche Kultur ist nicht unbedingt ein Schock für Madiha, aber doch oft unverständlich. Ganz deutlich kommt das bei der – für sie – recht geschmacksneutralen deutschen Küche im Gegensatz zur syrischen Küche heraus, die mit vielen Gewürzen, Kräutern und Hammelfett arbeitet. Das Wetter macht ihr zu schaffen, die dunkle Herbstzeit, welche aber auch ich immer mal wieder bedrückend finde. Madihas Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat oder die Polizei ist auch kaum vorhanden, kein Wunder mit den Erfahrungen, die sie in ihrem Land gesammelt hat, einem Land, dass vermutlich schon vor dem Krieg härtere Gesetze, höhere Strafen und mehr Korruption bot, aber besonders während des Krieges wohl kaum mehr Regeln hatte und jeder einfach um sein Leben fürchten musste.

Besonders beeindruckend fand ich auch die Wandlung, die Madiha im Laufe der Handlung durchmacht. Es sind immer nur kleine Schritte, unterlegt mit vielen Zweifeln, aber doch oft mit dem Ergebnis, dass sie da jetzt eben durch muss, mutig sein muss, sich etwas zutrauen muss. Sie wird jetzt kein anderer Mensch, sie wird keine Deutsche oder legt ihren Hidjab ab, aber sie wird mutiger, beginnt Dinge zu hinterfragen und löst Konflikte auf ihrem eigenen Weg. Wenn es die Höflichkeit, die sie anerzogen bekam, nicht erlaubt zu widersprechen, dann schweigt sie eben und geht. So einfach kann das manchmal sein, und doch so schwer. Ein wenig ist ihre Wandlung wohl auch der Handlung geschuldet, denn im Flüchtlingsheim kann sie ihre Suche nach Harun nicht mit Erfolg abschließen – da muss sie schon raus in die weite (deutsche) Welt.

Auch wenn die Autorin die Erlebnisse Madihas natürlich nicht mit eigenen Erfahrungen einer Flucht und dem Status einer Asylbewerberin unterfüttern kann, kann man erkennen, auch ohne anhängende Erklärung oder Literaturverzeichnis, dass hier eine fundierte Recherche statt gefunden hat und viel Empathie einfließt. Ausschlaggebend und exzellent gewählt ist hier auch der Titel “Unter Fremden”. Madiha ist ohne Familie nach Deutschland geflüchtet, lebt mit Hunderten anderen Flüchtlingen aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Regionen unter einem Dach, und ist doch allein, fühlt sich keinem zugehörig. Doch auch außerhalb des Flüchtlingsheims ist sie eine Fremde, ihre Kleidung grenzt sie ganz deutlich ab, einerseits Versteck, auf der anderen Seite wie eine Leuchtreklame.

Eigentlich ein leiser Kriminalroman, wenn auch das hintergründige Thema sehr ernst und gefährlich ist. Aber der Fokus liegt auf Madiha, ihrer Situation und wie sie damit umgeht. Trotzdem passiert einiges, von Molotowcocktail über Hausbrand bis hin zu Entführung und Mord. Der Autorin gelingt hier ein sehr ausgeglichener Mix, ich fühlte mich nie gelangweilt, weil nun Madiha viel über ihre Kultur nachdenkt oder ähnliches, sondern ich konnte mich gut in sie hineinversetzen. Zudem war es glaubhaft, wie zaghaft und mit Zurückhaltung sie auf die Suche nach Harun geht und nicht gleich mit der Tür ins Haus fällt. Und, man mag es kaum glauben, auch wenn man vielleicht gleich eine Vermutung im Kopf hat, was mit Harun passiert ist – das Buch endet dann doch anders als man denkt.

Fazit:
Ein eindringlicher Krimi, der zwar alle Zutaten hat, die dieser eben so braucht, aber auch zusätzlich Einblick gibt in eine Frau, die nach schrecklichen Erlebnissen, in einer anderen Kultur, einem anderen Land, in der Fremde ankommt und versucht sich zurecht zu finden. Eine sehr gelungene Kombination.