Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Die andere Seite von Portugal: Die Mauern von Porto – Mario Lima


Mario Lima – Die Mauern von Porto
Verlag: Heyne
364 Seiten
ISBN: 978-3453441132

 

 

 

 

„Ich verstehe vollkommen, dass sie kein Vertrauen in die Justiz haben. Das habe ich auch nicht. Das kann man auch nicht haben. Es stimmt ja alles, was gesagt wird: Es gibt eine Justiz für die Reichen und eine für die Armen. Das ist einfach so, es lässt sich nicht leugnen. Jeden Tag kann man sehen, dass die Reichen und Mächtigen straffrei bleiben. Dass unsere Justiz die Korruption schützt, weil sie selbst korrupt ist.“ (S. 298)

Inspektor Fonseca und sein Team ermitteln in einem Jahre zurückliegenden Mordfall. Ein Brand hat im Bairro da Sé, einem der ältesten Stadtteile von Porto, zwei zugemauerte Skelette offen gelegt – eine Frau und ein Mädchen. Das Viertel ist heruntergekommen, die Bewohner von damals längst weggezogen oder verstorben. Und die Alten, die etwas wissen könnten, schweigen. Ein schwieriger Fall, an dem sich vor allem Ana und Tété, die neue Kollegin im Team, festgebissen haben. Die Morde sind lange her und die Ermittlungen nicht nur schwierig, die Ermittler bekommen auch ganze Felsbrocken in den Weg gelegt. Bleibt der Fall etwa ungelöst?

Getarnt als Urlaubskrimi beinhaltet der neue Fall um Inspektor Fonseca und sein Team wieder einen ausgefeilten Kriminalfall in Porto, der sich zum Glück eben gar nicht nach Urlaub anfühlt. Bevor wir allerdings dazu kommen, werfen wir einen Blick auf die neue Kollegin: Tété. Tatsächlich hat sie es mir besonders angetan in dem neuen Fall. Vielleicht weil sie die erste aus dem Team ist, über die man mehr erfährt, eine Hintergrundgeschichte, etwas Privates. Aber vermutlich eher, da ihre Vergangenheit mit der Geschichte Portugals verflochten ist und so ein Einblick in ein weiteres Thema geboten wird. Tété stammt nämlich ursprünglich aus Angola, der ehemaligen Kolonie von Portugal, und wurde, aufgrund der Auswirkungen der Nelkenrevolution mit ihrer Familie von dort vertrieben. Für das Ermittlungsteam ist sie aber auch eine Bereicherung, denn vormals arbeitete sie in der Anti-Korruptionseinheit in Lissabon. Von dort bringt sie nicht nur Wissen, sondern auch eine gewisse Verbitterung mit, denn Korruptionsfälle werden eher alibimäßig untersucht, so dass sie jetzt voller Tatendrang in der neuen Aufgabe aufgeht.

Der Kriminalfall selbst ist diesmal nicht ganz so weitreichend gestrickt wie im letzten Fall “Tod in Porto” – wer den noch nicht kennt, sollte das unbedingt ändern – dafür kann er aber mit anderen Dingen punkten. Die Ermittlungen rücken nicht in den Hintergrund, teilen sich aber die Aufmerksamkeit mit den Perspektiven eines Opfers und mit der des Täters. Und natürlich ist es eine Herausforderung, an einem Fall zu arbeiten, bei dem nur noch skelettierte Knochen und ein paar Kleiderreste übrig sind. Desweiteren macht ein juristischer Umstand den Fall erst mal komplett zu nichte, denn als herauskommt, wie alt die Knochen sind, wird der Fall eingestellt. Ein Umstand, der mir so nicht bekannt war, doch anscheinend ist ein Mord in Portugal schon nach 15 Jahren verjährt. Diese Tatsache hat mich viel nachdenken und auch recherchieren lassen – wobei ich so gut wie nichts über Portugal gefunden habe, aber mich dafür in die Situation in Deutschland eingelesen habe. Ja, wir haben auch Verjährungsfristen, doch Mord verjährt bei uns nicht, zumindest nicht mehr – das wurde geändert. Gut so! Und keine Sorge um den Kriminalfall – diesen Umstand löst der Autor mit einem Kniff, der die Ermittlungen neu beflügelt.

Trotzdem sind die Ermittlungen mitunter stecken geblieben oder gehen eben nur langsam voran, ja, hier sind wir wohl ganz nah an der Realität. Ermittlungsarbeit geht eben nicht immer nur voran, sondern stockt auch mal. Besonders wenn der Fall eben ein “Cold Case” ist. Das ist authentisch, aber mitunter für den Leser mal nicht so angenehm. Nichtsdestotrotz hat es der Autor geschafft, diese Durststrecken durch die Opfer-/Tätersicht gut auszugleichen und auch die neue Kollegin Tété hat hier einiges dazu getan. Ich fand das Buch durchgehend spannend und bin durch die Seiten geflogen.

Porto als Schauplatz finde ich grandios. Ich weiß leider nicht mehr, in welchem Zusammenhang ich es gehört habe, aber man sagt wohl, dass in Porto das Geld verdient wird, welches in Lissabon ausgegeben wird. So mag Porto zuerst wie die kleine Schwester Lissabons wirken, doch die Stadt hat viel zu bieten. Durch die Verbindung des Falles in den Stadtteil Bairro da Sé lernt man die Stadt abseits von ausgetretenen Pfaden kennen und bekommt ein Gefühl für die Leute und das Leben dort. Hier merkt man deutlich, dass der Autor in Portugal lebt und nicht nur aus Touristensicht die Stadt beschreibt.

Und ganz besonders freue ich mich, dass meine kleine Kritik am letzten Band der Serie zu einer Anmerkung über portugiesische Namen geführt hat, aus der ich sogar wieder etwas neues gelernt habe.

Fazit:
Ein weiterer gelungener Fall aus Porto, dem Herzen Portugals, und mit dem Team um Inspektor Fonseca. Da es viel zu wenig Krimiserien aus Portugal gibt – ich kenn nur eine 😉 – bin ich definitiv dafür, dass das Team hoffentlich bald wieder ermittelt!


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Marseille.73 – Dominique Manotti


Dominique Manotti – Marseille.73
Verlag: Argument Verlag
Übersetzerin: Iris Konopik
397 Seiten (inkl. Glossar, Personenverzeichnis und Nachbemerkung)
ISBN: 978-3867542470

 

 

 

“Die Stadt stinkt vor Straflosigkeit und Gewalt, Grimbert. Straflosigkeit gebiert Gewalt.” (Seite 377)

In den siebziger Jahren schwelt es in ganz Frankreich, doch in Marseille ganz besonders. Hier ist der Mord an einem Busfahrer der Auslöser für rassistische Übergriffe auf nicht-französisch stämmige Menschen, allen voran denjenigen aus Algerien. Ein junger Mann, Malek Khider, wird vor einem Café niedergeschossen. Die Polizei ermittelt schlampig, verzögert und hofft darauf, dass der Fall bald kalt wird und zu den Akten kommt. Pech für die Polizei ist allerdings, dass da der Neue ist, Commissaire Daquin, kein Marseiller. Der jedenfalls untersucht mit seinem Team gerade die Aktivitäten der UFRA (Vereinigung der französischen Algerienheimkehrer), die sich am Rande der Legalität bewegen und viele der UFRA Mitglieder sind Polizisten. Wie gut, dass sich hier Überschneidungen mit dem Mordfall Khhider ergeben, denn so kann Daquin mit seinem Team beide Ermittlungen vorantreiben.

Zugegeben, es ist mir ein wenig schwer gefallen, in die Geschichte reinzukommen. Wie das häufig so bei Dominique Manotti ist, macht sie es dem Leser nicht einfach. Sie schreibt keine Krimis für Zwischendurch, kein Fast Food – hier benötigt man schon ein wenig Aufmerksamkeit. Dabei hat sich die Autorin wieder ein spannendes Thema ausgesucht, welches durch Verstrickungen in die Vergangenheit, politische Verflechtungen und Korruption, aber auch auf dem blinden Auge der Polizei und Justiz beruht. Dies komplex zu nennen, wäre untertrieben. Nichtsdestotrotz liefert einem das Buch alle Hintergründe, die benötigt werden, um der spannenden Ermittlung zu folgen. Den Einstieg macht ein Prolog, der die aktuelle Situation in Frankreich der 70er Jahre aufzeigt und einen Erlass erklärt, welcher viele Migranten zu Illegalen erklärt. Doch dies ist erst der Startschuss, es folgt ein breit gefächertes Bild der Situation in Frankreich, natürlich verpackt in die Ereignisse um den Tod des Busfahrers und Malek Khiders.

Und tatsächlich schreiten die Ermittlungen in der ersten Hälfte des Krimis auch eher schleppend voran. Das ist zum einen so, weil die Surete keinerlei Interesse daran hat, den Tod von Malek Khider aufzuklären, und Daquins Team seine Ermittlungen um die UFRA umsichtig planen muss, um hier politisch in keine Fettnäpfchen zu treten und ihre Ermittlungen vor den Kollegen geheim zu halten, zum anderen aber auch, da vielfach die Ermittlungen erst mal gar nicht im Fokus stehen, sondern die Ereignisse vor, während und nach Malek Khiders Tod: Die Vorbereitungen und Ränkespiele der Rechten, aber auch der Linken sowie die Vertuschungsversuche der Polizei und Justiz.

Hierbei streut die Autorin viele Hintergründe, aber auch Organisationen und Strömungen, ein, die mir so gar nicht bekannt waren. Ungemein hilfreich ist hier das Personenverzeichnis und das Glossar am Ende des Buches. Gerade zu Beginn der Geschichte , aber auch später hab ich da gerne nochmal drin geblättert. Ich war in der ersten Hälfte des Buches schlicht überwältigt von der Vielzahl der Informationen und dem weit verzweigten Strukturen, die zeigen, wie alles miteinander zusammenhängt und mir hat der Kopf gebrummt.

Ja, das mag herausfordernd sein, aber es ist schlicht und einfach nötig, um den beiden Ermittlungen die erforderliche Brisanz und Gewichtung zu geben. Die Ermittlungen haben politische und gesellschaftliche Auswirkungen und wollen in Gänze verstanden werden. Aber keine Sorge – ab der Hälfte des Buches nehmen dann auch Daquins Ermittlungen Fahrt auf. Ab hier bin ich nur so durch die Seiten geflogen und wollte endlich wissen, wie Daquin die Übeltäter rankriegt. Nebenbei hab ich Zustände bekommen, über die Polizei und was für ein übler Haufen das eigentlich ist. Jeder scheint nur um sein eigenes Schäfchen im Trockenen besorgt zu sein, keiner will durchgreifen oder angreifen, um nur ja sein Ansehen, seine Position oder seine Pension nicht zu gefährden. Einzige Ausnahme scheint hier Daquin und sein Team zu sein.

Madame Manotti macht es einem also nicht leicht – bei der Lektüre muss man gleich von Beginn an sehr aufmerksam lesen, um die Zusammenhänge zu verstehen und alle Beteiligten mitzubekommen. Aber es lohnt sich, diese anfängliche hohe Aufmerksamkeit auf sich zu nehmen, denn im Gesamtbild bekommt man einen höchst spannenden, politisch verstrickten und pointierten Kriminalroman. Und dies gelingt der Autorin in ihrem gewohnten, knappen aber präzisen Schreibstil. Hier ist kein Wort zu viel und keins zu wenig, mitunter wirkt das fast schon kühl. Mit dieser Art des Schreibens verleiht sie den Geschehnissen noch mehr Realität, als es die Hintergründe, die sie hier fein ziseliert aufbereitet, eh schon tun. Natürlich ist es eine erfundene Geschichte, doch kein Zweifel, genauso hätte sie stattfinden können.

Die Fremdenfeindlichkeit nimmt mehr und mehr zu und scheint gleichzeitig ungebrochen. Ich wusste bisher nichts darüber, wie dieses Thema in Frankreich in den 70ern hochgekocht ist, doch natürlich sind mir Ereignisse aus der deutschen Vergangenheit, wie z. B. die NSU Morde, im Gedächtnis. Und das Thema kocht weiter, befeuert durch Populisten und Rechte. Es scheint, wir als Gesellschaft, können uns diesem Hass nicht entledigen. Wir lernen nicht aus der Geschichte, sondern machen weiterhin schön immer die gleichen Fehler. So bleibt nach der Lektüre des Buches das Gefühl einen wahnsinnig guten Krimi gelesen zu haben, aber auch das Erschrecken, dass die Realität leider gar nicht so weit davon entfernt ist.


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Shorty | 617 Grad Celsius – Horst Eckert


Horst Eckert – 617 Grad Celsius
Verlag: Grafit Verlag
316 Seiten
ISBN: 978-3894252977

 

 

 

 

 

Worum geht es?
Anna Winkler kehrt nach einem Jahr im Polizei-Austauschprogramm in Bosnien wieder nach Hause zurück. Dort wird sie gleich zur Bereitschaft in der Mordkommission eingeteilt und ist die Glückliche, die mitten in der Nacht zu einem Einsatz gerufen wird: ein Haus ist explodiert. Anfangs noch glimpflich eingestuft, da das Haus gerade leer und im Umbau war, werden nach und nach die Leichen der illegalen ausländischen Bauarbeiter, die dort übernachtet haben, in der Ruine gefunden. Als dann auch noch die Leiche eines Kunstprofessors gefunden wird, ist Annas Expertise gefragt. Anna muss allerdings in dieser Ermittlung einiges schlucken, denn der Fall scheint eine Verbindung in ihre Vergangenheit aber auch in die Vergangenheit ihres Vaters zu haben.

Einer wie der andere?
Hmm…. Ich bin erst durch “Wolfsspinne” auf Horst Eckert aufmerksam geworden und nachdem ich nun die neueren Krimis alle durch habe, bin ich jetzt scharf auf die Backlist des Autors, unter anderem eben diesen hier. Ich glaube, der vorliegende Teil ist keine Serie, doch das Kommissariat und einige der Kollegen kommen mir doch sehr bekannt vor, denn auch bei Veih gibt es z. B. Ela Bach. Der Fall ist aber auf jeden Fall ohne Vorkenntnisee weiterer Krimis von Herrn Eckert zu lesen.

Opfer, Tat und Täter
Die toten Bauarbeiter sind tatsächlich nur Nebensache – irgendwie erschreckend. Der Fall dreht sich um den Kunstprofessor, und zwei weitere Menschen, die tot sind, einer schon länger, einer noch nicht so lange. Der Täter kam für mich überraschend, ich habe wirklich lange Zeit gedacht, dass… nun ja.

Themen
Horst Eckert hat hier wirklich viele Themen untergebracht: Politik und Kohle, Vetternwirtschaft und schwarze Konten, Homophobie und zu viel guten Willen, Beeinflussung und Korruption. Aber letztendlich geht es nur um eins: Macht und Machterhalt.

Was war gut?
Diese vielen Themen hat Horst Eckert in ein weitreichendes Geflecht verpackt, so dass Anna an vielen Ecken ziehen muss, um es aufzudröseln. Spannend, wie dann ein zweiter, eigentlich abgeschlossener Fall auftaucht und Verbindungen zum aktuellen Fall haben. Gut gefallen hat mir auch, dass Anna nicht unfehlbar ist, sondern selbst aufgrund Fehlverhalten suspendiert wird – verdient, aber natürlich lässt sie sich dadurch nur bedingt vom Ermitteln im aktuellen Fall abhalten. Eine Ermittlung, die sie sauber aufdröselt, die aber ganz nebenbei ihr Leben von Grund auf verändert. Puh, großes Kino.

Was war schlecht?
Am Anfang bin ich ein wenig mit den verschiedenen Zeitebenen durcheinander gekommen. Zwar werden die Jahreszahlen am Anfang immer genannt, aber bis ich mal alle Beteiligten drauf hatte und wie sie in welchem Zeitabschnitt verbandelt sind… ein wenig hat es gedauert, aber nicht lange. Zumal die Ausflüge in die Vergangenheit nach und nach weniger werden und der Sog der aktuellen Ermittlung zunimmt.

FAZIT:
Eine wirklich gute Entscheidung, in die Backlist von Horst Eckert reinzulesen – das kann ich nur jedem empfehlen!


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Verflechtungen: Götter und Tiere – Denise Mina


Denise Mina – Götter und Tiere
Übersetzerin: Karen Gerwig
Verlag: Argument Verlag
346 Seiten
ISBN: 978-3867542463

 

 

 

Trotz schwierigen Umständen dieses Jahr, ist auf eine Sache Verlass: der Argument Verlag bringt in seiner Ariadne Reihe auf jeden Fall so um die 4-6 höchst feine, geniale und absolut lesenswerte Kriminalromane heraus, natürlich aus der Feder von Autorinnen. Denise Mina ist und wird hier in Deutschland immer noch unterschätzt und “läuft” nicht so gut in Buchhandlungen – sehr unverständlich, denn die “Queen of Tartan Noir” schreibt ganz hervorragende Krimis, die aus dem Einheitsbrei des Genres herausstechen und definitiv mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Zugegeben, ein klitzekleines Bisschen mag ich die Standalones von Denise Mina mehr als ihre Reihe um Alex Morrow. Zum einen, weil ich gar wunderbar “Klare Sache” noch im Kopf habe und den wirklich unheimlich gut fand, zum anderen aber vermutlich auch, weil die Reihe um Alex Morrow so lose bzw. durcheinander in Deutschland veröffentlicht wird. Nachdem der Argument Verlag aber letztes Jahr “Blut Salz Wasser” herausgebracht hat, komplettiert er mit “Götter und Tiere”, dem dritten Teil der bisher fünf Teile umfassenden Reihe, die deutsche Übersetzung.  Nichtsdestotrotz sind die Fälle um DS Alex Morrow unabhängig und müssen nicht der Reihe nach gelesen werden. Und by the way, Paddy Meehan, eine weitere Protagonistin, um die Denise Mina eine drei Bände umfassende Reihe gestrickt hat, hat hier einen Cameo-Auftritt.

Nun aber zur eigentlichen Geschichte: ein Mann überfällt kurz vor Weihnachten eine Postfiliale. Was als Raubüberfall startet, wird zu einem Desaster, als der Täter einen Mann erschießt und flieht. DS Alex Morrow und ihr Kollege DC Harris untersuchen den Fall und sind zutiefst darüber verwundet, warum der Tote, bevor er vom Täter erschossen wurde, diesem geholfen hat. Der Rentner war gemeinsam mit seinem Enkel in der Bank und schiebt diesem dem nächsten Kunden zu, derweil er mit dem Täter gemeinsame Sache zu machen scheint. Warum?

Beleuchtet wird die Ermittlung nicht nur aus DS Alex Morrows Sicht, sondern auch aus Sicht von Martin, dem Kunden, der den Enkel des Toten in Obhut genommen hat. Dieser hat selbst ein Geheimnis und erscheint DS Morrow höchst suspekt. Derweil folgt man noch DC Tamsin Leonard und ihrem Partner, zwei Mitarbeiter in Morrows Team, die einem ganz anderen Hinterhalt auflaufen, aber auch Kenny Gallagher, einem Politiker, der über seine Vorliebe zu jungen Mädchen stolpert.

Mit dieser Mixtur liefert Denise Mina wieder ein weites Spektrum an Charakteren, die nicht nur in loser Weise durch den Raubüberfall miteinander verbandelt sind, sondern auch vom reichen Erben über den unmoralischen Politiker, bis zum Arbeiter im kommunistischen Kampf um Arbeitsrechte reichen. Es gibt hier kein Gut und kein Böse, irgendwie kann man jeden verstehen und sich in ihn/sie hineinversetzen, aber alle haben Fehler, keiner ist perfekt. Eben genauso wie im richtigen Leben. Sogar von DS Morrow sieht man weiche Seiten, denn sie kann eben nicht nur taffe Polizisten, sondern auch Ehefrau und Mutter von Zwillingen. Das funktioniert natürlich nur mit guter Organisation und einem Mann, der sie nicht mit allen Pflichten allein lässt, so dass sich Morrow in diesen Tagen auf den Fall konzentrieren kann, um ihn, wenn möglich, vor Weihnachten abzuschließen, um mit ihren Lieben die Festtage zu verbringen.

Denise Mina zeigt ein Schottland abseits von touristischen Pfaden, ein Land, das genauso seine Schattenseiten hat, wie jedes andere Land. Kein verklärter Blick, sondern schlicht und einfach Realität. Ja, ein düsteres Bild, aber ein interessantes, ein erschreckendes, ein lesenswertes Bild von Schottland. Hierhinein pflanzt sie ein Fall, der wie meistens bei Denise Mina, eben nicht einfach zu durchschauen ist, aber dafür einen unheimlichen Sog aufbaut, während man Alex Morrow dabei folgt, die einzelnen Stränge des Geflechts freizulegen. Es geht um Politik und Korruption, einen Maulwurf, und ja, es geht um Taxis. Uff, was ein Fall!

Fazit:
Ein Krimi, bei dem einfach alles stimmt – Setting, Fall und Charaktere. Denise Mina wird eben nicht umsonst als eine Meisterin ihres Faches bezeichnet.  Bitte lest die Krimis um Alex Morrow – wem aber momentan nicht nach einer Reihe ist, kann ich nur nochmal “Klare Sache” ans Herz legen. Beide Krimis (aber auch alle anderen Bücher) der Autorin sind einfach nur wunderbar lesenswert! Ganz klare Empfehlung!


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All-in-One: Der wunde Himmel – Jeannette Oertel


Jeannette Oertel – Der wunde Himmel
Verlag: Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke
506 Seiten
ISBN: 978-3887694753

 

 

 

Für mich war es auf jeden Fall ein Wagnis, dieses Buch, welches mir von der Autorin angeboten wurde, zu lesen. Neugierig gemacht haben mich der Klappentext, aber auch die Tatsache, dass der Roman im Konkursbuch Verlag erschienen ist. Und hier habe ich ja erst vor Kurzem sehr gute Erfahrungen mit den Spannungsromanen von Regina Nössler gesammelt. Skeptisch war ich aufgrund der Amour fou, die zusätzlich zu Spannungselementen, einer DDR-Vergangenheit und der Arbeit an einer (fiktiven) arabischen Botschaft in unruhigen Zeiten, eingeflochten ist. Ob es sich nun gelohnt hat, seht ihr gleich, doch auf jeden Fall war es die richtige Entscheidung, mich in dieses Abenteuer zu stürzen.

Tabea Blum beginnt ihren neuen Job als Assistentin des elydischen Botschafters. Nicht nur in Deutschland herrschen unruhige Zeiten, sondern auch in Elydien, wo Staatschef Aladily einem Diktator gleich agiert. Und Tabea verliebt sich, in Rayan, den Sicherheitschef der Botschaft. Die Affäre ist nicht das einzige, was ihren Posten in der Botschaft gefährdet. Hinzu kommen politische Beziehungen, ein undurchsichtiges Beziehungsgeflecht der einzelnen Botschaftsmitglieder und viele Andeutungen. Es entsteht eine faszinierend angespannte Situation, die sich komplett durch das Buch trägt, mit nur wenigen Spitzen, aber eben auch nie abbricht. Besonders erwähnenswert ist hier der Botschaftsmitarbieter Jan von Kessel, einer derjenigen, die Tabeas Vater damals in der DDR, in Bedrängnis gebracht haben. Hier erfolgen Rückblicke in die DDR Vergangenheit, aber auch der “heutige” von Kessel sorgt für Bedrohungen.

Die Geschichte selbst spielt in einer sehr nahen Zukunft, vieles bleibt nur angedeutet, doch die politische Stimmung in Deutschland ist noch mehr aufgeheizt als heute. Zusätzlich formt sich Protest gegenüber dem diktatorisch geführten Elydien. Die Botschaft ist oft Schauplatz von Demonstrationen, das Regierungsviertel oft aufgrund gefährlicher Sicherheitslagen geräumt und das Viertel per se abends tot und verlassen. Als Leser folgt man Tabea durch dunkle einsame Gassen, aber auch zu glamourösen Anlassen, wo sich das Who-is-Who der politischen Prominenz trifft und im Hinterzimmer dubiose Absprachen trifft. Es geht um Freiheit, Krieg, Macht und Waffen, ernste Themen, bei denen sich jeder Bürger wünscht, dass diese eben nicht in Hinterzimmerdeals über die Bühne gehen würden.

Die Protagonistin, Tabea Blum, empfand ich jedoch oft als naiv und unerfahren. Dagegen sprechen allerdings die Fakten, die man nach und nach über sie herausfindet. Aufgewachsen in der DDR, 10 Jahre Berufserfahrung in einer Kanzlei, unzählige Reisen durch die verschiedensten Länder, und trotzdem kam mir Tabea Blum wie Anfang 20 vor. Nichtsdestotrotz passt sie damit hervorragend in diese spannungsgeladene, unheimliche Situation. Die Autorin schafft es sogar, sie zeitweise zur unzuverlässigen Erzählerin werden zu lassen, so dass man selbst an allen Geschehnissen zweifelt und sie als Spinnerin abtut.

Zugegeben, die Amour Fou, die Liebesgeschichte zwischen Tabea und Rayan, hat es mir nicht einfach gemacht. Ich bin einfach kein großer Fan von Liebesgeschichten und wünsche mir immer einen Fokus auf die Krimihandlung. Hin und wieder war ich hier auch ein wenig ungeduldig, bis die Szenen der leidenschaftlichen Liebe vorbei waren und es wieder – für mich – spannender wurde. Einem Leser, der nicht so fokussiert auf Krimis ist und querbeet liest, stört das aber vermutlich gar nicht. Auch finde ich die Liebesgeschichte zwischen den beiden einigermaßen stimmig, nur für mich hätte sie ein wenig geraffter sein können. Ich bin auch kein Fan einer Amour fou, habe ich gemerkt, denn, dass Tabea sich so sehr unterordnet, fast selbst aufgibt, und ohne sich Gedanken zu machen, auf eine Affäre am Arbeitsplatz mit einem verheirateten Mann einlässt, gefällt mir nicht besonders. Aber alles persönlicher Geschmack. Der spannenden Story drumherum tut das aber keinen Abbruch.

Insgesamt ist der Spannungsroman eine wilde Mischung, ein Potpourri an verschiedensten Themen, die erstaunlich gut ineinander greifen und die Spannung immer unterschwellig vorantreiben. Amour Fou, ja, aber eben auch Krimi, Spannungsroman, Thriller und Spionageroman, die Geschichte hat politische Brisanz und zeigt ein düsteres, sehr nahes Zukunftsszenario, gespickt mit Rückblicken in die Vergangenheit der DDR. Für mich ein lohnenswerter Ausflug, raus aus meiner persönlichen Komfortzone.


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Grandios: Aufzeichnungen eines Serienmörders – Kim Young-ha

Kim Young-ha – Aufzeichnungen eines Serienmörders
Übersetzer: Inwon Park
Verlag: Cass Verlag
152 Seiten
ISBN: 978-3944751221

 

 

 

 

 

In der nur 150 Seiten langen Novelle des Shooting Stars der koreanischen Krimiszene, versucht der Protagonist Byongsu Kim seine Tochter Unhi zu retten, bevor ihn die Demenz einholt.  Denn in Jutae Park, ihrem Freund, glaubt er seinesgleichen erkannt zu haben, einen Serienmörder.

Während nicht nur das Gedächtnis von Byongsu Kim nachlässt, lassen auch die Seitenzahlen nach und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, denn im Verlaufe des Buches werden diese immer durchscheinender. Dieser kleine visuelle Effekt spiegelt sich im Verfall von Kims Gedächtnis wieder. Er versucht vieles, Dinge aufschreiben, auf Band aufzeichnen, doch seine Gedanken entfliegen ihm. Gleichzeitig versucht er seinen letzten Mord zu planen. Zwar ist er ein Serienmörder, doch hat er vor 25 Jahren schon aufgehört zu morden und muss nun, gleichzeitig im Kampf gegen seine Demenz, einen weiteren Mord planen, den an Jutae Park.

Doch vieles entgleitet ihm, während anderes auftaucht. Erinnerungen, Gedichte und Musik füllen seine Tage, manche erschrecken ihn, manche beruhigen ihn. Das Lyrische, Poetische begleitet ihn durch sein Leben, hat er doch früher selbst Gedichte geschrieben. Seine Tochter Unhi, die er adoptierte, nachdem er ihre Eltern ermordete, verliert mehr und mehr die Geduld mit ihm, verzweifelt an ihm. Auch das kriegt er nur am Rande mit… und vergisst es wieder.

Wie so oft, wird es hier der Krimileser, der es gerne gut sortiert mag und eine klare Ermittlungsstruktur braucht, eher schwer haben. Dafür erhält er aber einen kleinen Krimischatz. Die Aufzeichnungen sind genau das was sie sind – Aufzeichnungen. In einem tagebuchhaften Stil, manchmal lyrisch, immer kurz, oft sehr neutral, sammeln diese Absätze, Passagen aus einem Leben, welches langsam entschwindet. Doch durchgängig findet sich die Hartnäckigkeit des alten Mannes wieder, denn Jutae Park und der Plan ihn zu ermorden, spuken unablässig in seinem Kopf, Demenz hin oder her. Er ist pragmatisch und kühl, keineswegs plagen ihn irgendwelche Gewissensbisse, seine Taten sind auch schon verjährt.  Es scheint ein Katz und Maus Spiel zwischen den beiden Serienmördern entsponnen zu sein. Und doch ist am Ende alles ganz anders, denn der Autor macht sich die Eigenschaft des Protagonisten zu Gebrauch: seine Demenz.

Mit „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Kim Young-ha ist dem Cass Verlag wieder eine kleine feine Krimiperle gelungen, die man nur empfehlen kann. Die Geschichte liest sich schnell, doch sollte man ein wenig Zeit aufwenden, um sie entsprechend zu genießen. Eine kühle, nachdenkliche Geschichte über Komik und Tragik im Leben, genial verflochten mit einer Krimihandlung, die kein Blut und Gemetzel braucht, sondern von ihrer literarischen Schönheit lebt.

Fazit:
Ich finde, der Cass Verlag macht alles richtig, denn hier finden sich nur Krimiperlen, diesmal eben eine grandios komponierte Kriminalnovelle aus Südkorea. Ein herrliches Lesevergnügen.


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Perfekt: Family Business – Lisa Sandlin


Family Business – Lisa Sandlin
Übersetzerin: Andrea Stumpf
357 Seiten
ISBN: 978-3518470282

 

 

Delpha Wade und ihr Chef, Privatdetektiv Tom Phelan, sind gerade noch dabei sich vom letzten Fall zu erholen, als schon ein neuer Kunde eintrifft: Xavier Bell engagiert die Detektei, um seinen Bruder zu finden. Nachdem sie sich über die Jahre aus den Augen verloren haben, möchte der betagte Mr. Bell sich nun mit seinem Bruder aussprechen und versöhnen. Sagt er. Doch nicht nur an dem neuen Kunden, sondern auch an seiner Geschichte, lassen sich so einige Seltsamkeiten feststellen.

Endlich – der zweite Teil mit Delpha Wade! Manch einer mag sich erinnern, dass ich sehr begeistert vom ersten Teil Ein Job für Delpha war und ja, ich bin es auch jetzt wieder.
Dabei muss man beachten, dass der Kriminalfall nun ja, eher unspektatulär ist, die Ermittlungen bedingt durch die Umstände nur langsam vorangehen und überhaupt mehr auf die Charakterzeichnung, vor allem von Delpha, und das Setting der USA in den 70ern, Wert gelegt wurde. Und trotzdem, oder gerade deswegen, war das Buch spitze und hat mich nicht mehr losgelassen.

Neben dem Fall um Xavier Bell nehmen die zwei Detektive noch zwei, drei andere, kleinere Fälle an, die zwar schnell erledigt sind, aber tatsächlich aber mehr Actrion in die Handlung bringen als die Suche nach dem vermissten Bruder. Diese stellt sich als recht zäh und hartnäckig heraus, haben doch beide Brüder keine tiefe Verbundenheit zu ihrem Namen und wechseln diesen hin und wieder. Eine Sisyphusarbeit! So wälzen sich Tom und Delpha durch Geburtenregister, Maklerkäufe und Telefonbücher, klingeln bei Hauskäufern und besuchen Bibliotheken – was man eben so gemacht hat, in den Zeiten bevor jegliche Kleinigkeit im Internet verfügbar war. Ja, gute alte Recherchearbeit – und das weitgehend über das ganze Buch verteilt. Und trotzdem war das nun wirklich nicht langweilig, sondern schlicht und einfach spannend zu lesen.

Das gelingt durch das Einflechten der besagten weiteren Fälle des Detektivbüros, aber eben nicht nur, sondern eben auch durch die fabelhafte Delpha Wade. Wer sich nicht erinnert, dem sei hier nochmal gesagt, dass Delpha eine ganz normale Frau in den Dreißigern ist, die aber das Unglück hatte, nachdem sie einen Mann, der sie vergewaltigen wollte, in Notwehr getötet hatte und kein Geld für einen Anwalt aufbringen konnte, 13 Jahre im Gefängnis abgesessen hat. Aus diesem Grund ist Delpha nun eben zurückhaltend und verschlossen, nicht so vertrauensselig und schon gar nicht reich. Dafür ist sie aber wissbegierig, genau und clever, und möchte wieder ihren Platz in der Gesellschaft haben. Und hier hilft ihr Tom Phelan, welcher der einzige ist, der ihr einen Job gibt.

Im zweiten Teil nun, ist Delpha quasi aus dem Job der Sekretärin herausgewachsen und Tom schickt sie auch raus, um Recherchen zu erledigen und Nachforschungen zu betreiben. Hin und wieder ist das mit Rückblicken auf ihre Jahre im Gefängnis versetzt, die bei passenden Gelegenheiten eingestreut sind und Einblick in ihre Vergangenheit geben, darauf, wie sie zu dem Mensch geworden ist, der sie jetzt ist.

Wenn auch die Action in dem Buch eher gedeckt war, der Fall nun nicht sonderlich spektakulär, habe ich den Krimi doch eingesogen und im Nu ausgelesen. Das liegt zu einem großen Teil an Delpha, die für mich einfach eine der superspannendsten, interessantesten weiblichen Charaktere der letzten Jahre in der Kriminalliteratur ist, aber auch dem Flair der Zeit geschuldet ist. Ich fass es mal so zusammen: es strahlt eine vergangene Gemütlichkeit aus, die wir in unseren heutigen hektischen Zeiten einfach nicht mehr nachvollziehen können. Telefone haben noch Schnüre, Recherchen betreibt man in der Bibliothek – man kann dort sogar anrufen und die Auskunftsbibliothekarin sucht dem Anrufer die Antwort auf Fragen heraus, Wahnsinn, ich wusste gar nicht, dass es das gab! – die Autos sind klapprig, das Essen ist fettig. Einfach wundervoll! Es ist ein romantisches Bild der USA, eine verschlafene Stadt im Süden der USA in den 70ern  – überraschenderweise der perfekte Platz, um dort Kriminalfälle zu lösen.

Tobias Gohlis hat es perfekt zusammengefasst: “Von Delpha Wade möchte man mehr lesen.” Wohl wahr. Hat sich auch der Verlag gedacht und das Zitat hinten auf das Cover gedruckt. Von solchen Zitaten bin ich ja oft kein Fan, doch diesmal kann ich nur zustimmen. Für Privatdetektive habe ich sowieso einen besonderen Platz in meinem Leseherz und Delpha Wade hat es sich dort schon gemütlich gemacht. Ich mag Delpha Wade, ich mochte sie schon im ersten Teil und ich hoffe, es werden noch viele weitere Teile der Reihe erscheinen.

Fazit:
Für mich der perfekte Krimi. Und mal wieder der Beweis, dass ein Krimi weder reisserisch, noch blutig noch voller Action sein muss, sondern eben auch mit leisen Tönen, Charakterisierung und Setting voll überzeugen kann.

 

P.S.: Zum Abschluss noch eins. Wirklich unklar ist mir, warum man ein Buch, dessen englischer Titel “Bird Boys” ist, im “Deutschen” dann “Family Business” nennt. Das passt zwar auch zur Geschichte (immerhin), aber warum tausche ich einen englischen Titel zu einem anderen englischen Titel für eine deutsche Ausgabe?

 


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Lesetipp: Gimme More – Liza Cody

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Liza Cody – Gimme More
Verlag: Argument
Übersetzung: Pieke Biermann
398 Seiten
ISBN: 978-3867542432

 

 

 

 

Eigentlich mach ich ja gerade ein bisschen Pause vom Rezensieren und fühle mich damit auch sehr wohl. Aber nachdem nun gerade ein Titel erschienen ist, dem ich quasi schon Ewigkeiten hinterher renne und ich nun, nach der Lektüre weiß, dass ich hier schon viel früher hätte zuschnappen sollen, muss ich es einfach empfehlen.

Es geht um Liza Codys „Gimme More“. Vor Jahren ist das Buch im Unionsverlag erschienen, leider war Liza Cody mir zu dieser Zeit noch kein Begriff. Als ich die Autorin dann durch ihre vielen Bücher, allen voran Lady Bag, im Argument Verlag kennengelernt habe, bin ich auch über „Gimme More“ gestolpert, aber das Buch war eben nur noch antiquarisch erhältlich. Ich kaufe nun durchaus auch gerne gebrauchte Bücher, aber manchmal lässt der Zustand schon zu wünschen übrig, so dass ich bei „Gimme More“ ewig gezögert habe, denn – und das versteht bestimmt nur jemand der auch verrückt nach Büchern ist – ich wollte das Buch gerne in einem hübschen, auf jeden Fall noch ansehnlichen Zustand.

Dann endlich, letztes Jahr Weihnachten, habe ich mich dazu durchgerungen, das nur noch gebraucht erhältliche Buch  auf meine Wunschliste zu setzen und habe es auch bekommen. Juchu!
Um nur nach wenigen Tagen, Wochen, die neue Ausgabe von „Gimme More“ in der Vorschau des Argument Verlags zu entdecken! Und ja, ihr vermutet richtig, die hab ich mir natürlich auch bestellt.

Warum ich das nun alles erzählt habe?
Ein ganz kleines bisschen, weil ich mich geärgert habe. Darüber, dass ich schon so lange um dieses Buch herumgeschlichen bin. Aber hauptsächlich deshalb weil ich unbedingt möchte, dass jeder, wirklich jeder dieses Buch liest. Gut, das ist jetzt nichts neues – das wünsche ich mir für jedes Buch von Liza Cody. Aber eben auch, weil sie einfach so verdammt gute Geschichten schreibt und immer nur zu empfehlen ist.

Und eine wirklich geniale Geschichte ist ihr auch hier wieder gelungen. Eine Geschichte über das Rock’n’Roll Business, darüber wie zerfressen und missgünstig es ist, wie wenig Kunst sich mit Geld und Erfolg vereinen lässt, das alles nur Schein ist und nur wenige an vielen verdienen. Und es ist die Geschichte von Birdie Walker, einem blonden Anhängsel, dem nichts zugetraut wird, die aber mehr vom Business versteht als man(n) denkt.

Eine Geschichte, die mich überrollt und begeistert platt gefahren zurückgelassen hat, ein Buch, dass man nur ungern zuklappt, eine Protagonistin, die man weiter begleiten will. Ein Krimi? Na, ein bisschen, aber eigentlich nicht, trotzdem ungemein spannend, eine wilde Fahrt als Birdies Sozius, ein austarieren und täuschen, nichts ist wie es scheint und jeder muss sich selbst am nächsten sein. Aber Birdie, die, ja die ist etwas ganz besonderes. Eine Überlebenskünstlerin, eine Kuriosität und immer unterschätzt. Die  Geschichte um Birdie hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, sie ist spritzig, witzig und abgefahren. Und endet mit einem leisen, aber feinen Knall. Puh – schon zu Ende. Ich bin zurück aus dem Birdie-Kosmos, fühl mich ein wenig ausgelutscht, aber sehr sehr glücklich.

„Gimme More“ ist sehr, sehr, sehr genial und absolut zu empfehlen.
Bitte unbedingt im lokalen Buchhandel oder direkt beim Verlag bestellen. Es lohnt sich.

So, und weil Leser – also ich zum Beispiel – nun mal unersättlich sind, drücke ich nun die Daumen, dass der Argument Verlag alsbald Liza Codys Reihe um Privatdetektivin Anna Lee neu herausgibt, denn die kenne ich auch noch nicht und es will doch keiner, dass mir diese Kostbarkeiten erneut so lange entgehen, oder?


Ein Kommentar

Women rule: Die Nacht ist unser Haus – Jules Grant

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Jules Grant – Die Nacht ist unser Haus
Verlag: Heyne
Übersetzerin: Viola Siegemund
352 Seiten
ISBN: 978-3453439153

 

 

 

Wenn Else Laudan das Buch empfiehlt und Simone Buchholz sogar auf dem Rückcover zitiert wird, ist es quasi ein Muss, dieses Buch zu lesen. Aber ich gebe zu, ohne Elses Empfehlung wäre mir das Buch auch durchgegangen. Unscheinbar und mit einem sperrigen Titel versehen – der allerdings im Englischen nach länger und sperriger ist – springt es einem nicht gerade ins Auge und im stationären Buchhandel hab ich es auch nicht gesehen. Wobei das mittlerweile – leider – auf sehr viele Bücher zutrifft, die ich lese. Sei es drum, das Buch hat zu mir gefunden! Auch die Lektüre war nicht ganz so einfach wie gedacht, aber einfach kann eben jeder. Eine Herausforderung ist da schon was ganz anderes. Aber fangen wir mal vorne an.

Donna und Carla kennen sich seit Ewigkeiten, aus dem Kinderheim. Beste Freundinnen, vielleicht auch mehr. Mittlerweile führen sie eine Gang, eher Donna als Carla, aber die beiden gibt es eben nur im Doppelpack. In der Gang sind nur Frauen, Lesben um genauer zu sagen, und sie verticken Drogen. Liquid Ecstasy zum Beispiel, auf den Toiletten der Clubs der Gegend. Und da muss sich sehr genau an die Grenzen gehalten werden, denn Manchesters Viertel sind genau aufgeteilt und Grenzüberschreitungen werden hart geahndet. Ihre Gang ist eine von vielen, in einem fragilen, von außen fast unübersichtlichem Gefüge. Donna ist nun nicht sehr gebildet, aber schlau und pfiffig. Fehler macht sie nur einmal, denn wer einen Fehler zweimal macht, ist dumm. Und das ist Donna nicht. Missmutig, jähzornig – Donna ist vieles, aber Carla kann Donna um den kleinen Finger wickeln. Doch jetzt hat sich Carla eine Schnellschussaktion zuviel geleistet. Sie klaut dem Mitglied einer anderen Gang die Frau. Schwerer Fehler, denn jetzt gibt es Krieg.

Klappentext und Prolog verraten es schon – Carla stirbt und hinterlässt eine Tochter, eine rotzfreche Göre, Aurora, die quasi schon auf dem besten Weg ist, es Donna und Carla gleich zu tun. Doch bevor Carla ermordet wird, lernt der Leser erst mal die Strukturen kennen. Wie die Frauen in Donna’s Gang so aufgestellt sind, welche anderen Gangs in Manchester vorherrschen, die Gebietsaufteilungen – wie eine Schattenwelt, die neben dem eigentlichen Manchester existiert, aber trotzdem tief darin verwurzelt ist. Donnas Gang ist auf Drogen spezialisiert, hier arbeiten sie aber auch mit anderen zusammen, Gewaltbereitschaft ist da und wird zur „Revierverteidigung“ genutzt. Doch dieses Gefüge bricht nun. Dabei ist Carlas Tod nur eine Komponente, denn die Polizei führt einen Großschlag gegen die Gangs in Manchester durch und einige Anführer landen im Knast. Dies verursacht eine Neuverteilung der Macht, in der Carla nur ein Puzzlesteinchen ist. Donna braucht eine Weile, um dahinter zu kommen, steht bei ihr doch an erster Stelle, Carla zu rächen.

Die Sprache des Krimis ist recht derbe, einfach und ein wenig ordinär, eben passend zum Milieu. Zumeist wird die Geschichte aus Donnas Sicht geschildert, doch auch Aurora kommt, vermehrt zum Ende hin, zu Wort. Hin und wieder fand ich das Buch zäh, was aber hauptsächlich dadurch kommt, dass Carlas Tod schon bekannt ist, aber dann tatsächlich erst nach einer ganzen Weile passiert. Und wer nun hier aber Wunder was erwartet hat, weil die Gang aus Frauen und zusätzlich auch noch nur aus Lesben besteht, wird enttäuscht sein, denn die Frauen stehen den Männern hier nichts nach. Es wird gedealt, gesoffen, selbst Drogen genommen, es gibt viel Sex und Beziehungen, die Mädels schmeißen sich, wenn nicht so gar noch enthusiastischer, in den Kampf, lassen sich nichts bieten, wissen Grenzüberschreitungen auch entsprechend demütigend zu bestrafen und nutzen schlau ihre Vorteile. Wer mit Krimis um Gangs nichts anfangen kann, wird auch hier nicht zufrieden sein. Alle anderen erwartet ein Gangkrieg in Manchester, bei dem die Frauen den Männern mal ordentlich den Arsch versohlen.

Fazit:
Schneller und rasanter Ausflug in die Gangszene von Manchester mit ein paar zähen Stellen, der in einem Bandenkrieg gipfelt. Spannend, heftig und abgebrüht, aus weiblicher Perspektive.


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Shorty | Der schöne Schein: Tödliche Therapie – Sara Paretsky


Sara Paretsky – Tödliche Therapie
Verlag: Piper
Übersetzung: Anette Grube
300 Seiten
ISBN: 978-3492983747

 

 

 

 

Worum geht es?
V.I. Warshawski hat sich überreden lassen, Fabiano, der Consuelo, die Schwester von Lotty Herschels Krankenschwester, geschwängert hat, zu einem Vorstellungsgespräch zu fahren. Während sie auf Fabiano warten, kippt die hochschwangere Consuelo um und Warshawski bringt sie schnellstmöglich ins nächste Krankenhaus. Lotty Herschels Partner Malcolm wird gerufen, doch Mutter und Baby sterben. Ein tragischer Unglücksfall. Als dann aber kurz darauf Malcolm ermordet wird und Unterlagen aus dem Krankenhaus verschwinden, wird die Privatdetektivin stutzig und beginnt zu ermitteln.

Einer wie der andere?
Obwohl sich V.I. erst ein wenig sträubt zu ermitteln, kommen ihr dann doch einige Sachen komisch vor und sie stochert. Zuerst nur ein bisschen, dann in gewohnter Weise. Und leider auch immer mit gewohnten Nebeneffekten – die arme V. I. muss immer ganz schon was aushalten!

Opfer, Tat und Täter
Consuelo und das Baby sowie Malcolm sind die Opfer. Ein Zusammenhang ist erst mal nicht ersichtlich, doch irgendwie scheint es schon verdächtig, dass Malcolm so kurz nach der Behandlung von Consuelo stirbt. Die Täter? Wähnen sich unantastbar und haben Verbindungen zu kriminellen Elementen.

Themen
Krankenhäuser, Krankenversorgung, staatlich, privat. Abtreibungen, Abtreibungsgegner. Anwälte und Gangs. Kosten-Nutzen-Rechnung. Gewinn.

Was war gut?
Obwohl man – wie V.I. – zuerst nicht richtig sieht, wo hier ein Fall ist, entwickeln sich die Ermittlungen nach und nach. Ich mag es, wie V.I. die Sachen angeht. Sie sieht genau, dass Dinge die sie tut schief gehen können, sichert sich grob ab und läuft dann offenen Auges ins Messer. Aber so ein paar Blessuren haben sie noch nie aufhalten können. Wie alle Privatdetektive nimmt sie es mit den Regeln nicht so genau, das ist eben der Vorteil, wenn man kein Polizist ist. Akten stehlen ist nützlich und kein Verbrechen, nicht? Ich mag ihre Kämpfernatur, die aber eben nicht übermenschlich ist. Und in diesem Fall versagt sogar ihr Detektor, der sie vor bösen/falschen Menschen warnt. Menschlich eben.

Was war schlecht?
Boah – wer denkt sich denn die Titel aus? Tödliche Therapie – welche Therapie? Kein Mensch wird in dem Buch therapiert. Im Original heißt es „Bitter Medicine“, was sich auch wunderbar ins Deutsche hätte übertragen lassen.

FAZIT:
Ein weiterer spannender Fall um die Privatdetektivin V.I. Warshawski, die diesmal ein Krankenhaus aufmischt. Wie im Flug gelesen, wie immer sehr genossen und jetzt schon gespannt auf den nächsten Fall!