Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Genial und wild: Klare Sache – Denise Mina


Denise Mina – Klare Sache
Verlag: Argument Verlag
Übersetzerin: Zoë Beck
346 Seiten
ISBN: 978-3867542425

 

 

 

Else Laudan schreibt in ihrem Vorwort, dass „das Erzählen die wahre Heldin des Romans“ ist. Und es wird erzählt. Geschichten über Geschichten über Geschichten. Da ist die um Anna McDonald, die früher mal Sophie Bukanan war – eine andere Geschichte – und dann ist da die um die verfluchte Yacht, auf der drei Menschen umkamen, die in einem Podcast erzählt wird, dann ist da die Geschichte mit dem ehemaligen Rockstar und die Geschichte der Nachbarin, die auch mal berühmt sein wollte, sowie die Geschichte des Ehemanns, die nach einer lausigen Wiederholung klingt und und und. Die Geschichten sprudeln durch die Seiten und verweben diesen wilden Trip, der zwar in Denise Minas Heimat Schottland beginnt, dann aber über Frankreich und Italien Fahrt aufnimmt, zu einem grandiosen, originellen, bombastischen Krimi, der neben dem Erzählen aber noch einiges mehr zu bieten hat.

„Der Tag, an dem mir mein Leben um die Ohren flog, fing gut an.“ (S. 9)

Anna McDonald hat alles, Mann, zwei hübsche Töchter, ein zufriedenes Leben. Und ihren Podcast. True Crime. Das ist das einzig Spannende in ihrem Leben. Denken alle. Doch Anna hat ein Leben bevor sie Anna war, da war sie Sophie Bukanan. Und nun, als ihr Mann sie mit den Kindern verlässt und der Podcast einen alten Bekannten anspült, zerbricht die heile Welt. Ihr kontrolliertes, langweiliges, aber unauffälliges Leben gibt es nicht mehr. Und so stürzt sich Anna auf das einzige, was ihr noch bleibt, den Mordfall an Leon Parker und seinen Kindern.

Und da taumelt Fin Cohen in ihr Leben, ein anorektischer Ex-Boy-Group-Star und der Mann ihrer besten Freundin, die Freundin, mit der ihr Mann abgehauen ist. Anna kann Fin nicht leiden. Sie ist sowieso ein schwieriger Mensch, früher oft jähzornig, nicht einfach zu mögen. Doch Anna ist nicht einfach so wie sie ist, sie hat eine Vergangenheit, die sie zu der gemacht hat, wie sie ist. Und so ist auch Fin. Ein Gegeißelter des Erfolges, der sozialen Medien, des Vorbilds, das er sein möchte, der permanenten Überwachung durch Fans, Fotos, der sogenannten „sozialen“ Medien. Wenn auch störrisch, passen die beiden ganz gut, um den Mordfall zu untersuchen. Auch wenn Fin erst mal nicht ganz kapiert, worum es geht und dann seine Welt einbringt, einen Podcast über ihre Ermittlungen postet. In den sozialen Medien. Argh.

Und ständig schwebt sie im Hintergrund, Gretchen Teigler, die Übeltäterin, die Lebenzerstörerin, nie fassbar für den Leser, zu gewaltig, unantastbar, so wie Anna sie sieht. Immer präsent, übermächtig, fast gottgleich. Sogar der anfangs so stereotype Hamish, Annas Mann, ein langweiliger, vorhersehbarer Typ, kriegt am Ende die Kurve, also Tiefe, und beweist, dass Denise Mina eine ganz Große ist, eine, die nicht nur Geschichten erfindet, sondern die authentische Charaktere erschafft, die Buchstaben mit ihren Seelen belebt und damit Geschichten erlebbar macht. Mittendrin statt nur am Lesen.

Und dabei gelingt es der Autorin auch noch mit Leichtigkeit, Themen in diesen Krimi zu packen, einfach unglaublich. Fängt es an bei der Frage, ob Frau sich selbst die Schuld geben muss nach einer Vergewaltigung, geht es über die Macht des Fußballs, die finanzielle Macht, die Übermacht der einzigen Sportart, die zählt, zeigt Veränderung nach Jahren, nach #MeToo, nach der Macht und Übermacht der sozialen Medien, im guten und im schlechten, um One Hit Wonder und den nicht enden wollenden Verfall dieser Künstler, um Magersucht und verzerrte Selbstbilder. Und ganz nebenbei hebt sie den Podcast auf ein Podest, gibt ihm Raum und präsentiert ihn als Erzählmedium. Äußerst geschickt platziert sie die Themen, ohne auf sie hinzuweisen, arbeitet sie ein, gibt ihnen Raum, ohne Platz zu schaffen. So setzen sich diese fest, in den Gedanken, bleiben präsent.

Denise Mina spielt in diesem Krimi. Mit Charakteren, mit Geschichten, mit Macht und Einfluss. Sie verstrickt und verwebt ihre Erzählungen und Geschichten in ein kompliziertes Muster, bei dem man sich anfangs gar nicht sicher ist, was es wird, aber die verschlungenen Wege einen so reizen, dass man nicht aufhören kann, soll, muss. Man muss weiter und weiter, folgt Anna, der unzuverlässigen Erzählerin, folgt dem Podcast, der einen Sog entwickelt, ein Geheimnis webt um die verfluchte Yacht, poltert mit Anna und Fin durch Europa, befragt und überlegt, besäuft sich mit Killerin und entkommt Mordversuchen. Woah, was für eine wilde Fahrt. Die Wahrheit? Ja, die kommt irgendwann raus. Aber ganz ehrlich – ohne den Weg dorthin, wäre sie nur halb so gut, ach, fast gar nichts wert. Die Geschichte, die Geschichte um Anna, Fin, die Dana, um Leon Parker, Gretchen und den Fußball – sie ist schlicht und einfach grandios.

„Ich bin keine Heldin. Ich bin keine vor Zivilcourage strotzende Whistleblowerin, die sich lieber ins Grab verfolgen als mundtot machen lässt. Ich sage aus einem ganz anderen Grund die Wahrheit. Er ist weniger löblich, aber vielleicht ein bisschen nachvollziehbarer. Und: Es ist die Wahrheit.“ (S. 8)

Fazit:
Ein genialer, wilder Roadtrip, der mit Erzählungen und Geschichten spielt, der mit vielschichtigen Charakteren gewürzt ist und schlicht und einfach ein verdammt grandioser Krimi ist.


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Shorty | Der Jünger von Las Vegas – Ian Hamilton


Ian Hamilton – Der Jünger von Las Vegas
Verlag: Kein und Aber
Übersetzerin: Simone Jakob
365 Seiten
ISBN: 978-3036956176

 

 

 

 

Worum geht es?
Ava Lee kommt gerade angeschlagen vom letzten Auftrag zurück, als Onkel direkt einen neuen Auftrag forciert. Tommy Ordonez, der reichste Mann der Philippinen, sucht 50 Millionen Dollar. Sein Bruder wurde bei einem Immobiliendeal hereingelegt. Ava Lee macht sich auf den Weg und findet heraus, dass der Immobiliendeal nur eine Finte ist, denn die Spur der 50 Millionen führt sie in die Welt des Online-Pokers und in die glitzernde Metropole Las Vegas.

Einer wie der andere?
Den ersten und den fünften Teil der Reihe habe ich bisher gelesen und beide Male hat Ava Lee in exotischen Ländern ermittelt, diesmal bleibt sie vergleichsweise heimisch, beginnt die Spur doch in Kanada, ihrer Heimat, und führt über die USA nach England. Auch übernimmt Ava Lee den Auftrag nicht so ganz freiwillig, sind Onkel und Tommy Ordonez bzw. sein Stellvertreter Chang durch ihre Vergangenheit verbunden. Zudem trägt Ava Lee noch einige Verletzungen des ersten Falles „Die Wasserratte von Wanchai“ mit sich herum. Abgesehen davon, ermittelt Ava aber gewohnt routiniert in dem Immobilienschwindel, der sich als Onlinebetrug entpuppt. Und natürlich gibt es auch genug Action.

Opfer, Tat und Täter
Tommy Ordonez‘ Bruder, wobei man den nicht einmal zu Gesicht bekommt, ist nur eines der Opfer des Onlinebetrugs. Die Tat war gut geplant und die Täter wären damit vermutlich sogar durchgekommen. Onlinebetrug ist nicht so einfach zu knacken, doch Ava Lee hat da ja andere Möglichkeiten als die Polizei.

Themen
Die Welt des Glücksspiels, Online-Poker, Mathematik und Stammesgebiet. Mächtige Männer und ihr Kontrollwahn, alte Männer und ihre Vergangenheit, ah, es sollte einfach mehr Ava Lees geben!

Was war gut?
Natürlich bekommt Ava Lee auch Hilfe, aber den Großteil meistert sie alleine. Sie ist einfach eine kluge, taffe Frau, die genau den richtigen Beruf gewählt hat. Gekonnt zieht sie den Leuten Informationen aus der Nase, weiß genau, wie sie sie anpacken muss, kombiniert Kleinigkeiten und arbeitet sich, oft auch mal mühsam, näher an die Millionen heran. Klar, der Anreiz ist groß, kriegen Onkel und sie doch einen gehörigen Anteil, wenn sie das Geld finden, doch Ava lehnt sich dieses Mal auch weit aus dem Fenster. So dass sie schon aus moralischen Gründen weitermacht, auch wenn der Fall zum Ende hin gar aussichtslos scheint und ihn Ava nur mit ein paar Strippen, die sie zieht, lösen kann.

Was war schlecht?
Ich fand es nicht sehr nett von Onkel, Ava so kurz nach dem nächsten Auftrag wieder loszuschicken, vor allem, da sie verletzt ist. Klar hätte sie ablehnen können, doch die Beziehung der beiden basiert auf so viel Respekt, dass Ava das nur hätte schwer bewerkstelligen können. Ich hoffe, sie kriegt jetzt vor ihrem nächsten Fall eine Pause!

FAZIT:
Die Ava Lee Reihe gehört mittlerweile zu meinen Lieblingen – zum Glück habe ich noch zwei ungelesene Teile im Regal, aber ich hoffe natürlich auch bald auf weitere, denn die Serie wurde vor Kurzem beim Verlag Krug & Schadenberg wieder aufgenommen!


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Reblogged | Jung-Hyuk Kim — Dein Schatten ist ein Montag

Der letzten Beitrag zur Kriminalliteratur aus Ostasien in unserem gemeinsame Spezial kommt von Philly. Auf ihrem Blog Wortgestalt-Buchblog findet ihr die Rezension zu „Dein Schatten ist ein Montag“ von Jung-Hyuk Kim. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere, aber dieses Buch hab auch ich schon besprochen. Bei mir kam es allerdings ein wenig positiver weg – so enden wohl die literarischen Ausflüge von Philly und mir nicht ganz so euphorisch wie gedacht, aber so hören wir natürlich nicht auf! Übermorgen gibt es dann Phillys Beitrag zur kriminalistischen Film- und Serienkultur aus Ostasien.
Aber hier nun erstmal zu Phillys Meinung über „Dein Schatten ist ein Montag“:

 

Um ehrlich zu sein, hat mich schon lange keine Lektüre mehr so ratlos zurückgelassen wie »Dein Schatten ist ein Montag« von dem südkoreanischen Autor Jung-Hyuk Kim. Und das muss ja ansich nichts Schlechtes sein, ist es hier aber blöderweise irgendwie. Der Beitrag Jung-Hyuk Kim – Dein Schatten ist ein Montag erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über Jung-Hyuk Kim – Dein Schatten ist ein Montag — WortGestalt-BuchBlog


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Andere Erwartungen: Im Reich der Lichter – Kim Young-ha

Kriminalliteratur aus Nordkorea gibt es nicht. So wie vieles anderes. Immer wieder erschreckt es mich, wenn ich eine Dokumentation von dort sehe und doch bleibt immer unklar, ob diese Bilder wirklich das Nordkorea zeigen, wie es den Journalisten vorgeführt wird. Aus Südkorea gibt es dafür immerhin einiges an Kriminalliteratur, auch wenn es mehr sein könnte. Doch besonders dieses Buch hat mich angezogen. Ein nordkoreanischer Spion, der schon 20 Jahre in Südkorea lebt, vergessen von seiner Regierung, verheiratet, mit Kind. Keiner würde denken, dass Kim Giyoung kein Südkoreaner ist. Doch dann erhält er eine verschlüsselte Botschaft, eine Nachricht aus Nordkorea: er soll nach Pyöngjang zurückkehren, in den nächsten 24 Stunden.

„Im Allgemeinen ist die Vorstellung, die man von Spionen hat, völlig verzerrt: Mata Hari, intrigante Schönheiten, Einbrüche, Fluchtszenen, Minikameras, Bestechungen, Erpressungen. Die meisten Informationen, die sie herausbekommen, sind der Öffentlichkeit schon bekannt. […] Auf eine gewisse Weise waren sie Wissenschaftler und Sammler, die immer zwischen den Zeilen zu lesen versuchten.“ (S. 90)

Vor zehn Jahren ist Giyeongs Betreuer aufgedeckt worden, so dass er seitdem ohne Kontakt nach Nordkorea, ohne Auftrag oder Aufgabe sein Leben lebt. Davor hatte er durchaus Aufgaben, hat Aufträge ausgeführt, hat getötet. Er war einer der besten in der Ausbildung, war stolz darauf, seinem Land auf diese Weise zu dienen. Doch das ist lange her. Seit zehn Jahren lebt er unbehelligt, geht seiner Arbeit als Filmimporteur nach, lebt in einer stagnierenden Ehe, hat eine kluge Tochter. Das Leben plätschert so vor sich hin. Die Nachricht ändert alles. Giyoung muss sich darüber klar werden: geht er zurück, lässt er seine Familie zurück, alle Annehmlichkeiten, alles, woran er sich gewöhnt hat. Oder bleibt er in Südkorea, wird vielleicht getötet, muss sich der Polizei stellen, um Sicherheit zu bekommen. In diesen 24 Stunden sucht Giyeoung Kontakt zu anderen Spionen, rätselt , ringt mit sich, überlegt, welche Entscheidung die richtige für seine Zukunft ist, aber vor allem, welche die richtige Entscheidung für seine Familie ist.

Gleichzeitig folgt der Leser in diesen 24 Stunden aber auch Mari, seiner Frau, und Hyonmi, seiner Tochter. Warum das so ist, erschließt sich mir nicht ganz. Zumindest Hyonmi erfährt während des gesamten Buches nicht, dass ihr Vater ein Spion ist und aus Nordkorea stammt. Man folgt ihr in den Schulalltag und nach Hause zu einem Klassenkameraden, in den sie sich verliebt hat. Das war es. Auch Mari folgen wir Leser durch den Alltag, ihrem Job in einem Autohaus, dem Mittagessen mit ihrem jüngeren Geliebten, der sie zu einem Dreier drängt. Immerhin wird Mari am Ende des Buches damit konfrontiert, dass ihr Mann ein nordkoreanischer Spion ist. Und doch hätte ich mir bei beiden Erzählsträngen, von Mari und von Hyonmi, gewünscht, dass diese mehr Interaktion mit Giyoung haben, dass das Geheimnis früher aufgedeckt wird, um dem Roman mehr zu verleihen. Mehr Spannung. Mehr Interaktion. Mehr Wendungen.

Denn ganz ehrlich, diese habe ich vermisst. Die Geschichte plätschert so vor sich hin, folgt mal Giyoung, mal Mari, mal Hyonmi, mal einigen wenigen anderen, die in diesem Dunstkreis auftauchen. Giyoung erinnert sich an seine Zeit in Nordkorea, seine Familie dort, seine Ausbildung, wie er nach Südkorea kam und das auf ihn wirkte. Wie schwer es ist, sich in ein Land zu integrieren, in dem man nicht aufgewachsen ist und alle anderen dies nicht wissen, nicht wissen dürfen. Ein solider Einblick in die Unterschiede zwischen süd- und nordkoreanischer Kultur und Gesellschaft, aber mehr auch nicht. Zum letzten Drittel hin wird es dann doch noch ein wenig spannender, taucht doch der südkoreanische Geheimdienst noch auf.

Nichtsdestotrotz, ein Roman, ein Spionageroman – denn Krimi oder gar Thriller möchte ich ihn nicht nennen – der sich süffig lesen lässt und nicht langweilig war, von dem ich mir aber mehr Interaktion erhofft habe. Ich habe keinesfalls erwartet James Bond zu treffen, mir ist klar, dass das Spionageleben durchaus für die meisten Spione doch eher langweilig ist, Arbeit eben. Wenn auch ein wenig andere Arbeit. Doch ich hatte mir mehr erhofft, indem Giyoungs Geheimnis gelüftet wird, dass er sich seiner Familie offenbaren muss. Und wenn das schon nicht, dass er nach einem Ausweg sucht. Das tut er zwar, aber doch eher passiv, nur mit wenig Aktion. Nun ja, insgesamt muss man wohl sagen, dass das Buch durchaus eine passable Lektüre war, mich aber nun nicht zum heißglühenden Leser hat werden lassen. Schade.

Fazit:
Ein eher ruhiger, nachdenklicher Roman, über einen nordkoreanischen Spion in Südkorea, der zurückgerufen wird. Überzeugen konnten mich die Details aus Nordkorea, die Beschreibung des „Kulturschocks“ des Spions, der nach Südkorea kommt und die süffige Leseweise. Doch wenig Aktion, viele Handlungsstränge, welche die Hauptgeschichte nicht voran bringen und Spannungsarmut konnten mich nicht vom Hocker hauen.

 



Kim Young-ha – Im Reich der Lichter
Verlag: Heyne
Übersetzer: Kyong-Hae Flügel und Angelika Winkler
414 Seiten
ISBN: 978-3453405448

 

 

 

 

 


 


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Reblogged | Arimasa Osawa – Giftaffe

Wer heute mal zusehen möchte, wie genau das Geld aus meinem Geldbeutel bzw. von meinem Konto verschwindet, sollte unbedingt bei Phillys Rezension zu „Giftaffe“ von Arimasa Osawa reinlesen. Der japanische Krimi, den sie im Zuge unseres Blogspezial zu Kriminalliteratur aus Ostasien gelesen hat, hat mich gleich mal eine Bestellung tätigen lassen. Mich hatte sie spätestens bei „Hardboiled“. Japan und Hardboiled geht nicht, dachte ich zumindest. Aber wenn das doch geht, dann muss ich das natürlich sofort haben! Seht ihr doch auch so, oder?
Wer sich nun gern anstecken lassen möchte, klickt bitte hier unten auf ihre Rezension – es lohnt sich!

 

 

Wer in unserem Spezial zur ostasiatischen Kriminalliteratur bisher einen schönen Hardboiled-Polizeithriller vermisst hat, voilà, hier ist er: »Giftaffe« von Arimasa Osawa. In der Hauptrolle Oberkommissar Samejima, der Hai von Shinjuku. Und der Haifisch, der hat Zähne Hai übrigens deshalb, Der Beitrag Arimasa Osawa – Giftaffe erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über Arimasa Osawa – Giftaffe — WortGestalt-BuchBlog


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Geschäftsmodell: Die Umarmung des Todes – Natsuo Kirino

Japanische Krimis sind irgendwie  keine Pageturner, sondern eher ruhigere Krimis, die keine Spannungsspitzen aufweisen oder kontinuierlich auf höchstem Spannungsniveau operieren, dafür kontinuierlich ein gewisses, aber mehr unterschwelliges Level an Spannung halten und sich beharrlich und nagend im Kopf des Lesers vorarbeiten. Der Fokus von Natsuo Kirinos Krimi liegt demnach auch auf der Charakterzeichnung und der Spannung beim Zusehen der langsam zuschnappenden Falle, der Zuspitzung des Kriminalfalls.

Die Tat geschieht, wie so oft, unverhofft: Yayoi Yamamoto erwürgt ihren Ehemann, der sie schon lange schmäht und demütigt, erst letztlich auch körperlich angegriffen hat. Zur Beseitigung der Leiche bittet sie ihre Kollegin aus der Lunchpaketfabrik, Masako Katori, um Hilfe. Diese nimmt ihr die Leiche ab und holt wiederum die zwei Kolleginnen Yoshië Azuma und Kuniko Jonouchi ins Boot, die eine gewollt, die andere eher ungewollt. Natürlich ist aber mit der Beseitigung der Leiche die Geschichte nicht zu Ende und das Drama nimmt seinen Lauf.

Ganz klar ist Masako die Protagonistin des Buches, auch wenn alle vier Frauen und auch weitere Charaktere eigene Kapitel bekommen. Masako ist pragmatisch und durchdacht, fast schon kalt. Sie hält die Zügel in der Hand und unterweist auch Yayoi, deren einzige „Glanzleistung“ die Ermordung ihres Mannes Kenji zu sein scheint. Masako ist die einzige der vier, die keine Geldsorgen hat und den Job in der Lunchfabrik angenommen hat, da sie aus ihrem alten, vorigen Job in einer Bank herausgemobbt wurde. Sie lebt in einem Haus mit Mann und Sohn, doch eigentlich leben alle ein eigenes Leben, Familie kann man dies nun nicht bezeichnen. Der Mann hat sich schon lange zurückgezogen, der Sohn spricht nicht mehr. Masako macht sich Gedanken, aber nimmt es gelassen. Sie kann es nicht ändern und am ehesten scheint ihr eine eigene Veränderung möglich. Tatsächlich bietet ihr die Beseitigung von Kenjis Leiche eine Möglichkeit, ihr Leben zu verändern.

Yayois Leben ist einfach, aber erfüllend mit Mann und zwei Kindern, und verläuft geradlinig. Bis Kenji an den Bakkara-Tischen der Spielhöllen versumpft und sich in eine junge Dame eines Clubs verguckt hat und die gesamten Ersparnisse durchbringt. Yayoi ist schön, eine sanftmütige Frau, deren Schönheit gerne bewundert wird. Ihre Tat erschrickt sie erst, doch schon kurz danach – vermutlich auch, da sie an der dreckigen Beseitigung der Leiche nicht beteiligt war – fühlt sie sich befreit, von einer Last erlöst. Zwar meldet sie ihren Mann als vermisst, beantwortet besorgt Fragen, doch sie wirkt nicht wirklich traurig, was weder den Polizisten noch den Nachbarn verborgen bleibt und sie in den Fokus der Ermittlungen stellt, bis die Verbindung zu den Spielhöllen auftaucht. Die 50 Millionen aus der Lebensversicherung machen das auch nicht besser.

Yoshië ist der Charakter, welcher für mich am wenigsten Reiz ausübte. Sie ist pflichtbewusst und arbeitsam, jammert nicht, sondern erträgt. Sie hilft bei der Beseitigung der Leiche, ungern, aber der Bezahlung kann sie nicht widerstehen, ist ihr Leben doch ärmlich. Nach dem Tod ihres Mannes muss sie sich allein um ihre bettlägerige Schwiegermutter und ihre Tochter im Teenageralter kümmern, zudem lädt ihre ältere Tochter irgendwann ihren Enkel bei ihr ab. Nur in der Nachtschicht der Lunchpaketfabrik kann sie arbeiten und mit diesem Gehalt weiter ihren häuslichen Pflichten nachkommen und gerade alles so aufrecht erhalten.

Neben Masako ist Kuniko der spannendste Charakter. Man sieht es kommen, dass sie das Kartenhaus zusammenbrechen lässt. Kuniko hat viele Wünsche, aber kein Geld. Hoffnungslos bei Kredithaien verschuldet kann sie nur noch ihre Zinsen abstottern, aber schon gar nicht etwas zurückzahlen. Bekommt sie ein bisschen Geld in die Hände denkt sie auch gar nicht an Rückzahlung sondern wirft das Geld hemmungslos für Schnickschnack aus dem Fenster. Sie muss in der Lunchfabrik arbeiten, da sie woanders keine Stelle findet. Etwas dicklich und mit schlechtem Kleider- sowie Schminkstil gepaart mit ihrer Faulheit bleiben ihre wenigen Versuche, einen anderen Job zu finden, ergebnislos. Kein Wunder, dass es Masako gelingt, Kuniko zu zwingen und mit Geld zu überreden, bei der Leichenbeseitigung mitzumachen.

Mit dabei sind noch die Polizisten, ein Kollege, ein Kredithai und der Spielhöllenbesitzer, wobei die ersteren die geringste Rolle spielen, die drei anderen aber unbedingt nötig sind, um die Geschichte weiter zu treiben und die vier Frauen zum Äußersten zu reizen. Masako ist nicht nur diejenige im Fokus, sondern treibende Kraft und für mich der beeindruckendste, vielschichtigste Charakter. Ich vermute viele könnten Sie kalt und unberührt finden und so wird sie auch von den anderen Charakteren im Buch empfunden, doch als Leser sieht man mehr. Sie ist eine Frau, dich sich verschlossen hat, verschließen musste, die sich aber keine Schuldgefühle einreden lässt oder mit sich selbst hadert. Sie ist klar in ihren Vorstellungen, bedacht und klug, unerschrocken und pragmatisch. Doch auch sie hat Zweifel und Unsicherheiten – keiner, auch wenn er noch so nach außen erscheinen mag, ist in allem völlig sicher.

Wie anfangs schon angedeutet, handelt sich um einen bedächtigen Krimi, bei dem sich langsam und kontinuierlich die Schlinge um die vier Frauen enger zieht. Ich habe wirklich lange gebraucht, um das Buch zu lesen, wobei es mir jetzt nicht schwer gefallen ist oder langweilig war, aber es war doch hin und wieder ein wenig zäh. Der Fokus liegt klar auf den Charakteren und wie diese mit der Situation umgehen, trotzdem spielen die Ermittlungen eine Rolle und auch die Männer in der Geschichte wirken als Katalysatoren und fördern das Zuspitzen der Ereignisse. Zugegebenermaßen hat mich – warum auch immer – die Erwähnung der Lunchpaketfabrik im Klappentext besonders angesprochen, doch tatsächlich dient sie hauptsächlich als Arbeitsplatz, durch den die vier Frauen sich eben auch kennen gelernt haben.

Über das Ende der Geschichte bin ich noch unschlüssig, denn die Richtung, welche die Geschichte ab einem gewissen Zeitpunkt nimmt, hat mir nicht so sehr zugesagt, allerdings ist es eben dann auch konsequent, dass es zu diesem „Showdown“ kommt, so dass ich doch mit einem zufriedenen Gefühl das Buch zugeklappt habe. Der Sinn des Covers hingegen, auch wenn es sich erst auf den zweiten bzw. mit genauem Blick enthüllt, erschließt sich mir nicht und ich finde es auch unpassend.

Fazit:
Der Krimi schleicht sich bedächtig in den Kopf des Lesers und kann mit seinem Fokus auf die Charakterisierung punkten. Der Krimi löst keine Euphorie aus, aber das soll er auch gar nicht. Es ist eine Geschichte, die bedächtig voran schreitet, die sich festsetzt und leise nachhallt.

 



Natsuo Kirino – Die Umarmung des Todes
Verlag: Goldmann
Übersetzerin: Annelie Ortmanns
608 Seiten
ISBN: 978-3442458528

 

 

 

 

 


 


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Reblogged | Jeong Yu-jeong – Sieben Jahre Nacht

Irgendwie witzig. Während mich das Cover von „Piercing“, welches Philly vor einigen Tagen in unserem Blogspezial um Kriminalliteratur aus Ostasien besprochen hat, gar nicht anspricht, gefällt ihr es sehr. Hier aber wieder, bei „Sieben Jahre Nacht“ von Jeong Yu-jeong finde ich mich wieder und wir stimmen überein – ich weiß nämlich auch nicht, warum das Buch immer noch ungelesen in meinem Regal steht, aber jetzt bin ich zumindest froh, dass es schon mal da steht, denn Phillys Meinung beweist mir, ich hab es genau richtig ausgesucht. Und von der Dicke des Buches sollte man sich nie abschrecken lassen, denn man verpasst Bücher, die einen mitunter schwer begeistern. Findet heraus, warum Philly schwer begeistert war, hier in ihrer Rezension:

 

Ich weiß eigentlich gar nicht, wo ich anfangen soll und wo wieder aufhören. Anfangen vielleicht damit, dass es rückblickend betrachtet eine große Dummheit von mir war, diesen Roman so lange nicht zu lesen. 20 weitere Wörter

über Jeong Yu-jeong – Sieben Jahre Nacht — WortGestalt-BuchBlog