Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Kunst und so: Im großen Stil – Bielefeld & Hartlieb


Claus-Ulrich Bielefeld & Petra Hartlieb – Im großen Stil
Verlag: Diogenes
415 Seiten
ISBN: 978-3257243857

 

 

 

2 Tote, 2 Städte und ein paar Gemälde – darum dreht es sich in diesem Krimi, der in Berlin von Kommissar Thomas Bernhardt und in Wien durch Inspektorin Anna Haber vertreten wird. Die Kunstszene wird beleuchtet, genauer gesagt der Kunsthandel. Privat oder mit Museen, Originale, aber auch Fälschungen, ganz schön teure Fälschungen. Und mittendrin eben nun zwei  Ermittlungen, die zu einer werden – Berlin und Wien in einer ermittlerischen Symbiose.

Mal wieder bin ich einem Thema begegnet, in dem ich herrlich unbefleckt bin und natürlich gerne Informationen in Form eines Krimis aufsauge: Kunst im Allgemeinen, Gemälde im genaueren. Beide Tatorte in den Ermittlungen zeigen Gemälde, einer ist quasi damit vollgestopft. Die Frage ist, ob man es hier mit Originalen oder Fälschungen zu tun hat, wobei ja auch Fälschungen einen gewissen Wert haben. Die Ermittler sind genauso unbefleckt wie ich, so dass die Nachforschungen natürlich einiges an Informationen über die Kunstszene zu Tage fördert. Ein Gemälde rückt in den Fokus: Brueghels „Die niederländischen Sprichwörter“, allerdings nicht so sehr, dass man wirklich viel Genaueres darüber erfährt, hierzu musste ich dann doch andere Quellen bemühen, um meine Neugier zu befriedigen. Auch bei den anderen Gemälden sowie der „Szene“ selbst bleibt die Ermittlung an der Oberfläche, ein Fokus auf ein Thema/Bild hätte mir persönlich gut gefallen.

Die Ermittlungen sind dann auch ein wenig stockend, wobei mir das eventuell auch nur so vorkam, da zu viel Privates der beiden Ermittler hineinspielte. Thomas Bernhardt bandelt so mit einigen Frauen an, die man im Krimi antrifft, und lässt sich weder von Landesgrenzen noch von langjährigen kollegialen Verbindungen zurück halten, derweil Anna Haber den Fehler macht, Berufliches und Privates – um genauer zu sein, die aktuelle Ermittlung – zu vermischen. Ein „No Go“, welches sich prompt rächt, aber dann eben auch den Täter hervorbringt. Nichtsdestotrotz hätte ich diesen lieber durch Ermittlungserfolge auftauchen sehen.

Insgesamt konnte mich der Krimi also nicht so recht überzeugen. Die Ermittlungen, aufgeteilt auf zwei Städte, hätte ich mir spannender vorgestellt und der Anteil an Privatem war mir zu groß. Die Gespräche, bzw. Telefonate zwischen Bernhardt und Haber wirkten oft aufgesetzt und ein wenig ungelenk, mal ganz abgesehen davon, dass mir beide Ermittler weder sympathisch waren noch in anderer Weise mit Struktur versehen, die einem in Erinnerung bleibt.

Ich wollte gerne in die Serie hinein schnuppern und hab mich bewusst für einen Teil in der Mitte entschieden. Dies war aber kein Nachteil  – man kann so wie ich in der Mitte beginnen oder eben doch von vorne, wenn man an der Serie interessiert ist, der Kriminalfall ist ja – wie üblich – eh abgeschlossen. Ich werde die Serie nicht fortsetzen, dazu hatte sie mir einfach zu wenig zu bieten. Zusätzlich kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass das hier aufgestellte Konzept der „Zwei-Städte-Ermittlung“ dauerhaft funktioniert, da es sich ja immer um die gleichen Städte handelt.

Fazit:
Mich konnte der Krimi nicht überzeugen, auch wenn sehr gute Ansätze, wie Ermittlungen in zwei Städten und die Kunstszene, dabei waren. Das private Geplänkel hat mir dann den Rest gegeben – für mich mein erster und letzter Ausflug in diese Serie.


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Über die Grenzen: Drift – Anne Kuhlmeyer


Anne Kuhlmeyer – Drift
Verlag: Argument
317 Seiten
ISBN: 978-3867542258

 

 

 

 

Wenn man Anne Kuhlmeyers neuesten Streich lesen möchte, muss man sich darauf gefasst machen, dass die Grenzen des Genres hier nicht nur ausgelotet werden, sondern mal gänzlich ignoriert werden. Der Titel des Buches deutet hier ganz und gar nicht dezent darauf hin. Man driftet darüber hinaus. Krimi? Eher nicht. Mit kriminellen Elementen, aber ja. Schuld, Reue, Straftat, all das lässt sich finden. Die Realität ist noir. Doch was ist überhaupt Realität? Auch über deren Grenzen driftet Anne Kuhlmeyer hinaus. Ja, was ist das Buch also? Ganz einfach: es ist außergewöhnlich.

„Vielleicht hat er ja etwas darüber gelesen […], zum Beispiel, dass man schon in der Steinzeit Schädel öffnete, um die bösen Geister aus ihnen zu entlassen. Dies scheint mir zuweilen eine Methode, die generalisiert gehörte. Ein Loch in jedermanns Kalotte würde womöglich sämtlichen Todsünden den Garaus machen. Kein Hass, kein Krieg,  und die Kirchensteuer könnte unmittelbar im Straßenbau Verwendung finden. Wege zwischen Leuten zu bauen wäre nützlicher als welche zu Gott, der sowieso nie zu Hause ist, wenn man ihn braucht. Man sollte diese Technik einführen, wie man Tuberkuloseschutzimpfung eingeführt hat, flächendeckend.“ (S. 128)

Anne Kuhlmeyers Schreibstil konnte man schon in „Es gibt keine Toten“ und „Night Train“ bewundern.  Er ist so vieles, doch nie einseitig. Man folgt ihr hinein in philosophische Betrachtungen, lakonische Seen und Nüchternheit, überwindet gemeinsam sarkastische Spitzen und findet doch Verletzlichkeit. Der Tod spielt eine zentrale Rolle, nicht nur, weil Metha, die Protagonistin, Rechtsmedizinerin ist, aber auch.  Diese strandet, gemeinsam mit ein paar anderen Seelen in einem alten, heruntergekommenen Haus, mitten in einem überfluteten Deutschland. Früher ein Grenzposten, nun Bauer Jans Besitz, genauso wie Schaf Olga. Mit dabei sind noch Sydney, ein Junge der sich als Mädchen fühlt, Rosalie, die auf der Suche nach einem Mann ist und Albrecht, der zwischen zwei Frauen pendelt. Das Unwetter, welches die Werra über die Ufer treten lässt, schneidet sie von der Welt ab und sperrt sie gemeinsam in die Hütte.

Angst und Unsicherheit macht sich breit, die Vorräte werden gehortet, bis die Flut an die Haustür klopft. Ein jeder der Gruppe hat Geheimnisse und Sehnsüchte, Erinnerungen und Geschichten, ein Floß kommt vorbei. Die Situation eskaliert und alle tragen Schuld daran. Doch dann gelingt der Autorin ein wunderbarer, außergewöhnlicher aber sehr ungewöhnlicher Kniff. Diesen werde ich natürlich nicht verraten, damit jeder Leser sich selbst überraschen lassen kann, doch sollte er darauf gefasst sein, zu driften. Über das Genre hinaus, über die Grenzen hinweg und an der Realität vorbei. Für den ersten Moment mag es befremdlich wirken, doch dann entwickelt es sich zu einer Geschichte in Geschichten, einem Abenteuer wie ich es in einer eingeschlossenen Hütte nahe der Werra ganz sicher nicht erwartet habe.

Ich mag Anne Kuhlmeyers bisherige Bücher, doch dieses hier hat mich begeistert. Und das mitten im größten Unwetter Deutschlands, abgeschottet mit den Ängsten, Geheimnissen und Erinnerungen von Fremden. Eine Hütte, die die Grenzen der Realität sprengt und doch so realistisch bleibt wie es nur geht. Doch alles kreist um Metha, die schon viel zu lange lebt, um sich immer noch Sorgen zu machen, die aber erst jetzt jemanden findet, der ihre Geschichte nieder schreibt.

Fazit:
Ein Abenteuer über alle Grenzen hinweg. Habt keine Erwartungen, lasst Euch einfach mitnehmen, spürt den Sog, den dieses Buch entwickelt. Außergewöhnlich ungewöhnlich – grandios!


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Zwischen allen Stühlen: Alles so hell da vorn – Monika Geier


Monika Geier – Alles so hell da vorn
Verlag: Argument
412 Seiten
ISBN: 978-3867542234

 

 

 

 

Wenn man sehr viele Bücher – in meinem Fall Krimis – liest, dann möchte man meistens etwas, was sich von der Masse abhebt. Eine Krimihandlung, die nicht schon zum x-ten Mal geschrieben wurde, ein neues, unbekanntes Thema und/oder vielleicht eine sprachliche/literarische Besonderheit sollte der Krimi – im besten Fall – auch noch bieten. Und das natürlich neben der durchgehenden Spannung, die für mich einfach zum Krimi dazu gehört. Wenn man so außergewöhnliche Zutaten gewöhnt ist und sich quasi danach die Lefzen leckt, dann kann einem so ein ganz normaler Krimi doch gar nicht mehr gefallen – oder?
Aber sowas wie von! Denn genau das gelingt Monika Geier in ihrem neuen Bettina Boll Krimi: etwas ganz Normales auf wunderbare Weise spannend zu verpacken. Und ganz nebenbei haut sie uns ganz ordentlich noch einige Themen um die Ohren.

Bettina Boll hat einen neuen Fall. Na ja, oder auch nicht. Also eigentlich dürfte sie gar nicht ermitteln, denn ihr früherer Kollege Ackermann ist darin verwickelt. Eine Hure hat ihm seine Waffe abgenommen und ihn erschossen – warum Ackermann in vollständiger Polizeiuniform und mit Waffe auf Bordellbesuch war, kann man sich vermutlich vorstellen, doch nun ist die Hure flüchtig. Als sie kurz darauf in einem kleinen Dorf ankommt, sich als vor Jahren entführtes Mädchen entpuppt und dann den Rektor erschießt sorgt für einen riesigen Aufruhr. Verschiedene Polizeibezirke, Bildung einer Sonderkommission, sehr, sehr junge Huren, Ermittler von damals, traumatisierte Kinder und Eltern – und Bettina Boll mittendrin.

Boll, eigentlich ja nur in Teilzeit, steckt nun mittendrin im Fall, hat aber gleichzeitig noch den Verkauf ihres Erbes, einer alten Villa, die sie von ihrer Tante geerbt hat, abzuwickeln. Das Haus ist düster und dunkel, bringt bei Bettina alte Erinnerungen hoch und lässt sie schwermütig werden – nix wie weg mit dem Ding. Doch da gibt es noch diese verschlossene Tür im Keller, die sie eben erst hinter einem Regal gefunden hat. Bevor der Verkauf über die Bühne gehen kann, muss noch geklärt werden, was hinter der Tür zu finden ist. Nichtsdestotrotz ist Bettina fest entschlossen, den Bau zu veräußern um der alten Wohnung sowie ihrem klapprigen Taunus alsbald Ade zu sagen.

Immer ein wenig müde und erschöpft schleppt sich Bettina durch den Fall, hin und her gerissen zwischen der Ermittlung, der Kinderversorgung, dem Hausverkauf und den Befindlichkeiten aller möglichen Parteien. Ein Balanceakt, den unverständlicherweise Alleinerziehende zumeist ohne jegliche Anerkennung vollbringen müssen. So wie auch Bettina. Teilzeit gilt als Ausrede, Bettina entweder als persönlich betroffen – wegen Ackermann – oder als hochmütige Schnepfe – bei den Kollegen aus der Pfalz, mit denen sie zum Klinken putzen geschickt wird. Doch egal welche Steine ihr in den Weg gelegt werden, Bettina Boll schnüffelt sich den Weg daran vorbei und verfolgt den Fall so, wie sie denkt. So entpuppt sich ein Fehler, eine Unaufmerksamkeit von Bettina als Glückfall für die Ermittlungen, genauso wie ihr untrüglicher Instinkt für Details den Fall nicht nur voran bringt, sondern letztendlich löst.

Bettina Boll ist natürlich das Zentrum, um welches dieser Krimi kreist, doch äußerst lobend muss ich auch erwähnen, dass die Nebencharaktere allesamt höchst charmant daher kommen. Seien es nun die jugendlichen Nutten – ob verhuscht leise oder polternd aggressiv – oder die Pfälzer Kollegen, mit denen Bettina sich reibt, da sie so gar nicht in die Tagesplanung passt und dazu noch das obligatorische, bodenständige und sehr fettige Mittagessen verschmäht. „Des is hausgemacht, des merkt mer, und wemm des net schmeckt, der weeß net, was gut ist.“ (S.216).
Auch Manga, die Hure, welche Ackermann erschossen hat, kommt zu Wort und so offenbart sich auch von dieser Seite das Warum, zeigt eine tief verletzte, aber fürsorgende Seele. So zeigen selbst die kleinen Nebenrollen eine starke Charakterzeichnung und liebevolle Detailarbeit.

Authentizität in ihrer reinsten Form: Bettina Boll als Halbtags-Ermittlerin, Teilzeit-Mutter, Immobilienverkäuferin, Kollegenschreck. Keiner kann nur arbeiten oder nur Mutter/Vater sein – es gibt doch immer tausend Dinge zu planen, zu organisieren, zu erledigen. Ermittler, die sich mit Haut und Haaren den Ermittlungen verschreiben sind doch eher die Ausnahme(und zudem meist Sonderlinge und Einzelgänger) – der Normalfall ist Bettina Boll. Und trotzdem kriegt sie ihren Fall geknackt.  So geht Realität. So geht Krimi.

Fazit:
Bettina Boll in Höchstform – wie immer zwischen allen Stühlen, aber mit dem richtigen Instinkt ausgestattet. Ein tiefschwarzer Krimi, der einem listig verpackt die Realität vor Augen hält, und nebenbei ganz wunderbar spannend unterhält.  Sehr zu empfehlen!

 

So, und weil ich nun gerade Lust darauf habe und finde, dass unbedingt mehr Leute Monika Geier lesen sollten, verlose ich ein Exemplar von “Alles so hell da vorn”. Wer mitmachen will, bitte einfach unter diesem Beitrag kommentieren. Das Gewinnspiel endet am 21.05.2017 um 23:59 Uhr. Die Auslosung erfolgt dann in den darauffolgenden Tagen. Und nun – viel Glück!

 

Das Kleingedruckte
Der Gewinner wird aus allen Teilnehmern ausgelost. Der Name/ Nickname des Gewinners wird nach der Auslosung auf meinem Blog veröffentlicht und der Gewinner außerdem per Email benachrichtigt (bitte denkt also daran, beim Kommentieren eine tatsächlich von euch genutzte Emailadresse zu benutzen). Die Adressdaten des Gewinners werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt Ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.

 


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42: Des Menschen Wolf – Apostolos Doxiadis


Apostolos Doxiadis – Des Menschen Wolf
Verlag: Tropen
Übersetzung: Barbara Heller
320 Seiten
ISBN: 978-3608501575

 

 

 

Ach, was sind die nachtragend, diese Mafiabosse. Schließlich war es nur eine Kneipenschlägerei, bei der Ben Frank, recht alkoholisiert, aus Versehen den Sohn von Tonio Lupo umbringt. Und so verhängt er über Ben Franks drei Söhne Al, Nick und Leo die maledizione, eine Blutrache. Lupos Sohn musste mit 42 Jahren sterben, so sollen auch Ben Franks Söhne nur bis zu ihrem 42ten Lebensjahr auf der Erde wandeln. Da Leo aber erst gerade in die Schule gekommen ist und der Mafiaboss kränkelt, kann Tonio Lupo die Blutrache nicht mehr selbst ausführen und beauftragt einen seiner Getreuen mit dieser Aufgabe. Und zwar nur mit dieser einen Aufgabe, abzuwarten, bis jeder der Brüder 42 geworden ist und ihn dann zu ermorden. Wie schläft es sich, wenn man genau weiß, wann man sterben muss?

Mafia und Rache? Gehört wohl zusammen wie Butter und Brot und ist jetzt auch keine große Überraschung. Auch die Rache an Familienmitglieder ist in diesen Kreisen mehr als üblich. Die besonderen Bedingungen dieser Rachegeschichte sind allerdings nicht ganz so üblich, um nicht zu sagen, dass mir diese noch nicht in der literarischen Welt begegnet sind. Ein Racheversprechen an den Kindern des Delinquenten – ausgesprochen von einem alten, kranken Mann? Es ist wohl eine Sache der Mafiaehre, dass die Beauftragten Tonio Lupos letzten Wunsch überhaupt so lange verfolgen. Immerhin sprechen wir mitunter von über 30 Jahren. Wie gut, dass Lupo sich hier einige Gedanken gemacht hat und neben der Ehre noch ein paar Milliönchen als Bezahlung drauf legt – natürlich nur nach Erfolg der Aufträge.

Der Erzähler in dieser Rachegeschichte ist ein alter Mann im Seniorenheim, der über zwei Nächte einem Fremden, die Geschichte auf ein Tonband spricht. Für ein Buch eine ungewöhnliche, aber sehr erfrischende Art, eine Geschichte zu erzählen. Die Beteiligung des alten Mannes an der Geschichte denkt man sich dann auch recht schnell, denn es wird genau geschildert, wie sowohl das Leben der 3 Brüder abläuft, als auch das des Mörders – und irgendwas muss der Erzähler doch damit am Hut haben! Die jeweiligen Kapitelübersichten sind mit drei Männchen (je nach Lebenszustand) markiert, derweil der Mörder den Wolf als Symbol zugeordnet kriegt, da er im Auftrag von Tonio Lupo handelt. Diese kleinen Hinweise fand ich entzückend – im Übrigen genauso gelungen wie das Cover selbst. Doch nicht nur die Gestalter des Romans hatten ihren Spaß, sondern auch der Autor lädt mit der Zahl 42 dazu ein, sich schmunzelnd ein anderes Werk in Erinnerung zu rufen.

Die Lebensgeschichten der Brüder sind sehr ausführlich und teilweise detailverliebt geschildert und der alte Mann steuert dann auch hin und wieder Kommentare dazwischen. In meinem Lesefluss gab es ein paar Längen, doch man kann dem Autor keineswegs vorwerfen, die Charaktere nicht genau gezeichnet zu haben. Doch auch die Kommentare des alten Mannes sorgen für Auflockerung und die Lebensgeschichten sind nichtsdestotrotz recht kurzweilig und unterhaltsam. Ab einem gewissen Zeitpunkt reiht sich dann die Lebensgeschichte des Wolfes mit ein, nicht ganz so ausführlich, dafür füllt diese dann die Lücken der Geschichten von Al, Nick und Leo. Alle drei Brüder wählen unterschiedliche Wege, um ihrem Schicksal zu entkommen und zeigen sich dabei sehr einfallsreich und gewieft. Es macht Spaß den Dreien bei ihren Überlegungen zu folgen, doch auch wenn die Bedrohung ständig über allen Aktionen schwebt, dauert es natürlich schon eine Weile, bis der “Wolf” in Aktion tritt, bzw. die Aktion vorbereitet. Teilweise bekommt er hierfür sogar überraschende Hilfe, die dann aber doch etwas konstruiert wirkt.

Das Genre des Kriminalromans ist weit gefasst und so passt denn auch “Des Menschen Wolf” hinein und bietet wohl bekannte Zutaten. Und auch wenn die Lebenswege der drei Brüder viel Unterhaltung bieten und eine ständige leise Drohung im Hintergrund schwebt, bietet das Buch doch irgendwie auf weiten Strecken wenig Spannung. Zum Ende hin zieht der Spannungsbogen natürlich an, trotzdem war ich vom Ende ein wenig enttäuscht, da es für mich ab einem gewissen Zeitpunkt vorhersehbar war.

Fazit:
Eine besondere Rachegeschichte, die unterhaltsam als Geschichte erzählt wird und durch ihre genaue Charakterzeichnung lebt.


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Krimi-Leserunde zu “Der Auserwählte” von Frank Göhre

In der kleinen, aber feinen Gemeinde der Krimi-Blogger haben wir vor Kurzem beschlossen, nochmals eine Krimi-Leserunde zu veranstalten. Nach einigen terminlichen und inhaltlichen Abstimmungen, ist es nun soweit: morgen startet unsere Leserunde! Ausgesucht haben wir uns “Der Auserwählte” von Frank Göhre, ein feiner Noir-Krimi aus dem Pendragon-Verlag.
Und auch wenn wir die Runde quasi “unter Bloggern” beschlossen haben, sind jederzeit spontane Mitleser willkommen, egal ob Blogger oder Leser.

Frank Göhre – Der Auserwählte
Inhalt: Eloi – Der Auserwählte – ist gelinkt worden. Nun schuldet er David Geld. Drogengeld. Der illegal in Hamburg lebende Afrikaner gerät mächtig unter Druck. Und plötzlich ist Eloi verschwunden. Gekidnappt. Welche Rolle spielt Elois Mutter bei dem Verbrechen? Liegt der Schlüssel zur Aufklärung in ihrer bewegten Vergangenheit, die sie Ende der Achtzigerjahre auf eine kanarische Insel führte?
Auf der Sonneninsel herrschte ein ›genialer Erzieher‹ über eine Gruppe höriger Anhänger. Und Elois Mutter war seine Gespielin. Jetzt geht es um Geld – um sehr viel Geld. Aber auch um Gerechtigkeit, Schuld und Sühne aus scheinbar längst vergangener Zeit …

Leseabschnitte:

1. Abschnitt: Anfang – S. 57 (Kapitel 1-8)
2. Abschnitt: S. 58 – S. 121 (Kapitel 9-20)
3. Abschnitt: S. 122 – S. 189 (Kapitel 21 – 31)
4. Abschnitt: S. 190 – Ende (Kapitel 32 – 45)

Wer ist bei der Leserunde dabei?

Philly von Wortgestalt
Gunnar von Kaliber.17
Kaisu von life4books
Alexander von Der Schneemann
Michael von Bookaholics
Stefan von Crimealley
Ich 🙂
… und natürlich jeder, der sich spontan entschließt, mitzumachen!

Wie läuft die Leserunde ab?

Die Leserunde startet morgen, am 22.04.2017. Im Kommentarbereich unter diesem Beitrag richte ich pro Leseabschnitt einen Kommentar ein, unter dem jeder, der den Abschnitt gelesen hat, kommentieren und mit den anderen darüber diskutieren kann. Jeder liest in seinem eigenen Tempo und kommentiert im jeweiligen Leseabschnitt, wenn er soweit ist.

Da bei einer Leserunde das Buch gelesen und der Inhalt auch besprochen wird, besteht Spoilergefahr. Wer also das Buch noch nicht kennt, aber noch lesen möchte, meide bitte den Kommentarbereich. Leser, die das Buch bereits kennen, sind natürlich auch herzlich eingeladen, mitzudiskutieren.

 


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Inside Vietnam: Nach der Schlacht – Le Minh Khue


Le Minh Khue – Nach der Schlacht
Verlag: Argument
Übersetzer: Günter Giesenfeld, Marianne Ngo und Aurora Ngo
208 Seiten
ISBN: 978-3867542159

 

 

 

Wie so einige Viellesende träume auch ich davon, literarisch einmal in jedes Land der Welt zu schnuppern, am besten durch eine Autorin oder einen Autor, der aus diesem Land stammt. Würde ich zur Dokumentation eine Weltkarte benutzen, könnte ich nun ein weiteres Land mit einem farbigen Fähnchen „abhaken“: Vietnam. Wunderbarerweise hat der Argumentverlag für seine Ariadne-Krimis die vietnamesische Schriftstellerin Le Minh Khue gewinnen können, von der nun zwei Kurzgeschichten im Band „Nach der Schlacht“ auf Deutsch vorliegen.

Vietnam – was genau weiß ich eigentlich darüber? Jeder hat wohl den Vietnamkrieg im Kopf und auch wenn ich die Hollywood-Streifen, in denen mehr oder weniger heroische Helden in irgendwelchen Dschungeln im Sumpf versinken, nicht genau kenne, ist das doch immer eine amerikanische Perspektive. Der Krieg war für die USA ein Desaster, doch wie war es für Vietnam, für die Menschen, die dort leben? Le Minh Khue nimmt uns nur teilweise mit in diese Zeit, zeigt aber ganz deutlich die Auswirkungen dieses verheerenden Krieges und des Kommunismus. Doch das zeigt sie an Familien, an Schicksalen, am Leben der Menschen in Vietnam. Hier werden keine großen politischen Schlachten geschlagen – es geht um das Alltägliche, das Leben der Menschen.

„Das wirkliche Leid traf die Mütter, die durch ihre Kinder ihr Herzblut für den Krieg vergossen. Im Krieg ging es immer nur um Sieg, Strategie, Taktik, der Verlust an menschlichem Blut, das viele konkrete individuelle Leid zählte nicht.“ (S. 52)

„Stürmische Zeiten“ folgt zwei Halbbrüdern ein halbes Leben lang. Der eine wächst wohlbehütet in der Familie auf, der andere, der Sohn der Geliebten, lebt verstoßen und mit seiner verbitterten Mutter. Der Krieg, in dem beide zu unterschiedlichen Seiten angehören, lässt die beiden Jahre später aufeinander stoßen und bringt Verbitterung, Hass und Gemeinheiten herauf, deren sich die Alten, die das Unglück verursacht haben, schon fast nicht mehr bewusst sind, in den Kinderköpfen aber sehr wohl noch eindrücklich vorhanden.

„Eine kleine Tragödie“ beginnt zeitlich viel später und handelt von einer Journalistin, die mit distanziertem Blick eine Tragödie ihrer Familie erzählt. Die Journalistin ist eine einfache Frau, die sich durchs Leben schlagen muss. Allerdings die Nichte eines Parteimitglieds, eines hohen und mächtigen Parteimitglieds, dessen Tochter gut mit ihr befreundet ist. Die Unterschiede der Welten dieser beiden Frauen sind wie Tag und Nacht, doch auch hier holen die Sünden der Alten die Kinder ein und die wohlbehütete Tochter büßt ihr Glück letztendlich ein.

Die Auswirkungen des Krieges, der nicht kritisierbare Kommunismus, zu wenig zum leben, zu viel zum sterben, das tägliche Harren auf ein besseres Leben und gleichzeitig das müde Akzeptieren der Gegebenheiten offenbart eine fremde Kultur, eine fremde Politik – alles scheint so anders. Und doch, betrachtet man die Grundstruktur, sind die kleinen Geschichten, die das Leben schreiben, doch die gleichen wie man sie auch hier, in Europa oder eben überall auf der Welt, findet. Familientragödien, Fehler, welche die Eltern (hier eigentlich die Väter) machen und die Kinder ausbaden dürfen, bzw. müssen, Hass, der sich aufstaut und in Rache gipfelt oder in schierer Ohnmacht endet. Diese Mischung aus einem für mich neuen, unbekannten Hintergrund – Vietnam mit all seinen Facetten – und gewohnt alltäglichem, menschlichen Verhalten fand ich unglaublich faszinierend. Ein vietnamesischer Blick auf Vietnam, der zwar zeigt, dass die Grundzüge der Menschheit doch gar nicht so anders sind, aber genau darin, mit der Kombination der Geschichte, Kultur und Politik des Landes, einen unglaublichen Sog entwickelt und einen in neue, unbekannte Abgründe schubst.

Fazit:
Ein unverstellter und faszinierender Einblick die Geschichte und Kultur Vietnams, welcher in Kombination mit den alltäglichen Grausamkeiten, die sich Familienmitglieder antun, ein realistisches Bild der Gegenwart Vietnams und dessen Kampf mit seinen Wurzeln zeigt. Ergreifender Lesestoff!


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Freund oder Feind: Suff und Sühne – Gary Victor


Gary Victor – Suff und Sühne
Verlag: Litradukt
Übersetzer: Peter Trier
160 Seiten
ISBN: 978-3940435200

 

 

 

Endlich ist er da – der neue Krimi mit Inspektor Azémar! Sehnlichst von mir erwartet, nachdem mir die beiden ersten Teile „Schweinezeiten“ und „Soro“ so gut gefallen haben. Was soll ich sagen? Ich bin wieder höchst zufrieden – Azémar zeigt sich von seiner besten Seite, auch wenn er angeschlagen ist. Der Voodoo hat es diesmal nicht mehr als Untertitel auf das Cover geschafft und nicht nur, dass er deutlich weniger in diesem Teil zutage tritt, sondern er ist auch nicht mehr ungewöhnlich. Er gehört einfach zu Haiti, zu Azémar, zum Krimi. Und doch gibt es etwas Ungewöhnliches, denn Azémar versucht, dem Soro zu entkommen.

Dieuswalwe Azémar macht tatsächlich eine Erziehungskur. Erzwungenermaßen. Begleitet von Geistern und Halluzinationen durchlebt er die Hölle und versucht den Kampf gegen den Soro zu gewinnen, als eine junge Brasilianerin seine Wohnung stürmt und ihn beschuldigt ihren Vater,  General Racelba von der MINUSHTA (das Kommando der Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Haiti) getötet zu haben. Zum Beweis wirft sie ihm Fotos hin, die tatsächlich ihn, Inspektor Dieuswalwe Azémar zeigen, wie er dem General eine Waffe an den Kopf hält und abdrückt. Azémar kann sich nicht erinnern und streitet alles ab, doch die Fotos erzählen eine andere Geschichte. Fälschungen? Fotomontage? Wie kann es sein, dass Fotos ihn dabei zeigen, wie er einen guten Mann erschießt und er sich nicht daran erinnern kann? Bevor er dazu kommt, das Missverständnis auch nur ansatzweise aufzuklären – oder es zumindest versuchen – stürmen einige brasilianische Soldaten seine Wohnung und erschießen die junge Frau, derweil Azémar es gerade noch gelingt zu fliehen.

Azémar befindet sich in „Suff und Sühne“ auf der Flucht und versucht gleichzeitig hinter das Geheimnis der Fotos zu kommen. Gar nicht so einfach, denn die Entziehungskur macht ihm zu schaffen. Halluzinationen strömen durch ihn hindurch, einschneidende Erlebnisse seiner Vergangenheit verursachen Alpträume. Azémar hat schon getötet, doch nie aus Rache, immer nur, um dem Land, den Leuten, Haiti Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Als einer der wenigen oder gar als einziger ehrlicher Mann im Polizeidienst.

„Hatte er Zorn empfunden, wenn er getötet  hatte? Ja, oft. Einen unpersönlichen Zorn. Wenn er tötete, tat er es für andere, für diejenigen, die sich von all den Folterknechten, den Betrügern, Flibustiern und Schurken befreien wollten, von denen dieses Land verseucht war. Beinahe wäre er in Gelächter ausgebrochen. Er suchte auch noch nach einer Rechtfertigung für seine Verbrechen. Er war verdammt.“ (S. 44)

Doch nachdem sein Wohltäter und Beschützer Kommissar Solon nicht mehr da ist, hat er einen neuen Vorgesetzten: Kommissar Dulourd. Und der will ihn erst mal aus dem Weg schaffen und verordnet ihm die Entziehungskur, die ihm so viel Leid verschafft. Doch auch Azémar erkennt, dass eine Enziehungskur ihm helfen würde  – das heißt aber noch lange nicht, dass der Soro nicht lockt.

In diesem angeschlagenen Gemütszustand muss Azémar das Geheimnis um die Fotos klären. Eine verzwickte Sache, denn die Fotos zeigen nun mal wirklich ihn, es ist keine Fotomontage. Doch der Mord an dem General wurde als Selbstmord zu den Akten gelegt. Wer hat hier etwas gedreht? Azémar wühlt sich durch politisches Sperrgebiet. Die UN kommt nach Haiti um zu helfen, doch oftmals wandeln sich die Helfer in die nächsten Raubtiere, die dem Land und der Bevölkerung schaden. Die Eliten der Insel, die Staatsmacht kriegen sie in ihre Finger und korrumpieren sie. Doch General Racelba war einer der wenigen, der Gutes im Sinne hatte – warum hätte Azémar ihn also töten sollen?

Verwoben ist der Fall natürlich – und ohne geht es gar nicht – mit dem Land, den Leuten und der Politik. Haiti befindet sich, einige Jahre nach dem zerstörerischen Sturm, immer noch nicht im Normalzustand. Flüchtlingslager und Notunterkünfte sind zu Wohnvierteln geworden, die Hilfskräfte immer noch präsent, wenn auch nicht immer zur Hilfe und Unterstützung derjenigen, die sie benötigen. Die Reichen im Land halten ihren Reichtum und beuten die Armen auch noch aus. Der Reichtum ist hier so elementar falsch verteilt, dass es an ein Wunder grenzt, dass das Land noch irgendwie funktioniert. Die Menschen leben im Elend und für sie ist das mittlerweile Alltag. Die Menschen sind verzweifelt, aber nicht am Ende. Irgendwie geht es wohl immer weiter. Es ist ein Land, geknebelt von seinen Reichen und Führern, dass sich kaum mehr bewegen kann. Korruption und illegale Geschäfte bestimmen die Gesellschaft.

„So funktionierte das Land. Eine Stufenleiter, auf der in endloser Folge einer vor dem anderen niederkniete und gefickt wurde.“ (S. 67)

Und doch gibt es Hoffnungsschimmer. Das diese allerdings ausgerechnet von einem Verbrecher ausgehen ist seltsam, aber doch auch ein wenig romantisch. Raskalnikow ist einer der Bandenchefs auf Haiti, der sich einen harten Ruf erworben hat, aber gleichzeitig Essen unter den Armen verteilt – eine Art haitianischer Robin Hood. Ihm wird vorgeworfen, den Sohn eines Industriellen entführt zu haben – doch war er es wirklich? Was steckt hinter Raskalnikow – und vor allem, wer ist er? Literarisch bewanderten Menschen wird der Name etwas sagen, doch ich persönlich musste ein wenig nachschlagen, auch wenn der Autor hier ein, zwei Tipps gibt. So hat sich der Verbrecher nach der Hauptfigur aus Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ benannt, die auch davon überzeugt ist, über dem Gesetz zu stehen und nobler als andere Menschen zu agieren. An dem Roman hat der Autor auch seinen Titel angelehnt und aus der Schuld den Suff geformt. Man muss nun aber kein Kenner Dostojewskis sein, um den Krimi zu genießen, also keine Sorge.

Wie ich es nicht anders erwartet habe, hat mir der neue Teil um Inspektor Azémar wieder außerordentlich gut gefallen. Die Kombination aus spannendem Fall in der haitianischen Umgebung ist einfach unglaublich faszinierend. Haiti ist so weit weg und doch ist man mit der Lektüre mittendrin. Mitten im Dreck und der Hitze, zwischen bettelarmen Schluckern und parfümierten Reichen, die sich keiner Schuld bewusst sind. Doch die Korruption reicht bis weit in die unteren Ränge, es scheint so, als könnten nur wenige dem Vorteil, den sie sich davon versprechen, entkommen. In diesem Land eine ehrliche Haut zu sein, erfordert viel Mut. Inspektor Azémar braucht davon nun eine ganze Menge, denn der Soro wird ihm nicht mehr weiterhelfen… Oder?

Fazit:
Gary Victor ist es wieder gelungen, mich mit Haiti und seinem Inspektor Azémar in den Bann zu ziehen. Bildgewaltig, schonungslos und fesselnd!