Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Bloß die Sekretärin: Ein Job für Delpha – Lisa Sandlin


Lisa Sandlin – Ein Job für Delpha
Verlag: Suhrkamp
Übersetzerin: Andrea Stumpf
351 Seiten
ISBN: 978-3518467794

 

 

 

 

Ja, es gibt diese Bücher. Bücher, bei denen man sich vorab denkt: na, dazu schreib ich jetzt mal keine Rezension. Und dann liest man das Buch und muss einfach etwas dazu schreiben. Es geht gar nicht anders, man muss einfach jedem und allen mitteilen, wie klasse das Buch ist, verflixt nochmal!
Und so ein Buch ist das hier.  Also liebe Leser, bitte jetzt durchatmen und vorbereiten auf die kommenden Begeisterungsstürme.

Worum geht es da überhaupt?
Texas, in den Siebzigern. Delpha kommt nach 14 Jahren aus dem Gefängnis frei. Mit 18 Jahren ist sie ins Gefängnis gekommen,  für ein Verbrechen, wofür ihr eigentlich ein Orden zusteht. Jetzt ist sie draußen und ist auf der Suche nach Job, Unterkunft, Lebensinhalt. Mit Chuzpe und Beharrlichkeit ergattert sie einen Job bei Tom Phelan, der gerade eine Detektei eröffnet hat und eine Sekretärin sucht. Neben den Fällen, welche die beiden beschäftigen, versucht Delpha ihr Leben in den Griff zu bekommen. Gar nicht so einfach, wenn plötzlich der Mann auftaucht, der einen ins Gefängnis gebracht hat.

Und warum ist das jetzt was Besonderes?
Hauptsächlich wegen Delpha. Schon klar, nur die Sekretärin. Aber im Gegensatz zu vielen Heldinnen in anderen Krimis und Thrillern, ist Delpha keine vorlaute, gewiefte und charmante Person. Nein, sie ist still, zurückhaltend, überlegt und hat ganz genau im Blick, dass sie sich keinen Fehler leisten darf, um nicht wieder im Gefängnis zu landen. Sie ist jetzt auch nicht sonderlich schlau – muss sie aber gar nicht sein, denn als Liebhaber von Bibliotheken weiß sie ja, woher sie ihre Informationen bekommt. Und natürlich weiß sie was sie will und was nicht. Aber sie erwartet einfach mal nichts vom Leben und ist einfach nur glücklich und dankbar, wenn ihr etwas Gutes passiert. Und so ganz nebenbei verleiht sie damit nicht nur den Fällen, um die sich Phelan kümmert, sondern auch dem ganzen Roman das gewisse Etwas. Einfach so. Ganz heimlich, still und leise. Und damit viel stärker und gewaltiger als so viele andere Protagonisten.

Na ja, ok, aber nur so eine Tippse als Protagonistin… ?
Ah, es gibt ja noch Tom Phelan und die Detektei. Dieser hat eben gerade erst eröffnet, nachdem er in seinem vorigen Job auf einer Bohrinsel einen Finger eingebüßt hat. Das Geschäft läuft natürlich erst ein wenig schleppend, aber so hin und wieder kommt da der ein oder andere Fall herein. Ja, genau. Nicht nur einer, DER Fall sozusagen, denn es kann ja nicht jeder gleich den Malteser Falken suchen. Es sind Kleinigkeiten, welche die Mandanten von Phelan möchten, doch wie so oft steckt manchmal mehr dahinter. Zur Polizei können oder wollen diese nicht – und das hat seinen Grund. Auch Phelan erfährt nicht alles, so dass ein einfacher Fall sich dann schon in andere, größere Dimensionen auffächern kann.

Und sonst so?
Ansonsten ist der Krimi einfach ein richtig toller Private Eye Krimi. Klar, beim Jonglieren mit mehreren Fällen muss man ein wenig am Ball bleiben, aber ansonsten liest sich das Buch einfach in einem Rutsch weg. Es macht unheimlich viel Spaß, was aber nicht heißt, dass er albern wäre. Es ist einfach ein saumäßig guter Krimi. Und wer mir jetzt immer noch nicht glaubt, darf gerne noch wissen, dass auch die Juroren für den Hammett Prize und den Shamus Award diesen fabelhaften Krimi gekürt haben. Und wer den Amis bei den Krimibewertungen nicht traut, sollte einen Blick in die Krimibestenliste der FAZ werfen – denn auch da lässt sich Lisa Sandlin finden. So, und jetzt geht los und lernt Delpha kennen, ab in den nächsten Buchladen mit Euch!

Fazit
Heimlich, still und leise ist das Motto, denn dieser Krimi hat sich ganz unvermutet jetzt schon seinen Platz in meiner Jahresliste der besten Titel gesichert.

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Paranoia: Cambridge 5, Zeit der Verräter – Hannah Coler


Hannah Coler – Cambridge 5, Zeit der Verräter
Verlag: Limes
406 Seiten
ISBN: 978-3809026822

 

 

 

 

Es mag ein spannendes Thema sein, doch bisher konnten mich die Spionageromane nicht locken. Hin und wieder habe ich reingeschnuppert, aber ich finde das Konzept der Spionage und Gegenspionage, die ständige Paranoia und Geheimniskrämerei immer eher ein wenig verwirrend denn spannend. Nichtsdestotrotz hat mich der Klappentext von Hannah Colers Roman magisch angezogen und als Schmankerl habe ich das Buch auch noch in einer Leserunde lesen dürfen. Eine perfekte Situation, um aufkommende Verwirrung während des Lesens gleich mal zu diskutieren und auszumerzen, so dass ich die Geschichte um die Cambridge 5 genießen konnte.

Kim Philby und die Cambridge 5, ein berühmt-berüchtigte Gruppe von fünf Studenten aus Cambridge, die in30er Jahren von der Sowjetunion als Spione angeworben wurden, sind das Thema von Wera, einer deutschen Studentin. Sie zieht nach Cambridge, um dem Thema möglichst nah zu sein, aber auch, da Professor Hunt, sich bereit erklärt hat, hierfür ihr Doktorvater zu sein. Doch das Thema ist heikel, denn Philby mag zwar in der Sowjetunion als Held gefeiert werden, in Cambridge hingegen wird über ihn lieber geschwiegen.  Und dann findet Wera eine Leiche – hat sie mit ihren Recherchen etwa jemanden aufgeschreckt?

Krimi/Thriller oder doch eher Roman? Hannah Coler, im Übrigen ein Pseudonym einer bekannten Historikerin, die auch schon einige andere Bücher veröffentlicht hat, gelingt es, die Geschichte der Cambridge 5 mit einer spannenden Handlung zu kombinieren. Im Prinzip setzt sich das Buch aus drei Handlungssträngen zusammen, die miteinander verwoben werden.

Zum einen wird die Geschichte um die Cambridge 5, aber mit Fokus auf Kim Philby, über Weras Arbeit transportiert. Auch wenn den Ausschnitten ihrer Arbeit die wissenschaftlichen Noten fehlen – zum Glück für mich, denn so liest sich ihre Arbeit sehr spannend – kann diese im Anhang nachlesen. So ist ihre Arbeit eher eine Biografie um den berühmten Meisterspion, denn ein wissenschaftliches Pamphlet. Neben den realen Tatsachen werden auch Vermutungen über Philbys Entscheidungswege aufgegriffen und untersucht, z. B. welche Gründe Philby dazu bewogen haben, Großbritannien zu verraten, doch auch auf Philbys Umfeld, wie Dr. Arnold Deutsch, der Philby für die Sowjetunion angeworben hat, wird ein tieferer Blick geworfen.

Der zweite Handlungsstrang spielt in den siebziger Jahren und dreht sich wieder um fünf Studenten, einer von Ihnen Hunt, aber auch Jenny Green, die beide später in Cambridge unterrichten. Doch auch die anderen drei sind noch in Cambridge zu finden und haben ihren Weg gemacht: Denys, Master des College samt Gattin Georgina und Stef, ein Computergenie mit eigener Firma. 2014 finden wir dann Wera, die neben Jasper und David, eine der Doktoranden bei Hunt ist. Wera wird nach und nach in das Cambridger Leben reingezogen und muss überrascht feststellen, dass Cambridge nicht nur in den Dreißigern ein beliebtes Rekrutierungsgebiet der Geheimdienste war, sondern es immer noch ist.

Ganz leicht gelingt es der Autorin die Paranoia über das ganze Buch auszubreiten. Man ist sich einfach nicht mehr sicher, wer jemand ist oder wer er vorgibt zu sein. Irgendwann verdächtigt man jeden der Spionage und wechselt auch fröhlich zwischen den Geheimdiensten. Ein Rätselraten par excellence beginnt und auch wenn man vielleicht doch eine/n der Spione schon von Anfang an im Verdacht hatte, ist man am Ende von anderen doch wieder überrascht.

Die Abwechslung mit den Auszügen aus Weras wissenschaftlicher Arbeit lassen die Spannung und das Rätselraten nur noch größer werden, sie fügen sich ein und wechseln hab, ganz ohne zu stören. Das Ende ist dann aber logisch und entwirrt die Rätsel, wenn auch ganz kleine Kleinigkeiten übrig bleiben, über die man noch nachdenken kann. Ein ganz kleines Manko für mein Krimiherz ist, dass das Ende dann doch recht unspektakulär daher kommt. Hier hätte die Autorin noch ein fulminantes Ende einbauen können, doch in diesem Sinne passt das Ende wieder hervorragend. Es ist eben kein Krimi/Thriller, es ist ein Roman um die spannenden Verwicklungen Cambridges in die Geschichte der Geheimdienste.

Fazit:
Ein spannender Roman um die Cambridge 5, aber auch um die immer noch anhaltende Verwicklung von Cambridge in die Geschichte der Geheimdienste. Wer weiß schon genau, wer ein Spion ist? Schaut Euch Eure/n beste/n Freund/in lieber nochmal genauer an!


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Gemach, gemach: Ein irischer Dorfpolizist – Graham Norton


Graham Norton – Ein irischer Dorfpolizist
Verlag: Kindler (Rowohlt)
Übersetzerin: Karolina Fell
331 Seiten
ISBN: 978-3463406909

 

 

 

 

„Es war in der Einwohnerschaft von Duneen weitgehend akzeptiert, dass, sollte ein Verbrechen geschehen und es Sergeant Collins gelingen, den Täter festzunehmen, dieser Verhaftung wohl kaum eine Verfolgung zu Fuß vorausginge. Die Leute mochten ihn durchaus, und es gab im Grunde keine Beschwerden, aber es sorgte dennoch für einige Beunruhigung, dass die Sicherheit im Dorf von einem Mann abhing, dem schon beim Gang zur Kommunion der Schweiß ausbrach.“ (S. 9)

Sergeant PJ Collins ist dick. Nur mit Mühe und Not hat er überhaupt die Polizeiprüfung bestanden, doch die Arbeit in einem Team von Polizisten war ihm zu viel. Er konnte sich nicht einfügen und seine Kollegen wollten das auch nicht. So kommt es, dass Collins sich nach Duneen versetzen lässt. Ein kleines Dorf, welches nur einen Polizisten nötig hat, so dass Colllins sich hier mit keinen Kollegen rumschlagen muss. Und ganz ehrlich, viel passiert hier eh nicht. Verkehrsunterricht an der Schule, Nachbarschaftsstreitigkeiten, vielleicht mal eine Prügelei im örtlichen Pub. So hat er es sich in Duneen gemütlich gemacht, mit drei warmen Mahlzeiten, serviert von Mrs. Meany, die nicht nur ihn sondern auch die Polizeistation versorgt. Doch dann werden beim Bau einer Neubausiedlung Knochen ausgebuddelt, menschliche Knochen. Ungefähr 20 Jahre alt fällt sofort der Name Tommy Burke. Dieser ist damals urplötzlich verschwunden, nachdem sich zwei Mädchen seinetwegen geprügelt hatten. Doch ist Tommy Burke das Opfer – oder der Mörder?

Dieser Fund bringt PJ Collins völlig aus dem Gleichgewicht. Zum einen freut er sich, endlich etwas sinnvolles mit seiner Ausbildung anzufangen, zum anderen aber fürchtet er, der Belastung nicht stand zu halten, zumal er das Rätsel ja nicht alleine lösen darf. Natürlich rücken die Experten an, allen voran Linus Dunne, ein versnobter Detective aus dem nahe gelegenen Cork. Nichtsdestotrotz stürzt er sich in die Arbeit und von ein paar Schnitzern und Fettnäpfchen abgesehen, macht er dabei gar keine schlechte Figur. Den Hauptplatz im Buch muss er sich allerdings mit ein paar Damen im Dorf teilen.

Hier wären zum einen die beiden Frauen, die sich damals um Tommy Burke gestritten haben. Evelyn Ross lebt gemeinsam mit ihren beiden Schwestern, alle unverheiratet, auf dem Gut der Familie, welches weitestgehend verpachtet ist. Brid Riordan hingegen hat sich in einer unglücklichen Ehe verfangen, die sie täglich zur Weinflasche greifen lässt. Seit damals herrscht eisiges Schweigen zwischen den beiden und beide verdächtigen jeweils die andere, als Collins an ihre Tür klopft. Dann ist da noch Mrs. Meany, Collins Haushälterin, die sich seit dem Knochenfund verdächtig still und wortkarg verhält und Collins quasi hungern lässt.

Die Charakterzeichnung gelingt dem Autor, Graham Norton – im Übrigen ein bekannter Fernsehmoderator (der mir leider gar nichts sagt) – wirklich hervorragend. Alle Charaktere sind bis in die kleinsten Details liebevoll gezeichnet und bringen Abwechslung. Von den eigenbrötlerischen Schwestern bis zu PJ Collins, der sich ständig unwohl fühlt und unsicher ist. Das lange verschüttete Geheimnis liegt in den Händen dieser Frauen und PJ ist derjenige, der dieses lüften muss – Linus Dunne hat da andere Sorgen als die Ermittlung in dem kleinen Kaff um die paar alten Knochen. Die Ausführlichkeit der handelnden Personen nimmt dem Krimi die Schnelligkeit, er läuft behäbig dahin, fast schon angepasst an den ermittelnden Sergeant – und wäre der Sergeant nicht dabei könnte man den Krimi definitiv als Cosy Crime bezeichnen. Aber auch langsam kommt man ans Ziel und so kann auch PJ Collins letztendlich das Geheimnis lüften, am Ende sogar mit einer nervenaufreibenden Autofahrt. Eines muss man allerdings noch erwähnen, denn der Krimi mag zwar in Irland spielen, doch ebenso gut hätte er in einem verschlafenen Nest in England spielen können. Ein wenig mehr irisches Flair hätte hier gut getan.

Oberflächlich betrachtet, mag der Krimi ein recht behäbiger Dorfkrimi sein, mit einem lange gehüteten Geheimnis, welches Jahrzehnte später herausbricht und die sorgsam gepflegte Dorfidylle aus dem Gleichgewicht bringt. Doch hintergründig zeigt der Krimi, wie wenig sich manche Menschen über Taten und Entscheidungen Gedanken machen, die das Leben von mehreren Leuten aber immens beeinflusst und steuert. Ein Schmetterlingseffekt, in diesem Fall kann man vielleicht fast schon von einem Schneeballeffekt sprechen, der zeigt, wie sich eine Kleinigkeit zu einer Katastrophe entwickelt.

Fazit:
Ein Mann wie ein Krimi: behäbig, aber zielsicher löst PJ Collins seinen ersten Mordfall im verschlafenen Örtchen Duneen. Ein unterhaltsamer Krimi mit hervorragender Charakterzeichnung, der allerdings mit angezogener Handbremse fährt.


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Deutsch-irische Beziehungen: Harte Landung – Ellen Dunne


Ellen Dunne – Harte Landung
Verlag: Insel Verlag (Suhrkamp)
437 Seiten
ISBN: 978-3458362883

 

 

 

 

 

Ja, ich gebe es zu: ich bin ein wenig im Irlandfieber. Mein Urlaub im Juli war wirklich toll und das Ferienhaus für nächstes Jahr (diesmal allerdings Nordirland) ist schon mal gebucht. Es ist also kein Wunder, wenn ich gerade total auf die grüne Insel abfahre und es sehr begrüße, wenn ich Krimis finde, die in Irland spielen. Aktuell ist das Ellen Dunne gelungen, die ihre Münchner Kommissarin mit irischen Wurzeln zu einer Ermittlung nach Dublin schickt. Und zwar mit vollem Erfolg.

Patsy Logan, gesegnet mit irischen und deutschen Wurzeln, ist Kommissarin bei der Münchner Kripo, als sie den möglichen Selbstmord oder Unfall von Carolin Höller, der Chefin der deutschen Niederlassung des Tauschportals Skiller, zugeteilt bekommt.. Es sind zwar nur wenige Hinweise, doch der Verdacht erhärtet sich, dass Carolin Höller nicht freiwillig aus dem Fenster gesprungen ist. So beginnt Patsy zwischen den Skillerz, wie sich die Mitarbeiter des Tauschportals nennen, zu ermitteln – in München, aber auch in deren Hauptquartier, in Dublin.

Ganz kurz am Anfang war mir Patsy doch kurz mal unsympathisch, bevor mir aufgegangen ist, wie fantastisch sie eigentlich ist. Patsy vollführt einen kollegialen Seiltanz indem sie gleichzeitig angepasst und doch unbequem ist. Ihre neu zugeteilte Partnerin Kris muss damit erst einmal zu Recht kommen und tut sich schwer mit Patsys Humor. Ganz anders gelingt es dem Patsy zugeteilten Iren Ben Ferguson von sich zu überzeugen. Privat hat Patsy auch gerade an Problemen zu knabbern, denn die Frage, was zu tun ist, wenn man einfach nicht schwanger wird, steht im Raum. Patsy ist erst einmal so gar nicht gewillt hier nachzuhelfen, so dass sie sich lieber in den Fall stürzt, anstatt sich damit auseinander zu setzen. Und auch ihre irischen Wurzeln sorgen noch für Verwicklungen.

Die Ermittlungen beginnen in München, doch konzentrieren sich schon bald auf Dublin. Das Privatleben des Opfers spielt zwar keine unwesentliche Rolle, doch der Fokus liegt auf Skiller und seinen Mitarbeitern. Nach und nach fragt sich Patsy durch die Belegschaft, doch hat immer wieder Schwierigkeiten Kollegen, die in Dublin weilen, zu erreichen. So wird Patsy irgendwann nach Irland geschickt – ohne Befugnisse und mit irischem Wachhund: Ben Ferguson. Immer wieder streut die Autorin kleine Kapitel dazwischen, in denen der letzte Tag des Opfers nach und nach aufgerollt wird, natürlich passend zu einer Befragung oder einem neuen Hinweis, der aufgetaucht ist. Es wird klar, das Leben einer Niederlassungsleiterin ist verdammt hart und knifflig.

Skiller hat mich – obwohl es sich hier um ein Start Up kurz vor dem Aktiengang handelt – sehr an mein berufliches Umfeld erinnert. Die Bezeichnung Skillers für die Mitarbeiter, die geforderte Einsatzbereitschaft und Leidenschaft, die sich immer schneller drehende Geschäftswelt, in der ältere Mitarbeiter keinen Platz mehr haben. Skiller bietet zudem noch unterschwellig Druck durch die hohe Einstufung vor dem Aktiengang, so dass die Intrigen und Machtkämpfe in den oberen Etagen ein spannendes Geflecht bilden, welches von Patsy Stück für Stück aufgedröselt wird.

Ich habe mich sehr gerne mit Patsy durch das Skiller-Gewirr gekämpft, um Carolin Höllers Mörder zu finden. Patsy ist eine taffe Ermittlerin, die sich nicht so schnell in eine Richtung drängen lässt und allen Spuren folgt. Die privaten Sorgen machen sie menschlich und echt – die einsamen Ermittlerbrummbären mögen zwar in Krimis funktionieren, doch in der Realität schlagen sich Ermittler eben nicht nur mit den Ermittlungen herum. Die beiden Ermittlungsorte verleihen dem Krimi eine kleine Besonderheit und  Patsys irische Wurzeln geben dem Krimi den letzten Schliff.

Die Frage, die ich mir nun am Ende allerdings stelle, ist die folgende: Es ist der Beginn einer Krimireihe, somit können wir weitere Teile mit Patsy Logan erwarten. Wird sie in München ermitteln oder in Dublin? Oder versucht die Autorin nochmal eine gemischte Ermittlung? In u. a. Video verrät die Autorin schon mal, dass der nächste Fall nur in München spielen wird. Mit weiteren gemischten Ermittlungen hätte ich so meine Probleme, da ich mir nicht unendlich viele Fälle in der Ermittlungskombination München / Dublin vorstellen kann, aber wer weiß, vielleicht zaubert die Autorin hier eine Überraschung aus dem Hut, die ich mir im Traum nicht vorstellen könnte. Auf jeden Fall aber freue ich mich jetzt schon auf den nächsten Teil mit Patsy Logan!

Fazit:
Patsy Logan ermittelt klassisch, aber sehr unterhaltsam in der Geschäftswelt eines Start-Ups. Schlagfertig, taff und mit besonderem Humor ausgestattet, schafft es die Ermittlerin mit irischen Wurzeln voll zu überzeugen. Ich hoffe, wir werden mehr von ihr sehen!

 

Wer noch mehr über das Buch erfahren will, sollte in das folgende Video der Autorin Ellen Dunne hineinschauen:


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Verwirrspiel: Dunkelheit, nimm meine Hand – Dennis Lehane


Dennis Lehane – Dunkelheit, nimm meine Hand
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Peter Torberg
510 Seiten
ISBN: 978-3257300437

 

 

 

 

Es gibt einen freudschen Stolperer, den ich schon beim ersten Teil der Reihe „Ein letzter Drink“, gemacht habe und wie eine liebenswürdige Angewohnheit beibehalten habe. Für mich werden die Protagonisten wohl weiterhin McKenzie und Gennaro heißen, auch wenn der Autor das „Mc“ nicht eingebaut hat und der männliche Teil des Privatdetektivduos einfach nur Patrick Kenzie heißt. Ich finde, es passt so gut. Aber lassen wir das mal beiseite, denn ich denke, es wird ein allgemeiner Konsens herrschen, wenn ich hier behaupte, dass die Neuveröffentlichung der Reihe im Diogenes-Verlag wirklich gelungen ist und zum richtigen Zeitpunkt erfolgt. Einzig die Frage, warum das Rückcover nun denn weiß ist und nicht wie der Rest des Buches in schwarz gehalten, bleibt für mich ungeklärt.

Kenzie und Gennaro werden von der Psychologin Diandra Warren um Hilfe gebeten. Jemand bedroht das Leben ihres Sohnes und sie vermutet, dass die Mafia dahinter steckt, da sie einer Patientin geholfen hat, die mit einem Mafioso liiert war. Die Privatdetektive finden schnell heraus, dass die Mafia doch nicht dahinter steckt, doch in Ermanglung anderer Alternativen beginnen sie mit der Überwachung des Sohnes, der ein gleichzeitig langweiliges und doch illustres Leben führt. Als sich die Hinweise verdichten, dass Diandras Sohn nicht der einzige ist, der bedroht wurde und zudem die vorigen Opfer alle sterben mussten, führen alle Spuren zu einem Mann. Doch dieser sitzt seit Jahren hinter Gittern. Wer ist also für die aktuellen Vorkommnisse verantwortlich? Um das herauszufinden, müssen Kenzie und Gennaro diesmal tief in der eigenen Vergangenheit wühlen.

Ich sage es mal ganz schnörkellos: Dennis Lehane ist ein Meister seines Faches. Da mag man den einen Krimi mal mehr, den anderen mal etwas weniger, aber es ist immer eine Freude, einen Krimi von Lehane zu lesen. Er hat dieses gewisse Etwas, gar nicht so literarisch, aber einfach mitreißend zu schreiben und gleichzeitig Charakterzeichnungen und Lebensgeschichten nebenher und nach und nach aufzubauen, so dass man sich am Ende des Buches nur ungern von seinen neuen Freunden trennt.

Und das gelingt ihm nicht nur bei den Hauptrollen, sondern bis in die Nebenrollen sind seine Charaktere grundsätzlich interessant, auch wenn sie noch so langweilig sind. Die Charakterzeichnung ist eben eindringlich und lebendig. Man mag das Buch gar nicht zuklappen – oder eben direkt zum nächsten greifen, um weiter mit Kenzie und Gennaro Fälle zu lösen. Das Ermittlerpärchen wächst einem ans Herz und der Autor lässt einen oft genug bangen, ob das Team Bestand hat. Privat sind die beiden schon seit Kindertagen verwickelt und dennoch kein Paar, doch irgendwie knistert es immer mal wieder zwischen ihnen. Vor allem, da Gennaro sich nun endlich von ihrem prügelnden Mann getrennt hat, aber wie es eben so menschlich ist, ist auch diese Sache noch nicht ausdiskutiert und es knistert weiter gewaltig, wenn auch keinesfalls so sehr, dass der Fall verdrängt werden würde.

Das Spektrum der Handlung ist diesmal weit gefasst. Beginnend mit nervenzerreißenden Gesprächen mit der Mafia folgt eine Phase recht langweiliger Observierung des jungen Warren bis dann nach und nach die anderen Mordfälle auftauchen und der Handlung neuen Schwung verleihen. Leider sind Kenzie und Gennaro irgendwann zur Passivität gezwungen und auch wenn viele Ereignisse das Geschehen auflockern, zeigt es doch ein paar wenige Längen bis dann ein fulminantes Finale erfolgt. Es ist ein Verwirrspiel, dass der Serientäter mit den Protagonisten treibt. Doch auch wenn es ein Auf und Ab in der Ermittlung gibt, bleibt das Buch spannend, so weiß Lehane doch gut mit anderen Dingen aufzufüllen. Er kann es eben. Ein Meister seines Genres, dessen Serie nun in neuem Gewand aufgelegt wird. Sehr gut. Bitte mehr davon!

Fazit:
Auch im zweiten Fall bieten Kenzie und Gennaro grandiose Unterhaltung und eine spannende Ermittlung. Der nächste Teil darf gerne schnell nachgelegt werden!


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Spinnennetz: Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechthild Borrmann

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Mechthild Borrmann – Die andere Hälfte der Hoffnung
Verlag: Droemer
310 Seiten
ISBN: 978-3426304839

 

 

 

 

Es gibt Bücher, die liest man so weg und hat sie auch schnell wieder vergessen. Und es gibt Bücher, die liest man so weg und doch bleiben sie hängen, gehen einem nicht aus dem Kopf und stimmen einen nachdenklich. Es gibt auch Krimis, die so sind. Nicht übermäßig viele. Und manchmal muss man diese im Mainstream-Sumpf ausgraben, aber es gibt sie. Und so ein versunkener Schatz ist Mechthild Borrmanns „Die andere Hälfte der Hoffnung“.

Als Bauer Lessmann eines Tages ein halbnacktes, junges Mädchen vor seiner Türe findet, nimmt er sie kurzerhand bei sich auf und beschützt sie vor ihren Verfolgern. Tanja, wie sie sich nennt, ist auf der Flucht vor Menschenhändlern, die sie zur Prostitution zwingen. Sie konnte fliehen, doch ihre Freundin leider nicht. Bauer Lessmann begibt sich auf die Suche, doch er kann nicht ahnen, dass nicht nur diese Suche, sondern auch sein Gast selbst sein Leben grundlegend verändern wird.
Zur gleichen Zeit untersucht Leutnant Leonid Kyjan in einer extra entstandenen Sondergruppe das Verschwinden von Studentinnen, die sich für ein Auslandssemester interessiert haben. Kyjan trifft auch auf Walentyna Schtschukina, deren Tochter zum Arbeiten nach Deutschland gefahren ist, und seitdem nichts mehr von sich hören lässt. Als er in der ukrainischen Polizei an seine Grenzen stößt, macht er sich auf nach Deutschland.

Zugegeben, wenn man den Anfang der Geschichte so liest, ist die grobe Richtung der Kriminalhandlung deutlich abzusehen. Das muss aber nun gar nichts heißen, dann Frau Borrmann kann mit anderen Dingen punkten. Zum Beispiel mit ihrer Sprache. Unaufgeregt und pragmatisch, aber mit Sprachbildern belegt und unglaublich eindringlich. So bekommen vor allem die Erinnerungen Walentynas eine tiefe Bedeutung, die das Buch zu etwas besonderem machen.

Die drei Erzählstränge wechseln sich ab. Man folgt Bauer Lessmann , wie er Tanjas verschleppte Freundin sucht, Leonid, der in der ukrainischen Polizei an Schranken abprallt und sich nach Deutschland aufmacht und Walentyna, die, während sie auf ihre Tochter wartet, ihre Lebensgeschichte aufschreibt. Und meiner bescheidenen Meinung nach, ist die Kriminalhandlung nur der Rahmen um Walentynas Geschichte zu präsentieren. Walentyna erzählt von ihrem Leben, wie es war, in der Ukraine aufzuwachsen, in einem kommunistischen Land. Wie die Vergangenheit ihrer Eltern ihr im Weg steht. Wie sie einen Mann kennen lernt und glücklich wird. In Prypjat haben beide eine Arbeit, sie haben eine Wohnung und ein Auto. Wie das Unglück geschah, wie ahnungslos sie und die anderen waren. Wie die Katastrophe ihr Leben veränderte. Das alles schreibt Walentyna auf, in einem Tagebuch, welches sie für ihre Tochter Kateryna, auf deren Rückkehr sie wartet, zusammen trägt. Sogar in die Entfremdungszone ist sie zurück gekehrt, dorthin wo keiner lebt und doch einige sich wiederfinden. Ein einsamer Ort, ein gefährlicher Ort, doch Walentyna ist alt und einzig die Rückkehr ihrer Tochter macht ihr Sorgen. Melancholisch schreibt sie ihre Erinnerungen nieder, sinnt auch zwischen den Niederschriften darüber nach, denn nicht jedes Stück ihres Lebens fällt ihr leicht niederzuschreiben.

Nun habe ich Walentynas Geschichte in höchsten Tönen gelobt, doch so ganz kann ich die Krimihandlung auch nicht sein lassen. Keine Frage, auch wenn sie keine großen Überraschungen bereit hält, war sie spannend und hat zumindest eine Kleinigkeit, wenn auch recht bedeutsam, vor mir bis zum Schluss verborgen. Eine Kleinigkeit, die diese eh schon gesplitterte Glasscheibe vollends in sich zusammen stürzen ließ. Ein trauriges Ende, ein Ende, über das man noch lange nachdenken kann und wird. Vor allem über Walentynas Geschichte.

Fazit:
Ein Krimi, fein gesponnen wie ein Netz, um Walentynas Geschichte gekonnt zu präsentieren. Spannend, aber vor allem interessant und nachdenklich. Sehr zu empfehlen.


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Gut oder Böse: Bitter Wash Road – Garry Disher

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Garry Disher – Bitter Wash Road
Verlag: Unionsverlag
Übersetzer: Peter Torberg
352 Seiten
ISBN: 978-3293309180

 

 

 

 

Als Verräter und Kollegenschwein abgestempelt landet Constable Paul Hirschhausen, den alle nur Hirsch nennen, in der Polizeistation von Tiverton, im australischen Outback. Ein Ort, an dem man schon vorbei gefahren ist, wenn man zum falschen Zeitpunkt blinzelt. Eigentlich ein ruhiger Job, ab und zu kleine Diebstähle, Streitigkeiten unter Nachbarn oder Alkohol am Steuer. Doch da sind ja noch die Polizisten aus dem übergeordneten Revier aus Redruth. Diese piesacken Hirsch bei jeder Gelegenheit und sind bei der Bevölkerung in und um Tiverton auch nicht sonderlich gern gesehen. Dementsprechend misstrauisch sind auch alle gegenüber Hirsch. Als dann eine junge Frau überfahren am Straßenrand gefunden wird, werden die Leute Hirsch gegenüber noch komischer. Die Tragöde wird herunter gespielt, vertuscht und Hirsch fast schon von den Ermittlungen fern gehalten. Hirsch lässt sich aber nicht abhalten, auch nicht, als ihn sein vorheriger Job einholt und er wieder aussagen muss, über seine früheren koruppten Kollegen.

Ich mag das gar nicht. Ich hab da ein ständiges Grummeln im Magen und rege mich tierisch auf. Wegen der Ungerechtigkeit. An korrupte Polizisten in Krimis hat man sich ja irgendwie gewöhnt, aber wenn dann einer, der nicht korrupt ist und sogar versucht hat, gegen die korrupten Bullen vorzugehen und nachdem diese aufgeflogen sind, hat er gegen sie ausgesagt, getreten wird, weil er eh schon am Boden liegt… Grrr! Ein Zweifel bleibt und viele fragen sich, ob er nicht doch auch korrupt ist, den Stempel, den er aber auf jeden Fall abbekommt, ist der des Verräters, ein Cop der andere Cops verrät, ein Nestbeschmutzer. Diese Ungerechtigkeit – das treibt mich zur Weißglut. Müsste man doch denken, dass Cops froh sind, wenn korrupte Elemente aus ihrer Truppe entfernt werden, nein, anstatt dessen verachten sie denjenigen, der die Korruptionsaufdeckung unterstützt.  Ich habe das Buch also mit sehr vielen Emotionen gelesen. Wobei ich zugeben muss, dass Hirsch nie explizit sagt, dass er unschuldig ist bzw. nicht korrupt ist. Auch nicht, wenn er ein misstrauisches Flackern in den Augen seiner Eltern sieht. Irgendwie bewunderungswürdig. Er weiß ja, dass er unschuldig ist und wenn man ihm nicht vertraut, ist das nicht sein Problem. Vielleicht würde er sogar schuldig (oder in dem Fall noch schuldiger) aussehen, wenn er sich ständig rechtfertigen würde.

Aber so ist er eben nicht. Hirsch ist kein Mann vieler Worte. Aber ein Mann, der viel sieht, richtige Schlüsse zieht und sich nicht von seinen Aktionen abbringen lässt. Auch nicht, wenn dies mit aller Macht versucht wird. Tapfer harrt er aus, ganz allein, von den anderen Polizisten veralbert, gehasst und mit Tricks reingelegt, von den Bewohnern skeptisch beäugt und ja nicht mit zu viel Aufmerksamkeit bedacht. Ein Verräter, dem es nicht besser gebührt.

Eine ungemütliche Atmosphäre, die in dem staubigen und trockenen Ort vorherrscht. Öde und schweigsam, mit Geheimnissen und Ängsten ausgestattet.  Eine von Männern dominierte Gesellschaft und – wie sollte es auch anders sein – sind die Übeltäter auch hier zu finden. Die Frauen spielen die unterordneten Rollen und eignen sich bestenfalls zum Opfer. Mit einer einzigen Ausnahme. Eine Frau ist mutig genug, aufzubegehren. Sie ist die einzige, die das zweite Opfer anders darstellt als die sonstigen – männlichen Zeugen, Verwandten und sonstige Befragte. Die einzige, welche die Herrschaft der Polizei anzweifelt und dagegen einschreitet, eine Protestkundgebung vorbereitet und sich nicht klein kriegen lässt. Nach anfänglichem Misstrauen ist sie auch Hirsch gegenüber aufgeschlossener, er als Außenstehender ist anders und hat ja auch mit den hiesigen Kollegen zu kämpfen. Hier liegt einiges im Argen – aber sind die Polizisten auch an den Morden der beiden Frauen beteiligt? Für Hirsch wird die Ermittlung lebensgefährlich, aber nichtsdestotrotz durchgezogen. Dass Hirsch sich nicht einschüchtern lässt, hätten die Kerle ja eigentlich schon vorher wissen müssen.

Fazit:
Ein Ausgestoßener in einer misstrauischen Einöde, der den Fall bis an die Knochen abnagt. Wenn auch der Kriminalfall an sich nichts Neues bringt, so wurde er doch stimmungsvoll und überzeugend, aber vor allem auch literarisch ausgezeichnet umgesetzt.