Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Glimpses | Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft

Drei Zeugen zu viel – Steve Hamilton

Worum geht es?
Nick Mason, der gezwungenermaßen zum persönlichen Auftragsmörder von Darius Cole, dem Paten von Chicago, wurde, erhält drei Aufträge: die Zeugen zu töten, wegen derer Cole im Gefängnis sitzt. Der Pate will raus – und das kann er nur, wenn er offiziell freigesprochen wird.

Wie hat es mir gefallen?
Der zweite Teil um Nick Mason hat genauso viel Spaß gemacht wie die Lektüre des ersten Teils. Nick Mason ist verzweifelt und getrieben, hat manchmal mehr Glück als Verstand und sucht nebenbei einen Ausweg. Viel Action, wenig Drumherum, genauso wie ein Thriller manchmal einfach zu sein hat.

Die Drei
Drängend, knallhart, Open End

 


Spielarten der Rache – Seamus Smyth

Worum geht es?
Red Dock entführt ein Kind und versteckt es jahrelang in einem Waisenhaus, um Rache an seiner Familie zu nehmen, aber auch an dem Polizisten, der ihn und seinen Bruder im Waisenhaus abgegeben hat.

Wie hat es mir gefallen?
Ein Krimi, welcher Erwartungen sprengt. So ganz darf man sich nicht auf den Klappentext verlassen – der stimmt zwar schon, aber die Geschichte ist so viel mehr… unglaublich! Neben einem bravourösen Protagonisten, einem Mastermind, der seinesgleichen sucht, handelt der Autor hier ein zutiefst verstörendes Thema ab: die Zeit, in der ein Kind in einem irischen Waisenhaus so wirklich gar nichts zu lachen hatte.

Die Drei
Verzwickt, hinterhältig, eiskalt

 


Die Optimierer  – Theresa Hannig

Worum geht es?
Deutschland, 2052. Es herrscht die Optimalwohlökonomie in BEU, der Bundesrepublik Europa, in der jeder Bürger seinen optimalen Platz findet. Samson Freitag ist überzeugter und loyaler Bürger. Als Lebensberater findet er für jeden den idealen Platz. Als allerdings seine letzte Mandantin nach der Beratung Selbstmord begeht, gerät seine Welt aus den Fugen und er muss erkennen, dass nicht jeder an dem Platz ist, an dem er sich wohlfühlt.

Wie hat es mir gefallen?
Ein Land, in dem jeder den passenden Platz hat, hört sich doch gut an, oder? Die Autorin bringt hier viele Themen auf, die heute schon in aller Munde sind – gläserner Bürger, Roboter, die Arbeit der Zukunft – und verpackt sie in eine spannende Geschichte um Samson Freitag, der sich auf einer Spirale nach unten befindet, weg vom guten Bürger hin zum Piretisten. Ein kurzweiliger und interessanter Einblick in eine Zukunftsvision mit überraschendem Ende, allerdings einem etwas unsympathischem Protagonisten.

Die Drei
Interessant, überraschend, offen abgeschlossen

 


 


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Nächtlicher Ausflug mit Schaufel: Dirty Cops – Adrian McKinty


Adrian McKinty – Dirty Cops
Verlag: Suhrkamp
Übersetzer: Peter Torberg
392 Seiten
ISBN: 978-3518742143

 

 

 

 

Worum geht es?
Sean Duffy ist gerade mit seiner noch frischen Familie in Urlaub bei seinen Eltern, als er von Crabbie (aka Detective Sergeant McCrabban) einen Anruf erhält, den er zum Anlass nimmt, seinen Urlaub abzubrechen: ein Drogendealer wurde ermordet. Das ist jetzt erst mal nichts außergewöhnliches, doch der Dealer wurde mit einer Armbrust erschossen. Eine unübliche, aber kluge Waffe – Armbrüste sind frei verkäuflich und mit ein bisschen Übung kann jeder damit schießen. Doch wer war es? IRA? Unionisten? Wem stand der kleine Drogendealer im Weg?

 „Ein besserer Ermittler als ich hätte jetzt alles lösen können. Wo war Miss Marple, wenn man sie mal brauchte?“ (Pos. 4974)

Einer wie der andere?
Tatsächlich hat sich bei Sean Duffy einiges getan, er hat jetzt Frau und Kind. Desweiteren konnte er sich nicht vor dem Fitnesstest der Polizei drücken und soll seinen Alkohol-, Zigaretten- und Drogenkonsum einstellen. Na ja, gut. Zumindest herunterschrauben. Nichtsdestotrotz muss er natürlich weiterhin vor jeder Fahrt sein Auto nach Bomben absuchen und sein neuer Fall entwickelt sich zu einem Fall mit weit größerem Ausmaß, ganz wie wir es gewohnt sind.

Opfer, Tat und Täter
Ein toter Drogendealer und seine bulgarische Frau, ein verletzter Drogendealer und ein verletzter Crabbie, ach… alle aufzuzählen macht nun keinen Sinn, nur so viel sei noch gesagt: Die Coronation Road wird neu „gestaltet“ und Duffy darf einen „Ausflug“ machen. Beides wahre Mutproben für den sonst taffen katholischen Haudegen.

Themen
Nur ein Drogendealer, nicht? Doch eigentlich reicht die Geschichte weit in die Vergangenheit, in die Anfangszeiten der Troubles, als die Polizei Hilfspolizisten, unter anderem die B-Specials, einstellte und sich drei Männer wie Gott fühlten. Die drei Männer wurden älter und entwickelten sich in unterschiedliche Richtungen, doch wie das so manchmal ist, man begegnet sich oft zweimal im Leben.

Was war gut?
Sean Duffy ist eben Sean Duffy, ironisch, lakonisch und reichlich hartgesotten. In einer Umgebung wie Nordirland in den 80er Jahren wohl eine der wenigen Art und Weisen, wie man es heil überstehen konnte.

„Nein. Das ist es nicht, Sir. In Ihrem Büro warten zwei Männer.
Was für Männer?
Das wollten sie nicht sagen.
Wie sind sie hereingekommen? Was, wenn es ein Killerkommando der IRA ist oder ein Strip-O-Gramm?
Es sind Polizisten.
Alle Strip-O-Gramme sind Polizisten.
Ich glaube, sie sind von Special Branch.
Also hässliche Strip-O-Gramme.“ (Pos. 4825)

Ganz neben dem unvergleichlichen Sean Duffy kommt aber auch sein Team zur Geltung, eine gute Ergänzung sind der langjährige Mitarbeiter Crabbie und der Neuling Lawson. Das Zusammenspiel der drei hat mir sehr gut gefallen, auch wenn natürlich Duffy schon im Mittelpunkt steht. Der Kriminalfall entpuppt sich wie meist haariger als gedacht und zeigt natürlich Verbindungen in die durchgeschüttelte Geschichte des Landes. Duffy muss wieder einiges durchstehen bis der Fall, zumindest inoffiziell, gelöst ist.

Was war schlecht?
Dieser Teil scheint einen Wendepunkt darzustellen, denn Duffy lebt nun nicht mehr allein und ohne Verpflichtung. Seine „scheiß egal“ Mentalität ist ihm zwar noch nicht ganz abhanden gekommen, aber es gibt eben jetzt zwei Menschen in seinem Leben, die ihm unglaublich wichtig sind: Beth und Emma. Wie es nun mit der Serie weitergeht, wird sich zeigen. Ob sie weitergeht auch. Zumindest einen weiteren Teil erwarte ich noch, aber selbst wenn die Serie endet, wäre das zwar schade, aber ich bin dagegen Pferde zu Tode zu reiten. Vielleicht muss McKinty bald zu neuen Ufern aufbrechen. Ich bin gespannt.

FAZIT:
Ein rasanter, verzwickter Kriminalfall, der natürlich mehr ist als man anfangs denkt und ein irischer Bulle, der sich diesmal tiefer in die Bredouille bringt als je zuvor. Sean Duffy at his best!

 

P.S.:
Da ich diesen Sommer eine Woche Urlaub in Nordirland verbracht habe und das Buch dort gelesen habe, kann ich nun sagen, dass es nochmal ein ganz eigenes Leseerlebnis ist, wenn man mit den Ortsnamen und Entfernungen, aber auch mit dem dort herrschenden Lebensgefühl, etwas verbindet, auch wenn es natürlich Jahrzehnte nach der Zeit der Krimihandlung ist. Man müsste meinen, dass dies bei Krimis, die hier bei mir in der Gegend rund um Stuttgart spielen, auch so ist, aber tatsächlich war es anders. Vielleicht, weil ich bei meinem Urlaub speziell auf bestimmte Orte geachtet habe oder Geschehnisse im Kopf hatte. Wer weiß. Aber egal wie – einen Urlaub in Nordirland mit entsprechender Lektüre kann ich auf jeden Fall empfehlen!


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Planung ist alles: The Big O – Declan Burke

Da ich in meiner letzten Rezension zu Olivia Kiernans „Zu nah“ daran rumgemäkelt habe, dass der Handlungsort in dem Krimi völlig austauschbar war, muss ich hier nun klar stellen, dass er das nicht ist. Es wird in keiner Zeile angegeben, wo die Geschichte sich abspielt, aber ganz gewiss nicht in Europa, schon gar nicht in Irland. Der Krimi – oder fast schon die Krimikomödie – liest sich so verdammt amerikanisch, dass ich nochmal nachlesen musste, aber ja, der Autor wohnt tatsächlich noch in Irland und ist nicht in die USA ausgewandert. Nichtsdestotrotz ist das die einzige Gemeinsamkeit, die Burkes Krimi mit Kiernans Thriller gemein hat, denn diese Geschichte hier, ja genau diese hier, ist eine der abgefahrensten Stories, die ich je gelesen habe.

Figurenkarussell

Dabei passiert erst mal so gar nicht viel. Der Schönheitschirurg Frank darf nicht mehr praktizieren, nur noch beraten und lässt sich gerade von seiner Frau Madge scheiden. Das kostet beides fürchterlich viel Geld und so sucht er nach einem Lösungsweg. Da kommt ihm die Versicherung ganz recht, die eine halbe Millionen locker macht, wenn Madge –  noch seine Frau – entführt wird und Lösegeld verlangt wird. Deshalb engagiert er jemanden, der seine Frau entführt. Dieser jemand beauftragt Ray, der wiederum Karen in einer Bar aufgabelt und mit ihr eine Beziehung anfängt. Was Ray nicht weiß ist, dass Karen nicht nur Franks Sprechstundenhilfe ist, sondern auch Madges beste Freundin. Und dann gibt es da noch Rossi, Karens Ex, der seine Ducati, seine Waffe und sein Geld zurückfordert, welche Karen aber mittlerweile benutzt, um Läden zu überfallen, damit sie Anna durchfüttern kann. Komplettiert wird das Ensemble durch die Polizistin Doyle, die Straftaten wittert, als Frank den Diebstahl seines Smartphones meldet, aber dabei den Diebstahl seiner Aktentasche unterschlägt. Die wiederum wurde von Rossi geklaut….

Viel los! Nichts los?

Zugegeben, es ist eine Menge los bei Declan Burke. Zumindest im Figurenensemble geizt er nicht. Mit der Geschichte allerdings schon, denn ständig passiert etwas, aber die Entführung selbst findet dann auch erst in den letzten Seiten statt. So muss man sich also für das Buch öffnen und nicht gleich Mord und Totschlag, oder eben Entführung erwarten, sondern sich auf die Charaktere einlassen. Genüsslich diese Figuren kennen lernen, die alle ihre Eigenarten haben und von denen es keiner so genau mit dem Gesetz nimmt, abgesehen von Doyle vielleicht. So ist es auch ein wenig schwierig am Anfang den Überblick zu behalten, denn alle genannten bekommen ihre eigenen Kapitel, doch nach einigen Seiten hat man sich eingelesen und springt fröhlich auf das Figurenkarussell auf.

Heimlicher Star

Die heimliche Hauptfigur des Krimis ist definitiv Karen. Sie steht in der Mitte, verbindet alle losen Enden miteinander und ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Karen piesackt gerne Frank, lästert mit Madge über ihn und hat zwei, drei größere Geheimnisse. Als sie Ray kennenlernt geht sie eigentlich davon aus, dass das nur was Kurzes wird, aber irgendwie scheinen die beiden füreinander geschaffen. Offiziell streicht Ray Wände, doch nach einigen zufälligen Auffälligkeiten weiht er Karen ein und der Plan ändert sich. Schließlich will jeder ein Stückchen vom Kuchen.

„Karen hatte einen schiefen verwachsenen Kiefer, nachdem sie ihr Kinn wiederholt auf den Rand des Waschbeckens im Badezimmer geschlagen hatte, während ihr Vater unten in der Küche auf dem Boden lag, mit einer Gabel im Brustkorb knapp über dem Herzen.“ (S. 21)

Der arme Schlucker

Die wohl tragischste Figur im Ensemble ist Frank. Unglaublich, aber wahr. Sollte man doch meinen, Frank ist ein Ekel – schließlich will er seine Frau entführen lassen. Aber eigentlich ist er ein armer Tropf. Seine Fast-Ex-Frau und ihr Anwalt wringen ihn aus, seine neue Geliebte ist ein Dummchen, natürlich wunderschön, aber nur auf sein Geld aus und  schnappt sich die Reste und für Frank bleibt eigentlich nichts übrig. Nachdem noch zwei Klagen im Anzug sind, ist er völlig am Ende. Aber wir wissen ja, schlimmer geht es immer!

„Frank war der festen Überzeugung, dass dies der beste Morgen seines ganzen Lebens war.
…..
Er drehte sich um, bevor ihm dämmerte, dass er genau das nicht hätte tun sollen, aber jetzt war es ja schon zu spät. Sie hatte seinen Namen nur ausgesprochen, um ihn durcheinanderzubringen. Und als er sich jetzt umdrehte, spürte er auch noch etwas Kaltes und Hartes an seinem Handgelenk, das mit einem metallischen Klicken einschnappte und sich eng darumlegte.“ (S. 288)

Die Falle schnappt zu

Und so treibt man durch und mit den Figuren durch die Geschichte, plant die Entführung, ändert die Pläne. Leidet, aber vor allem lacht und schmunzelt mit den Figuren, die alle ihre Eigenheiten haben und auf ihre Vorteile bedacht sind. Einer schlimmer wie der andere, aber doch irgendwie liebenswürdig genial. Und man könnte meinen, es passiert doch gar nichts, doch man muss eben auch einfach mal die Herrlichkeiten von grotesk guter Charakterzeichnung genießen, wenn die Ganoven und Ganövchen hier einen exzellenten Tanz aufführen, rein mit der Planung bedacht, die dann in den letzten Seiten reinknallt und das Buch abschließt.

Fazit:
Eine Krimikomödie par excellence, mit hervorragend gezeichneten Charakteren, aber zugegebenermaßen einer schleichenden Handlung, die erst am Ende explodiert.

 

 

 

 



Declan Burke – The Big O
Verlag: Edition Nautilus
Übersetzer: Robert Brack
316 Seiten
ISBN: 978-3960540021

 

Weitere Titel von Declan Burke:
Absolute Zero Cool
Eight Ball Boogie

 


Weitere Stimmen:
Krimileser meint: „Das Buch überzeugt (mit dem würdevollen Ende und) auch deshalb, weil es schlichtweg eigenständig ist. Hier riskiert jemand was … und gewinnt. “
Krimikritik meint: „Aus dieser arg verwickelten Situation strickte Declan Burke einen ebenso witzigen wie wüsten und komplett moralfreien Krimiklamauk. Ziemlich unterhaltsam.“


 


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Reblogged: Tana French – Grabesgrün — WortGestalt-BuchBlog

Tana French ist noch ein blinder Fleck auf meiner Leselandkarte – selber schuld, denn ich hätte die Chance gehabt, dies jetzt zu ändern. Nun hat sich aber Philly auf Wortgestalt-Buchblog in unserem gemeinsamen Blogspezial zu irischer und nordirischer Kriminalliteratur dem ersten Krimi von Tana French nochmal gewidmet. Ja, genau, ein Re-Read. Wie Philly es diesmal fand und ob der Krimi immer noch gut bei ihr ankam, seht Ihr hier:

Zehn Jahre hat die deutsche Erstausgabe von »Grabesgrün« mittlerweile auf dem Buckel, zahlreiche Preise hat der Roman eingeheimst, Tana French ist inzwischen Bestseller-Autorin und ihr Name weithin bekannt. Auch wenn ich sonst oftmals zu den Spätentdeckern gehöre, hatte ich hier Der Beitrag Tana French – Grabesgrün erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über Tana French – Grabesgrün — WortGestalt-BuchBlog


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Police Procedural: Zu nah – Olivia Kiernan

Das Irische

Irgendwie hatte ich schon im Sinn, wenn ich irische/nordirische Krimis lese, dass diese dann irgendwie irisch sind. Also, so genau kann ich das gar nicht definieren, was eigentlich irisch ist, aber ein wenig mehr als ein paar Straßennamen oder irische Vor- und Nachnamen hatte ich dann schon im Sinn. Leider vermittelt Olivia Kiernans Debüt aber nicht mehr irisches Feeling als das: hin und wieder wird die Grafton Street erwähnt, da die Protagonistin dort wohnt, oder auch die Liffey, aber abgesehen davon hätte dieser Thriller auch gut in jeder anderen anglo-sächsischen Stadt spielen können. London zum Beispiel. Aber auch Edinburgh, Belfast, Manchester. Na ja, eben fast überall, solange das Prädikat Großstadt auf den britischen Inseln drauf steht. Und dieser Umstand ist wirklich schade, denn Individualität hätte diesem Thriller einiges Futter gegeben, das dieser auch dringend benötigt hätte, doch so bleibt er herrlich gleichförmig und austauschbar. Und leider auch ein wenig spannungsarm.

Die Opfer

Frankie Sheehans erster Fall, nachdem sie beim letzten schwer von einem Täter verletzt wurde und noch an den psychischen Narben knabbern muss, hat es gleich in sich. Eleanor Costello wird erhängt in ihrem Haus gefunden. Doch schon bald stellt sich heraus, dass sie erhängt wurde. Ihr Mann, Peter Costello, ist verschwunden und gilt als verdächtig, doch schon bevor die Ermittlungen richtig loslaufen, wird eine weitere Frau tot aufgefunden. Amy Keegan, eine junge Studentin, deren Leiche der Täter in einem Halloweenfeuer versteckt hat. Die Verbindung zwischen den beiden Frauen ist gleich offensichtlich: der Täter hat einen seltenen Farbton bei den Opfern hinterlassen, Preußischblau. Die Ermittlungen laufen heiß, denn nur noch ein Opfer mehr und ein Serienmörder muss gejagt werden.

Frankie goes to…

Frankie Sheehan ist dickköpfig, unbequem und lässt sich nur selten von ihrem Weg abbringen. Eine unbequeme Person. Tendenziell ein Pluspunkt als Ermittler – schließlich soll man sich weder von Vorgesetzten verbiegen noch von Tätern an der Nase herumführen lassen. Und so unangepasste Ermittler machen einen Krimi ja auch immer individuell, und ein wenig aufregender. Wenn das allerdings heißt, dass man elementare Fehler in der Ermittlung macht und dann so tut als wäre das in Ordnung, muss ich schon an der Kompetenz zweifeln. Der Kompetenz ihrer Vorgesetzten, die sie kräftig unterstützen und darüber hinwegsehen, aber auch ihrer Kollegen, allen voran ihrem Partner Baz Harwood. Frankie versteift sich schon früh auf einen Verdächtigen – ob er nun der Täter ist oder nicht, ist irrelevant – aber dieses Einschießen auf einen Menschen, macht sie blind gegenüber anderen Spuren. Unverzeihlich auch, dass sie einen Zeugen, der sich verdächtig macht, schont, weil sie ihn schon aus ihrer Kindheit kennt.

Realität

Und ich will auch gar nicht davon reden, dass sie aus Fehlern nicht lernt, und auch zum zweiten Mal alleine und ohne Verstärkung in ein Haus läuft, in dem der Täter ist. Unverständlich ist mir auch, wie ihr Vorgesetzter sie weiterhin schützen kann und sie für DIE Wahnsinnspolizistin hält, bei den offensichtlichen Fehlern, die sie sich leistet. Die einzige Blockade, die er ihr setzt, ist der Geldhahn, der sich langsam schließt – und das kommt ja auch noch von weiter oben. Darum dreht es sich übrigens hauptsächlich im letzten Drittel des Buches: Geld. Und das muss ich der Autorin zu Gute halten – hier hat sie bestimmt recht und sonst erwähnt es kaum jemand. Ermittlungen verschlingen wahnsinnig viel Geld.

„Letzten Endes läuft Gerechtigkeit darauf hinaus, wer das Geld hat, die richtigen Tests in Auftrag zu geben, und wer genug Personal, um einen Tatort zu untersuchen. Gerechtigkeit ist teuer.“ (S. 287)

Der Clou?

Nun mag ich aber dem Thriller einen guten Lesefluss und ein gesundes Maß an Spannung nicht abreden – das war definitiv vorhanden, auch wenn sich die Ermittlungen über mehrere Monate ziehen und immer wieder vor sich hin dümpeln. Das bekommt man nämlich gar nicht so direkt mit, die frustrierenden Zeiten, in denen nichts voran geht, werden übersprungen. Der Clou, das sich der alte Fall mit dem neuen Fall überschneidet, ist denn auch nicht fürchterlich überraschend für den geübten Krimileser, sondern sehr vorhersehbar – warum sonst hätte die Autorin denn sonst den ersten Fall nicht erst niedergeschrieben, bevor sie sich an den zweiten macht.

Not my cup of tea

Zusammenfassend muss ich wohl sagen, dass dieser Thriller außer eine gute Spannung, was ich eigentlich als Grundvorrausetzung für einen Thriller betrachte, nicht viel zu bieten hatte, was mich unterhalten hätte. Frankie Sheehan hätte eine taffe eloquente Ermittlerin sein können, hat aber leider einen Schnitzer nach dem anderen produziert und sich darüber noch nicht mal Gedanken gemacht. Unsympathisch finde ich sie im Übrigen auch noch – aber Sympathie ist für mich nun kein Muss bei der Hauptfigur. Auffällige Fehler sollte sie allerdings nicht machen – ich bin kein Experte und kann locker über viele Fehler, die ich gar nicht erkenne hinweg gehen, aber wenn ich diese entdecke sind sie dann schon elementar. Einzigartigkeit konnte ich leider auch nicht erkennen, der Thriller ist ein 08/15 Werk, welches man massenweise in den Regalen findet. Schade – hier wäre viel mehr Potenzial gewesen.

Fazit:
Austauschbar und Mainstream, gepaart mit einer unfähigen Ermittlern. Dieser Thriller verdient leider keine Lorbeeren für „nur“ Spannung. Da muss schon mehr kommen.

 



Olivia Kiernan – Zu Nah
Verlag: HarperCollins
Übersetzer: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
368 Seiten
ISBN: 978-3959671835

 

 

 

 


Weitere Stimmen:
Mikkaliest meint: „Die Spannung baut sich schnell auf, die Autorin verwebt die verschiedenen Handlungsstränge und Ermittlungsansätze gekonnt. Die Geschichte ist originell und unverbraucht, und Frankie kann als Protagonistin mit starker Persönlichkeit punkten.“


 


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Reblogged: Seamus Smyth – Spielarten der Rache — WortGestalt-BuchBlog

Heute widmet sich Philly vom Wortgestalt-Buchblog in unserem gemeinsamen Blogspezial zu irischer und nordirischer Kriminalliteratur einem Krimi aus dem Pulp Master Verlag. Ein kleiner, aber feiner und leider oft übersehener Verlag, der aber eigentlich immer Knaller verlegt. Ist das hier auch so? Ich sag mal so – Phillys Lobgesang säuselt mir jetzt noch in den Ohren. Und warum das so ist, könnt ihr hier lesen:

 

»Spielarten der Rache« kann man nach dem Lesen erst einmal eine ganze Weile anstarren und darüber nachdenken, was für eine grandios kalkulierte Rachegeschichte man hier gerade gelesen hat. Meine Bewunderung galt zunächst leicht fehlgeleitet der Hauptfigur des Romans, Red Dock, Der Beitrag Seamus Smyth – Spielarten der Rache erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über Seamus Smyth – Spielarten der Rache — WortGestalt-BuchBlog


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Amoklauf: Die Wut – Gene Kerrigan

„Das hier waren Peanuts. Er hatte zig Millionen – so was wie hundertvierzig Millionen – in Grundstücke investiert. Alles mit geborgtem Geld – und beliehen mit Aktien, die keinen Cent wert waren. Das wird nie zurückgezahlt. Dann ist da noch der Betrug – Sweetman und seine Kumpels haben Millionen von Bank zu Bank verschoben, um die Rechnungsprüfer im Dunkel n zu lassen, haben Transfers als Einzahlungen abgeschrieben, um den Aktienkurs anzukurbeln. Schließlich hätten wir da noch die Steuertricks – der Kerl hätte eine Enzyklopädie über >Wie bescheiße ich am besten< verfassen können.“ (S. 116)

Der Bulle

Dublin kurz nach der Bankenkrise. Leer stehende Gebäude, nicht fertig gebaute Hüllen, geplatzte Träume. Nur nicht für die Banker. Zumindest für die meisten. Einen hat es doch erwischt, ermordet in seinem eigenen Haus. Detective Sergeant Bob Tidey ermittelt. Gleichzeitig erhält er von einer alten Bekannten, Maura Cody, einer früheren Nonne, einen Anruf. Ein Wagen wurde in ihrer Straße geparkt. Einer Seitenstraße, kaum Verkehr, unbekannte Männer. Ein Fluchtwagen? Tidey meldet es weiter und der Wagen wird observiert.
Tidey ist lange im Dienst, hat einiges gesehen. Und er weiß, dass Recht nicht immer unbedingt etwas mit Gerechtigkeit zu tun hat. Doch der Bulle liegt ihm. Besonnen und pragmatisch geht er an seine Fälle, schreckt aber eben auch nicht davor zurück, für eine alte Frau alles mal kurz liegen zu lassen. Ein einsamer Wolf, ja, aber einer, der es nicht gerne ist. Seine Exfrau lässt ihn ab und an in sein altes Leben zurück, seine Vorgesetzten verpassen ihm zwar gerne einen Maulkorb, wissen aber, was sie an ihm haben.

Der Dieb

Vincent Naylor ist gerade aus dem Knast entlassen und richtet sich sein Leben ein. Eine neue Freundin ist gefunden, er wohnt in einer Wohnung in einem leer stehenden Apartmenthaus. Kein Luxus, aber auch keine Miete, nur ein wenig Schmiergeld. Außerdem wird sich das schon bald ändern, denn Vincent hat einen todsicheren Plan, um gemeinsam mit Noel, seinem Bruder und zwei weiteren, an massig viel Geld heranzukommen: Übernahme eines Geldtransporters. Und der Plan klappt hervorragend, bis Noel und einer der anderen beim Fluchtwagen ankommen und er fürchterlich in die Brüche geht.
Vincent Naylor, jemand, der von sich behauptet nicht jähzornig zu sein, sich zurückhalten zu können, seine Wut unter Kontrolle zu haben – und doch ist er genau weil er sich nicht zurückhalten konnte, eingefahren. Doch jetzt ist er ja draußen und alles wird anders. Mit diesem einen, letzten Coup. Damit kommt so viel Geld in die Kasse, dass man es sich danach gemütlich machen kann. Und der Plan ist schließlich absolut narrensicher. Doch als sein geliebter Bruder, der sich gerade ergeben wollte, von einem Polizisten beim Fluchtwagen erschossen wird, sieht Naylor rot. All seine Wut bricht sich Bahn und er begibt sich in einen beispiellosen Amoklauf.

Mit Makeln

Keiner der Beteiligten ist über Fehl und Tadel erhaben. Tidey lässt sich in einem Gerichtsprozess bei der Falschaussage erwischen, auch wenn er nur keine Lust hatte, einen Streit zu schlichten, erhält er dafür natürlich eine Rüge. Der tote Banker hatte sowieso Dreck am Stecken, aber als Banker gehört das ja zum guten Ton – welcher von denen hat denn damals in der Krise nicht mitgemischt? Doch höchstens die kleinen Rädchen ganz unten im Getriebe. Doch auch Maura Cody, als Nonne eigentlich untadelig, erhob damals ihre Hand zur „Erziehung“ der Waisenkinder. Jeder kämpft mit seinen eigenen Dämonen, manche können diese besiegen, andere verlieren.

Sieg und Niederlage

Die Schlacht mag vielleicht gewonnen sein, der Krieg noch lange nicht. Der Autor beleuchtet die irische Gesellschaft, zwischen Religion und Kapitalismus, und dies grelle Licht zeigt, keiner ist hier der Gewinner. Alle haben verloren. Brüder, Moral, Geld – was spielt letztendlich keine Rolle. So gesehen, ein düsterer, irischer Noir mit nur wenig Aussicht auf Hoffnung, wenn auch Tidey einen kleinen Funken im Dunklen aufrecht erhält. Zwei Fälle, die an sich erst mal nur den Detective gemein haben, zufällig verknüpft, die in einem Alptraum enden. Und doch hat der Krimi wenig mit dem Mainstream gemein, es geht nicht um Ermittlungen, es geht um Hintergründe, Schuld, Reue und Wut. Um das Leben. So wie es eben manchmal ist. Hart und ungerecht. Noir.

Fazit:
Ein Buch wie ein wütender Hornissenschwarm. Es trifft einen und piesackt jede Stelle im Körper, so wie ein Noir das auch machen soll. Düster, packend und gewaltig!

 



Gene Kerrigan – Die Wut
Verlag: Polar
Übersetzer: Antje Maria Greisiger
315 Seiten
ISBN: 978-3945133064

 

 

Weiterer Titel von Gene Kerrigan:
In der Sackgasse

 


Andere Meinungen:

crimealley meint: „Bleibt man sich dieser Richtung treu, kann ich nur konstatieren: Sie mag zwischen den Buchdeckeln oft düster und kalt daherkommen, für uns Leser ist sie wahrhaft rosig. Großes Kompliment für die gelungene Übersetzung eines in allen Belangen überzeugenden Kriminalromans, den ich mit Freuden weiterempfehlen werde.“
crimenoir meint: „“Die Wut” bietet keine Wohlfühllektüre, sondern zeigt, wie Menschen, die unter Druck geraten, in Ausnahmesituationen ticken.“
booknerds meint: „Schön, dass solche, nicht ganz perfekte, aber belangreiche und düster-glimmende Kleinode in Deutschland publiziert werden.“
Zeilenkino meint: „„Die Wut“ ist ein intelligenter Kriminalroman, der von einigen Mustern des Irish Noir wohltuend abweicht.“
Krimilese meint: „Nichts in diesem Kriminalroman ist dem Mainstream dieses Genres zuzuordnen. Gene Kerrigan schreibt anders, keine simple Whodunit-Story, kein cosy-crime, keine Schenkelklopfer-Comedy. Kein melancholischer Alk als Cop.“