Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Spinnennetz: Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechthild Borrmann

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Mechthild Borrmann – Die andere Hälfte der Hoffnung
Verlag: Droemer
310 Seiten
ISBN: 978-3426304839

 

 

 

 

Es gibt Bücher, die liest man so weg und hat sie auch schnell wieder vergessen. Und es gibt Bücher, die liest man so weg und doch bleiben sie hängen, gehen einem nicht aus dem Kopf und stimmen einen nachdenklich. Es gibt auch Krimis, die so sind. Nicht übermäßig viele. Und manchmal muss man diese im Mainstream-Sumpf ausgraben, aber es gibt sie. Und so ein versunkener Schatz ist Mechthild Borrmanns „Die andere Hälfte der Hoffnung“.

Als Bauer Lessmann eines Tages ein halbnacktes, junges Mädchen vor seiner Türe findet, nimmt er sie kurzerhand bei sich auf und beschützt sie vor ihren Verfolgern. Tanja, wie sie sich nennt, ist auf der Flucht vor Menschenhändlern, die sie zur Prostitution zwingen. Sie konnte fliehen, doch ihre Freundin leider nicht. Bauer Lessmann begibt sich auf die Suche, doch er kann nicht ahnen, dass nicht nur diese Suche, sondern auch sein Gast selbst sein Leben grundlegend verändern wird.
Zur gleichen Zeit untersucht Leutnant Leonid Kyjan in einer extra entstandenen Sondergruppe das Verschwinden von Studentinnen, die sich für ein Auslandssemester interessiert haben. Kyjan trifft auch auf Walentyna Schtschukina, deren Tochter zum Arbeiten nach Deutschland gefahren ist, und seitdem nichts mehr von sich hören lässt. Als er in der ukrainischen Polizei an seine Grenzen stößt, macht er sich auf nach Deutschland.

Zugegeben, wenn man den Anfang der Geschichte so liest, ist die grobe Richtung der Kriminalhandlung deutlich abzusehen. Das muss aber nun gar nichts heißen, dann Frau Borrmann kann mit anderen Dingen punkten. Zum Beispiel mit ihrer Sprache. Unaufgeregt und pragmatisch, aber mit Sprachbildern belegt und unglaublich eindringlich. So bekommen vor allem die Erinnerungen Walentynas eine tiefe Bedeutung, die das Buch zu etwas besonderem machen.

Die drei Erzählstränge wechseln sich ab. Man folgt Bauer Lessmann , wie er Tanjas verschleppte Freundin sucht, Leonid, der in der ukrainischen Polizei an Schranken abprallt und sich nach Deutschland aufmacht und Walentyna, die, während sie auf ihre Tochter wartet, ihre Lebensgeschichte aufschreibt. Und meiner bescheidenen Meinung nach, ist die Kriminalhandlung nur der Rahmen um Walentynas Geschichte zu präsentieren. Walentyna erzählt von ihrem Leben, wie es war, in der Ukraine aufzuwachsen, in einem kommunistischen Land. Wie die Vergangenheit ihrer Eltern ihr im Weg steht. Wie sie einen Mann kennen lernt und glücklich wird. In Prypjat haben beide eine Arbeit, sie haben eine Wohnung und ein Auto. Wie das Unglück geschah, wie ahnungslos sie und die anderen waren. Wie die Katastrophe ihr Leben veränderte. Das alles schreibt Walentyna auf, in einem Tagebuch, welches sie für ihre Tochter Kateryna, auf deren Rückkehr sie wartet, zusammen trägt. Sogar in die Entfremdungszone ist sie zurück gekehrt, dorthin wo keiner lebt und doch einige sich wiederfinden. Ein einsamer Ort, ein gefährlicher Ort, doch Walentyna ist alt und einzig die Rückkehr ihrer Tochter macht ihr Sorgen. Melancholisch schreibt sie ihre Erinnerungen nieder, sinnt auch zwischen den Niederschriften darüber nach, denn nicht jedes Stück ihres Lebens fällt ihr leicht niederzuschreiben.

Nun habe ich Walentynas Geschichte in höchsten Tönen gelobt, doch so ganz kann ich die Krimihandlung auch nicht sein lassen. Keine Frage, auch wenn sie keine großen Überraschungen bereit hält, war sie spannend und hat zumindest eine Kleinigkeit, wenn auch recht bedeutsam, vor mir bis zum Schluss verborgen. Eine Kleinigkeit, die diese eh schon gesplitterte Glasscheibe vollends in sich zusammen stürzen ließ. Ein trauriges Ende, ein Ende, über das man noch lange nachdenken kann und wird. Vor allem über Walentynas Geschichte.

Fazit:
Ein Krimi, fein gesponnen wie ein Netz, um Walentynas Geschichte gekonnt zu präsentieren. Spannend, aber vor allem interessant und nachdenklich. Sehr zu empfehlen.


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Bedrohlich: Amnesia – Jutta Maria Herrmann


Jutta Maria Herrmann – Amnesia
Verlag: Droemer
297 Seiten
ISBN: 978-3426519974

 

 

 

 

 

Helen erhält eine erschreckende Diagnose: Krebs, Endstadium, nicht heilbar. Sie kämpft mit schweren Angstzuständen und ihre Medikamente verursachen Erinnerungslücken und Blackouts. Ihre Beziehung hat sich an der Diagnose aufgerieben und so macht sie sich auf in ihr Heimatdorf, um ihre Mutter und Schwester zu besuchen. Warum weiß sie selbst nicht so genau, schon lange war sie nicht mehr zu Hause, in dem kleinen Dorf, zieht ihre neue Heimat Berlin deutlich vor.
Als sie im Dorf ankommt gibt es zuerst auch keine Überraschung: ihre Mutter sieht sie als Belästigung, ihre Schwester Kristin begrüßt sie herzlich. Doch Kristin hat mittlerweile Leon geheiratet und mit Leon verbindet Helen eine schlechte Erinnerung. Schon bald vermutet Helen, dass Leon Kristin schlägt – und keine zwei Tage später wird Leon tot aufgefunden.  Hat etwa Helen Leon getötet und kann sich daran nicht mehr erinnern?

Es gibt eine Sache, die Jutta Maria Herrmann in ihren Thrillern wunderbarerweise immer gelingt: eine bedrohliche, unheimliche Atmosphäre zu schaffen. Das gelang ihr in „Hotline“ und „Schuld bist Du“, die beide in der Großstadt spielen, aber eben auch in „Amnesia“, in einem kleinen, verschlafenen Dorf. Und dazu benötigt die Autorin auch ganz wenig: ein paar wenige Charaktere, ein Geheimnis aus der Vergangenheit, unausgesprochene Konflikte. Eine stetige Grundspannung mit leichten Spitzen, bei der man oft gar nicht so genau sagen kann, warum es jetzt eigentlich bedrohlich ist, warum einem dieses oder jenes komisch vorkommt. Die Autorin spielt mit den Erwartungen der Leser und benutzt dabei einfache, aber sehr wirkungsvolle Mittel.

Eine ungewöhnliche Protagonistin hat sich Frau Herrmann hier ausgesucht. Todkrank, mit starken Medikamenten betäubt, bis hin zu Blackouts. Und doch irgendwie geschickt gemacht, nicht? Denn Helens Gedächtnislücken sorgen für eine beständige Ungewissheit – bei Helen und beim Leser. Was hat sie in der Zeit gemacht? Hat sie tatsächlich jemand getötet? Dabei gelingt es der Autorin die ständig über Helen schwebende Krankheit zwar präsent zu halten und überzeugend einzubauen, aber nicht die Handlung zu erdrücken. Die Gedächtnislücken sorgen für den zusätzlichen Spannungskick und verstärken die unheimliche Atmosphäre.

Nichtsdestotrotz ist Helen nun kein Charakter, der mir sonderlich sympathisch war. Im Übrigen genauso wenig wie ihre Mutter, die den schwersten Fehler einer Mutter begeht und ein Kind bevorzugt. Oder ihre Schwester, die zwar aufgeregt plappernd daher kommt, allerdings mit einem Tick zu viel, so dass es aufgesetzt wird. Leon ist ja nun sowieso der Buhmann und einzig der Freund aus Kindertagen scheint sympathisch – kommt aber natürlich streckenweise auch als Täter in Frage. So wie eigentlich jeder in der Geschichte. Mit jeder neuen Wendung überlegt man erneut, wer wohl der Täter sein könnte und ist sich dann ganz sicher – bis zur nächsten Wendung. Tatsächlich bleibt das Ende vage offen, wenn auch der Thriller natürlich abgeschlossen ist, so wie die anderen Bücher der Autorin.

Fazit:
So wie ich mir einen Thriller vorstelle: in einer leise bedrohlichen Atmosphäre spielt die Autorin mit den Ängsten ihrer schwer gebeutelten Protagonistin. Ein Thriller, den man an einem Nachmittag wegsaugt und mit einem leichten Frösteln zuschlägt. Sehr gut gelungen!

 

 


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Kunst und so: Im großen Stil – Bielefeld & Hartlieb


Claus-Ulrich Bielefeld & Petra Hartlieb – Im großen Stil
Verlag: Diogenes
415 Seiten
ISBN: 978-3257243857

 

 

 

2 Tote, 2 Städte und ein paar Gemälde – darum dreht es sich in diesem Krimi, der in Berlin von Kommissar Thomas Bernhardt und in Wien durch Inspektorin Anna Haber vertreten wird. Die Kunstszene wird beleuchtet, genauer gesagt der Kunsthandel. Privat oder mit Museen, Originale, aber auch Fälschungen, ganz schön teure Fälschungen. Und mittendrin eben nun zwei  Ermittlungen, die zu einer werden – Berlin und Wien in einer ermittlerischen Symbiose.

Mal wieder bin ich einem Thema begegnet, in dem ich herrlich unbefleckt bin und natürlich gerne Informationen in Form eines Krimis aufsauge: Kunst im Allgemeinen, Gemälde im genaueren. Beide Tatorte in den Ermittlungen zeigen Gemälde, einer ist quasi damit vollgestopft. Die Frage ist, ob man es hier mit Originalen oder Fälschungen zu tun hat, wobei ja auch Fälschungen einen gewissen Wert haben. Die Ermittler sind genauso unbefleckt wie ich, so dass die Nachforschungen natürlich einiges an Informationen über die Kunstszene zu Tage fördert. Ein Gemälde rückt in den Fokus: Brueghels „Die niederländischen Sprichwörter“, allerdings nicht so sehr, dass man wirklich viel Genaueres darüber erfährt, hierzu musste ich dann doch andere Quellen bemühen, um meine Neugier zu befriedigen. Auch bei den anderen Gemälden sowie der „Szene“ selbst bleibt die Ermittlung an der Oberfläche, ein Fokus auf ein Thema/Bild hätte mir persönlich gut gefallen.

Die Ermittlungen sind dann auch ein wenig stockend, wobei mir das eventuell auch nur so vorkam, da zu viel Privates der beiden Ermittler hineinspielte. Thomas Bernhardt bandelt so mit einigen Frauen an, die man im Krimi antrifft, und lässt sich weder von Landesgrenzen noch von langjährigen kollegialen Verbindungen zurück halten, derweil Anna Haber den Fehler macht, Berufliches und Privates – um genauer zu sein, die aktuelle Ermittlung – zu vermischen. Ein „No Go“, welches sich prompt rächt, aber dann eben auch den Täter hervorbringt. Nichtsdestotrotz hätte ich diesen lieber durch Ermittlungserfolge auftauchen sehen.

Insgesamt konnte mich der Krimi also nicht so recht überzeugen. Die Ermittlungen, aufgeteilt auf zwei Städte, hätte ich mir spannender vorgestellt und der Anteil an Privatem war mir zu groß. Die Gespräche, bzw. Telefonate zwischen Bernhardt und Haber wirkten oft aufgesetzt und ein wenig ungelenk, mal ganz abgesehen davon, dass mir beide Ermittler weder sympathisch waren noch in anderer Weise mit Struktur versehen, die einem in Erinnerung bleibt.

Ich wollte gerne in die Serie hinein schnuppern und hab mich bewusst für einen Teil in der Mitte entschieden. Dies war aber kein Nachteil  – man kann so wie ich in der Mitte beginnen oder eben doch von vorne, wenn man an der Serie interessiert ist, der Kriminalfall ist ja – wie üblich – eh abgeschlossen. Ich werde die Serie nicht fortsetzen, dazu hatte sie mir einfach zu wenig zu bieten. Zusätzlich kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass das hier aufgestellte Konzept der „Zwei-Städte-Ermittlung“ dauerhaft funktioniert, da es sich ja immer um die gleichen Städte handelt.

Fazit:
Mich konnte der Krimi nicht überzeugen, auch wenn sehr gute Ansätze, wie Ermittlungen in zwei Städten und die Kunstszene, dabei waren. Das private Geplänkel hat mir dann den Rest gegeben – für mich mein erster und letzter Ausflug in diese Serie.


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Über die Grenzen: Drift – Anne Kuhlmeyer


Anne Kuhlmeyer – Drift
Verlag: Argument
317 Seiten
ISBN: 978-3867542258

 

 

 

 

Wenn man Anne Kuhlmeyers neuesten Streich lesen möchte, muss man sich darauf gefasst machen, dass die Grenzen des Genres hier nicht nur ausgelotet werden, sondern mal gänzlich ignoriert werden. Der Titel des Buches deutet hier ganz und gar nicht dezent darauf hin. Man driftet darüber hinaus. Krimi? Eher nicht. Mit kriminellen Elementen, aber ja. Schuld, Reue, Straftat, all das lässt sich finden. Die Realität ist noir. Doch was ist überhaupt Realität? Auch über deren Grenzen driftet Anne Kuhlmeyer hinaus. Ja, was ist das Buch also? Ganz einfach: es ist außergewöhnlich.

„Vielleicht hat er ja etwas darüber gelesen […], zum Beispiel, dass man schon in der Steinzeit Schädel öffnete, um die bösen Geister aus ihnen zu entlassen. Dies scheint mir zuweilen eine Methode, die generalisiert gehörte. Ein Loch in jedermanns Kalotte würde womöglich sämtlichen Todsünden den Garaus machen. Kein Hass, kein Krieg,  und die Kirchensteuer könnte unmittelbar im Straßenbau Verwendung finden. Wege zwischen Leuten zu bauen wäre nützlicher als welche zu Gott, der sowieso nie zu Hause ist, wenn man ihn braucht. Man sollte diese Technik einführen, wie man Tuberkuloseschutzimpfung eingeführt hat, flächendeckend.“ (S. 128)

Anne Kuhlmeyers Schreibstil konnte man schon in „Es gibt keine Toten“ und „Night Train“ bewundern.  Er ist so vieles, doch nie einseitig. Man folgt ihr hinein in philosophische Betrachtungen, lakonische Seen und Nüchternheit, überwindet gemeinsam sarkastische Spitzen und findet doch Verletzlichkeit. Der Tod spielt eine zentrale Rolle, nicht nur, weil Metha, die Protagonistin, Rechtsmedizinerin ist, aber auch.  Diese strandet, gemeinsam mit ein paar anderen Seelen in einem alten, heruntergekommenen Haus, mitten in einem überfluteten Deutschland. Früher ein Grenzposten, nun Bauer Jans Besitz, genauso wie Schaf Olga. Mit dabei sind noch Sydney, ein Junge der sich als Mädchen fühlt, Rosalie, die auf der Suche nach einem Mann ist und Albrecht, der zwischen zwei Frauen pendelt. Das Unwetter, welches die Werra über die Ufer treten lässt, schneidet sie von der Welt ab und sperrt sie gemeinsam in die Hütte.

Angst und Unsicherheit macht sich breit, die Vorräte werden gehortet, bis die Flut an die Haustür klopft. Ein jeder der Gruppe hat Geheimnisse und Sehnsüchte, Erinnerungen und Geschichten, ein Floß kommt vorbei. Die Situation eskaliert und alle tragen Schuld daran. Doch dann gelingt der Autorin ein wunderbarer, außergewöhnlicher aber sehr ungewöhnlicher Kniff. Diesen werde ich natürlich nicht verraten, damit jeder Leser sich selbst überraschen lassen kann, doch sollte er darauf gefasst sein, zu driften. Über das Genre hinaus, über die Grenzen hinweg und an der Realität vorbei. Für den ersten Moment mag es befremdlich wirken, doch dann entwickelt es sich zu einer Geschichte in Geschichten, einem Abenteuer wie ich es in einer eingeschlossenen Hütte nahe der Werra ganz sicher nicht erwartet habe.

Ich mag Anne Kuhlmeyers bisherige Bücher, doch dieses hier hat mich begeistert. Und das mitten im größten Unwetter Deutschlands, abgeschottet mit den Ängsten, Geheimnissen und Erinnerungen von Fremden. Eine Hütte, die die Grenzen der Realität sprengt und doch so realistisch bleibt wie es nur geht. Doch alles kreist um Metha, die schon viel zu lange lebt, um sich immer noch Sorgen zu machen, die aber erst jetzt jemanden findet, der ihre Geschichte nieder schreibt.

Fazit:
Ein Abenteuer über alle Grenzen hinweg. Habt keine Erwartungen, lasst Euch einfach mitnehmen, spürt den Sog, den dieses Buch entwickelt. Außergewöhnlich ungewöhnlich – grandios!


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Zwischen allen Stühlen: Alles so hell da vorn – Monika Geier


Monika Geier – Alles so hell da vorn
Verlag: Argument
412 Seiten
ISBN: 978-3867542234

 

 

 

 

Wenn man sehr viele Bücher – in meinem Fall Krimis – liest, dann möchte man meistens etwas, was sich von der Masse abhebt. Eine Krimihandlung, die nicht schon zum x-ten Mal geschrieben wurde, ein neues, unbekanntes Thema und/oder vielleicht eine sprachliche/literarische Besonderheit sollte der Krimi – im besten Fall – auch noch bieten. Und das natürlich neben der durchgehenden Spannung, die für mich einfach zum Krimi dazu gehört. Wenn man so außergewöhnliche Zutaten gewöhnt ist und sich quasi danach die Lefzen leckt, dann kann einem so ein ganz normaler Krimi doch gar nicht mehr gefallen – oder?
Aber sowas wie von! Denn genau das gelingt Monika Geier in ihrem neuen Bettina Boll Krimi: etwas ganz Normales auf wunderbare Weise spannend zu verpacken. Und ganz nebenbei haut sie uns ganz ordentlich noch einige Themen um die Ohren.

Bettina Boll hat einen neuen Fall. Na ja, oder auch nicht. Also eigentlich dürfte sie gar nicht ermitteln, denn ihr früherer Kollege Ackermann ist darin verwickelt. Eine Hure hat ihm seine Waffe abgenommen und ihn erschossen – warum Ackermann in vollständiger Polizeiuniform und mit Waffe auf Bordellbesuch war, kann man sich vermutlich vorstellen, doch nun ist die Hure flüchtig. Als sie kurz darauf in einem kleinen Dorf ankommt, sich als vor Jahren entführtes Mädchen entpuppt und dann den Rektor erschießt sorgt für einen riesigen Aufruhr. Verschiedene Polizeibezirke, Bildung einer Sonderkommission, sehr, sehr junge Huren, Ermittler von damals, traumatisierte Kinder und Eltern – und Bettina Boll mittendrin.

Boll, eigentlich ja nur in Teilzeit, steckt nun mittendrin im Fall, hat aber gleichzeitig noch den Verkauf ihres Erbes, einer alten Villa, die sie von ihrer Tante geerbt hat, abzuwickeln. Das Haus ist düster und dunkel, bringt bei Bettina alte Erinnerungen hoch und lässt sie schwermütig werden – nix wie weg mit dem Ding. Doch da gibt es noch diese verschlossene Tür im Keller, die sie eben erst hinter einem Regal gefunden hat. Bevor der Verkauf über die Bühne gehen kann, muss noch geklärt werden, was hinter der Tür zu finden ist. Nichtsdestotrotz ist Bettina fest entschlossen, den Bau zu veräußern um der alten Wohnung sowie ihrem klapprigen Taunus alsbald Ade zu sagen.

Immer ein wenig müde und erschöpft schleppt sich Bettina durch den Fall, hin und her gerissen zwischen der Ermittlung, der Kinderversorgung, dem Hausverkauf und den Befindlichkeiten aller möglichen Parteien. Ein Balanceakt, den unverständlicherweise Alleinerziehende zumeist ohne jegliche Anerkennung vollbringen müssen. So wie auch Bettina. Teilzeit gilt als Ausrede, Bettina entweder als persönlich betroffen – wegen Ackermann – oder als hochmütige Schnepfe – bei den Kollegen aus der Pfalz, mit denen sie zum Klinken putzen geschickt wird. Doch egal welche Steine ihr in den Weg gelegt werden, Bettina Boll schnüffelt sich den Weg daran vorbei und verfolgt den Fall so, wie sie denkt. So entpuppt sich ein Fehler, eine Unaufmerksamkeit von Bettina als Glückfall für die Ermittlungen, genauso wie ihr untrüglicher Instinkt für Details den Fall nicht nur voran bringt, sondern letztendlich löst.

Bettina Boll ist natürlich das Zentrum, um welches dieser Krimi kreist, doch äußerst lobend muss ich auch erwähnen, dass die Nebencharaktere allesamt höchst charmant daher kommen. Seien es nun die jugendlichen Nutten – ob verhuscht leise oder polternd aggressiv – oder die Pfälzer Kollegen, mit denen Bettina sich reibt, da sie so gar nicht in die Tagesplanung passt und dazu noch das obligatorische, bodenständige und sehr fettige Mittagessen verschmäht. „Des is hausgemacht, des merkt mer, und wemm des net schmeckt, der weeß net, was gut ist.“ (S.216).
Auch Manga, die Hure, welche Ackermann erschossen hat, kommt zu Wort und so offenbart sich auch von dieser Seite das Warum, zeigt eine tief verletzte, aber fürsorgende Seele. So zeigen selbst die kleinen Nebenrollen eine starke Charakterzeichnung und liebevolle Detailarbeit.

Authentizität in ihrer reinsten Form: Bettina Boll als Halbtags-Ermittlerin, Teilzeit-Mutter, Immobilienverkäuferin, Kollegenschreck. Keiner kann nur arbeiten oder nur Mutter/Vater sein – es gibt doch immer tausend Dinge zu planen, zu organisieren, zu erledigen. Ermittler, die sich mit Haut und Haaren den Ermittlungen verschreiben sind doch eher die Ausnahme(und zudem meist Sonderlinge und Einzelgänger) – der Normalfall ist Bettina Boll. Und trotzdem kriegt sie ihren Fall geknackt.  So geht Realität. So geht Krimi.

Fazit:
Bettina Boll in Höchstform – wie immer zwischen allen Stühlen, aber mit dem richtigen Instinkt ausgestattet. Ein tiefschwarzer Krimi, der einem listig verpackt die Realität vor Augen hält, und nebenbei ganz wunderbar spannend unterhält.  Sehr zu empfehlen!

 

So, und weil ich nun gerade Lust darauf habe und finde, dass unbedingt mehr Leute Monika Geier lesen sollten, verlose ich ein Exemplar von “Alles so hell da vorn”. Wer mitmachen will, bitte einfach unter diesem Beitrag kommentieren. Das Gewinnspiel endet am 21.05.2017 um 23:59 Uhr. Die Auslosung erfolgt dann in den darauffolgenden Tagen. Und nun – viel Glück!

 

Das Kleingedruckte
Der Gewinner wird aus allen Teilnehmern ausgelost. Der Name/ Nickname des Gewinners wird nach der Auslosung auf meinem Blog veröffentlicht und der Gewinner außerdem per Email benachrichtigt (bitte denkt also daran, beim Kommentieren eine tatsächlich von euch genutzte Emailadresse zu benutzen). Die Adressdaten des Gewinners werden nur für den Versand benötigt und werden nicht an Dritte weitergegeben. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt Ihr euch mit diesen Bedingungen einverstanden.

 


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Lasse’s Passieren: Heaven’s Gate – Tommy Schmidt


Tommy Schmidt – Heaven’s Gate
Verlag: Culturbooks
357 Seiten
ISBN: 978-3959880213

 

 

 

 

 

Lars Wiesenthal organisiert seit Jahren Rockkonzerte, Bühnenshows und Spektakel. Er ist der Mann, wenn es um Events geht. Mit seiner Agentur „Lasse’s passieren“ hat vor Kurzem wieder ein neues Level erreicht: er hat die Niederkunft einer Celebrity als Event aufgezogen und damit alle Einschaltquoten gesprengt. Als er nun die Nachricht seine Arztes erhält, dass er an einer schweren Krankheit leidet, nach und nach seine Bewegungsfunktionen verlieren und dann sterben wird, ist das also noch lange kein Grund für Lars, genannt Lasse, sich aus dem Business zurückzuziehen. Kurzerhand beschließt er mit seinem letzten Knall zu gehen und macht das Sterben zum Event. Er legt den Grundstein zu „Heaven’s Gate“, einem Center, in dem jeder selbst bestimmen kann, wie und wann er sterben möchte. Und er will selbst sein erster Gast sein.

Ich mache ja gerne mal einen Ausflug in die Zukunft, die uns Autorinnen und Autoren so anbieten. Nun spielt das Buch zwar in die Zukunft hinein, aber das Hauptthema ist es nicht und so zeigt es nur wenig Aspekte, die sich zum Heute hin ändern. Das macht aber gar nichts, denn die Satire von Tommy Schmidt schaut mit einem lockeren Blick auf ein sehr ernstes Thema: aktive Sterbehilfe. Und auch wenn mich das Thema vorher nicht beschäftigt hat, so tut es das nun. Wie sinnvoll ist es, darauf zu warten, zu sterben, wenn man unheilbar krank ist? Nutzt man die Jahre und hofft auf wundersame Rettung? Auf ein Heilmittel, welches doch noch auftaucht? Oder entscheidet man sich hier und jetzt dafür, so Abschied zu nehmen, wie man möchte? Will man sich – oder seinen Angehörigen – Jahre an Schmerzen und Leiden sparen?

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Denn das „Heaven’s Gate“ bietet jedweder Couleur an Sterbewilligen die Möglichkeit, sich zu verabschieden. Auch ohne unheilbare Krankheit. Sinnvoll oder nicht? Nun ja, es wäre kein augenzwinkernder Blick darauf, wenn sich nicht auch die Politik davon Renteneinsparungen versprechen würden und die pensionierten Beamten auf die Barrikaden gingen. Und letztendlich dauert es eine ganze Weile, bevor die letztendliche Entscheidung gefällt ist, da sich der Bau des „Heaven’s Gate“ in das zweite Flughafendesaster wandelt: Demonstranten, Flüchtlinge, Feldhamster, wahnsinnige (und leider falsch rechnende) Architekten, Leichen im Fundament – es scheint als ob das Zentrum nie fertig werden wollen würde. Und derweil all das den Bau verzögert, wird Lasse immer kränker, seine Gliedmaßen werden nach und nach taub, sein Sohn übernimmt die Führung.

„Also, Lasse, du hast da neulich was gemailt zum Thema Phowa-Meditation. Das hat uns nochmal brainstormen lassen, wie wir die Customer Experience noch nach vorn raus erweitern können. Da liegt noch jede Menge Potenzial! Für das Heaven’s Gate bedeutet das, dass wir weit vor einem geplanten Abschied bereits Dienstleistungen anbieten. […] Als Added Values, weitere positive Aufladung des Markenkerns und eigenständiges Profitcenter.“ (S. 56)

Es war richtiggehend gruselig, wie sehr mich manche Stellen an mein eigenes Leben erinnert haben, und auch wenn es mir mitunter den Spiegel vors Gesicht gehalten hat, hab ich doch – zum Glück – meistens darüber schmunzeln und auch einige Male herrlich darüber lachen können. Der Blick auf die Realität sollte immer über eine Satire erfolgen. Es ist einfach zu herrlich. So gelingt dem Autor damit nicht nur, die Business-Welt auf die Schippe zu nehmen, sondern das ernste Thema der Sterbehilfe elegant zu verpacken. Eine Lektüre, die Spaß macht, aber auch gleichzeitig zum Nachdenken anregt.

Das alles wird durch Lasse Wiesenthal getragen, durch den die Geschichte erzählt wird. Sein langsamer Verfall, der nur mehr als langsam voranschreitende Bau des „Heaven’s Gate“ und die gut gemeinte Übernahme durch seinen Sohn lassen Lars reflektieren und bieten eine spannende Vergangenheit, in der er alles mitgenommen hat, aber auch einige zurückgelassen hat. Ein ehrlicher Blick zurück und ein keineswegs unrealistischer Blick in die Zukunft. Mit guten, aber auch mit schlechten Eindrücken über die aktive Sterbehilfe. Segen oder Fluch? Hilfe für Schwerkranke oder kostensparendes Mittel für die überalternde Gesellschaft?

Fazit:
Vom herzhaften Lachen bis zum Kloß im Hals – hier ist alles dabei. Tommy Schmidt präsentiert einen ernsten aber nicht todernsten Blick in die sehr nahe Zukunft. Bedenkenswertes Thema, satirisch verpackt. Sehr gelungen.


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Bedrohlich: Triangel – Anne Goldmann

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Triangel – Anne Goldmann
Verlag: Argument
272 Seiten
ISBN: 978-3867542029

 

 

 

Ganz lange habe ich es herausgezögert, dieses Buch zu lesen. Nicht, weil ich nicht wollte. Oder gar Angst hatte, dass es mir nicht gefallen würde.
Nein, ich habe aus einem ganz einfach Grund gezögert: wenn ich “Triangel” würde gelesen haben, hätte ich kein neues, mir unbekanntes Buch von Anne Goldmann, auf das ich mich freuen kann.
Anne Goldmann habe ich bis jetzt schon zweimal auf der Leipziger Buchmesse getroffen und immer sehr interessante Gespräche mit ihr geführt. Ich mag sie als Person sehr gerne, aber vor allem mag ich Ihre Bücher. Da das Schreiben bei ihr nur der Nebenjob ist, versteht sich, dass die Bücherproduktion nicht am laufenden Band statt finden kann, doch bis jetzt hatte ich noch früher erschienene Bücher in petto. Jetzt muss ich dann doch ein wenig Geduld aus mir herauskitzeln, bis der nächste spannende Krimi von ihr erscheinen wird. Denn das kann ich garantieren – spannend wird er sein, der nächste Krimi, denn da hat mich Anne Goldmann noch nie enttäuscht. Ihre Bücher sind wahre Spannungserlebnisse und das ganz ohne Polizei und Detektive, ganz ohne blutkreischende Orgien oder Serienmörder. Leise, fein und bedrohlich.

Regina Aigner ist Justizwachebeamtin. Hier hat sie mit den schweren Jungs zu tun – sowohl hinter als auch vor den Gittern, denn eine Frau im Männerknast muss sich schon behaupten können. Dabei versteckt sich Regina dort eigentlich – hinter Uniform und geregelten Abläufen. Einzig ihr Haus im Grünen erlaubt es ihr, die schützende Hülle abzuwerfen und sie selbst zu sein. Hier ist sie gerne, renoviert und erweitert das Haus um einen Wintergarten, kümmert sich um die Blumen und genießt die Sonnenstrahlen. Doch auch dieser Rückzugsort bleibt nicht ewig unentdeckt. Regina muss sich nicht nur mit Mobbing im Dorf und einem liebestollen Kollegen zurecht finden, sondern auch mit einem entlassenen Häftling, der es auf das Wertvollste in ihrem Leben abgesehen hat: ihren Rückzugsort.

Regina Aichner ist eine unbequeme Protagonistin. Spröde ist wohl das Wort, welches mir als erstes durch den Kopf gehuscht ist. Sie ist zurückhaltend und verschlossen, in der Männerwelt, die sie betritt, ist das mitunter auch nötig. Zwischen bärbeißigen Bemerkungen und väterlichen Ratschlägen ist es für sie nicht einfach, ihren Job zu machen. Aber es ist genau der richtige Job für sie – dort muss sie nichts preis geben, kann ihre Vergangenheit für sich behalten. Regina ist nicht nur kühl, sie ist fast schon kalt, abweisend. Doch sie hat eine zweite Seite. Eine Seite, die sie nur zu Hause in ihrem kleinen Häuschen zeigt, eine Seite, die nur ihre Mitbewohnerin sieht. Hier kann sie loslassen und sie selbst sein. Zumindest wenn kein Besuch da ist. Doch auch in ihrem Haus hat man manchmal das Gefühl, dass sie nicht alles zeigt. Gar nicht alles zeigen kann, weil sie es gewohnt ist, nichts zu zeigen. Einzig der lauteste Kollege kann sich in Reginas Herz schleichen und bringt sie dazu, wirkliches Mitgefühl offen zu zeigen, aus ihrem Schneckenhaus auszubrechen.

Regina erbt das Haus von ihrer Mitbewohnern Johanna – nein, sie hat sie nicht umgebracht, darum geht es in dem Krimi hier nicht. Aber schon um das Haus. Die Dorfbewohner, allen voran einer, neidet ihr das, aber auch ein Neffe mag ein Stück vom Kuchen abhaben. Ausgerechnet ein Ex-Knacki, der Regina bisher nur als Wachbeamtin kennen gelernt hat. Und dann ist da noch Kollege Paul, mit dem Regina eine lose Beziehung beginnt, der Regina aber schon als festen Bestandteil in seiner Zukunft sieht. Als Regina dann den Wintergartenbau beginnt und menschliche Knochen ausgräbt, dies aber für sich behält, ist die Aufstellung komplett, die Figuren sind positioniert. Als Leser mag man sich nicht oder nicht in allen Charakteren wiederfinden, aber immer sind diese stimmig erzählt, man nimmt ihnen ihre Handlungen ab. Man schüttelt den Kopf, wenn Regina den Knochenfund für sich behält, weil man es selbst anders machen würde, aber man versteht es. Weil es eben Regina ist. Sie ist so. Und nicht anders.

Ganz sicher liegt die Spannung in diesem Roman nicht in reisserischer Aufmachung. Es schleicht sich leise an – so wie Frau Goldmann dies auch in ihren anderen Spannungsromanen vollzieht. Es ist das alltägliche Leben, welches bedrohlich wird, aber eben nach und nach. Hinzu kommen hier Charaktere, die alle Erwartungen haben, aber nicht miteinander darüber sprechen. Bestes Beispiel ist Reginas Freund. Eine Liebesbeziehung, Heirat, Kinder erwartet er – Regina hält es für eine lose Beziehung mit Sex. So stauen sich nach und nach Erwartungshaltungen an, Sehnsüchte bauen sich auf, falsch verstandene Gesten und Handlungen untermauern das Ganze, bis alle aufeinander treffen und der Knoten platzt – erstaunlicherweise ganz ohne Regina. Die Charaktere sind sich fern und doch untrennbar miteinander verwoben. Ein Knall scheint unausweichlich.

Fazit:
Alles was ein guter Spannungsroman benötigt: leise Spannung, überzeugende Charaktere und eine bedrohliche Atmosphäre. Wie immer bei Anne Goldmann: sehr empfehlenswert!