Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


3 Kommentare

Veränderung: Die schwarze Fee – Kerstin Ehmer


Kerstin Ehmer – Die schwarze Fee
Verlag: Pendragon
397 Seiten
ISBN: 978-3865326560

 

 

 

 

Ariel Spiro bekommt einen neuen Fall: auf einem Schiff, mitten unter den anderen Fahrgästen, am helllichten Tag, sitzt ein Toter. Keiner hat den Mann einsteigen sehen, keiner kennt ihn. Die Ermittlungen laufen schwerfällig, es gibt kaum Spuren. Dann wird ein weiterer Toter gefunden, in einem Bus. Wieder kennt ihn keiner und Spiro als auch sein Kollege Bohlke laufen sich die Hacken wund, bis endlich ein Hinweis eintrifft, dass einer der Männer russisch gesprochen hat.  Derweil sucht Nike Fromm, Tochter aus reichem Hause, Medizinstudentin und große Liebe Ariels, seine Hilfe. Nikes Freund Anton Kraftschick ist spurlos verschwunden. Der junge SPDler hat mit russischen Anarchisten geliebäugelt.

Schon im ersten Teil der Reihe ist es der Autorin gelungen, ein bezauberndes Flair zu schaffen, getragen durch die verschiedenen Charaktere und deren unterschiedliche Blickwinkel. Auch diesmal öffnet die Autorin ein Füllhorn voller Charaktere, neben Ariel und Nike, die dem Leser Berlin in den Zwanzigern näher bringen. Gibt es zum einen die glamouröse Seite, die Reichen, die Schönen, die Jungen, die sich dem Lebensstil, der Freiheit und der Freizügigkeit hingeben, die Nächte durchtanzen, Absinth trinken und nicht an morgen denken, so gibt es auf der anderen Seite die Armen, die Älteren, die Nicht-so-gut-Betuchten, die jeden Tag um ihr Überleben kämpfen, die malochen, um ihre Familien zu ernähren und deren Kinder in entweder zu kleiner oder zu großer Kleidung durch die Stadt stromern.

Da ist zum Beispiel Fred, der mit seiner Bande durch die Stadt scharwenzelt und mehr sieht als die Erwachsenen sich vorstellen, und dann sind da die Kraftschicks, SPDler bis in die Zehenspitzen, deren Sohn Anton verschwindet, und dann ist da Bludau von der Sitte, der aber grad gar keine Lust auf seinen Dienst hat, sondern lieber um eine Dame buhlt. Und dann sind da Anton, Polina, Unterleuthner, Bohlke…. Es gibt doch einige Handlungsstränge. Diese tragen dazu bei, ein vielfältiges und eindrückliches Bild von Berlin zu zeichnen, doch tatsächlich waren es mir gerade anfangs zu viele. Der Kriminalfall rückt in der ersten Hälfte des Krimis fast in den Hintergrund, geschuldet den wenigen Spuren, aber eben auch dem umfassenden zeitgeschichtlichen Überblick, den die Autorin zeichnet. Ein wenig mehr Fokus auf Ariel und Nike hätte mir besser gefallen, vor allem, da es ein wenig so scheint, als wäre Nike an Antons Verschwinden kaum mehr interessiert, nachdem sie Ariel darauf angesetzt hat. Nichtsdestotrotz führt die Autorin alle Handlungsstränge am Ende zusammen, keiner ist unnötig und jeder erfüllt seinen Zweck.

Ariel Spiro selbst ist in diesem Band grüblerischer als im letzten. Er überdenkt seine Entscheidung, nach Berlin gekommen zu sein. Zu seinen Kollegen hat er kaum Kontakt, wird eher gemieden und einmal sogar allein ins offene Messer geschickt. Es wird ihm immer noch übel genommen, dass er als Außenstehender den Posten bekommen hat, anstelle eines anderen, der es sich innerhalb der eigenen Reihen verdient hat. Mit hinzu kommt, dass Ariel sich unsterblich in Nike verliebt hat, doch dadurch, dass er sie im Glauben gelassen hat, er wäre Jude, hat sich das Verhältnis der beiden abgekühlt und er stromert unglücklich durch den Park, in der Hoffnung Nike zufällig bei einem ihrer Ausritte zu sehen.

Zum Flair muss man nun wohl noch anmerken, dass es nun politischer wird. Im letzten Teil ist es (zumindest mir) noch nicht so aufgefallen, aber man merkt nun mehr und mehr Tendenzen hin zum Nationalsozialismus. SPDler, NSDAPler, Kommunisten und wie diese sich alle uneinig sind, als auch antisemitische Tendenzen, mit denen auch Ariel Spiro – kein Jude, aber mit jüdisch-klingendem Namen ausgestattet – umgehen muss. Gleichzeitig legt die Autorin den Fokus auf die russischen Flüchtlinge, die Berlin zu dieser Zeit bevölkerten. Nach der Oktoberrevolution sind es hunderttausende, die in Berlin eine vorübergehende Heimat gefunden habe, davon träumen ins vorherige Russland zurückzukehren oder darauf hoffen, bald ein neues Russland zu sehen. Trotzki, Machno und die Machnowschtschina, Bolschewiken und Anarchisten, die Autorin flicht diese doch komplizierten Themen ohne Probleme ein, für mich nicht unbekannt, aber trotzdem habe ich danach noch einiges nachgeschlagen, um mehr darüber zu erfahren. Nichtsdestotrotz muss man sagen, die Leichtigkeit und der Flair der goldenen Zwanziger sind noch vorhanden, doch die Themen werden ernster und man kann einen langsamen Wandel erkennen.

Fazit:
Auch wenn ich mir mehr Fokus auf den Ermittlungen gewünscht hätte, malt die Autorin wieder gekonnt ein eindrückliches Bild der Zwanziger Jahre und weiß mit Flair und zeitgeschichtlichen Details zu überzeugen, so dass die Lektüre des Krimis spannend-kurzweilig und ausdrücklich zu empfehlen ist.


8 Kommentare

Made in Germany: Last Shot – Hazel Frost


Hazel Frost – Last Shot
Verlag: Droemer Knaur
386 Seiten
ISBN: 978-3426306420

 

 

 

 

Dieses Buch hatte ich mir schon auf die Wunschliste gesetzt, doch durch die überaus ansprechende  Rezension auf Krimilese hab ich das Buch sofort gekauft und gelesen. Das mache ich nur überaus selten – zwar kaufe ich Bücher oft direkt bei Erscheinung, doch gelesen werden diese oft erst Tage, Monate, ja und auch Jahre später. Hüstel. Egal – bei dem vorliegenden Thriller, der hier unter einem Pseudonym einer mir schon bekannten deutschen Autorin veröffentlicht wurde, war die Entscheidung genau richtig.

In den bayrischen Bergen, an einem verlassenen Rastplatz. Ein Mercedes, die Türen stehen offen. Als Dima nach der Pinkelpause zum Auto seiner Familie zurückkehrt findet er sie alle erschossen vor: seinen Vater Youri, seine Schwestern Lale und Ayla; Mathilda ist verschwunden.

Das ist die Ausgangssituation und danach beginnt ein wilder Roadtrip, bei dem man sich ständig fragt: und das in den bayrischen Bergen? Sind wir nicht irgendwo in den USA, in einsamen, wilden, vogelfreien Landstrichen? Nein, sind wir nicht, denn die Autorin beweist mit Bravour, dass so ein Thriller eben auch in Deutschland funktioniert. Und was für ein Thriller das ist!

Tatsächlich wird auch viel gefahren in dem Buch, so dass die Idee des Roadtrips eben einfach nahe liegt, doch auch die außergewöhnlichen Charaktere, die dann auffällig zufällig diesen Thriller bevölkern, haben es mir angetan und gehören definitiv in einen Roadtrip. Dabei ist Dima für mich der uninteressanteste Charakter, gleich gefolgt von November, derjenigen, die Dimas Familie erledigt. Nein, keine Sorge, ich spoilere nicht, das weiß man von Anfang an. Die Nebencharaktere sind es, die diesen Thriller zu etwas besonderem machen. Dabei sind die Polizisten Horst Horst und Kamilla Rosenstock, die widerwillig und auf ganz eigene Art in dem Fall ermitteln. Die dicke Betty und der mit Drogen vollgepumpte Slick, die Dima aufgabeln und als Geisel nehmen, bis Dima die beiden als Geisel nimmt, gefolgt von zwei rothaarigen mysteriösen Zwillingen. Oder auch Simon, der normalste unter allen, der von November als Geisel, Fahrer und Lebensretter genutzt wird.

Zwischen diesen drei Erzählsträngen wird auch immer wieder hin und her geschaltet und nur der Leser weiß oft, wie nah diese Personen sich gegenseitig sind. Einmal folgen wir den beiden Polizisten, die dem Fall hinterherstochern, aber durch gute Intuition schon bald am Geschehen beteiligt sind. Dann wiederum folgen wir Dima, der mit Betty und Slick, auf der Suche nach November und Matilda ist. Und dann noch November und Simon, die in einem Rettungswagen aus den Bergen nach München und zurück gondeln, die wiederum immer auf der Suche nach Dima und Mathilda.

Neben diesen abwechselnd platzierten und ineinander verwobenen Erzählsträngen ist der weitere Aufbau des Thrillers ungewöhnlich, denn neben einem Prolog und der Hauptgeschichte, befinden sich anschließend zwei weitere Teile in dem Thriller: DAVOR und DANACH. Diese offenbaren, logischerweise, was vor der Situation auf dem Rastplatz geschehen ist und wie es nach dem Showdown – und ja, das ist mal wirklich ein Showdown, eleganterweise wieder auf dem gleichen Rastplatz wie zuvor – weitergeht. Dieser Aufbau sorgt aber eben dafür, dass der Showdown schon bei ungefähr 2/3 des Buches passiert – das tut der Spannung allerdings keinen Abbruch, sind doch noch so viele Fragen offen, die eben das DAVOR und DANACH klären.

Ich finde, ein Roadtrip bereitet immer einen ganz besonderen Reiz. Wenn man dies dann noch gelungenerweise in die bayrischen Berge versetzt, ohne das es jemand merkt und eben keine Alphörner sich dialektisch auskotzen oder Ermittler vor sich hingranteln, man dafür aber abgefahrene Karren, ein paar Waffen und Menschen, die nichts zu verlieren haben, hineinsetzt bekommt man eben einen absolut genialen Thriller, made in Germany. Basta.

Fazit:
Knallharter Roadtrip in und aus Deutschland, sowie aus Frauenhand – gibt es nicht? Gibt es eben doch. Und das verdammt gut. Unbedingt lessen!


4 Kommentare

Shorty | Alles anders: Beton Rouge – Simone Buchholz


Simone Buchholz – Beton Rouge
Verlag: Suhrkamp
228 Seiten
ISBN: 978-3518467855

 

 

 

 

Worum geht es?
Des Morgens findet sich vor einem Hamburger Verlagshaus der Personalchef nackt und mit Folterspuren in einen Käfig eingesperrt. Die Mitarbeiter kümmert es wenig, erst nach einer ganzen Weile rufen sie die Polizei. Stellenstreichungen und Kosteneinsparungen kommen bei den Mitarbeitern eben nicht gut an. Chas Riley ermittelt gemeinsam mit einem neuen Kollegen: Ivo Stepanovic vom LKA. Schon bald findet sich der nächste Chef im Käfig – rächt sich etwa ein Mitarbeiter?

Einer wie der andere?
Joa… Chas Riley ist natürlich dabei und genial wie immer. Doch diesmal gibt es den neuen Kollegen Ivo Stepanovic, mit dem sich Chas erst mal einrütteln muss. Der Calabretta schleicht im Hintergrund aber trotzdem herum, derweil der Faller im Urlaub ist. Überhaupt ist privat so einiges los, um nicht zu sagen: WTF – was passiert denn da alles?
Ach, und das seltsamste überhaupt: Chas Riley fährt nach Bayern!

Opfer, Tat und Täter
Manager als Opfer – sehr schön. Das könnte es ruhig öfters geben. Hüstel… also so einen Denkzettel hätte da der ein oder andere schon verdient. Der Täter ist denn nun aber jemand ganz anderes als gedacht und die Tat irgendwie am Ende gar nicht so schlimm, wie man meint.

Themen
 Eine lange gehegte Rache, gewürzt mit Selbstmitleid und Geltungsdrang. Kinder können so grausam sein.

Was war gut?
Auch wenn ich darüber überrascht bin, dass sich so viele Dinge in Chas Rileys Leben gerade ändern – der neue Kollege ist ja nur der Anfang – bin ich davon positiv überrascht. Ich denke, es wird der Reihe gut tun, ein wenig frischen Wind abzubekommen, solange Chas Riley als fester Bestandteil das Zentrum bleibt. Ansonsten ist der Stil natürlich gewohnt hervorragend, schnoddrig, literarisch, auf den Punkt und die Ermittlung gekonnt durchgeführt.

Was war schlecht?
Niente. Wobei ich schon gespannt bin, wie es bei den privaten Geschichten so weiter geht, jetzt da alles Kopf steht. Ob sich das wieder gut einrenkt? Irgendwie anders, aber eben doch wieder gut?

FAZIT:
Viele Änderungen, aber das ist kein schlechtes Zeichen. Chas Riley und Simone Bucholzens Schreibstil sind wie gewohnt erstklassig und der Fall lässt einen doch glatt Sympathie für den Täter empfinden. Sehr gut gemacht!


7 Kommentare

Milchtüten: Hologrammatica – Tom Hillenbrand


Tom Hillenbrand – Hologrammatica
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
560 Seiten
ISBN: 978-3462051490

 

 

 

 

Quästor Galahad Singh bekommt einen neuen Auftrag: er soll die verschwundene Juliette Perrotte suchen. Perrotte ist eine Softwareentwicklerin für ein kleines Unternehmen, welches den Upload von Cogits – einer digitalen Kopie des Gehirns in einen künstlichen Körper – verschlüsselt.  Singh macht sich auf die Suche nach der Verschwundenen, viel Hoffnung hat er zuerst mal nicht, denn viele Menschen verschwinden mittlerweile absichtlich. Zwar nie lange, viele hinterlassen Spuren, doch jedem steht es frei zu verschwinden. Doch ist Juliette Perrotte wirklich freiwillig verschwunden oder entführt worden?

In Hologrammatica ist fast nichts mehr echt. Die meisten Straßen, Häuser, Landstriche werden mit Holografie aufgehübscht, die Menschen ziehen sich Holomasques über. Keiner mag mehr so aussehen, wie er eigentlich aussieht, keiner will den „Naked Space“, also die richtig, echten Gebäude, Landschaften oder Menschen sehen. Ende des 21. Jahrhunderts hat sich die Menschheit auch verringert – einer Pandemie sei Dank – was der Klimakatastrophe zumindest etwas Einhalt geboten hat. Klar ein paar Landstriche sind abgesoffen und manche so heiß, dass keiner dort wohnen mag, doch den übrigen Menschen geht es einigermaßen gut. Die Staaten haben sich neu formiert, z. B. weite Teile Europas mit Russland in der EURUS, die Kräfteverhältnisse haben sich verändert. Ach, und im Weltraum kann man jetzt auch nach Rohstoffen schürfen – mit einem Lift in den Himmel.

Galahad Singh arbeitet als Quästor, also als Privatdetektiv. Dieser ist allerdings – hier der Hinweis für diejenigen, die kein Latein beherrschen – auf verschwundene Personen spezialisiert. Und jetzt kommt der Gag schlechthin, bei dem ich gänzlich aus dem Häuschen war: die Verschwundenen nennen die Quästoren Milchtüten. Ja genau, angelehnt an die abgedruckten, verschwundenen Kinder auf Milchtüten, damals in den USA (macht man das heute noch?). Milchtüte… ich find den Begriff Bombe. Der Wahnsinn. Ich bin schlichtweg begeistert. Aber das Buch hat noch mehr zu bieten, keine Sorge.

„In alten Filmen haben Privatdetektive stets verschiedene Visitenkarten zur Hand, damit sie sich als Gott-weiß-wer ausgeben können. Ich hingegen habe an die fünfzig Holomasques gespeichert, die ich jederzeit überstülpen kann – Elektroinstallateur, Verkehrspolizist, Penner und so weiter.“ (Pos. 770)

Singh muss nun also nicht auf althergebrachte Art nach der Verschwundenen suchen, doch einen persönlichen Überblick verschafft er sich doch noch. Die Netzsuche ist zwar weitgreifend, aber eben auch recht dumm. Könnte das aber nun jeder per Netz, wäre ein Quästor ja nicht mehr nötig. So reist der Londoner nach Paris, in die Wüste, ins All, das sind zu dieser Zeit auch keine richtigen Entfernungen mehr. Singh selbst bringt einen ironischen Unterton in die Ermittlungen, will den Fall anfangs auch gar nicht so richtig bearbeiten, doch irgendwann kommt er einfach nicht mehr aus dem Fall raus. Gegner tauchen auf, die mit ungewöhnlichen Waffen aufwarten, Spuren führen in die Welt der Crasher, die ihren Gefäßen Todeserfahrungen aussetzen, aber auch in den Naked Space. Sie führen zu einem Programmierer, der mit Juliette Kontakt hatte und … ah, mehr möchte ich nicht verraten.

Dem Autor gelingt es hervorragend, eine zukünftige Welt zu erschaffen, die noch nah genug an unserer heutigen Zeit ist, aber weit genug davon entfernt. Er baut bestehende Entwicklungen aus und fügt technologische Neuerungen zu. Er erschafft eine Vergangenheit, die für uns noch Zukunft ist, welche weitreichende Auswirkungen hat. Mittendrin Galahad Singh, der auf der Suche nach der Verschwundenen, Fragen stellen muss, anderen, aber auch sich selbst. Der hinter die Holografie blickt und Abgründe sieht, die keiner hätte sehen sollen. Tatsächlich fällt es mir schwer, meine Begeisterung in Worte zu fassen, möchte ich doch nicht zu viel verraten, denn mich haben einige Wendungen sehr überrascht. Die Geschichte war durchweg spannend und logisch aufgebaut, ein Pageturner, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Sehr spannend fand ich im Übrigen auch die kleinen aber feinen Einblicke aus Juliette Perrottes Perspektive.

Fazit:
Nach „Drohnenland“ legt der Autor hier einen weiteren sehr gelungenen Ausflug in die Zukunft vor. Quästor Galahad Singh begegnet der holografierten Zukunft mit der gehörigen Portion Ironie und schaut hinter die Kulissen. Hervorragende Unterhaltung in meiner liebsten Kombination: Krimi und Zukunft.

 


Ich füge hier noch ein Zitat an, welches es absolut wert ist, zitiert zu werden, doch wenn man genau liest, einen Hinweis auf die Handlung gibt, so dass ich es nun als SPOILER markiere – also, wer das Buch noch lesen möchte, hier bitte aufhören!

„Meiner Ansicht nach haben Menschen die unangenehme Angewohnheit, alles auf sich selbst zu beziehen. Ein Rassist glaubt, dass an allem die Ausländer schuld sind. Ein Strafrichter wähnt überall Gauner und Diebe. Und der Chef einer Behörde, die KIs kontrollieren soll, vermutet hinter jeder Schweinerei einen cleveren Computer.“ (Pos. 4597)

 

 


4 Kommentare

Politkomplott: Der grüne Chinese – Dagmar Scharsich


Dagmar Scharsich – Der grüne Chinese
Verlag: Argument Verlag
583 Seiten
ISBN: 978-3867541800

 

 

 

 

So richtig hab ich nicht gewusst, was mich erwartet, als ich „Der grüne Chinese“ begonnen habe zu lesen. Neugierig war ich, was der „grüne Chinese“ denn so ist, ob er auch ein Ding ist, so wie die „gefrorenen Charlotten“, die in einem anderen Buch der Autorin die Hauptrolle spielen. Ein Mix zwischen heute und Vergangenheit hab ich erwartet, denn schließlich entdeckt die Antiquarin Marie Baer ein altes Tagebuch aus der Zeit um Kaiser Wilhelm II. Ein altes Geheimnis, welches in die Gegenwart hineinreicht. Und dann, dann kam es ganz anders. Anders und besser als erwartet.

„Das ist eben heute so. Kein Mensch liest heute noch ein Buch nach dem anderen, wie damals zu Opas Zeiten. Heute gehen die Leute nach der Arbeit ins Kino oder nach Hause zum Fernsehen. Ein Film von zwei Stunden erzählt eine komplette Lebensgeschichte. Du kannst lachen und weinen, alles an einem Abend. 500 Seiten liest dafür keiner mehr. Und genau deshalb haben Bücher keine Zukunft. Sie haben allenfalls eine geduldete Gegenwart. Was bleibt, ist ihre große Vergangenheit. Die wirft man nicht einfach weg, Bücher gehören nicht auf den Müll, nur weil keiner mehr Zeit für sie hat. Und das ist der Grund. Darum habe ich aus Opa Willis Buchhandlung, als ich sie vor vier Jahren übernommen habe, ein Antiquariat gemacht.“ (S. 11)

Da ist sie also, die Berlinerin Marie Baer, die von der Zukunft der Bücher nicht überzeugt ist und deshalb aus der geerbten Buchhandlung von Opa Willi ein Antiquariat macht. Ein Laden, der sie und ihren Opa in ihrer „Gespenster-WG“ nur knapp über Wasser hält, in dem sie täglich Heerscharen Touristen abgefertigt und in ihrem Sessel der Tage harrt. Ah, und dann ist da ja noch der Fritz, der schnittige Autohändler, der einfach nicht Maries Leben verlassen will, sondern so wie die Hausarbeit eben da bleibt und gemacht werden muss. Jut jut, Marie.

Da werden ihr eines Tages ein paar alte Romanhefte angeboten, Groschenromane aus der Zeit von Kaiser Wilhelm II. Das Besondere daran ist, dass die Hauptfigur Wanda von Brannburg, eine Detektivin ist. Ungewöhnlich und selten, so eine Frau als Protagonistin in dieser Zeit. Und ungemein begehrt, so dass Marie natürlich versucht, auch die restlichen Groschenhefte von der Dame zu ergattern, welche ihr den ersten Packen übergeben hat. Nach einigem Hin und Her gelingt ihr das auch. Viel mehr Interesse hat Marie dann aber an der Verpackung der Heftchen, denn dabei handelt sich um das Tagebuch der Baronesse Wendeline Sophie von Branndenburg, genannt Wanda. Ein Tagebuch, ein Roman, die Baronesse eine Autorin? Und schon taucht Marie mit Onkel Willi in die Vergangenheit ein.

Und fast nicht wieder auf. Ganz anders als erwartet, wechselt die Autorin nicht zwischen dem Heute und dem Jahre 1909, in dem die Geschehnisse um Wanda von Branndenburg festgehalten sind, nein, nur noch zweimal kurz darf Marie Luft holen, sich etwas zu essen besorgen und dann mit Onkel Willi weiterschmökern, bevor sie dann am Ende doch noch einen großen Auftritt hinlegt. Tatsächlich – und für mich sehr unerwartet – bestreitet die Handlung im Jahre 1909 den größten Teil des Buches.

1909, eine aufregende Zeit voller Veränderungen; Kaiser Wilhelm II., preußische Tugenden, eine Zeit des Umbruchs. Das Automobil erobert die Straßen, die ersten Telefone ziehen ein, Luftschiffe verdunkeln den Himmel. Die Hauptstadt wird größer und größer. Und doch startet man eher beschaulich mit Wendeline Sophie von Branndenburg auf dem herrschaftlichen Gut, dem sie so oft wie möglich zu entfliehen sucht. Die Zukunftsvorstellungen der Eltern eher lästig, zieht es sie nach Berlin, in die Großstadt, zu ihrer Tante Emmy und ihrem Onkel Gustav. Und dann… dann passiert so viel, dass Wanda gar nicht mehr weiß, wo ihr der Kopf steht. Explosion und Flucht, Tote und Reisen, Geheimagenten und Wissenschaftler, eine geheime Wohnung und ein spitzelnder Baron…

Wanda, eine stürmische Frau, die ihrer Zeit zu entfliehen sucht. Nicht mit Pauken und Trompeten, aber eben doch nicht leise. Die sich aufgrund der Mode der Zeit nicht alleine an- und ausziehen kann und dies unerträglich findet, die zwischen Zurückhaltung, Trauer und Mut hin- und herpendelt, die vielleicht nicht immer die richtigen Fragen stellt, aber keinesfalls aufhört Fragen zu stellen. Eine Frau, die den Spagat zwischen Vergangenheit und Moderne versucht und unversehens in ein politisches Komplott schlittert. Was für eine beeindruckende Frau!

Vollkommen überzeugt die Autorin mit ihrem Figurenensemble, nicht nur mit Wanda allein. Sei es die in den Tag hineinlebende Marie, die es nicht schafft, sich von ihrem Fritz zu trennen, sei es die dickköpfige und vielleicht verwirrte Rose von Reventlow und deren Enkelin Gesine, die sich zu nichts traut, der patente Justus Hansen, der Wanda nicht von der Seite weicht, der Polizist von Reventlow, dem Gerechtigkeit mehr zählt als Ordnung… eine Vielfalt an Charakteren, keiner flach, alle bleiben im Kopf.

Zugegeben, es dauert eine ganze Weile bis Wanda – und mit ihr nicht nur Marie sondern auch ich als Leser – dahinterkommen, was eigentlich hinter der ganzen Geschichte steckt. Welches Ausmaß sich hinter einem Koffer voller Stoffe, einem Koffer voller Papier und ein wenig Reibung steckt. Derweil bleibt es aber kontinuierlich spannend, wenn auch nicht nervenzerreißend, eben zeitgemäß. Anfang des 20. Jahrhunderts nahm das Leben zwar schon Geschwindigkeit auf, aber eben noch gemäßigt. Viel gelernt habe ich, wie so oft, und noch einiges habe ich nachgeschlagen: Zeppeline, Goldschlägerhaut, das Berlin der Kaiserzeit, die Männer in den grauen Mänteln. Geschickt verwebt die Autorin die historischen Ereignisse mit der erfundenen Geschichte, lässt auch bekannte Personen auftreten, oder benennt diese um, verdichtet den geschichtlichen Hintergrund, um Wanda einer politischen Intrige auf die Spur kommen zu lassen. Ein Sahnestückchen ist der Autorin hier gelungen!

Fazit:
Unerwartet anders und trotzdem genial – ein historischer Krimi zur Kaiserzeit, in welcher eine Baronin einer politischen Affäre auf den Spuren ist, gemischt mit ein wenig von Heute und der schnoddrigen Marie Baer. Ein ausgezeichnet geschriebener Krimi, der nicht aus der Hand zu legen ist.


6 Kommentare

Glimpses | Damals

Der Mann, der nicht mitspielt – Christof Weigold

Worum geht es?
Hardy Engel, Schauspieler und Privatdetektiv, wird im Hollywood der 20er Jahre damit beauftragt, die verschwundene Virginia Rappe zu finden. Er findet sie auch: zugedröhnt, nackt und über Schmerzen murmelnd auf einer Party von Starkomiker Fatty Arbuckle. Zwei Tage später ist sie tot und Fatty Arbuckle soll daran schuld sein. Wahr oder nicht wahr?

Wie hat es mir gefallen?
Die schillernde Welt von Hollywood – das war damals schon so. Aber wie auch heute, ist es eben nur vordergründig schillernd und lebt mit Skandalen und Intrigen. Hardy Engel bekommt es mit Studiobossen und Stars zu tun, mit Regisseuren und Sicherheitschefs – doch keiner sagt die Wahrheit. Hardy muss sich ganz schön durchbeißen, um nicht vom Glanz, Glamour und Geld der Glitzerwelt überzeugt zu werden, den Mund zu halten. Nebenbei erfährt man so viel über das Hollywood jener Zeit, der Wahnsinn. 20er Jahre Hollywood, ein hartgesottener, standhafter Privatdetektiv, ein Touch Noir – so mag ich kriminelle Ausflüge in die Vergangenheit.

Die Drei
Schillernd, abgründig, erstklassig recherchiert


Schüssler und die verschwundenen Mädchen – Viktor Glass

Worum geht es?
Augsburg, 1890. Wenn Dienstmädchen ihre Anstellung verlieren bleibt ihnen, nachdem die Fabrikarbeiten mehr und mehr von Maschinen übernommen wurden, nur die Wahl zwischen Heirat und Freitod. Als Ludwig Schüssler vom Verlobten beauftragt wird, Luise zu finden, die vormals als Dienstmädchen gearbeitet hat, denkt er zuerst auch daran. Doch gemeinsam mit Caroline Geiger, die er zufällig trifft, tauchen plötzlich Spuren auf, die ganz andere Aufenthaltsorte der verschwundenen Mädchen andeuten.

Wie hat es mir gefallen?
Überraschend großartig – bin ich doch kein Fan von historischen Krimis, hat mir dieser ausgenommen gut gefallen. Vielleicht untypisch für die Zeit, aber von mir durchaus mit Wohlwollen betrachtet ist Schüsslers aufgeklärte Art und Carolines Selbstständigkeit, die nicht nur das Ermitteln erleichtern, sondern auch einen Hoffnungsschimmer in der damals doch recht trüben Zeit – zumindest für diejenigen ohne Geld bzw. für Frauen – aufglimmen lassen. Privatpolizist Schüssler und seine neu gewonnene Assistentin Caroline Geiger konnten mich vollauf überzeugen!

Die Drei
Authentisch, gut konstruiert, klasse Ermittlerpärchen


Die Maske des Dimitrios – Eric Ambler

Worum geht es?
Die 30er Jahre. Charles Latimer ist Kriminalschriftsteller und stolpert per Zufall in Istanbul über den Fall Dimitrios. Dimitrios wurde tot an der Küste  angespült und damit wurde eine lebhafte Verbrecherkarriere beendet. Latimers Interesse ist geweckt und er reist auf Dimitrios Spuren nach Rumänien und Frankreich, trifft dubiose Männer und auch eine geheimnisvolle Frau, er gerät immer tiefer in den Fall und muss schon bald um seine eigene Haut fürchten.

Wie hat es mir gefallen?
Die ersten hundert Seiten haben mir gefallen, doch dann muss ich zugeben, dass das Buch zäh wurde. Ich war ein wenig enttäuscht, dass Dimitrios dann doch nichts weiter als ein Verbrecher war, so geheimnisvoll wie Latimer und viele der anderen Charaktere ihn schildern, fand ich ihn nicht. Trotzdem wird das Flair der Zeit gut transportiert, auf Bahnreisen, in Aktenbergen, und durch den falnierenden Schriftstelle. Sehr gut gefallen hat mir die Einarbeitung zeitgeschichtlicher und politischer Ereignisse. Vielleicht kam es auch daher, dass ich ständig Vergleiche zu Ross Thomas gezogen habe und ich muss sagen, Thomas gelingt es besser, mir diese trockenen Ereignisse mit Sarkasmus und Kurzweile einzuflößen.  Nichtsdestotrotz ist das Buch ein Krimiklassiker und es wird auch nicht mein letzter Ambler sein.

Die Drei
Zeitgeschichtlich hervorragend, irgendwie zäh, aber ein Klassiker


 


2 Kommentare

Shorty | Krokodile: Blaue Nacht – Simone Buchholz


Simone Buchholz – Blaue Nacht
Verlag: Suhrkamp
235 Seiten
ISBN: 978-3518466629

 

 

 

 

Worum geht es?
Nach den Erlebnissen am Ende des letzten Bandes, ist Chasity Riley aufs Abstellgleis geschoben worden. Opferschutzbeauftragte. Abstellkammer. Fast nichts zu tun. Kein Wunder also, dass sie sich auf den Kerl stürzt, der grün und blau geschlagen im Krankenhaus landet. Macht auch gar nichts, dass der nicht reden will. So leicht gibt Chasity nicht auf. Ködert mit Bier und Zigaretten – und voila. Plötzlich bekommt der Kerl den Mund auf.

Einer wie der andere?
Simone Buchholzens Schreibstil bleibt ganz wunderbar und gefällt mir mit jedem Band der Reihe noch besser. Sprachperle an Sprachperle reihen sich hier hintereinander und machen das Buch zu einem Genuss. Der Kriminalfall, ja, der lässt diesmal allerdings schon ein wenig auf sich warten. Der Kerl im Krankenhaus redet ja erst mal nicht und als er dann redet auch noch kryptisch. Da dauert der Krimifall dann eben ein wenig. Wird aber trotzdem gut.

Opfer, Tat und Täter
Ein Killer, ein paar Möchtegerngangster, ein großer Gangster, der jetzt auf Schickimicki macht.

Themen
Der zerbrochene Kerl im Krankenhaus führt zuerst nach Leipzig, dann nach Polen, dann wieder zurück nach Hamburg. Es geht um Drogen und zukünftige Drogen.
Privat geht auch so einiges her, denn der Calabretta kämpft sich durch Liebeskummer, der Faller blüht auf, Carla und Rocco streiten und lieben sich, derweil Klatsche ungewollten Kontakt zu seiner Vergangenheit aufnimmt.

Was war gut?
Soll ich oder soll ich nicht? Ach, ich mach es einfach – es kann nicht schaden, es nochmal zu erwähnen: Simone Buchholzens Stil ist einfach der Hammer. Ich habe mal behauptet, Joe R. Lansdale könnte auch das Telefonbuch schreiben, ich würde das trotzdem lesen – und ich schließe nun Simone Buchholz ein. Frau Buchholz, falls Ihnen die Ideen ausgehen, überhaupt kein Thema – wir Fans lesen auch gerne ihren Einkaufszettel.
In diesem Teil der Reihe bekommen die Figuren mehr Raum, bedingt auch dadurch, dass Chasity aufs Abstellgleis befördert wurde und der Fall doch spät sich herauskristallisiert, aber da es sich bei allen ausnahmslos um liebgewonnene Charaktere handelt, ist das unterhaltsam und fügt sich ganz wunderbar ein.
Und das Ende. Das Ende war granatenmäßig. Das hab ich überhaupt nicht erwartet. Wie geht es jetzt weiter? Was macht das Team um Chasity Riley jetzt? Ah… ich will nichts verraten, aber ich bin schon sehr, sehr gespannt, wie es weitergeht.

Was war schlecht?
Es dauert eben ein bisschen, bis der Kriminalfall Fahrt aufnimmt… das kann man jetzt bemängeln, oder eben einfach in Simone Buchholzens wundererbarer Schreibweise genießen, ganz ohne sich zu echauffieren.

FAZIT:
Die Serie ist und bleibt genial, auch wenn es in dem Fall hier gar nicht so viel um Ermittlungen geht. Ich mag einfach Chasity Riley und Simone Buchholzens Schreibstil, beides ist einfach grandios.