Die dunklen Felle

Krimis, Schafe – und Felle.


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Deutscher Noir: Tiefenscharf – Roland Spranger


Roland Spranger – Tiefenscharf
Verlag: Polar Verlag
260 Seiten
ISBN: 978-3945133590
Mit einem Vorwort von Wolfgang Franßen

 

 

 

 

Warum dieses Buch?
Muss ich das erst erklären? Ist das nicht offensichtlich? Nein? Ok, dann:
– Polar Verlag
– Deutscher Noir
– Fränkischer Autor
Wie hätte ich dieses Buch denn nicht übersehen können??? Klar musste das her. Als Bonus hab ich mir das auf der Lesung dann auch signieren lassen und den Autor persönlich getroffen. Eines meiner Highlights auf bzw. nach der Messe.

Worum geht es?
Max ist in der Bredouille. Nachdem er vor einer Polizeikontrolle ein Päckchen Crystal Meth in den Wald geworfen hat, ist der Dealer auf der Suche danach. Doch Schnee und ein Obdachloser machen ihm die Suche schwer, er muss das Päckchen als Verlust verbuchen. Max muss wieder die Oberhand gewinnen und reagiert mit Kontrolle, Gewalt und Wut.
Derweil ist Sascha, der gerade seinen Job beim Sender verloren hat, auf der Suche nach einem Thema, welches er als freier Videojournalist an einen Sender verkaufen kann. Mit seinem Kumpel Carsten zieht er auf eigene Faust los und stolpert über Max.

In drei Worten
Noir, abgründig und ja: regional.

Opfer, Tat und Täter
Ein Obdachloser und zwei Polizisten, doch das ist erst der Anfang. Mord. Max, aber nicht nur.

Themen
Drogen, Nazis, der schnelle Kick – ob nun durch Drogen oder mediale Berühmtheit, Provinz.

Was war gut?
Regional und noir – lässt sich das kombinieren? Aber sowas von!
Spielt die Geschichte doch an der tschechischen Grenze, Nahe Hof, der Heimat des Autors und zeigt doch eine tiefschwarze Realität. Provinz muss eben nicht Regionalkrimi sein, sondern kann auch zwischen Meth-Dealern, Nazis, korrupten Bullen und sonstigen Losern stattfinden, ganz ohne granteligen Kommissar und Dialekt. Passend nüchtern geschrieben, zwischen kalten Schneelandschaften und verkrachten Existenzen zeigt der Autor hier, dass Noir eben auch in Deutschland funktioniert. Ein düsteres Gemälde meiner Heimat, ein genauer Blick in den Abgrund, tiefenscharf porträtiert. Ein großes Lob an Autor und auch den Verleger, fürs Finden und Herausgeben.

„Scheiß Jahreszeit. Scheiß Schnee. Scheiß Cops.“ (S. 19)

Was war schlecht?
Hier gibt es nichts zu berichten.

FAZIT:
Deutscher Noir – geht nicht? Geht doch. Und wie, dass zeigt Roland Spranger hier par excellence. Düster, abgründig und spannend. Sehr empfehlenswert!


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Shorty | Sarajevo Disco – David Gray


David Gray – Sarajevo Disco
Verlag: Pendragon
494 Seiten
ISBN: 978-3865325853

 

 

 

 

Worum geht es?
Es geht rund auf dem Kiez: zuerst stirbt ein Türsteherboss, dann ein Hells Angel. Das momentane Gleichgewicht zwischen der Koscha Nostra, geführt von Teddy Amin, den Hells Angels und den Jugos, inoffiziell immer noch unter Führung von Nikolas Premuda, scheint nicht nur bedroht, sondern ein Kiezkrieg steht an. Mittendrin ermittelt Boyle, der Chef der MoKo, der nicht nur wegen seiner Hautfarbe unbeliebt ist, sondern auch (völlig zu Recht) verdächtigt wird, Dreck am Stecken zu haben.
Jale Arslan vom KDD hingegen, spürt eine Spur zu unsauberen Drogen auf, die schon einige Üderdosen bzw. Krankenhausaufenthalte verursacht haben. Doch die Oberen schweigen und wollen keine Warnung rausgeben, so dass Jale Boyle einschaltet.

Einer wie der andere?
Da dies nun erst der zweite Teil um Lewis Boyle ist, kann man das vielleicht noch nicht genau sagen, doch klar ist: hier ist mächtig was los! David Gray kleckert nicht, sondern klotzt. Schlag auf Schlag folgen die Ereignisse und spülen einen hinweg. Jale Arslan ist die neue Komponente. Eine willkommene Abwechslung und eine kluge Frau mit „Fehler“.  Ihren Charakter fand ich unheimlich klasse. Sie mischt diese Männertruppe gut auf und kann sich behaupten.

Opfer. Tat. Und Täter
Kriminelle und Junkies, zum Wochenende hin aber auch Kids und Touris, die mal einen drauf machen wollen. Riesige, kraterartige Schusswunden und die Frage nach Waffe und Munition. Soldaten, Polizisten und Kriminelle.

Themen
Der Hamburger Kiez. Drogen und Macht. Verteilung der Gebiete. Doch eigentlich Rache und Frust.

Was war gut?
Jale Arslan hat mir als neue Komponente gut gefallen. Auch Boyle konnte mich wieder gewinnen, denn auch wenn er Dreck am Stecken hat, so hat er doch die richtigen Prioritäten. Na ja, ok, solange er zumindest auf der sicheren Seite ist. Aber er ist schon ganz gut so, wie er ist. Es gab auch jede Menge Aktion, hier passiert ganz viel ganz schnell. Das Buch ist denn auch in 6 Teile aufgeteilt, während Teil 1 ein Jahr früher spielt, rast man mit Teil 2 – 5 durch insgesamt nur 30 Stunden. An Schlaf ist nicht zu denken – weder für die Ermittler, noch für den Leser.

Was war schlecht?
Ich will es nicht genau erläutern, da es theoretisch ein Spoiler ist, aber Jales „Fehler“, bzw. Problem beäuge ich noch skeptisch. Zwar hätten ein oder zwei Situationen im Buch dann so vielleicht nicht geklappt, aber ich weiß noch nicht, ob das nicht auch anders gelungen wäre.  Wie es mit Boyle und Jale dann weitergeht, das seh ich mir dann im nächsten Teil an, denn wie ich erfahren habe, wird daran schon geschrieben!

FAZIT:
Ein schneller, harter Krimi im Hamburger Kiez mit altbekanntem Ermittler, aber neuer Ermittlerin. Packend, rasant, taff. Hardboiled eben. Genauso wie ich meine Krimis mag!


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Lesetipp zum Indiebookday 2018

Heute ist Indiebookday. Und natürlich hab auch ich einen Lesetipp für Euch.
Der Indiebookday wurde vor einigen Jahren ins Leben gerufen, um den Büchern aus kleinen / unabhängigen Verlagen mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Eine sehr wichtige Aktion, denn viele Leser bekommen oft gar nicht mit, welche Perlen in den kleinen und kleinsten Verlagen veröffentlicht werden, da sie in fast keinen oder nur wenigen Buchhandlungen ausgelegt werden. Die großen Verlage drängeln sich da immer in den Vordergrund. Umso wichtiger, dass der Indiebookday ins Leben gerufen wurde.

Mein Lesetipp ist Roland Sprangers „Tiefenscharf“, einen Noir-Krimi aus Deutschland, der im Polar Verlag erschienen ist. Roland Spranger durfte ich auf der Buchmesse, bzw. danach bei einer Lesung aus seinem Werk erleben und er ist mir höchst angenehm in Erinnerung. Das ist natürlich nur die Begleiterscheinung des sehr genialen Buches, dessen Kauf ich Euch heute ans Herz legen möchte.

Das Leben ist nicht immer fair zu einem. Vor allem, wenn die falschen Ent­scheidungen getroffen werden. Drogendealer Max mit Nazihintergrund wirft vor einer Polizeikontrolle die Lieferung aus dem Fenster und irrt danach auf der Suche nach dem Crystal Meth durch den Schnee. Als er einem Flaschen­sammler begegnet, glaubt er, dass der das Päckchen an sich genommen hat, und lässt seine Wut an ihm aus, wird sogar zum Mörder, um einen Zeugen zu beseitigen.
Das Leben des Video-Journalisten Sascha verläuft in ruhigeren Bahnen. Für ihn stellt sich eher die Frage, was der Journalismus im Zeitalter sozialer Medien noch wert ist, wenn ein Attentat mit einer Wasserpistole voller Urin die Schlagzeilen beherrscht. Als er einem Drogendeal auf die Spur kommt, glaubt er an seine große Chance.
Alles dreht sich um den Rausch, mit dem die innere Leere überdeckt wird. Sie trinken zu viel. Sie nehmen zu viel Crystal Meth. Sie halten schwierige Beziehungen durch, kennen sich bestens in Serien und Musik aus, und werden von der Sehnsucht nach Romantik, Lust und Leidenschaft ange­trieben, während Autos und Flüchtlingsheime in Brand gesetzt werden.
Im neuen Kriminalroman des Glauser-Preisträgers Roland Spranger tauchen wir tief in unsere Realität ein, die geprägt von stiller, offener Gewalt und Wut ist.


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Fehlschlag: Josefine Rieks – Serverland


Josefine Rieks – Serverland
Verlag: Hanser
176 Seiten
ISBN: 978-3-446-25943-0

 

 

 

 

Die Idee war einfach so klasse – eine zukünftige Welt ohne Internet? Tausend Fragen sind mir durch den Kopf geschwirrt. Lässt sich das Internet überhaupt noch aus unserem Leben entfernen? Warum ist es verschwunden? Was ist mit der Welt passiert? Wie läuft das Leben jetzt ab – zurück in die Steinzeit? Oder alles gar nicht so schlimm?
Die Antworten auf diese Fragen bleibt das Buch mir leider schuldig.

Reiner arbeitet bei der Post, doch seine Leidenschaft sind alte Laptops. Die Relikte aus der Vergangenheit sammelt er und zockt darauf Videospiele, soweit möglich. Meyer, den er noch aus seiner Schulzeit kennt, aber nicht viel von ihm hält, führt ihn ins Wunderland, ins „Serverland“. Ein altes, verlassenes Gebäude, in dem die früheren Server von Google Inc. vor sich hin stauben. Dort hat sich eine jugendliche Gemeinde versammelt und versucht den Zeitgeist von früher wiederzubeleben.

Die jugendliche Gemeinde ist genau so, wie man sie sich vorstellt. Viel Party, viel Alkohol, viel Rauchen. Mit einem Hauch von Hippie. Daran soll es wohl angelehnt sein. Und die jugendliche Gemeinde ist sehr international. Das heißt, dass es viele englische Gespräche gibt, die nicht ins Deutsche übersetzt sind. Mal abgesehen davon, dass es das zwar einfaches Englisch ist, finde ich es nicht gut, dass diese Passagen unübersetzt sind. Nicht jeder kann Englisch.

Die Internationalität der jungen Menschen gibt mir Rätsel auf. Denn nicht nur das Internet ist verschwunden – auch Computer oder jegliche elektronische Datenverarbeitung scheint verschwunden, ja sogar verpönt zu sein. Wie kommen also die Amerikaner nach Holland (dort, wo die Server stehen)? Sind die vor Wochen mit einem Ozeandampfer losgefahren? Ein Flugzeug oder ein anderes, neueres Schiff kann es ja nicht gewesen sein, denn diese funktionieren ohne Computer schlicht und einfach nicht mehr.

Das ist auch die Sache, an der es meines Erachtens im Buch krankt. Die Welt scheint unverändert, nur das Internet, bzw. die EDV scheint verschwunden. Es gibt keine Missstände in der Versorgung der Bürger, es gibt Autos (mit welcher Elektronik die wohl fahren?) und und und. Wieso gibt es keine einschneidenden Veränderungen wenn die digitale Ader aus unserer Welt gerissen wird? Das ist für mich nicht nur unverständlich, sondern auch unrealistisch. Es wird aber auch auf gar nichts davon eingegangen.

Dann hab ich überlegt, ob  mir die Autorin vielleicht etwas anderes mit dem Buch sagen möchte. Aber ehrlich gesagt, ich hab keine Ahnung was. Diese jungen Menschen sitzen beisammen, haben eine Art Plenum gegründet, aber eigentlich gibt es nur ein paar wenige, die etwas verändern wollen. Die anderen hängen einfach dort ab. Und selbst die, welche etwas verändern wollen – was genau? Die Jugendlichen ziehen YouTube Videos von den Servern, brennen diese auf DVDs und schicken diese wahllos an Menschen (DVD Player gibt es anscheinend noch) – warum? Hier reden wir nicht von bedeutenden Reden oder Momenten der Geschichte, sondern von Robbie Williams „Rock DJ“ Video oder irgendwelchen Jugendliche, die Geräusche machen. Total albernes Zeug.

Will die Autorin mich also dadurch darauf aufmerksam machen, dass im Internet nur Unsinn kursiert? Hm, vielleicht. Aber tatsächlich hätte die Autorin so viel mehr mit dieser Grundidee erreichen können, dass mir diese offensichtliche Tatsache einfach nicht ausreicht. Das Buch war kurz – nur 179 Seiten lang – aber tatsächlich habe ich nun das Gefühl, meine Zeit hätte wesentlich besser investiert werden können.

Fazit:
Die Grundidee war so gut, vielleicht schon zu verdammt gut, denn die Umsetzung konnte leider überhaupt nicht überzeugen. Das Buch war für mich tatsächlich reine Zeitverschwendung. Ich hab keine Ahnung was das Buch mir sagen wollte.

 


Weitere Meinungen:
Iris vom Schurkenblog und ich sind auf einer Wellenlänge, denn sie findet: „Um das Lesen des Buches erträglicher zu machen, sollte man wohl ganz viel Bier und noch mehr Joints intus haben. Wenn das nicht hilft: auskotzen.“


 


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Shorty | Brennende Kälte – Wolfgang Schorlau


Wolfgang Schorlau – Brennende Kälte
Verlag: KiWi
255 Seiten
ISBN: 978-3462039825

 

 

 

 

Worum geht es?
Dengler hadert mit seinen Jobs. Lieber einen einfach und ungeliebten, aber gut bezahlten Job annehmen und die S21 Gegner ausspioniren oder den verschwundenen Mann einer Ehefrau finden? Vorerst entscheidet er sich für den Verschwundenen, doch der entpuppt sich als Soldat, der mit einer posttraumatischen Störung aus Afghanistan zurückgekommen ist. Das dies kein normaler Fall ist, sondern natürlich politische Verwicklungen nach sich zieht ist bei Herrn Schorlau natürlich selbstverständlich

Einer wie der andere?
Ja, irgendwie schon. Natürlich ist es ein anderer Fall, aber Dengler bleibt Dengler. Ein Privatdetektiv ganz nach meinem Gusto. Nichtsdestotrotz wirkt er diesmal sehr nachdenklich, hauptsächlich über seine finanzielle Situation und wie er damit Olga, seine Freundin, „erretten“ könnte.

Opfer, Tat und Täter
Täter gibt es hier ganz viele – von den Beteiligten des Krieges bis hin zum BKA, aber der verschwundene Soldat kann in beide Kategorien eingeordnet werden.

Themen
Afghanistan, Kriegsverbrechen, Waffenentwicklung, posttraumatische Belastungsstörung

Was war gut?
Herr Schorlau ist und bleibt mein Erklärbär. Er deckt auf, informiert, recherchiert – und es gelingt ihm auch, das Ganze noch spannend zu verpacken. Hierunter sind Dinge, über die wir gar nicht oder nur sehr spärlich in den Medien informiert werden, aber auch Neuigkeiten, über die zu viel oder zu viel Falsches berichtet wurde, bzw. der Überblick verloren geht.
Ganz nebenbei hat diesmal auch Olga, eine wahnsinnig tolle Szene mit Wassermelonen und Wodka.
Und natürlich spielt der Krimi in Stuttgart und ist somit für mich regional, wenn auch keinesfalls ein Regionalkrimi.

Was war schlecht?
Ganz kurz streift der Autor mal S21, doch weiter geht er nicht darauf ein. Hierüber wäre ein spannender Kriminalfall doch auch mal was, oder?

FAZIT:
Wieder ein sehr gelungener Kriminalfall in der Reihe um Privatdetektiv Dengler. Wer die Reihe noch nicht kennt, sollte hier unbedingt mal reinlesen!


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Deutsch-irische Beziehungen: Harte Landung – Ellen Dunne


Ellen Dunne – Harte Landung
Verlag: Insel Verlag (Suhrkamp)
437 Seiten
ISBN: 978-3458362883

 

 

 

 

 

Ja, ich gebe es zu: ich bin ein wenig im Irlandfieber. Mein Urlaub im Juli war wirklich toll und das Ferienhaus für nächstes Jahr (diesmal allerdings Nordirland) ist schon mal gebucht. Es ist also kein Wunder, wenn ich gerade total auf die grüne Insel abfahre und es sehr begrüße, wenn ich Krimis finde, die in Irland spielen. Aktuell ist das Ellen Dunne gelungen, die ihre Münchner Kommissarin mit irischen Wurzeln zu einer Ermittlung nach Dublin schickt. Und zwar mit vollem Erfolg.

Patsy Logan, gesegnet mit irischen und deutschen Wurzeln, ist Kommissarin bei der Münchner Kripo, als sie den möglichen Selbstmord oder Unfall von Carolin Höller, der Chefin der deutschen Niederlassung des Tauschportals Skiller, zugeteilt bekommt.. Es sind zwar nur wenige Hinweise, doch der Verdacht erhärtet sich, dass Carolin Höller nicht freiwillig aus dem Fenster gesprungen ist. So beginnt Patsy zwischen den Skillerz, wie sich die Mitarbeiter des Tauschportals nennen, zu ermitteln – in München, aber auch in deren Hauptquartier, in Dublin.

Ganz kurz am Anfang war mir Patsy doch kurz mal unsympathisch, bevor mir aufgegangen ist, wie fantastisch sie eigentlich ist. Patsy vollführt einen kollegialen Seiltanz indem sie gleichzeitig angepasst und doch unbequem ist. Ihre neu zugeteilte Partnerin Kris muss damit erst einmal zu Recht kommen und tut sich schwer mit Patsys Humor. Ganz anders gelingt es dem Patsy zugeteilten Iren Ben Ferguson von sich zu überzeugen. Privat hat Patsy auch gerade an Problemen zu knabbern, denn die Frage, was zu tun ist, wenn man einfach nicht schwanger wird, steht im Raum. Patsy ist erst einmal so gar nicht gewillt hier nachzuhelfen, so dass sie sich lieber in den Fall stürzt, anstatt sich damit auseinander zu setzen. Und auch ihre irischen Wurzeln sorgen noch für Verwicklungen.

Die Ermittlungen beginnen in München, doch konzentrieren sich schon bald auf Dublin. Das Privatleben des Opfers spielt zwar keine unwesentliche Rolle, doch der Fokus liegt auf Skiller und seinen Mitarbeitern. Nach und nach fragt sich Patsy durch die Belegschaft, doch hat immer wieder Schwierigkeiten Kollegen, die in Dublin weilen, zu erreichen. So wird Patsy irgendwann nach Irland geschickt – ohne Befugnisse und mit irischem Wachhund: Ben Ferguson. Immer wieder streut die Autorin kleine Kapitel dazwischen, in denen der letzte Tag des Opfers nach und nach aufgerollt wird, natürlich passend zu einer Befragung oder einem neuen Hinweis, der aufgetaucht ist. Es wird klar, das Leben einer Niederlassungsleiterin ist verdammt hart und knifflig.

Skiller hat mich – obwohl es sich hier um ein Start Up kurz vor dem Aktiengang handelt – sehr an mein berufliches Umfeld erinnert. Die Bezeichnung Skillers für die Mitarbeiter, die geforderte Einsatzbereitschaft und Leidenschaft, die sich immer schneller drehende Geschäftswelt, in der ältere Mitarbeiter keinen Platz mehr haben. Skiller bietet zudem noch unterschwellig Druck durch die hohe Einstufung vor dem Aktiengang, so dass die Intrigen und Machtkämpfe in den oberen Etagen ein spannendes Geflecht bilden, welches von Patsy Stück für Stück aufgedröselt wird.

Ich habe mich sehr gerne mit Patsy durch das Skiller-Gewirr gekämpft, um Carolin Höllers Mörder zu finden. Patsy ist eine taffe Ermittlerin, die sich nicht so schnell in eine Richtung drängen lässt und allen Spuren folgt. Die privaten Sorgen machen sie menschlich und echt – die einsamen Ermittlerbrummbären mögen zwar in Krimis funktionieren, doch in der Realität schlagen sich Ermittler eben nicht nur mit den Ermittlungen herum. Die beiden Ermittlungsorte verleihen dem Krimi eine kleine Besonderheit und  Patsys irische Wurzeln geben dem Krimi den letzten Schliff.

Die Frage, die ich mir nun am Ende allerdings stelle, ist die folgende: Es ist der Beginn einer Krimireihe, somit können wir weitere Teile mit Patsy Logan erwarten. Wird sie in München ermitteln oder in Dublin? Oder versucht die Autorin nochmal eine gemischte Ermittlung? In u. a. Video verrät die Autorin schon mal, dass der nächste Fall nur in München spielen wird. Mit weiteren gemischten Ermittlungen hätte ich so meine Probleme, da ich mir nicht unendlich viele Fälle in der Ermittlungskombination München / Dublin vorstellen kann, aber wer weiß, vielleicht zaubert die Autorin hier eine Überraschung aus dem Hut, die ich mir im Traum nicht vorstellen könnte. Auf jeden Fall aber freue ich mich jetzt schon auf den nächsten Teil mit Patsy Logan!

Fazit:
Patsy Logan ermittelt klassisch, aber sehr unterhaltsam in der Geschäftswelt eines Start-Ups. Schlagfertig, taff und mit besonderem Humor ausgestattet, schafft es die Ermittlerin mit irischen Wurzeln voll zu überzeugen. Ich hoffe, wir werden mehr von ihr sehen!

 

Wer noch mehr über das Buch erfahren will, sollte in das folgende Video der Autorin Ellen Dunne hineinschauen:


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Spinnennetz: Die andere Hälfte der Hoffnung – Mechthild Borrmann

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Mechthild Borrmann – Die andere Hälfte der Hoffnung
Verlag: Droemer
310 Seiten
ISBN: 978-3426304839

 

 

 

 

Es gibt Bücher, die liest man so weg und hat sie auch schnell wieder vergessen. Und es gibt Bücher, die liest man so weg und doch bleiben sie hängen, gehen einem nicht aus dem Kopf und stimmen einen nachdenklich. Es gibt auch Krimis, die so sind. Nicht übermäßig viele. Und manchmal muss man diese im Mainstream-Sumpf ausgraben, aber es gibt sie. Und so ein versunkener Schatz ist Mechthild Borrmanns „Die andere Hälfte der Hoffnung“.

Als Bauer Lessmann eines Tages ein halbnacktes, junges Mädchen vor seiner Türe findet, nimmt er sie kurzerhand bei sich auf und beschützt sie vor ihren Verfolgern. Tanja, wie sie sich nennt, ist auf der Flucht vor Menschenhändlern, die sie zur Prostitution zwingen. Sie konnte fliehen, doch ihre Freundin leider nicht. Bauer Lessmann begibt sich auf die Suche, doch er kann nicht ahnen, dass nicht nur diese Suche, sondern auch sein Gast selbst sein Leben grundlegend verändern wird.
Zur gleichen Zeit untersucht Leutnant Leonid Kyjan in einer extra entstandenen Sondergruppe das Verschwinden von Studentinnen, die sich für ein Auslandssemester interessiert haben. Kyjan trifft auch auf Walentyna Schtschukina, deren Tochter zum Arbeiten nach Deutschland gefahren ist, und seitdem nichts mehr von sich hören lässt. Als er in der ukrainischen Polizei an seine Grenzen stößt, macht er sich auf nach Deutschland.

Zugegeben, wenn man den Anfang der Geschichte so liest, ist die grobe Richtung der Kriminalhandlung deutlich abzusehen. Das muss aber nun gar nichts heißen, dann Frau Borrmann kann mit anderen Dingen punkten. Zum Beispiel mit ihrer Sprache. Unaufgeregt und pragmatisch, aber mit Sprachbildern belegt und unglaublich eindringlich. So bekommen vor allem die Erinnerungen Walentynas eine tiefe Bedeutung, die das Buch zu etwas besonderem machen.

Die drei Erzählstränge wechseln sich ab. Man folgt Bauer Lessmann , wie er Tanjas verschleppte Freundin sucht, Leonid, der in der ukrainischen Polizei an Schranken abprallt und sich nach Deutschland aufmacht und Walentyna, die, während sie auf ihre Tochter wartet, ihre Lebensgeschichte aufschreibt. Und meiner bescheidenen Meinung nach, ist die Kriminalhandlung nur der Rahmen um Walentynas Geschichte zu präsentieren. Walentyna erzählt von ihrem Leben, wie es war, in der Ukraine aufzuwachsen, in einem kommunistischen Land. Wie die Vergangenheit ihrer Eltern ihr im Weg steht. Wie sie einen Mann kennen lernt und glücklich wird. In Prypjat haben beide eine Arbeit, sie haben eine Wohnung und ein Auto. Wie das Unglück geschah, wie ahnungslos sie und die anderen waren. Wie die Katastrophe ihr Leben veränderte. Das alles schreibt Walentyna auf, in einem Tagebuch, welches sie für ihre Tochter Kateryna, auf deren Rückkehr sie wartet, zusammen trägt. Sogar in die Entfremdungszone ist sie zurück gekehrt, dorthin wo keiner lebt und doch einige sich wiederfinden. Ein einsamer Ort, ein gefährlicher Ort, doch Walentyna ist alt und einzig die Rückkehr ihrer Tochter macht ihr Sorgen. Melancholisch schreibt sie ihre Erinnerungen nieder, sinnt auch zwischen den Niederschriften darüber nach, denn nicht jedes Stück ihres Lebens fällt ihr leicht niederzuschreiben.

Nun habe ich Walentynas Geschichte in höchsten Tönen gelobt, doch so ganz kann ich die Krimihandlung auch nicht sein lassen. Keine Frage, auch wenn sie keine großen Überraschungen bereit hält, war sie spannend und hat zumindest eine Kleinigkeit, wenn auch recht bedeutsam, vor mir bis zum Schluss verborgen. Eine Kleinigkeit, die diese eh schon gesplitterte Glasscheibe vollends in sich zusammen stürzen ließ. Ein trauriges Ende, ein Ende, über das man noch lange nachdenken kann und wird. Vor allem über Walentynas Geschichte.

Fazit:
Ein Krimi, fein gesponnen wie ein Netz, um Walentynas Geschichte gekonnt zu präsentieren. Spannend, aber vor allem interessant und nachdenklich. Sehr zu empfehlen.