Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Kampf um Ressourcen: Zeitkurier – Wesley Chu


Wesley Chu – Zeitkurier
Verlag: Heyne
Übersetzer: Jürgen Langowski
491 Seiten
ISBN: 978-3453317338

 

 

 

 

In ein paar Hundert Jahren ist die Erde fast unbewohnbar geworden und die Menschheit schon lange ins All übergesiedelt. Durch Kriege und Seuchen ist Wissen der Vergangenheit verloren gegangen, aber trotzdem haben sich einige Technologien erhalten und auch weiterentwickelt. Gut für die Menschheit, denn in dieser Zeit ist Energie in jeglicher Form Mangelware. Die Erde hat schon längst nichts mehr zu bieten und auch die anderen Planeten, Monde und sonstige Gestirne sind weitestgehend abgegrast. Wie gut, dass man mittels einer Technologie in die Vergangenheit reisen und Ressourcen beschaffen kann. Dies übernehmen die Chronauten, von der Chronocom ausgebildet und verwaltet, unternehmen sie Sprünge in die Vergangenheit und halten die Menschheit am Leben. Ressourcen werden immer nur kurz vor Katastrophen abgezogen, so dass kein Riss im Zeitgefüge entsteht und die aktuelle Welt verändert wird.

Einer der Chronauten ist James Griffin-Mars. Er ist ein Stufe 1 Chronaut, der auch in schwierige Zeiten und Gegenden reisen darf, da er genügend Erfahrung gesammelt hat. Aus einer Laune heraus – und ja, es ist auch ein wenig Liebe dabei – bringt er von einer Zeitreise nicht nur die geforderten Ressourcen mit sondern auch die Biologin Elise. Das ist nicht nur strengstens verboten, sondern auch die Auftraggeber, der Konzern Valta, ist ganz und gar nicht darüber amüsiert, dass Elise nun in der Gegenwart ist. Die Jagd auf James und Elise hat begonnen.

Wesley Chu zeichnet ein durchaus realistisches Bild von der Zukunft. Irgendwann werden wir vermutlich wirklich unsere Erde zugrunde gewirtschaftet haben. Ob nun in 100 oder 300 Jahren, das ist irrelevant, doch wir schöpfen ja jetzt schon die letzten Ressourcen um und gehen nicht gerade glimpflich mit den übrig gebliebenen um. Ob nun Zeitreisen möglich sein werden, sei dahin gestellt, doch die verwüstete Erde, die Chu darstellt, kann ich mir gut vorstellen. Das Meer von metertiefem Schlamm/Schaum bedeckt, die Städte verlassen, verfallen, nur einige wenige Menschen leben dort noch und mühen sich um die letzten verbliebenen Krumen, welche die Erde hergibt. Auch die Menschen auf den anderen Planeten haben es nicht allzu gut, einzig die paar riesigen Konzerne scheinen über ausreichend Ressourcen zu verfügen und bewachen diese mit Argusaugen. Auch die Chronocom bzw. die Chronauten verfügen über höhere Technologie – allerdings werden diese auch von den Konzernen ausgestattet.

James ist ein wahrer Draufgänger. Als Chronaut muss er das sein, denn nicht alle schaffen die Ausbildung. Chronauten werden fast schon verehrt, aber auch lieber gemieden. Mit den Revisoren, welche die Zeitreisen überwachen kommt er aber eher weniger aus. Elise gefällt ihm auf Anhieb, als er auf der Nutris-Plattform landet, um dort drei Ressourcen für Valta zu stehlen, kurz bevor die Plattform vernichtet wird. Er freundet sich in der kurzen Zeit tatsächlich mit ihr an und nimmt sie kurzerhand mit in die Zukunft und rettet ihr Leben. Dort angekommen fühlt er sich permanent für Elise verantwortlich, lässt sich von ihr aber auch zu jeglicher Idee, welche sie hat, überreden.

Elise. Ach, Elise. Sie lag mir nicht so richtig. Vielleicht, weil ich mir den Schock in die Zukunft transportiert zu werden doch nachhaltiger vorgestellt habe. Elise ist aber ein patentes Mädchen und findet sich nicht nur schnell damit ab, sondern versucht auch gleich alles zu ändern. Warum nicht gleich die Erde heilen? Ehrlich? Ich meine, kann es wirklich sein, dass James ausgerechnet genau die Biologin per Zufall mitgenommen hat, welche tatsächlich vielleicht das Wissen hat, die Erde zu heilen? Ach, ich weiß nicht. Und zusätzlich fand ich Elise einfach nicht sehr sympathisch. Sehr von sich eingenommen. Auf James hört sie schon gar nicht, obwohl sie sich ja gar nicht auskennt und permanent in Gefahr ist und einfach nur Glück hat, dass ihr nichts passiert.

Das Ende ist zwar abgeschlossen, aber doch offen. Ich weiß, verwirrend. Nennen wir es mal so: die erste Schlacht ist gewonnen, aber der Krieg ist noch im Gange. Ich gebe zu, das ist immer nicht mein Ende. Es setzt voraus, dass ich den nächsten Teil haben möchte, weil ich ja wissen will, wie es ausgeht. Allerdings dauert das ja meist, so dass ich bis dahin oft gar nicht mehr daran interessiert bin. Der Fluch der Serie sozusagen. Neben der nervigen Elise und dem leider nur halb abgeschlossenen Ende ist es dem Autor aber trotzdem gelungen mich über weite Strecken zu fesseln. Hauptsächlich mit der zukünftigen Welt, die vermutlich noch viel mehr zu bieten hat, als man darüber lesen konnte, aber auch weil er ein Thema aufgreift, welches durchaus auch aktuell ist: die Macht der Konzerne.

In Chus Zukunft gibt es nur noch ein paar, aber sehr mächtige Konzerne. So richtig tief lässt er dort noch nicht blicken, doch die Konzerne sind nicht nur besser ausgestattet als alle anderen Menschen oder Organisationen, sondern sie haben auch die Macht über die Chronocom – natürlich nur inoffiziell. Und damit lässt er bei mir die Frage entstehen: wie groß ist die Macht der Konzerne denn heute schon? Bestechung und Korruption, Abhängigkeit und Gedankenlosigkeit machen Organisationen und Kontrollstellen schwach und nutzlos – ein gefundenes Fressen für die Konzerne.

Fazit:
Ein spannender Blick in die Zukunft der Erde, der Fragen aufwirft, die man sich durchaus auch in unserer heutigen Gegenwart stellen kann. Trotzdem lag mir Elise einfach nicht und auch das offene Ende ist nicht mein Fall.

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Die Fünfziger: Bluescreen – Dan Wells


Dan Wells – Bluescreen
Verlag: Piper
Übersetzer: Jürgen Langowski
364 Seiten
ISBN: 978-3492280211

 

 

 

 

Die meisten kennen Dan Wells bestimmt von seinen Krimis aus Täter-Perspektive. Ich nicht, aber natürlich ist er mir trotzdem ein Begriff. Das vorliegende Buch ist nun ein Zukunftsroman, Science Fiction. Und der Klappentext verrät nun gar nicht, dass es ein Jugendbuch ist und somit war ich doch ein wenig erstaunt.

Wir befinden uns im Jahre 2050 und Los Angeles hat sich zur Größe eines Bundesstaates ausgedehnt. Arbeit gibt es kaum noch, alles wird von Nulis erledigt, kleine Roboter bzw. Drohnen, die quasi überall zum Einsatz kommen. Das Smartphone wurde ersetzt durch die Djinnis, mit denen man alle Infos mit Gedanken, Blinzeln, Zwinkern oder ähnlichem abrufen kann, aber auch direkt im Netz arbeiten kann oder in die Spielewelt kommt. So wie Marisa, ein 17jähriges Mädchen aus Mirador, einem Stadtteil von LA. Sie befindet sich auf dem Weg zur Berühmtheit, gemeinsam mit 4 ihrer Freundinnen, zwei aus LA, eine aus Indien und eine aus China. Denn ihr Team spielt gemeinsam in Overworld, einem Adventuregame.

Als dann die Droge Bluescreen, aufgeladen auf einen Stick, erscheint, die einen kurz in ungeahnte Höhen schickt und dann für 10 Minuten ausknockt, ist Marisa skeptisch. Vor allem als ihre Freundin Anja diese nimmt und nicht 10 Minuten bewusstlos ist, sondern anfängt, ferngesteuert herumzulaufen und ihren Vater anzugreifen. Marisa und ihre Freunde beginnen nachzuforschen und entdecken eine weit größere Verschwörung als „nur“ eine neue Droge.

Ich so froh – ich hab einen Jugendthriller gelesen, fast schon einen Dystopie und es gab überhaupt keine Dreiecksbeziehung. Ja, ja, ich weiß, ich bin da pingelig, aber ist doch wahr, dass die meisten dieser Bücher immer eine Dreiecksbeziehung haben – warum auch immer. Mich nervt das. Und ich bin Mr. Wells unheimlich dankbar, dass er sich das gespart hat. Merci!

So gut wie keines der Mädels geht zur Schule – wer den Stoff nicht lernt, hackt eben die Prüfungsergebnisse. Die drei Mädels aus LA – Marisa, Sahara und Anja – sind nämlich mit Djinni und Co. aufgewachsen und nicht nur ziemlich pfiffig, sondern pfeifen auch auf irgendwelche Regeln… oder Firewalls. Zwar schon immer mit einer gesunden Portion Zurückhaltung, aber gehackt wird trotzdem. Auch hier lobend zu erwähnen, dass wir von Hackerinnen sprechen. Very nice. Nichtsdestotrotz sind die Mädels halt doch immer noch Mädels und sorgen sich hin und wieder auch um Kleidung und Jungs.

Die Nachforschungen, die Marisa und Co. anstellen, bleiben natürlich nicht unbemerkt und die Mädchen bringen sich selbst in Gefahr. Und auch wenn der Autor hier Gangs und Kanonen aus dem Portfolio holt, ist das Ganze doch einen Gang zurückgeschaltet. Damit meine ich, dass der Autor hier wesentlich mehr hätte auffahren können, doch dann hätten die Mädchen vermutlich aufgeben müssen. Das nimmt der Geschichte aber nicht die Spannung, sondern ergänzt sich und bietet trotzdem viele Wendungen und Überraschungen.  Für mich war das ein gelungener Zeitvertreib am Sonntagnachmittag!

Fazit:
Spannung und Action im LA der 50er Jahre, der 2050er: Mit taffen, jungen Hackerinnen, die einer neuen Droge den Garaus machen wollen und dabei in ein Wespennest stoßen. Sehr positiv zu erwähnen: es gibt keine Dreiecksbeziehung. 😉


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Mensch und Maschine: Er, Sie und Es – Marge Piercy


Marge Piercy – Er, Sie und Es
Verlag: Argument
Übersetzerin: Heidi Zerning
552 Seiten
ISBN: 978-3867544030

 

 

 

Manchmal, ja manchmal verstehe ich selbst nicht, warum manche Bücher länger im Regal stehen bleiben und warum ich manche sofort lese. Ich habe hier auch noch kein Muster erkannt, denn selbst neue Teile von Serien lese ich nicht unbedingt sofort. Aber sei es drum, denn worauf ich hinaus will: ich kann nicht erklären, warum ich dieses Buch so lange nicht lesen wollte, aber es hat mich eine ganze Weile abgeschreckt. Wegen seiner Dicke oder weil es kein Krimi ist? Wer weiß, aber letztendlich war das mal wieder völlig unnötig. Marge Piercys Zukunftsvision ist schon vor 20 Jahren erschienen und wurde nun vom Argument Verlag in einer korrigierten Neufassung herausgegeben.

Die Welt von 2059 bietet den Menschen drei Arten zu leben, wenn auch nicht frei wählbar: Als Mitarbeiter eines Multis (Multikonzern), in einer der wenigen freien Städte oder im Glop. Der Nahe Osten wurde im 14tägigen Krieg ausgelöscht, die Umwelt nahezu zerstört. Die Menschen leben zumeist unter Kuppeldächern oder mit Schutzhäuten um sich vor der Sonnenstrahlung zu schützen, echte Nahrung kann sich im Glop kaum einer leisten, doch zwei Multis produzieren leckere (!) Ersatznahrung aus Algen für die Armen. Politische Strukturen sind keine mehr zu finden, einzig die Ökopolizei scheint eine übergreifende Position zu haben – der Rest der Welt wird von den Multis allein durch ihre wirtschaftliche Macht kontrolliert.

Dieses Szenario legt die Autorin der Geschichte von Shira, Malkah und Yod unter, es nimmt nämlich keinen Fokus ein. Es ist immer präsent und die Autorin streut immer wieder neue Facetten ihres Blickes in die Zukunft ein, doch ganz nebenbei. Auch die jüdische Geschichte sowie der jüdische Glauben nehmen einen Großteil der Geschichte ein, doch dazu kehre ich später nochmal zurück.

Shira kündigt bei dem Multi Y-S als dieser, patriarchalisch geführt, das Sorgerecht für ihren Sohn Ari ihrem Exmann gibt. Sie kehrt zurück in ihre Heimat, die freie Stadt Tikva, und zu ihrer Großmutter Malkah, die sie aufgezogen hat. Sie bekommt einen Job bei Avram, einen ganz besonderen: die Sozialisierung eines Cyborgs, an dem Avram und Malkah heimlich gearbeitet haben, denn Roboter, die menschlich aussehen, sind verboten. Und dieser Cyborg heißt Yod.

Das Buch enthält zwei Erzählstränge: ein Strang wird aus Sicht Shiras erzählt, der andere enthält eine Geschichte, die Malkah Yod erzählt. Nachts, per Com. Die Geschichte um Rabbi Löw und den Golem von Prag. Golem und Cyborg – die Ähnlichkeit ist frappierend. Beide dem Aussehen nach Menschen doch der eine aus Lehm, der andere aus Schaltkreisen. So dreht sich alles um die Frage, ob ein Cyborg (oder ein Golem) eine Person ist und die gleichen Rechte hat. Denn nach und nach werden diese beiden sich ihrer Identität bewusst und fordern ihre Rechte: unabhängig leben, Liebe, Gehalt, Entscheidungen treffen. Von großen bis hin zu banalen Dingen. Doch wer entscheidet, ob ein Cyborg als Mensch behandelt werden kann? Oder ein Golem? Im späten Mittelalter entscheidet es Rabbi Löw, doch wie sieht es für Yod aus?

Zugegeben, auch wenn die Geschichte von Joseph, dem Golem, und Rabbi Löw Parallelen zieht und Denkanstöße gibt, habe ich diese Kapitel nicht so gerne gelesen – ich wollte in der Zukunft bleiben. Insgesamt war das Buch von einer leichten Spannung durchzogen, denn natürlich bleibt Yod nicht unentdeckt, dafür aber sehr begehrt. Doch das Buch unterscheidet sich deutlich von den meisten Dystopien, die ich bisher gelesen habe. Es fängt schon damit an, dass ich es keinesfalls eine Dystopie nennen würde, auch wenn die Welt sich zum Negativen verändert hat. Das Buch enthält eine positive Grundstimmung und ist durchsetzt mit der Frage, wie ein Mensch sich definiert und inwieweit eine Maschine ein Mensch sein kann, vor allem in Hinblick auf ein weiteres Detail dieser Zukunftsversion: den chirurgischen und kosmetischen Änderungen, denen sich die Menschen entweder aus gesundheitsbedingten oder gesellschaftlichen Gründen unterwerfen.

Tikva ist eine freie Stadt, eine jüdische Stadt. Die jüdische Religion, die Gebräuche und Festtage, Gebete und Gedenktage werden hoch gehalten und haben ihren Platz im Buch, präsenter als die Zukunftsvision. Das mag daran liegen, dass ein Großteil der Handlung in dieser abgeschlossenen Enklave spielt, die sich zu unserer heutigen Zeit noch relativ ähnlich zeigt. Israel mag zerstört sein, doch die Juden zeigen sich als die Überlebenskünstler, die sie immer waren und sein mussten. Jeder Multi hat andere Regeln und Gebräuche, gleich einer Religion, doch durchsetzt mit Macht. Politik, Wirtschaft und Religion ist hier unheilbringend vermischt. Doch Widerstand regt sich, nicht nur in Tikva.

Aber „Er, Sie und Es“ ist kein Thriller, es ist ein Denkanstoß, eingebettet zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Druck und Widerstand, zwischen Macht und Freiheit. Die Frage, die man sich stellen muss, ist, wann ein Mensch ein Mensch ist. Roboter und künstliche Intelligenz – wie weit sind wir bereit zu gehen? Werden wir – wir Menschen – wenn es soweit ist, Roboter und Cyborgs als unseresgleichen anerkennen? Ist es die Weiterentwicklung unserer Spezies? Die Zukunft?
Doch neben diesen elementaren Fragen, die man eine Weile nicht mehr los wird, findet sich eine grandiose Zukunftsvision, bei der ich es jetzt schon schade finde, nicht mehr zu erfahren – und vor allem nicht zu wissen, wie es weiter geht. Nein, nein, das Buch hat ein Ende, keine Sorge. Trotzdem steht die Welt am Anfang eines neuerlichen Wandels, wenn man das Buch zuklappt. Und auch wenn ich ein Verfechter der Einteiler / Standalones bin, finde ich es diesmal sehr schade, dass ich diese Vision nicht weiter kennenlernen darf.

Fazit:
Eine Zukunftsvision, die mich sehr begeistert hat, liefert die Basis für eine Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Menschsein. Ein überaus lesenswertes Buch!


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Wer entscheidet? : Die Entbehrlichen – Ninni Holmqvist

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Die Entbehrlichen – Ninni Holmqvist
Verlag: S. Fischer
Übersetzerin: Angelika Gundlach
263 Seiten
ISBN: 978-3596183319

 

 

 

3 Kinder, 5 Kinder, 6 Enkel, 15 Enkel, 200 Kinder und Enkel – in „Die Entbehrlichen“ gelten andere Maßstäbe, denn hier wird in Kindern und Enkeln gemessen. Nur wenn man selbige vorweisen kann gehört man zu den Benötigten. Hat man als Frau bis zum 50. Lebensjahr, als Mann bis zum 60. Lebensjahr kein Kind vorzuweisen, wird man entbehrlich. Als Entbehrliche fügt man sich in sein Schicksal und kommt in ein Sanatorium  – so wie es Dorrit Wegner ist, eine Schriftstellerin, der es ihr Leben lang wichtig war, unabhängig zu sein und sich nicht an ein Kind zu binden, die sogar in ihrer Jugend eine Abtreibung vorgenommen hat und in den letzten Jahren verzweifelt versucht hat, ein Kind zu bekommen. Dieses Sanatorium ist zwar nach außen hin abgeschottet – kein Kontakt nach außen, keine Fenster nach außen, etc. – doch scheint es wie das Paradies auf Erden: eine eigene Wohnung, Geschäfte, in denen es alles gibt, ein botanischer Garten, in dem immer alles blüht und keine Jahreszeiten herrschen, Freizeitbeschäftigungen in jeglicher Art und Weise, immer freundliche Mitarbeiter und Pfleger/Schwestern. Auf den ersten Blick ein Ferienparadies, in dem die Entbehrlichen gehegt und gepflegt werden. Die paar Tests und Versuche, denen sie sich unterziehen müssen oder die kleineren Spenden, die sie leisten, sind verkraftbar. Und die Endspende sicherlich noch lange hin. Warum sich also darüber aufregen?

„Und das Allerwichtigste ist: Ohne die Transplantation hätte sie nicht mehr viel Zeit zu leben gehabt. Es wäre um Monate gegangen, im besten Fall ein Jahr. Jetzt dagegen hat sie sehr gute Chancen, zumindest zu erleben, wie ihre Kinder groß werden. Vielleicht lebt sie nicht so lange, dass sie noch Enkel bekommt, aber sie wird wahrscheinlich genug Zeit haben, um ihren Auftrag als Mutter zu erfüllen. Und das dank der Bauchspeicheldrüse eines Menschen, der niemanden hatte, für den er leben konnte.“ (S. 104)

Und wer entscheidet, für wen es sich zu leben lohnt? Hier ist es ganz einfach: der Staat. Der Staat hat entschieden, dass ein Leben nicht lohnenswert ist – oder eben entbehrlich – wenn keine Kinder oder Kindeskinder vorhanden sind. Nach und nach kristallisiert sich heraus, dass Dorrit schon vorher keinen Platz in der Gesellschaft hatte, genau wie alle anderen Entbehrlichen. Die Alleinstehenden werden gemieden, sind ausgeschlossen aus der Gemeinschaft. Selbst eine Partnerschaft ist nicht ausreichend und Frauen beginnen Beziehungen mit Männern allein des Spermas wegen – und sind dann wieder weg. Die Gesellschaft ist auf Kinder ausgerichtet, darauf sich selbst zu erhalten. Möglichst viele Kinder zu produzieren.

Dorrit ist eigentlich ganz zufrieden als Entbehrliche. Ja, sie hat versucht Kinder zu kriegen. Später. Zu spät. Doch nun genießt sie die Annehmlichkeiten, die ersten Versuche, die sie mitmachen muss, sind einfach. Ihre erste Spende ist eine Niere – kein Problem, davon hat man ja zwei. Doch nach und nach dünnt sich der Freundeskreis aus, denn sie dort aufgebaut hat. Und auch der Mann, in den sie sich verliebt hat und von dem sie schwanger wird, bringt die „Endspende“ auf. Erst dann beginnt sie ihre Situation genauer zu hinterfragen – bleiben oder fliehen? Und wenn ja, wie fliehen? Und was passiert draußen? Wo soll sie hin? Und wenn sie bleibt, was passiert mit dem Kind? Wird das auch „gespendet“?

Ab diesem Zeitpunkt hätte noch ein wirklich spannender Thriller aus dem Buch werden können, doch das passiert nicht. Schade für mein Krimigemüt, aber trotzdem hat mich das Buch unglaublich nachdenklich gestimmt. Wäre diese Zukunftsvision Wirklichkeit – oder würde wirklich werden – wäre ich eine Entbehrliche. Jemand, der „niemand hat, für den er leben kann“. Zumindest nach der Definition in diesem Buch. Kinder sind wichtig für die Zukunft, keine Frage, doch werden diese so wichtig, dass man Menschen ohne Kinder als entbehrlich einstufen kann? Leisten diese keinen Beitrag zur Gesellschaft? Erschreckend ist, dass viele Entbehrliche in dieser Version Künstler sind. Talentierte Menschen, die ihr Leben der Kunst verschrieben haben: Malerei, Schriftstellerei, Handwerke… Kann eine Gesellschaft überleben, wenn diese sich nur auf Reproduktion spezialisiert, aber die Kultur weg fallen lässt?

Es hat mich nachdenklich gemacht. Nicht nur, aber vor allem auch, weil viele Fragen offen sind. Die Handlung dreht sich um Dorrit, die eine Entbehrliche geworden ist und was sie im Sanatorium erlebt, fühlt, denkt. Es fehlen Informationen, wie es überhaupt zu der Unterscheidung benötigt und entbehrlich gekommen ist. Wie ist die Gesellschaft außerhalb des Sanatoriums? Dorrits Schwangerschaft verursacht einen Bruch im gut geölten Ablauf des Sanatoriums, doch die Auswirkungen bleiben im Sanatorium, es passiert nur wenig und dann endet das Buch. Mit vielen Fragen, vielen Denkanstößen und der alles umfassenden Frage: wer ist entbehrlich?

Fazit:
Ein nachdenkliches Buch über Menschen, die in der Gesellschaft als entbehrlich eingestuft wurden. Leider fehlen die Blicke in die Gesellschaft außerhalb von den Entbehrlichen, so dass es ein unvollständiges Bild bleibt, aber zum Nachdenken anregt.


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Inafizierung: Lügenland – Gudrun Lerchbaum

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Gudrun Lerchbaum – Lügenland
Verlag: Pendragon
424 Seiten
ISBN: 978-3865325501

 

 

 

 

Erschreckend, beklemmend, düster.
Zurzeit befinde ich mich in der Stimmung,  um des Öfteren einen Blick in die Zukunft zu wagen. Technologische Neuerungen, politische Veränderungen, ökologische Einflüsse – egal, welches Buch man hier heranzieht, die Zukunft ist dunkel. Zappenduster um genau zu sein. Und das Schlimme daran ist, wir reden hier nicht von weit entfernten Zukunftsszenarien mit Aliens oder Robotern oder von einer weit, weit entfernten Zukunft. Nein, es geht um Blicke in eine nahe Zukunft. Blicke, die noch unsere jetzige Gegenwart im Gepäck haben und uns aufzeigen, wie die Welt sich entwickeln könnte, wenn wir Gedanken, Strömungen und Ideen, die hier und jetzt bestehen, weiter verfolgen. Und genau so verhält es sich auch mit Gudrun Lerchbaums Politthriller “Lügenland”. Es ist ein sehr naher Blick in die Zukunft, den man sich erschreckend gut vorstellen kann.

Mattea Inninger, vor kurzem noch Soldatin, feiert mit zwei Freundinnen ihren letzten Abend in Freiheit, bevor sie in eine arrangierte Ehe schlittert, als sie bei einem Vorfall ihre Freundin erschießt. Von der anderen Freundin verraten, muss sie fliehen. Im rechtspopulistischen Österreich, welches eine vollständige Überwachung über seine Bewohner installiert hat, keine einfache Sache. Sie wird eine „Wertlose“, jemand, der kein elektronisches Armband mit Ausweis, Geld und Telefon mehr besitzt, jemand der wertlos für den Staat ist. (Un)Glücklicherweise sieht Mattea auch noch der im ganzen Land gesuchten Terroristin Ina Matusek sehr ähnlich, so dass sich ihre Flucht um einiges erschwert – aber auch erleichtert. Sie taucht bei den Revolutionären unter – als Ina Matusek.

Ob kunstverseucht, ob bipolar, ob süchtig oder unfruchtbar – die rechte Waffe in der Hand macht euch zum Teil der Heldenschar!“ (S. 11)

Europa ist zerbrochen, Österreich hat seine Grenzen mit einer Mauer abgeschottet. Jegliche Nicht-Österreicher wurden vertrieben, jeder trägt ein Armband und ist damit jederzeit auffindbar. Der Präsident ist überall sichtbar, als Hologramm oder in den Gedanken der Menschen. Dieses Österreich hat es geschafft, die Propaganda von Hitler nochmal zu toppen und diese Sprüche in den Gehirnen ihrer Bewohner zu installieren und zu automatisieren. „Es heißt Demokratur und nicht Diktatur […] und sie hat uns den Arsch gerettet, knapp vor dem Untergang des Abendlandes“ (S. 105) Man darf nicht unterschätzen, dass das Leben in einer Diktatur, ehm, Verzeihung, natürlich Demokratur Sicherheit und Schutz verspricht und Kontrolle gewährt. Natürlich ist das nur der schöne Schein, doch das Leben in Österreich ist für deren Bewohner normal, man hält sich an die Regeln, bestätigt mit einem Spruch und dient dem Vaterland. So wie Mattea: erst als Soldatin, nun als gute Ehefrau, bald als Mutter.

Was mich oft an Protagonisten von Zukunftsromanen stört, ist, dass sie relativ schnell und konsequent gegen das System aufbegehren, auch wenn sie es vorher akzeptiert haben, denn dies lässt sie unglaubwürdig und wankelmütig erscheinen. In Mattea begegnet man zuerst der getreuen Soldatin, die für ihr Vaterland kämpft und die Propaganda im Schlaf beherrscht, die den Kanzler und die Demokratur mit harschen Worten verteidigt. Doch ihre ungewollte Flucht und ihr Unterschlupf bei den Revolutionären zeigt ihr die Schattenseiten der gut funktionierenden Maschinerie und das Umdenken beginnt. Langsam und mit vielen Rückschlägen – sogar noch sehr spät im Buch fragt sie sich, ob sie die Revolutionäre nicht lieber verraten soll und in den Schoss des Landes zurückkehren soll. Ihre Gedanken fechten Grundsatzdiskussionen aus und es fällt ihr schwer, die Wahrheiten, die sie erfährt, zu verarbeiten oder die Leichtigkeit, mit der die Revolutionäre nicht ansprechbare Themen diskutieren, zu verkraften. Dieser Kampf, die jahrelange Indoktrination zu durchbrechen, untermauert ihre Zwiespältigkeit und wirkt unglaublich realistisch. Es steht quasi immer auf der Kippe, so dass man nie weiß, wie Mattea in einer Situation entscheidet. Noch glaubwürdiger wird sie für mich durch die Tatsache, dass sie ihre Freundin erschießt. So unglaublich dies klingt, aber es macht sie menschlicher, es verleiht ihr Tiefe und macht sie somit zu einem Menschen, der eben nicht nur gut oder böse ist, sondern viele Seiten hat. Man mag sie dafür vielleicht nicht unbedingt mögen, aber man respektiert sie, man glaubt ihr.

Das Rahmen ist beklemmend, die Protagonistin unglaublich realistisch und der Sprachstil? Sehr eindringlich und das nicht nur, weil die Autorin ihr Buch mit Propaganda-Sprüchen gepfeffert hat, sondern weil es einen zwingt, gemeinsam mit Mattea darüber nachzudenken. Nachzudenken, wie eine Zukunft aussieht, die von den Rechten bestimmt wird, die einem die Kontrolle über das eigene Leben nur vorgaukelt, die Errungenschaften der Globalisierung verpuffen lässt. Keiner will in Schubladen gestopft werden und trotzdem etikettieren wir jeden Menschen und ordnen ihn in Kategorien: Mann, Frau, weiß, schwarz, deutsch, chinesisch…. Solange wir hier nicht dazu gelernt haben, ist es unbedingt notwendig, dass es Autoren wie Gudrun Lerchbaum gibt, die uns vor Augen führen, wohin unsere Engstirnigkeit uns führen kann. Lernen wir was draus. Machen wir es anders, vielleicht besser, aber auf jeden Fall anders. Und zwar jetzt, nicht erst in der Zukunft.

„Die Geschichte hat vielfach bewiesen, dass Mauern keine langfristigen Lösungen sind. Jede Mauer wurde irgendwann überrannt oder niedergerissen, meist nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten, manchmal erst nach Jahrhunderten. Grenzen, Nationen, Rassen, das sind überholte Kategorien in einer Welt, die man innerhalb von zwei Tagen umrunden kann.“ (S. 281)

Fazit:
Auch wenn es erst September ist – „Lügenland“ wandert schon mal unverrückbar in meine Top 5 für 2016. Das Buch ist nicht nur ein beklemmender Blick in die Zukunft, sondern auch die Protagonistin war ganz nach meinem Gusto. Unbedingt zugreifen, lesen und darüber nachdenken. Absolute Leseempfehlung!


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Stillstand: Unsterblich – Jens Lubbadeh

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Jens Lubbadeh – Unsterblich
Verlag: Heyne
445 Seiten
ISBN: 978-3453317314

 

 

 

 

Im Jahre 2044 hat sich die Menschheit einen Traum erfüllt: ewiges Leben. Allerdings nicht als Mensch, sondern als virtuelle Kopie. In der Lebenszeit trägt man einen Lebenstracker, der alle Daten aufzeichnet und nach dem Ableben kann dann eine exakte Kopie erstellt werden. Natürlich mit einigen wenigen Einschränkungen. Und natürlich auch nur gegen entsprechende Geldmittel, wobei es natürlich attraktive Angebote für die ärmeren Schichten gibt, keine Sorge, ihr müsst nur Eure Seele verkaufen…. Immortal heißt die Firma sprechenderweise, die diese Verlängerung des Lebens möglich gemacht hat. Benjamin Kari ist Mitarbeiter der Firma Fidelity, einem Ableger von Immortal und kümmert sich um die Ewigen. Sein Fachgebiet: Schauspieler und Regisseure. Denn die Technik ermöglicht es nicht nur, dass jetzt lebende Menschen eine virtuelle Kopie erhalten, sondern auch schon verstorbene Persönlichkeiten, deren Weiterleben beantragt werden kann. Ben Kari zertifiziert diese dann – also er prüft, ob die Erstellung einwandfrei ist, ob Fehler vorliegen, ob der oder die Ewige so reagiert, wie es die echte Person auch getan hätte, anhand von Film- oder Textdokumenten und ähnlichem. Auch Marlene Dietrich hat er vor einiger Zeit zertifiziert. Doch nun ist sie verschwunden und nicht nur der alternde Regisseur Lars von Trier macht sich Sorgen, sondern auch Immortal und Fidelity – denn der Schwund eines Ewigen rüttelt an ihrem perfekt aufgestellten Businessplan.

Wenn ein Konzern Träume realisiert… dann kann da was nicht stimmen. Benjamin Kari ist natürlich ein Verfechter der Ewigen und allem, was dort dran hängt. Die Blended Reality, welche über die Realität gelegt wird und mit speziellen Linsen von allen gesehen werden können, macht die Ewigen erst möglich.  Die Ewigen haben kein Spiegelbild, können nicht von normalen Kameras aufgezeichnet werden – sie existieren nur in der Blended Reality. Eine Regel von Immortal ist die Todessperre. Damit sich kein Ewiger über seinen Tod Gedanken machen muss, sind Algorithmen programmiert, mit denen der Ewige dieses Thema umschifft. Und dann gibt es noch andere Regeln, Regeln von denen niemand weiß, auch Benjamin Kari nicht.

„In Wahrheit war die Blended Reality alles andere als demokratisch. Ein einzelner Konzern gab die Gesetze vor. Niemand war anonym. Aber in der Post-NSA-Realität war Anonymität ohnehin längst Vergangenheit.“ (S. 160)

Benjamin Kari macht sich auf die Suche nach der verschwundenen Marlene Dietrich, verbündet sich mit einer Journalistin, kommt einem Hacker auf die Spur, zweifelt immer mehr an seinem Arbeitgeber und der in Aussicht gestellten Zukunft… Kari ist ein nachdenklicher Charakter, auch wenn er in seinen Überzeugungen verhaftet ist, lässt er neue Denkanstöße zu. Aber er hadert immer mehr mit dem Weltbild, welches bisher sein Leben beherrscht hat. Zudem stecken hinter mächtigen Konzernen auch immer mächtige Verfolger. Von Killdrohnen über „ganz normale“ Ex-Soldaten, die ihn mit schwerer Bewaffnung in den Schoß der Firma zurück bringen möchten. Somit ist auch das Death Valley und die dort herrschende Hitze nur ein Feind, der ihm dort auflauert, als er dort kurzfristig strandet. Mit Kari fliegt man um die halbe Welt, aber auch unter und über die Erde, sowohl in echt, als auch in seinem Avatar. Wirklich geschickt, so eine virtuelle Realität.

Zugegeben, der Plot ist nicht unbedingt neu, wobei ich überrascht war, dass jemand bestimmtes nicht das Ende des Buches überlebt. Doch neben der spannenden und actiongeladenen Handlung, die immer wieder von Karis Überlegungen eine Auszeit bekommen, regt das Buch vor allem zum Nachdenken an. Will man ewig leben? Und wenn ja, will man das als virtuelle Kopie? Als nicht freie virtuelle Kopie, denn an den eigenen Tod denken, geht ja schon nicht. Und warum wollen wir Lebende mit ewigen Kopien leben? Klar, der Tod eines Menschen ist schmerzhaft, aber ein Ewiger bleibt so alt wie er ist – d. h. ein ewiges Mädchen bleibt ein Mädchen. Eine Oma eine Oma. Es gibt keinen Fortschritt, es herrscht Stillstand. Und auch wenn man die Beatles, Queen oder Michael Jackson mag oder gar verehrt hat, ist das 75. Album dann nicht einfach ein paar zu viel? Hindern die Ewigen nicht eher die Lebenden daran, sich weiter zu entwickeln und zu forschen? Zu entdecken und zu formen? Wenn die Plätze in den Charts sowieso immer von den Ewigen besetzt sind, wer will dann neue Musik entdecken und einspielen? Wenn JFK die USA seit Jahrzehnten leitet, wer strebt dann schon die Präsidentschaft an?

„Aber die Leute wollten es ja nicht anders. Sie wollten das, was sie kannten. Deswegen hatten sie JFK und Helmut Schmidt gewählt, hörten immer noch Michael Jackson, Madonna, U2 und die Stones, hängten sich diese hässlichen Picasso-Bilder ins Haus und kauften immer noch alles, was Steve Jobs fabrizierte, obwohl der qua Algorithmus schlicht unfähig war, wirkliche Innovation zu produzieren. Alles, was die Ewigen beherrschen, waren Variationen des Gewesenen. Die Leute wussten das, aber es kümmerte sie nicht.“ (S. 134)

Die Fragen, die ich mir hier stelle, so weit geht das Buch gar nicht, auch wenn es Andeutungen in die Richtung gibt (siehe Zitat). Die Lösung im Buch geht einen anderen Weg. Ich wäre eher auf der Seite der Thanatiker, einer leider nicht weiter auftretenden Gegenbewegung im Buch. Ich muss gar nicht ewig leben, schon gar nicht als beschnittene Kopie, in einer Gesellschaft, die sich selbst zum Stillstand verdammt hat. Nichtsdestotrotz hat der Autor hier ein richtig spannendes Thema aufgegriffen und in einer aufregenden Geschichte ein paar nachdenkliche Sequenzen verpackt. Oft meckere ich, dass mir die Zukunft nicht ausgereift genug dargestellt wurde – nun, hier vielleicht auch nicht, aber es gibt eine Erklärung: warum sollte noch weiter geforscht und erfunden, weiter entwickelt und an die Zukunft gedacht werden, wenn eh alle in der Vergangenheit leben? So verquer sich das für einen Zukunftsroman anhört. Und genau dieses Verbiegen der Gedanken, das nachdenklich Stimmende, das Störrische hat mich begeistert.

Fazit:
Ein Blick in die Zukunft, in der wir ewig leben, als virtuelle Kopien. Eine Zukunft, die Stillstand bedeutet und Rückkehr zu Vergangenem und Altbewährten. Eine merkwürdige Zukunft, die mich zum Nachdenken angeregt hat – so ganz neben der spannenden Handlung.


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Mangelhaft: Die Erlöser – Nick Cutter

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Nick Cutter – Die Erlöser
Verlag: Heyne
Übersetzer: Frank Dabrock
368 Seiten
ISBN: 978-3453419414

 

 

 

 

„Dann lautete die Frage: Wie kann man eine ganze Spezies dazu bringen, sich selbst zu zerstören? Wie lässt sie sich am wirkungsvollsten vernichten? Durch Religion.  […] Und das Beste daran ist, dass derjenige, der das tut, nichts Konkretes versprechen muss, denn die Belohnung erwartet einen erst nach dem Tod. Es ist alles eine Frage des Glaubens. Und der ist unerschütterlich.“ (S. 197)

Religiöser Fundamentalismus. Da hat man mich zumindest schon so weit, dass mir sofort der Islam in den Kopf springt. Dabei gibt es auch christliche Fundamentalisten. Menschen, die die Evolution anzweifeln, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht akzeptieren oder eben auch andere Religionen nicht akzeptieren. Nick Cutter hat nun in seinem Buch ein Szenario entworfen, in dem sich der christliche Fundamentalismus in der Zukunft durchgesetzt hat.

Kirche und Staat sind untrennbar verwoben. Um das Gesetz zu wahren, gibt es Polizisten, Ermittler und ebens auch Gefolgsleute, eine Sondereinheit von Ermittlern gegen Religionsverbrechen. John Murtag ist einer von ihnen, der Teamleiter von Garvey und Angela Doe, der einzigen Frau in der Truppe, der man nachsagt, dass sie nur mit guten Verbindungen den Job bekommen hat. Andersgläubige, aber auch Gläubige, die sich der Bibel oder den Gesetzen gegenüber falsch verhalten, werden in Camps und Heimen umerzogen oder gleich hingerichtet und – die Hinrichtung ist die bessere Alternative. Als eine Reihe von Selbstmordattentaten geschieht, unter deren Opfern auch die Tochter des Propheten ist, scheint die Welt Kopf zu stehen, denn die Attentäter sind keine Moslems, keine Mormonen, keine Scientologen – es sind Christen.

Ein außerordentlich spannendes und interessantes Szenario, welches der Autor hier aufbaut. Wir befinden uns in der Zukunft, sind aber näher am Mittelalter als man meinen möchte. Technische Fortschritte sind kaum verfügbar, dafür gibt es Geschäfte, in denen man Opfertiere erwerben und gleich opfern kann, damit die Sünden gesühnt und die Seele wieder rein ist. Es herrschen klare Strukturen und Vorgehensweisen, die Andersgläubigen müssen umgestimmt werden, aber auch abtrünnige Gläubige wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Ermittlungen sind nur in begrenzten Rahmen möglich, die technischen Möglichkeiten fehlen, die Städte sind nicht vernetzt, die Zeitungen geschwärzt, jede Stadt hat seinen eigenen Propheten. Aber letztendlich ist das gar nicht so wichtig, denn wer nicht gläubig ist hat grundsätzlich etwas falsch gemacht. Beweise sind da irrelevant.

„Vor der Gründung der Republik stand das Kürzel CSI für Crime Scene Investigation, inzwischen jedoch für Christian Science Investigation. Die Forensik wurde als ketzerisches Fachgebiet verfemt, weil sie die Existenz von Dinosauriern und Ähnlichem beweisen konnte. Die Ermittler der Christian Science Investigation hingegen durften nur eine Lupe benutzen und ihre Schlussfolgerungen ziehen.“ (S. 35)

Leider hat der Autor das erschreckende Zukunftsbild dann in einen Jahrmarkt verwandelt. Der Prophet gemeinsam mit der Unbefleckten Mutter und dem Heiligen Kind entpuppen sich als früher umherziehende Wanderpredigershow, das Heilige Kind als Missgeburt – natürlich aber nur für John Murtag, alle anderen Gläubigen werden weiterhin getäuscht. Dann tauchen die Fünflinge auf – fragt mich nicht, was die sind, aber sie sorgen für viel Gewalt und Blut – und das ganze bekommt durch diese Fünf (wobei – warum auch immer – einer fehlt) noch einen fantastischen Touch. John Murtag, der Protagonist, erscheint mir kalt und unnahbar, einzig seine beginnende Marotte jedes übrig gebliebene Opfertier oder dann auch mal ein ungläubiges, junges Mädchen aufzusammeln, macht ihn sympathisch und zeugt von seinem Umdenken in der festgezurrten Struktur. Die Stadt wird nieder gemacht, alle sterben und da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor. Ich hab so gar keine Ahnung, was das Buch mir sagen wollte. Schade – dabei hatte es doch so gut angefangen.

Fazit:
Ein anfänglich spannender und interessanter Blick in die Zukunft, der dann ins Absurde abdriftet und sich in eine Freakshow verwandelt, mit viel Gewalt und Blut und Morden. Gute Idee – mangelhafte Ausführung.