Die dunklen Felle

Krimis, Schafe – und Felle.


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Brexit, Druxit und was dann? : Zoë Beck – Die Lieferantin


Die Lieferantin – Zoë Beck
Verlag: Suhrkamp
325 Seiten
ISBN: 978-3518467756

 

 

 

 

Ellie Johnson liefert Drogen per App und Drohne. Und zwar astreinen Stoff, kein gepanschtes Zeug, bei dem man nicht weiß, woraus es besteht und was man sich in die Venen jagt. Mit diesem Geschäftsmodell macht sie den traditionellen Drogenbossen Konkurrenz und das sehen diese gar nicht gerne. Die Jagd auf „Die Lieferantin“ beginnt, doch die gibt sich nicht so leicht geschlagen.

Ich habe lange überlegt, ob ich eine Rezension über „Die Lieferantin“ schreibe – einfach aus Zeitgründen – aber es wäre wirklich schade, wenn ich dem Buch keinen Beitrag widmen würde. Und weil eben gerade ein Mangel an Zeit herrscht versuche ich mich einfach an einer Kurzrezension, um zu versuchen, dem Buch einfach noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Denn es lohnt sich.

Zoe Becks neuer Thriller war schon vor Erscheinen quasi fester Kandidat für die Krimibestenliste und aus diesem Grund hat sich manch einer schon gefragt, ob das Buch die Vorschusslorbeeren denn überhaupt verdient. Und ja, das tut es. Und zwar aus vielen Gründen, aber ich will mich ja kurz fassen, deshalb gibt es hier nur vier davon:

Realistischer und beängstigender Blick in die Zukunft
Zwar nur ein Nebenschauplatz und auch kein allzu weiter Blick in die Zukunft, doch Zoë Beck gelingt es die aktuellen Entwicklungen in Großbritannien weiterzuspinnen. Neben ein paar technischen Erweiterungen werden die Brexit-Anhänger zu den Rotweißblauen und radikalisieren sich weiter. Die Lage wird für Auswärtige brenzlig und der „Druxit“ droht das Land weiter zu spalten.

Legalisierung von Drogen
Ob man nun dafür oder dagegen ist, ist völlig irrelevant, denn die Autorin liefert einfach ein paar gute Gründe, um sich mal ein paar mehr Gedanken zum Thema zu machen. Der „Druxit“ würde jegliche medizinische Hilfe für Drogenabhängige zunichtemachen – bei einer Legalisierung könnte Drogenabhängigen geholfen werden, Kriminalität verringert werden und Drogentote verhindert werden. Für oder Wider? Ein Drogenverbot lässt die Drogen ganz sicher nicht einfach von der Erde verschwinden, also wie damit umgehen?

Die Drogendealer
Zoe Beck verleiht ihren Hauptfiguren mehrere Dimensionen, zeigt Ambivalenz und bietet eine breite Palette. Ellie Johnson ist sehr geradlinig, zukunftsorientiert, überlegt. Und Drogendealerin. Declan Boyce – derjenige von der Gegenseite, der das Problem mit der Lieferantin lösen soll – ist der zweite in der Nachfolge seines Vaters und muss nun zeigen was er kann, weil sein älterer Bruder beschlossen hat, auszusteigen. Eigentlich ein unsicherer, schüchterner Studierter, bis er sich zum selbstsicheren, überheblichen Möchtegern-Mafioso entwickelt und die Situation eskaliert. Zugegebenermaßen ist seine Entwicklung ein wenig drastisch.

Verdammt cool
Ich mag halt einfach wie Zoe Beck schreibt und ihre Thriller aufbaut. Man rast so durch das Buch und weiß gar nicht wie einem geschieht. Alles passt – das Tempo, der Aufbau, die Charaktere. Und auch der leise Humor kommt nicht zu kurz. Hach, so sollten einfach mehr Thriller sein.

Hm, ich fürchte, es ist jetzt doch keine Kurz-Rezension geworden, aber egal, denn das Wichtige ist, das Ihr jetzt sagt: ja, das Buch hol ich mir. Zoë Beck Fans werden dieses Buch auf jeden Fall mögen, allen anderen kann ich es nur ans Herz legen. Es lohnt sich!

Fazit:
Ein Kombi-Paket aus Drogenkrimi und Zukunftsroman: Zoë Becks Thriller bietet alles was man für einen spannenden Lesegenuss braucht, verpackt in einer düsteren, nicht allzu fernen und leider nur zu realistischen Zukunft.

 

Besprechungen bei anderen Krimi-Blogs
Kaliber.17 sagt dazu: Die Lieferantin ist ein flotter Kriminalroman mit einigen guten Einfällen, politischer Note und auch schwarzem Humor.
Buch-Haltung sagt dazu: Zoë Beck hat erneut ihren Finger am Puls der Zeit und präsentiert mit diesem Krimi einen hochaktuellen, spannenden und originellen Roman, dem man die in einigen wenigen Passagen etwas platten und plakativen Szenen gerne verzeiht.

 

Und zum Schluss noch Zoë Beck über „Die Lieferantin“:

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Kalt, kälter, St. Peter’s Island: Eisiges Grab – Robert Masello


Robert Masello – Eisiges Grab
Verlag: S. Fischer
Übersetzerin: Maria Poets
604 Seiten
ISBN: 978-3596197156

 

 

 

Waren nun alle anderen Inseln der Romane die ich im Rahmen des Spezials gelesen habe, sommerlich warm bis tropisch, so geht es nun mit diesem Thriller in eisige Kälte. So zeigt sich, dass Inseln, völlig wetterunabhängig, sehr gefährlich sein können, wobei ich bezweifle, dass man sich für den nächsten Urlaub St. Peter’s Island vor der Küste Alaskas aussucht, sondern eher in wärmere Gefilde fliegt. Ich persönlich mag es ja eher kühl bzw. einfach nicht zu heiß, doch auch für mich wäre St. Peter’s Island so gar nichts – wenn man Angst haben muss, dass einem die Nase abfriert, verringert das den Urlaubsgenuss doch ungemein. Aber Frank Slater macht dort ja auch keinen Urlaub, sondern erfüllt einen Auftrag.

Frank Slater ist Epidemiologe und wird mit einem Team, welches er sich selbst zusammen stellen darf, nach St. Peter’s Island geschickt. Kurz vorher hat ein Fischkutter Schiffbruch erlitten und einzig der Kapitän konnte gerettet werden, der sich an einem Sargdeckel festgehalten hat. Dieser Sargdeckel stammt vom Friedhof auf St. Peter’s Island und hat sich durch die geänderten Umweltbedingungen gelöst. Die Insel  war Anfang des 20. Jahrhunderts der Wohnort einer russischen Sekte – solange, bis die Spanische Grippe alle Einwohner dahin gerafft hat. Slater soll nun dorthin, um zu prüfen ob der Erreger, der damals Millionen von Menschen überall auf der Welt getötet hat, im ewigen Eis überlebt hat. Slater hat allerdings zwei Probleme: Nika Tinkook, die Bürgermeisterin von Port Orlov, die unbedingt mit auf die Insel will – schließlich ist es Stammesgebiet – und Harley Vane, den Kapitän, der nicht nur den Sargdeckel gefunden hat, sondern auch ein mit Edelsteinen besetztes Kreuz.

Der Autor arbeitet mit drei Erzählsträngen und webt diese nach und nach ineinander. Zum einen folgen wir Dr. Slater mit seinem Team und Nika auf die Insel, mit viel Ausrüstung und militärischer Unterstützung, zum anderen folgt man Harley Vane, der zwei Saufkumpanen zu der Schatzjagd auf die Insel überreden kann und hofft, die Gräber dem Team zu öffnen und die Schätze zu bergen. Ein weiterer Erzählstrang folgt der jungen Anastasia, der jüngsten Zarentochter Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Romanow Familie ist sehr dem Mönch Rasputin verbunden, vor allem die Mutter, welche sich Heilung für den Sohn erhofft, der an der Bluterkrankheit leidet.

Die Insel bietet natürlich wieder ein besonderes Setting – nicht nur dadurch, dass sie schwer zu erreichen ist und auch Hilfe keineswegs einfach geschickt werden kann, es dort eisig kalt ist und auch nur schwer gegraben werden kann, sondern auch durch den potentiellen tödlichen Virus, die Schatzjäger und das gruselige, halb verfallene Dorf der damaligen Inselbewohner. Zusätzlich dazu hat der Autor noch ein paar schwarze Wölfe auf der Insel angesiedelt. Alles in allem also einige Zutaten, welche die Geschehnisse auf der Insel spannend und temporeich machen. Auch die Einschübe um die Zarentochter sind sehr spannend zu lesen und stören den Lesefluss keineswegs – zumal man sich ja schon denken kann, dass dieser Strang auch etwas mit der Insel zu tun hat.

Bis man sich auf die Insel begibt dauert es allerdings eine Weile, denn tatsächlich starten wir mit Dr. Slater erst mal in Afghanistan. Es werden Vorbereitungen getroffen und man lernt Slater und seine Beweggründe gut kennen. Auch der Rest der Handlung spielt nicht nur auf der Insel, denn … ach, das verrate ich mal nicht, nur so viel: es gibt noch eine spannende Verfolgungsjagd auf eisigen Straßen, im Dunkeln, garniert mit einem Schneesturm. Der Autor zaubert also wirklich alles aus seiner Trickkiste herbei – es passt aber alles hervorragend zusammen. Am Ende wird es sogar noch ein wenig mystisch – aber das mag ich dem Autor verzeihen, denn er hat mir vergnügliche, eisige Lesestunden beschert.

Fazit:
Ein spannender Thriller auf einer eisigen Insel – mit dem Epidemiologen Slater macht man sich auf in den Kampf gegen einen tödlichen Virus, aber auch gegen idiotische Schatzjäger. Das Sahnehäubchen ist dann die eingewobene Geschichte um das Ende der Romanow Familie.

 

Und hier noch Noras Meinung aus dem Kaliber.17 Team, die den Thriller schon 2014 gut fand.


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Hell Island – Matthew Reilly


Matthew Reilly – Hell Island
Verlag: Ullstein
Übersetzer: Hellmuth Hartmann
111 Seiten
ISBN: 978-354828688
Da dieser Titel auf der Verlagsseite nicht mehr verfügbar ist, hier der Link zur Scarecrow Reihe auf der Verlagsseite (die allerdings auch ein wenig schmächtig ist, zugegebenermaßen)

 

 

Mir ist es ein wenig schwer gefallen, passende Bücher für das diesjährige Special mit dem Thema „Inseln“ zu finden, aber letztendlich bin ich sehr glücklich mit meiner Auswahl. Auch wenn ich bei „Hell Island“ total übersehen habe, dass es sich nur um 100 Seiten handelt und demnach um ein kurzes Vergnügen, macht das gar nichts, denn seien wir mal ehrlich – wen es ein Thrillerautor nicht schafft, in den hundert Seiten Spannung einzubauen, wird das auch auf der 200. oder 300. Seite nichts. Von dem Autor hatte ich bisher nur „Showdown“ gelesen – anderes Thema, aber doch ein ähnliches Schema, nichtsdestotrotz lesen sich seine Thriller wie „geschnitten Brot“, vor allem, wenn sie auf 100 Seiten komprimiert sind.

Captain Shane Schofield, genannt „Scarecrow“ wird mit seinem Team sowie wie 3 weiteren Teams von verschiedenen Spezialeinheiten auf der Insel „Hell Island“ abgesetzt. Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, was mit der Besatzung der USS George Washington passiert ist und mit deren Ladung: 600 Marines. Der Funkkontakt ist abgebrochen, kein Lebenszeichen wurde registriert. Als Scarecrows Team landet, finden Sie Zerstörung und viel Blut, doch keine Menschen, weder lebend noch tot. Was ist hier passiert?

„Die Insel hatte früher den Namen Grant Island getragen und war im Zweiten Weltkrieg von den Japanern als Stützpunkt benutzt worden. Sie besaß sogar einen Flugplatz, der mittlerweile jedoch völlig überwuchert war. Merkwürdigerweise war sie auf keiner einzigen Seekarte mehr verzeichnet.
Im Jahr 1943 war die Insel in blutigen Kämpfen von amerikanischen Marines besetzt worden. Weil die Kämpfe so unglaublich grausam waren und weil es auf beiden Seiten schwere Verluste gab, hatten die Marines der Insel einen neuen Namen verliehen.
Sie tauften sie ‚Hell Island‘, die Hölleninsel.“ (S. 7)

Ha – es gibt doch kaum einen aussagekräftigeren Namen für eine Insel, der Spannung, Action und Grusel verspricht, als Hell Island. Und so ist es auch. Man ist direkt im Geschehen, stößt in die Geschichte kurz bevor Scarecrows Team über der Insel abspringt. Hier wird definitiv keine Zeit verloren, ein Fakt, der bei der Kürze der Geschichte schon wichtig ist.

Zwar werden alle in Scarecrows Team vorgestellt, doch nur kurz und auch nur wenige kommen etwas mehr zur Geltung. Manche enden gar sehr schnell als Kanonenfutter, hier wäre die Arbeit der Charakterzeichnung also auch verlorene Liebesmüh.  Anders sollte es mit Scarecrow sein, denn „Hell Island“ ist schon der vierte Teil um den ausgefuchsten Helden des Thrillers, der zwar auch ein Haudrauf ist, aber immerhin auch sein Hirn benutzen kann. Und ja, am meisten Einblick erhält man von Scarecrow, nichtsdestotrotz ist Charakterentwicklung nun nicht die Stärke des Buches – hier geht es um Action und Spannung. Das Buch muss in einem Flutsch gelesen werden, alle paar Seiten präsentiert das Buch eine neue Wendung.

Zugegeben – die Auflösung des Rätsels um die Insel ist jetzt nicht sehr überraschend, doch das tut dem Lesevergnügen nun keinen Abbruch. Der Thriller bietet genau das, wofür er vorgesehen ist: eine hervorragende Fast Food Mahlzeit, die man sich ab und an schon gönnen kann, ganz ohne es sich von seinem Gewissen schlecht reden zu lassen.

Fazit:
Spannung, Action und ein wenig Grusel mit Scarecrow, einem smarten Marine, der so nicht nur sich sondern auch sein Team (na gut, einen Teil davon) in den nächsten Teil der Serie bugsiert.


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Zweiklassengesellschaft: Memory Game – Felicia Yap


Felicia Yap – Memory Game, Erinnern ist tödlich
Verlag: Penhaligon
Übersetzerin: Bettina Spangler
442 Seiten
ISBN: 978-3464531829

 

 

 

 

Wer mir schon eine Weile folgt, wird wissen, dass ich neben dem Krimigenre gerne immer wieder Blicke in die Zukunft werfe, aber auch Alternativwelten mich hin und wieder reizen können. Bei beiden – den Zukunftsromanen sowie den Alternativwelten – reizt mich aber nicht eine komplette Veränderung, mir ist wichtig, immer noch eine Verbindung zu meiner Realität zu finden, d. h. die Zukunftsvision sollte nicht zu weit in der Zukunft oder zu weit entfernt sein, aber auch die Alternativwelt sollte nicht komplett verändert sein. Es sind ja meist nur Kleinigkeiten, eine Entscheidung oder eine Sache, welche die Veränderung unserer Realität zu einer alternativen Realität machen. Genauso wie Autorin Felicia Gap dies gemacht hat, indem sie in ihrer Welt den Menschen nur noch die Erinnerung an den letzten oder letzten und vorletzten Tag lässt.

Eines Morgens klingelt die Polizei an Claire Evans Tür. Im nahegelegenen Fluss wurde die Leiche einer Frau gefunden. Die Polizei, genauer gesagt, DCI Hans Richardson, behauptet, sie wäre die Geliebte ihres Mannes Mark. Doch ist das die Wahrheit? Verschweigt Mark etwas? Und woran kann sie sich nicht mehr erinnern? Gar keine einfache Frage, denn Claire ist eine Mono und kann sich nur noch an die gestrigen Ereignisse erinnern. Und Mark ist ein Duo – er kann sich an zwei vergangene Tage erinnern.

Diese alternative Welt ist gar nicht so anders als unsere und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die Welt spaltet sich in zwei Bevölkerungsgruppen: Monos und Duos. Monos erinnern sich nur an den letzten Tag, Duos an die letzten zwei Tage. Aus diesem Grund sind Duos diejenigen, die erfolgreich, reich, berühmt und angesehen sind, Monos sind die anderen, die Arbeiterklasse, diejenigen, die nicht genug „Grips“ für mehr haben, die dümmer sind. Eine waghalsige Theorie, welche die Autorin hier ihrer Welt zugrunde legt, aber gar nicht so abwegig, denn so sind wir Menschen. Wir stecken ganz leicht andere Menschen in Schubladen.
Beide Bevölkerungsgruppen erleben eine ganz normale Kindheit und Jugend – auch mit einem Vollgedächtnis, wie es im Buch so schön heißt. Ob man ein Mono oder Duo ist, stellt sich dann mit Erreichen des Erwachsenenalters heraus. Monos vergessen ab 18 Jahren, Duos ab 23. Allen wird eingebleut, ihre Erinnerungen in Tagebüchern festzuhalten und auswendig zu lernen, früher natürlich handschriftlich, heute mit dem iDiary (ja, Steve Jobs lässt grüßen – Smartphones sind zwar da, aber neben dem essentiell wichtigen iDiary sind sie unwichtig).

In dieses Setting setzt die Autorin nun einen Kriminalfall, der mich streckenweise stark an „Girl on the train“ erinnerte, denn die dortige Protagonistin hat Blackouts durch zu starken Alkoholgenuss. Doch ein bisschen anders ist die Situation schon, denn schließlich kann sich keiner weiter als zwei Tage erinnern und ständig wird das iDiary konsultiert, um Stichwörtersuchen durchzuführen. Eine Ermittlung, die länger als zwei Tage dauert – Kriminalkommissare sind verständlicherweise alle Duos – hätte in dieser Welt also durchaus seinen Charme, doch  die Autorin hat sich dazu entschlossen, die Ereignisse in einem Tag abspielen zu lassen und nimmt sich damit leider diese Herausforderung.

Insgesamt zeigt mir die Alternativwelt zu wenig von den gesellschaftlichen Änderungen, welche die fehlende Erinnerung inne haben könnte. Einzig die Tatsache, dass jegliche Vorurteile und Ressentiments bezüglich Hautfarbe, Religion o. ä. wegfallen und dafür ein ausgeprägtes Zweiklassensystem herrscht, zeigt Änderungen. Ein paar wenige Zeitungsartikel gibt es auch, diese fokussieren allerdings auf die Mono-Duo-Ehe, die in dem Buch ja durch Claire und Mark schon eine Rolle spielt.

Auch wenn mich das Buch im Gesamten nicht überzeugen konnte, waren gerade die ersten hundert Seiten äußerst spannend, um in diese Alternativwelt hinein zu schnuppern. Danach gab es leider nicht viel neues, bis dann zum Ende hin mich das Buch doch wieder in den Bann ziehen konnte. Nicht allerdings der Epilog – der war von der Autorin sicherlich als die Überraschung schlechthin gedacht, doch er wirkte zu aufgesetzt, als ob man das Ende nochmal toppen müsste. Für mich also ein durchwachsenes Leseerlebnis.

Fazit:
Eine durchaus interessante Alternativwelt, die allerdings nicht sehr tief blicken ließ. Der dort eingebettete Kriminalfall basiert aber trotzdem auf den üblichen Zutaten: ein Ereignis in der Vergangenheit, lange gehegte Rachepläne und Menschen, die nicht ehrlich zueinander sind. Ein gutes Buch, welches mehr aus sich hätte machen können.

 


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Die Fünfziger: Bluescreen – Dan Wells


Dan Wells – Bluescreen
Verlag: Piper
Übersetzer: Jürgen Langowski
364 Seiten
ISBN: 978-3492280211

 

 

 

 

Die meisten kennen Dan Wells bestimmt von seinen Krimis aus Täter-Perspektive. Ich nicht, aber natürlich ist er mir trotzdem ein Begriff. Das vorliegende Buch ist nun ein Zukunftsroman, Science Fiction. Und der Klappentext verrät nun gar nicht, dass es ein Jugendbuch ist und somit war ich doch ein wenig erstaunt.

Wir befinden uns im Jahre 2050 und Los Angeles hat sich zur Größe eines Bundesstaates ausgedehnt. Arbeit gibt es kaum noch, alles wird von Nulis erledigt, kleine Roboter bzw. Drohnen, die quasi überall zum Einsatz kommen. Das Smartphone wurde ersetzt durch die Djinnis, mit denen man alle Infos mit Gedanken, Blinzeln, Zwinkern oder ähnlichem abrufen kann, aber auch direkt im Netz arbeiten kann oder in die Spielewelt kommt. So wie Marisa, ein 17jähriges Mädchen aus Mirador, einem Stadtteil von LA. Sie befindet sich auf dem Weg zur Berühmtheit, gemeinsam mit 4 ihrer Freundinnen, zwei aus LA, eine aus Indien und eine aus China. Denn ihr Team spielt gemeinsam in Overworld, einem Adventuregame.

Als dann die Droge Bluescreen, aufgeladen auf einen Stick, erscheint, die einen kurz in ungeahnte Höhen schickt und dann für 10 Minuten ausknockt, ist Marisa skeptisch. Vor allem als ihre Freundin Anja diese nimmt und nicht 10 Minuten bewusstlos ist, sondern anfängt, ferngesteuert herumzulaufen und ihren Vater anzugreifen. Marisa und ihre Freunde beginnen nachzuforschen und entdecken eine weit größere Verschwörung als „nur“ eine neue Droge.

Ich so froh – ich hab einen Jugendthriller gelesen, fast schon einen Dystopie und es gab überhaupt keine Dreiecksbeziehung. Ja, ja, ich weiß, ich bin da pingelig, aber ist doch wahr, dass die meisten dieser Bücher immer eine Dreiecksbeziehung haben – warum auch immer. Mich nervt das. Und ich bin Mr. Wells unheimlich dankbar, dass er sich das gespart hat. Merci!

So gut wie keines der Mädels geht zur Schule – wer den Stoff nicht lernt, hackt eben die Prüfungsergebnisse. Die drei Mädels aus LA – Marisa, Sahara und Anja – sind nämlich mit Djinni und Co. aufgewachsen und nicht nur ziemlich pfiffig, sondern pfeifen auch auf irgendwelche Regeln… oder Firewalls. Zwar schon immer mit einer gesunden Portion Zurückhaltung, aber gehackt wird trotzdem. Auch hier lobend zu erwähnen, dass wir von Hackerinnen sprechen. Very nice. Nichtsdestotrotz sind die Mädels halt doch immer noch Mädels und sorgen sich hin und wieder auch um Kleidung und Jungs.

Die Nachforschungen, die Marisa und Co. anstellen, bleiben natürlich nicht unbemerkt und die Mädchen bringen sich selbst in Gefahr. Und auch wenn der Autor hier Gangs und Kanonen aus dem Portfolio holt, ist das Ganze doch einen Gang zurückgeschaltet. Damit meine ich, dass der Autor hier wesentlich mehr hätte auffahren können, doch dann hätten die Mädchen vermutlich aufgeben müssen. Das nimmt der Geschichte aber nicht die Spannung, sondern ergänzt sich und bietet trotzdem viele Wendungen und Überraschungen.  Für mich war das ein gelungener Zeitvertreib am Sonntagnachmittag!

Fazit:
Spannung und Action im LA der 50er Jahre, der 2050er: Mit taffen, jungen Hackerinnen, die einer neuen Droge den Garaus machen wollen und dabei in ein Wespennest stoßen. Sehr positiv zu erwähnen: es gibt keine Dreiecksbeziehung. 😉


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A bis Z: Orphan X – Gregg Hurwitz


Gregg Hurwitz – Orphan X
Verlag: HarperCollins
Übersetzer: Mirga Nekvedavicius
464 Seiten
ISBN: 978-3959671026

 

 

 

 

Orphan X wurde als Waisenkind von der Regierung heimlich als Auftragsmörder ausgebildet. Sein Ausbilder Jack fügt den zu lernenden Regeln aber einige hinzu und so kommt es das Orphan X sich eines Tages von der Regierung abwendet und private Aufträge annimmt. Er hilft Menschen, die in Situationen geraten, aus denen sie sich nicht mehr selbst befreien können. Sein mittlerweile wichtigstes Gebot hierbei ist das Zehnte: Lasse niemals einen Unschuldigen sterben.

Orphan X nennt sich nun Evan Smoak, lebt abgeschottet und einzig auf Sicherheit bedacht in einem Apartmenthaus und sein nächster Auftrag kommt von einem Mädchen, dass von einem korrupten Cop bedrängt wird. Überraschenderweise ist dieser Auftrag, der auf dem Klappentext erwähnt wird, ziemlich schnell abgehandelt und man fragt sich kurz: was nun? Doch schon kurz darauf erhält er einen Anruf, einen nächsten Auftrag. Viel zu früh in Evans ausgeklügeltem System und Evan ist zu Recht misstrauisch.

Leider gibt es dann einen Abschnitt, der ein wenig zäh ist. Evan taucht in seine Vergangenheit ab und in Rückblenden erlebt man Teile seiner Ausbildung, während im Hier und Jetzt Zweifel durch seine Gedanken streunen. Doch zum Glück kommt er nicht lange dazu, denn die Ereignisse überschlagen sich und er muss alles tun, um seine Auftraggeberin Kathrin zu schützen. Durch sein auf Sicherheit bedachtes System gelingt es ihm immer wieder Pausen für sich und Kathrin herauszuschlagen, doch die Gegenseite ist nicht nur genauso gewitzt, sondern fast schon einen Ticken besser und es wird schwieriger und schwieriger. Und vor allem wird es immer schwieriger für Evan herauszufinden, wem er trauen kann.

Ich wollte mal wieder einen Thriller lesen und ja, ich fand ihn gut. Richtig passend. Es gab eben mal kurz diese Länge als der erste Auftrag erledigt ist, doch auch die Rückblenden haben ihren Sinn, wenn sich dieser natürlich auch erst später ergibt. Das Orphan Programm bietet neben X noch viele weitere Buchstaben und so ist auch klar, dass das Buch der erste Teil einer Reihe ist, auch wenn man nach und nach merkt, welche Schnüre im Hintergrund gezogen werden.

Natürlich ist Evan aka Orphan X bestens in allem ausgebildet, einzig mit alltäglichen Dingen hat er seine Schwierigkeiten, sei es die Eigentümerversammlung im Apartmenthaus oder Small Talk im Aufzug. Auch der kleine Nachbarsjunge mit seiner hektischen, alleinerziehenden Mutter bringt ihn immer wieder in – für ihn – ungewöhnliche Situationen. Hier beschert das Buch sogar einige Situationen, die zum Schmunzeln anregen. Natürlich ist der „Orphan“ ein kleiner Kampfroboter und es gibt sehr viel Action in diesem Buch, plus Verletzungen, die ihn aber natürlich nur unwesentlich beeinträchtigen. Nichtsdestotrotz hat er sehr viele Zweifel und da er sich von seinem ehemaligen Arbeitgeber losgesagt hat, steht er allein da. Keiner kann ihm Rat bieten und selbst wenn, würde Evan ihm wohl nicht vertrauen. Ob wohl einer kleiner Junge es schafft, diesen Wall zu durchdringen?

Fazit:
So wie man einen Thriller mag: Viel Action und Spannung, geheime Verwicklungen im Hintergrund, ein paar Kleinigkeiten zum Schmunnzeln und einen Helden, den so schnell nichts umhaut. So soll es sein!


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Bedrohlich: Amnesia – Jutta Maria Herrmann


Jutta Maria Herrmann – Amnesia
Verlag: Droemer
297 Seiten
ISBN: 978-3426519974

 

 

 

 

 

Helen erhält eine erschreckende Diagnose: Krebs, Endstadium, nicht heilbar. Sie kämpft mit schweren Angstzuständen und ihre Medikamente verursachen Erinnerungslücken und Blackouts. Ihre Beziehung hat sich an der Diagnose aufgerieben und so macht sie sich auf in ihr Heimatdorf, um ihre Mutter und Schwester zu besuchen. Warum weiß sie selbst nicht so genau, schon lange war sie nicht mehr zu Hause, in dem kleinen Dorf, zieht ihre neue Heimat Berlin deutlich vor.
Als sie im Dorf ankommt gibt es zuerst auch keine Überraschung: ihre Mutter sieht sie als Belästigung, ihre Schwester Kristin begrüßt sie herzlich. Doch Kristin hat mittlerweile Leon geheiratet und mit Leon verbindet Helen eine schlechte Erinnerung. Schon bald vermutet Helen, dass Leon Kristin schlägt – und keine zwei Tage später wird Leon tot aufgefunden.  Hat etwa Helen Leon getötet und kann sich daran nicht mehr erinnern?

Es gibt eine Sache, die Jutta Maria Herrmann in ihren Thrillern wunderbarerweise immer gelingt: eine bedrohliche, unheimliche Atmosphäre zu schaffen. Das gelang ihr in „Hotline“ und „Schuld bist Du“, die beide in der Großstadt spielen, aber eben auch in „Amnesia“, in einem kleinen, verschlafenen Dorf. Und dazu benötigt die Autorin auch ganz wenig: ein paar wenige Charaktere, ein Geheimnis aus der Vergangenheit, unausgesprochene Konflikte. Eine stetige Grundspannung mit leichten Spitzen, bei der man oft gar nicht so genau sagen kann, warum es jetzt eigentlich bedrohlich ist, warum einem dieses oder jenes komisch vorkommt. Die Autorin spielt mit den Erwartungen der Leser und benutzt dabei einfache, aber sehr wirkungsvolle Mittel.

Eine ungewöhnliche Protagonistin hat sich Frau Herrmann hier ausgesucht. Todkrank, mit starken Medikamenten betäubt, bis hin zu Blackouts. Und doch irgendwie geschickt gemacht, nicht? Denn Helens Gedächtnislücken sorgen für eine beständige Ungewissheit – bei Helen und beim Leser. Was hat sie in der Zeit gemacht? Hat sie tatsächlich jemand getötet? Dabei gelingt es der Autorin die ständig über Helen schwebende Krankheit zwar präsent zu halten und überzeugend einzubauen, aber nicht die Handlung zu erdrücken. Die Gedächtnislücken sorgen für den zusätzlichen Spannungskick und verstärken die unheimliche Atmosphäre.

Nichtsdestotrotz ist Helen nun kein Charakter, der mir sonderlich sympathisch war. Im Übrigen genauso wenig wie ihre Mutter, die den schwersten Fehler einer Mutter begeht und ein Kind bevorzugt. Oder ihre Schwester, die zwar aufgeregt plappernd daher kommt, allerdings mit einem Tick zu viel, so dass es aufgesetzt wird. Leon ist ja nun sowieso der Buhmann und einzig der Freund aus Kindertagen scheint sympathisch – kommt aber natürlich streckenweise auch als Täter in Frage. So wie eigentlich jeder in der Geschichte. Mit jeder neuen Wendung überlegt man erneut, wer wohl der Täter sein könnte und ist sich dann ganz sicher – bis zur nächsten Wendung. Tatsächlich bleibt das Ende vage offen, wenn auch der Thriller natürlich abgeschlossen ist, so wie die anderen Bücher der Autorin.

Fazit:
So wie ich mir einen Thriller vorstelle: in einer leise bedrohlichen Atmosphäre spielt die Autorin mit den Ängsten ihrer schwer gebeutelten Protagonistin. Ein Thriller, den man an einem Nachmittag wegsaugt und mit einem leichten Frösteln zuschlägt. Sehr gut gelungen!