Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)


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Zweiklassengesellschaft: Memory Game – Felicia Yap


Felicia Yap – Memory Game, Erinnern ist tödlich
Verlag: Penhaligon
Übersetzerin: Bettina Spangler
442 Seiten
ISBN: 978-3464531829

 

 

 

 

Wer mir schon eine Weile folgt, wird wissen, dass ich neben dem Krimigenre gerne immer wieder Blicke in die Zukunft werfe, aber auch Alternativwelten mich hin und wieder reizen können. Bei beiden – den Zukunftsromanen sowie den Alternativwelten – reizt mich aber nicht eine komplette Veränderung, mir ist wichtig, immer noch eine Verbindung zu meiner Realität zu finden, d. h. die Zukunftsvision sollte nicht zu weit in der Zukunft oder zu weit entfernt sein, aber auch die Alternativwelt sollte nicht komplett verändert sein. Es sind ja meist nur Kleinigkeiten, eine Entscheidung oder eine Sache, welche die Veränderung unserer Realität zu einer alternativen Realität machen. Genauso wie Autorin Felicia Gap dies gemacht hat, indem sie in ihrer Welt den Menschen nur noch die Erinnerung an den letzten oder letzten und vorletzten Tag lässt.

Eines Morgens klingelt die Polizei an Claire Evans Tür. Im nahegelegenen Fluss wurde die Leiche einer Frau gefunden. Die Polizei, genauer gesagt, DCI Hans Richardson, behauptet, sie wäre die Geliebte ihres Mannes Mark. Doch ist das die Wahrheit? Verschweigt Mark etwas? Und woran kann sie sich nicht mehr erinnern? Gar keine einfache Frage, denn Claire ist eine Mono und kann sich nur noch an die gestrigen Ereignisse erinnern. Und Mark ist ein Duo – er kann sich an zwei vergangene Tage erinnern.

Diese alternative Welt ist gar nicht so anders als unsere und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied. Die Welt spaltet sich in zwei Bevölkerungsgruppen: Monos und Duos. Monos erinnern sich nur an den letzten Tag, Duos an die letzten zwei Tage. Aus diesem Grund sind Duos diejenigen, die erfolgreich, reich, berühmt und angesehen sind, Monos sind die anderen, die Arbeiterklasse, diejenigen, die nicht genug „Grips“ für mehr haben, die dümmer sind. Eine waghalsige Theorie, welche die Autorin hier ihrer Welt zugrunde legt, aber gar nicht so abwegig, denn so sind wir Menschen. Wir stecken ganz leicht andere Menschen in Schubladen.
Beide Bevölkerungsgruppen erleben eine ganz normale Kindheit und Jugend – auch mit einem Vollgedächtnis, wie es im Buch so schön heißt. Ob man ein Mono oder Duo ist, stellt sich dann mit Erreichen des Erwachsenenalters heraus. Monos vergessen ab 18 Jahren, Duos ab 23. Allen wird eingebleut, ihre Erinnerungen in Tagebüchern festzuhalten und auswendig zu lernen, früher natürlich handschriftlich, heute mit dem iDiary (ja, Steve Jobs lässt grüßen – Smartphones sind zwar da, aber neben dem essentiell wichtigen iDiary sind sie unwichtig).

In dieses Setting setzt die Autorin nun einen Kriminalfall, der mich streckenweise stark an „Girl on the train“ erinnerte, denn die dortige Protagonistin hat Blackouts durch zu starken Alkoholgenuss. Doch ein bisschen anders ist die Situation schon, denn schließlich kann sich keiner weiter als zwei Tage erinnern und ständig wird das iDiary konsultiert, um Stichwörtersuchen durchzuführen. Eine Ermittlung, die länger als zwei Tage dauert – Kriminalkommissare sind verständlicherweise alle Duos – hätte in dieser Welt also durchaus seinen Charme, doch  die Autorin hat sich dazu entschlossen, die Ereignisse in einem Tag abspielen zu lassen und nimmt sich damit leider diese Herausforderung.

Insgesamt zeigt mir die Alternativwelt zu wenig von den gesellschaftlichen Änderungen, welche die fehlende Erinnerung inne haben könnte. Einzig die Tatsache, dass jegliche Vorurteile und Ressentiments bezüglich Hautfarbe, Religion o. ä. wegfallen und dafür ein ausgeprägtes Zweiklassensystem herrscht, zeigt Änderungen. Ein paar wenige Zeitungsartikel gibt es auch, diese fokussieren allerdings auf die Mono-Duo-Ehe, die in dem Buch ja durch Claire und Mark schon eine Rolle spielt.

Auch wenn mich das Buch im Gesamten nicht überzeugen konnte, waren gerade die ersten hundert Seiten äußerst spannend, um in diese Alternativwelt hinein zu schnuppern. Danach gab es leider nicht viel neues, bis dann zum Ende hin mich das Buch doch wieder in den Bann ziehen konnte. Nicht allerdings der Epilog – der war von der Autorin sicherlich als die Überraschung schlechthin gedacht, doch er wirkte zu aufgesetzt, als ob man das Ende nochmal toppen müsste. Für mich also ein durchwachsenes Leseerlebnis.

Fazit:
Eine durchaus interessante Alternativwelt, die allerdings nicht sehr tief blicken ließ. Der dort eingebettete Kriminalfall basiert aber trotzdem auf den üblichen Zutaten: ein Ereignis in der Vergangenheit, lange gehegte Rachepläne und Menschen, die nicht ehrlich zueinander sind. Ein gutes Buch, welches mehr aus sich hätte machen können.

 

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Die Fünfziger: Bluescreen – Dan Wells


Dan Wells – Bluescreen
Verlag: Piper
Übersetzer: Jürgen Langowski
364 Seiten
ISBN: 978-3492280211

 

 

 

 

Die meisten kennen Dan Wells bestimmt von seinen Krimis aus Täter-Perspektive. Ich nicht, aber natürlich ist er mir trotzdem ein Begriff. Das vorliegende Buch ist nun ein Zukunftsroman, Science Fiction. Und der Klappentext verrät nun gar nicht, dass es ein Jugendbuch ist und somit war ich doch ein wenig erstaunt.

Wir befinden uns im Jahre 2050 und Los Angeles hat sich zur Größe eines Bundesstaates ausgedehnt. Arbeit gibt es kaum noch, alles wird von Nulis erledigt, kleine Roboter bzw. Drohnen, die quasi überall zum Einsatz kommen. Das Smartphone wurde ersetzt durch die Djinnis, mit denen man alle Infos mit Gedanken, Blinzeln, Zwinkern oder ähnlichem abrufen kann, aber auch direkt im Netz arbeiten kann oder in die Spielewelt kommt. So wie Marisa, ein 17jähriges Mädchen aus Mirador, einem Stadtteil von LA. Sie befindet sich auf dem Weg zur Berühmtheit, gemeinsam mit 4 ihrer Freundinnen, zwei aus LA, eine aus Indien und eine aus China. Denn ihr Team spielt gemeinsam in Overworld, einem Adventuregame.

Als dann die Droge Bluescreen, aufgeladen auf einen Stick, erscheint, die einen kurz in ungeahnte Höhen schickt und dann für 10 Minuten ausknockt, ist Marisa skeptisch. Vor allem als ihre Freundin Anja diese nimmt und nicht 10 Minuten bewusstlos ist, sondern anfängt, ferngesteuert herumzulaufen und ihren Vater anzugreifen. Marisa und ihre Freunde beginnen nachzuforschen und entdecken eine weit größere Verschwörung als „nur“ eine neue Droge.

Ich so froh – ich hab einen Jugendthriller gelesen, fast schon einen Dystopie und es gab überhaupt keine Dreiecksbeziehung. Ja, ja, ich weiß, ich bin da pingelig, aber ist doch wahr, dass die meisten dieser Bücher immer eine Dreiecksbeziehung haben – warum auch immer. Mich nervt das. Und ich bin Mr. Wells unheimlich dankbar, dass er sich das gespart hat. Merci!

So gut wie keines der Mädels geht zur Schule – wer den Stoff nicht lernt, hackt eben die Prüfungsergebnisse. Die drei Mädels aus LA – Marisa, Sahara und Anja – sind nämlich mit Djinni und Co. aufgewachsen und nicht nur ziemlich pfiffig, sondern pfeifen auch auf irgendwelche Regeln… oder Firewalls. Zwar schon immer mit einer gesunden Portion Zurückhaltung, aber gehackt wird trotzdem. Auch hier lobend zu erwähnen, dass wir von Hackerinnen sprechen. Very nice. Nichtsdestotrotz sind die Mädels halt doch immer noch Mädels und sorgen sich hin und wieder auch um Kleidung und Jungs.

Die Nachforschungen, die Marisa und Co. anstellen, bleiben natürlich nicht unbemerkt und die Mädchen bringen sich selbst in Gefahr. Und auch wenn der Autor hier Gangs und Kanonen aus dem Portfolio holt, ist das Ganze doch einen Gang zurückgeschaltet. Damit meine ich, dass der Autor hier wesentlich mehr hätte auffahren können, doch dann hätten die Mädchen vermutlich aufgeben müssen. Das nimmt der Geschichte aber nicht die Spannung, sondern ergänzt sich und bietet trotzdem viele Wendungen und Überraschungen.  Für mich war das ein gelungener Zeitvertreib am Sonntagnachmittag!

Fazit:
Spannung und Action im LA der 50er Jahre, der 2050er: Mit taffen, jungen Hackerinnen, die einer neuen Droge den Garaus machen wollen und dabei in ein Wespennest stoßen. Sehr positiv zu erwähnen: es gibt keine Dreiecksbeziehung. 😉


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A bis Z: Orphan X – Gregg Hurwitz


Gregg Hurwitz – Orphan X
Verlag: HarperCollins
Übersetzer: Mirga Nekvedavicius
464 Seiten
ISBN: 978-3959671026

 

 

 

 

Orphan X wurde als Waisenkind von der Regierung heimlich als Auftragsmörder ausgebildet. Sein Ausbilder Jack fügt den zu lernenden Regeln aber einige hinzu und so kommt es das Orphan X sich eines Tages von der Regierung abwendet und private Aufträge annimmt. Er hilft Menschen, die in Situationen geraten, aus denen sie sich nicht mehr selbst befreien können. Sein mittlerweile wichtigstes Gebot hierbei ist das Zehnte: Lasse niemals einen Unschuldigen sterben.

Orphan X nennt sich nun Evan Smoak, lebt abgeschottet und einzig auf Sicherheit bedacht in einem Apartmenthaus und sein nächster Auftrag kommt von einem Mädchen, dass von einem korrupten Cop bedrängt wird. Überraschenderweise ist dieser Auftrag, der auf dem Klappentext erwähnt wird, ziemlich schnell abgehandelt und man fragt sich kurz: was nun? Doch schon kurz darauf erhält er einen Anruf, einen nächsten Auftrag. Viel zu früh in Evans ausgeklügeltem System und Evan ist zu Recht misstrauisch.

Leider gibt es dann einen Abschnitt, der ein wenig zäh ist. Evan taucht in seine Vergangenheit ab und in Rückblenden erlebt man Teile seiner Ausbildung, während im Hier und Jetzt Zweifel durch seine Gedanken streunen. Doch zum Glück kommt er nicht lange dazu, denn die Ereignisse überschlagen sich und er muss alles tun, um seine Auftraggeberin Kathrin zu schützen. Durch sein auf Sicherheit bedachtes System gelingt es ihm immer wieder Pausen für sich und Kathrin herauszuschlagen, doch die Gegenseite ist nicht nur genauso gewitzt, sondern fast schon einen Ticken besser und es wird schwieriger und schwieriger. Und vor allem wird es immer schwieriger für Evan herauszufinden, wem er trauen kann.

Ich wollte mal wieder einen Thriller lesen und ja, ich fand ihn gut. Richtig passend. Es gab eben mal kurz diese Länge als der erste Auftrag erledigt ist, doch auch die Rückblenden haben ihren Sinn, wenn sich dieser natürlich auch erst später ergibt. Das Orphan Programm bietet neben X noch viele weitere Buchstaben und so ist auch klar, dass das Buch der erste Teil einer Reihe ist, auch wenn man nach und nach merkt, welche Schnüre im Hintergrund gezogen werden.

Natürlich ist Evan aka Orphan X bestens in allem ausgebildet, einzig mit alltäglichen Dingen hat er seine Schwierigkeiten, sei es die Eigentümerversammlung im Apartmenthaus oder Small Talk im Aufzug. Auch der kleine Nachbarsjunge mit seiner hektischen, alleinerziehenden Mutter bringt ihn immer wieder in – für ihn – ungewöhnliche Situationen. Hier beschert das Buch sogar einige Situationen, die zum Schmunzeln anregen. Natürlich ist der „Orphan“ ein kleiner Kampfroboter und es gibt sehr viel Action in diesem Buch, plus Verletzungen, die ihn aber natürlich nur unwesentlich beeinträchtigen. Nichtsdestotrotz hat er sehr viele Zweifel und da er sich von seinem ehemaligen Arbeitgeber losgesagt hat, steht er allein da. Keiner kann ihm Rat bieten und selbst wenn, würde Evan ihm wohl nicht vertrauen. Ob wohl einer kleiner Junge es schafft, diesen Wall zu durchdringen?

Fazit:
So wie man einen Thriller mag: Viel Action und Spannung, geheime Verwicklungen im Hintergrund, ein paar Kleinigkeiten zum Schmunnzeln und einen Helden, den so schnell nichts umhaut. So soll es sein!


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Bedrohlich: Amnesia – Jutta Maria Herrmann


Jutta Maria Herrmann – Amnesia
Verlag: Droemer
297 Seiten
ISBN: 978-3426519974

 

 

 

 

 

Helen erhält eine erschreckende Diagnose: Krebs, Endstadium, nicht heilbar. Sie kämpft mit schweren Angstzuständen und ihre Medikamente verursachen Erinnerungslücken und Blackouts. Ihre Beziehung hat sich an der Diagnose aufgerieben und so macht sie sich auf in ihr Heimatdorf, um ihre Mutter und Schwester zu besuchen. Warum weiß sie selbst nicht so genau, schon lange war sie nicht mehr zu Hause, in dem kleinen Dorf, zieht ihre neue Heimat Berlin deutlich vor.
Als sie im Dorf ankommt gibt es zuerst auch keine Überraschung: ihre Mutter sieht sie als Belästigung, ihre Schwester Kristin begrüßt sie herzlich. Doch Kristin hat mittlerweile Leon geheiratet und mit Leon verbindet Helen eine schlechte Erinnerung. Schon bald vermutet Helen, dass Leon Kristin schlägt – und keine zwei Tage später wird Leon tot aufgefunden.  Hat etwa Helen Leon getötet und kann sich daran nicht mehr erinnern?

Es gibt eine Sache, die Jutta Maria Herrmann in ihren Thrillern wunderbarerweise immer gelingt: eine bedrohliche, unheimliche Atmosphäre zu schaffen. Das gelang ihr in „Hotline“ und „Schuld bist Du“, die beide in der Großstadt spielen, aber eben auch in „Amnesia“, in einem kleinen, verschlafenen Dorf. Und dazu benötigt die Autorin auch ganz wenig: ein paar wenige Charaktere, ein Geheimnis aus der Vergangenheit, unausgesprochene Konflikte. Eine stetige Grundspannung mit leichten Spitzen, bei der man oft gar nicht so genau sagen kann, warum es jetzt eigentlich bedrohlich ist, warum einem dieses oder jenes komisch vorkommt. Die Autorin spielt mit den Erwartungen der Leser und benutzt dabei einfache, aber sehr wirkungsvolle Mittel.

Eine ungewöhnliche Protagonistin hat sich Frau Herrmann hier ausgesucht. Todkrank, mit starken Medikamenten betäubt, bis hin zu Blackouts. Und doch irgendwie geschickt gemacht, nicht? Denn Helens Gedächtnislücken sorgen für eine beständige Ungewissheit – bei Helen und beim Leser. Was hat sie in der Zeit gemacht? Hat sie tatsächlich jemand getötet? Dabei gelingt es der Autorin die ständig über Helen schwebende Krankheit zwar präsent zu halten und überzeugend einzubauen, aber nicht die Handlung zu erdrücken. Die Gedächtnislücken sorgen für den zusätzlichen Spannungskick und verstärken die unheimliche Atmosphäre.

Nichtsdestotrotz ist Helen nun kein Charakter, der mir sonderlich sympathisch war. Im Übrigen genauso wenig wie ihre Mutter, die den schwersten Fehler einer Mutter begeht und ein Kind bevorzugt. Oder ihre Schwester, die zwar aufgeregt plappernd daher kommt, allerdings mit einem Tick zu viel, so dass es aufgesetzt wird. Leon ist ja nun sowieso der Buhmann und einzig der Freund aus Kindertagen scheint sympathisch – kommt aber natürlich streckenweise auch als Täter in Frage. So wie eigentlich jeder in der Geschichte. Mit jeder neuen Wendung überlegt man erneut, wer wohl der Täter sein könnte und ist sich dann ganz sicher – bis zur nächsten Wendung. Tatsächlich bleibt das Ende vage offen, wenn auch der Thriller natürlich abgeschlossen ist, so wie die anderen Bücher der Autorin.

Fazit:
So wie ich mir einen Thriller vorstelle: in einer leise bedrohlichen Atmosphäre spielt die Autorin mit den Ängsten ihrer schwer gebeutelten Protagonistin. Ein Thriller, den man an einem Nachmittag wegsaugt und mit einem leichten Frösteln zuschlägt. Sehr gut gelungen!

 

 


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In den Bergen: Karges Land – Erik Storey


Erik Storey – Karges Land
Verlag: Piper
Übersetzer: Wulf Bergner
320 Seiten
ISBN: 978-3492060677

 

 

 

 

Clyde Barr ist erst seit Kurzem zurück in seiner Heimat, als er einen Anruf seiner Schwester Jen erhält. Lance Alvis, ein Drogenboss, der den Markt von drei Staaten kontrolliert und mit Gewalt und Tücke darüber herrscht, hält Jen fest. Der Anruf wird unterbrochen und so muss Clyde erst mal Lance Alvis Versteck aufspüren, bevor er seine Schwester aus dessen Klauen befreien kann. Doch zum Glück kann Clyde einiges vorweisen, um den Kampf gegen diesen mächtigen Gegner aufzunehmen.

Fangen wir mal mit was ganz einfachem an: ich hatte riesigen Spaß beim Lesen des Thrillers. Es war für mich genau die richtige Geschichte zur richtigen Zeit. Die Seiten sind mir durch die Finger geflutscht und das Buch war in null komma nix ausgelesen. Die Sogwirkung, die ein Thriller mitunter entwickeln kann ist schon unglaublich. Geholfen hat mir hierbei auch, dass es eben einfach nur spannend war und ich nicht groß nachdenken musste. Der Beginn hält erst mal keine Überraschungen bereit – böser Mann klaut holde Jungfer und Ritter macht sich auf, um sie ihm zu entreißen – doch die Geschichte hat mir einfach gut gefallen. Sagen wir mal so: nichts zum groß mitdenken, sondern einfach zum „wegsaugen“.

Nichtsdestotrotz hält der Thriller natürlich einige Dinge bereit, an denen man herummäkeln könnte. Angefangen bei Clyde Barr, der schon als junger Erwachsener in die Welt gezogen ist: Afrika, Naher Osten, Südamerika. Immer in Krisengebieten, meist auf der Seite der Unterdrückten, im Kampf gegen Regime und Diktaturen. Ein Söldner, aber natürlich ein Guter. Solange bis er auch mal seinen Vorteil daraus zieht und im Knast landet. In Mexiko. Damit verscherzt er es sich mit zwei seiner drei Schwestern – einzig Jen, das andere schwarze Schaf der Familie, bleibt mit ihm einigermaßen in Kontakt. Clyde kennt sich also aus – im Umgang mit allerlei Waffen, mit dem Leben in der Wildnis, mit dem Nahkampf… you know, eigentlich mit allem, was man bei der Jagd auf einen Drogenboss so brauchen kann.

Und dann gibt es natürlich noch den weiblichen Part. Allie.
Allie arbeitet als Kellnerin in der Kneipe von Lance Alvis Bruder. Und auch wenn die Brüder nicht die engste Beziehung pflegen, kann Allie einiges an Informationen beitragen. Doch daraufhin ist sie nicht mehr so beliebt an ihrem Arbeitsplatz, weswegen sie Clyde dann begleitet, bzw. sich quasi aufdrängt. Für Clyde ist das, nun ja, zum Teil Belastung, zum Teil Vergnügen, denn die reizende Allie ist… na ja, eben sehr reizend.

Also schon irgendwie sehr stereotyp – über den bösen Drogenboss Lance Alvis will ich da mal gar kein zusätzliches Wort verlieren. Alles eben sehr schwarz oder sehr weiß. Aber ich will, wie gesagt gar nicht groß rummäkeln, denn mir hat der Thriller viel Lesespaß bereitet und da kann ich über diese Dinge locker mal hinwegsehen. Zudem hat der Thriller doch noch einige kleine Überraschungen beinhaltet, so kann das Ende zwar mit einer Art Happy End aufwarten, hat aber doch einen schalen Nachgeschmack, da nicht alle wesentlichen Personen das Ende erleben.

Abschließend muss ich allerdings noch einen Kommentar zum Umschlagsbild los werden: es gab überhaupt keinen Hubschrauber! Sowas. Und wenn ich nochmal genauer hinschaue, ist die Landschaft dort eher flach und karg – im Buch allerdings finden die meisten Handlungen in den Bergen statt. Hmm… was soll ich sagen? Thema verfehlt? Naaaa…. Zumindest der Pickup lässt sich wiederfinden.

Fazit:
Spannende Kost für Zwischendurch – nicht das Hirn überanstrengen, sondern einfach lesen und genießen.


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Die Stunde der Entführer – Robert Wilson


Robert Wilson – Die Stunde der Entführer
Verlag: Goldmann
Übersetzer: Kristian Lutze
479 Seiten
ISBN: 978-3442314287

 

 

 

 

Immer wieder stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, in der Mitte einer Serie einzusteigen oder eben beim Anfang zu beginnen. Ich habe schon verschiedene Erfahrungen gemacht. Manchmal klappt es gut, wenn man mittendrin einsteigt, manchmal weniger gut. Und ich hatte sogar schon ein oder zwei, bei denen es gar nicht geklappt hat. Nichtsdestotrotz muss man es manchmal probieren, denn seien wir mal ehrlich, man kann nicht jeder Serie von Anfang an folgen oder wenn man sie eben erst spät entdeckt, noch alle vorigen Teile aufholen. Hier habe ich mir nun also den dritten Teil um Charles Boxer geschnappt, einen Spezialisten für Entführungsfälle, der sich auch nicht scheut, härtere Maßnahmen zu ergreifen. Der Einstieg bei Teil drei war kein Problem, doch zufrieden bin ich dennoch nicht.

In London werden innerhalb von wenigen Stunden die Kinder von 6 Milliardären entführt. Die Altersspanne der Entführungsopfer geht vom Kind bis zum jungen Erwachsenen und zieht sich durch mehrere Nationalitäten: mit dabei sind die USA, Russland, China und Indien. Die Eltern sind nicht nur sehr reich, sondern durch ihre Geschäfte zumeist auch in der Politik verbandelt, was die Sache äußerst kompliziert macht. Die Ermittlung führt Mercy Danquah, Charles Boxers Ex-Freundin. Doch nicht nur diese Verbindung zieht Boxer in den Entführungsfall, sondern auch eine neue Klientin. Siobhan sucht ihren Vater Conrad Jensen, der vor einigen Tagen spurlos verschwunden ist. Der Anwalt der Familie hat Siobhan zu Boxer geschickt, um zur Not auch von Boxer speziellen Fähigkeiten Gebrauch zu machen. Boxer ist nahe dran, den Fall abzulehnen, gibt sich aber doch geschlagen. Auch Amy, seine Tochter, die mittlerweile bei seiner Organisation LOST mithilft, um lange zurückliegende Verschwundene wieder aufzuspüren, wird mit in die Ermittlung gezogen. Doch auch wenn es anfänglich nach zwei verschiedenen Ermittlungen aussieht, gibt es eine Verbindung.

Die Entführung reicher und so unterschiedlicher Kinder zieht ganz verschiedene Organisationen an. Die Ermittlung liegt vielleicht bei der Londoner Polizei, doch im Hintergrund mischen die verschiedensten Geheimdienste fröhlich die Karten, ohne sich dabei hineinsehen zu lassen. Die Milliardäre sind nun auch nicht die einfachsten Menschen, so dass jeder einen eigenen Unterhändler hat und das Chaos perfekt ist. Die Entführer allerdings, sind durchaus gut strukturiert und überlegt. Das zeigen nicht nur die sechs kurz nacheinander ausgeführten Entführungen, sondern auch die Verhandlungen. Es wird kein Lösegeld verlangt, sondern eine Aufwandsentschädigung für den Aufenthalt der Geiseln und es wird auch nicht einzeln verhandelt – ein Unterhändler wird bestimmt.
Man mag es kaum glauben, aber den Entführern geht es tatsächlich nicht um Geld, es werden politische Forderungen gestellt – aber genau da ist der Haken: die genaue Motivation kommt erst ganz zum Schluss heraus und ist dann auch nicht mehr wichtig, denn es ist ja schon vorbei.

Die Hauptfiguren – Boxer, Mercy und Amy – fand ich alle ganz gut, wenn auch mit Klischees nicht gegeizt wird. Charles Boxer vertritt dabei den stereotypischen Helden: für Recht und Gerechtigkeit verkloppt er auch gerne mal die Bösen und findet letztendlich die Entführten quasi im Alleingang. Und natürlich sieht er rot, wenn es um die Familie geht. Bei den Nebenfiguren sticht vor allem Siobhan als etwas andere Femme Fatale heraus. Schade ist, dass die Entführten oder gar die Entführer nicht zu Wort kommen, hier hätte man dann zwar noch ein, zwei weitere Ebene eröffnet, aber eben andere Perspektiven eröffnet. Dies hätte für Abwechslung gesorgt und man hätte auch die Motivation der Entführer besser verstanden. Doch sowohl Entführte als auch Entführer sind quasi nur schmückendes Beiwerk. Insgesamt hätten andere Perspektiven spannende Einblicke eröffnen können, z. B. auch bei einem der Geheimagenten stelle ich mir das interessant vor.

Ein komplexes Szenario, viele Mitspieler und Parteien, viele Heimlichkeiten und doch irgendwie unrund. Es passiert so viel und doch irgendwie nicht. Der Fokus liegt auf Charles Boxer, ab und an auch bei Mercy. Beide haben zusätzlich noch mit privaten Problemen kämpfen müssen. Die Geschichte nimmt kurz Fahrt auf, aber tuckert dann irgendwie vor sich hin, so bis zur Hälfte, bis sie dann endlich in Schwung kommt. Das Ende wird relativ kurz abgehandelt, die Beweggründe der Entführer zwar dargestellt, doch warum Boxer nun mit im Spiel sein musste ist für mich unzureichend erklärt worden. Aber vielleicht passt das ganz gut, denn irgendwie, auch wenn der Fall an sich geschlossen ist, gibt es einen hintergründigen Handlungsstrang, der weitergeht. Allerdings ohne mich – das Buch konnte mich jetzt nicht so überzeugen, dass ich mir den nächsten Teil holen würde.

Fazit:
Durchschnittlich – der Fall nimmt ab der Mitte Fahrt auf, doch irgendwie ist das Ganze unrund. Ein komplexes Szenario mit vielen Parteien, aber keinen anderen Perspektiven. Schade.


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Hommage: Gier – Garry Disher

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Garry Disher – Gier
Verlag: pulpmaster
Übersetzerin: Gabriele Bärtels
226 Seiten
ISBN: 978-3929010527

 

 

 

Als ich mich, gemeinsam mit Kaliber.17 zu dem Australien & Neuseeland Spezial entschieden habe, hatte ich mir gedacht, super, erfährst Du ein wenig mehr über Down Under. Zugegeben, dass kann man nun über „Gier“ von Garry Disher nicht sagen, denn die Story hätte wohl auch in anderen Ländern der Welt spielen können. Aber Garry Disher ist nun mal der Autor, der mich bei diesem Thema am meisten gereizt hat. Gunnar hat ja schon einen Blick auf die Inspector Challis Reihe geworfen, ich selbst habe „Bitter Wash Road“ vor einigen Monaten gelesen (und die Rezension dazu schlummert noch in meinem SUB), also hab ich mich an die Wyatt Reihe getraut. Wyatt, ein Berufsverbrecher, der unweigerlich an Richard Starks Parker erinnert – eine Rezension zu einem von Parkers Fällen findet ihr hier – der aber doch anders ist. Nun aber erst mal zu Wyatt.

Wyatt hält sich mit zwei, drei guten Jobs im Jahr über Wasser, so dass er meist einige Monate in sonnigen Gefilden verbringen kann. Gut geplante Arbeit für einige Wochen, Erholung und Ruhe für einige Monate. Als nun Anna Reid, eine Anwältin, ihren Partner ausnehmen will, kommt der Auftrag Wyatt ganz recht. Das Team besteht noch aus Hobba und Pederson, so dass die Beute von 300.000 Dollar durch vier zu teilen ist. Dummerweise kleben danach nicht nur die eigentlichen Eigentümer des Geldes an seinen Fersen, die den Profi Bauer auf ihn hetzen, sondern auch die Brüder Ivan und Sugarfoot Younger, die noch eine Rechnung mit ihm offen haben. Vor allem Sugarfoot, der Wyatts letzten Raubzug vermasselt hat und von ihm eine Abreibung erhalten hat, giert auf Rache.

Wyatt ist kein Mann der großen Worte, auch Lächeln liegt ihm nicht. Er hat so gut wie kein Vertrauen in seine Mitmenschen, in seine Teamkollegen sowieso schon gar nicht. Und mit den Frauen, ach, da will er schon gar keine tiefere Bindung. Ein paar unverfängliche Nächte und schon ist es vorbei. Also zumindest kann er sich mehr gerade nicht vorstellen, wobei… na ja. Mit den neuen Techniken hat er es auch nicht so. Dafür ist er klug, vorausschauend und eiskalt. Er ist jederzeit bereit, seine Partner um die Ecke zu bringen, wenn der Plan schief läuft. Aber er ist so fair, den Plan so gut zu durchdenken, dass nichts schief läuft und er niemand umbringen muss. Das ist nämlich nicht sein Ziel. Er bringt niemand einfach so um. Nur, wenn es sein muss. Wenn eben jemand seinen gut durchdachten Plan durcheinander bringt, weil er ein größeres Stück vom Kuchen will. Oder Wyatts Anteil.
Das gefährlichste in diesem Fall sind aber nicht unbedingt Wyatts Partner, sondern alle, die danach von dem Geld etwas abhaben wollen. Allen voran Sugarfoot Younger, der dümmste unter ihnen. Dummheit gepaart mit vielen Muskeln, Waffen und einer Angeberkarre, aber leider nur Stroh im Kopf, ist eben gefährlich. Sugarfoot denkt ständig, er müsste mehr vom Leben abbekommen und Wyatt stände ihm dabei im Weg.

Aber eigentlich kann man niemand trauen. Vielleicht lese ich zu viele Krimis dieser Sorte, aber das war mir von Anfang an klar. Es ist nur so, dass man doch noch knobeln muss, wer wen übers Ohr haut.  Das Buch war ein bitterböser Trip durch eine australische Stadt, deren Name nun wirklich nichts zur Sache tut, und ein erfolgreicher Raub, erfolgreich sogar im doppelten Sinne, der viel Gewalt und viele Tote nach sich zieht. Ich denke, ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, natürlich überlebt Wyatt das Gemetzel, denn „Gier“ ist der erste Teil einer kleinen Serie um den Berufsverbrecher. Und so zeigt sich, dass Gier einen nur das Leben kostet. Wenn man einfach nur seinen Anteil nimmt – hat man leider trotzdem viel zu tun, weil die anderen ja gierig sind. Ach, aber ganz unkompliziert soll es ja auch nicht sein –  sonst macht das Lesen doch keinen Spaß.

Fazit:
Schnell, böse und hart – ganz so, wie wir unsere Krimis um die harten Kerle, die Berufsganoven, mögen.