Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Zerrissen: Das größere Verbrechen – Anne Goldmann

6 Kommentare


Anne Goldmann – Das größere Verbrechen
Verlag: Argument
235 Seiten
ISBN: 978-3867542340

 

 

 

 

Es ist kein Geheimnis, dass ich ein großer Fan der Krimis von Anne Goldmann bin. Und so ist es bestimmt auch nicht verwunderlich, wenn ich nun zu einem weiteren Lobgesang anstimme. Wobei das neuste Buch von ihr, „Das größere Verbrechen“, auch irgendwie anders ist als ihre vorigen Bücher. Und irgendwie auch nicht. Letztlich ist es aber fast (aber wirklich nur fast, denn Anne Goldmann schreibt einfach wunderbar) völlig egal, wie es ist, denn es gehört schlicht und einfach des Themas wegen gelesen. Weil sie über Opfer schreibt. Über das, was mit Opfern nach der Tat passiert. Wie lange eine Tat in ihnen nachwirkt, wie verzweifelt und einsam diese Menschen sind. Und da ist es wieder – Frau Goldmanns Thema, die Einsamkeit. Diesmal verpackt in einem der wichtigsten Themen, die es gibt, über das aber so wenig berichtet, welches so wenig beachtet wird, das man sich dafür schämen muss.

Ist es Sensationsgier, die uns treibt? Die uns anhalten und rüber schauen lässt, wenn wir an Unfällen vorbeifahren? Die uns gierig schlechte und Übelkeit erregende Nachrichten anschauen und sogar danach suchen lässt? Ist es eine morbide Lust, die uns Krimis aufschlagen lässt, in denen (zumeist) junge Frauen bestialisch ermordet werden oder die Taten von (Serien)Mördern akribisch beschrieben werden? Gibt es Mitleid, Mitgefühl mit den Opfern? Ja schon, aber doch nur, bis das nächste Opfer auftaucht, dann ist das vorige ja schon fast vergessen. Wir leben in einer Zeit der Reizüberflutung, nicht nur im Bereich der Kriminalliteratur, aber eben auch da.

Frau Goldmann widmet sich nun in ihrem Buch drei Frauen, Theres, Selma und Ana. Theres führt ein mehr oder minder zufriedenes Leben mit Mann und Tochter, als ihr Sohn sich bei ihr meldet. Der Sohn, den sie vor langer Zeit abgeben musste, direkt nach der Geburt entrissen und zur Adoption freigegeben. Selma ist eine alte Frau, gefesselt an ihre Wohnung, heimgesucht von ihren Erinnerungen an den Krieg im damaligen Jugoslawien. Ana putzt. Bei beiden, bei Theres und bei Selma. Und versucht wegzusehen, sich um ihren Kram zu kümmern.

„Die ersten Bilder vom Krieg flimmerten über den Bildschirm. Da war er noch in der Stadt. Wir saßen starr vor dem Fernseher. Wir sahen Soldaten, Waffen, Panzer. Menschen im Granatenhagel um ihr Leben rennen, Gebäude in sich zusammenkrachen. Das Radio lief die ganze Zeit.
Es wird bald vorbei sein. Wir waren uns sicher.
Aber das Schlimmste stand uns noch bevor…“ (S. 94)

Einsamkeit und Zerrissenheit, das sind die Schlüsselworte, die die Handlung bestimmen. Vor allem Selmas Erinnerungen an den Krieg nehmen einen mit, lassen einen schlucken. Dabei wird vieles nur angedeutet, nichts gesagt. Die Erinnerungen sind auch nicht durchgehend, zersplittert in vielen kleinen Erinnerungen lässt die Autorin das Grauen über den Leser hereinbrechen. Gleichzeitig ist Selma dazu verdammt wieder nur zuzuschauen, vom Alter an ihre Wohnung gefesselt, versorgt aber nicht umsorgt. Ausgenommen von Ana, ein Lichtblick.

„Sobald man auf andere angewiesen ist, zwingen sie einem ihre Regeln auf. Man ist ihnen ausgeliefert, wird zu einer Nummer. Das Wenige, das du noch hast, wird dir abgenommen. Du selber als Person liegst plötzlich nackt vor aller Augen. Das ist das Schlimmste.“ (S. 57)

Theres bestimmt aber den Hauptteil der Handlung. Und das plötzliche Auftauchen von Jan, ihrem Sohn. Erinnerungen kommen hoch. Der Ehemann zieht aus, wusste von nichts. Mit den Eltern beginnt sie Streit. Damals wurde sie gezwungen. Doch wie verlässlich sind Erinnerungen? Jetzt will sie jedenfalls ihren Sohn unterstützen, doch dann wird er verhaftet, soll seinen Adoptivvater getötet haben. Kann das sein? Theres ist ratlos. Sie hat einen Sohn, kennt ihn aber nicht. Doch er ist ihr Sohn, ohne Vorbehalte unterstützt sie ihn.

„Die meisten Menschen können noch nach Jahren den einen Moment bis ins kleinste Detail beschreiben, in dem ein Zufall, eine Begegnung oder ein schlichter Anruf ihr ganzes Leben mit einem Schlag verändert hat.“ (S. 8)

Die Autorin rollt auch hier nur Stück für Stück die Vergangenheit auf, lässt Theres Erinnerung für Erinnerung wieder erleben. Die erste Liebe, die versteckte Schwangerschaft, der verlorene Sohn. Depressionen und Medikamente, welche die Erinnerungen vernebeln und als Wahrheit angesehen werden. Die Autorin spielt mit den Lesern, gibt nur preis, wie viel gerade nötig ist. Unterlegt ist diese Geschichte aus der Vergangenheit mit der realen Bedrohung der Gegenwart. Wie weit kann man seinem eigenen Sohn, den man gar nicht kennt, trauen? Geschickt wird Misstrauen gesät, Theres eh vorhandene Unsicherheit ausgeweitet,  und in eine Kriminalhandlung gewoben. Die sich dann am Ende doch wieder ganz anders gestaltet als gedacht und eine Überraschung aufblitzen lässt.

Einordnen kann man Anne Goldmanns Spannungsromane nie so richtig – es sind kriminelle Elemente dabei, aber eigentlich lebt und atmet das Buch vor allem Spannung, ganz ohne ausufernde Kriminalfälle oder Ermittlungen. Es ist eine leise und bedrohliche Atmosphäre, die ihr immer wieder gelingt, die diesmal jedoch um ein so wichtiges Thema erweitert wurde, dass die Gedanken im Karussell fahren.

Es gibt nur wenige, die der Opfer gedenken, die an die Opfer denken, die sich mit Opfern beschäftigen. Unbemerkt leben sie in unserer Gesellschaft, vielleicht meist am Rande, ohne dass sie etwas sagen. Verdrängen, träumen, ängstigen sich. Und keiner sieht sie. Jeder sieht die Täter, die Taten. Die Zeitungen und Nachrichten sind voll davon. Es wird Zeit, dass den Opfern mehr Platz eingeräumt wird. In den Krimis, in der Literatur, in der Gesellschaft. Danke, Frau Goldmann!

Fazit:
Ein weiterer feiner, leiser, famoser Spannungsroman ist der Autorin hier gelungen. Dass Anne Goldmann sich einem kaum beachteten Thema, den Opfern von Gewalttaten, annimmt, lässt sie nur noch mehr in meiner Achtung steigen. Ein absolut lesenswertes und empfehlenswertes Buch!

 


Die weiteren Romane der Autorin, mit Link zu meiner Rezension dazu:
Das Leben ist schmutzig
Triangel
Lichtschacht


 

6 Kommentare zu “Zerrissen: Das größere Verbrechen – Anne Goldmann

  1. Pingback: Interview mit der Meisterin des Spannungsromans: Anne Goldmann | Die dunklen Felle

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  3. So, jetzt ich hier auch! :D Hatte mir deine Besprechung noch „aufgehoben“, bis ich selbst mit der Lektüre durch war. Mich hat ja wieder Frau Sudic sehr berührt/mitgenommen. „Wieder“, weil ich bei Romanen, die die Jugoslawienkriege und die Kriegsverbrechen thematisieren, immer mit sehr viel Herz und Empathie mitlese und mich das irgendwie noch auf einer anderen Ebene trifft als so manch anderes. Ich weiß gar nicht so genau warum, bzw. ich glaube, es gibt gar keinen speziellen Grund, es ist vllt die zeitliche und räumliche Nähe, ich weiß es nicht. Und ältere Damen rühren mich immer an, das war schon bei Stefanie Gregg und „Duft nach Weiß“ so oder bei Alina Bronsky und auch bei Schünemann und Volic. So langsam erkenne ich da ein Muster. ;)

    Egal, das führt vom Roman weg. Mit der Einsamkeit, stimmt, das ist (ich kenne ja bisher erst zwei Romane) schon so ein wiederkehrendes Motiv. Ich habe ja jetzt noch „Das Leben ist schmutzig“ hier, darauf freue ich mich schon und bis ich dann bei „Triangel“ bin, gibt es hoffentlich schon bald wieder Neues von Anne Goldmann, auf das man sich freuen kann. :)

    • Das mach ich oft genauso – wenn ich gerade das gleiche Buch lese oder weiß, dass ich es bald lese, dann lese ich die Rezensionen dazu vorher nicht. Ich will meine eigene Meinung nicht beeinflussen, sondern das Buch „frisch“ lesen.
      Ich freu mich übrigens auch immer gleich, wenn ich einen Krimi von Anne Goldmann ausgelesen habe, auf den nächsten. Aber ein wenig warten muss man schon, Frau Goldmann schreibt ja nebenberuflich. Aber ist ja jetzt nicht so, als gäbe es keine anderen Bücher mehr… trotzdem freu ich mich immer wie ein Schneekönig, wenn ich ein neues Buch von ihr in der Vorschau vom Argument Verlag sehe.

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