Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Interview – Anne Goldmann

5 Comments

Ganz besonders habe ich mich gefreut, dass Anne Goldmann sich bereit erklärt hat, mir ein Interview zu geben. Ihre drei Spannungsromane  – Das Leben ist schmutzig, Triangel und Lichtschacht – konnten mich alle restlos begeistern und natürlich konnte ich mir die Frage, was als nächstes kommt und vor allem wann, nicht verkneifen. Ob sie was verraten hat? Lest selbst.

 

 1. Die Schriftstellerei ist für Sie ein Nebenjob – Sie arbeiten mit Straffälligen. Nehmen Sie Anregungen aus Ihrem Job, einzelne Begebenheiten oder Sätze? Oder ziehen Sie Ihre Inspiration aus anderen Gelegenheiten?

Das Schreiben ist längst mehr, würde ich sagen. Es steht gleichberechtigt neben meiner Arbeit als Bewährungshelferin und nimmt viel Raum ein. Das Ideensammeln, Plotten, Überlegen, wie ich mit den Fragen, die mich interessieren, umgehe, in welcher Form ich sie stelle, das Entwickeln der Personen bis ins Detail – all das ist für mich notwendig, bevor ich den ersten Satz niederschreibe. Es gilt, die Form zu finden, den richtigen Ton zu treffen, man muss probieren, schreiben, recherchieren, verwerfen, gegebenenfalls neu beginnen, umschreiben, überarbeiten … Sie sehen schon: Man braucht Zeit. Und Durchhaltevermögen.

Meinen ersten Roman „Das Leben ist schmutzig“ habe ich noch (relativ locker, sage ich heute) abends nach der Arbeit und teilweise an den Wochenenden geschrieben. Das ist längst nicht mehr möglich. Das Arbeitspensum hat sich vervielfacht, die Menschen, die ich betreue, sind deutlich belasteter, verletzter, kommen rascher an ihre Grenzen.

Wenn ich schreibe, muss ich frei sein für die Geschichte, an der ich arbeite, und dranbleiben können – wenigstens für ein paar Tage am Stück.

Natürlich fließen meine Haltung, mein Blick auf die Welt (https://herlandnews.com/) und meine Erfahrungen, die beruflichen wie die privaten, in meine Texte ein. Ich habe u. a. einige Jahre in einer Justizanstalt gearbeitet. Mein zweiter Roman, Triangel, spielt in dieser Umgebung. Ich halte es für sinnvoll, über Dinge zu schreiben, von denen man Ahnung hat. Die Handlung wie die Personen in allen drei Büchern haben freilich keine Vorbilder im realen Leben (das reizt mich nicht), sie sind durchwegs frei erfunden. Sie entstehen aus einer Idee, einer Bewegung, einem Detail, das mir auffällt (oder einfällt), ich gehe mit ihnen durch die Wochen und sie gewinnen nach und nach an Kontur. Wenn ich sie richtig gut kenne, ihre Vergangenheit, ihren Alltag, ihre kleinen Geheimnisse, schicke ich sie los.

 2. Ihre Krimis handeln von Anonymität und Einsamkeit in der Großstadt, ja sogar im gleichen Haus. Wie wichtig ist Ihnen das Thema?

Ich mache immer wieder die Erfahrung, wie schwer es vielen Menschen fällt, einigermaßen offen aufeinander zuzugehen, wie groß einerseits der Wunsch nach Nähe, Vertrautheit, Gesehen-, Wahrgenommenwerden, Gehaltensein ist – und wie groß gleichzeitig die Angst davor. Mit wem, frage ich mich, telefonieren die Leute auf der Straße, in den U-Bahnen, überall eigentlich, ständig, wem schreiben sie unablässig? So viele Freunde – und so wenig Kontakt. Die Sache ist natürlich komplexer – und ich finde es lohnend, sie von verschiedenen Seiten zu betrachten.

 3. Wir hatten schon ein, zwei sehr interessante Gespräche auf der Buchmesse und Sie haben mich einiges über die Bloggerei gefragt. Wie sehen Sie das Thema soziale Medien im Hinblick auf eine Buchveröffentlichung – notwendiges Übel oder interessanter Multiplikator?

 Interessanter Multiplikator, auf jeden Fall. Ich persönlich schätze an den Blogs, die ich mehr oder minder regelmäßig lese, das große Engagement der Betreiber*innen, die Aktualität und die persönlichen Empfehlungen auf  hohem Niveau, auf die ich meist ebenso verlassen kann wie auf die von Freundinnen und Freunden – und die von meinem Lieblingsbuchhändler.

 4. Ich glaube für eine Autorin ist das die langweiligste, für den Leser allerdings die spannendste Frage: gibt es ein nächstes Projekt und wollen Sie darüber schon etwas verraten?

Ich bin grundsätzlich sehr zurückhaltend mit „Verlautbarungen“, solange ich das Manuskript nicht abgeschlossen habe – und das wird noch ein Weilchen dauern. Nur soviel – es geht um zwei Frauen, die auf den ersten Blick wenig miteinander gemein haben, um Fremdsein, Schuld und Trauma.

Abschließend wüsste ich noch gerne, was ihr Lieblingskrimi ist (oder Lieblingskrimiautor/in)?

 Es fällt mir tatsächlich schwer, mich in dem Bereich auf jemanden festzulegen. Astrid Paprottas “Sterntaucher” (2002) hat mich beeindruckt. Daniel Woodrell (Der Tod von Sweet Mister, Winters Knochen) und Paulus Hochgatterer (Die Süße des Lebens, Das Matratzenhaus) begeistern mich nach wie vor durch die präzise Zeichnung der Figuren, die intime Kenntnis ihrer Lebensumstände und einen meisterhaften Umgang mit Sprache. Die erzählerische Distanz und gleichzeitig spürbare Zärtlichkeit (ich finde kein anderes Wort) schaffen für mich Bilder von ungeheurer Intensität. Zudem mag ich mag das Unbestimmte, Offene, das mir als Leserin Raum lässt, Geschichten, die mir noch nachgehen, wenn ich das Buch längst beiseitegelegt habe.

 

 

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5 thoughts on “Interview – Anne Goldmann

  1. Das ist ja ein gelungenes Interview, klasse Fragen und klasse Antworten! Ich habe Anne Goldmann schon länger auf meiner Leseliste, fühle mich durch den tollen Eindruck hier nur bestärkt, dann auch bald endlich etwas von ihr zu lesen! 🙂

  2. “Das Leben ist schmutzig” steht bei mir schon ewig unangetastet im Regal. Und wieder kriege ich ein schlechtes Gewissen … Schönes Interview by the way! 🙂

  3. Pingback: Monatsrückblick März 2017 | Die dunklen Felle

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