Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Kaleidoskop: Ballade einer vergessenen Toten – Liza Cody

2 Kommentare


Liza Cody – Ballade einer vergessenen Toten
Verlag: Argument
Übersetzer: Martin Grundmann
411 Seiten
ISBN: 978-3867542388

 

 

 

 

Ich glaube, ich hab noch kein Buch von Liza Cody gelesen, welches ich einwandfrei als Krimi bezeichnen kann. Sie schreibt immer hart an der Grenze, mit kriminellen Elementen, das schon, aber vielmehr zeichnet sie ein Abbild der Gesellschaft, tiefe Einblicke in die Seelen von Menschen, ein Stück Realität, welches sie mit einem Kriminalfall abrundet und ausklingen lässt. Es ist diese Leichtigkeit, mit der sie schwer verdauliche Kost, die Realität, in eine Geschichte packt, ihre Charaktere für sich selbst sprechen lässt, die mich so umhaut, wenn ich ein Buch von Liza Cody lese.

Elly
Elly Astoria ist in den 80ern ein musikalisches Wunderkind, eine Songwriterin, mit der jeder arbeiten will. Jung ist sie, nicht besonders hübsch, ein Teil von SisterHood, einer Band nur aus Frauen. Sie ist aus schlechten Verhältnissen, Vater unbekannt, ihre Mutter ein Junkie. Doch Elly strahlt, sie leuchtet, sie zieht jeden in ihren Bann, sobald sie Musik macht. Ihre Songs gehen um die Welt, jeder will mit ihr arbeiten. Dann wird sie brutal ermordet.

Amy
Amy bläst Trübsal. Nach einer gescheiterten Beziehung hängt sie perspektivlos in einem Café ab, als sie den Hit aus den 80ern im Radio hört. Den Song von Elly, Elly Astoria. Und Amy beschließt eine Biografie über Elly zu schreiben. Doch so einfach ist das gar nicht, umso mehr Amy mit den Leuten aus Ellys Umgebung spricht, umso mehr deckt sie Widersprüche auf und fragt sich immer mehr: wie war Elly eigentlich wirklich?

Recherchen
Amy, in Sachen Biografie schreiben unbedarft, macht sich auf, um Interviews zu bekommen. Das damalige Management sowie die Bandmitglieder von SisterHood sind so gut wie nicht zu bekommen, so dass sie mit dem weiteren Umkreis von Elly beginnt. Sie führt Interviews, recherchiert und liest, schreibt Probekapitel. Dabei kommt Amy in der ersten Hälfte des Buches kaum zu Wort. Einzig ihre Interviewabschriften, die Dokumente, die sie zusammenstellt, bekommt der Leser unter die Nase gehalten.

„Ich bin keine Detektivin. Bloß weil es einen Mord gab, muss er noch lange nicht aufgeklärt werden. Es ist zwanzig Jahre her! Ich schreibe an einer Biografie, nicht an einem scheiß Thriller.“ (S. 258)

Detektivin
Doch immer mehr tritt Amy in den Vordergrund, bekommt man ihren Kampf mit, einen Verleger zu finden, aber auch das abgeschirmte Management und die Mitglieder der mittlerweile aufgelösten Band aufzustöbern. Mehr und mehr wird sie in die Richtung gedrängt, den Mord an Elly Astoria aufzurollen, Verdächtige zu präsentieren, Vermutungen anzustellen, wogegen sie sich vehement sträubt. Doch die junge Sängerin lässt sie nicht los, sie macht weiter, gräbt und stochert, wehrt sich gegen die Androhungen gerichtlicher Verfahren und ignoriert jegliche Drohungen.

Der engere Kreis
Die Band bestehend aus einer Übermutter, einer Hardcore-Lesbe, einer Depressiven und der eitlen Sängerin sowie das Management Caranto – Carol und Tom Prax, ein Geschwisterpaar, sind so gut wie nicht erreichbar und nur mit viel Überredung schafft es Amy den ein oder anderen zu treffen. Kein Wunder, stellt sich doch nach und nach heraus, dass jeder sein eigenes Häppchen von Elly Genie abhaben wollte. Aus den unterschiedlichsten Gründen. War Elly glücklich? Wusste sie davon? Zumindest hat es den Anschein, dass die Kleine hauptsächlich glücklich war, wenn sie Musik machen durfte – das sie dadurch von jedem für seine Zwecke benutzt wurde, hat sie wohl nicht gesehen. Und doch sitzt bei einigen die Scham, die Wut, der Hass tief. Auch noch nach zwanzig Jahren.

„Was ist bloß los mit Ihnen und den anderen? Nach zwanzig Jahren leidet ihr immer noch am längsten Nervenzusammenbruch in der Geschichte der Frauenwelt.“  (S. 396)

5 Akte
Es sind kurze Kapitel, kleine Kapitel, manche bestehen nur aus 2, 3 Emails, welche Amy bekommt, doch es sind viele, unterteilt in 5 übergeordnete Abschnitte. Mehr und mehr kreist die angehende Schriftstellerin die Person Elly ein und muss doch feststellen, dass keiner Elly wirklich kannte. Zudem verstricken sich auch viele in Widersprüche, nicht alle Erinnerungen sind so geschehen, wie geschildert. So bastelt sich jeder seine eigene Elly und Amy steht immer wieder kurz davor, die Flinte ins Korn zu werfen, doch Elly Astoria lässt sie nicht gehen. Das musikalische Genie  soll entsprechend gewürdigt werden, dafür möchte Amy sorgen. Ganz nebenbei dient die Biografie aber natürlich auch Amys Selbstfindung.

Kaleidoskop
Amy findet mehr und mehr Informationen über Elly, doch Elly scheint nie ganz da zu sein. Immer sieht Amy sie durch das Kaleidoskop anderer Menschen und je nachdem wer durchsieht oder daran dreht, verändert sich die Elly, die man sehen kann. Schonungslos deckt Amy dabei aber die Facetten der Menschen auf, die Elly umgeben haben. Alle Facetten. Die wenigen guten, aber eben auch die vielen schlechten Facetten. Gier, Neid, Erfolgssucht. Jeder wollte auf Ellys Rücken zum Erfolg getragen werden und dabei ist Elly unter die Räder gekommen. Doch Amy kann nun, zwanzig Jahre später, das Rätsel zumindest so weit aufdröseln, so dass sie einen Verdächtigen präsentieren kann. Also ist sie doch irgendwie eine Detektivin, und ja, ein klein wenig ist das Buch auch ein scheiß Thriller.

Fazit:
Liza Cody wirft wie immer einen schonungslosen Blick auf die Realität: die 80er Jahre, das Musikbusiness und ein kleines Mädchen, welches darin zerrieben wird. Facettenreich fächert sie Elly Astorias Leben auf und lässt die angehende Schriftstellerin Amy nicht nur eine Biografie schreiben, sondern auch ihre detektivischen Fähigkeiten entdecken. Ein Liza Cody, wie er sein soll: fordernd, unorthodox und überzeugend bis zur letzten Seite.

2 Kommentare zu “Kaleidoskop: Ballade einer vergessenen Toten – Liza Cody

  1. Feine Rezension!
    Liza Cody gehört seit geraumer Zeit zu meinen liebsten Autorinnen. mit ihrem feinen Händchen für starke Frauenfiguren und ihrer unaufdringlichen Gesellschaftskritik. Die Eva Wylie-Trilogie und ‚Gimme more‘ haben mir besonders gut gefallen.

    • Eva Wylie find ich auch Bombe, wobei mein absoluter Liebling die Bag Lady ist.
      Ich kenne aber noch nicht alles von ihr – nur die Bücher, die der Argument Verlag bisher rausgebracht hat. Ich hoffe ja, dort bald alle Liza Codys vorzufinden – auch die Anna Lees, die ich persönlich auch noch nicht kenne.

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