Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Gittermäuse, Schlusen, Nazissen und die Hyäne: Die Affen von Cannstatt – Christine Lehmann

8 Comments

1195x
Christine Lehmann – Die Affen von Cannstatt
Verlag: Argument
285 Seiten
ISBN: 978-3867541954
12 €

 

 

 

Es ist wirklich erstaunlich. Fast schon unglaublich. Wie spannend ein Krimi doch sein kann, obwohl die Zutaten minimalistisch scheinen und es erstmal nur Krimi heißt und nicht so richtig danach aussieht. Nur wenn es nicht nach Krimi aussieht – was ist es dann? Sozialstudie? Drama? Eine Art Kammerspiel? Nein, nein, es ist schon ein Krimi, aber eben kein typischer Krimi, nichts mit Mainstream oder Regio-Krimi. Eine Überraschung, ein Kunststück, das ist es, was Christine Lehmann hier gelungen ist.

In „Die Affen von Cannstatt“ wird Camilla Feh, die Tochter einer Kindsmörderin, wegen Mordes verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Fertig. Könnte langweilig sein, ist es aber nicht. Frau Lehmann gesteht Camilla in der U-Haft einen Laptop zu und damit schreibt Camilla ihre Verteidigungsschrift und gleichzeitig ein Hafttagebuch. Die Passagen sind durch eine andere Schrift gut auseinander zu halten, aber das wäre gar nicht nötig, da die Texte durch den Ton sehr gut zu unterscheiden sind. In ihrer Verteidigungsschrift erzählt Camilla was in der Zeit vor ihrer Verhaftung passiert ist. Das Hafttagebuch zeigt ihre aktuellen Erlebnisse in der U-Haft.

Aus der Verteidigungsschrift erfährt man, dass Camillas Mutter vier ihrer Neugeborenen getötet und verscharrt haben soll. Camilla wird von einer mittelständischen Familie adoptiert. Später beginnt sie ein Studium der Soziologie und beobachtet für eine Forschungsarbeit die Bonobo-Affen und ihr Matriarchat in der Stuttgarter Wilhelma. Sie bricht ab, trennt sich von ihrem militanten, veganen Freund Till und findet einen Job bei einem Magazin. Als das Magazin pleite ist, bietet ihr bieder gewordener Ex-Freund ihr einen Job an. Doch einige Zeit später wird Till tot gebissen im Bonobo Gehege aufgefunden. Hat Camilla ihn dort eingesperrt und den Bonobos zum Fraß vorgeworfen? Tritt sie das Erbe ihrer Mutter an?

Camilla behauptet unschuldig zu sein, doch keiner hört es. Die Beweise sprechen gegen sie und zu einem Verhör wurde sie nie geladen. Ihre Erlebnisse in der U-Haft schreibt sie in ihrem Tagebuch nieder. Oft sind dies nur kurze Passagen, verstört und verzweifelt, kalt und zynisch, beobachtend und berichtend. In der U-Haft ist nicht viel los und Camilla hat viel Zeit, sich selbst zu reflektieren. Sich und ihre Mutter. Ihr Leben und ihren Freund. Die Ermittlung – von der sie nur wenig mitbekommt – und Lisa Nerz. Ja genau, obwohl es kein dedizierter Lisa Nerz Krimi ist, tritt sie trotzdem auf und spielt eine wichtige Nebenrolle. So ganz kann Frau Lehmann wohl nicht auf die rotzige Lisa Nerz verzichten.

Der Krimi ist komplett aus Sicht von Camilla geschrieben und natürlich dadurch beeinflusst. Sie ist unschuldig – sagt sie. Doch ist sie das wirklich? Ständig nagt an einem der Zweifel. Dazu kommt, dass die Indizien und Beweise schon in ihre Richtung deuten. Der Alltag in der U-Haft ist geprägt von Misstrauen, Verzweiflung und kurzfristigen Loyalitäten. Auch Camilla, die trotz ihrer Vergangenheit als „Mörderkind“ eher unbedarft und leise wirkt, verändert sich und härtet ab. Nebenbei flicht Frau Lehmann soziologische Einsichten ein, den Vergleich des Bonobo Affen zu den Menschen, des Patriarchats zum Matriarchats.

Alles was in diesem Krimi vorkommt ist so untypisch Krimi und halt doch ein Krimi. Christine Lehmann tastet die Grenzen des Genres ab und hat damit einen außergewöhnlichen Krimi geschrieben, der seinesgleichen sucht. Schon mal gar kein Mainstream (zum Glück) und es passt auch so in keine Schublade – aber das ist ja gerade das Großartige daran! Krimi, Sozialstudie oder Tagebuch? Von allem was und keins so ganz – aber wer braucht schon ein Genre, wenn das Gesamtpaket stimmt und ein wahres Lesevergnügen ist.

Fazit:
Ein beunruhigend intelligentes Buch, welches die Grenzen des Genres gekonnt auslotet und mich als Leser begeistert zurücklässt. Bitte mehr davon!

5 Schafe

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8 thoughts on “Gittermäuse, Schlusen, Nazissen und die Hyäne: Die Affen von Cannstatt – Christine Lehmann

  1. Hatte letztens irgendwo eine ähnlich positive Kritik gelesen und werde mir den nach deinem Beitrag wohl mal anschaffen müssen. Klingt alles sehr sehr spannend. Damit würde ich dann auch dem von dir bemerkten Argument-Verlag-Defizit auf meiner Seite entgegenwirken 😉

  2. Lach – ja, mach das. Da hat mein provokativer Einwurf ja schon Wurzeln geschlagen.. 😀

  3. Dieses Buch ist komplett an mir vorbeigegangen. Deine Rezension macht aber sehr neugierig, von daher: wird vorgemerkt!

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