Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Veränderung: Die schwarze Fee – Kerstin Ehmer

3 Kommentare


Kerstin Ehmer – Die schwarze Fee
Verlag: Pendragon
397 Seiten
ISBN: 978-3865326560

 

 

 

 

Ariel Spiro bekommt einen neuen Fall: auf einem Schiff, mitten unter den anderen Fahrgästen, am helllichten Tag, sitzt ein Toter. Keiner hat den Mann einsteigen sehen, keiner kennt ihn. Die Ermittlungen laufen schwerfällig, es gibt kaum Spuren. Dann wird ein weiterer Toter gefunden, in einem Bus. Wieder kennt ihn keiner und Spiro als auch sein Kollege Bohlke laufen sich die Hacken wund, bis endlich ein Hinweis eintrifft, dass einer der Männer russisch gesprochen hat.  Derweil sucht Nike Fromm, Tochter aus reichem Hause, Medizinstudentin und große Liebe Ariels, seine Hilfe. Nikes Freund Anton Kraftschick ist spurlos verschwunden. Der junge SPDler hat mit russischen Anarchisten geliebäugelt.

Schon im ersten Teil der Reihe ist es der Autorin gelungen, ein bezauberndes Flair zu schaffen, getragen durch die verschiedenen Charaktere und deren unterschiedliche Blickwinkel. Auch diesmal öffnet die Autorin ein Füllhorn voller Charaktere, neben Ariel und Nike, die dem Leser Berlin in den Zwanzigern näher bringen. Gibt es zum einen die glamouröse Seite, die Reichen, die Schönen, die Jungen, die sich dem Lebensstil, der Freiheit und der Freizügigkeit hingeben, die Nächte durchtanzen, Absinth trinken und nicht an morgen denken, so gibt es auf der anderen Seite die Armen, die Älteren, die Nicht-so-gut-Betuchten, die jeden Tag um ihr Überleben kämpfen, die malochen, um ihre Familien zu ernähren und deren Kinder in entweder zu kleiner oder zu großer Kleidung durch die Stadt stromern.

Da ist zum Beispiel Fred, der mit seiner Bande durch die Stadt scharwenzelt und mehr sieht als die Erwachsenen sich vorstellen, und dann sind da die Kraftschicks, SPDler bis in die Zehenspitzen, deren Sohn Anton verschwindet, und dann ist da Bludau von der Sitte, der aber grad gar keine Lust auf seinen Dienst hat, sondern lieber um eine Dame buhlt. Und dann sind da Anton, Polina, Unterleuthner, Bohlke…. Es gibt doch einige Handlungsstränge. Diese tragen dazu bei, ein vielfältiges und eindrückliches Bild von Berlin zu zeichnen, doch tatsächlich waren es mir gerade anfangs zu viele. Der Kriminalfall rückt in der ersten Hälfte des Krimis fast in den Hintergrund, geschuldet den wenigen Spuren, aber eben auch dem umfassenden zeitgeschichtlichen Überblick, den die Autorin zeichnet. Ein wenig mehr Fokus auf Ariel und Nike hätte mir besser gefallen, vor allem, da es ein wenig so scheint, als wäre Nike an Antons Verschwinden kaum mehr interessiert, nachdem sie Ariel darauf angesetzt hat. Nichtsdestotrotz führt die Autorin alle Handlungsstränge am Ende zusammen, keiner ist unnötig und jeder erfüllt seinen Zweck.

Ariel Spiro selbst ist in diesem Band grüblerischer als im letzten. Er überdenkt seine Entscheidung, nach Berlin gekommen zu sein. Zu seinen Kollegen hat er kaum Kontakt, wird eher gemieden und einmal sogar allein ins offene Messer geschickt. Es wird ihm immer noch übel genommen, dass er als Außenstehender den Posten bekommen hat, anstelle eines anderen, der es sich innerhalb der eigenen Reihen verdient hat. Mit hinzu kommt, dass Ariel sich unsterblich in Nike verliebt hat, doch dadurch, dass er sie im Glauben gelassen hat, er wäre Jude, hat sich das Verhältnis der beiden abgekühlt und er stromert unglücklich durch den Park, in der Hoffnung Nike zufällig bei einem ihrer Ausritte zu sehen.

Zum Flair muss man nun wohl noch anmerken, dass es nun politischer wird. Im letzten Teil ist es (zumindest mir) noch nicht so aufgefallen, aber man merkt nun mehr und mehr Tendenzen hin zum Nationalsozialismus. SPDler, NSDAPler, Kommunisten und wie diese sich alle uneinig sind, als auch antisemitische Tendenzen, mit denen auch Ariel Spiro – kein Jude, aber mit jüdisch-klingendem Namen ausgestattet – umgehen muss. Gleichzeitig legt die Autorin den Fokus auf die russischen Flüchtlinge, die Berlin zu dieser Zeit bevölkerten. Nach der Oktoberrevolution sind es hunderttausende, die in Berlin eine vorübergehende Heimat gefunden habe, davon träumen ins vorherige Russland zurückzukehren oder darauf hoffen, bald ein neues Russland zu sehen. Trotzki, Machno und die Machnowschtschina, Bolschewiken und Anarchisten, die Autorin flicht diese doch komplizierten Themen ohne Probleme ein, für mich nicht unbekannt, aber trotzdem habe ich danach noch einiges nachgeschlagen, um mehr darüber zu erfahren. Nichtsdestotrotz muss man sagen, die Leichtigkeit und der Flair der goldenen Zwanziger sind noch vorhanden, doch die Themen werden ernster und man kann einen langsamen Wandel erkennen.

Fazit:
Auch wenn ich mir mehr Fokus auf den Ermittlungen gewünscht hätte, malt die Autorin wieder gekonnt ein eindrückliches Bild der Zwanziger Jahre und weiß mit Flair und zeitgeschichtlichen Details zu überzeugen, so dass die Lektüre des Krimis spannend-kurzweilig und ausdrücklich zu empfehlen ist.

3 Kommentare zu “Veränderung: Die schwarze Fee – Kerstin Ehmer

  1. Hallo Christina,

    ich mochte das erste Buch um Ariel Spiro sehr und freue mich zu sehen, dass es einen zweiten Band gibt. Ich mag es, wenn ein Kriminalfall mit dem täglichen Leben und dem Zeitgeist verknüpft wird, aber wenn er zu sehr in den Hintergrund tritt, dann schätze ich das genauso wenig wie Du. Allerdings finde ich die Einbindung der Politik wiederum spannend und das gleicht es wohl gut wieder aus, wenn der Kriminalfall ein bisschen aus dem Focus gerät.
    Ich hatte mir das Buch sowieso schon auf die Leseliste geschrieben und Deine Rezension sorgt dafür, dass es auf jeden Fall drauf bleibt und ich mich schon sehr darauf freue.
    LG Gabi

    • Hi Gabi,
      das Buch macht auf jeden Fall Spaß und sollte auf Deiner Leseliste bleiben. Der etwas verlorene Fokus auf den Ermittlungen, gerade am Anfang, ist mir zwar aufgefallen, aber wird, wie Du ja auch erwähnst, gut ausgeglichen. Die Geschichte ist spannend und liest sich sehr, sehr gut – wenn Dir Teil 1 gefallen hat, kannst Du mit dem zweiten auf keinen Fall einen Fehler machen!
      Viele Grüße,
      Christina

  2. Pingback: Challenges 2019 | Die dunklen Felle

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.