Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Terror, reloaded: American War – Omar El Akkad

Wie fängt man die Rezension zu einem Buch an, bei dem man sich schon beim Lesen gefragt hat, wie man das jemals seinen Lesern in nur wenigen Worten erklären, darstellen, anbieten soll? Wie kann man aufzeigen, welche Macht und welche Kraft dieses Buch inne hat? Zumal man unbedingt über das Buch reden möchte, aber es doch so viel gibt, was man nicht erwähnen darf – oder?
Die Darstellung einer pessimistischen, düsteren Zukunft  ist dem Autor nicht nur hervorragend gelungen, sondern er baut auch ganz nebenbei Handlungen, Gefühle, Entscheidungen ein, die im Hier und Jetzt genauso hätten getroffen werden können. Und man wünscht sich, dieses Buch einigen Menschen zukommen zu lassen. Damit sie lesen, lernen, daraus ihre Schlüsse ziehen. Und sich ändern.

Die Zukunft
Die USA im Jahre 2075 ist der Startpunkt der Geschichte, die sich über 20 Jahre und 4 Etappen verteilt, und um die zu Anfang noch sechsjährige Sara T. Chestnut, genannt Sarat, dreht. Diese lebt mit ihrer Familie am Ufer des Mississippimeeres, denn die Meere haben schon längst die Küstenstriche verschluckt, das Land ist heiß und trocken, kaum etwas wächst. Die USA ist nur noch eine ehemalige Weltmacht, hier schicken die Chinesen und das Bouazizi-Reich – ein Zusammenschluss ehemaliger Nordafrikastaaten – die Hilfspakete in die USA. Die Südstaaten – das MAG (Mississippi, Alabama, Georgia) – bestehen auf den Gebrauch von den letzten Ölreserven und spalten sich ab, als der Präsident ein Gesetz verabschiedet, welches den Gebrauch verbietet und alternative Quellen bevorzugt. Der Präsident wird ermordet, South Carolina als Quarantänegebiet nach einer Seuche abgeschottet, die USA zerfällt – unweigerlich folgt ein Bürgerkrieg, Nord gegen Süd. Technisch nicht mehr auf dem höchsten Stand, aber immerhin mit Vögeln, die Bomben abwerfen und biologischen Kampfstoffen.

Der Anfang
Sarat ist ein kleiner Wildfang, gesegnet mit einer hübschen, mädchenhaften Zwillingsschwester. Derweil Sarat durch die Gegend streift und alles untersucht, was die Welt zu bieten hat, pflegt Dana, ihre Schwester, sich und ihr Aussehen. Doch auch wenn das nach glücklicher Kindheit klingt, sind die Mädchen, gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, bald gezwungen zu fliehen, nachdem ihr Vater einem terroristischen Anschlag zum Opfer fiel. Sie landen in Camp Patience, an der Grenze zu den Nordstaaten. Hier trifft sie Albert Gaines, der nicht nur Süßigkeiten und Geld ins Flüchtlingslager bringt, sondern auch Geschichten, Wahrheiten und Lügen.

„Der Grund dafür, dass ich mich für den Süden entschieden habe, war der: Wenn ein Südstaatler dir erzählt, wofür er kämpft – ob Tradition, Stolz oder schiere Starrköpfigkeit -, dann kannst du ihm zustimmen oder kannst ablehnen, aber du kannst niemals sagen, dass er dich belügt. Wenn ein Nordstaatler dir sagt, wofür er kämpft, dann bekommst du Worte wie Demokratie oder Freiheit oder Gleichheit zu hören, Wote, von denen sie ebensogut wie du wissen, dass ihre Bedeutung von Tag zu Tag neu bestimmt wird, dass sie veränderlich sind wie das Wetter. Davon hatte ich die Nase voll. Wenn man zur Waffe greift, wenn man für etwas kämpft, dann soll man dazu stehen, man soll niemals seine Einstellung ändern. Ob recht oder falsch, man steht für seine Sache ein, und nie, niemals verrät man sie.“ (S. 189, Gaines)

Das Mädchen
Sarat wächst heran, wird ein Teenager, eine junge Frau. Unbeugsam, hart, mit Zielen und einer Meinung. Sie watet durch einen Fluss aus Scheiße, kümmert sich um eine Schildkröte, räubert durch die Böschung um das Lager. Sie kümmert sich um ihre Familie, besonders um ihre Schwester, so unterschiedlich die beiden sind. Müsste ich Sarat beschreiben, würde mir nur ein Wort einfallen: beeindruckend. Dieses kleine neugierige Mädchen, das zu einer gestandenen Frau heranwächst, ein Soldat für den Süden, eine Kämpferin für die Freiheit, eine Zierde für Albert Gaines Karriere.

Der gute Hirte
Beängstigend, fast schon zu realistisch, stellt sich dieser Blick in die Zukunft dar. Das Flüchtlingslager könnte genauso, nur eben vielleicht nicht in den USA, im Hier und Jetzt existieren. Die Parallelen sind mit den Händen greifbar: Der Gedanke von einem vorübergehenden Aufenthaltsort, den man nach Jahren noch bewohnt, dieses ewig Heimatlose, zusammengepfercht mit Hunderten, Tausenden von anderen Menschen. Die erwarteten Hilfspakete, die Langeweile und Nutzlosigkeit, die verlorenen Angehörigen, eine schier unerträgliche Situation.
Würden wir da nicht auch eine Albert Gaines ersehnen? Einen Mann, der so anders scheint als die anderen. Nicht hoffnungslos, doch bestimmt und überzeugt. Der das Lager mit essentiellen Dingen versorgt, aber eigene Ziele verfolgt. Eine Atmosphäre, die sich bildet, gesättigt von Hass, Zorn, Wut, Hilflosigkeit. Und mitten darin ein Mädchen, nun schon ein Teenager, welches nach einer Richtung, einer Wahrheit lechzt, eine Ausbildung bekommt.

„Für Sarat Chestnut war die Rechnung ganz einfach: Der Feind hatte ihren Leuten etwas angetan, und dafür würde sie nun dem Feind etwas antun. Anders ging es nicht, das wusste sie. Vergossenes Blut bleibt vergossen.“ (S. 269)

Die Ausbildung
Eine simple Rachegeschichte? Wohl kaum. Die Geschichte bereitet mir eine Gänsehaut, denn sie kann problemlos in unsere heutige Zeit transferiert werden. Ein Horrorszenario. Ausbildung, Indoktrination, Honigfallen – für den Kampf, für den Süden.
Dazwischen ein junges Mädchen, ein Tomboy, welches sich durchsetzt, seine Meinung vertritt, aber doch so sehr nach einer Vaterfigur schreit, nach Unterweisung, nach Wahrheit und einer Richtung. Jede Station in Sarats Leben treibt sie in diese Richtung: der frühe Verlust des Vaters, der Verlust der Heimat, die Flucht, das Flüchtlingscamp, die Jahre ohne Ziel und Heimat, der freundliche, wissende Gaines, die Vernichtung des Camps, die Rebellen…. Ein Weg, der vorbestimmt scheint und unaufhaltsam auf sein Ende zustrebt.

Zurück ins Heute
Dieses Buch habe ich als erstes für das Spezial gelesen und nun kommt es zufälligerweise erst am Ende zu Wort. Genauso lange hat aber auch die Geschichte in mir rumort. Es ist ein großartiger Roman, ein pessimistischer, aber realistischer Blick in die Zukunft. Und doch ist es so aktuell wie nur möglich. Die Welt in der wir leben, die Strukturen, in denen wir leben, geben Menschen wie Gaines das Handwerkszeug in die Hand, um junge Menschen zu beeinflussen, zu manipulieren, zu indoktrinieren. Religiöse oder kulturelle Gründe sind hier nur vorgeschoben – das Szenario lässt sich problemlos übertragen. Diese Aktualität in einer Geschichte, die in der Zukunft spielt, lässt einen schlucken. Das Buch hat mir mehr über heute erzählt und beigebracht, als ich es in einem zukünftigen Szenario je vermutet hätte.

Fazit:
Mit Sarat ist dem Autor eine der beeindruckendsten Charakterentwicklungen gelungen, die ich je gelesen habe. Beeindruckend, aber auch beängstigend. So wie auch sein Blick in die Zukunft, der sich an Aktualität nicht überbieten lässt. Ein außergewöhnliches Buch, ein kraftvolles Werk, ein kleines Meisterstück.

 


Weitere Meinungen:
Sabine Ibing auf ihrem Blog: „Eine Dystopie, die in der nahen Zukunft spielt, aber beim Lesen das Gefühl vermittelt, das alles hat mit unserem heutigen Leben zu tun, mit dem, was derzeit passiert, nur umgekehrt, und genau darum ging mir die Geschichte sehr nah.
Petra von Papier- und Tintenwelten: „Allein schon die Buchidee und das Setting in einem Amerika der Zukunft fand ich grandios und sie vermittelten mir ein Dystopie – Gefühl.“
Vanessa von Vanessas Bücherecke: „Ein Roman, der deutlich zum Nachdenken anregt.“
Samuel von Literatur denken: „Im besten Fall aber reiben wir uns in einigen Jahren die Augen, verwundert, wie wir und unsere nimmersatten kriselnden Hirne diesem Buch auf den Leim gehen konnten.“
Claudia von Claudias Bücherregal: „Es ist eine Mahnung an uns Menschen, dass unsere Handlungen die Zukunft entscheidend prägen werden und wir daher sorgfältig damit umgehen müssen.“


Bibliographie:
Omar El Akkad – American War
Verlag: S. Fischer
Übersetzung: Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
442 Seiten
ISBN: 978-3103973198


 


Ein Kommentar

Reblogged: Juli Zeh – Corpus Delicti. Ein Prozess — WortGestalt-BuchBlog

Das Ende naht – heute gibt es die vorletzte Rezension im gemeinsamen Blogspezial Dystopische Literatur. Philly von Wortgestalt-Buchblog hat sich Juli Zehs „Corpus Delicti“ angesehen und ist davon begeistert. Ich habe das Buch schon letztes Jahr gelesen und fand es ganz gut, kann aber Phillys totale Begeisterung voll und ganz nachvollziehen.

 

»Corpus Delicti« von Juli Zeh ist eigentlich ein Roman, über den ich reden und nicht schreiben möchte. Weil er eine ganze Ecke philosophischer Denkanstöße mit sich bringt. Und über philosophische Themen muss man reden. Da braucht man einen Dialog, keinen Monolog, auch wenn der Anschein ein anderer ist, bedenkt man all die philospohischen Schriften. Aber […]

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Die Quadratur des Kreises: Der Circle – Dave Eggers

Alt, älter, ich?
Ich glaub, ich bin alt. Zwar zähle ich immerhin erst 36 Jahre, aber trotzdem komme ich mir nun steinalt vor. Zugegeben – soziale Medien liegen mir nicht so. Ich bin bei Facebook zu finden, privat und auch mit meinem Blog, aber Twitter, Instagram und Co. sind nicht meins. Auch in meiner Firma gibt es interne soziale Medien – und ja, die find ich genauso, na, ich will nicht sagen nutzlos, aber definitiv überbewertet. Hin und wieder beschleicht mich das Gefühl, dass ich tatsächlich etwas verpasse, wenn ich nicht mindestens täglich einmal durch die Facebook-Meldungen scrolle, aber tatsächlich ist es so: das Leben geht einfach trotzdem weiter. Wer hätte das gedacht….

DER Kreis
Weitergedacht hat das Schriftsteller Dave Eggers mit seinem Roman „The Circle“ (im Übrigen finde ich die deutsch-englische Mischung im Titel, die auch konsequent im Roman durchgezogen wird, ziemlich albern, weder Fisch noch Fleisch, ich mach das jetzt mal konsequent anders). The Circle vereinigt bzw. löst nicht nur alle diese genannten sozialen Medien ab, sondern denkt diese konsequent weiter. The Circle ist nicht nur DAS angesagteste Unternehmen weltweit, sondern bietet für seine Mitarbeiter jeglichen Komfort: von alle möglichen Feiern und Vorträgen Prominenter und Berühmter, über jegliche Sport- und Freizeitmöglichkeiten bis hin zu Vereinsaktivitäten, Supermärkten, Testimonials, Wohnheimzimmer, und und und. Gewünscht ist nicht nur Teilnahme an allen möglichen Aktivitäten, sondern eben auch darüber zu „zingen“, also ein Foto und/oder einen Kommentar dazu zu posten, zu liken, kommentieren, teilen. The Circle ist höchst produktiv und innovativ, ständig werden Projekte ausgetüftelt und durchgeführt – alles zu einem Ziel und Zweck: so viele Informationen wie möglich allen zur Verfügung zu stellen. Egal was es kostet. Und damit meine ich nicht etwa Geld. Das scheint im Überfluss vorhanden zu sein.

Mae ist nicht unterzukriegen
Mae, die Progagonistin des Romans, ist Anfang zwanzig und steckt in einem festgefahrenen, altbackenen Job fest, als sie durch ihre frühere Collegefreundin eine Jobchance bei The Circle bekommt.  Mae ist begeistert. Von allem, was The Circle zu bieten hat, von allen Aufgaben, die sie erledigen muss, von jeglichem neuen Projekt. Klaglos lässt sie sich immer mehr aufladen, lächerliche Dinge, wie z. B. ein „Survey“ (bei uns hier auch einfach Meinungsumfrage genannt), bei dem sie ein Headset trägt, in das sie die Antworten zu 500 oder mehr Fragen pro Tag einflüstert. Neben ihrem normalen Job. Und der Aufgabe ihr internes Ranking zu verbessern – was nur dadurch gelingt im Inner und Outer Circle zu posten, zu kommentieren, zu liken. Hundertfach, tausendfach – täglich. Und hab ich schon von dem Kollegen erzählt, der beleidigt war, weil sie nicht zu seiner Portugal-Party gekommen ist? Schließlich war sie doch vor 5 Jahren mal in Portugal und er hatte ihr doch extra drei Nachrichten „gezingt“ – da hätte sie doch auf jeden Fall kommen müssen, oder?

Total abstrus
Die Ausmaße, welche die sozialen Medien in diesem Buch erreichen sind unerträglich. Oder ich bin einfach zu alt dazu. Jugendliche wachsen ja schon damit auf, vielleicht können diese sich mehr daran gewöhnen, aber auch bei Mae geht dieser permanente Druck, dieses ständige Gefühl, das etwas verpasst wurde und man online sein muss, nicht mehr weg, sie schläft schlecht. Dieser Dauerstress kann für kein menschliches Wesen dauerhaft auszuhalten sein – also kein Wunder, dass die Belegschaft von The Circle kaum über 35 Jahre ist. Abgesehen natürlich von den 3 Weisen, welche die Firma leiten. Na ja, auch da sind nicht alle über 35. Aber sei’s drum. Die Firma frisst Menschen – man muss sich permanent gut fühlen, teilnehmen, andere teilhaben lassen und alles öffentlich machen. Privatleben ade. Privatsphäre ade.

Gläsern
Dies geht im Roman soweit, dass Maes Lover sie heimlich beim Sex filmt und auch das darf der Öffentlichkeit natürlich nicht vorenthalten werden – ab in die The Circle Cloud. Eine Ahnenforschung treibt eine Mitarbeiterin in den Wahnsinn, denn woher hätte sie wissen sollen, dass alle Vorfahren Sklavenhalter waren? Mae selbst wird dazu zwangsrekrutiert (wobei Mae es natürlich toll findet), ständig eine kleine Kamera zu tragen, die alles überträgt, was sie sieht und hört. Jeder kann zusehen, Kommentare abgeben, liken, etc. Rund um die Uhr. Mae wird zum Spiegel nach außen und findet kein Ende. Einwände von ihrem früheren Freund oder auch ihren Eltern tut sie ab, später ignoriert sie sie nicht nur, sondern zwingt ihren früheren Freund sogar in die Öffentlichkeit. Mit tragischem Ausgang.

Der Masterplan
Der Plan von The Circle ist natürlich die totale Kontrolle über Informationen. Nichts soll privat bleiben, nichts soll geheim sein. Alle Informationen sollen offen gelegt werden. Dies spitzt sich soweit zu, dass über einen Pflichtaccount für alle wahlpflichtigen Bürger gesprochen wird, damit die Wahlbeteiligung zu 100% erreicht werden kann. Na klar – und das alles liegt dann in der Hand von The Circle. Betrug gibt es da bestimmt nicht. Ach was. Warum sollten sie die Meinung beeinflussen? Schließlich sind sie die Meinung, nicht? Die Zukunftsaussicht in dieser Geschichte stellt also eine totale Kontrolle durch einen Konzern dar – mit ganz vielen freiwilligen Helfern wie Mae, die mich hin und wieder verdächtig an einen Lemming erinnert hat.

Totale Kontrolle
Ganz genau kann man nicht herausfinden, ob der Roman in der Zukunft spielt, vielleicht wenige Jahre, aber der Autor könnte die fiktive Handlung auch in unser Hier und Jetzt gelegt haben. Weit sind wir nicht davon entfernt. Die Auswirkungen von der wachsenden Macht, dem sich immer weiter ausdehnenden Einfluss von The Circle, kann sich hier keiner erwehren – Politiker sind gezwungen sich mit Kameras, wie die von Mae, auszustatten, denn sie sind ja gewählte Volksvertreter und haben bestimmt nichts zu verbergen, oder? Das Bild, welches der Autor malt ist bestimmt erschreckend, aber ob es denn tatsächlich mal so weit kommt, sehe ich noch nicht. Auch ein Herr Trump, der Twitter als sein zweites Zuhause bezeichnet, wird bestimmt nicht rund um die Uhr eine Kamera tragen, um transparent zu sein. Aber klar, das Szenario ist erschreckend. Die totale Informationsfreiheit, die man mit der totalen Aufgabe seiner Privatsphäre bezahlt. Keine Verbrechen mehr (außer eben die, die The Circle selbst begeht und gut verschleiern kann), absolute Transparenz, aber eben auf Kosten der Freiheit, Privatsphäre – und letztendlich vielleicht auch des Lebens. Mal ganz zu schweigen von Familie und Freunden, denn Freunde sind nun Millionen, zwar nicht anonym aber eigentlich doch fremd.

Mae, oh Mae
Total nervig fand ich Mae, das kleine Schäfchen, das zu allem Ja und Amen sagt. Von allem begeistert ist und keine Widerworte äußert, damit sie ja bei The Circle bleiben kann. Denn da ist ja alles so toll. Wohlwollende Freunde und ihre Eltern dringen nicht zu ihr durch, sind nicht mehr wichtig oder werden von ihr regelrecht verdrängt. Der Showdown kostet dann auch einen Freund das Leben. Ständig habe ich darauf gewartet, dass sie Erleuchtung findet, dass sie die Fehler, die sie macht, sieht, dass sie auf Freunde und Eltern hört, doch alles vergebens. Sogar der Widerstand, der sich ganz leise in The Circle bildet und sie tatsächlich um Hilfe bittet, kann nicht zu ihr durchdringen, nein, sie verrät ihn sogar. Sie ist ein naives Dummchen und hat verdient, was sie nun kriegt.

Pro und Contra
War es nun eine Dystopie? Wenn, dann war es eine, die am wenigsten dystopisch ist. Dennoch hebe ich mir mein finales Fazit noch für den Abschlussbeitrag auf, aber ich bin mir nicht sicher, ob „The Circle“ in unserem Special tatsächlich gut aufgehoben war. Das Thema ist natürlich spannend und auch beängstigend – die Auswirkungen einer totalen Informationskontrolle durch einen Konzern sind bedrückend und erschreckend, keine Frage, aber auch irgendwie so offensichtlich präsentiert, dass jegliche Spannung fehlt. Mehr Spannung hätte es allerdings gegeben, wenn die Hauptfigur nicht so fürchterlich naiv und begeistert gewesen wäre. Ich denke mir ja immer, wenn man nichts mehr anderes kennt, ist es schwer aus dem Kreis (!), aus der Gesellschaft auszubrechen und Widerstand zu leisten. Doch dies ist hier eben auch gar nicht der Fall. Mae hat mehrere Chancen um wieder auf den richtigen Weg abzubiegen, aber sie steuert stur daran vorbei. Und wegen dieser fürchterlich vielen Begeisterung war die Lektüre auch einfach noch ein wenig langweiliger und dröger.

Fazit:
Ein Buch, welches in aller Munde war, dem ich aber nicht sehr viel abgewinnen konnte. Klar ist die Vorstellung von einer totalen Kontrolle aller Informationen durch einen Konzern erschreckend, aber die langweilig-naive und von allem begeisterte Mae hat mich genervt. Wo ist der Widerstand? Viva la revolution!

 


Meinungen von anderen Blogs:
Lillis Buchseite meint: „„Der Circle“ konnte mich fesseln, mich bestürzen, mich ängstigen. Das Buch bietet viel Raum zum Nachdenken und regt zur Selbstreflexion an.“
Herr Larbig findet: „So ein schlechter Roman. […] Nein, Dave Eggers „Der Circle“ ist eine Zumutung.“
Libriabella hingegen: „Warum bin ich so begeistert, wenn die Story eigentlich furchtbar banal, relativ trocken und vielleicht sogar langweilig klingt?“
Und Sharonbakerliest meint: „Allerdings, so toll, wie das Thema ist, hat der Autor es aber wirklich sehr langatmig erzählt. “
Und hier noch eine Meinung von einem meiner Lieblingsblogs, dem Reisswolfblog: „Sämtliche möglichen Schwachpunkte in diesen Bereichen sind aber in diesem Fall vor allem eines: Sie sind mir vollkommen egal! Denn die durchaus vorhandenen Unzulänglichkeiten von „Der Circle“ verblassen deutlich gegen den größten Pluspunkt des Buches, gegen die Story.“
Und noch einer meiner Lieblingsblogs, den ich schändlicherweise übersehen habe – hier kommt also Kaisus Meinung von life4books: „Alles in allem war ich dennoch sehr positiv überrascht von dem Buch und empfehle es daher auf jeden Fall!  […] und schraubt bitte eure Erwartungen nach unten! Das ist kein moralisches Werk mit berstender Tiefgängikeit und perfekten Charakteren!“


Bibliographie:
Dave Eggers – Der Circle
Verlag: KiWi
Übersetzung: Ulrike Wasel / Klaus Timmermann
558 Seiten
ISBN: 978-3462048544


 


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Reblogged: Margaret Atwood – Der Report der Magd — WortGestalt-BuchBlog

Heute gibt es ein wirklich grandioses Buch bei unserem gemeinsamen Blogspezial zu Dystopischer Literatur. Philly von WortGestalt-Buchblog hat sich „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood vorgenommen. Ein kleines Meisterwerk, doch Philly hat auch ein wenig Kritik zu bieten. Unbedingt reinschauen!

»Der Report der Magd« erzählt von einer Zukunft, in der ein totalitäres, religiös-fundamentalistisches Regime den Frauen sämtliche Rechte abgesprochen hat, in der atomare Verseuchung und Krankheiten zur Unfruchtbarkeit der Bevölkerung geführt haben und in der die noch fruchtbaren Frauen dazu verdammt sind zu gebären, für den Erhalt und den Aufbau der Republik Gilead.

über Margaret Atwood – Der Report der Magd — WortGestalt-BuchBlog


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Gewaltig: Die Straße – Cormac McCarthy

Ich glaube, es ist unvermeidlich. Die beiden Bücher „Die Straße“ von McCarthy aus dem Jahre 2006 und „Der aufrechte Mann“ von Longo von 2010 müssen unweigerlich einen Vergleich  nach sich ziehen. Natürlich sind die Bücher sich thematisch ähnlich doch auch der Rowohlt Verlag hat da mit seiner Covergestaltung nachgeholfen. Ich habe zuerst Longos Buch gelesen und jeder, mit dem ich darüber gesprochen habe, meinte, „Die Straße“ sei noch besser. Allerdings haben auch alle diese Leser die Bücher in der Reihenfolge gelesen – erst McCarthy, dann Longo. Ich hingegen hab ich mich zufälligerweise für die andere Reihenfolge entschieden. Ob das wohl der Grund ist, dass mir „Der aufrechte Mann“ noch einen Ticken besser gefallen hat?

Zerstört
Die Geschichte handelt von einem Mann und seinem Sohn. Beide ziehen durch ein zerstörtes Amerika Richtung Küste. Die Landschaft ist trist und grau, mit Asche bedeckt. Es fällt Schnee und Asche, es ist erbärmlich kalt. Alle Habseligkeiten haben sie einem Einkaufswagen dabei, außer den wichtigsten Sachen, die sie in einem Rucksack oder am Leib tragen. Der Mann trägt eine Pistole bei sich, mit noch zwei Kugeln, die übrig sind. Die Küste birgt eine diffuse Hoffnung: besseres Land, gute Menschen, saubere Luft. Doch es ist ungewiss, ob sich diese Hoffnung erfüllt. Oder ob sie dort überhaupt ankommen.

„Sie hungerten erbärmlich. Das Land war geplündert, kahl gefressen, verheert. Jeder Krume beraubt. Die Nächte waren entsetzlich kalt und sargschwarz, und die lange Spanne des Morgens hatte etwas fürchterlich Stilles. Wie die Dämmerung vor einer Schlacht. Die wächserne Haut des Jungen war fast durchscheinend. Mit seinen großen, starren Augen wirkte er wie ein außerirdisches Wesen.“ (S. 117)

Vater und Sohn
Das Land ist zerstört, warum das so ist, erfährt man nicht. So  manchen Leser mag das stören, doch das Buch reduziert sich einfach auf das Wichtigste. Die Vergangenheit ist nicht wichtig, es kommt nicht darauf aus, woher der Mann und der Junge kommen oder wohin sie gehen. Auch die Küste ist nur ein Wort, ein Hoffnungsschimmer, der allerdings nur sehr düster glimmt. Es ist ein postapokalyptisches Setting, ein Endzeitroman, doch die eigentliche Geschichte ist die des Mannes und des Jungen.

Literarisches Meisterwerk
Sprachlich leistet das Buch einiges, so fehlen dem Buch jegliche Kapitel, doch Absätze sind vorhanden. Es gibt viele Gespräche zwischen dem Mann und dem Jungen, doch diese sind – übereinstimmend mit dem Tenor des Buches – karg und kurz. Doch das vermindert nicht die  Eindrücklichkeit, es verdeutlicht nur noch die Intensivität des Buches. Denn das ist es – ein intensives, nachdrückliches Leseerlebnis. Ein Buch, über das man noch Tage nachdenkt, welches einen nicht loslässt.

„Es gibt noch andere Gute. Das hast du selbst gesagt.
Ja.
Und wo sind sie?
Sie verstecken sich.
Vor wem?
Voreinander.
Gibt es viele von ihnen?
Das wissen wir nicht.
Aber einige schon.
Einige. Ja.
Stimmt das?
Ja. Das stimmt.
Aber vielleicht stimmt es auch nicht.
Ich denke, es stimmt.
Okay.
Du glaubst mir nicht.
Doch, ich glaube dir.
Okay.
Ich glaube dir immer.
Das glaube ich nicht.
Doch, das tue ich. Das muss ich.“ (S. 164)

Die Hoffnung
Das Gute. Ist es verschwunden oder lässt es sich noch finden? Der Mann und der Junge scheinen die einzigen zu sein, die noch Werte und Moral aufrecht erhalten. Trotz aller schlechten Bedingungen, schwierigen Umstände und gefährlichen Begegnungen versucht der Mann seinem Sohn Werte mitzugeben, an das Gute im Menschen zu plädieren, ihn aber trotzdem vor den Gefahren zu beschützen und ihn auf ein Leben in dieser Welt vorzubereiten.. Der Zusammenhalt ist wichtig, die Familie, die Liebe zwischen Eltern und ihrem Kind. Doch das Gute scheint verschwunden, aus Verzweiflung, aus Hunger, aus Angst. So sind der Mann und der Junge selbst ein kleiner Hoffnungsschimmer in dieser düsteren, grauen Welt, die keine Zukunft zu haben scheint.

Zutiefst
Ein aufwühlendes, durchdringendes Leseerlebnis, welches der Autor dem Leser hier beschert. Verzweifelt und düster, aber auch erhaben und getragen. Die Vater-Sohn-Beziehung scheint in dieser zerstörten Welt die letze Bastion des Guten zu bilden und hinterlässt dadurch nachdrücklich eine Beklemmung. Eine düstere Geschichte, aber auch eine herzerweichende Geschichte, kein einfaches Buch, aber ein wichtiges Buch.
Und hätte ich eine Rezension zu „Der aufrechte Mann“ geschrieben, hätte diese so ähnlich gelautet. Bei mir sind beide Bücher so eindrücklich in Erinnerung, dass ich diese nur dringendst empfehlen kann. Seid gewarnt, die Lektüre ist nicht einfach, aber sehr, sehr lohnenswert.

Der Film
Die Verfilmung hält sich ziemlich getreu an das Buch, nur wenige Szenen wurden raus gekürzt. Dafür wurde viel Farbe weggelassen und der düsteren Stimmung Rechnung getragen, die wenigen Rückblicke wirken durch ihre Farbigkeit dann auch sehr gewaltig. Sie ist gut gelungen, die filmische Umsetzung und ergänzt die Lektüre. Tatsächlich konnte der Film vielfach widerspiegeln, was ich beim Lesen des Buches gefühlt habe, doch letztendlich war die Lektüre für mich noch intensiver. Nichtsdestotrotz ist die Verfilmung definitiv zu empfehlen.

 

Fazit:
Eine zerstörte Welt, in der diese innige Vater-Sohn-Beziehung glimmt wie der letzte Hoffnungsschimmer. Bildgewaltig, aufwühlend und emotional.

 


Andere Meinungen zum Buch:
Ralf von Der Lesemond: „Es hat mich fasziniert, mit wie wenig Farbe und wenigen Worten man so viel vermitteln kann.“
Petzi von Die Liebe zu den Büchern: „Ein berührendes und erschütterndes Buch, das den Leser nachdenklich und zum Teil auch traurig zurück lässt.“
Ma San von Ma San Blog: „Ein brillanter Endzeitroman von Amerikas größtem Pessimisten“
Nicole von Zeit für neue Genres: „Es ist eine düstere Geschichte, die mich wie ein Sog in ihren Bann gezogen hat. Emotional sehr berührend, beschäftigt sie mich im Nachhinein stark und nach dem Ende, konnte ich kaum einschlafen.“


Bibliographie:
Cormac McCarthy – Die Straße
Verlag: Rowohlt
Übersetzung: Nikolaus Stingl
253 Seiten
ISBN: 978-3499246005



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Reblogged: Alan Moore/David Lloyd – V wie Vendetta — WortGestalt-BuchBlog

Vielen dürfte „V wie Vendetta“ als Filmversion bekannt sein, doch wie so oft bildet ein Buch, diesmal eine Graphic Novel, die Grundlage. Alan Moore und David Lloyd schrieben und zeichneten den Terroristen mit der Guy-Fawkes-Maske, der es gegen ein totalitäres Regime der Zukunft aufnimmt. Und die alles entscheidende Frage ist, wie viel Gewalt ist für ein gutes Ziel gerechtfertigt?
Darum geht es heute in Phillys Rezension zu „V wie Vendetta“ auf ihrem Blog Wortgestalt-Buchblog im Rahmen unseres Blogspezials zu dystopischer Literatur.

Einigen, vielen oder gar den meisten dürfte »V wie Vendetta« durch seine gleichnamige Verfilmung aus dem Jahr 2005 ein Begriff sein. Natalie Portman mit kahlgeschorenem Schädel und der verrückt-poetische Terrorist mit der Guy-Fawkes-Maske sind mir seinerzeit lange im Gedächtnis geblieben. Die Comicvorlage von Alan Moore und David Lloyd kannte ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch […]

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Zwei plus Eins: Oryx und Crake – Margaret Atwood

Mit dem vorliegenenden Buch bin ich vor zwei Jahren schon mal grandios gescheitert. Nach 150 Seiten war für mich das Ende der Fahnenstange erreicht, es war mir zu abgedreht, das Ziel war mir nicht klar. Leider tendiere ich dazu, Bücher die ich abbreche nie wieder anzufangen oder gar auszulesen. Doch dieses Mal musste ich. Ich war mir erst unsicher, aber als ich es dann für das Blogspezial zur Dystopischen Literatur zugesagt hatte, hab ich es durchziehen müssen. Vielleicht hätte ich vor zwei Jahren aber auch einfach weiterlesen sollen, denn tatsächlich hat das Buch es dann doch nach einigen weiteren Seiten geschafft, mich in den Bann zu ziehen.

Nach der Pandemie
Zuerst lernt man Schneemensch kennen. Er lebt an der Küste und ist nur an zwei Dingen interessiert: Nahrung zu organisieren und darüber nachzudenken, wie es so weit kommen konnte. Denn Schneemensch lebt in einer Zukunft nach einer Pandemie, fast ganz allein, wären da nicht die Craker. Ein friedliches, aber auch reichlich seltsames Völkchen, genetisch perfekt, bis zum kleinsten I-Tüpfelchen an die Welt angepasst, gegen Hitze, gegen Krankheiten, gegen Unzufriedenheit, gegen Krieg. Genau so, wie Crake sie designt hat. Crake war Schneemenschs Freund, als dieser noch Jimmy hieß. Und dann gab es da noch dieses Mädchen, in das beide verliebt waren, Oryx.

Die Welt davor
Und so nach und nach entschlüsselt sich die Geschichte der drei Freunde, die schon früh in Jimmys Vergangenheit beginnt, als seine Mutter ihn und seinen Vater verlässt und ab diesem Zeitpunkt als Verräterin und Terroristin gesucht wird. Denn Jimmys Familie lebt in einem Konzernkomplex, seine Eltern arbeiten beide für OrganInc Farms, zumindest am Anfang der Geschichte. Nur die klügsten Köpfe dürfen in den Anlagen der Konzerne leben, der Rest der Menschheit lebt in Plebsland. Für Jimmy ein geheimnisvoller Ort, unter dem er sich so gar nichts vorstellen kann. Im Konzern hingegen ist das Leben geordnet und geregelt, abgesichert durch CorpSeCorps Mitarbeiter, aber natürlich auch patentrechtlich und finanziell wertvoll.

Zwei Freunde
Als Jimmy Crake kennenlernt und sich mit ihm befreundet verbringen sie ihre Zeit mit Computerspielen und Webshows. Die Industrie hat sich weiter in die befürchtete Richtung entwickelt: es gibt Pornografie jeder Art – hier begegnet ihnen im Übrigen Oryx zum ersten Mal – Hinrichtungen oder auch vermarktete Selbstmorde in Webshows oder Massaker und Völkerschlachten in Computerspielen. Derweil gehen die Forschungen der Erwachsenen in andere Richtungen: Tiere und Pflanzen werden gekreuzt und gezüchtet, um bestimmte Dinge zu verrichten oder Pflichten zu erfüllen. Von Organschweinen über Zinnenspiegen bis zu Hunölfen. Alles hat einen Zweck und Sinn und dient dem Fortschritt.

Zwei plus eins
Crake ist klug, nachdenklich und ja, auch fatalistische Züge lassen sich erkennen, derweil  Jimmy nach seiner Aufmerksamkeit lechzt und sich damit begnügt, in den Spielen besiegt zu werden. Er landet denn auch auf einer Kunstakademie, derweil Crake auf einer der besten Unis landet. Oryx, obwohl ständig präsent, taucht erst später auf, mit übler Vergangenheit und doch leichtlebig, vertrauensvoll, offen. Ein Trio infernale, welches das Rad des Schicksals unausweichlich in eine Richtung rollt. So richtig schließt sich einem wohl nur Jimmy ins Herz. Und das nicht nur aus dem Grund, dass die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt wird, sondern auch weil Crake einfach unnahbar wirkt, ein wenig überheblich und wie ein Kreuzritter. Im Nachhinein erscheint auch seine Entscheidung, Jimmy, Oryx und sich gegen die Pandemie zu impfen, inkonsequent und nicht nachvollziehbar. Auch Oryx kann nur schwer überzeugen, da man ihre spätere Unbekümmertheit nicht in Einklang mit ihrer schweren Kindheit bringen kann  – und wir reden hier von Verkauf von Kindern, Zwang zur Pornographie, Haussklaverei, was ich mit dem einfachen Begriff „schwer“ umfasst habe.

Große Erzählkunst
Auch wenn ich mich ein wenig in die Geschichte einfinden musste – und das liegt vermutlich daran, dass ich einfach zu viele Krimis lese und mit den doch sehr fantasiereichen Auswüchsen im Buch ein wenig zu hadern hatte – hat es mich letztendlich überzeugen können. Mandarf es einfach zugeben: Margaret Atwood ist ganz klar eine Künstlerin ihres Faches. Erzähltechnisch ist ihr auch hier ein großer Wurf gelungen. Und auch wenn ich gerade mit dem Anfang meine Schwierigkeiten gehabt habe, betrachte ich ihn im Nachhinein als sehr gelungen. Sie beginnt in der „neuen“ Welt, einer uns unbekannten Welt und es gilt nicht nur, diese kennenzulernen, sondern eben auch herauszufinden, wie die neue Welt entstanden ist. Dies gelingt ihr durch den nachdenklichen Jimmy, der immer wieder überlegt, ob er nicht hätte etwas ändern können, ob es dann nicht anders gekommen wäre. So begibt man sich mit ihm in die Vergangenheit und durch sein Leben. In langen Kapiteln, aber auch in kurzen Gedankengängen.

Zu Tode geforscht
Die großen Themen, die Ms. Atwood aus dem Hut zaubert, sind nicht unbekannt. Eine Pandemie ist ein Szenario, welches schon viele Schriftsteller beackert haben. Und doch hat die Autorin auch Neues zu bieten, manchmal etwas versteckt, doch immer sehr pointiert und ironisch. So streift man mit ihr durch allerlei gezüchtetes Getier, welches dann als Kassenschlager oder Ladenhüter endet, isst Hühnerbrüste, die noch nie ein Huhn gesehen haben und ganz viel Soja. Genforschung und Biotechnik sind ihre Themen und sie stellt ganz offen die Frage, wie viele maßgeschneiderte Pflanzen, Tiere, Menschen diese Welt verträgt. Ob die Welt denn noch die Welt ist, wenn der Mensch alle Krankheiten besiegt hat, wenn er unsterblich ist, wenn er den Tod besiegt. Wenn die Menschheit nicht mehr Mensch ist, sondern all ihrer Menschlichkeit beraubt wurde. Doch schon jetzt gibt es im Buch mehr als genug Menschen, zu viele Menschen für die vorhandene Nahrung, Klimakatastrophen und Missernten, Dürren und Hungersnöte. Und das sind nur die Naturkatastrophen, von den menschlichen ganz zu schweigen. Doch auf die geht die Autorin nur wenig ein, so lebt Jimmy in seiner Zeit weitestgehend von Plebsland, von den „normalen“ Menschen, abgetrennt, in einer besseren Welt. Und die Konzerne beschäftigen Leute wie ihn, die mit markanten Sprüchen ihre Produkte – ob nun neue Haut oder besseres Leben – an den Mann bringen wollen, um jeden Preis. Und dafür wird geforscht bis zum Tod.

Fazit:
Eine höchst kritische Sicht auf die Zukunft der Forschung verpackt die Autorin in eine erzählend packende Geschichte, die allerdings ein wenig Anlauf benötigt. Dies mag allerdings verständlich sein, so ist dies doch erst der erste Teil der Maddaddam Trilogie.

 


Weitere Meinungen zum Buch:
Katha vom Blog Buntes Tintenfässchen / Svenjas Bookchallenge: “ Das Gegenwärtige geschehen wirft mehr Fragen als Antworten auf und kann nur entschlüsselt werden, wenn man die Vergangenheit kennt, die jedoch nur puzzleteilartig aufgelöst wird. Das macht es zu einem zunächst verwirrenden, aber faszinierenden Leseerlebnis.“
Nicole vom Blog Zeit für neue Genres: „Margaret Atwood spielt mit den verschiedenen Erzählsträngen, hält den Leser mit gerade so viel Informationen an der Stange, dass man nicht ganz orientierungslos davon treibt und vereint die Fragmente letztendlich leise zu einem ausgefallenen, doch bestürzenden, Trilogie-Auftakt, der einem sofort nach dem 2. Band greifen lässt.“
Eva vom Blog Thelostartofkeepingsecrets: „Margaret Atwood, von der ich bisher nur „A Handmaid’s Tale“ kenne, da ich den Roman im Englischunterricht lesen musste, hat mit „Oryx und Crake“ eine spannende und unheimliche Dystopie geschrieben, in der Oryx, die wichtigste Frau des Geschehens, als ewige Projektionsfläche der Männerfantasien herhalten muss und nicht nur deshalb an Wedekinds „Lulu“ erinnert.“


Bibliographie:
Margaret Atwood – Oryx und Crake
Verlag: Berlin Verlag
Übersetzung: Barbara Lüdemann
379 Seiten
ISBN: 978-3833309632


 


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Reblogged: Philip K. Dick – Der dunkle Schirm — WortGestalt-BuchBlog

Der heutige Beitrag des gemeinsamen Blogspezials zu dystopischer Literatur befasst sich mit Philip K. Dicks „Der dunkle Schirm“. In Phillys Beitrag auf WortGestalt-BuchBlog findet ihr nicht nur die Rezension zum Buch, sondern ähnlich wie ich diese Frage vorgestern in meiner Rezension zu „Clockwork Orange“ aufgeworfen habe, auch die Frage: was ist eigentlich Dystopie? Umso mehr wir durch die Bücher unseres Blogspezials wandern, umso mehr hinterfragen wir die Genreeinordnung. Bitte gerne mitdiskutieren!

 

Es ist gar nicht so einfach, meine Eindrücke zu Philip K. Dicks Roman »Der dunkle Schirm« mit Worten zu fixieren. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich den Roman in all seiner Tiefe durchdrungen habe. Im Zweifel ist die Antwort ein klares Nein. Ich denke, mir fehlte ein Gesamtgefühl für die Thematik, die Zeit […]

über Philip K. Dick – Der dunkle Schirm — WortGestalt-BuchBlog


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Abgefahren: Clockwork Orange – Anthony Burgess

„Clockwork Orange“ war ein Buch, welches ich mir extra für das Dystopie-Special gekauft habe, denn die meisten anderen Bücher befanden sich schon in meinem Regal. Zwar war mir Clockwork Orange ein Begriff, aber ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung, worum sich die Geschichte drehte und schon gar nicht, dass es einen dystopischen Charakter hat. Um schon mal ein wenig vorzugreifen, bin ich mir bei diesem Buch auch ehrlich gesagt unsicher, ob ich es dort jetzt noch einordnen kann.

Alex und seine Droogs
Veröffentlicht wurde das Buch 1962 und soll sich ungefähr 40 Jahre später abspielen. Alex ist zumindest in weiten Teilen ein Jugendlicher, wie man ihn sich vorstellt: keine Lust auf Schule oder Arbeit, dafür wird lange geschlafen und nachts zieht Alex, gemeinsam mit seinen Droogs (= Freunden), um die Häuser, quatscht Unsinn, trinkt, nimmt Drogen. Doch die Gewaltbereitschaft von Alex und seinen Droogs ist wesentlich höher als beim „normalen“ Jugendlichen und so schaffen es die Jungs in einer Nacht mehrere Straftaten zu begehen: Überfall, Einbruch, Diebstahl, Vergewaltigung, Mord.

„,Man fühlt sich richtig dobbi, nach so was‘“ (S. 23)

NADSAT
So weit, so gut, doch allerdings ist es nicht so einfach, überhaupt so weit zu lesen und den ersten Teil, der insgesamt drei, aus denen das Buch besteht, zu schaffen. Der Grund dafür ist die von den Jugendlichen genutzte Ausdrucksweise, welche NADSAT genannt wird. Diese bedient sich hauptsächlich aus dem Russischen und so steht NADSAT für Teenager / Jugendliche  – die Zahlen 11 bis 19 im Russischen enden anscheinend auf -nadsat, was man dem umfangreichen und auch reichlich nötigem Glossar entnehmen kann. Am Anfang habe ich wirklich oft in dem Glossar geblättert, klar, irgendwann wiederholen sich die Wörter, aber anfangs gab es Sätze, diehabe ich ohne das Glossar gar nicht verstanden. Sehr umständlich, tatsächlich hätte ich mir in diesem Buch – wenn auch ungewöhnlich außerhalb der Fachliteratur – Fußnoten gewünscht. Aber irgendwann wird das genaue Wort auch nicht mehr so wichtig, wenn man den Sinn erkennt und so wurde das Nachschlagen – zum Glück – weniger. Die Jugendlichen mischen das NADSAT mit einer antiquierten Sprechweise, die äußerst höflich klingt und somit eine sehr seltsame Kombination bildet.
Ein kleiner Rat noch am Rande – wer die gleiche Version wie ich besitzt, sollte auf das Vorwort verzichten, es sei denn, er möchte die Handlung schon komplett in Kurzform erklärt bekommen.

„Unsere Taschen waren voll Deng, und unter dem Gesichtspunkt, noch mehr Strom zu krasten, wäre es nicht wirklich nötig gewesen, irgendeinen alten Veck in einer Seitenstraße zu toltschocken und ihn in seinem Blut schwimmen zu sehen, während wir die Einnahmen zählten und durch vier teilten, oder bei irgendeiner zitternden, grauhaarigen Titsa in einem Laden das Ultrabrutale zu machen und smeckend mit den Innereien der Geldschublade abzuziehen. Aber, wie es heißt, Geld ist nicht alles.“ (S. 15-16)

Aktualität
Autoren von Dystopien greifen oft aktuelle Themen auf und entwickeln diese weiter, überlegen sich wie dieses Thema sich in der Zukunft verhalten könnte. Und man kann recht klar sagen, dass Burgess zutiefst besorgt über die Entwicklung der Jugendlichen seiner Zeit war und eine weitere Verrohung und Ungehorsamkeit voraussah. Damit liegt er wohl mit allen Erwachsenen, allen Eltern jeder Generation in Einklang, denn Kinder und Jugendliche loten ihre Grenzen aus, egal in welcher Generation oder in welchem Land. Nichtsdestotrotz hat Burgess mit seiner Vision der Jugend in der Zukunft nicht ganz danebengelegen. Immerhin gibt es schon Gegenden auf die es zutrifft, dass man sich dort abends nicht mehr hin trauen kann, schon gar nicht alleine. Auch die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen hat zugenommen. Die eindrücklichste Szene, die mir hierbei in den Kopf springt, sind die Jugendlichen oder jungen Männer, die ohne jeglichen Grund eine Frau die Treppe hinunter schubsen. Sind wir also dort angekommen, wo Burgess uns sieht? Sind unsere Jugendlichen diejenigen, die eigentlich die Kontrolle haben und uns Erwachsene mit Angst und Gewalt beherrschen? Ganz soweit mag es nun noch nicht gekommen sein, doch die Hemmschwelle liegt definitiv niedriger als sie es früher war.

Die Lösung?
Mit Besorgnis hat Burgess dies wohl betrachtet und versucht eine Lösung zu finden. Dabei stellt er eine zutiefst philosophische Frage: ist es besser das Gute zu erzwingen oder die Entscheidung für das Gute, welche nur freiwillig getroffen werden kann? Im Buch landet Alex im Gefängnis und wird für die „Ludovico“ Methode ausgewählt, eine Konditionierung, die ihm zukünftig Schmerzen zufügen soll, wenn er daran denkt, Gewalt auszuüben. Die Konditionierung ist nichts anderes als Folter, die Alex aber tatsächlich „heilt“, nicht nur von Gewalt, sondern auch von einer seiner wenigen guten Seiten, seiner Liebe zu klassischer Musik.

„Menschliche Güte ist etwas, für das man sich entscheidet, das man für sich selber wählt. Wenn ein Mensch nicht mehr wählen kann, dann hört er auf, Mensch zu sein.“ (S. 105)

Böse bleibt böse – oder?
Das Experiment – wie sollte es auch anders sein – misslingt, so dass sich eben die Frage stellen lässt. Kann jemand von Grund auf böse sein? Kann er zum Guten konditioniert werden?  Kann das Böse geheilt werden? Und wenn das Böse geheilt wird, wenn jemand gut ist – geht er dann nicht unter? Wenn der Rest der Gesellschaft doch immer noch böse ist. Burgess reißt tatsächlich im letzten Kapitel das Ruder komplett herum und deutet an, dass Jugendliche aus dieser Bösartigkeit auch herauswachsen können.

Meisterwerk
Abschließend muss ich mir nun schon die Frage stellen, ob Burgess „Clockwork Orange“ denn nun tatsächlich in die Kategorie Dystopie gehört. Schwierig zu beantworten, denn noch bin ich nicht soweit, mein komplettes Fazit aus dem Spezial zu ziehen, doch bisher ist es wohl das Buch, welches ich am wenigsten dazu zählen würde und doch…. Na ja, ich brauch noch ein wenig für mein Fazit. Leider muss ich aber auch sagen, dass es das Buch war, welches mir am wenigsten Spaß gemacht hat. Es war schwierig zu lesen und auch recht philosophisch. Das letzte Kapitel lässt einen dann ratlos zurück, denn so ganz mag ich der urplötzlich auftauchenden Vernunft nicht trauen.
Wer mag kann sich hier übrigens die Verfilmung ansehen, von Kubrick, einem Meister seines Faches. Mir hat ein kleiner Ausschnitt, den ich mir angesehen habe, allerdings gereicht. Mehr muss nicht sein.

Fazit:
Nicht ganz einfache Lektüre mit philosophischem Hintergrund, die mich leider die Haare raufen ließ. Das Glossar ist unverzichtbar, um überhaupt Alex zu verstehen. Doch Verständnis oder gar Sympathie kann man dem Jugendlichen tatsächlich nur wenig entgegenbringen. Zusammenfassend kann man es wohl unter einen Begriff: abgefahren!

 


Weitere Meinungen zum Buch:
Marc auf Lesenmachtglücklich: „Lässt man sich darauf ein, bekommt man ein Stück literarisches Zeitzeugnis geboten und gehört definitiv zu den Büchern, die man zumindest in Ansätzen gelesen haben sollte.“
Jari auf Jaris Büchergebrabbel: „„Clockwork Orange“ ist eine Grenzerfahrung.“
Eva auf Thelostartofkeepingsecrets: „Burgess ist eine fesselnde Dystopie gelungen, in der die Gewalt des Staates gegenüber dem Individuum thematisiert wird.“


Bibliographie:
Anthony Burgess – Clockwork Orange
Verlag: Heyne
Übersetzung: Walter Brumm, neu überarbeitet von Erik Simon
Vorwort von Tom Shippey (übersetzt von Erik Simon)
236 Seiten (inkl. Vorwort und Glossar)
ISBN: 978-3453164130


 


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Reblogged: Ray Bradbury – Fahrenheit 451 – WortGestalt-BuchBlog

Warum Philly heute aus der Reihe tanzt, erfahrt Ihr in ihrer Rezension zu Ray Bradbury’s „Fahrenheit 451“, dem nächsten Meilenstein in userem gemeinsamen Blogspezial zu Dystopischer Literatur. Hier geht es heute nicht nur thematisch um die Medien Buch und Film, sondern auch Philly hat sich hier passenderweise beiden zugewendet.

»Fahrenheit 451« gehört zu den populärsten Werken im Bereich der dystopischen Literatur. Und doch vermochte es mich nicht so zu begeistern, wie man es angesichts seines Stellenwertes erwarten könnte. Ich fand den Roman keineswegs unanregend, im Gegenteil, inhaltlich hat er es mir sehr angetan. Nur das Erzählerische, die Umsetzung der ansich sehr großartigen Grundidee, damit […]

über Ray Bradbury – Fahrenheit 451 — WortGestalt-BuchBlog