Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Drei, drei, drei: Blau ist die Nacht – Eoin McNamee

10 Kommentare

Selten hat ein Buch mich soviel Überwindung gekostet wie dieses hier. Schon ein wahrer Kraftakt war es, das Buch überhaupt anzufangen, so ist es mit mir auf Urlaub und auf Geschäftsreise geflogen und immer wieder ungelesen mit zurückgekommen. Dann wurde es angefangen und nach wenigen Seiten beiseite gelegt. Und nochmal. Und nochmal. Doch wer jetzt denkt, da hätte ich schon lange aufgegeben, kennt mich schlecht. Schließlich kann man nicht von vornherein sagen, ob ein Buch gut oder schlecht ist, wenn man es nicht bis zum Ende gelesen hat. Manche Bücher dauern einfach ein bisschen, manche werden erst nach hundert oder gar mehr Seiten gut und man fühlt sich wohl. Manche Bücher schaffen das gar nicht. Wie ist es mir also letztendlich mit „Blau ist die Nacht“ ergangen?

Dreiteiler

Der vorliegende Krimi ist der dritte und letzte Teil einer Trilogie um den Attorney General Lancelot Curran. Die beiden ersten Teile, „Blue Tango“ und „Requiem“ habe ich nicht gelesen, doch nach den Klappentexten zu urteilen, drehen sich alle drei Teile um drei Ereignisse, wobei jeder Teil sich eines herauspickt und die anderen beiden Ereignisse nur touchiert. Im Falle von „Blau ist die Nacht“ liegt der Hauptaugenmerk auf dem Mord an Mary McGowan und die darauffolgende Verhandlung gegen den Mörder Robert Taylor. Obwohl die Beweislage eindeutig ist, erhält die Verhandlung eine politische Dimension in der augeheizten Atmosphäre Nordirlands. Die katholische Mary McGowan, ermordet vom protestantischen Robert Taylor. Ein Pulverfass. Curran will Tayler hängen sehen und hat alle Beweise und Indizien auf seiner Seite – die politische Unruhe ignoriert er. Für ihn, eine Spielernatur, ist es eine Herausforderung, einerseits den Prozess zu gewinnen und andererseits seine Karriere voranzutreiben. Doch da ist ja noch sein Adjütant Harry Ferguson, der im Hintergrund die Strippen zieht, auch wenn er entgegen Currans Wünschen agiert.

„Es gibt solche Chancen und solche, Mr. Curran. Sie haben mir hier ein übles Blatt ausgegeben.“
„Es kommt nicht auf das Blatt an, Harry. Es kommt darauf an, wie man spielt.“ (S. 22)

Hin und Her

Dass ich das Buch anfangs immer wieder angefangen und weggelegt habe, lag vermutlich daran, dass der Autor hier ziemlich wild zwischen drei Zeiten hin und her springt. Zum einen 1949, zu der Zeit als Robert Taylors Verhandlung statt findet und auch der Hauptteil der Geschichte sich abspielt. Zum anderen ins Jahr 1952, dem Jahr in dem Patricia, die Tochter von Lance Curran, ermordet wird und dafür Iain Hay Gordon verurteilt wird, dessen Unschuld erst Jahrzehnte später bewiesen wird und sodann wieder auf freien Fuß gesetzt wird, derweil der Mord an Patricia noch heute ungelöst ist. Und zum anderen das Jahr 1961, in dem ein ähnlich gelagerter Fall wie von Patricia von Lance Curran verhandelt wird und der dort Angeklagte der letzte ist, der in Nordirland vom Galgen baumelte. Gleichzeitig folgt man hier Harry Ferguson, der Doris Curran, Patricias Mutter, in der Irrenanstalt besucht und versucht, ihr die genauen Geschehnisse vom Abend des Mordes an ihrer Tochter zu entlocken.

Versteckt, im Hintergrund

In weiten Teilen ist der Krimi ein Justizkrimi, die Verhandlung von Robert Taylor steht ganz klar im Vordergrund. Ankläger und Verteidigung fahren Zeugen auf, legen Indizien vor, verhören den Angeklagten. Von den Besucherhängen beurteilt Ferguson gemeinsam mit Patricia, die dafür die Schule schwänzt, die Verhandlung, kritisiert, deutet an und erklärt. Seine Machenschaften hinter den Kulissen hält er geheim. Auch die Spannung des Konflikts zwischen Katholiken und Protestanten scheint immer präsent, aber nie zu knistern. Wie es sich wohl auch für einen Justizkrimi gehört, bleibt der Autor auch hier recht trocken und pragmatisch, ein Pulverfass, vor dem jeder Angst zu haben scheint, das aber nie explodiert.

„Weiter muss ich meine Sache nicht begründen“, sagte Curran. „Die Verhöre haben die Anklage bestätigt. Die Geschworenen sind verpflichtet, alle Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Die Folgen eines Schuldspruchs dürfen bei der Entscheidungsfindung keine Rolle spielen. Die Sache ist eindeutig.“ (S. 163)

Cutbush war’s

Eine gruselige Komponente erhält die Geschichte durch Doris Curran. Als Tochter des Direktors einer Irrenanstalt, war sie ständig von Geisteskranken umgeben, bevor sie Lance Curran heiratete. Einer der Insassen war Thomas Cutbush, einer derjenigen, die damals im Verdacht standen Jack the Ripper zu sein – auch Doris ist ihm begegnet. Eine Freundin hat sie sich gewünscht, als sie ihre Tochter bekam, doch Patricia entwickelt sich ganz anders. Es gibt Reibereien, Patricia gilt als flatterhaft. Nach Patricias Ermordung wird Doris selbst in eine Irrenanstalt eingewiesen. Hier treten zwei weitere Persönlichkeiten zutage, Lucy, ihr altes Kindermädchen, aber auch der „Dreiste Jack“, Thomas Cutbush.

„Aber Doris fiel auf nichts davon herein. Sie hatte eine Hand auf die Schere im Frisiertisch gelegt. Hörte nackte Füße hinter sich durch das Zimmer tappen. Die Nackenhaare stellten sich ihr auf. Wie sie sich heranschlichen. Diese verstohlenen Schritte. Jeder schäkert gern mit Thomas Cutbush. Alle Mädchen mögen Tom.“ (S. 95)

Geheimnishüter

Vielleicht muss man die komplette Trilogie kennen, um das Buch entsprechend würdigen zu können, doch ganz leicht macht es einem weder der Autor noch der deutsche Buchmarkt. Zwischen den Büchern ist einige Zeit verstrichen und auch der Verlag hat gewechselt, so allerdings muss man eigentlich annehmen, dass man das Buch unabhängig von den anderen Teilen lesen kann. Trotzdem habe ich immer auf die Auflösung von Patricia Cullans Ermordung gewartet, denn diese hat bei mir das größte Interesse geweckt. Vielleicht weil man das Mädchen kennenlernt, die Familie, die Currans, die alle irgendein Geheimnis zu hüten scheinen. Letztendlich bietet der Autor den Hauch einer möglichen Auflösung, doch natürlich weiß man, dass dieser wahre Mordfall nie gelöst wurde. Die Currans werden also weiter ihre Geheimnisse hüten.

Fazit:
Ein Gerichtskrimi, der es aber nicht nur mit einem, sondern gleich drei realen Fällen aufnimmt, während im Hintergrund der Konflikt zwischen Katholiken und Protestanen brodelt. Obwohl ich ein großer Fan des Noir bin und hier ein schönes Beispiel dafür vorliegt, konnte mich der Krimi einfach nicht packen. Schade.

 



Eoin McNamee – Blau ist die Nacht
Verlag: dtv
Übersetzer: Gregor Runge
265 Seiten
ISBN: 978-3423261111

Trilogie:
1. Blue Tango (nur noch antiquarisch zu erhalten)
2. Requiem
3. Blau ist die Nacht

Autorenspecial bei dtv

 


Weitere Stimmen:
Gunnar bei Kaliber.17 meint: „‚Blau ist die Nacht‘ hat mich ungemein fasziniert. McNamee spinnt ein enges Netz zwischen den Figuren, verbindet mühelos zwei reale Fälle zu einer fiktiven, intensiven Geschichte. Es ist oberflächlich ein Whodunnit, die Suche nach dem Mörder von Patricia Curran. Aber gleichzeitig ein hintergründiger Noir über eine korrupte Justiz, gesellschaftliche und familiäre Abgründe und verschiedene Facetten der Psychose. Für mich eines der Highlights in diesem Jahr.“


 

10 Kommentare zu “Drei, drei, drei: Blau ist die Nacht – Eoin McNamee

  1. Schade, dass es dich nicht gepackt. Und danke für das Zitat aus meiner Rezension.
    Der Roman hat mich auch gefordert, ein wenig eigen ist er schon. Dennoch haben mir gerade die Sprünge zwischen Fakten, Fiktion und Psychose letztlich sehr gefallen.

    • Wegen Dir und Deiner Rezension hab ich auch nicht aufgegeben – ich dachte mir, wenn Gunnar das gut findet, dann muss ich es auf jeden Fall zu Ende lesen. Und ja, es konnte mich zwar nicht ganz packen, aber umso lieber hab ich noch auf Deine Rezi verwiesen, denn auch wenn das Buch jetzt unterschiedlich bei uns ankam, ist es immer noch um Längen besser als so viele andere Krimis auf dem Markt…

  2. Pingback: Reblogged | Eoin McNamee - Blau ist die Nacht

  3. Pingback: Blog-Spezial »Irische/nordirische Kriminalliteratur« gemeinsam mit »Die dunklen Felle«

  4. Auch hier war ich ja besonders neugierig auf deine Einschätzung, der Roman liegt ja auch noch bei mir. Und ich überlege jetzt ernsthaft, ob ich mich dann nicht lieber erstmal nach den anderen beiden Teilen umsehe. Andererseits war Gunnar ja voller Lob. Spannend, spannend, dass der Roman so unterschiedlich bei euch ankam. Aber auch nach den Erfahrungen in letzter Zeit tendiere ich dann doch zur Suche nach dem ersten Band.

    • Manchmal macht es wirklich Sinn, erst mit dem ersten Band anzufangen – bei einer Trilogie, die miteinander verflochten ist, wie hier, vielleicht sogar noch mehr. Ich habe dann nur bei ein paar Reihen das Gefühl, dass ich ewig hinterher hinke, weil ich eben mit Teil 1 angefangen habe, aber noch lange nicht beim aktuellen Buch angelangt bin… Schorlau, Buchholz, Devi, Parker, Block… alles Reihen, die ich von Anfang an begonnen habe, aber jetzt noch lange nicht beim Ende angekommen bin.
      Trotzdem glaube ich, dass es hier Sinn macht. Und bei Gunnar kam der Krimi ja sehr gut an und nur weil er mich einzelne nun nicht packen konnte, sollte Dich das nicht von der Lektüre abhalten. Er war ja nun nicht schlecht, sondern nur nicht meins.

      • Ja, nein, das sowieso nicht, also vom Lesen abhalten. Wenn ich einen Roman lesen will, will ich ihn lesen. :D Aber ich fand deine Besprechung jetzt sehr hilfreich, weil ich den Eindruck habe, ich könnte hier mit der richtigen Reihenfolge glücklicher werden.

        Ich verstehe gut, was du meinst, all die Reihen und nie ist man auf dem neuesten Stand. Aber ach, was soll der Stress. 🙃 Ommmm. 😁

  5. Pingback: Blog-Spezial Irische und Nordirische Kriminalliteratur – gemeinsam mit Wortgestalt | Die dunklen Felle

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