Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Zwei plus Eins: Oryx und Crake – Margaret Atwood

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Mit dem vorliegenenden Buch bin ich vor zwei Jahren schon mal grandios gescheitert. Nach 150 Seiten war für mich das Ende der Fahnenstange erreicht, es war mir zu abgedreht, das Ziel war mir nicht klar. Leider tendiere ich dazu, Bücher die ich abbreche nie wieder anzufangen oder gar auszulesen. Doch dieses Mal musste ich. Ich war mir erst unsicher, aber als ich es dann für das Blogspezial zur Dystopischen Literatur zugesagt hatte, hab ich es durchziehen müssen. Vielleicht hätte ich vor zwei Jahren aber auch einfach weiterlesen sollen, denn tatsächlich hat das Buch es dann doch nach einigen weiteren Seiten geschafft, mich in den Bann zu ziehen.

Nach der Pandemie
Zuerst lernt man Schneemensch kennen. Er lebt an der Küste und ist nur an zwei Dingen interessiert: Nahrung zu organisieren und darüber nachzudenken, wie es so weit kommen konnte. Denn Schneemensch lebt in einer Zukunft nach einer Pandemie, fast ganz allein, wären da nicht die Craker. Ein friedliches, aber auch reichlich seltsames Völkchen, genetisch perfekt, bis zum kleinsten I-Tüpfelchen an die Welt angepasst, gegen Hitze, gegen Krankheiten, gegen Unzufriedenheit, gegen Krieg. Genau so, wie Crake sie designt hat. Crake war Schneemenschs Freund, als dieser noch Jimmy hieß. Und dann gab es da noch dieses Mädchen, in das beide verliebt waren, Oryx.

Die Welt davor
Und so nach und nach entschlüsselt sich die Geschichte der drei Freunde, die schon früh in Jimmys Vergangenheit beginnt, als seine Mutter ihn und seinen Vater verlässt und ab diesem Zeitpunkt als Verräterin und Terroristin gesucht wird. Denn Jimmys Familie lebt in einem Konzernkomplex, seine Eltern arbeiten beide für OrganInc Farms, zumindest am Anfang der Geschichte. Nur die klügsten Köpfe dürfen in den Anlagen der Konzerne leben, der Rest der Menschheit lebt in Plebsland. Für Jimmy ein geheimnisvoller Ort, unter dem er sich so gar nichts vorstellen kann. Im Konzern hingegen ist das Leben geordnet und geregelt, abgesichert durch CorpSeCorps Mitarbeiter, aber natürlich auch patentrechtlich und finanziell wertvoll.

Zwei Freunde
Als Jimmy Crake kennenlernt und sich mit ihm befreundet verbringen sie ihre Zeit mit Computerspielen und Webshows. Die Industrie hat sich weiter in die befürchtete Richtung entwickelt: es gibt Pornografie jeder Art – hier begegnet ihnen im Übrigen Oryx zum ersten Mal – Hinrichtungen oder auch vermarktete Selbstmorde in Webshows oder Massaker und Völkerschlachten in Computerspielen. Derweil gehen die Forschungen der Erwachsenen in andere Richtungen: Tiere und Pflanzen werden gekreuzt und gezüchtet, um bestimmte Dinge zu verrichten oder Pflichten zu erfüllen. Von Organschweinen über Zinnenspiegen bis zu Hunölfen. Alles hat einen Zweck und Sinn und dient dem Fortschritt.

Zwei plus eins
Crake ist klug, nachdenklich und ja, auch fatalistische Züge lassen sich erkennen, derweil  Jimmy nach seiner Aufmerksamkeit lechzt und sich damit begnügt, in den Spielen besiegt zu werden. Er landet denn auch auf einer Kunstakademie, derweil Crake auf einer der besten Unis landet. Oryx, obwohl ständig präsent, taucht erst später auf, mit übler Vergangenheit und doch leichtlebig, vertrauensvoll, offen. Ein Trio infernale, welches das Rad des Schicksals unausweichlich in eine Richtung rollt. So richtig schließt sich einem wohl nur Jimmy ins Herz. Und das nicht nur aus dem Grund, dass die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt wird, sondern auch weil Crake einfach unnahbar wirkt, ein wenig überheblich und wie ein Kreuzritter. Im Nachhinein erscheint auch seine Entscheidung, Jimmy, Oryx und sich gegen die Pandemie zu impfen, inkonsequent und nicht nachvollziehbar. Auch Oryx kann nur schwer überzeugen, da man ihre spätere Unbekümmertheit nicht in Einklang mit ihrer schweren Kindheit bringen kann  – und wir reden hier von Verkauf von Kindern, Zwang zur Pornographie, Haussklaverei, was ich mit dem einfachen Begriff „schwer“ umfasst habe.

Große Erzählkunst
Auch wenn ich mich ein wenig in die Geschichte einfinden musste – und das liegt vermutlich daran, dass ich einfach zu viele Krimis lese und mit den doch sehr fantasiereichen Auswüchsen im Buch ein wenig zu hadern hatte – hat es mich letztendlich überzeugen können. Mandarf es einfach zugeben: Margaret Atwood ist ganz klar eine Künstlerin ihres Faches. Erzähltechnisch ist ihr auch hier ein großer Wurf gelungen. Und auch wenn ich gerade mit dem Anfang meine Schwierigkeiten gehabt habe, betrachte ich ihn im Nachhinein als sehr gelungen. Sie beginnt in der „neuen“ Welt, einer uns unbekannten Welt und es gilt nicht nur, diese kennenzulernen, sondern eben auch herauszufinden, wie die neue Welt entstanden ist. Dies gelingt ihr durch den nachdenklichen Jimmy, der immer wieder überlegt, ob er nicht hätte etwas ändern können, ob es dann nicht anders gekommen wäre. So begibt man sich mit ihm in die Vergangenheit und durch sein Leben. In langen Kapiteln, aber auch in kurzen Gedankengängen.

Zu Tode geforscht
Die großen Themen, die Ms. Atwood aus dem Hut zaubert, sind nicht unbekannt. Eine Pandemie ist ein Szenario, welches schon viele Schriftsteller beackert haben. Und doch hat die Autorin auch Neues zu bieten, manchmal etwas versteckt, doch immer sehr pointiert und ironisch. So streift man mit ihr durch allerlei gezüchtetes Getier, welches dann als Kassenschlager oder Ladenhüter endet, isst Hühnerbrüste, die noch nie ein Huhn gesehen haben und ganz viel Soja. Genforschung und Biotechnik sind ihre Themen und sie stellt ganz offen die Frage, wie viele maßgeschneiderte Pflanzen, Tiere, Menschen diese Welt verträgt. Ob die Welt denn noch die Welt ist, wenn der Mensch alle Krankheiten besiegt hat, wenn er unsterblich ist, wenn er den Tod besiegt. Wenn die Menschheit nicht mehr Mensch ist, sondern all ihrer Menschlichkeit beraubt wurde. Doch schon jetzt gibt es im Buch mehr als genug Menschen, zu viele Menschen für die vorhandene Nahrung, Klimakatastrophen und Missernten, Dürren und Hungersnöte. Und das sind nur die Naturkatastrophen, von den menschlichen ganz zu schweigen. Doch auf die geht die Autorin nur wenig ein, so lebt Jimmy in seiner Zeit weitestgehend von Plebsland, von den „normalen“ Menschen, abgetrennt, in einer besseren Welt. Und die Konzerne beschäftigen Leute wie ihn, die mit markanten Sprüchen ihre Produkte – ob nun neue Haut oder besseres Leben – an den Mann bringen wollen, um jeden Preis. Und dafür wird geforscht bis zum Tod.

Fazit:
Eine höchst kritische Sicht auf die Zukunft der Forschung verpackt die Autorin in eine erzählend packende Geschichte, die allerdings ein wenig Anlauf benötigt. Dies mag allerdings verständlich sein, so ist dies doch erst der erste Teil der Maddaddam Trilogie.

 


Weitere Meinungen zum Buch:
Katha vom Blog Buntes Tintenfässchen / Svenjas Bookchallenge: “ Das Gegenwärtige geschehen wirft mehr Fragen als Antworten auf und kann nur entschlüsselt werden, wenn man die Vergangenheit kennt, die jedoch nur puzzleteilartig aufgelöst wird. Das macht es zu einem zunächst verwirrenden, aber faszinierenden Leseerlebnis.“
Nicole vom Blog Zeit für neue Genres: „Margaret Atwood spielt mit den verschiedenen Erzählsträngen, hält den Leser mit gerade so viel Informationen an der Stange, dass man nicht ganz orientierungslos davon treibt und vereint die Fragmente letztendlich leise zu einem ausgefallenen, doch bestürzenden, Trilogie-Auftakt, der einem sofort nach dem 2. Band greifen lässt.“
Eva vom Blog Thelostartofkeepingsecrets: „Margaret Atwood, von der ich bisher nur „A Handmaid’s Tale“ kenne, da ich den Roman im Englischunterricht lesen musste, hat mit „Oryx und Crake“ eine spannende und unheimliche Dystopie geschrieben, in der Oryx, die wichtigste Frau des Geschehens, als ewige Projektionsfläche der Männerfantasien herhalten muss und nicht nur deshalb an Wedekinds „Lulu“ erinnert.“


Bibliographie:
Margaret Atwood – Oryx und Crake
Verlag: Berlin Verlag
Übersetzung: Barbara Lüdemann
379 Seiten
ISBN: 978-3833309632


 

12 Kommentare zu “Zwei plus Eins: Oryx und Crake – Margaret Atwood

  1. Pingback: Das Blog-Spezial »Dystopische Literatur« gemeinsam mit »Die dunklen Felle«

  2. Pingback: Reblogged | Margaret Atwood - Oryx und Crake

  3. Jetzt musste ich bei Oryx und Crake und Jimmy an Winslows „Zeit des Zorns“ denken mit Ben und Cho und O. :D An dieser Stelle wäre ein albernes Emoji genau richtig.

    Aber zurück zum Thema. Mit etwas zu langsamen Einstiegen habe ich ja auch gerne so meine Schwierigkeiten, insofern verstehe ich dein Abbrechen gut und finde es umso spannender, zu lesen, wie es dir beim zweiten Anlauf erging. Die Trilogie steht bei mir ja auch noch auf der Leseliste, gerade nachdem mir beim Report der Magd … nee, da greife ich jetzt mal nicht vor, da können wir dann nächste Woche drüber quatschen, wenn die Besprechung zum Report dran ist. :D

    Die teilweise sehr fantasiereichen Auswüchse, die du beschreibst, erinnern mich an mein Leseerlebnis mit „Borne“ von Jeff VanderMeer, auch ein postapokalyptischer Science-Fiction-Roman, in dem Wesen und Mutationen beschrieben wurde, bei denen ich mich wirklich anstrengend musste, mir die überhaupt vorzustellen. Daher glaube ich, ich kann gut nachvollziehen, wie es dir an dieser Stelle erging.

    Ich bin auf jeden Fall gespannt auf die Reihe und werde mir den ersten Band hier bei meiner nächsten Buchladenrunde mitnehmen.

    • Ich hab ja mit Dreiecksbeziehungen in Büchern so meine Schwierigkeiten, aber tatsächlich ist es mir diesmal nicht so schwer gefallen – da waren die fantasiereichen Auswüchse schon eher das Problem. Aber ich find das auch gut – auch wenn es schwerfällt – ist es ein Ausbruch aus dem normalen Genre, aus dem üblichen Schema, zumindest für mich, und damit auch gut so.

      Leider muss ich jetzt bald schon Teil 2 und 3 lesen – Michael hat das wärmstens empfohlen, dass nicht auf die lange Bank zu schieben, damit man die Ereignisse aus Band 1 nicht vergisst. Ich fürchte allerdings, ein wenig warten muss es noch – denn es lechzt mich jetzt doch dann mal wieder nach einem Krimi. :-)

      • Das kann ich gut nachvollziehen, Dreiecksbeziehungen in Romanen finde ich auch zumeist nicht sonderlich spannend, es gibt nicht so wahnsinnig viele Möglichkeiten, damit überraschende Wendungen zu erzeugen. Oft bleibt es dann bei soapigen Klischees.

        Ja, obwohl ich noch ganz begeistert einige Anti-Utopien verschlinge, dürstet es mich auch schon nach einem richtig schönen Hardboiledkrimi. :D Die Abwechslung hat in jeder Hinsicht viel Positives.

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  5. Durch deine kritische Rezension gelangte das Buch sogleich auf meine WL. Ich lese ja allgemein auch gerne Fantasy, aber hier darf es ruhig etwas düster, brutal und kämpferisch zugehen. In diesem Genre ist es schwierig Neues zu entdecken oder zumindest neue Ansätze die noch nie da waren.
    Also vielen Dank für die tolle und vor allem ehrliche Rezension.

    Liebe Grüße aus Wien
    Conny

    • Immer gerne. Ich lese tatsächlich eher wenig Fantasy – eigentlich ist die Harry Dresden Reihe die große Ausnahme – aber in Science Fiction schnuppere ich gerne rein. Da wird es ja manchmal auch phantastisch. Aber zugegeben tue ich mich damit manchmal schwer, weil es einfach nicht mein Stammgenre ist. Ich hoffe also, es passt auch für dich, wobei man mit Margaret Atwood, glaube ich, nicht so viel falsch machen kann.
      Liebe Grüße,
      Christina

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