Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Terror, reloaded: American War – Omar El Akkad

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Wie fängt man die Rezension zu einem Buch an, bei dem man sich schon beim Lesen gefragt hat, wie man das jemals seinen Lesern in nur wenigen Worten erklären, darstellen, anbieten soll? Wie kann man aufzeigen, welche Macht und welche Kraft dieses Buch inne hat? Zumal man unbedingt über das Buch reden möchte, aber es doch so viel gibt, was man nicht erwähnen darf – oder?
Die Darstellung einer pessimistischen, düsteren Zukunft  ist dem Autor nicht nur hervorragend gelungen, sondern er baut auch ganz nebenbei Handlungen, Gefühle, Entscheidungen ein, die im Hier und Jetzt genauso hätten getroffen werden können. Und man wünscht sich, dieses Buch einigen Menschen zukommen zu lassen. Damit sie lesen, lernen, daraus ihre Schlüsse ziehen. Und sich ändern.

Die Zukunft
Die USA im Jahre 2075 ist der Startpunkt der Geschichte, die sich über 20 Jahre und 4 Etappen verteilt, und um die zu Anfang noch sechsjährige Sara T. Chestnut, genannt Sarat, dreht. Diese lebt mit ihrer Familie am Ufer des Mississippimeeres, denn die Meere haben schon längst die Küstenstriche verschluckt, das Land ist heiß und trocken, kaum etwas wächst. Die USA ist nur noch eine ehemalige Weltmacht, hier schicken die Chinesen und das Bouazizi-Reich – ein Zusammenschluss ehemaliger Nordafrikastaaten – die Hilfspakete in die USA. Die Südstaaten – das MAG (Mississippi, Alabama, Georgia) – bestehen auf den Gebrauch von den letzten Ölreserven und spalten sich ab, als der Präsident ein Gesetz verabschiedet, welches den Gebrauch verbietet und alternative Quellen bevorzugt. Der Präsident wird ermordet, South Carolina als Quarantänegebiet nach einer Seuche abgeschottet, die USA zerfällt – unweigerlich folgt ein Bürgerkrieg, Nord gegen Süd. Technisch nicht mehr auf dem höchsten Stand, aber immerhin mit Vögeln, die Bomben abwerfen und biologischen Kampfstoffen.

Der Anfang
Sarat ist ein kleiner Wildfang, gesegnet mit einer hübschen, mädchenhaften Zwillingsschwester. Derweil Sarat durch die Gegend streift und alles untersucht, was die Welt zu bieten hat, pflegt Dana, ihre Schwester, sich und ihr Aussehen. Doch auch wenn das nach glücklicher Kindheit klingt, sind die Mädchen, gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder, bald gezwungen zu fliehen, nachdem ihr Vater einem terroristischen Anschlag zum Opfer fiel. Sie landen in Camp Patience, an der Grenze zu den Nordstaaten. Hier trifft sie Albert Gaines, der nicht nur Süßigkeiten und Geld ins Flüchtlingslager bringt, sondern auch Geschichten, Wahrheiten und Lügen.

„Der Grund dafür, dass ich mich für den Süden entschieden habe, war der: Wenn ein Südstaatler dir erzählt, wofür er kämpft – ob Tradition, Stolz oder schiere Starrköpfigkeit -, dann kannst du ihm zustimmen oder kannst ablehnen, aber du kannst niemals sagen, dass er dich belügt. Wenn ein Nordstaatler dir sagt, wofür er kämpft, dann bekommst du Worte wie Demokratie oder Freiheit oder Gleichheit zu hören, Wote, von denen sie ebensogut wie du wissen, dass ihre Bedeutung von Tag zu Tag neu bestimmt wird, dass sie veränderlich sind wie das Wetter. Davon hatte ich die Nase voll. Wenn man zur Waffe greift, wenn man für etwas kämpft, dann soll man dazu stehen, man soll niemals seine Einstellung ändern. Ob recht oder falsch, man steht für seine Sache ein, und nie, niemals verrät man sie.“ (S. 189, Gaines)

Das Mädchen
Sarat wächst heran, wird ein Teenager, eine junge Frau. Unbeugsam, hart, mit Zielen und einer Meinung. Sie watet durch einen Fluss aus Scheiße, kümmert sich um eine Schildkröte, räubert durch die Böschung um das Lager. Sie kümmert sich um ihre Familie, besonders um ihre Schwester, so unterschiedlich die beiden sind. Müsste ich Sarat beschreiben, würde mir nur ein Wort einfallen: beeindruckend. Dieses kleine neugierige Mädchen, das zu einer gestandenen Frau heranwächst, ein Soldat für den Süden, eine Kämpferin für die Freiheit, eine Zierde für Albert Gaines Karriere.

Der gute Hirte
Beängstigend, fast schon zu realistisch, stellt sich dieser Blick in die Zukunft dar. Das Flüchtlingslager könnte genauso, nur eben vielleicht nicht in den USA, im Hier und Jetzt existieren. Die Parallelen sind mit den Händen greifbar: Der Gedanke von einem vorübergehenden Aufenthaltsort, den man nach Jahren noch bewohnt, dieses ewig Heimatlose, zusammengepfercht mit Hunderten, Tausenden von anderen Menschen. Die erwarteten Hilfspakete, die Langeweile und Nutzlosigkeit, die verlorenen Angehörigen, eine schier unerträgliche Situation.
Würden wir da nicht auch eine Albert Gaines ersehnen? Einen Mann, der so anders scheint als die anderen. Nicht hoffnungslos, doch bestimmt und überzeugt. Der das Lager mit essentiellen Dingen versorgt, aber eigene Ziele verfolgt. Eine Atmosphäre, die sich bildet, gesättigt von Hass, Zorn, Wut, Hilflosigkeit. Und mitten darin ein Mädchen, nun schon ein Teenager, welches nach einer Richtung, einer Wahrheit lechzt, eine Ausbildung bekommt.

„Für Sarat Chestnut war die Rechnung ganz einfach: Der Feind hatte ihren Leuten etwas angetan, und dafür würde sie nun dem Feind etwas antun. Anders ging es nicht, das wusste sie. Vergossenes Blut bleibt vergossen.“ (S. 269)

Die Ausbildung
Eine simple Rachegeschichte? Wohl kaum. Die Geschichte bereitet mir eine Gänsehaut, denn sie kann problemlos in unsere heutige Zeit transferiert werden. Ein Horrorszenario. Ausbildung, Indoktrination, Honigfallen – für den Kampf, für den Süden.
Dazwischen ein junges Mädchen, ein Tomboy, welches sich durchsetzt, seine Meinung vertritt, aber doch so sehr nach einer Vaterfigur schreit, nach Unterweisung, nach Wahrheit und einer Richtung. Jede Station in Sarats Leben treibt sie in diese Richtung: der frühe Verlust des Vaters, der Verlust der Heimat, die Flucht, das Flüchtlingscamp, die Jahre ohne Ziel und Heimat, der freundliche, wissende Gaines, die Vernichtung des Camps, die Rebellen…. Ein Weg, der vorbestimmt scheint und unaufhaltsam auf sein Ende zustrebt.

Zurück ins Heute
Dieses Buch habe ich als erstes für das Spezial gelesen und nun kommt es zufälligerweise erst am Ende zu Wort. Genauso lange hat aber auch die Geschichte in mir rumort. Es ist ein großartiger Roman, ein pessimistischer, aber realistischer Blick in die Zukunft. Und doch ist es so aktuell wie nur möglich. Die Welt in der wir leben, die Strukturen, in denen wir leben, geben Menschen wie Gaines das Handwerkszeug in die Hand, um junge Menschen zu beeinflussen, zu manipulieren, zu indoktrinieren. Religiöse oder kulturelle Gründe sind hier nur vorgeschoben – das Szenario lässt sich problemlos übertragen. Diese Aktualität in einer Geschichte, die in der Zukunft spielt, lässt einen schlucken. Das Buch hat mir mehr über heute erzählt und beigebracht, als ich es in einem zukünftigen Szenario je vermutet hätte.

Fazit:
Mit Sarat ist dem Autor eine der beeindruckendsten Charakterentwicklungen gelungen, die ich je gelesen habe. Beeindruckend, aber auch beängstigend. So wie auch sein Blick in die Zukunft, der sich an Aktualität nicht überbieten lässt. Ein außergewöhnliches Buch, ein kraftvolles Werk, ein kleines Meisterstück.

 


Weitere Meinungen:
Sabine Ibing auf ihrem Blog: „Eine Dystopie, die in der nahen Zukunft spielt, aber beim Lesen das Gefühl vermittelt, das alles hat mit unserem heutigen Leben zu tun, mit dem, was derzeit passiert, nur umgekehrt, und genau darum ging mir die Geschichte sehr nah.
Petra von Papier- und Tintenwelten: „Allein schon die Buchidee und das Setting in einem Amerika der Zukunft fand ich grandios und sie vermittelten mir ein Dystopie – Gefühl.“
Vanessa von Vanessas Bücherecke: „Ein Roman, der deutlich zum Nachdenken anregt.“
Samuel von Literatur denken: „Im besten Fall aber reiben wir uns in einigen Jahren die Augen, verwundert, wie wir und unsere nimmersatten kriselnden Hirne diesem Buch auf den Leim gehen konnten.“
Claudia von Claudias Bücherregal: „Es ist eine Mahnung an uns Menschen, dass unsere Handlungen die Zukunft entscheidend prägen werden und wir daher sorgfältig damit umgehen müssen.“


Bibliographie:
Omar El Akkad – American War
Verlag: S. Fischer
Übersetzung: Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
442 Seiten
ISBN: 978-3103973198


 

15 Kommentare zu “Terror, reloaded: American War – Omar El Akkad

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  3. „Das Buch hat mir mehr über heute erzählt und beigebracht, als ich es in einem zukünftigen Szenario je vermutet hätte.“ Was für ein schöner Satz! Überhaupt macht deine Besprechung so vorfreudig auf den Roman, hätte ich ihn nicht schon auf meiner Leseliste, ich würde ihn sofort notieren, man merkt dir hier deutlich an, was die Geschichte alles mitbringt. Sehr cool, das ist klasse, dass wir durch Zufall am Ende beide nochmal so ein richtiges Highlight hier zum Vorstellen hatten! :D Ich werde mich jetzt noch bis zum Sommer mit „American War“ gedulden, da kommt nämlich schon erstaunlich zügig das Taschenbuch heraus.

    • Ich bin froh, dass Du das sagst. Bei Büchern, die mich so richtig begeistern fällt es mir doch oft schwer diese zu formulieren. Dabei möchte ich unbedingt mehr Leser für diese Bücher gewinnen. Vermutlich tue ich mich deshalb schwer.
      Das Buch ist zwar aus 2017, aber schon fast wieder alt – wirklich erschreckend, wie schnell dann die Taschenbuchausgaben folgen. Wobei ich meist auch davon profitiere – ich kaufe nämlich lieber Taschenbücher, schon allein wegen meines Geldbeutels, der doch oft arg im Buchladen leiden muss. Aber auf diese Taschenbuchausgabe darfst Du Dich richtig, richtig freuen. Ein tolles Buch!

      • Das kenne ich gut, so geht es mir auch immer. :) Und dann will man ja mehr bieten als nur Jubel und Euphorie, und aufzeigen, was alles in dem Roman steckt. Aber oft ist bestimmt genau diese ehrliche Begeisterung das, was die anderen dann spüren und das spricht ja oft auch für einen Roman.

        Ich war auch total überrascht, dass in diesem Fall schon so kurzfristig die Taschenbuchausgabe folgt, was mich natürlich auch gefreut hat, ich bin ja zum einen sowieso ein Fan der weichen Bücher und zum anderen ist wie du schon ganz richtig sagst, der Geldbeutel über jedes Taschenbuch froh.

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  5. Klingt extrem spannend! Dieses Buch kannte ich vorher noch gar nicht, aber jetzt wandert es gleich mal auf meine Leseliste :)

  6. Habe jetzt nach deiner begeisterten Rezi auch die von ‚Literatur denken‘ gelesen. Sehr spannend, wie die Meinungen auseinander gehen können. Ich bin noch nicht sicher, ob ich es lese, habe es aber schon mal in der Merkliste.

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