Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Die Kunst des Hotdogs: Der Sonnenschirm des Terroristen – Iori Fujiwara

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Man muss es einfach immer wieder erwähnen: kleine Verlage lassen mein Herz aufgehen. Mit welchem Herzblut die Verleger*innen und Mitarbeiter*innen Schätze ausgraben und gegen jede Widerstände veröffentlichen. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Engagement, Leidenschaft und Einsatz bis fast zur Selbstaufgabe. Ähnlich wie der Litradukt Verlag von Peter Trier, der sich der karibischen/haitianischen Literatur widmet, ist hier nun der Cass Verlag vertreten, der sich der japanischen Literatur verschrieben hat. Hier hab ich nicht nur dieses Jahr “Dein Schatten ist ein Montag” für mich entdeckt, sondern nun auch “Der Sonnenschirm des Terroristen”. Konnte mich der erstere mit seiner humorigen Art überzeugen, ist der letztere ein ganz anders Kaliber, aber genauso gelungen und nur zu empfehlen. Aber fangen wir von vorne an.

Keisuke Shimamura ist funktionierender Alkoholiker. Wenn schönes Wetter ist, beginnt er den Tag mit einer Flasche, die er mit kleinen Schlückchen leert, in einem Park in Shinjuku, um dann abends die Bar zu öffnen und den wenigen Gästen Alkohol auszuschenken und Hotdogs zu servieren. Diese Routine rächt sich eines Tages, als nur unweit von seinem Stammplatz entfernt, eine Bombe hochgeht. Chaos, Verletzte, Tote. Shimamura macht sich auf die Suche nach einem kleinen Mädchen, welches ihn zuvor angesprochen hat, und kümmert sich darum, dass es medizinisch versorgt wird, doch dadurch hat er seine Kappe und die Flasche liegen lassen. Schon bald sucht die Polizei ihn, denn Shimamura ist nicht Shimamura und wird verdächtigt, da seine Fingerabdrücke zu einem Anschlag in den 70er Jahren passen. Shimamura bleibt also nichts anderes übrig als zu fliehen und die Terroristen selbst zu suchen.

Shimamura findet sich in einer klassischen Situation des Kriminalromans wieder: er ist der Hauptverdächtige, obwohl er das Verbrechen nicht begangen hat, und versucht, durch das Auffinden des eigentlichen Verbrechers, seine Unschuld zu beweisen. So weit, so gut. Er bekommt Hilfe, allerdings von unerwarteter Seite. Zum einen ist da Toko, die Tochter von Yuko Endo. Shimamura kennt Yuko aus Uni-Zeiten, genauso wie Kuwano. Alle drei haben damals Romanistik studiert und sich an den Studentenprotesten der 60er Jahre beteiligt. Yuko Endo stirbt bei dem Terroranschlag. Ein Grund, warum sich die Polizei noch mehr auf Shimamura als Täter konzentriert, andererseits findet so aber auch Toko zu ihm. Sie hilft Shimamura, auch wenn sie kaum etwas tun kann, doch letztendlich kommt der lösende Hinweis von ihr.

Die zweite Hilfe kommt von ganz unerwarteter Seite, denn das ist Shiro Asai, ein ehemaliger Polizist, der nun als Yakuza im Casino- und Geldeintreibergeschäft unterwegs ist. Warum der Yakuza in Shimamuras Bar auftaucht, löst sich erst am Ende, doch die Verbindung ist überraschend und klärt vieles nachträglich auf. Jedenfalls ist es fast schon Glück, dass der Yakuza Shimamura noch in der Bar trifft, denn kurz darauf gibt er diese auf und begibt sich auf eine Suche quer durch Tokio. Anstatt zu warten, bis die Polizei ihn schnappt, tritt er die Flucht nach vorn an. Die Bahn ist hierbei sein bevorzugtes Mittel und Shimamura fährt immer wieder kreuz und quer durch die Stadt, eben dahin wo die Hinweise ihn hintreiben, so dass man ein gutes Bild von Tokio bekommt. Er hat Kontakte zur Presse, aber auch zu der Obdachlosenszene, er weiß wo er ansetzen muss und kann trotzdem im Hintergrund bleiben.

Hinter Shimamura steckt sowieso mehr als man auf den ersten Blick denkt. Ich vermute, es passiert häufig, dass man Menschen, die einer bestimmten Gruppe zugehören, abstempelt. Doch jeder hat eine Vergangenheit, keiner hat als Obdachloser, Alkoholiker oder Drogenabhängiger angefangen. Und so ist es auch bei Shimamura, der eigentlich Shunsuke Kikuchi heißt. Seine Vergangenheit, und wie es zu dieser Situation gekommen ist, dass er sich einen anderen Namen zugelegt hat und quasi verschwunden ist, wird in Rückblenden betrachtet.

Shimamura war in den 60ern an den Studentenunruhen in Japan beteiligt. Linke Studenten demonstrierten gegen den Vietnamkrieg, gegen die Einmischung der US-Regierung, aber auch gegen die Umweltverschmutzung. Sie besetzten Häuser und wurden von konservativen Gruppen belagert und lieferten sich Kämpfe. Als sich die Unruhen dann abkühlen, beginnt Shimamura eine erfolgversprechende Karriere als Boxer, doch bevor es wirklich dazu kommt, geschieht das Bombenattentat, bei welchem er zufällig anwesend ist und welches ihm dann mit angelastet wird. Dies ist der Grund, warum Shimamura untertaucht, seine beginnende Profiboxer-Karriere sausen lassen muss und nach und nach dem Alkohol verfällt.

Shimamura ist Alkoholiker, schon ganz leicht zu erkennen an seinem Zittern, wenn er nicht einen gewissen alkoholischen Pegel erreicht, aber auch funktionierender Alkoholiker. Er ist nicht dumm, weiß sich zu wehren, aber auch wo seine Grenzen sind. Die Ermittlungen sind unaufgeregt und gelassen, trotzdem durchweg spannend und interessant. Es gibt literarisch eindrucksvolle Passagen oder Sätze, doch auch Action muss man hier nicht vergeblich suchen. Ich bin quasi durch das Buch geflogen und bin nun fast traurig.

Wissen muss man nämlich, dass der Krimi schon einige Jahre auf dem Buckel hat – was man ihm allerdings nicht anmerkt – doch der Autor mittlerweile schon verstorben ist. Er hat allerdings noch einige andere Bücher veröffentlicht und ich wünsche diesem hier (aber auch den anderen Büchern des Cass Verlages) ganz viele Leser, so dass weitere Bücher von Iori Fujiwara es in die deutsche Übersetzung schaffen. Der Krimi bietet eben nicht nur einen spannenden Kriminalfall, sondern auch einen Einblick in japanische Geschichte, in die japanische Kultur und das Seelenleben des Protagonisten. Manch einer mag sich ein Vor- oder Nachwort wünschen, um die japanische Geschichte nochmal auszuloten, doch seien wir ehrlich: der Krimi funktioniert auch ohne weitere Erklärung tadellos und für alles andere gibt es ja das Internet, so dass hier wirklich nichts gefehlt hat.

Fazit:
Ein ganz wunderbares Leseerlebnis, welches Kriminalfall und japanische Geschichte verbindet, garniert mit einem glaubwürdigen und überzeugenden Protagonisten. Ein kleines Schätzchen, welches der Cass Verlag hier ausgegraben und hervorragend übersetzt hat. Bitte unbedingt mehr davon!

 



Iori Fujiwara – Der Sonnenschirm des Terroristen
Verlag: Cass Verlag
Übersetzer: Katja Busson
352 Seiten
ISBN: 978-3944751153

 

 

 

 


 

7 Kommentare zu “Die Kunst des Hotdogs: Der Sonnenschirm des Terroristen – Iori Fujiwara

  1. Pingback: Blog-Spezial Krimialliteratur aus Ostasien – gemeinsam mit Wortgestalt | Die dunklen Felle

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  3. Freut mich gerade richtig, dass dir der Roman auch so gut gefallen hat, ich habe ihn auch unheimlich gemocht und gerne gelesen, war eine tolle Mischung, genau wie Du es beschrieben hast. :)

  4. Pingback: Reblogged | Iori Fujiwara - Der Sonnenschirm des Terroristen

  5. Pingback: Blogbummel August/September 2019 – buchpost

  6. Hallo,

    das klingt großartig! Den Verlag muss ich mir unbedingt mal näher angucken. :-)

    LG,
    Mikka

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