Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Gewaltig leise: Der Dieb – Fuminori Nakamura

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Fuminori Nakamura – Der Dieb
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Thomas Eggenberg
224 Seiten
ISBN: 978-3257069457

 

 

 

Japan – ein Ort, an den ich mich literarisch bisher nur wenig gewagt habe. Und die Ausflüge, die ich gemacht habe, stammten von nicht-japanischen Autoren. Somit ist Fuminori Nakamura tatsächlich der erste japanische Autor, von dem ich etwas gelesen habe. Manchmal muss man sich schon seiner blinden Flecken auf der Landkarte schämen – und das gilt auch in diesem Fall. Wenn ich überlege, wie lange ich gezögert habe, ob mir dieses Buch wohl liegen könnte oder nicht. Ein großer Fehler!

Der Dieb lebt in Tokio und verbringt seine Tage damit, reiche Leute um ihren Reichtum zu berauben. Taschendiebstahl ist sein Metier und er nimmt immer nur von den Reichen. Aber nicht um selbst reich zu werden, zwar kleidet er sich gepflegt und elegant, um nicht aufzufallen, doch er lebt einfach und zurückgezogen. Seine Hände sind geschickt, seine Finger machen sich lang und ziehen elegant Brieftaschen aus Jacken und Hosen, ohne dass der Bestohlene nur das Geringste ahnt. Diebstahl ist für den Dieb eine Kunst. Deshalb kann er auch gar nicht zusehen, als ein kleiner Junge im Supermarkt einige Dinge in einer Einkaufstasche verschwinden lässt, als ihn seine Mutter dazu drängt. Die Ladendetektivin hat ihn längst entdeckt und der Dieb warnt den Jungen. So beginnt eine seltsame Beziehung zwischen dem Dieb, dem Jungen und seiner Mutter, welche ihn angreifbar macht, als zur gleichen Zeit alte Bekannte auftauchen und ihn unter Druck setzen, um sich seine Fähigkeiten zu Nutzen zu machen.

In der Vergangenheit hat der Dieb gemeinsam mit seinem Lehrvater Ishikawa und den Bekannten, die ihn nun wieder heimsuchen, ein Haus überfallen, danach ist Ishikawa verschwunden. In Rückblicken erinnert sich der Dieb an die Geschehnisse, aber auch an eine verlorene Liebe. Der Dieb vermisst Ishikawa, ab und an denkt er, dass er ihn sieht oder fragt sich, wo er wohl ist. Der Dieb ist  einsam, doch das ist eine akzeptierte Tatsache, verbunden mit ein wenig Wehmut. Keine Angriffsfläche bieten, einfach dem nachgehen, was er am besten kann. Unauffällig sein, Taschen zu leeren, zu leben. So könnte es ewig weitergehen für den Dieb. Das ändert sich als er dem Jungen begegnet und quasi in die Fußstapfen seines Lehrvaters tritt. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen.

Es ist ein leises Buch, ein nachdenkliches Buch. Man lebt und erlebt mit dem Dieb und scheint ihn doch nie ganz zu kennen. Er scheint nicht greifbar zu sein. Zugegeben, ein traditioneller Krimi ist das hier nicht. Und trotzdem zieht die Geschichte einen in den Bann, es gibt Diebe und andere Verbrecher, Tote und ein endgültiges Ende. Spannend, wenn auch leise spannend, mit Sogwirkung.

Immer wieder muss der Krimi darum kämpfen als Literatur angesehen zu werden. Dabei ist es so einfach. „Der Dieb“ ist ein Buch, dem das gelingt. Einfach, und auch leicht zu lesen, doch literarisch fantastisch, nicht hochtrabend, einfach ausfüllend. Ein Buch, das einen mitnimmt und nachdenklich macht. Und hier muss sich der Krimi nun wirklich nicht hinter der „hohen Kunst der Literatur“ verstecken, er selbst ist Kunst – und dabei unterhaltsam. So soll es sein.
„Der Dieb“ ist der erste Roman von Fuminori Nakamura, der ins Deutsche übersetzt wurde – ich denke doch, nun werden noch viele folgen!

Fazit:
Ein Krimi wie eine Sinfonie – sehr lesenswert!

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