Die dunklen Felle

Krimis und Schafe – und Felle (oder Fälle?)

Opfergaben: Miss Terry – Liza Cody

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Liza Cody – Miss Terry
Verlag: Argument Verlag
Übersetzerinnen: Grundmann & Laudan
286 Seiten
ISBN: 978-3867542197

 

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Sie hat es wieder geschafft. Liza Cody hat mich restlos begeistert. Mit „Miss Terry“ hat sie mich durch alle Gefühlswelten geschickt. Ich habe gefiebert, gelitten und gelacht, ich habe mit Miss Terry gekocht, gefroren und Mosaiksteinchen verlegt.  Ich war entsetzt, ob der Schnelligkeit, wie jemand in eine Schublade gesteckt wurde. Ich war wütend, wie dämlich die Polizei sein kann. Ich war fassungslos, wie rasant aus Freunden und Nachbarn Gegner werden. Ich war verzweifelt, als ich mit Miss Terry durch die nächtlichen Straßen von London gestreift bin. Ich war glücklich, als es einen kleinen Lichtblick gab. Ich war stolz, als Miss Terry ihr Leben endlich in die Hand nahm und am Ende war somit nicht nur Miss Terry zufrieden, sondern auch ich.

Nita Tehri wohnt in der Guscott Road. Sie versteht sich mit Ihren Nachbarn, hat aber keinen näheren Kontakt. Man sieht sich halt. Sie ist Lehrerin an einer Grundschule und ihr Leben läuft tagtäglich die gleiche Bahn entlang. Doch dann wird das Haus, welches ihrem gegenübersteht, verkauft und saniert. Und da taucht er auf, der rote Container, in dem die Handwerker ihren Bauschutt werfen. Aber nicht nur die entsorgen dort Müll. Neben unendlich vielen, vergammelten Weihnachtsbäumen, Türen, Kühlschränken und Mülltüten wird dem „Altar der roten Containergöttin“ eines Nachts auch ein totes Baby dargebracht. Das Baby ist „braun“ – und wer hat noch diese Hautfarbe in der Guscott Street? Plötzlich zeigen alle Finger auf Nita, jeder scheint irgendetwas Belastendes über sie zu wissen und auch die Polizei sieht in Nita eine sehr wahrscheinliche Kindsmörderin. Doch Nita hat weder ein Baby geboren, noch eins umgebracht. Wer also war es? Und wie bekommt Nita ihr langweiliges Leben wieder zurück?

Nita hat sich von ihrer Familie losgesagt, als ihre Eltern versucht haben, sie mit dem Mann zu verheiraten, der sie vergewaltigt hat. Somit lebt Nita ein zurückgezogenes und einfaches Leben. Ständig ist ihre Familie in ihren Gedanken, ob nun im Guten wie ihre Geschwister, zu denen sie ab und an heimlich Kontakt hat oder im Schlechten wie ihre Eltern, besonders ihr Vater, der als Bedrohung ständig über ihr zu schweben scheint. Freude bereitet ihr eigentlich nur das Zubereiten von kulinarischen Köstlichkeiten, das Unterrichten, welches sie sich durch ihr Studium ermöglicht hat, ist eben ein Job. Sie ist unscheinbar und taucht in der Hektik Londons unter, einzig an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer Wohnstraße hat sie ein wenig Kontakt zu ihren Mitmenschen.

„Warum sah sie eigentlich nie jemanden hineinwerfen? Es war, als würde der Container seinen Inhalt von aus hervorbringen, ein riesiges rotes Eisenschwein, das unendlich abferkelte. Nitas müder Schädel produzierte das Bild einer monströsen modernen Fruchtbarkeitsgöttin, die unablässig Weihnachtsbäume, Türen und Öfen gebar.“ (S. 8)

Doch als die „rote Metallgöttin“ auftaucht, gerät Nitas Leben aus den Fugen und das völlig ohne ihr Zutun. Plötzlich sind ihre Nachbarn misstrauisch ihr gegenüber, die Kollegen vorsichtig, die Polizei zudringlich. Zuerst ohne ersichtlichen Grund meiden die Leute sie, plötzlich ist ihre Hautfarbe wichtig sowie die Tatsache, dass sie in letzter Zeit abgenommen hat. Wie geschickt die Leute es machen, fast niemand spricht direkt mit Nita oder beschimpft sie. Alles passiert heimlich oder hinter vorgehaltenen Händen. Flüstern, Blicke, die Gehsteigseite wird gewechselt – das sind nur die kleinen Übel, bis es dann zu Schmierereien und Übergriffen kommt.
Nita ist machtlos. Sie hat gelernt Obrigkeiten nicht zu widersprechen. Sie kennt kaum jemanden näher und hat keine Unterstützung. Einen Anwalt hat sie nie gebraucht, also woher einen guten Rechtsverdreher bekommen?

Es schleicht sich ganz leise ein und zerrt die Vorurteile, die alle immer so schön zu verstecken suchen, hervor. Es zeigt, wie Kleinigkeiten sich hochschaukeln können, denn in der Masse fühlen wir uns sicher – wenn alle Nachbarn Nita meiden ist es doch ok, wenn wir sie auch meiden oder? Und es können ja nicht alle unrecht haben – sie hat bestimmt was getan. Man sieht es ihr doch schon an. Ganz ohne in die Köpfe der Personen im Buch zu gucken, weiß man, was diese denken, wie sie sich rechtfertigen. Wie sie damit leben können, ein Leben im Namen des guten Rechts, als besorgter Bürgers, zu vernichten.

Argh – schreien hätte ich können, ob der Ungerechtigkeiten, die Nita in dem Buch geschehen.  Ein Buch, welches mir ein beständiges Grummeln im Magen und ein Brüllen im Kopf verursacht hat. Dabei ist Nita so ein zartes, vorsichtiges Persönchen, niemanden will sie zur Last fallen. Sie möchte nach den Regeln leben und sich anpassen. Und natürlich muss Nita erst nochmal richtig auf die Nase fallen, bevor sie sich aufrafft und endlich für sich eintritt. Und herausfindet, dass sie jemand ist und wer sie sein möchte. Und dass sie, überraschenderweise, gar nicht allein ist.

Und ganz nebenbei gibt es natürlich auch einen Kriminalfall, das tote Baby, im roten Ungetüm gefunden. Und natürlich findet Nita heraus, wer das Baby dort entsorgt hat. Aber ja, ein typischer Krimi ist auch dieses Buch von Liza Cody nicht, aber ein Leseerlebnis, ein Monument, welches uns einen Spiegel vor Augen hält.

Fazit:
Liza Cody zählt mittlerweile zu meinen Lieblingsschriftstellerinnen und auch mit „Miss Terry“ hat sie meine Erwartungen wieder übertroffen. Sozialkritisch, aktuell und aufwühlend – mit einem Kriminalfall garniert. Absolut lesenswert – wer noch kein Weihnachtsgeschenk für einen Bücher-/Kirmiliebhaber hat, sofort zugreifen!

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6 thoughts on “Opfergaben: Miss Terry – Liza Cody

  1. Ein gutes Buch und doch war ich nicht so begeistert wie du. Ich hatte noch Lady Bag im Kopf und da fehlte mir hier der letzte Biss, die Widerspenstigkeit. Nita ist authentisch, aber auch irgendwie zu brav.

    • Hm, mit der Bag Lady hab ich das gar nicht verglichen. Finde ich auch schwer – die beiden Hauptpersonen sind ja doch sehr unterschiedlich. Und in dem Sinne muss man natürlich zugeben, dass Nita Tehri wohl der Biss fehlt – aber dann wäre es ja auch eine ganz andere Geschichte geworden. Hmm…. nein, ich bin immer noch sehr zufrieden mit Miss Terry. 😉

  2. Pingback: Monatsrückblick November 2016 | Die dunklen Felle

  3. Wow, da schwärmt aber einer 😀
    Klingt aber auch wirklich gut! Ich glaub ich hab von Frau Cody auch noch nix gelesen und das hier klingt nach einem guten Einstieg 🙂

  4. Pingback: Rückblick und so was alles…. | Die dunklen Felle

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