Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Reblogged | Jeong Yu-jeong – Sieben Jahre Nacht

Irgendwie witzig. Während mich das Cover von „Piercing“, welches Philly vor einigen Tagen in unserem Blogspezial um Kriminalliteratur aus Ostasien besprochen hat, gar nicht anspricht, gefällt ihr es sehr. Hier aber wieder, bei „Sieben Jahre Nacht“ von Jeong Yu-jeong finde ich mich wieder und wir stimmen überein – ich weiß nämlich auch nicht, warum das Buch immer noch ungelesen in meinem Regal steht, aber jetzt bin ich zumindest froh, dass es schon mal da steht, denn Phillys Meinung beweist mir, ich hab es genau richtig ausgesucht. Und von der Dicke des Buches sollte man sich nie abschrecken lassen, denn man verpasst Bücher, die einen mitunter schwer begeistern. Findet heraus, warum Philly schwer begeistert war, hier in ihrer Rezension:

 

Ich weiß eigentlich gar nicht, wo ich anfangen soll und wo wieder aufhören. Anfangen vielleicht damit, dass es rückblickend betrachtet eine große Dummheit von mir war, diesen Roman so lange nicht zu lesen. 20 weitere Wörter

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Fleischmarkt: Die Plotter – Un-Su Kim

Raeseng ist ein Auftragskiller. Seine Aufträge erhält er vom “Dog House”. Vordergründig eine Bibliothek, ist dies der Ort von Old Raccoon, einem Plotter, aber auch Treffpunkt der Auftragskiller. Hier werden die Mordaufträge verteilt, die der Plotter akribisch genau vorbereitet hat. Besonders durch die Regierung war das bisher ein gewinnbringendes Geschäft, doch nach und nach ändern sich die Strukturen, die Regierung zieht sich zurück, die Privatwirtschaft wird aufmerksam, Konkurrenz zieht auf. Das verändert auch das Machtgefüge zwischen den Plottern, eine neue Generation erscheint. Raeseng sieht sich plötzlich auf der Abschussliste, doch weiß er nicht warum. So leicht lässt sich der Killer aber nicht aus der Ruhe bringen.

Raeseng tötet, ohne viel darüber nachzudenken, er erledigt einfach einen Job. Doch hinterher kommen schwermütige Phasen in denen er zu Hause tagelang Bier trinkt und das Haus nicht verlässt. Als Baby wurde er in einer Mülltonne gefunden und nach kurzer Station im Waisenhaus von Old Racoon aufgenommen. Er  ist in der Welt der Plotter und Auftragskiller aufgewachsen und erfüllt seinen Job. Doch der Job füllt weder ihn noch die Stunden seines Tages aus, so dass er viel grübeln kann. Er denkt ihm ist kein Glück beschieden und als er es kurzfristig findet, kehrt er doch zurück zu seinem Job als Killer, zu dem Leben, welches er kennt. Er rechnet mit keinem langen Leben, sieht Kollegen auf der Abschussliste landen, seinen Mentor im Krematorium in Rauch aufgehen, einen Freund vor den Killern weglaufen und dann doch stolpern und sterben.

„Das Einzige, was hier nicht ge- oder verkauft wurde, waren billige Gefühle, für die niemand sich interessierte (Mitgefühl, Verständnis, Abneigung), und machtlose, deprimierende Wörter (Glaube, Liebe, Treue, Freundschaft, Wahrheit). Ehre und Vertrauen wurden als Sichterheiten nicht akzeptiert. Niemals. Der Fleischmarkt hatte mit solchen hehren Begriffen nichts am Hut – sie galten hier nichts, beim Abschaum des Abschaums. (S. 171)

Der Fleischmarkt ist kapitalistisch geregelt. Wenn es eine Nachfrage gibt, dann gibt es auch ein Angebot. Es gibt fast nichts, was es nicht gibt. Es ist eine Subkultur, die sich hier gebildet hat und tadellos funktioniert. Die Auftraggeber suchen sich einen Plotter, der einen reibungslosen Verlauf gewährleistet, den Mord plant und ihn dem Auftragskiller akribisch auferlegt. Wer nicht ganz so viel Geld hat, kann sich auch einen “einfachen” Killer ohne Plotter zulegen. Es gibt Zuträger und Tracker, die Opfer locken oder ausforschen. Und dann gibt es eben noch die Cleaner. So einer erledigt die Auftragskiller, wenn es denn so weit ist. Und Raeseng vermutet sich hier einen eingehandelt zu haben.

Warum? Das hat er noch nicht rausgefunden, doch dass das bestehende Machtgefüge wankt, bekommt auch er mit. Hanja, ein neuer, junger Plotter drängt in den Markt und untergräbt die Bibliothek. Old Racoon bleibt gelassen, ruhig – und unternimmt nichts. Raeseng kann es nicht verstehen. Der Fleischmarkt wandelt sich, die Schattengesellschaft verändert sich. Das Machtgefüge droht zu zerplatzen und sich neu zu ordnen. Doch auch Hanja ist nur eine Schachfigur, die Bedrohung geht von einer anderen Partei aus, die hier auf den Plan tritt und es darauf abgesehen hat, den Fleischmarkt komplett zu vernichten.

Raesengs Aufmerksamkeit erhält diese Gruppe durch eine sehr gezielte Bombe in seinem Apartment. Diese ist nämlich in seiner Kloschüssel platziert worden. Zwar weiß Raeseng, dass jemand in seiner Wohnung war und sucht diese akribisch ab, doch die Bombe im Klo findet er nur mit bierseligem Dusel anstatt durch Geschick und Verstand. Sein Tracker verrät ihm, dass die Bombenkomponenten zum Großteil von Mito, einer Verkäuferin im Supermarkt, bestellt wurden. Doch auch nach reichlicher Beobachtung, kann weder Raeseng noch sein Tracker sagen, warum eine einfache Verkäuferin ihm eine Bombe schicken sollte. Doch dann entdeckt Raeseng Misa, Mitos Schwester und die Geschichte nimmt Fahrt auf.

Nun muss man leider sagen, dass bis dahin das Buch doch eher vor sich hingeplätschert ist. Literarisch war es gut, es war auch eine interessante Geschichte, man folgt Raeseng bei einem Auftrag, in seiner bierseligen Phase, in die Bibliothek, usw. Doch Geschwindigkeit nimmt die Geschichte erst auf, sobald Mito und Misa auf den Plan treten. Denn entgegen dem bluttriefend gestalteten Cover, der eine wahre Blutorgie vermuten lässt, ist Raesengs Geschichte doch eher nachdenklich, melancholisch, kühl. Es geht unblutig und bedächtig in dem Thriller zu, ganz anders als man das denn oft gewöhnt ist. Literarisch ist das sehr eindrücklich, doch ob der gemeine Thrillerleser damit zufriedenzustellen ist, bezweifle ich. Nichtsdestotrotz lohnt es sich durchzuhalten, denn nicht nur der Auftritt der zwei Schwestern ist sehr spannend, sondern es lösen sich auch viele Stränge eben erst im letzten Drittel des Buches.

Wer nun allerdings erwartet, dass er viel von Korea mitbekommt und in das landestypische Flair eintaucht, der wird enttäuscht werden. Korea bleibt weitgehend im Hintergrund, auch wenn natürlich die Geschichte in Korea spielt. Es gibt Anspielungen, ein politischer Wechsel wird erwähnt, doch Korea-Unkundige – so wie ich – werden sich damit schwer tun. Da liegt nun aber eben auch gar nicht der Fokus, sondern auf der Geschichte des Fleischmarktes, der Plotter und es geht um  Raeseng, der erst Mitspieler und dann ein Lenker des Spieles wird.

Fazit:
Ein unblutiger, melancholischer Thriller, der erst zum Ende hin an Spannung gewinnt, doch eindrücklich und literarisch durchgängig überzeugen kann.

 



Un-Su Kim – Die Plotter
Verlag: Europa Verlag
Übersetzer: Rainer Schmidt
360 Seiten
ISBN: 978-3958902329

 

 

 

 

 


 


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Reblogged | Ryu Murakami – Piercing

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Weiter geht es heute bei Philly auf Wortgestalt-Buchblog in unserem gemeinsamen Blogspezial zu Kriminalliteratur aus Ostasien mit Ryu Murakamis „Piercing“. Ein Buch, welches mit weder optisch anspricht, noch dessen Klappentext mich überzeugen konnte so dass es bisher nicht in mein Regal eingezogen ist. Nachdem ich nun aber Phillys Meinung gelesen habe, muss ich das dringend überdenken, so beschreibt sie das Buch als Psychothriller, wie er sein muss. Keine platte Massenware, sondern tiefgehender, so tief, dass er wehtut. Aber gleichzeitig absolut großartig umgesetzt und extrem gelungen. Wie das geht? Das seht ihr hier in ihrer Rezension:

 

Endlich Ryu Murakami! Wollte ich schon so lange lesen, aber man kommt ja immer zu nichts. »Piercing« stand gefühlte Ewigkeiten in meinem Bücherregal, einige andere seiner Romane sind auf meiner Leseliste vorgemerkt. Der Autor und seine Geschichten interessieren mich, ganz Der Beitrag Ryu Murakami – Piercing erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

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Die Kunst des Hotdogs: Der Sonnenschirm des Terroristen – Iori Fujiwara

(c) Die dunklen Felle

 

Man muss es einfach immer wieder erwähnen: kleine Verlage lassen mein Herz aufgehen. Mit welchem Herzblut die Verleger*innen und Mitarbeiter*innen Schätze ausgraben und gegen jede Widerstände veröffentlichen. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Engagement, Leidenschaft und Einsatz bis fast zur Selbstaufgabe. Ähnlich wie der Litradukt Verlag von Peter Trier, der sich der karibischen/haitianischen Literatur widmet, ist hier nun der Cass Verlag vertreten, der sich der japanischen Literatur verschrieben hat. Hier hab ich nicht nur dieses Jahr “Dein Schatten ist ein Montag” für mich entdeckt, sondern nun auch “Der Sonnenschirm des Terroristen”. Konnte mich der erstere mit seiner humorigen Art überzeugen, ist der letztere ein ganz anders Kaliber, aber genauso gelungen und nur zu empfehlen. Aber fangen wir von vorne an.

Keisuke Shimamura ist funktionierender Alkoholiker. Wenn schönes Wetter ist, beginnt er den Tag mit einer Flasche, die er mit kleinen Schlückchen leert, in einem Park in Shinjuku, um dann abends die Bar zu öffnen und den wenigen Gästen Alkohol auszuschenken und Hotdogs zu servieren. Diese Routine rächt sich eines Tages, als nur unweit von seinem Stammplatz entfernt, eine Bombe hochgeht. Chaos, Verletzte, Tote. Shimamura macht sich auf die Suche nach einem kleinen Mädchen, welches ihn zuvor angesprochen hat, und kümmert sich darum, dass es medizinisch versorgt wird, doch dadurch hat er seine Kappe und die Flasche liegen lassen. Schon bald sucht die Polizei ihn, denn Shimamura ist nicht Shimamura und wird verdächtigt, da seine Fingerabdrücke zu einem Anschlag in den 70er Jahren passen. Shimamura bleibt also nichts anderes übrig als zu fliehen und die Terroristen selbst zu suchen.

Shimamura findet sich in einer klassischen Situation des Kriminalromans wieder: er ist der Hauptverdächtige, obwohl er das Verbrechen nicht begangen hat, und versucht, durch das Auffinden des eigentlichen Verbrechers, seine Unschuld zu beweisen. So weit, so gut. Er bekommt Hilfe, allerdings von unerwarteter Seite. Zum einen ist da Toko, die Tochter von Yuko Endo. Shimamura kennt Yuko aus Uni-Zeiten, genauso wie Kuwano. Alle drei haben damals Romanistik studiert und sich an den Studentenprotesten der 60er Jahre beteiligt. Yuko Endo stirbt bei dem Terroranschlag. Ein Grund, warum sich die Polizei noch mehr auf Shimamura als Täter konzentriert, andererseits findet so aber auch Toko zu ihm. Sie hilft Shimamura, auch wenn sie kaum etwas tun kann, doch letztendlich kommt der lösende Hinweis von ihr.

Die zweite Hilfe kommt von ganz unerwarteter Seite, denn das ist Shiro Asai, ein ehemaliger Polizist, der nun als Yakuza im Casino- und Geldeintreibergeschäft unterwegs ist. Warum der Yakuza in Shimamuras Bar auftaucht, löst sich erst am Ende, doch die Verbindung ist überraschend und klärt vieles nachträglich auf. Jedenfalls ist es fast schon Glück, dass der Yakuza Shimamura noch in der Bar trifft, denn kurz darauf gibt er diese auf und begibt sich auf eine Suche quer durch Tokio. Anstatt zu warten, bis die Polizei ihn schnappt, tritt er die Flucht nach vorn an. Die Bahn ist hierbei sein bevorzugtes Mittel und Shimamura fährt immer wieder kreuz und quer durch die Stadt, eben dahin wo die Hinweise ihn hintreiben, so dass man ein gutes Bild von Tokio bekommt. Er hat Kontakte zur Presse, aber auch zu der Obdachlosenszene, er weiß wo er ansetzen muss und kann trotzdem im Hintergrund bleiben.

Hinter Shimamura steckt sowieso mehr als man auf den ersten Blick denkt. Ich vermute, es passiert häufig, dass man Menschen, die einer bestimmten Gruppe zugehören, abstempelt. Doch jeder hat eine Vergangenheit, keiner hat als Obdachloser, Alkoholiker oder Drogenabhängiger angefangen. Und so ist es auch bei Shimamura, der eigentlich Shunsuke Kikuchi heißt. Seine Vergangenheit, und wie es zu dieser Situation gekommen ist, dass er sich einen anderen Namen zugelegt hat und quasi verschwunden ist, wird in Rückblenden betrachtet.

Shimamura war in den 60ern an den Studentenunruhen in Japan beteiligt. Linke Studenten demonstrierten gegen den Vietnamkrieg, gegen die Einmischung der US-Regierung, aber auch gegen die Umweltverschmutzung. Sie besetzten Häuser und wurden von konservativen Gruppen belagert und lieferten sich Kämpfe. Als sich die Unruhen dann abkühlen, beginnt Shimamura eine erfolgversprechende Karriere als Boxer, doch bevor es wirklich dazu kommt, geschieht das Bombenattentat, bei welchem er zufällig anwesend ist und welches ihm dann mit angelastet wird. Dies ist der Grund, warum Shimamura untertaucht, seine beginnende Profiboxer-Karriere sausen lassen muss und nach und nach dem Alkohol verfällt.

Shimamura ist Alkoholiker, schon ganz leicht zu erkennen an seinem Zittern, wenn er nicht einen gewissen alkoholischen Pegel erreicht, aber auch funktionierender Alkoholiker. Er ist nicht dumm, weiß sich zu wehren, aber auch wo seine Grenzen sind. Die Ermittlungen sind unaufgeregt und gelassen, trotzdem durchweg spannend und interessant. Es gibt literarisch eindrucksvolle Passagen oder Sätze, doch auch Action muss man hier nicht vergeblich suchen. Ich bin quasi durch das Buch geflogen und bin nun fast traurig.

Wissen muss man nämlich, dass der Krimi schon einige Jahre auf dem Buckel hat – was man ihm allerdings nicht anmerkt – doch der Autor mittlerweile schon verstorben ist. Er hat allerdings noch einige andere Bücher veröffentlicht und ich wünsche diesem hier (aber auch den anderen Büchern des Cass Verlages) ganz viele Leser, so dass weitere Bücher von Iori Fujiwara es in die deutsche Übersetzung schaffen. Der Krimi bietet eben nicht nur einen spannenden Kriminalfall, sondern auch einen Einblick in japanische Geschichte, in die japanische Kultur und das Seelenleben des Protagonisten. Manch einer mag sich ein Vor- oder Nachwort wünschen, um die japanische Geschichte nochmal auszuloten, doch seien wir ehrlich: der Krimi funktioniert auch ohne weitere Erklärung tadellos und für alles andere gibt es ja das Internet, so dass hier wirklich nichts gefehlt hat.

Fazit:
Ein ganz wunderbares Leseerlebnis, welches Kriminalfall und japanische Geschichte verbindet, garniert mit einem glaubwürdigen und überzeugenden Protagonisten. Ein kleines Schätzchen, welches der Cass Verlag hier ausgegraben und hervorragend übersetzt hat. Bitte unbedingt mehr davon!

 



Iori Fujiwara – Der Sonnenschirm des Terroristen
Verlag: Cass Verlag
Übersetzer: Katja Busson
352 Seiten
ISBN: 978-3944751153

 

 

 

 


 


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Reblogged | Le Minh Khue – Nach der Schlacht

(c) Wortgestalt

Heute geht es wieder um Vietnam, aber wir sind zeitlich etwas aktueller, denn Philly hat „Nach der Schlacht“ von Le Minh Khue gelesen, welches in der Ariadne Reihe des Argument Verlags erschienen ist, doch nur bedingt Krimi als Krimi bezeichnet werden kann. Das Buch beinhaltet zwei Erzählungen, die auch mich schon tief beeindruckt haben und zeigen, wie sich der Krieg auf das Leben der Menschen auswirkt, auch wenn dieser schon Jahre vorbei ist. Auch Philly konnte den eindrücklichen Erzählungen viel abgewinnen:

 

Unsere Vietnam-Titel für das Blog-Spezial fallen beide auf ihre eigene Art ein bisschen aus dem Rahmen. Bei Christina ging es mit »Das schwarze Pulver von Meister Hou« ins Vietnam des 17. Jahrhunderts, ungewöhnlich genug für ein Romansetting. Bei mir sind Der Beitrag Le Minh Khue – Nach der Schlacht erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

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Damals: Das schwarze Pulver von Meister Hou – Tran-Nhut

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(c) Die dunklen Felle

Um dieses Buch bin ich doch tatsächlich einige Wochen herumgeschlichen, bevor ich mich getraut habe, es zu lesen. Irgendwann stand die Leseliste für das Spezial und ich hatte dieses Buch drauf gesetzt, ganz ohne bewusst zu registrieren, dass es im Vietnam des 17. Jahrhunderts spielt. Urgs, da steh ich so gar nicht drauf, auf historisches. Na gut, aber was muss, das muss. Und nun, im Nachhinein hat mich das Buch ganz wunderbar unterhalten und ich frage mich, warum dieser dritte Teil der Reihe um Mandarin Tân der einzige ist, der es je in die deutsche Übersetzung geschafft hat. Irgendwie schade.

In einer nördlichen Hafenstadt in Dai Viêt (heute: Vietnam) häufen sich gerade Verbrechen. Ein Schiff wird von einer Geisterarmee überfallen, ausgeraubt und hinterlässt zwei tote Frauen. Grabsteine verschwinden und die Toten erheben sich aus ihren Gräbern. Der Graf Diêm wird auf seinem Balkon ermordet. Verantwortlich für alle Ermittlungen ist der noch junge Richter der Stadt, Mandarin Tân. Gemeinsam mit dem Schriftgelehrten Dinh macht er sich auf die Suche nach den Tätern, ganz ohne Hokuspokus und Aberglauben.

Eingeflochten, manchmal ganz nebensächlich wirkend, aber zentral in dem Krimi, bieten sich sehr viele Informationen zur Geschichte des Landes. Vietnam kämpft um seine Selbstständigkeit. Auf der einen Seite wird es von der Großmacht China angegangen, auf der anderen Seite aus Europa bedrängt. Hier spielt vor allem der Jesuit Hsui-Tung eine Rolle. Nach China, wo er sich auch seinen chinesischen Namen zugelegt hat, ist dieser nun auf Besuch in der vietnamesischen Hafenstadt, um Kultur, Religion und technische Neuerungen der asiatischen Länder kennenzulernen und sich auszutauschen. Dass er dabei allerdings eine Ausnahme ist und eigentlich eher die Tendenz zur Bekehrung und Missionierung besteht, ist aber klar erkennbar. Ein wesentlicher Punkt sind auch die Rohstoffe des Landes – besonders Doktor Porc beschwert sich, dass jegliche Medizin zu Höchstpreisen ins Ausland verkauft werden und die einheimische Bevölkerung darunter leiden muss.

Der Konfuzianismus ist nicht nur vorherrschend, sondern auch vorgeschriebene Religion, Abweichungen gibt es aber natürlich auch. Besonders Madame Eisenhut ist hier hervorzuheben, die aber sowieso eine ungewöhnliche, wenn nicht sogar außergewöhnliche Frau ist. Von der Gesellschaft verstoßen, wie eine Nomadin umherziehend, lebt sie gerade mehr oder weniger fest mit anderen Ausgestoßenen auf einem zugewiesenen Platz. Als Fürsprecher hat sie den Eunuchen Clemens, der im Übrigen nicht nur der Hafenverwalter ist, sondern auch der Schwager des verstorbenen Grafen Diêm, und durch ihn ist es ihr möglich, als Gefängnisaufseherin zu arbeiten. Als Anhängerin des Mo Tse sind ihren religiösen und philosophischen Ansichten anders als die der Konfuzianer und Taoisten, zudem besitzt sie ein breites Kräuterwissen und kann als Alchimistin bezeichnet werden. Mandarin Tân wird so einiges mit der Dame zu tun bekommen, aber auch mit Madame Libelle. Bei beiden schwankt der Richter zwischen Bewunderung und Misstrauen.

Bevor ich denn nun noch auf die beiden Mitstreiter von Mandarin Tân eingehe, noch eine Bemerkung zu den Namen. Ich habe versucht, etwas über Suchmaschinen herauszufinden, aber mir ist nicht klar, warum alle Frauen in dem Buch Namen haben, die aus der Flora und Fauna entliehen sind, Männer aber nicht. Neben Madame Eisenhut und Madame Libelle gibt es nämlich noch Madame Alge, während die Männer eben einfach Namen haben: Tân, Dinh, Clemens, usw. Wer hier mehr weiß, darf mich gerne erleuchten!

Es gibt noch zwei weitere Mitstreiter im Kampf für die Gerechtigkeit. Einer ist der unwillige Dinh, der dem Richter als Gelehrter und Schriftführer dient. Der kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum Tân ständig mit dem Pferd reiten will, anstatt sich mit der Sänfte durch die Gegend tragen zu lassen. Überhaupt ist er ein unausgeglichener Charakter und man kann verstehen, warum er die Prüfung zum Mandarin nicht bestanden hat. Trotzdem verbindet die beiden eine gemeinsame Geschichte, so dass Tân ihn zu sich geholt hat. Dinh ist ein wenig eitel, oft am meckern, aber immerhin kann er sich in eine Aufgabe reinknien, sobald sie ihn gepackt hat. Und zumindest bei einer Sache konnte ich ihm als Leser nur zustimmen. Nämlich in der Meinung über Porc. Zumindest zum Teil. Doktor Porc kommt als Gerichtsmediziner zum Einsatz. Der Gute ist fürchterlich dick und wohl auch ziemlich ungepflegt. Im Moment ist er auch auf Diät – Fleisch, Blut und Innereien – bei der es mir die Zehennägel hochrollt. Das wäre alles noch erträglich, würde er nicht bei der Leichenschau genüsslich noch seine Mahlzeiten zu sich nehmen, man beachte, damals waren die Leichen nicht in Kühlhäusern gelagert und mussten schon recht übel gerochen haben. Bäh.

Doch auch wenn die beiden natürlich dazu dienen, den Krimi aufzulockern und uns Lesern hin und wieder ein Schmunzeln über die Lippen kommen zu lassen, ist das keineswegs zu viel und der Krimi rutscht auch nicht ins Lächerliche ab. Der Kriminalfall ist gut durchdacht, ausgeklügelt und natürlich sind der/die Täter bei den Lebenden zu finden. Also keine Sorge, es handelt sich hier auch nicht um einen mystischen Krimi. Neben der lockeren Art, welche die beiden Autorinnen unheimlich gut transportieren können, reizt vor allem das historische Ambiente des Krimis, denn auch wenn der Fall an sich mit unterschiedlichen mysteriösen Andeutungen zuerst unübersichtlich scheint, ist er doch nicht außergewöhnlich. Der noch junge, aber eben mit gesundem Menschenverstand und Misstrauen ausgestattete Richter Tân ermittelt bedächtig und mit Schläue, kann aber am Ende auch noch mit einem Kampf aufwarten, bei dem er allerdings auch Unterstützung erhält.

Auch wenn dies schon der dritte Teil der Reihe ist, hat es keine Probleme bereitet, hier einzusteigen. Einzig die Rolle des Doktor Porc hatte ich – nach dem Klappentext – für größer gehalten, doch zumindest in diesem Teil ist er eher eine Randfigur. Auch wenn ich, wie anfangs erwähnt, ein wenig erschrocken über meine historische Auswahl war, da ich ja eigentlich Krimiliteratur zur aktuellen Zeit lesen wollte, hat mir das Buch richtig gut gefallen. Und ich kann sogar behaupten, dass mir das historische Setting besonders gut gefallen hat.

Fazit:
Das historische Vietnam hat durchaus seine Reize und konnte mich, verpackt in einen Kriminalfall und mit einprägsamen Charakteren durchaus überzeugen. Schade ist nur, dass dies der einzige übersetzte Teil der Reihe um Mandarin Tân ist und somit wohl mein einziger Ausflug dorthin bleiben wird, mangels Kenntnisse der französischen Sprache.



Tran-Nhut – Das schwarze Pulver von Meister Hou
Verlag: Unionsverlag
Übersetzer: Michael Kleeberg
314 Seiten
ISBN: 978-3293204799

 

 

 

 


 


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Reblogged | Masako Togawa – Der Hauptschlüssel

(c) Wortgestalt

Und weiter geht es heute bei Philly auf Wortgestalt-Buchblog, diesmal mit einer japanischen Autorin: Masako Togawa. Sehr sehr bedauerlich, dass ich es immer noch nicht geschafft habe, ein Buch der Autorin zu lesen, wo diese doch schon so lange auf meiner Wunschliste stehen. Nun, jetzt wird es aber nicht mehr lange dauern, denn bei Phillys Worten besteht nun kein Zweifel mehr: die Autorin muss gelesen werden! Seht selbst, wie großartig ihr „Der Hauptschlüssel“ gefallen hat.

 

Japan in den späten 1950er Jahren. Ein Frauenwohnheim in Tokio soll versetzt werden, um geplanten Straßenerweiterungsplänen nicht länger im Weg zu sein. Besser als ein Abriss, finden die Bewohnerinnen und stimmen den Bauarbeiten zu. Und während das Freilegen der Fundamente Der Beitrag Masako Togawa – Der Hauptschlüssel erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

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Geschwür: Die Maske – Fuminori Nakamura

(c) Die dunklen Felle

Fumihiro Kuki ist ein Nachzügler. Seine Geschwister hat er noch nie gesehen, sie sind erwachsen und führen ihr eigenes Leben. Seine Mutter ist gestorben, sein Vater uralt und ignoriert ihn. Doch als Fumihiro elf ist, ruft er ihn in sein Zimmer und legt ihm den Plan seines Lebens vor. Er wurde gezeugt, um ein Geschwür zu sein, eine Wurzel des Bösen. Jemand, der Unglück über die Menschheit bringt. Eine Tradition in der Familie der Kukis, dass der letztgeborene Sohn zum Übel der Welt erzogen wird. Zugleich nimmt der Vater das Waisenmädchen Kaori auf und die beiden, Fumihiro und Kaori, wachsen wie Geschwister auf. Es kommt, wie es kommen muss, die beiden verlieben sich ineinander.

„Doch Vater irrte sich. Ich war bereits ein Geschwür. Das Spielzeugauto hatte ich nur mitgenommen, um ihn zu täuschen. In Wahrheit überlegte ich die ganze Zeit, wie ich ihn auslöschen könnte. Diese Pläne beschäftigen mich schon lange, jeden einzelnen Tag.“ (S. 15)

Mit einem klassischen Krimi hat „Die Maske“ nur wenig zu tun. Wollte man ihn einordnen, müsste wohl das Wort Noir fallen, japanischer Noir. Der Autor hat in Japan schon mehrere Bücher veröffentlicht, mit „Die Maske“ erscheint hier in Deutschland nach „Der Dieb“ nun ein zweites in deutscher Übersetzung. Während das erste noch melancholische Leichtigkeit ausstrahlte, zwischen Eleganz und Edelmut angesiedelt war, wird es hier düster. Es gibt hier keine Helden, keine zum Erfolg führende Ermittlung, keine Gewinner. Noir eben.

Fumihiro wird also zum Übel der Welt erzogen. Es scheint zuerst so, als würde es ihm wie vielen Sprösslingen reicher Familien gehen: abwesende und uninteressierte Eltern, in dem Fall der Vater, Erziehung erfolgt durch die Bediensteten. Es gibt viel Bildung, neben der normalen Schule, erhält er Einzelunterricht. Doch gleichzeitig mit Bekanntmachung seines Vaters tritt Kaori in sein Leben und er lernt Nähe, Sympathie, Liebe kennen. Welche ihm sein Vater bestialisch entreißt, als er vierzehn Jahre alt ist.

„Und wenn du vierzehn bist, zeige ich dir die Hölle“ (S. 13)

Die Geschichte beginnt in der Vergangenheit, auf dem Anwesen der Kukis und in Fumihiros Kindheit, pendelt dann zwischen Vergangenheit und Gegenwart, um in der Gegenwart zu landen und auszuklingen. Die Geschichte hat eine klare, oft kühle, manchmal poetische Sprache, die eindrückliche Bilder erzeugt. Der Fokus liegt auf Fumihiro, der sich als Erwachsener komplett verändert hat, quasi eine „Maske“ trägt, der immer noch in Kaori verliebt ist, und der versucht, kein Geschwür zu sein.

Ihm entgegen steht der Kuki-Clan. Nicht nur der Vater war ein Monster, seine Kinder stehen ihm in nichts nach.Wie weit der Clan bereit ist, zu gehen, zeigt sich in seinem Bruder, der an Kriegsgeschäften beteiligt ist: Rüstungsausgaben, Kriegstreiberei, Wiederaufbaugeschäftemacherei. Die Kukis lassen sich nichts entgehen, schüren bei Bedarf gerne nach. Wirtschaftliche und politische Interessen bestimmen ihr Handeln, zu keiner Bösartigkeit sind sie sich zu schade. Fumihiro soll das Sahnestückchen dieses Imperiums sein.

Doch Fumihiro möchte nicht. Die Frage ist aber: kann er dem überhaupt entkommen? Hat nicht schon allein das Gespräch, in dem ihm sein Vater seinen Plan mitteilt, ihn soweit beeinflusst, dass er seine Handlungen entgegengesetzt ausrichten kann? Welche Handlungen sind gut? Welche sind böse? Welche Handlung hat welchen Einfluss? Nicht immer kann man vorhersehen, welche Entscheidungen Geschehnisse negativ oder positiv beeinflussen. Führt Fumihiro also ein selbstbestimmtes Leben? Oder lebt er eine sich selbst erfüllende Prophezeiung? Sein Ziel ist es, Kaori zu schützen, auch wenn er in der Gegenwart keinen Kontakt mehr zu ihr hat. Er liebt sie, doch glücklich werden sie nicht werden. Das hat ihm sein Vater prophezeit und ob er daran glaubt oder nicht, die Geschehnisse in der Vergangenheit stehen zwischen Fumihiro und Kaori.

Nicht nebensächlich, aber doch nur als Streiflicht, taucht Kommissar Aida auf. Angelockt durch Fumihiros „Maske“, doch klug ist er, der Kommissar und lässt sich auch nicht abschütteln, taucht hier und da auf und bringt Unruhe in Fumihiros Leben. Überhaupt bevölkern die Geschichte kuriose Gestalten, neben dem kosmetischen Chirurg, der Fumihiro seine „Maske“ verpasst hat, ein Privatdetektiv, der vormals für seinen Vater gearbeitet hat, aber auch eine Terrororganisation tummelt sich um das „Geschwür“.

Natürlich beginnt das Buch mit einem Knaller – welcher Vater hat schon das Ziel, seinen eigenen Sohn zum jemand durch und durch Bösen zu erziehen? Die Kindheit und Jugend Fumihiros hat für mich keine Überraschungen beinhaltet, doch ganz anders ist dies in seinem erwachsenen Leben. Was ist Fumihiros Ziel? Wohin wendet sich die Handlung? Diese in der Gegenwart durchgängige Frage hat mich durch das Buch begleitet und ich weiß auch am Ende nicht, ob ich alles verstanden habe. Der Zweck, das Ziel – mir unbekannt. Einzig hoffen kann ich, das Fumihiro endlich, als er am Ende in das Flugzeug steigt, sein Leben gefunden hat.

Fazit:
Kann ein Buch eine leise Achterbahnfahrt sein? Wenn ja, dann ist dieses hier definitiv eine. Düster und noiresk, erschreckend und sacht, ohne Helden, aber mit Poesie erschafft der Autor einen nicht herkömmlichen, aber fantastisch eindrücklichen Krimi.

 



Fuminori Nakamura – Die Maske
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Thomas Eggenberg
347 Seiten
ISBN: 978-3257244816

 

 

 

Rezension zum Buch bei Wortgestalt –> hier.


 

 


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Reblogged | Qiu Xiaolong – Tod einer roten Heldin

(c) Wortgestalt-Buchblog

Philly von Wortgestalt-Buchblog hatte mit ihrer Auswahl für China keinen guten Start. Zwar kann „Tod einer roten Heldin“ thematisch überzeugen, doch es gibt einige Kritikpunkte in punkto Schreibstil und Charakterzeichnung. Eine wie immer kurzweilige und gut ausgeführte Rezension, Phillys „Comeback“ nach langer Pause, findet ihr hier:

 

So, also, mein erster Roman für unser Ostasien-Spezial und zugleich auch meine erste Besprechung seit sehr langer Zeit, verzeiht mir deshalb hier und da ein Ringen um Worte oder ungelenke Formulierungen. Gut möglich bis sehr wahrscheinlich, dass ich etwas Rost Der Beitrag Qiu Xiaolong – Tod einer roten Heldin erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

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Diametral: Das Auge von Hongkong – Chan Ho-kei

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Wenn man sich auf dem kriminalistischen Büchermarkt so umsieht, gibt es doch tatsächlich nur ein recht überschaubares Angebot an Krimis, welche von chinesischen Schriftsteller/innen stammen oder in China spielen. Liegt das nun daran, dass es dort nur wenige Krimischriftsteller/innen gibt? Oder daran, dass diese es einfach noch nicht geschafft haben, ins Deutsche übersetzt zu werden? Ich persönlich wünsche mir aber, dass es bald mehr chinesische Schriftsteller/innen gibt, deren Bücher in Deutschland erscheinen, vor allem natürlich im Krimi-Bereich, denn hier gibt es bestimmt noch mehr zu entdecken.

Nun liegt Hongkong ja auch in China, hat aber durch die lange Regentschaft von Großbritannien  als Kronkolonie nun doch ein anderes Flair als das restliche China, ganz zu schweigen von einer anderen Geschichte, Regierung und Wirtschaftspolitik. Weit über hundert Jahre war Hongkong von England beeinflusst, seit nunmehr aber schon 20 Jahren gehört es wieder zu China, wenn auch als Sonderverwaltungszone mit besonderen Rechten. Hongkong war also dem Westen gegenüber schon immer aufgeschlossener, nichtsdestotrotz sind die Bewohner größtenteils Chinesen. Dieser Mix aus westlichen und östlichen Einflüssen macht Hongkong zu einer faszinierenden Metropole, die im Krimi natürlich entsprechende Würdigung erfährt.

Hier hat nun der Autor seinen Protagonisten, Kwan Chun-dok, einen Polizisten, hineingesetzt. Einen Rang kann man hier gar nicht nennen, denn die sechs im Buch enthaltenen Geschichten decken einen Zeitraum von fast 40 Jahren ab, so dass Kwan im Laufe der Zeit verschiedenste Positionen durchläuft. Welcher Name ihm aber immer folgt, ist „Das Auge von Hongkong“, den er sich durch seine  Kombinationsgabe und unzählige gelöste Verbrechen verdient hat. Respektvoll murmeln seine Kollegen diesen Namen und halten viel auf den Kommissar. Durch seine ausgefeilte Kombinationsgabe liegt der Schluss nahe, ihn mit Sherlock Holmes zu vergleichen und wahrlich zeigt auch Kwan neben seiner genialen Art zu Kombinieren einige Besonderheiten, von seiner Sparsamkeit bis zu seinem Sinn für Gerechtigkeit, doch genauso viele Unterschiede lassen sich finden.

„Lok fühlte sich angesichts dieser Antwort regelrecht befreit. Sein Mentor [Kwan] nutzte zwar mit Vergnügen allerlei zwielichtige Methoden, um an sein Ziel zu gelangen, aber der Wert jedes einzelnen Menschenlebens war für ihn grundsätzlich unschätzbar.“ (S. 191)

Der Fokus der einzelnen Geschichten liegt natürlich auf den entsprechenden Ermittlungen, doch politische und gesellschaftliche Änderungen fließen unwillkürlich auch ein, manchmal mehr, manchmal weniger. Der Aufbau der Polizei, in welcher erst nach und nach Chinesen in die oberen Ränge befördert werden, die Korruption in der Polizei, die Unruhen 1967, die Übergabe Hongkongs an China im Jahre 1997… diese und viele weitere größere Themen und kleinere Nebensächlichkeiten zeigen Hongkong und seine Veränderungen im Laufe der Jahre.  Manchmal tritt Hongkong, die Stadt und deren Kultur, mehr in den Vordergrund, manchmal aber auch nicht und der Fokus liegt auf dem Verbrechen, bzw. der Ermittlung.

Doch jede einzelne Geschichte zeigt ein anderes Verbrechen, eine andere Art von Kriminalität. Dabei geht es um Triaden und Gangs, aber auch um Verbrechen aus Rache und Geld. Ein kleines Füllhorn an Novellen, die der Autor geschickt platziert. Folgende sechs Geschichten sind enthalten:

  • „Die Wahrheit zwischen Schwarz und Weiß“ (2013) berichtet von einem Erbfall, bei dem eine Harpune eine tragende Rolle spielt
  • „Gefangenenehre“ (2003) ist oberflächlich eine Geschichte im Musikbusiness, doch eigentlich geht es um Triaden und ein Singvögelchen.
  • „Langer Tag“ (1997) geht es um eine spektakuläre Flucht aus dem Gefängnis, Säurebombenanschläge und Brandanschläge – und das alles an einem Tag.
  • „Die Waage der Themis“ (1989) räumt in den eigenen Reihen auf und Kwan überführt einen Verräter.
  • „Geborgter Ort“ (1977) ist erst eine Entführung, dann doch nicht, aber irgendwie doch und dann ist es ein Raub.
  • „Geborgte Zeit“ (1967) ist die politischste Geschichte, spielt sie doch in den Zeiten der Unruhen 1967, und dreht sich um einen Bombenanschlag.

Die Geschichten sind wirklich sehr vielfältig, doch besonders in Erinnerung bleiben werden mir die erste Geschichte und die letzte Geschichte. Raffiniert hat der Autor die Erzählungen diametral aneinander gereiht, so dass man mit Kwans letztem Fall im Jahre 2013 beginnt und mit einem seiner ersten Fälle im Jahr 1967 endet. Im letzten Fall löst Kwan einen Fall quasi ohne da zu sein, derweil der Autor im ersten Fall den Leser ganz lange foppt, bevor er ihm verrät, wer Kwan ist, da er hier nur Bezeichnungen wie „Cop 7“ oder „Cop 3“ verwendet – und ja, er hat mich gekriegt, denn ich hatte tatsächlich Kwan in jemand anderem vermutet. Eine sehr gelungene Finte!

Die Geschichten können unabhängig voneinander gelesen werden, das verbindenden Elemente sind  Kwan Chan-Dok und in den jüngeren Jahren sein Zögling Sonny Lok, die Fälle sind höchstens durch Kleinigkeiten verknüpft, wie z. B. wiederkehrende Kollegen. Die gewählte Novellenform passt hier auch hervorragend, denn man hat trotzdem ausgefeilte Geschichten, aber kann sich das Buch in sechs Häppchen aufteilen. Der Spannungsaufbau basiert hier eher auf dem Versuch des Lesers, sich am „Auge von Hongkong“ zu messen und den kniffligen Fall vielleicht sogar vorher zu lösen. Auch wenn einige spektakuläre Verbrechen passieren, sind doch eher keine Actionszenen vorhanden. Das Miträtseln und dann bei der Auflösung verwundert den Kopf zu schütteln macht aber irre viel Spaß.

„Aufgabe der Polizei ist die Enthüllung der Wahrheit, die Verhaftung der Schuldigen, der Schutz der Unschuldigen – aber wenn die Regeln es nicht vermögen, Kriminelle zur Strecke zu bringen, wenn die Wahrheit im Dunkeln bleibt, wenn Unschuldige sich nirgends hinwenden können – in genau solchen Fällen stürzte Superintendent Kwan sich mit Freuden in den grauen Sumpf und schlug die Verbrecher immer wieder mit ihren eigenen Waffen.“ (S. 94)

Fazit:
Sechs wunderbare Novellen rund um Hongkong und „Das Auge von Hongkong“, einen Polizist, der sich ganz sicher nicht hinter Sherlock Holmes verstecken muss. Besonders gelungen ist der Aufbau des Buches und die diametral verlaufenden Geschichten, die Hongkong und dessen Veränderungen im Laufe der Jahre spiegeln.

 



Chan Ho-kei – Das Auge von Hongkong
Verlag: Atrium
Übersetzerin: Sabine Längsfeld
572 Seiten
ISBN: 978-3855350285