Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction


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Damals: Das schwarze Pulver von Meister Hou – Tran-Nhut

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(c) Die dunklen Felle

Um dieses Buch bin ich doch tatsächlich einige Wochen herumgeschlichen, bevor ich mich getraut habe, es zu lesen. Irgendwann stand die Leseliste für das Spezial und ich hatte dieses Buch drauf gesetzt, ganz ohne bewusst zu registrieren, dass es im Vietnam des 17. Jahrhunderts spielt. Urgs, da steh ich so gar nicht drauf, auf historisches. Na gut, aber was muss, das muss. Und nun, im Nachhinein hat mich das Buch ganz wunderbar unterhalten und ich frage mich, warum dieser dritte Teil der Reihe um Mandarin Tân der einzige ist, der es je in die deutsche Übersetzung geschafft hat. Irgendwie schade.

In einer nördlichen Hafenstadt in Dai Viêt (heute: Vietnam) häufen sich gerade Verbrechen. Ein Schiff wird von einer Geisterarmee überfallen, ausgeraubt und hinterlässt zwei tote Frauen. Grabsteine verschwinden und die Toten erheben sich aus ihren Gräbern. Der Graf Diêm wird auf seinem Balkon ermordet. Verantwortlich für alle Ermittlungen ist der noch junge Richter der Stadt, Mandarin Tân. Gemeinsam mit dem Schriftgelehrten Dinh macht er sich auf die Suche nach den Tätern, ganz ohne Hokuspokus und Aberglauben.

Eingeflochten, manchmal ganz nebensächlich wirkend, aber zentral in dem Krimi, bieten sich sehr viele Informationen zur Geschichte des Landes. Vietnam kämpft um seine Selbstständigkeit. Auf der einen Seite wird es von der Großmacht China angegangen, auf der anderen Seite aus Europa bedrängt. Hier spielt vor allem der Jesuit Hsui-Tung eine Rolle. Nach China, wo er sich auch seinen chinesischen Namen zugelegt hat, ist dieser nun auf Besuch in der vietnamesischen Hafenstadt, um Kultur, Religion und technische Neuerungen der asiatischen Länder kennenzulernen und sich auszutauschen. Dass er dabei allerdings eine Ausnahme ist und eigentlich eher die Tendenz zur Bekehrung und Missionierung besteht, ist aber klar erkennbar. Ein wesentlicher Punkt sind auch die Rohstoffe des Landes – besonders Doktor Porc beschwert sich, dass jegliche Medizin zu Höchstpreisen ins Ausland verkauft werden und die einheimische Bevölkerung darunter leiden muss.

Der Konfuzianismus ist nicht nur vorherrschend, sondern auch vorgeschriebene Religion, Abweichungen gibt es aber natürlich auch. Besonders Madame Eisenhut ist hier hervorzuheben, die aber sowieso eine ungewöhnliche, wenn nicht sogar außergewöhnliche Frau ist. Von der Gesellschaft verstoßen, wie eine Nomadin umherziehend, lebt sie gerade mehr oder weniger fest mit anderen Ausgestoßenen auf einem zugewiesenen Platz. Als Fürsprecher hat sie den Eunuchen Clemens, der im Übrigen nicht nur der Hafenverwalter ist, sondern auch der Schwager des verstorbenen Grafen Diêm, und durch ihn ist es ihr möglich, als Gefängnisaufseherin zu arbeiten. Als Anhängerin des Mo Tse sind ihren religiösen und philosophischen Ansichten anders als die der Konfuzianer und Taoisten, zudem besitzt sie ein breites Kräuterwissen und kann als Alchimistin bezeichnet werden. Mandarin Tân wird so einiges mit der Dame zu tun bekommen, aber auch mit Madame Libelle. Bei beiden schwankt der Richter zwischen Bewunderung und Misstrauen.

Bevor ich denn nun noch auf die beiden Mitstreiter von Mandarin Tân eingehe, noch eine Bemerkung zu den Namen. Ich habe versucht, etwas über Suchmaschinen herauszufinden, aber mir ist nicht klar, warum alle Frauen in dem Buch Namen haben, die aus der Flora und Fauna entliehen sind, Männer aber nicht. Neben Madame Eisenhut und Madame Libelle gibt es nämlich noch Madame Alge, während die Männer eben einfach Namen haben: Tân, Dinh, Clemens, usw. Wer hier mehr weiß, darf mich gerne erleuchten!

Es gibt noch zwei weitere Mitstreiter im Kampf für die Gerechtigkeit. Einer ist der unwillige Dinh, der dem Richter als Gelehrter und Schriftführer dient. Der kann überhaupt nicht nachvollziehen, warum Tân ständig mit dem Pferd reiten will, anstatt sich mit der Sänfte durch die Gegend tragen zu lassen. Überhaupt ist er ein unausgeglichener Charakter und man kann verstehen, warum er die Prüfung zum Mandarin nicht bestanden hat. Trotzdem verbindet die beiden eine gemeinsame Geschichte, so dass Tân ihn zu sich geholt hat. Dinh ist ein wenig eitel, oft am meckern, aber immerhin kann er sich in eine Aufgabe reinknien, sobald sie ihn gepackt hat. Und zumindest bei einer Sache konnte ich ihm als Leser nur zustimmen. Nämlich in der Meinung über Porc. Zumindest zum Teil. Doktor Porc kommt als Gerichtsmediziner zum Einsatz. Der Gute ist fürchterlich dick und wohl auch ziemlich ungepflegt. Im Moment ist er auch auf Diät – Fleisch, Blut und Innereien – bei der es mir die Zehennägel hochrollt. Das wäre alles noch erträglich, würde er nicht bei der Leichenschau genüsslich noch seine Mahlzeiten zu sich nehmen, man beachte, damals waren die Leichen nicht in Kühlhäusern gelagert und mussten schon recht übel gerochen haben. Bäh.

Doch auch wenn die beiden natürlich dazu dienen, den Krimi aufzulockern und uns Lesern hin und wieder ein Schmunzeln über die Lippen kommen zu lassen, ist das keineswegs zu viel und der Krimi rutscht auch nicht ins Lächerliche ab. Der Kriminalfall ist gut durchdacht, ausgeklügelt und natürlich sind der/die Täter bei den Lebenden zu finden. Also keine Sorge, es handelt sich hier auch nicht um einen mystischen Krimi. Neben der lockeren Art, welche die beiden Autorinnen unheimlich gut transportieren können, reizt vor allem das historische Ambiente des Krimis, denn auch wenn der Fall an sich mit unterschiedlichen mysteriösen Andeutungen zuerst unübersichtlich scheint, ist er doch nicht außergewöhnlich. Der noch junge, aber eben mit gesundem Menschenverstand und Misstrauen ausgestattete Richter Tân ermittelt bedächtig und mit Schläue, kann aber am Ende auch noch mit einem Kampf aufwarten, bei dem er allerdings auch Unterstützung erhält.

Auch wenn dies schon der dritte Teil der Reihe ist, hat es keine Probleme bereitet, hier einzusteigen. Einzig die Rolle des Doktor Porc hatte ich – nach dem Klappentext – für größer gehalten, doch zumindest in diesem Teil ist er eher eine Randfigur. Auch wenn ich, wie anfangs erwähnt, ein wenig erschrocken über meine historische Auswahl war, da ich ja eigentlich Krimiliteratur zur aktuellen Zeit lesen wollte, hat mir das Buch richtig gut gefallen. Und ich kann sogar behaupten, dass mir das historische Setting besonders gut gefallen hat.

Fazit:
Das historische Vietnam hat durchaus seine Reize und konnte mich, verpackt in einen Kriminalfall und mit einprägsamen Charakteren durchaus überzeugen. Schade ist nur, dass dies der einzige übersetzte Teil der Reihe um Mandarin Tân ist und somit wohl mein einziger Ausflug dorthin bleiben wird, mangels Kenntnisse der französischen Sprache.



Tran-Nhut – Das schwarze Pulver von Meister Hou
Verlag: Unionsverlag
Übersetzer: Michael Kleeberg
314 Seiten
ISBN: 978-3293204799

 

 

 

 


 


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Reblogged | Masako Togawa – Der Hauptschlüssel

(c) Wortgestalt

Und weiter geht es heute bei Philly auf Wortgestalt-Buchblog, diesmal mit einer japanischen Autorin: Masako Togawa. Sehr sehr bedauerlich, dass ich es immer noch nicht geschafft habe, ein Buch der Autorin zu lesen, wo diese doch schon so lange auf meiner Wunschliste stehen. Nun, jetzt wird es aber nicht mehr lange dauern, denn bei Phillys Worten besteht nun kein Zweifel mehr: die Autorin muss gelesen werden! Seht selbst, wie großartig ihr „Der Hauptschlüssel“ gefallen hat.

 

Japan in den späten 1950er Jahren. Ein Frauenwohnheim in Tokio soll versetzt werden, um geplanten Straßenerweiterungsplänen nicht länger im Weg zu sein. Besser als ein Abriss, finden die Bewohnerinnen und stimmen den Bauarbeiten zu. Und während das Freilegen der Fundamente Der Beitrag Masako Togawa – Der Hauptschlüssel erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

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Geschwür: Die Maske – Fuminori Nakamura

(c) Die dunklen Felle

Fumihiro Kuki ist ein Nachzügler. Seine Geschwister hat er noch nie gesehen, sie sind erwachsen und führen ihr eigenes Leben. Seine Mutter ist gestorben, sein Vater uralt und ignoriert ihn. Doch als Fumihiro elf ist, ruft er ihn in sein Zimmer und legt ihm den Plan seines Lebens vor. Er wurde gezeugt, um ein Geschwür zu sein, eine Wurzel des Bösen. Jemand, der Unglück über die Menschheit bringt. Eine Tradition in der Familie der Kukis, dass der letztgeborene Sohn zum Übel der Welt erzogen wird. Zugleich nimmt der Vater das Waisenmädchen Kaori auf und die beiden, Fumihiro und Kaori, wachsen wie Geschwister auf. Es kommt, wie es kommen muss, die beiden verlieben sich ineinander.

„Doch Vater irrte sich. Ich war bereits ein Geschwür. Das Spielzeugauto hatte ich nur mitgenommen, um ihn zu täuschen. In Wahrheit überlegte ich die ganze Zeit, wie ich ihn auslöschen könnte. Diese Pläne beschäftigen mich schon lange, jeden einzelnen Tag.“ (S. 15)

Mit einem klassischen Krimi hat „Die Maske“ nur wenig zu tun. Wollte man ihn einordnen, müsste wohl das Wort Noir fallen, japanischer Noir. Der Autor hat in Japan schon mehrere Bücher veröffentlicht, mit „Die Maske“ erscheint hier in Deutschland nach „Der Dieb“ nun ein zweites in deutscher Übersetzung. Während das erste noch melancholische Leichtigkeit ausstrahlte, zwischen Eleganz und Edelmut angesiedelt war, wird es hier düster. Es gibt hier keine Helden, keine zum Erfolg führende Ermittlung, keine Gewinner. Noir eben.

Fumihiro wird also zum Übel der Welt erzogen. Es scheint zuerst so, als würde es ihm wie vielen Sprösslingen reicher Familien gehen: abwesende und uninteressierte Eltern, in dem Fall der Vater, Erziehung erfolgt durch die Bediensteten. Es gibt viel Bildung, neben der normalen Schule, erhält er Einzelunterricht. Doch gleichzeitig mit Bekanntmachung seines Vaters tritt Kaori in sein Leben und er lernt Nähe, Sympathie, Liebe kennen. Welche ihm sein Vater bestialisch entreißt, als er vierzehn Jahre alt ist.

„Und wenn du vierzehn bist, zeige ich dir die Hölle“ (S. 13)

Die Geschichte beginnt in der Vergangenheit, auf dem Anwesen der Kukis und in Fumihiros Kindheit, pendelt dann zwischen Vergangenheit und Gegenwart, um in der Gegenwart zu landen und auszuklingen. Die Geschichte hat eine klare, oft kühle, manchmal poetische Sprache, die eindrückliche Bilder erzeugt. Der Fokus liegt auf Fumihiro, der sich als Erwachsener komplett verändert hat, quasi eine „Maske“ trägt, der immer noch in Kaori verliebt ist, und der versucht, kein Geschwür zu sein.

Ihm entgegen steht der Kuki-Clan. Nicht nur der Vater war ein Monster, seine Kinder stehen ihm in nichts nach.Wie weit der Clan bereit ist, zu gehen, zeigt sich in seinem Bruder, der an Kriegsgeschäften beteiligt ist: Rüstungsausgaben, Kriegstreiberei, Wiederaufbaugeschäftemacherei. Die Kukis lassen sich nichts entgehen, schüren bei Bedarf gerne nach. Wirtschaftliche und politische Interessen bestimmen ihr Handeln, zu keiner Bösartigkeit sind sie sich zu schade. Fumihiro soll das Sahnestückchen dieses Imperiums sein.

Doch Fumihiro möchte nicht. Die Frage ist aber: kann er dem überhaupt entkommen? Hat nicht schon allein das Gespräch, in dem ihm sein Vater seinen Plan mitteilt, ihn soweit beeinflusst, dass er seine Handlungen entgegengesetzt ausrichten kann? Welche Handlungen sind gut? Welche sind böse? Welche Handlung hat welchen Einfluss? Nicht immer kann man vorhersehen, welche Entscheidungen Geschehnisse negativ oder positiv beeinflussen. Führt Fumihiro also ein selbstbestimmtes Leben? Oder lebt er eine sich selbst erfüllende Prophezeiung? Sein Ziel ist es, Kaori zu schützen, auch wenn er in der Gegenwart keinen Kontakt mehr zu ihr hat. Er liebt sie, doch glücklich werden sie nicht werden. Das hat ihm sein Vater prophezeit und ob er daran glaubt oder nicht, die Geschehnisse in der Vergangenheit stehen zwischen Fumihiro und Kaori.

Nicht nebensächlich, aber doch nur als Streiflicht, taucht Kommissar Aida auf. Angelockt durch Fumihiros „Maske“, doch klug ist er, der Kommissar und lässt sich auch nicht abschütteln, taucht hier und da auf und bringt Unruhe in Fumihiros Leben. Überhaupt bevölkern die Geschichte kuriose Gestalten, neben dem kosmetischen Chirurg, der Fumihiro seine „Maske“ verpasst hat, ein Privatdetektiv, der vormals für seinen Vater gearbeitet hat, aber auch eine Terrororganisation tummelt sich um das „Geschwür“.

Natürlich beginnt das Buch mit einem Knaller – welcher Vater hat schon das Ziel, seinen eigenen Sohn zum jemand durch und durch Bösen zu erziehen? Die Kindheit und Jugend Fumihiros hat für mich keine Überraschungen beinhaltet, doch ganz anders ist dies in seinem erwachsenen Leben. Was ist Fumihiros Ziel? Wohin wendet sich die Handlung? Diese in der Gegenwart durchgängige Frage hat mich durch das Buch begleitet und ich weiß auch am Ende nicht, ob ich alles verstanden habe. Der Zweck, das Ziel – mir unbekannt. Einzig hoffen kann ich, das Fumihiro endlich, als er am Ende in das Flugzeug steigt, sein Leben gefunden hat.

Fazit:
Kann ein Buch eine leise Achterbahnfahrt sein? Wenn ja, dann ist dieses hier definitiv eine. Düster und noiresk, erschreckend und sacht, ohne Helden, aber mit Poesie erschafft der Autor einen nicht herkömmlichen, aber fantastisch eindrücklichen Krimi.

 



Fuminori Nakamura – Die Maske
Verlag: Diogenes
Übersetzer: Thomas Eggenberg
347 Seiten
ISBN: 978-3257244816

 

 

 

Rezension zum Buch bei Wortgestalt –> hier.


 

 


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Reblogged | Qiu Xiaolong – Tod einer roten Heldin

(c) Wortgestalt-Buchblog

Philly von Wortgestalt-Buchblog hatte mit ihrer Auswahl für China keinen guten Start. Zwar kann „Tod einer roten Heldin“ thematisch überzeugen, doch es gibt einige Kritikpunkte in punkto Schreibstil und Charakterzeichnung. Eine wie immer kurzweilige und gut ausgeführte Rezension, Phillys „Comeback“ nach langer Pause, findet ihr hier:

 

So, also, mein erster Roman für unser Ostasien-Spezial und zugleich auch meine erste Besprechung seit sehr langer Zeit, verzeiht mir deshalb hier und da ein Ringen um Worte oder ungelenke Formulierungen. Gut möglich bis sehr wahrscheinlich, dass ich etwas Rost Der Beitrag Qiu Xiaolong – Tod einer roten Heldin erschien zuerst auf WortGestalt-BuchBlog.

über Qiu Xiaolong – Tod einer roten Heldin — WortGestalt-BuchBlog


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Diametral: Das Auge von Hongkong – Chan Ho-kei

(c) Die dunklen Felle

Wenn man sich auf dem kriminalistischen Büchermarkt so umsieht, gibt es doch tatsächlich nur ein recht überschaubares Angebot an Krimis, welche von chinesischen Schriftsteller/innen stammen oder in China spielen. Liegt das nun daran, dass es dort nur wenige Krimischriftsteller/innen gibt? Oder daran, dass diese es einfach noch nicht geschafft haben, ins Deutsche übersetzt zu werden? Ich persönlich wünsche mir aber, dass es bald mehr chinesische Schriftsteller/innen gibt, deren Bücher in Deutschland erscheinen, vor allem natürlich im Krimi-Bereich, denn hier gibt es bestimmt noch mehr zu entdecken.

Nun liegt Hongkong ja auch in China, hat aber durch die lange Regentschaft von Großbritannien  als Kronkolonie nun doch ein anderes Flair als das restliche China, ganz zu schweigen von einer anderen Geschichte, Regierung und Wirtschaftspolitik. Weit über hundert Jahre war Hongkong von England beeinflusst, seit nunmehr aber schon 20 Jahren gehört es wieder zu China, wenn auch als Sonderverwaltungszone mit besonderen Rechten. Hongkong war also dem Westen gegenüber schon immer aufgeschlossener, nichtsdestotrotz sind die Bewohner größtenteils Chinesen. Dieser Mix aus westlichen und östlichen Einflüssen macht Hongkong zu einer faszinierenden Metropole, die im Krimi natürlich entsprechende Würdigung erfährt.

Hier hat nun der Autor seinen Protagonisten, Kwan Chun-dok, einen Polizisten, hineingesetzt. Einen Rang kann man hier gar nicht nennen, denn die sechs im Buch enthaltenen Geschichten decken einen Zeitraum von fast 40 Jahren ab, so dass Kwan im Laufe der Zeit verschiedenste Positionen durchläuft. Welcher Name ihm aber immer folgt, ist „Das Auge von Hongkong“, den er sich durch seine  Kombinationsgabe und unzählige gelöste Verbrechen verdient hat. Respektvoll murmeln seine Kollegen diesen Namen und halten viel auf den Kommissar. Durch seine ausgefeilte Kombinationsgabe liegt der Schluss nahe, ihn mit Sherlock Holmes zu vergleichen und wahrlich zeigt auch Kwan neben seiner genialen Art zu Kombinieren einige Besonderheiten, von seiner Sparsamkeit bis zu seinem Sinn für Gerechtigkeit, doch genauso viele Unterschiede lassen sich finden.

„Lok fühlte sich angesichts dieser Antwort regelrecht befreit. Sein Mentor [Kwan] nutzte zwar mit Vergnügen allerlei zwielichtige Methoden, um an sein Ziel zu gelangen, aber der Wert jedes einzelnen Menschenlebens war für ihn grundsätzlich unschätzbar.“ (S. 191)

Der Fokus der einzelnen Geschichten liegt natürlich auf den entsprechenden Ermittlungen, doch politische und gesellschaftliche Änderungen fließen unwillkürlich auch ein, manchmal mehr, manchmal weniger. Der Aufbau der Polizei, in welcher erst nach und nach Chinesen in die oberen Ränge befördert werden, die Korruption in der Polizei, die Unruhen 1967, die Übergabe Hongkongs an China im Jahre 1997… diese und viele weitere größere Themen und kleinere Nebensächlichkeiten zeigen Hongkong und seine Veränderungen im Laufe der Jahre.  Manchmal tritt Hongkong, die Stadt und deren Kultur, mehr in den Vordergrund, manchmal aber auch nicht und der Fokus liegt auf dem Verbrechen, bzw. der Ermittlung.

Doch jede einzelne Geschichte zeigt ein anderes Verbrechen, eine andere Art von Kriminalität. Dabei geht es um Triaden und Gangs, aber auch um Verbrechen aus Rache und Geld. Ein kleines Füllhorn an Novellen, die der Autor geschickt platziert. Folgende sechs Geschichten sind enthalten:

  • „Die Wahrheit zwischen Schwarz und Weiß“ (2013) berichtet von einem Erbfall, bei dem eine Harpune eine tragende Rolle spielt
  • „Gefangenenehre“ (2003) ist oberflächlich eine Geschichte im Musikbusiness, doch eigentlich geht es um Triaden und ein Singvögelchen.
  • „Langer Tag“ (1997) geht es um eine spektakuläre Flucht aus dem Gefängnis, Säurebombenanschläge und Brandanschläge – und das alles an einem Tag.
  • „Die Waage der Themis“ (1989) räumt in den eigenen Reihen auf und Kwan überführt einen Verräter.
  • „Geborgter Ort“ (1977) ist erst eine Entführung, dann doch nicht, aber irgendwie doch und dann ist es ein Raub.
  • „Geborgte Zeit“ (1967) ist die politischste Geschichte, spielt sie doch in den Zeiten der Unruhen 1967, und dreht sich um einen Bombenanschlag.

Die Geschichten sind wirklich sehr vielfältig, doch besonders in Erinnerung bleiben werden mir die erste Geschichte und die letzte Geschichte. Raffiniert hat der Autor die Erzählungen diametral aneinander gereiht, so dass man mit Kwans letztem Fall im Jahre 2013 beginnt und mit einem seiner ersten Fälle im Jahr 1967 endet. Im letzten Fall löst Kwan einen Fall quasi ohne da zu sein, derweil der Autor im ersten Fall den Leser ganz lange foppt, bevor er ihm verrät, wer Kwan ist, da er hier nur Bezeichnungen wie „Cop 7“ oder „Cop 3“ verwendet – und ja, er hat mich gekriegt, denn ich hatte tatsächlich Kwan in jemand anderem vermutet. Eine sehr gelungene Finte!

Die Geschichten können unabhängig voneinander gelesen werden, das verbindenden Elemente sind  Kwan Chan-Dok und in den jüngeren Jahren sein Zögling Sonny Lok, die Fälle sind höchstens durch Kleinigkeiten verknüpft, wie z. B. wiederkehrende Kollegen. Die gewählte Novellenform passt hier auch hervorragend, denn man hat trotzdem ausgefeilte Geschichten, aber kann sich das Buch in sechs Häppchen aufteilen. Der Spannungsaufbau basiert hier eher auf dem Versuch des Lesers, sich am „Auge von Hongkong“ zu messen und den kniffligen Fall vielleicht sogar vorher zu lösen. Auch wenn einige spektakuläre Verbrechen passieren, sind doch eher keine Actionszenen vorhanden. Das Miträtseln und dann bei der Auflösung verwundert den Kopf zu schütteln macht aber irre viel Spaß.

„Aufgabe der Polizei ist die Enthüllung der Wahrheit, die Verhaftung der Schuldigen, der Schutz der Unschuldigen – aber wenn die Regeln es nicht vermögen, Kriminelle zur Strecke zu bringen, wenn die Wahrheit im Dunkeln bleibt, wenn Unschuldige sich nirgends hinwenden können – in genau solchen Fällen stürzte Superintendent Kwan sich mit Freuden in den grauen Sumpf und schlug die Verbrecher immer wieder mit ihren eigenen Waffen.“ (S. 94)

Fazit:
Sechs wunderbare Novellen rund um Hongkong und „Das Auge von Hongkong“, einen Polizist, der sich ganz sicher nicht hinter Sherlock Holmes verstecken muss. Besonders gelungen ist der Aufbau des Buches und die diametral verlaufenden Geschichten, die Hongkong und dessen Veränderungen im Laufe der Jahre spiegeln.

 



Chan Ho-kei – Das Auge von Hongkong
Verlag: Atrium
Übersetzerin: Sabine Längsfeld
572 Seiten
ISBN: 978-3855350285

 

 

 

 


 


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Blog-Spezial Krimialliteratur aus Ostasien – gemeinsam mit Wortgestalt

Dieses Jahr freue ich mich besonders darauf, Euch heute ein Blog-Spezial mit meiner Bloggerkollegin Philly von Wortgestalt-Buchblog anzukündigen. Nicht nur, weil das Thema Kriminalliteratur aus Ostasien unheimlich spannend und unbekannt exotisch ist und war, sondern auch, da der Wortgestalt-Buchblog damit ins Bloggerleben zurückkehrt und Philly die Welt wieder mit ihren Beiträgen bereichert. Ganz lange hat sie Pause gemacht und ich freue mich, dass sie unser Spezial ausgesucht hat, um ihrem Blog wieder zu „reanimieren“. Philly, nicht nur ich, sondern noch so viele andere, haben Dich und Deine Beiträge sehr vermisst – willkommen zurück!

So, nun aber zum eigentlichen Thema: Kriminalliteratur aus Ostasien. Hier gibt es gleich einige Fragen zu beantworten: Warum nur Ostasien? Was genau gehört zu Ostasien? Und welche Bücher habt Ihr Euch ausgesucht? Na, ich will Euch natürlich nicht im Unklaren lassen.

Asien ist groß. Sehr groß. Viele Länder, viele Gesellschaften, viele Kulturen. Und es ist eben schier eine unmögliche Sache, einen Überblick der Kriminalliteratur über diesen riesigen Kontinent zu geben. Und somit haben wir uns nur einen Teil von Asien herausgepickt , und zwar Ostasien. Tatsächlich ist die Abgrenzung, welche Länder zu Ostasien gehören nicht ganz so einfach, man kann dies geografisch angehen, aber auch kulturhistorisch. Wir sind dem kulturhistorischen Aspekt gefolgt und deshalb betrachten wir in unserem Spezial die Länder China, Japan, Korea und Vietnam genauer.  Hierbei sei dann erwähnt, dass ich diese Begriffe verallgemeinernd verwende, aber korrekterweise natürlich z. B. von der Volksrepublik China gesprochen werden müsste, ja und auch bei Korea muss man erwähnen, dass die besprochenen Autoren alle aus Südkorea stammen, aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Abschottung Nordkoreas und so gut wie keiner vorhandenen, übersetzten (Kriminal-)Literatur aus diesem Land.

Wenn ihr nun gleich durch die Liste der Bücher lest, werdet ihr feststellen, dass Japan und Korea hier gut vertreten sind, denn tatsächlich hat der Buchmarkt, und auch der Kriminalliteraturmarkt diese beiden Länder für sich entdeckt. Hingegen gibt es aus China und Vietnam nur wenige Vertreter im Bereich der Kriminalliteratur, die hierzulande veröffentlicht sind. Somit ein kleiner Appell an die Verlage: Bitte mehr davon, aus allen diesen Ländern – vor allem natürlich Krimis. ;-)

Folgende Bücher werden wir besprechen:

03.09. – „Das Auge von Hongkong“ von Chan Ho-Kei (China) (Die dunklen Felle)
05.09. – „Tod einer roten Heldin“ von Qiu Xiaolong (China) (Wortgestalt)
07.09. – „Die Maske“ von Fuminori Nakamura (Japan) (Die dunklen Felle)
09.09. – „Der Hauptschlüssel“ von Masako Togawa (Japan) (Wortgestalt)
11.09. – „Das schwarze Pulver von Meister Hou“ von Tran-Nhut (Vietnam) (Die dunklen Felle)
13.09. – „Nach der Schlacht“ von Le Minh Khue (Vietnam) (Wortgestalt)
15.09. – „Der Sonnenschirm des Terroristen“ von Iori Fujiwara (Japan) (Die dunklen Felle)
17.09. – „Piercing“ von Ryu Murakami (Japan) (Wortgestalt)
19.09. – „Die Plotter“ von Un-Su Kim (Korea) (Die dunklen Felle)
21.09. – „Sieben Jahre Nacht“ von Jeong Yu-jeong (Korea) (Wortgestalt)
23.09. – „Die Umarmung des Todes“ von Natsuo Kirino (Japan) (Die dunklen Felle)
25.09. – „Giftaffe“ von Arimasa Osawa (Japan) (Wortgestalt)
27.09. – „Im Reich der Lichter“ von Kim Young-ha (Korea) (Die dunklen Felle)
29.09. – „Dein Schatten ist ein Montag“ von Jung-Hyuk Kim (Korea) (Wortgestalt)
01.10. – Bonusmaterial: Filmcheck (Wortgestalt)

 

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(c) Wortgestalt

Nach Veröffentlichung der Beiträge werde ich diese hier natürlich verlinken.

Und nun lasset die Spiele beginnen! Das Blog Spezial startet übermorgen und wie immer freuen wir uns über jedes „Gefällt mir“, jeden Kommentar und jede Diskussionsanregung.
Aber auch wer „nur“ liest, ist natürlich gerne willkommen und wir wünschen viel Spaß beim Blog Spezial Kriminalliteratur aus Ostasien!

 


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Delete: Dein Schatten ist ein Montag – Jung-hyuk Kim


Jung-hyuk Kim – Dein Schatten ist ein Montag
Verlag: Cass Verlag
Übersetzerin: Paula Weber
287 Seiten
ISBN: 978-3944751207

 

 

 

 

Dongchi Gu, früher mal Polizist, ist heute ein besonderer Privatdetektiv, er ist ein Deleter. Für seine Mandanten vernichtet er Gegenstände: Fotos, Tagebücher, Festplatten. Als einer seiner Klienten, Doughun Bae, unter ungewöhnlichen Umständen stirbt, gelingt es ihm, die gewünschten Gegenstände an sich zu bringen – bis auf ein Tablet. Sein früherer Kollege Inchon Kim ermittelt in Doughun Baes Todesfall und glaubt nicht so recht an Selbstmord. Aufklärung soll ihm das Tablet bieten, doch das bleibt verschwunden. Die beiden Männer beginnen gemeinsam an dem Fall zu arbeiten.

Kurios und einmalig
Die Geschichte lebt und atmet mit ihren kuriosen Charakteren. Ob diese denn nun alle authentisch sind, mag dahingestellt sein, aber sie machen die Geschichte ungewöhnlich und interessant. Die Charaktere sind alle so herrlich einzigartig und zum Teil makaber, dass jeder einzelne eine kleine Köstlichkeit ist. Es ist ein wahres Potpourri an findigen, gewieften und unverwechselbaren Charakteren. Hierzu zähle ich nicht nur die Detektive und Hausbewohner, sondern auch das Haus selbst, denn im Crocodile Building müffelt es ganz fürchterlich. Keiner weiß so genau, woher es kommt, doch jeder kommt damit zurecht. Das Haus scheint ein Teil seiner Bewohner zu sein und zu ihrem Leben dazu zugehören. Sei es Restaurantbesitzer Chan’il Park oder Eisenwarenhandlungsinhaber Gihyon Baek im Erdgeschoss, Kampfschulenbetreiber Cholho Cha oder Internet-Caféaushilfe Bin’il Lee im ersten und zweiten Stock oder eben Dongchi Gu oder seine Nachbarin Yunjong Oh im Dachgeschoss. Und nun keine Sorge, es gibt ein Personenregister. Tatsächlich treten auch gar nicht so viele mehr Personen auf, nur noch einige wenige, aus der Richtung, in welche die Ermittlungsspuren führen. Auf jeden Fall macht es riesigen Spaß mit den Figuren durch den Krimi zu streifen.

Der Detektiv
Dongchi Gu ist auch einer dieser einmaligen Charaktere. Er lebt und arbeitet im Dachgeschoss des Crocodile Building. Nur ungern empfängt er Klienten, viel lieber lauscht er italienischen Arien ausnahmslos aus den 1920ern auf einer Audioanlage mit nur einem Lautsprecher, die er liebenswerterweise „Zyklop“ nennt. In den Job als Deleter ist er eher so reingerutscht, gestartet hat er als normaler Privatdetektiv. Es würde ihn seinen Job kosten, würden seine Mandanten erfahren, dass er einige der Gegenstände, die er „deleten“ soll, behält, in einem verschlossenen Aktenschrank in seinem Dachgeschosswohnbüro. Er ist eher ein stiller Mensch, nicht sehr geduldig mit seinen Mandanten, aber immer bereit zu helfen, auch und vor allem in der Hausgemeinschaft. Es ist ein Geben und Nehmen, denn – nur um ein Beispiel zu nennen – hilft Bin’il ihm ja dabei, die digitalen Spuren zu „deleten“.

Selbstmord, Mord….
An einen Selbstmord mag weder Inchon Kim noch Dongchi Gu glauben und so stürzen sie sich, allein, aber auch gemeinsam, auf den Fall. Die Spuren führen sie zu Noble Entertainment, einer Filmproduktionsgesellschaft, einem Tennisklub und zu einer waffenliebenden Sekte, die es eigentlich schon gar nicht mehr geben soll. Für zusätzliche Aufregung sorgt die Tochter eines ehemaligen Klienten, die Dongchi Gu bei Erledigung seines Auftrags gesehen hat und ihn nun verfolgt. Trotzdem ist der Fall an sich jetzt nicht unbedingt spektakulär und auch die Spannung hält sich zwar kontinuierlich, aber auf einem unaufgeregtem Niveau. Der Krimi ist kein Pageturner, muss er aber auch nicht sein. Der Krimi lebt durch seine Atmosphäre. Und auch gar nicht so durch Beschreibungen von Land und Leute, sondern viel mehr durch seine Charaktere, durch die kauzigen und unumstößlichen Hausbewohner des Crocodile Building.

Fazit:
Die herausragenden und kuriosen Figuren machen diesen koreanischen Krimi mit einer eher gewöhnlichen Krimihandlung zu einem Highlight. Ein gelungener Ausflug in die asiatische Kriminalliteratur!


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Auftakt: Die Wasserratte von Wanchai – Ian Hamilton


Ian Hamilton – Die Wasserratte von Wanchai
Verlag: Kein & Aber
Übersetzerin: Simone Jakob
426 Seiten
ISBN: 978-3036959290

 

 

 

 

 

Worum geht es?
Um Shrimps. Ja, genau, um die kleinen krummen Dinger aus dem Meer. Die sind allerdings nur der Auslöser, denn eigentlich geht es um Millionen. Um die ist nämlich Ava Lees neuer Klient betrogen worden, und zwar mit Shrimps. Ava Lee ist skeptisch, aber nimmt den Auftrag gemeinsam mit ihrem Partner Onkel an, um die Millionen, natürlich mit entsprechender Gewinnbeteiligung, zurückzuholen. Und es wird wieder weltweit: Kanada, Asien, Südamerika. Der Übeltäter ist schwer zu finden und in die Finger zu bekommen, Bekannte werden zu Feinden und Ava steht ziemlich alleine da. Aber Ava hat ja einige versteckte Talente…

Einer wie der andere?
Ein wenig ungewöhnlich, für den ersten Teil einer Reihe einen „Shorty“ zu schreiben, doch da ich die Reihe um Ava Lee mit dem fünften Teil begonnen habe, bespreche ich den ersten Teil nun aber eben nur kurz. Die beiden Teile ähneln sich insoweit, dass es sich wieder um eine spannende Ermittlung in der Wirtschaft dreht, unterhaltsam und kurzweilig, und auch gut zu verstehen und flüssig. Einziger Unterschied, der mir nun aufgefallen ist, ist derjenige, dass Avas Kreis an Verwandten, Freunden und Bekannten im fünften Teil weitaus größer ist und viel mehr Korrespondenz mit diesen erfolgt. In vorliegenden Band gibt es nur wenig Kontakt nach Hause – der Fokus liegt ganz auf der Ermittlung.

Opfer, Tat und Täter
Millionen von Shrimps natürlich, aber auch Andrew Tam, dem seine Millionen abhanden gekommen sind. Die Täter… tja, eigentlich nur einer. Aber Verbrecher gibt es zuhauf, so dass diese bei guter Gelegenheit eben einfach noch mit zugreifen und Ava im Weg stehen.

Themen
Es geht um den Handel mit Meeresfrüchten, ein fragiles Gut, welches mit Methoden aufgepeppt werden kann, über die ich mich jetzt mal enthalte, um die Finanzierung dessen und wie man damit Schmu treiben kann. Doch um an die Drahtzieher heranzukommen, muss Ava in unbekanntes Terrain vordringen und hat keinerlei Hilfe. Ihr bleibt nichts übrig, als auf vorhandene Ressourcen zuzugreifen, um sich des Übeltäters zu bemächtigen. Es gilt schnell und flexibel zu handeln und immer Vorsicht walten zu lassen.

Was war gut?
Und wieder gelingt es Ian Hamilton, aus einer langweiligen finanziellen Transaktion jede Menge Spannung herauszuholen. Ich folge gerne der Kosmopolitin Ava Lee rund um die Erde, ergötze mich an ihrer kühlen Eleganz, freue mich über ihre Pfiffigkeit und bewundere ihren Mut und ihre Stärke. Ich bin immer noch überglücklich, die Ava Lee Reihe endlich kennen gelernt zu haben und kann es kaum erwarten, den nächsten Teil in die Hand zu nehmen.

Was war schlecht?
Hm, hier fällt mir grad gar nichts ein…

FAZIT:
Ein fesselnder Wirtschaftskrimi rund um die taffe, aber ausgeglichene Ava Lee, die auch ein falsches Spiel fast nicht aus der Ruhe bringen kann. Ein wunderbarer Auftakt der Serie!

 

 

 


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Beeindruckend: Der schottische Bankier von Surabaya – Ian Hamilton


Ian Hamilton – Der schottische Bankier von Surabaya
Verlag: Krug & Schadenberg
Übersetzerin: Andrea Krug
448 Seiten
ISBN: 978-3959170130

 

 

 

 

Über den Autor Ian Hamilton und seine Protagonistin Ava Lee bin ich tatsächlich schon mal vor einer Weile bei der Suche nach neuen Büchern gestolpert. Teil eins (gerade eben erst hervorragend besprochen von Wortgestalt: Die Wasserratte von Wanchai) landete auf meiner Wunschliste, auf der sie seitdem ausharrt. Mit dem aktuellen Krimi erscheint nun aber schon der fünfte Teil um Ava Lee und jetzt konnte ich auf keinen Fall mehr widerstehen. Ein Quereinstieg in eine Serie ist ja immer umstritten, denn es fragt sich, ob man nicht die vorigen Teile kennen muss, um den aktuellen zu verstehen. Bei Krimis ist das allerdings oft kein Problem, denn die Fälle sind ja abgeschlossen. Private Verwicklungen, die aber ja meist nebenher laufen, sind natürlich schon fortgeschritten, aber eben nicht hinderlich bei einem Quereinstieg. Nichtsdestotrotz kann es aber ein Risiko sein. Kann sein, muss aber nicht.

Nach ihrem letzten Fall ist Ava Lee gesundheitlich angeschlagen und gerade dabei sich zu überlegen, ob sie in ihren Job zurückkehren will. Sie ist Wirtschaftsprüferin, doch langweilig ist ihr Job ganz sicher nicht. Mit Onkel, dem ehemaligen Chef einer chinesischen Triade, betreibt Ava Lee ein Inkassounternehmen und verschafft Kunden verlorenes Geld wieder. Keine Kleinbeträge, richtig viel Geld. Deshalb ist sie nicht nur skeptisch, sondern auch ablehnend, als ihre Mutter sie bittet, Teresa Ng, einer Bekannten ihrer Mutter, aus der Patsche zu helfen. Als jedoch klar wird, dass nicht nur Teresa, sondern noch mehr Parteien bei einem Fondschwindel richtig viel Geld investiert haben und es nun zurückhaben möchten, nimmt sie den Auftrag doch an. Der Auftrag führt sie von Kanada über China nach Indonesien, genauer gesagt nach Surabaya.

Beeindruckend. Das ist das Wort, welches Ava Lee für mich am besten beschreibt. Ava Lee ist eine kluge, starke Frau. Sie arbeitet in einem Beruf, der nicht ohne Gefahr ist, doch zur Not kann sie sich verteidigen. Sie verfügt über Fachkenntnisse und versteht ihr Handwerk. Auch wenn sie nie so genannt wird im Buch ist sie doch irgendwie Privatdetektivin. Sie sucht keine verlorenen Menschen, überwacht keine betrügenden Männer oder klärt Mordfälle – sie sucht Geld. Als Wirtschaftsprüferin ist sie dafür genau die Richtige. Und gemeinsam mit dem etwas geheimnisvollen alten Mann, den sie Onkel nennt, hat sie damit Erfolg. Nichtsdestotrotz hat der letzte Fall ihr schwer zu schaffen gemacht. Zum einen ging es um ihren Halbbruder, zum anderen hat sie auch einen Mann erschießen müssen und ist selbst mit einer Schusswunde nur knapp davon gekommen. Sie zweifelt, ob ihr Job noch der richtige Job für sie ist, doch bevor sie sich darüber klar werden kann, wird sie von ihrer Mutter in den nächsten Job katapultiert.

Die Familie… ja, die ist nicht ganz einfach bei Ava. Ihre Mutter ist die zweite Frau ihres Vaters, der mit seiner ersten Frau und Familie in China lebt, dessen dritte Frau mit Familie aber in Australien lebt. So überspannt Avas Familie denn den ganzen Globus, doch ihre Mutter und ihre Schwester leben in Kanada. Neben ihrer Geliebten Maria pflegt sie noch einige Freundschaften, unter anderem zu May Ling, die sie in einem vergangenen Fall kennen gelernt hat und sie nun gerne zu einer Geschäftsbeziehung überreden will. Während des Falls schottet sie sich ab, denn tatsächlich fließt ein beständiger Mailverkehr zwischen ihr und ihren Freunden und Familienmitgliedern hin und her. Um ganz ehrlich zu sein, waren es mir am Anfang fast schon zu viele, um mir die Namen zu merken, aber auch um sie auseinander zu halten, aber mit der Zeit hat man dann alle Verbandelungen drauf.

Das Geflecht an Beziehungen versteht man bestimmt ein wenig besser, wenn man die vorigen Teile kennt – was ich auf jeden Fall nun nachholen werde – aber auch ohne die vorigen Teile kann man die Verbindungen recht schnell nachvollziehen. Es gibt auch einige Anspielungen auf den vorigen Fall, der in Macao stattfand, doch das war nicht weiter störend. Weder wird zu viel verraten, so dass man keine Lust mehr hat, diesen Teil nachzuholen, noch lag der alte Fall im Fokus. Es war einfach etwas, was hin und wieder erwähnt wurde, um Dinge zu erklären oder zu verdeutlichen.

Onkel hingegen ist schon eine etwas spezielle Figur. Über ihn, bzw. über seine Vergangenheit erfährt man nun nicht sehr viel, doch Onkel hat weitreichende Verbindungen, die Ava bei ihren Ermittlungen zu Gute kommen. Vor jeder Entscheidung berät sich Ava mit dem alten Mann und trifft keine wichtige Entscheidung allein. Sie arbeiten gemeinsam. Es ist aber kein Chef-Angestelltenverhältnis, es ist eine Partnerschaft. Beide wissen nicht alles voneinander, vertrauen sich aber blind. In ihrem Geschäft nicht unwichtig, aber doch unüblich.

Sagt man wirtschaftlichen Themen in Krimis oft nach, dass sie langweilig sind und hierfür nicht taugen, muss ich erwähnen, dass ich immer wieder vom Gegenteil überzeugt werde. Wirtschaftsthemen eignen sich hervorragend für Krimis – ich würde jetzt mal wagemutig behaupten, wenn dem nicht so ist, liegt es nicht am Thema. Der Autor verbindet elegant den fauligen Investmentfond mit einer krummen Bank auf Indonesien, verquickt mit Italienern und Waffen, und haut am Ende mit Geldwäsche und Immobiliengeflechten um sich – das alles aber verständlich und unheimlich spannend geschrieben. Aber das ist auch noch nicht alles, denn er lässt Ava eine Sache durchleben, die mich tiefst betroffen hat und ich mir jetzt noch nicht ganz klar darüber bin, ob ihre Reaktion darauf gut oder schlecht finde. Beeindruckend ist sie aber auf jeden Fall, denn sie ist zwar betroffen, aber verfolgt ihr Ziel weiterhin kühl und unerbittlich, aber kann man bei so einem Ereignis sachlich bleiben? Nun ja, sie schafft es nicht ganz.

Tatsächlich hatte ich mich gefreut, einen Thriller aus Kanada zu lesen, denn das Land ist noch ein weitgehend blinder Fleck auf meiner Karte, aber flugs waren wir dann in Asien, China und Indonesien. Das war denn weiter auch nicht schlimm, denn auch hier habe ich noch weiße Flecken und hab mich gefreut, mehr über die beiden Länder zu erfahren. In Hongkong erhält Ava eine kleine, aber feine Sightseeing Tour, doch abgesehen davon, liegt der Fokus des Autors nicht auf ausführlichen Landschaftsbeschreibungen. Schon eher widmet er sich der Küche des Landes und lässt Ava immer sehr gute Gerichte probieren. Vielmehr ist es aber die Kultur, die Feinheiten im Umgang im asiatischen Raum, die mir Ava in dem Buch ganz unbewusst näher gebracht hat.

Fazit:
Ein perfektes Leseerlebnis rund um Privatdetektivin Ava Lee, die dem Weg des Geldes folgt und dabei nicht nur auf langweilige Wirtschaftskriminelle stößt. Ich bin gespannt, ob die anderen Teile der Serie meine nun hohen Erwartungen halten können. Dieser Teil ist auf jeden Fall eine absolute Leseempfehlung!