Die dunklen Felle

Krimis, Thriller und Science Fiction

Fleischmarkt: Die Plotter – Un-Su Kim

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Raeseng ist ein Auftragskiller. Seine Aufträge erhält er vom “Dog House”. Vordergründig eine Bibliothek, ist dies der Ort von Old Raccoon, einem Plotter, aber auch Treffpunkt der Auftragskiller. Hier werden die Mordaufträge verteilt, die der Plotter akribisch genau vorbereitet hat. Besonders durch die Regierung war das bisher ein gewinnbringendes Geschäft, doch nach und nach ändern sich die Strukturen, die Regierung zieht sich zurück, die Privatwirtschaft wird aufmerksam, Konkurrenz zieht auf. Das verändert auch das Machtgefüge zwischen den Plottern, eine neue Generation erscheint. Raeseng sieht sich plötzlich auf der Abschussliste, doch weiß er nicht warum. So leicht lässt sich der Killer aber nicht aus der Ruhe bringen.

Raeseng tötet, ohne viel darüber nachzudenken, er erledigt einfach einen Job. Doch hinterher kommen schwermütige Phasen in denen er zu Hause tagelang Bier trinkt und das Haus nicht verlässt. Als Baby wurde er in einer Mülltonne gefunden und nach kurzer Station im Waisenhaus von Old Racoon aufgenommen. Er  ist in der Welt der Plotter und Auftragskiller aufgewachsen und erfüllt seinen Job. Doch der Job füllt weder ihn noch die Stunden seines Tages aus, so dass er viel grübeln kann. Er denkt ihm ist kein Glück beschieden und als er es kurzfristig findet, kehrt er doch zurück zu seinem Job als Killer, zu dem Leben, welches er kennt. Er rechnet mit keinem langen Leben, sieht Kollegen auf der Abschussliste landen, seinen Mentor im Krematorium in Rauch aufgehen, einen Freund vor den Killern weglaufen und dann doch stolpern und sterben.

„Das Einzige, was hier nicht ge- oder verkauft wurde, waren billige Gefühle, für die niemand sich interessierte (Mitgefühl, Verständnis, Abneigung), und machtlose, deprimierende Wörter (Glaube, Liebe, Treue, Freundschaft, Wahrheit). Ehre und Vertrauen wurden als Sichterheiten nicht akzeptiert. Niemals. Der Fleischmarkt hatte mit solchen hehren Begriffen nichts am Hut – sie galten hier nichts, beim Abschaum des Abschaums. (S. 171)

Der Fleischmarkt ist kapitalistisch geregelt. Wenn es eine Nachfrage gibt, dann gibt es auch ein Angebot. Es gibt fast nichts, was es nicht gibt. Es ist eine Subkultur, die sich hier gebildet hat und tadellos funktioniert. Die Auftraggeber suchen sich einen Plotter, der einen reibungslosen Verlauf gewährleistet, den Mord plant und ihn dem Auftragskiller akribisch auferlegt. Wer nicht ganz so viel Geld hat, kann sich auch einen “einfachen” Killer ohne Plotter zulegen. Es gibt Zuträger und Tracker, die Opfer locken oder ausforschen. Und dann gibt es eben noch die Cleaner. So einer erledigt die Auftragskiller, wenn es denn so weit ist. Und Raeseng vermutet sich hier einen eingehandelt zu haben.

Warum? Das hat er noch nicht rausgefunden, doch dass das bestehende Machtgefüge wankt, bekommt auch er mit. Hanja, ein neuer, junger Plotter drängt in den Markt und untergräbt die Bibliothek. Old Racoon bleibt gelassen, ruhig – und unternimmt nichts. Raeseng kann es nicht verstehen. Der Fleischmarkt wandelt sich, die Schattengesellschaft verändert sich. Das Machtgefüge droht zu zerplatzen und sich neu zu ordnen. Doch auch Hanja ist nur eine Schachfigur, die Bedrohung geht von einer anderen Partei aus, die hier auf den Plan tritt und es darauf abgesehen hat, den Fleischmarkt komplett zu vernichten.

Raesengs Aufmerksamkeit erhält diese Gruppe durch eine sehr gezielte Bombe in seinem Apartment. Diese ist nämlich in seiner Kloschüssel platziert worden. Zwar weiß Raeseng, dass jemand in seiner Wohnung war und sucht diese akribisch ab, doch die Bombe im Klo findet er nur mit bierseligem Dusel anstatt durch Geschick und Verstand. Sein Tracker verrät ihm, dass die Bombenkomponenten zum Großteil von Mito, einer Verkäuferin im Supermarkt, bestellt wurden. Doch auch nach reichlicher Beobachtung, kann weder Raeseng noch sein Tracker sagen, warum eine einfache Verkäuferin ihm eine Bombe schicken sollte. Doch dann entdeckt Raeseng Misa, Mitos Schwester und die Geschichte nimmt Fahrt auf.

Nun muss man leider sagen, dass bis dahin das Buch doch eher vor sich hingeplätschert ist. Literarisch war es gut, es war auch eine interessante Geschichte, man folgt Raeseng bei einem Auftrag, in seiner bierseligen Phase, in die Bibliothek, usw. Doch Geschwindigkeit nimmt die Geschichte erst auf, sobald Mito und Misa auf den Plan treten. Denn entgegen dem bluttriefend gestalteten Cover, der eine wahre Blutorgie vermuten lässt, ist Raesengs Geschichte doch eher nachdenklich, melancholisch, kühl. Es geht unblutig und bedächtig in dem Thriller zu, ganz anders als man das denn oft gewöhnt ist. Literarisch ist das sehr eindrücklich, doch ob der gemeine Thrillerleser damit zufriedenzustellen ist, bezweifle ich. Nichtsdestotrotz lohnt es sich durchzuhalten, denn nicht nur der Auftritt der zwei Schwestern ist sehr spannend, sondern es lösen sich auch viele Stränge eben erst im letzten Drittel des Buches.

Wer nun allerdings erwartet, dass er viel von Korea mitbekommt und in das landestypische Flair eintaucht, der wird enttäuscht werden. Korea bleibt weitgehend im Hintergrund, auch wenn natürlich die Geschichte in Korea spielt. Es gibt Anspielungen, ein politischer Wechsel wird erwähnt, doch Korea-Unkundige – so wie ich – werden sich damit schwer tun. Da liegt nun aber eben auch gar nicht der Fokus, sondern auf der Geschichte des Fleischmarktes, der Plotter und es geht um  Raeseng, der erst Mitspieler und dann ein Lenker des Spieles wird.

Fazit:
Ein unblutiger, melancholischer Thriller, der erst zum Ende hin an Spannung gewinnt, doch eindrücklich und literarisch durchgängig überzeugen kann.

 



Un-Su Kim – Die Plotter
Verlag: Europa Verlag
Übersetzer: Rainer Schmidt
360 Seiten
ISBN: 978-3958902329

 

 

 

 

 


 

4 Kommentare zu “Fleischmarkt: Die Plotter – Un-Su Kim

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  3. Obwohl ich „Die Plotter“ im letzten November gelesen habe und meinen möchte, dass ich mir nicht allzu viele Details gemerkt habe, weil ich den Roman zeitlich viel zu versprengt gelesen habe und ihm nicht so richtig meine ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil werden lassen konnte, erinnere ich mich noch ganz stark an eine Szene, in der der Autor den frisch gefallenen Schnee beschreibt, die fand ich unheimlich schön und erhaben geschrieben. Weiß Du, was ich meine? Jedenfalls hege ich nach wie vor den Wunsch, den Roman irgendwann noch einmal in Ruhe zu lesen. Ihm war schon ein bisschen schwer beizukommen.

    • Tatsächlich hab auch ich mich ein wenig durchkämpfen müssen, da auch mir die nötige Konzentration etwas gefehlt hat. Schön wäre gewesen, wenn ich es im Urlaub hätte lesen können – da wäre ich auch dran geblieben und hätte es nicht so zerfasert gelesen, aber es ist wie es ist. Ich persönlich werde es nicht mehr lesen – das ist aber buchunabhängig, das mach ich so gut wie gar nicht, ein Buch zweimal lesen.
      Aber ich kann schon nachvollziehen, warum Du da hier nochmal machen möchtest und irgendwann ist bestimmt auch der richtige Moment (und die Zeit) dafür gekommen.

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